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Benutzername: mapefue
Wohnort: Kirchbichl
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Danksagungen: 7 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 82 Bewertungen
Bewertung vom 08.12.2021
Crossroads / Ein Schlüssel zu allen Mythologien Bd.1
Franzen, Jonathan

Crossroads / Ein Schlüssel zu allen Mythologien Bd.1


ausgezeichnet

CROSSROADS? Eine kirchliche Jugendgruppe, typisch amerikanisch, rund 120 Mitglieder mit vollem Erlebnisprogramm. Und seinen vertrauensbildenden Übungen, dem ganzen Gerede über persönliches Wachstum und mit den heuchlerischen Umarmungszeremonien - „Es tut so verdammt gut“-, jeder liebt jeden, jeder sagt jedem die Wahrheit. Alle sind Engel? Nein, die Teufel werden erst später erkannt. Elvis Presleys „The devil in disguise“ könnte von Crossroads das musikalische Leitmotiv sein:
You look like an angel
Walk like an angel
Talk like an angel
But I got wise
You're the devil in disguise
Oh yes you are
The devil in disguise

Der Leiter, Rick Ambrose, ein Kerl mit strähnigem Haar und glitzernd schwarzem Fu-Man-Chu-Schnauzbart, den Russ aus tiefem Herzen hasst. Perry und Becky sind bei Crossroads.

Franzes orchestriert grandios und gnadenlos das Leben der Pastorenfamile Hildebrandt. Daß es eine Familie mit einem Priester als Oberhaupt sein muss ist nur die Spitze seiner zynischen Ironie. Der Großteil des Romans spielt im Advent, mit Höhepunkt zu Weihnachten und zu Ostern. Die Mitglieder der Familie sind derart mit sich selbst beschäftigt, dass sie die Welt um sich herum kaum wahrnehmen. Alle, nicht alle wollen Gott gefallen und beten zu ihm, aber bessere Menschen werden sie nicht. Die Familie ist ein Scherbenhaufen. Es ist kein Hoch Lied auf die Familie, sondern er legt ihre strukturellen Probleme offen.

CROSSROADS ist der Auftakt zu einer geplanten, etwas großspurig betitelten Trilogie „Ein Schlüssel zu allen Mythologien“.

Das genussvolles Lesevergnügen beinhaltet auch spirituelle Erfahrungen, denen man sich nicht entziehen kann. Für mich das Highlight des Jahres.

Die Fotografie auf dem Buchumschlag ist ein privates Foto von Franzen und ein Hinweis auf seine frühere Mitgliedschaft in der Jugendgruppe Fellowship.

Bewertung vom 24.11.2021
Der Kinderflüsterer
North, Alex

Der Kinderflüsterer


gut

„Wenn die Tür halb offensteht, ein Flüstern zu dir rüber weht“…

DI Pete Willis, Gefangener in seiner Vergangenheit und Gegenwart, ein zwanzig Jahre vermisstes Kind konnte er nicht finden, jetzt kämpft er mit seinem Polizeijob, Alleinsein und Alkoholproblem: „…so eine Flasche geöffnet hatte, trotzdem konnte er sich noch gut an das tröstliche Klack erinnern, als er den Deckel aufgeschraubt und das Siegel aufgebrochen hatte.“

Tom mit Sohn Jake ziehen in ein neues Haus. Steven King lässt grüßen: „…er macht mich nervös. Mein empfindsamer Sohn, der schlafwandelte und eingebildete Freunde hatte, der mit Leuten sprach, die gar nicht da waren, die ihm Abzählreime vorsagten und versuchten, ihm Angst einzujagen…“

Bis zur Hälfte eine Vater-Sohn-Geschichte, bei der ich mich fragen muss, hat er noch alle emotionalen Tassen im Schrank. Na klar, seine Rebecca gibt es nicht mehr, dann soll er sich halt von Karen küssen lassen. Küssen hat er sich lassen, offenbleibt ob er ihren Kuss erwidert hat. Für mich zu viel Gesülze.

