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Dora ist mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, mehr Freiheit, Raum zum Atmen. Aber ganz so idyllisch wie gedacht ist Bracken, das kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht. In Doras Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten gleicht einer Wildnis, und die Busverbindung in die Kreisstadt ist ein Witz. Vor allem aber verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar, der mit kahlrasiertem Kopf und rechten Sprüchen sämtlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint. Geflohen vor dem Lockdown in der Großstadt muss Dora sich fragen, was sie…mehr

Produktbeschreibung
Dora ist mit ihrer kleinen Hündin aufs Land gezogen. Sie brauchte dringend einen Tapetenwechsel, mehr Freiheit, Raum zum Atmen. Aber ganz so idyllisch wie gedacht ist Bracken, das kleine Dorf im brandenburgischen Nirgendwo, nicht. In Doras Haus gibt es noch keine Möbel, der Garten gleicht einer Wildnis, und die Busverbindung in die Kreisstadt ist ein Witz. Vor allem aber verbirgt sich hinter der hohen Gartenmauer ein Nachbar, der mit kahlrasiertem Kopf und rechten Sprüchen sämtlichen Vorurteilen zu entsprechen scheint. Geflohen vor dem Lockdown in der Großstadt muss Dora sich fragen, was sie in dieser anarchischen Leere sucht: Abstand von Robert, ihrem Freund, der ihr in seinem verbissenen Klimaaktivismus immer fremder wird? Zuflucht wegen der inneren Unruhe, die sie nachts nicht mehr schlafen lässt? Antwort auf die Frage, wann die Welt eigentlich so durcheinandergeraten ist? Während Dora noch versucht, die eigenen Gedanken und Dämonen in Schach zu halten, geschehen in ihrer unmittelbaren Nähe Dinge, mit denen sie nicht rechnen konnte. Ihr zeigen sich Menschen, die in kein Raster passen, ihre Vorstellungen und ihr bisheriges Leben aufs Massivste herausfordern und sie etwas erfahren lassen, von dem sie niemals gedacht hätte, dass sie es sucht.

Juli Zehs neuer Roman erzählt von unserer unmittelbaren Gegenwart, von unseren Befangenheiten, Schwächen und Ängsten, und er erzählt von unseren Stärken, die zum Vorschein kommen, wenn wir uns trauen, Menschen zu sein.

  • Produktdetails
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
  • Originalausgabe
  • Seitenzahl: 416
  • Erscheinungstermin: 22. März 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 147mm x 42mm
  • Gewicht: 675g
  • ISBN-13: 9783630876672
  • ISBN-10: 3630876676
  • Artikelnr.: 60483259
Empfehlung der bücher.de Redaktion
Der Roman „Über Menschen“ ist unmittelbar aus der Gegenwart gegriffen. Sorgen, Ängste und Probleme unserer Zeit fasst Juli Zeh in authentische Worte.

Über Menschen, Juli Zeh

Dora hat die Schnauze voll vom Lockdown in der Großstadt. Sie will nur noch eines: weg von einer Welt, in der täglich neue Begriffe zur Beschreibung des Virus erfunden werden. Weg vom Homeoffice in ihrer Kreuzberger Wohnung, in der die Räume um sie herum zu schrumpfen scheinen. Und weg von Robert. Robert, ihr einst so nachdenklicher und sanfter Freund, der Dora nach und nach zur verweigerten Gefolgschaft seines perfektionistischen Klimaaktivismus macht. Kurzerhand kauft sie ein sanierungsbedürftiges Gutsverwalterhaus fernab aller Speckgürtel im ostdeutschen Straßendorf Bracken.

Über Menschen: Großstadtflucht ins Nirgendwo

In der ehemaligen slawischen Siedlung ist Dora die 285. Einwohnerin. Was sie im brandenburgischen Nirgendwo will? Zunächst einmal den riesigen Flurgrund in einen Landhausgarten verwandeln. Denn ein wenig Landhausromantik inmitten der bröckelnden Straßen und halb eingestürzten Scheunen soll ihr eine Pause verschaffen. Ein Ende für das ewige Nicht-mehr-Mitkommen der Großstadt. Doch ist dieser Ort, wo ihr Nachbar mit kahlrasiertem Kopf rechte Parolen über die Gartenmauer brüllt, wirklich das, wonach Dora sucht?

