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Benutzername: TochterAlice
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Bewertungen

Insgesamt 414 Bewertungen
Bewertung vom 19.01.2019
Ein gewisser Monsieur Piekielny
Désérable, François-Henri

Ein gewisser Monsieur Piekielny


gut

Die litauische Hauptstadt Vilnius sowie ein rätselhafter Mann, eben Monsieur Piekielny, weckten mein Interesse für diesen Roman, der sich schließlich in einer Suche nach einem Autor aus vergangenen Zeiten, nämlich Romain Gary verlor.

Der Ich-Erzähler: das ist wirklich der Autor dieses Romans, der junge Francois-Henry Désérable. Als Leser weiß man aber nie, ob er auch Wahres berichtet, denn er hat seine Ausführungen hinter der Klassifizierung "Roman" verschanzt.

Ich in meiner Naivität habe mir, als ich zu diesem Buch griff, nicht bewusst gemacht, dass hier eigentlich dem Autor und Träger des Prix Goncourt Romain Gary nachgespürt wird, der mich - wie viele andere Träger dieses durchaus anerkannten Preises - nicht die Bohne interessiert. Dabei kannte ich ihn bereits seit meiner Kindheit, war ich doch begeisterte Leserin des Bertelsmann-Bandes "Autoren in Wort und BIld", den meine Eltern als einen Quartalskauf besorgt hatten und den ich mindestens einmal in der Woche zur Hand nahm.

Inzwischen weiß ich etwas mehr: jüdischer Abstammung aus Litauen, ein Zeitgenosse und Freund von Albert Camus, Autor einiger bekannter Romane, vor allem von " Frühes Versprechen", Schullektüre in Frankreich, das hier nicht nur einmal zur Sprache kommt. Eine dort erwähnte Figur, nämlich dieser Monsieur Piekielny, ist es, der den Spürsinn des Autors Désérable weckt, als er in Vilnius, der Hauptstadt Litauens, zufällig vor das ehemalige Wohnhaus von Romain Gary gerät.

Auch wenn eine Eloge die nächste jagt - mich konnte das Buch nicht begeistern. Ich muss vielmehr ständig an das Prinzen-Lied "Alles nur geklaut" denken und das nicht nur deswegen, weil mich Stil und Art der Auseinandersetzung des Autors mit dem Thema nicht nur einmal an Modianos "Ein junger Hund" erinnert. Ausgerechnet Modiano, den Désérable nicht nur einmal erwähnt und trotz des errungenen Nobelpreises nicht gerade mit Lorbeeren umkränzt.

Nun ja, meine Meinung ist eine überaus subjektive - vielleicht werden Sie ja den vielen Lesern folgen können, die ein begeistertes Loblied singen.

Bewertung vom 19.01.2019
Die Aussprache
Toews, Miriam

Die Aussprache


ausgezeichnet

Es ist eine ausgesprochen ungewöhnliche Versammlung, die hier im Geheimen auf dem Heuboden eines dementen alten Mannes stattfindet in Molotschna, einer Mennonitenkolonie in Kanada, deren Mitglieder ebenso abgeschieden wie - aus Sicht der sogenannten modernen Welt - rückständig leben und sich Gott anvertraut haben.

Umso ungeheuerlicher, was sich gerade dort zugetragen hat! Über Jahre hinweg hat eine Gruppe von Männern Frauen und Mädchen betäubt und mißbraucht - Nachts im Schlaf. Nur durch Zufall wurden die Schuldigen entdeckt und stehen nun in der Stadt vor Gericht.

Acht Frauen, Vertreterinnen dreier Generationen aus zwei Familien, wollen nicht wie die anderen einfach weitermachen, sondern sich wehren, indem sie etwas ändern. Die Versammlung dient der Entscheidung: soll gekämpft oder gegangen werden?

Da alle Frauen Analphabethinnen sind, haben sie August Epp, der eine Außenseiterposition in der Kolonie einnimmt, gebeten, ihre Sitzungen zu protokollieren.