Ab der Hälfte nimmt der Krimi Fahrt auf. Das Ende lässt mich völlig unbefriedigt zurück.

Bewertung vom 19.11.2021
Wie viel von diesen Hügeln ist Gold
Zhang, C Pam

Wie viel von diesen Hügeln ist Gold


sehr gut

Was macht ein Zuhause zum Zuhause?

Wer die ersten hundert Seiten geschafft hat, liest weiter, die anderen haben das Buch früher beiseitegelegt.

Die chinesisch-amerikanische Schriftstellerin C Pam Zhangs erzählt mit ihrem teilautobiographischen Debütroman „Wie viel von diesen Hügeln ist Gold“ von der Geschichte einer chinesischen Einwandererfamilie auf Goldsuche in Amerika Mitte des 19. JH.

Es ist die Geschichte von zwei Geschwistern, der zwölfjährigen, schlauen Lucy und der elfjährigen, trotzigen Sam (eigentlich Samantha), die aus ihrer Hütte, einem ehemaligen Hühnerstall fliehen und sich auf die Suche nach einem Zuhause und einer geeigneten Begräbnisstelle für ihren verstorbenen Vater Ba begeben. Ihre Mutter Ma, eine chinesische Immigrantin, ist schon ein paar Jahre tot. Mit Nellie, einem dem Lehrer gestohlenen Pferd und der Leiche des Vaters in einer Kiste begeben sie sich auf eine abenteuerliche Reise durch die Weiten Kaliforniens. Ohne „Wild Wild West“-Romantik.

In einer Rückblende wird das Leben drei Jahre zuvor, als die Mutter noch bei ihnen war, als Lucy noch zur Schule ging und Sam als Bub getarnt mit dem Vater in das Kohlenbergwerk ging, aufgerollt. Als chinesische Immigranten – obwohl nur Mutter Ma aus China stammt, Vater und Kinder sind in Amerika geboren – haben sie es schwerer als andere Bergarbeiterfamilien, ihr Leben in der engen Hütte ist geprägt von Entbehrungen.

In einer dritten Ebene erzählt Lucy von der Zeit, da sie in Sweetwater eine neue Heimat gefunden hat. Die rebellische Sam ist nicht mehr da, irgendwann ist sie Lucy abhandengekommen, weil sie einen anderen Weg eingeschlagen hatte.

Im letzten Teil werden Sam und Lucy bewusst, dass nur noch die Indianer unter ihnen „geschichtet“ sind.

Die Geschichte der Chinesen im US-amerikanischen Westen der Pionierjahre ist aus dem kollektiven Gedächtnis der USA weitgehend ausgeklammert. Der vergessenen Präsenz der Migranten aus China, die für den Bau der ersten interkontinentalen Eisenbahnstrecke schufteten setzt Zhang im weißgewaschenen Wilden Westen ein literarisches Denkmal.

Der Roman hat es auf Barack Obamas Leseliste geschafft, sicher nicht auf die aus Trumps Kosmos.

Bewertung vom 11.11.2021
Vor Gericht
Wittekindt, Matthias

Vor Gericht


sehr gut

Matthias Wittekindts Roman "Vor Gericht". Ein alter Kriminalfall für Kriminaldirektor A. D. Stephan Manz, der sich plötzlich genauer an die weit zurückliegenden Ereignisse erinnern kann, als er sie je erlebt hat. Er begreift erst spät, worum es wirklich geht.

Es könnte nicht schöner sein, sein Leben in der Pension. Bald fünfzig Jahre mit Christine verheiratet, kümmert sich um die Enkelkinder, rudert auf der Elbe mit seinen Mitsiebzigern und plant den nächsten Kajak-Urlaub in Norwegen.

Doch diese Idylle wird jäh gestört durch einen Brief der Staatsanwaltschaft Berlin: Manz soll vor Gericht aussagen. Es geht um eine Mordermittlung aus dem Jahr 1990, also vor fast dreißig Jahren, seinen letzten Fall in Berlin, den er nicht mehr abschließen konnte, weil er nach Dresden versetzt wurde. Wenige Tage vor Weihnachten war damals die 62-jährige Regina Zeisig im Neuköllner Ortsteil Buckow erwürgt worden. Im Kriminalgericht Moabit findet der Prozess mit dem Angeklagten statt. Zu Manz Überraschung sitzt ausgerechnet derjenige auf der Anklagebank, den Vera und er damals als einzigen ausgeschlossen hatten: Milan.