Juli Zeh und das Leben auf dem Land

„Über Menschen“ ist nicht der erste Roman von Juli Zeh, dessen Hauptschauplatz ein Dorf ist. Die Schriftstellerin selbst hat der Großstadthektik ebenfalls ein Leben auf dem Land vorgezogen. In einem kleinen Dorf in Brandenburg lebt sie seit Jahren abgeschnitten vom Kulturbetrieb. Denn dort hat sie Zeit für das, was sie wirklich will: am „normalen“ Leben mitsamt der Gerüchteküche teilhaben und schreiben. Weitere Infos und Bücher von Juli Zeh finden Sie in ihrem Autorenporträt.
Autorenporträt
Zeh, Juli§Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman »Adler und Engel« (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015), und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln (2019). 2018 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde sie zur Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Rezensent Ronald Düker erkennt das Programm von Juli Zeh auch in ihrem neuen Roman. Einmal mehr schreibe die Autorin gegen den Abbau bürgerlicher Rechte an und verteidige die Freiheit, meint der Kritiker. Erneut führt ihn Zeh ins fiktive brandenburgische Provinznest Bracken, hier an der Seite der vor Corona und ihrem Fridays-for-Future-Freund geflohenen Dora, die in Bracken auf einen Haufen Nazis trifft und bei "Pyro, Bier und geiler Stimmung" die Menschen dahinter erkennt. Wer's mag, wenn es ordentlich menschelt und die "Einfühlung" der Vernunft vorzieht, der wird sich von diesem Roman bestens unterhalten fühlen, schließt der Kritiker süffisant.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 22.03.2021