Diese Protokolle, in denen jedoch auch der Blick auf Augusts eigenes Leben, seine Vergangenheit gerichtet wird, sind die Grundlage dieses Romans, der einerseits eine große Trauer, andererseits eine ungeheure Kraft beinhaltet, die ich während meiner Lektüre als sehr faszinierend empfand.

Die kanadische Autorin Miriam Toews war mir bisher nur vom Namen her bekannt und was bin ich froh, dass sich das nun geändert hat. Denn in ihrem Roman zeigt sie auf, dass es selbst in der ausweglosesten Situation einen Ausweg gibt - egal wie schutzlos auch die Suchenden sind. Sie zeigt klar die Werte auf, die dafür grundlegend sind: Mut, Zusammenhalt und auch Zuversicht.

Ein überaus ungewöhnlicher Roman, dessen besonderer Charme darin besteht, dass ein Mann über die Belange der Frauen berichtet: natürlich auch über seine eigenen, doch die dienen eher als Ergänzung zu den zentralen Entwicklungen - und die ranken sich nun mal um die acht Frauen, die sich dort zusammengefunden haben.

Ein sehr lakonischer, ja sparsamer Stil ist es, den Autorin Miriam Toews hier verwendet und gerade dadurch ist die Klarheit der Worte, der Gedanken, so ungeheuer eindringlich.

Stellenweise hat sie mich in ihrer Hinwendung zum Ursprünglichen an Louise Erdrich erinnert, auch wenn es nicht um die indigene Bevölkerung Nordamerikas, sondern um Mennoniten geht. Doch in ihrer Auseinandersetzung mit der jeweiligen außenstehenden Bevölkerungsgruppe ähneln sie sich in meinen Augen. Ein Roman wie ein Blitzeinschlag: Eigentlich passiert nicht viel, aber es steckt eine ungeheure Kraft hinter der ganzen Geschichte. In der ganzen Ernsthaftigkeit, der Achtung der Autorin vor dem Schicksal ihrer Protagonistinnen steckt eine gewisse Leichtigkeit, sogar ein nicht erwarteter Übermut, stellenweise auch Humor - all das kommt überraschend, fügt sich aber ausgesprochen stimmig in die Entwicklungen ein.

Ein Roman, den ich jeder Frau empfehle. Nein, eigentlich empfehle ich ihn jedem, dem die Geschicke der Frauen - ob im Besonderen oder Allgemeinen - am Herzen liegen!

Bewertung vom 12.01.2019
Das Haus der Verlassenen
Gunnis, Emily

Das Haus der Verlassenen


gut

Herz und vor allem Schmerz kommen in diesem Roman nicht zu kurz, denn es ist ein ernstes, ja tragisches Thema, das dieses Buch behandelt: nämlich ungewollt und vor allem ungeplant schwanger gewordene junge Frauen in den 1950er Jahren, die mit ihrem Schicksal vollkommen allein gelassen werden. Nicht zuletzt vom werdenen Vater, der mit der Situation nur zu oft nichts mehr zu tun haben will.

Viel wurde über irische Verhältnisse geschrieben, diesmal geht es um englische: die junge Ivy, 1956 von einem vielversprechenden Talent des lokalen Fußballvereins geschwängert, findet weder bei diesem noch bei ihrer Familie Unterstützung und landet in einem katholischen Heim, in dem sie ausgebeutet wird und ihr Kind nicht behalten darf. Auf tragische Weise lässt sie ihr Leben, nicht jedoch, ohne eine für die Zukunft entscheidende Bekanntschaft geschlossen zu haben.

Doch wie passt das alles zu Sam, die im Jahre 2017 als Journalistin tätig ist und es als alleinerziehende Mutter nicht leicht hat. Sie gerät durch Zufall an die Story, die sie nicht mehr loslässt. Doch dann...