Der Kriminalroman ist in zwei Teile gegliedert: „Recherche“ und „Vor Gericht“. Im ersten arbeitet Manz sich in den alten Fall ein, liest die Akten noch einmal, die ihm ein Freund und ehemaliger Kollegen überlässt. Im zweiten wird es spannender, weil alle wissen wollen: Wer ist den nun der wirkliche Mörder?

Bewertung vom 09.11.2021
Das Haydn-Pentagramm
Reicher, Anria

Das Haydn-Pentagramm


ausgezeichnet

Nach vier Jahren Autorinnenarbeit ist das Haydn Pentagramm fertig.
Worum geht's?

Es geht ganz viel um Musik, um Liebe, Romantik, um die junge erfolgreiche Cellistin Estrella Pérez, die im Flugzeug den Literaturnobelpreisträger Manuel Maria Gomez kennenlernt, der ihr einen Umschlag gibt, mit der Bitte, auf diesen gut aufzupassen. Auf dem Weg vom Flughafen nach Wien kommt Estrella allerdings der Inhalt des Umschlags – offenbar ein Original-Notenblatt Haydns von unschätzbarem Wert – unter seltsamen Umständen abhanden. Und noch während sie in Wien (und später auch in Eisenstadt) mit ihrem Jugendfreund Peter (ja, eine Love-Story gibt es auch) auf die Suche nach dem wertvollen Notenblatt geht, wird Gomez in Mexiko-City in seiner Wohnung ermordet. Geheime alte Notenskizzen, Verschwörungen, die Freimaurer und Morde, blutiges Pentagramm inklusive. Und natürlich geht's um Joseph Haydn, den Komponisten.

Haydn, die Freimaurer, die Illuminaten und die Orphiker – für jeden was dabei.

Estrella, dieses kleine zierliche schreckhafte Mädchen und so schüchtern. Sie lächelte Peter zaghafte an und griff nach seiner Hand. Schließlich hatte er vor drei Jahren seinen Kopf zwischen ihren Beinen. Oh qué dulce. „Bitte Peter, nimm mich in den Arm“ und er war in ihr Bett gestiegen… Am liebsten hätte sie Peter beiseite genommen, um über die vergangene Nacht zu sprechen, aber sie traute sich nicht; oh, wie scheu sie ist.
Die Schilderung der Protagonistin, diese Gratwanderung, sie einerseits als hochbegabte junge Frau, als Musikerin von Weltklasse zu beschreiben, die andererseits aber eine zutiefst unsichere Persönlichkeit ist, die mit ihren eigenen Dämonen, ihren Ticks und ihrer eigenen Vergangenheit zu kämpfen hat.

In Mexiko-City ermittelt Comisario Ramírez mit seinem Team im Mordfall Gomez. Ihn beschleicht das Gefühl, dass dort ein Maulwurf sein Unwesen treibt. Ein Gringo vom CIA macht ihm das Leben schwer. „Überall lugen lose Enden hervor, und er hatte keine Ahnung, wie und wo er weiter machen sollte,“ Comisario Ramírez (S. 192).

Die Burgenländerin Anria Reicher hat ihr Romandebüt im Musik-Kosmos angesiedelt. Über Haydn und die Lücken bzw. Mythen seiner Vita weiß Anria Reicher dank ihres Vaters nämlich bestens Bescheid. Ihr Vater Walter Reicher, war 30 Jahre lang Intendant der Haydn-Festspiele im österreichischen Eisenstadt/Burgenland. Anria Reichers Verbindung zu Haydn begann in frühester Jugend; mit sieben Jahren trat sie als Statistin in einer Haydn-Oper auf. „Geschichten Ende nie, die man alle gar nicht in einem einzigen Buch unterbringen kann.“ Weshalb Anria Reicher auch eine Trilogie plant und bereits am zweiten Teil schreibt.