Abends am
Gartenzaun
In Juli Zehs Roman „Über Menschen“ trifft
eine progressive Städterin auf einen Dorfnazi
VON JÖRG MAGENAU
In Bracken ist man unter Leuten“, schreibt Juli Zeh in ihrem neuen Dorfroman, der nach dem enormen Erfolg des Vorgängers „Unterleuten“ nun geradezu leuchtsignalhaft „Über Menschen“ heißt. „In Bracken kann man sich nicht mehr so leicht über die Menschen erheben.“ Bracken ist, wie schon Unterleuten, ein fiktives Örtchen in der Prignitz, irgendwo da, wo auch Juli Zeh seit vielen Jahren lebt. An Material und Anschauungsobjekten fehlt es ihr also nicht.
In Bracken gibt es jedoch deutlich weniger Leute als einst in Unterleuten. Das Personal ist überschaubar. Das hat damit zu tun, dass Juli Zeh nun nicht mehr multiperspektivisch erzählt, um das ganze Dorfpanorama zu überblicken, sondern immer ganz dicht und im Präsens an ihrer Hauptfigur Dora bleibt.
Dora macht ihrem Namen alle Ehre, indem sie aus Berlin an den Dorf-Rand zieht und natürlich zunächst einmal das Klischee der Städterin erfüllt, die vom Dorfleben und davon, wie man ein Gemüsebeet anlegt, keine Ahnung hat. Begleitet wird sie von einer Hündin mit dem transgenderhaften Namen „Jochen-der-Rochen“, einer munteren Promenadenmischung. Auch der Nachbar, der mit rasiertem Schädel über die Mauer schaut und sich mit den Worten „Ich bin hier der Dorfnazi“ vorstellt, ist als demonstratives Klischee angelegt. Doch schon da ist zu ahnen, dass die Klischees mit Bedacht gesetzt sind, um allmählich ausgehebelt zu werden.
Bracken heißt vielleicht nur deshalb Bracken, damit es sich auf „Pflanzkanacken“ und „Polacken“ reimt. Einen Mann mit Motorsense, der vorzugsweise in rassistischen Witzen spricht und eine Schürze mit der Aufschrift „Serien-Griller“ trägt, gibt es auch. Und doch ist das Dorf ein Kosmos, in dem nichts so ist, wie es scheint, und in dem auch gut und böse, richtig und falsch immer wieder die Position wechseln. Vielleicht wird ja der nächste Dorfroman von Juli Zeh „Zwischen Wesen“ heißen, weil es in den Menschen immer nur das Dazwischen gibt und nie die Eindeutigkeit. Zunächst aber, im wirklich brillanten ersten von drei Teilen, ist „Über Menschen“ etwas ganz anderes, nämlich der erste echte Corona-Roman, der mitten im Lockdown im Frühjahr 2020 spielt und subtil die gesellschaftlichen und ganz privaten Folgen der Pandemie beschreibt. Dass Dora sich ein mürbes, altes Haus kauft und aufs Land zieht, mag zwar schon immer eine stille Sehnsucht von ihr gewesen sein, liegt nun aber vor allem daran, dass ihre Beziehung coronabedingt in die Brüche geht. Sie arbeitet in einer Werbeagentur, was ihrem Freund Robert, einem krisenfixierten, klimaengagierten, von Greta Thunberg erweckten Umweltkatastrophenjournalisten gar nicht gefällt, obwohl ihre Agentur ausschließlich Aufträge von ökokonformen Unternehmen annimmt. Dora ist mit einem Werbeauftritt für Öko-Jeans befasst, denen sie das Label „Gutmensch“ geben möchte.
Mit den ironischen Filmchen, die sie sich dafür ausdenkt, stößt sie zunächst auf Begeisterung, doch in Folge des Lockdowns wird die Kampagne eingestellt, und Dora verliert ihren Job, während Robert, immer schon krisenaffin, geradezu aufblüht und immer neue mahnende Kommentare schreibt, mit denen er voll im Trend liegt. Es ist klar, dass es mit ihm, den Dora bald nur noch „Robert Koch“ nennt, im Home-Office schwer auszuhalten ist.
Juli Zeh läuft in diesen Kapiteln zu Höchstform auf, indem sie zeigt, wie gut das krisengestimmte Bewusstsein auf die Pandemie vorbereitet war, ja sie erwartet und gebraucht hat, um sich selbst anhand der allgemeinen Bedrohung in eine Position vernunftbestimmter Moral hochzustilisieren. Nie zuvor hat Robert sich und sein Rechthaben so genießen können wie jetzt, wo er Konsequenz zelebriert und alle gesellschaftlichen Widersprüche sich im Nebel der Isoliertheit auflösen.
Dora, die auf sein Geheiß die Wohnung kaum noch verlassen darf, hat neben ihm zwar durchaus Verständnis für alle Maßnahmen und findet sie richtig, möchte die Social Correctness aber nicht zum höheren Sinn ihres Daseins erheben. Die Flucht aufs Land und weg von diesem selbsternannten Besser-Menschen ist also der richtige Schritt.
Die Robert-Geschichte wird im Rückblick erzählt, während Dora sich mit der neuen Nachbarschaft anzufreunden versucht. Auch da gelingen Juli Zeh wunderbar witzige und entlarvende Dialoge, weil sie weiß, wie die Leute im Dorf reden und denken – oder eben auch nicht. Gote, der benachbarte Dorfnazi, ist eher schweigsam, und was in seinem Schädel vor sich geht, wenn er mit seinen rechten Freunden das Horst-Wessel-Lied singt, bleibt sein Geheimnis.