Nein, mehr erfahren Sie von mir nicht, außer dass es mannigfaltige Wendungen und überraschende - teilweise etwas zu konstruierte - Entwicklungen gibt, die den Leser - oder eher die Leserin, denn dieses ist ein typischer Frauenroman bis zum Schluss am Ball bleiben lassen. So auch mich, obwohl ich das ein oder andere Mal die Augen verdreht habe. Aber trotzdem wollte ich erfahren, wie es weitergeht.

Autorin Emily Gunnis schreibt mit viel Herz und ein bisschen Schmalz über ein trauriges Thema und schont hier wirklich niemanden. Schade, dass sie darüber vergisst, die ein oder andere Wendung weiter zu verfolgen oder abzuschließen. Doch insgesamt habe ich diesen Roman, der streckenweise sogar etwas von einem Krimi hat, zum Ende hin jedoch getrost mindestens als Spannungsroman bezeichnet werden kann, gerne gelesen, auch wenn er mir langfristig sicher nur bruchstückhaft in Erinnerung bleiben wird. Etwas für lange und dunkle Winterabende - doch sehen Sie zu, dass sie nicht alleine in ihrer Wohnung oder zumindest im Haus sind!

Bewertung vom 08.01.2019
Die Schneetoten / Kanada Krimi Bd.2
Fradkin, Barbara

Die Schneetoten / Kanada Krimi Bd.2


gut

Eisige Winde wehen durch das Wintercamp, das die ehemalige Entwicklungshelferin Amanda Doucette gemeinsam mit einigen Helfern für junge Leute, die es nicht einfach haben, organisiert: es sind zumeist Flüchtlinge, vor allem aus dem Nahen Osten, genauer gesagt ist nur ein echter Kanadier, nämlich Luc, dabei. Und der verscherzt es sich alsbald mit allen anderen "Kollegen", wobei er nicht der Einzige ist, der Animositäten weckt.

Und dann ist er auch noch weg! Nicht ganz spurlos verschwunden - denn Amanda und auch ihr Team kennen sich in der kanadischen Wildnis bestens aus und sind somit unter anderem geübte Fährtenleser.

Dennoch - Luc ist schlicht unauffindbar. Und dann verschwindet eine zweite, nämlich Yasmina, die mit ihrer Familie - die Eltern sind Wissenschaftler- aus dem Irak geflohen ist. Ist es tatsächlich möglich, dass gerade sie sich radikalisiert hat? Darauf deuten nämlich verschiedene Hinweise. Und was ist mit Luc? Auf welcher Seite steht er? Die Blicke, die Yasmina und er sich im Camp zugeworfen hatten, sprachen nämlich Bände...

Ein Krimi, in dem es durchaus auch mal härter zugeht und Blut fließt. Und das nicht zu knapp! Aber eben nur stellenweise, ansonsten sind es eher politische und soziale Fragestellungen, die hier eine Rolle spielen. Und eben Kanada mit seinen schneebedeckten Weiten und den charismatischen Städten. Kanada, das sich so offen gegenüber Flüchtlingen verhält, ist sozusagen einer der maßgeblichen Helden dieses Bandes - man könnte sogar sagen, dass das Land Kanada Amandas engster Unterstützer ist. Und manchmal auch - aber eher selten - ihr größter Feind.

Beim Einbringen eines so gewaltigen Naturschauspiels in den Krimi, ist es aus meiner Sicht nicht allzu verwunderlich, dass Längen in der Handlung entstehen, gerade auch bei langwierigen Szenen in der schneebedeckten Landschaft, die einen nicht geringen Teil der Handlung bestimmen.

Leider kein Buch wie ein Orkan, sondern stellenweise fast ein bisschen dröge. Wenn auch die Themen sehr interessant und vor allem auch aktuell sind, in jeder Hinsicht. Ein Krimi, den man mal gut im Urlaub lesen kann, aber nicht im Strandkorb. Das ist was für den Winterurlaub, zwischen Après Ski und Nachtruhe auf der Hüttn!