Das Cover stellt die Wiener Kirche Maria vom Siege, einen neugotischen Backsteinkuppelbau dar. Ursprünglich eine römisch-katholische Pfarrkirche wurde sie 2015 der koptisch-orthodoxen Kirche geschenkt.

Bewertung vom 05.11.2021
Verschollen in Palma
Kallentoft, Mons

Verschollen in Palma


ausgezeichnet

Der schwedische Autor Mons Kallentoft lebt seit mehr als fünf Jahren in Palma de Mallorca. Nun wählte er auch seine neue Heimat Mallorca als Kulisse für Verbrechen: Das 16-jährige schwedische Mädchen Emme verschwindet während eines Partytrips in Magaluf. Vater Tim Blanck verlässt Schweden und zieht nach Palma, um Emme zu suchen. Drei Jahre später ist die Ehe mit Rebecka zerbrochen. In Schweden war er Polizist. Auf Palma finanziert er sein Leben und seine Suche nach Emme als Ermittler bei einer Versicherungsgesellschaft, als Mann fürs Grobe. In Palma gerät in einen Strudel aus Gier, Korruption und Gewalt.

Vorweg, Mons Kallentoft hält fest, dass „Verschollen in Palma“ eine reine Fiktion sei und alle Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen rein zufällig seien. Muss er natürlich. Aber darum geht es im Grunde nicht. Es geht um Vater Tim Blanck, der verbissen nach seiner Tochter Emme sucht und das seit drei Jahren. Hofft er sie zu finden, festgehalten in einem Geheimbordell oder irgendwo eingebuddelte Gebeine? Nein, das einzige was Vater Tim Blanck will ist, seinen Frieden finden und zurückzukehren nach Schweden.

Tim Blanck, als Gehetzter wird von Kallentoft stilistisch gekonnt umgesetzt. Mit einem Stakkato an Sätzen, mitten drin wechseln Ort, Zeit und Erzähler. Rückerinnerung an seine Zeit in Schweden, an Rebecka und an EMME. Tims innerer Monolog mit Emme: „Ich stecke fest, im meiner Sehnsucht nach dir.“ Vorsicht ist angeraten, die jeweilige Textstelle richtig zu deuten, eine Herausforderung, kein lineares Erzählen, eher ein eruptives.

Ruhig am Angang bis sich ein Krimi - mit dem Mord an einem Callboy, den Blanck beschattet - entwickelt und die Spannung mit dazu.

Keine sonnige Urlausinsel mehr, sondern die düsteren Schattenseiten Palmas.

Und Klett&Cotta hat bereits Tim Blanck#2 „Das dunkle Herz von Palma“ im Angebot.

Bewertung vom 02.11.2021
Anatomie eines Spielers
Lethem, Jonathan

Anatomie eines Spielers


ausgezeichnet

Jonathan Lethems neuer, an unglaublichen und emotional eindringlichen Szenen reicher Roman „Anatomie eines Spielers“. Ein literarischer Hochgenuss, ein Lesevergnügen der besonderen Art. Bei Tropen zu Recht in der Kategorie „Literarischer Krimi“.
Wortschöpfungen, noch nie in dieser Form gelesen, heben diesen Roman auf oberstes Niveau. Höchste Anerkennung für Ulrich Blumenbachs Übersetzung.
Und erst die Geschichte:

Alexander Bruno, noch keine 50, ein selbstsicherer, vielbeschäftigter Berufs-Backgammon-Spieler möchte in Berlin Wolf-Dirk-Köhler, einen Superreichen, der unbedingt die Spielerlegende Bruno herausfordern will, abzocken. Nach einem Desaster in Singapur, sollen die angelaufenen Schulden abgedeckt werden. Doch da war er da: Der Fleck in seinem Auge: „Er war da, wenn er aufwachte. Wahrscheinlich auch, wenn er schlief. Der Fleck.“ Hatte Bruno den Fleck nur für das „heraufziehende Gespenst seiner Unaufmerksamkeit“ gehalten?