Was sich in seinem Schädel aber definitiv ereignet, ist eine „Raumforderung“, die ihn allmählich außer Gefecht setzt. Auf dieses Geheimnis kommt Dora mithilfe ihres Vaters, eines berühmten Hirn-Chirurgen an der Charité, der dem „Sportsfreund“ seiner Tochter keine günstige Prognose stellt. Schon seit ihrer Kindheit weiß sie, dass „Raumforderung nicht der Wunsch nach einem eigenen Zimmer, sondern ein bösartiger Tumor ist“. Jetzt wird Dora unverhofft zur Fürsorgerin, während sich eine seltsame, herzliche Freundschaft, ja, nahezu eine Liebesgeschichte mit Gote, vor allem aber mit dessen zehnjährigem Töchterchen Franzi entwickelt, die ein wahrer Wirbelwind von einem Kind ist und sich intensiv mit Hündin Jochen anfreundet.
Kranker Kopf, gutes Herz: Mit dieser Formel könnte man das Dasein dieses armen Mannes zusammenfassen, der das, was Dora zunächst als „völkische Raumforderung“ im Pamphlet eines Rechtsradikalen begegnet, nun also am eigenen Leib erdulden muss. So berechtigt es sein mag, die städtischen Vorurteile von den bösen Nazis in Brandenburg ein wenig gegen den Strich zu bürsten, so schlicht ist es, ihnen das Klischee von einem im Grunde doch ganz lieben, treuen, nur etwas rauen und ungebildeten und zu viel Bier trinkenden Wesen entgegenzusetzen.
Juli Zeh verschweigt keineswegs die aufbrausende Gewalttätigkeit dieses Mannes und seinen aggressiven Fremdenhass, der sich sogar noch gegen die indischstämmige Radiologin in der Charité richtet. Sie deutet diese Ausbrüche aber nicht ideologisch, sondern bloß „menschlich“ und legt auch eine bloß medizinische Lesart nahe.
Am Beispiel eines im Dorf lebenden Kabarettisten, der mit seinem Freund als schwules Paar zusammenlebt, führt Juli Zeh aber auch vor, wie die Vereinfachung zum Klischee funktioniert. In dessen Programm mit dem Titel „Über Menschen“ dient der Dorfnazi als Prototyp all derer, die sich in ihrer rassistischen Selbstüberschätzung als etwas Besseres empfinden. Das also ist aus Nietzsches Übermensch geworden: ein Übermensch im Unterhemd, ein Übermensch aus der Unterschicht, wie lächerlich. Dass Dora sich ihrerseits für etwas Besseres hält und das ihrem Nazi-Freund in einem Streit dann auch an den Kopf wirft, ist vielleicht der entscheidende Moment. Dora erschrickt, kaum dass sie die Worte ausgesprochen hat, denn war dieser Glaube, etwas Besseres zu sein, nicht genau das, was sie an Robert nicht ertragen konnte?
Juli Zeh fragt auf gelegentlich schmerzhafte Weise: Ist es wirklich immer besser, wenn man zu den Guten gehört? Dora denkt darüber nach, als sie die 30 Baumwollbeutel betrachtet, die sich bei ihr angesammelt haben, weil sie Plastikmüll vermeiden möchte. Um damit tatsächlich weniger Energie zu verbrauchen, müsste sie jeden dieser Beutel mindestens 130 Mal benutzen, was in der Summe 3900 Einkäufe bedeuten würde.
Das wäre in 20 Jahren vielleicht zu schaffen, vorausgesetzt sie würde keine neuen Beutel benötigen. Aber was bedeutet das fürs Weltklima? Aus der Randlage der Provinz verschiebt sich der Blick auf die Überlebenstechniken der Menschheit. Klar ist lediglich, dass die Dörfler nicht verrückter sind als die Städter, weil alle auf ihre je eigene Weise verrückt sind.
Juli Zeh hat mit ihrer Dora eine Figur geschaffen, die all diesen Aufgeregtheiten auf angenehm pragmatische Weise trotzt und ihre eigenen Vorurteile exemplarisch überwindet. Sinnbildhaft dafür steht die Mauer, die ihr Grundstück vom Anwesen des Nazi-Nachbarn trennt. Doch über die Mauer hinweg, jeder auf seiner Seite auf einem Stuhl oder einer Kiste stehend, kommen die beiden sich bei ihren Abendzigaretten näher. Die Mauer ist das, was sie verbindet, auch wenn oben drüber erst einmal Misstrauen und Beschimpfungen ausgetauscht werden.
„Über Menschen“ ist also ein versöhnlicher Roman, in dem nichts Böses verschwiegen wird und der es dennoch schafft, aus all den Widersprüchen und Verlorenheiten eine Idylle inklusive Dorffest zu zaubern. Diese Gemeinschaft schafft es schließlich sogar, den Nazi zu integrieren und um ihn zu trauern. Der Rechtsradikalismus implodiert und hat in dieser guten Welt keine Chance mehr. Glauben sollte man das vielleicht besser nicht. Ein schönes, trauriges Gegenwartsmärchen aus der Prignitz kann aber durchaus mal so enden.
Das Buch verschweigt
keineswegs die
Bösartigkeit des Mannes
Dora ist eine Figur, die ihre
eigenen Vorurteile auf
exemplarische Weise überwindet
Juli Zeh:
Über Menschen.
Roman. Luchterhand,
München 2021.
416 Seiten, 22 Euro.
Als Dora in Juli Zehs neuem Roman von der Stadt aufs Land zieht, lernt sie dort ihren neuen Nachbarn Gote kennen, der ungern redet, aber dafür gern das Horst-Wessel-Lied singt.
Foto: Niklas Keller
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»Ein Buch, das einem die Augen öffnet für unsere bundesrepublikanische Wirklichkeit.« Denis Scheck / SWR Fernsehen lesenswert