Bewertung vom 06.01.2019
Ein wirklich erstaunliches Ding
Green, Hank

Ein wirklich erstaunliches Ding


weniger gut

Die Studentin April trifft eines Nachts mitten in New York auf eine geheimnisvolle Roboterskulptur - riesig und eindrucksvoll und irgendwie auch lustig. Rasch ruft sie ihren Kumpel Andy an, der das Ganze filmt, spricht ein paar markige Worte dazu, wobei sie dem "Ding" den Namen Carl gibt und stellt das Filmchen ins Netz.

Ab dann überschlagen sich die Ereignisse, April und Andy werden von den sozialen Medien und der Werbebranche überrollt und vor allem April gerät in einen Sog, der sie zeitweilig alles, was ihr bisher lieb und wichtig war, vergessen lässt.

Sie ist jetzt die Carl-Expertin, auf einen Schlag berühmt geworden. Das ist heutzutage ja keine Seltenheit in der digitalen (Parallelwelt), dort exisitieren Hirarchien, von denen der in anderen Sphären lebende Mensch - und damit meine ich nicht nur alle die älter sind als die sogenannte "Generation Youtube" - nicht die geringste Ahnung hat.

Und auch nicht haben will - jedenfalls in meinem Fall. Für mich war dieser Roman eine Bestätigung dafür, wie segensreich es sein kann, weder auf Instagram, noch auf Facebook, Twitter, Whats App und wie sie alle heißen, präsent zu sein. In diesem Roman wird klar und deutlich dargelegt, wie ausgeliefert man sein kann. Nur: ich und mit mir Millionen anderer wussten das bereits seit langem.

Ich hatte den Eindruck, dass hier ein moderner Trend nach dem anderen abgearbeitet wird - die meisten davon beziehen sich auf die digitale Welt, doch auch Bisexualität wird angesprochen.

"Angesprochen" oder "kurz berührt", das sind Begrifflichkeiten, in denen ich im Zusammenhang mit diesem Roman immer wieder denken muss, denn nichts wird gründlich abgearbeitet, sondern verharrt in einer Oberflächlichkeit, die ihresgleichen sucht. Ich bin froh, dass ich längst weiß, dass bei weitem nicht alle Vertreter dieser jungen Generation, der auch der Autor Hank Green angehört, nicht so denken und schreiben und auf der Suche nach ihnen muss man nicht weit gehen, sondern kann gleich bei dessen Bruder John Green beginnen, dessen Romane "Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken" und vor allem "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" ich wirklich gern gelesen habe.

Für mich ist dieser Roman Beispiel dafür, dass man nicht mit aller Kraft versuchen sollte, auf den Zug, auf dem Familienangehörige erfolgreich fahren, aufzuspringen. Oder aber ein ganz anderes Genre wählen sollte? Oder vielleicht sich einfach mehr Zeit nehmen. Man wird sehen, was die Zukunft in Bezug auf den Autor Hank Green bringt, wenngleich viel passieren muss, bis ich wieder ein von ihm verfasstes Buch in die Hand nehmen werde.

Als Vertreterin einer älteren Generation möchte ich mir erlauben, Hank Green einen Rat in Form eines altmodischen Sprichworts nämlich: "Schuster, bleib bei deinen Leisten". Was in seinem Falle bedeutet, in der digitalen Welt, wird er doch im Klappentext des Buchs als Youtube-Star ausgewiesen. Wohin sein Trendmix offensichtlich auch viel besser passt!

Bewertung vom 02.01.2019
Der Kommissar und das Biest von Marcouf / Philippe Lagarde ermittelt Bd.9
Dries, Maria

Der Kommissar und das Biest von Marcouf / Philippe Lagarde ermittelt Bd.9


sehr gut

Ein Paar, von dessen Existenz niemand etwas wusste - Mann und Frau waren nämlich jeweils mit anderen Partnern verheiratet, wird tot auf einer kleinen Insel aufgefunden . Ermordet, wie es sich herausstellt. Und es bleibt nicht bei diesem einzigen Paar - die Polizei steht vor einem Rätsel. Ausgerechnet in der Urlaubszeit, bei dünner Personaldecke!