Nach anfänglichen Spielglück musste er feststellen, dass der, den er nur für einen Abzuzockenden gehalten hatte, „ganz schön viel von einem Zocker hatte“. Auf der Wannsee-Fähre hatte Bruno ein deutsches Mädchen namens Madchen! kennenglernt. Köhlers Serviermädchen in auffälliger Halbkörperledermaskierung lässt Bruno „verstohlene Blicke auf das kosmische Mysterium zwischen den Beinen der maskierten Frau“ riskieren. Madchen? Bruno denkt nach über „das Rätsel seiner veränderten Beziehung zum Glück.“ Er kollabiert und muss in die Charité eingeliefert werden, wo hinter dem Auge ein Tumor festgestellt wird, der auf Grund seiner Lage und Größe als inoperabel eingeschätzt wird: Ein Meningeom, ein Tumor des Zentralnervensystems, das hinter seinen Augen wuchert und Ursache für die Sehstörung ist. Er lasse sich resezieren, also chirurgisch entfernen, aber nur von einem Spezialisten in San Francisco, von Dr. med. Noah R. Behringer.
San Franzisco war eine futuristische Karikatur einer verschnarchten Schnuckelstadt (S. 149)

Mit Keith Stolarsky, ein ehemaliger Schulkollege und durch Immobilienspekulation zu Reichtum gelangt, tritt ein Mensch in Brunos Leben, der ihn fortan beeinflusst, demütigt, aber auch finanziell unterstützt. Intellektuell fühlt sich Bruno seinem „Freund“ überlegen, doch dieser ungeschlachte Typ „sitzt am längeren Hebel“. Stolarsky – ein ins Tageslicht befördertes Nachtlebewesen (S. 122), der Brunos Operation samt Flug nach San Francisco bezahlt – nach dem Hochschieben der Sichtblenden flutete Skalpell scharfes kalifornisches Tageslicht herein (S. 121), ist nicht auf Dauer ein Wohltäter, er zeigt bald seine andere Seite und lässt seinen alten Schulfreund, der ohnehin schon durch medizinische Verbände gezeichnet ist, noch zusätzlich in einer Halloween-Kostümierung mit Schlinge um den Hals in einem seiner Fastfood-Betriebe die Kosten abarbeiten.

Die Zeilen im emotional gravierendsten Kapitel des Buches sind die schmerzhaft-intensiven Schilderungen rund um die monströse 14stündigen Operation von Brunos als inoperabel geltendem Tumor. Der Leser steht körperlich fast unmittelbar im Operationssaal und scheint damit Zeuge der unvorstellbaren medizinischen Spitzenleistung geworden zu sein. Frappierend, wie Lethem mit unvermeidlicher Unausweichlichkeit diese Authentizität in Worte zu fassen im Stande ist. Jonathan Lethem läuft zur Hochform auf auch mit Noah R. Behringer, der exzentrische Figur des langhaarigen, in Sandalen und mit Rucksack und Bart ins Spital kommenden Ausnahmeneurochirurgen, der bei Jimi-Hendrix-Musik mit großem, im Schichtbetrieb arbeitendem Team auch Alexander Bruno erfolgreich operiert, was bedeutet, dass er zuerst sein gesamtes Gesicht abnimmt und es dann wie ein Lätzchen in die Schale auf seiner Brust legt!

„Nur der weiße Leinenkittel verriet, dass er (Noah) überhaupt irgendeine Zutrittsberechtigung zu diesem medizinischen Gebäude hatte, und der Kittel konnte er bei jedem Gartenflohmarkt oder in einem Halloween-Laden abgestaubt haben.“ (S. 150)

„Wenn sein Arzt verrü

Bewertung vom 02.11.2021
Todesschmerz / Sabine Nemez und Maarten Sneijder Bd.6
Gruber, Andreas

Todesschmerz / Sabine Nemez und Maarten Sneijder Bd.6


ausgezeichnet

Andreas Grubers nächster Superthriller der Sabine Nemez und Maarten S. Sneijder Reihe, Nummer 6. Maarten S. Sneijder, Profilier mit unerreichter 97% Aufklärungsquote. Sabine Nemez, seine ehemalige Studentin und sein Eichkätzchen, liebste und allerbeste Mitarbeiterin, aber immer noch per Sie.

Der Einstieg – wie üblich bei Gruber – ein bestialischer Mord eines pathogenen Mörders an Ylva. Norwegen? Und was verbindet den Mörder mit dem deutschen BKA?

Im BKA Wiesbaden wird verdeckt nach einem Maulwurf in den eigenen Reihen ermittelt. Sneijder und Marc Krüger, der neue Freund von Sabine Nemez vermuten, dass der Verräter ein hochrangiger Beamter sein muss. Der Mord an der deutschen Botschafterin von Katharina Thun und ihrem Sicherheitschef ist die Gelegenheit, Sneijder und sein gesamtes Team nach Oslo zur Aufklärung abzuschieben. Sneijder hegt sofort den Verdacht, dass man ihre weitere Untersuchung boykottieren möchte und sie deshalb nach Norwegen schickt. Mit von der Partie die BND-Agentin Cora Petersen, weil sie Norwegisch spricht. BKA und BND, nicht nach Sneijders Geschmack.

Der Egomane Sneijder, das Alphatier hat mit seiner Truppe trotz der Behinderungen durch die norwegische Polizei rasche Erfolge, vermutet einen Serienkiller, der in den Fall involviert zu sein scheint, und nimmt den ungekrönten Verbrecherkönig Südnorwegens Haakon Jørgensen und den harmlos scheinenden Anwalt und Bruder Alexander ins Visier.

Langsam dämmert es Sneijder, dass die Suche nach dem Maulwurf und die Morde in der deutschen Botschaft zusammenhängen. Sneijder und seine Kollegen sind tödlichen Anschlägen ausgesetzt, die sein Team reduzieren. „Diese ganze Situation war völlig anders als jede Ermittlung, die sie bisher gemeinsam in Deutschland oder dem benachbarten Ausland durchgeführt hatten. Keine der örtlichen Behörden war mehr zu irgendeiner Kooperation verpflichtet – oder gar dazu, sich von ihnen herumkommandieren zu lassen. Stattdessen waren ihnen die Hände gebunden, und sie mussten tatenlos zusehen, wie ein Mitglied ihres Teams nach dem anderen aus dem Verkehr gezogen wurde.“ (S. 474)

Showdown auf einem Schmugglerkahn von Haakon Jørgensen an der russischen Küste vor Kaliningrad.
Eine Seefahrt, die ist lustig,
Eine Seefahrt, die ist schön,
Denn da kann man fremde Länder
Und noch manches andre sehn.
Hol-la-hi, hol-la-ho,

Und weil Andreas Gruber für 2022 Maarten S. Sneijder Nummer 7 fest vorgesehen hat, endet das Buch mit einem Cliffhanger.

Gruber hat seinen neuesten Thriller mit fast 600 Seiten gekonnt und routiniert durchkonstruiert. Vom Grundkonzept ist „Todesschmerz“ ein Politthriller, ohne ein aktuelles Politikum zu thematisieren, aber trotzdem werden überaus spannungsreich abhandelt: allgemeingültige Fragen nach Loyalität, Solidarität, Korruption und Verrat.

An seinem Helden? Maarten S. Sneijder hat Gruber einen Narren gefressen; mir geht der schrullige Kotzbrocken Sneijder langsam auf die Nerven, für mich ist zu wenig Sabine Nemez dabei. Genau so wenig kann ich mit der deutschen Filmfigur Sneijder anfangen, sympathischer ist mir allemal Tommy Lee Jones als das Alphatier Chief Deputy Marshal Samuel Gerard in „Auf der Flucht 1993/Auf der Jagd 1998.

Und dass Sneijder mit einem pensionierten norwegischen Ermittler im Oslfjod mit seiner über 300 km langen Küste und über 300 m Tiefe alte Leichen herausfischt, das gehört zu den Mysterien dieses Thrillers.