Als klar wird, dass es ohne Verstärkung nichts wird, wird Kommissar Lagarde - ebenso kompetent wie charismatisch, - aus dem benachbarten Polizeirevier hinzugerufen, um die Sache in die Hand zu nehmen. Bevor er jedoch erste Ergebnisse generieren kann, zeichnet sich ab, Diesmal wird er von Annie, einer jungen Polizistin, die sich gerade die ersten Sporen verdient, aber dennoch durch ihre Erkenntnisse bereits eine eigene Note in die Ermittlungen bringt, begleitet

Auch diesen Krimi aus der Lagarde-Reihe würde ich als typisches Serienwerk bezeichnen und das meine ich keinesfalls abfällig! Denn hier kommen die großen Zusammenhänge, die Rahmengeschichte vor der Spannung. Der eigentliche Fall ist nämlich mehr als je zuvor ziemlich absehbar in seiner Lösung und allzu große Überraschungen kommen auch nicht vor.

Dafür hat Lagarde seinen großen Auftritt - wie es bereits in den vorherigen Bänden der Fall war. Dazu die Normandie: die beeindruckende Landschaft, bei der in diesem Band die kleinen küstennahen Inseln im Vordergrund stehen, ist nämlich ein ebenso wichtiger Akteur. Die weiteren Charaktere abgesehen von Lagarde werden nicht ganz so eindringlich beschrieben, wie ich es mir erhofft hatte, die Ortsbeschreibung wird zwischendurch durch die Beschreibungen üppiger Mahlzeiten, die nicht nur der Kommissar, sondern auch alle anderen Akteure offenbar pausenlos zu sich nehmen, dargestellt, aber dennoch hat das Buch mich gepackt und so gefesselt, dass ich mich bereits auf den Folgeband freue und große Lust auf einen Urlaub in der Normandie habe. Aber bitte ohne Mord!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 02.01.2019
Stella
Würger, Takis

Stella


sehr gut

Der Schweizer Friedrich lernt in 1942 Berlin die lebenslustige Kristin kennen, die sich ihm zunächst fast schon aufdrängt, von der er dann aber bald selbst nicht lassen kann. Kristin muss ihre Gier nach dem prallen Leben teuer bezahlen, nämlich durch einen Verrat an allem, was ihr lieb und teuer ist, nicht zuletzt an sich selbst. Denn sie ist in Wirklichkeit Stella, eine Berliner Jüdin aus ärmlichen Verhältnissen. Ich habe mich gefragt, ob sie eine Wahl hatte, ob sie - gerade in Bezug auf ihren Charakter, ihren Lebenshunger, ihren Überlebenswillen anders hätte handeln können.

Besonders bemerkenswert: Stella Goldschlag, an der sich die Figur der Kristin/Stella orientiert, hat tatsächlich gelebt und in Nazideutschland aus der Sicht der Nachwelt eine alles andere als eine ruhmreiche bzw. positive Rolle gespielt. Allerdings ist die Handlung, die hier erzählt wird, eine fiktive.

Eine Geschichte, in der Ethik und Moral eine übergeordnete Funktion einnehmen, gerade auch mit Blick an den wahren Begebenheiten, an denen sich der Roman orientiert. In der der Leser - zumindest ich - gleichsam vor der schwerwiegenden Entscheidung steht, Kristin und auch Friedrich zu verurteilen oder auch zu verstehen. Ich entziehe mich diesem Urteil auf elegante Art und Weise, in dem ich auf die extreme Situation beider Protagonisten hinweise, in die ich mich aus heutiger Sicht unmöglich hineinversetzen kann.

Takis Würger schreibt fesselnd und eindringlich und schafft durch das Einflechten von realen Prozessakten am Ende eines jeden Kapitels eine besondere Präsenz, eine Verbindung zur objektiven Wahrheit. Sozusagen. Denn es ist eine Wahrheit, die den Leser der Gegenwart wütend macht, auch ohnmächtig. Denn was kann man gegen die Vergangenheit tun, abgesehen von dem Versuch, so zu leben, dass so etwas nicht wieder passiert? Was - wenn möglich - mein Ohnmachtsgefühl noch verstärkt, denn angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen in Deutschland scheint eine solche Situation zwar nicht greifbar nahe, aber unglaublicherweise doch wieder eine Option für die Zukunft zu sein. Ein, die eigentlich ausgeschlossen sein muss.

Wie man sieht: ein Roman, der mich zum Nachdenken gebracht und aufgerüttelt hat, und zwar nachhaltig. Ein Buch, das ich nicht so bald vergessen werde. Was meine Begeisterung dennoch ein wenig beeinträchtigt, ist der Umstand, dass in meiner Wahrnehmung einige Charaktere - allen voran die beiden Protagonisten - so gezeichnet sind, dass sie von ihrer Ausrichtung her eher in die Gegenwart als in die 1940er Jahre passen, sich quasi aus dem 21. in das 20. Jahrhundert verirrt haben. Doch das mag eine überaus subjektive Wahrnehmung sein und so empfehle ich dieses Buch aus (fast) ganzem Herzen weiter!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 30.12.2018
Malva
Peeters, Hagar

Malva


gut

Eine Ausgegrenzte kommt zu Wort:
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Und zwar Malva, die Tochter des späteren Nobelpreisträgers, des chilenischen Autors Pablo Neruda, die schwer behindert, ja nach damaliger Ansicht missgestaltet zur Welt kam und in ihrem kurzen, nur achtjährigen Leben, von ihrem Vater mit Mißachtung gestraft wurde. Mehr noch, Neruda trennte sich von Malva und ihrer Mutter, weil er dieses Kind nicht ertragen konnte - so jedenfalls eine Information, die an die Öffentlichkeit drang.

Hier erteilt die niederländische Schriftstellerin Hagar Peeters Malva das Wort und zwar nach ihrem Tod. Denn sie hat nach ihrem Tod endlich einen Kreis gefunden, in dem sich andere beiseite Gedrängte im Jenseits - in welcher Form auch immer dieses existiert - zusammengefunden haben, unter anderem Oskar Matzerath, der ebenfalls von seinem "Vater" Günter Grass mies behandelt wurde, er hat ihn quasi behindert geschrieben.

Ein Roman, der randvoll ist mit literarischen, aber auch gesellschaftspolitischen Anspielungen - will man ihn in seiner Gänze genießen, sollte man am besten durchgehend einen Internetanschluss zur Hand haben, um diesem oder auch jenem mal nachzugehen.

Es ist ein kraftvoller Roman, aber auch ein eigensinniger und eigenwilliger - als hätten Malva und Hagar Peeters sich verbündet und gingen nun ihren eigenen, ganz individuellen Weg, bei dem es ihnen mehr oder weniger egal ist, ob sie den Leser nun erreichen oder auch nicht.

Bei mir ist leider letzteres der Fall - ich empfand das Buch als extrem anstrengend zu lesen, musste mich immer wieder zusammennehmen, um weiterzumachen, wobei mir stets klar war, dass das ungerecht ist von mir, dass ich hier quasi ein Meisterwerk mißachte. Allerdings eines, das an mir abprallt wie an einer Wand. Was nicht bedeutet, dass man es nicht lesen sollte, im Gegenteil. Ich wünsche "Malva" viele Leser, die den Roman so in sich aufnehmen können, wie es in der Absicht der Autorin liegt, die alle Botschaften und Anspielungen verstehen und auch goutieren.

Bewertung vom 30.12.2018
Das Fest der kleinen Wunder
Renk, Ulrike

Das Fest der kleinen Wunder


gut

Herbst und Winter 1925 auf Gut Fennhusen in Ostpreußen werden hier geschildert und zwar aus der Sicht von Frederike, der ältesten Tochter des Hauses. Sie ist sechzehn und auf dem Sprung in die große weite Welt - im nächsten Herbst soll es für sie ins Rheinland gehen - nach Bad Godesberg auf die Hauswirtschaftsschule.