Bewertung vom 22.10.2021
Nikotin
Zink, Nell

Nikotin


ausgezeichnet

Nell Zink lädt in ihrem Roman in ein besetztes Haus. Eine Realistin blickt auf irre Verhältnisse.

Vorgeschichte. 1985. Im kolumbianischen Cartagena trifft die dreizehnjährige Amalia einen mittelalter (51) Amerikaner (Norm) auf einer Müllkippe. Dort wird sie nie wieder zurückkehren, denn Norm wird Amalia adoptieren.

2005. Penny, Tochter von Amelia und Norm ist 12 Jahre alt, ihr Halbbruder Matt, Müllwagendesigner, 36, drei Jahre älter als seine Stiefmutter Amalia.

Elf Jahre später liegt Norm im Sterben. Nach dem Tod des von Penny geliebten Vaters erfährt sie von einer weiteren Immobilie in seinem Besitz. Nach einem Brand wegen einer vergessenen Zigarette stand es lange Jahre leer. Ein Gebäude in New Jersey mit einem „Monster“; in einem Zimmer stapeln sich Eimer voll mit Exkrementen. Inzwischen hat sich im "Nikotin", so der Name des Hauses ein buntes Grüppchen „netter rauchender Anarchisten“ wohnlich eingerichtet: Sorry aus dem Westjordanland wurde von einem fehlenden Visum daran gehindert, die Revolution in Afghanistan anzuführen, die Malerin Anka verschenkt ihre Bilder und arbeitet mit Aids-Kranken, der gutaussehende Rob bastelt in der Garage an Fahrrädern herum und die Dichterin Jazz trocknet auf dem Dachboden Tabakpflanzen und lebt mit großem Enthusiasmus ihre Sexualität aus. Penny, arbeits- und bald obdachlos ist fasziniert von diesen schrulligen Typen. Sie hat sich auf den ersten Blick in Rob verliebt, doch dieser will keinen Sex mit ihr. Ist er schwul oder impotent? nein einfach nur asexuell.

Doch Sex steht höher im Kurs als Ideologien, auch Matt, der das Haus noch niederreißen wollte, hat in Jazz seine ideale Gespielin gefunden. Nach einer Katastrophe wandelt sich der rohe Matt vom Saulus zum Paulus. Jazz ist geflohen und Matt begibt sich auf die Suche nach ihr.

Die verschiedenen Arten von Liebe spielen eine große Rolle, es geht um komplexe Familienstrukturen, um liebenswerte Außenseiter, Protestbewegungen, um Tod und Abschied, um Glaube und Spiritualität. Ohne Übertreibungen strahlt der Roman eine kompromisslose Direktheit aus, zu verkraften sind extreme Seltsamkeiten.

Der Roman bietet gute Unterhaltung und als Europäer kann man sich an dieser Momentaufnahme der amerikanischen Gesellschaft ergötzen und für einen oder eine der Hausbesetzer/-innen Sympathie gewinnen.

"Das Buch ist Jonathan Franzen (er kämpft mit seiner Nikotinsucht) gewidmet." Nell Zink

Das Leben lebt! Alles ist eins!

Bewertung vom 15.10.2021
Der Dämon von Vermont
Hauuy, Vincent

Der Dämon von Vermont


ausgezeichnet

Ex-Top-Profiler Noah Wallace ist nur noch ein Schatten seiner selbst, seit seine Frau Maggie vor 5 Jahren entführt wurde und bei einem Unfall im Auto verbrannte - zusammen mit einem Serienkiller, genannt der "Dämon von Vermont". Noah, seelisch und körperlich ein Wrack, leidet unter Amnesie und geht am Stock. Mit dem Job als Berater der Vermont State Police ist nichts mehr, dafür arbeitet er als Sachbearbeiter in einer Versicherungsanstalt mit Rachel, seiner Aphrodite Kallipygos.