Fernab von den Roaring Twenties, allerdings auch von der nahenden Wirtschaftskrise und diversen extremen politischen Strömungen leben die Fennhusens auf ihrem Gut wie anno dazumal - mit zahlreichen Bediensteten, üppigen Mahlzeiten und einer prall gefüllten Vorratskammer, von der auch die profitieren, die es nicht so gut haben wie die Herrschaften.

Wenn man sich ein bisschen mit dieser Epoche beschäftigt hat, scheint es ein wenig wie ein Leben unter der Glasglocke zu sein - hier hat der erste Weltkrieg nur wenig an den vorhandenen Gesellschaftsstrukturen geändert.

In den Mittelpunkt der Geschichte rückt mehr und mehr die schwierige Stute Caramell, was aus meiner Sicht dem Roman den Charakter eines Jugendbuchs verlieh, der mit den anderen Entwicklungen eher wenig zusammen passte.

Gut hingegen gefiel mir die stimmungsvolle Darstellung der herbstlichen und winterlichen Festsaison.

Allerdings gehen die Schilderungen nicht allzusehr in die Tiefe, der schmale Band eignet sich also eher als Lektüre für zwischendurch bspw. an dunklen und trüben Winterabenden, an denen man offen ist für ein wenig warmherzige Unterhaltung. Mehr ist es aus meiner Sicht nicht - ich bezweifle, dass mir die Handlung allzu lange im Gedächtnis bleiben wird.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 29.12.2018
Miss Daisy und der Mord unter dem Mistelzweig / Miss Daisy Bd.11 (eBook, ePUB)
Dunn, Carola

Miss Daisy und der Mord unter dem Mistelzweig / Miss Daisy Bd.11 (eBook, ePUB)


sehr gut

Ein mörderisches Weihnachtsfest wird Miss Daisy, die mittlerweile Mrs. Fletcher ist, und den ihren auf Brockdene, einem Landsitz in Cornwall beschert, wo sie friedliche Weihnachten verbringen wollen. Wobei Daisy dort eigentlich zum Schreiben hin ist, aber ihre überaus vereinnahmende Mutter, Lady Dalrymple hat ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht und sich und den Rest der Familie gleich mit eingeladen.

Wobei es nicht ganz so kommt, wie sie wollte: der Besitzer des Hauses, Lord Westmoor, weilt nicht dort und sie muss mit dessen buckeliger Verwandtschaft vorliebnehmen. Und bald auch mit einer Leiche - ein Anwalt, der aus einem ganz bestimmten Grund geladen wurde, wird tot aufgefunden. Ermordet, wie Daisys Ehemann, der Scotland-Yard-Ermittler Alec Fletcher, alsbald feststellt. Und gegen seinen Willen wird er in die Ermittlungen hineingezogen. Ganz im Gegensatz zu Daisy, die absolut freiwillig - und nicht gerade erwünscht - mit einsteigt.

Trotz des in allen Nuancen erörteten Mordfalls ist dies ein ausgesprochen humorvoller und unterhaltsamer Krimi - einer der leichten Art. Er spielt im Jahre 1923 und das sollte man berücksichtigen, wenn man sich beim Lesen an dem längst überholten Frauenbild stört.

Was mir gefällt: die Autorin weist in kleinen Nebensätzen durchaus auf die Folgen des großen Krieges, also des Ersten Weltkriegs hin, so besitzt der Sohn des Hauses seitdem nur einen Arm und auch andere Veränderungen, meist sozialer Art, gehen darauf zurück. Was man allerdings nur mitbekommt, wenn man sich wirklich auf jeden Nebensatz einlässt, aber ich finde, das ist es wert!

Trotz des manchmal ein wenig umständlichen und behäbigen Stils und einer ziemlich anstrengenden Protagonistin habe ich das Buch mit Genuss gelesen. Etwas für die leichten Stunden des Lebens!