Da scheint der totgeglaubte Serienkiller zurückzukehren. Jenseits der Grenze im kanadischen Québec werden drei theatralisch aufgebahrte Leichen entdeckt – mit beiliegender maschingeschriebener Nachricht an Noah. Deshalb werden sein ehemaliger Kollege und Freund Steve Raymond, der für die Major Crime Unit der Vermont State Police arbeitet und Wallace nach Kanada zum Tatort des Verbrechens geholt. Für die Sureté du Québec bearbeitet Inspecteur Bernard Tremblay.

Noah analysiert den Mörder: „Er ging methodisch und akribisch vor, ergötzt sich an der Angst seiner Opfer und hegte einen abgrundtiefen Hass gegen die Kirche. Außerdem ist die Auswahl seiner Opfer bezeichnend: keine jungen Frauen, wie es bei einem psychopathischen Serienmörder häufig der Fall ist. Es handelt sich um einen Einzeltäter und seine Taten sind die Folge eines Traumas, das er in seiner Kindheit erlebte. Um ihm auf die Spur zu kommen, muss man ihn verstehen, ihn entschlüsseln.“ Noah steht regungslos da, hat die Augen geschlossen, hält den Atem an und vernetzt sich mit dem Tatort, um die Schwingungen, den Rhythmus, die einzelnen Töne zu erfassen.
Im Team von Inspecteur Bernard Tremblay noch seine Nichte Clémence, das kanadische Profiler Pendant zu Noah, kachektisch, klappendürr, aber nicht ohne Charme. Tremblay hält nicht viel von übersinnlichen Erfahrungen, er ist pedantischer Analyst, ein Puzzlefreund, der aktuell mit 32tausend Teilen New York! zusammensetzt. Mit der Stoppuhr werden die Arbeiten am Puzzle akribisch dokumentiert. Für jeden Kanadier eine Herausforderung, für ihn eine besondere. Was hat das mit dem Fall zu tun? Eben dieser besteht aus weit mehr Teilen, eine noch größere Herausforderung.

Unabhängig von den Mordfällen recherchiert die junge Journalistin und Bloggerin Sophie Lavallée im Fall des 1977 verschwundenen Reporters und Privatdetektivs Edgar Trout. Die Aufforderung dazu findet sie im Darknet. Eine Schnitzeljagd beginnt. Ihre Nachforschungen gefallen einigen Leuten nicht und bevor es für sie tödlich endet ergreift sie die Flucht.

Die komplexe Geschichte wird geschickt und spannend erzählt, sowie mit außergewöhnlichen Figuren besetzt und deren diffizile Ausbreitung ihrer Charaktereigenschaften. Allen voran Noah, mit seiner endlosen Liste persönlicher Probleme, einem Tumor in seinem Hirn, seinen übersinnlichen Fähigkeiten und seinem Gedächtnisverlust, der acht Jahre seiner Jugend ausgelöscht hat.

Hauuy sorgt für einiges an Verwirrung mit einer Menge ausgestreuter Puzzleteile, die Spannung zieht stetig an, das Rätsel wird nach und nach in einem hochdramatischen Finale aufgeklärt.

Hauuy entwirft ein wüstes Komplott irrer Wissenschaftler und Politiker, um einerseits eine Art ‚Killermaschine‘ zu erschaffen, während andererseits niederste Triebe befriedigt werden sollen. Ob ihm auf diesen Spuren alle Leser folgen wollen bleibt ungewiss.

Debüt-Autor Vincent Hauuy hat einen sehr spannenden und niveauvollen Thriller verfasst. Keine Banalitäten, keine Oberflächlichkeit, nur eine kleine Prise Humor, das tut gut. Ein aufreibendes Grundthema, nicht für jedermann, doch für den Leser, der ihm folgt ein Hochgenuss. Dazu ein Hauptprotagonist Noah, eine der schillerndsten Persönlichkeiten im Thriller und überhaupt mit unzähligen Fassetten, dazu zwei weibliche Akteure, Sophie und Clémence, zuerst getrennt voneinander agierend, dann im Finale furioso Seite an Seite. Für mich ein Thriller Highlight des Jahres. Ein Pageturner und ein wahrer Bestseller.