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Benutzername: TochterAlice
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Bewertungen

Insgesamt 322 Bewertungen
Bewertung vom 17.08.2018
Als die Kirche den Fluss überquerte
Drobna, Didi

Als die Kirche den Fluss überquerte


ausgezeichnet

Daniels Familie bricht gerade zusammen - nach einem durchaus harmonischen Familienurlaub, der sich durch nichts von den vorherigen unterscheidet, verkünden die Eltern, dass sie sich trennen werden. Nach dem Auszug des Vaters reagieren Daniel und seine ältere Schwester Laura unterschiedlich: während Daniel austickt und gar nicht weiß, wohin mit seiner Wut und seinen überbordenden Gefühlen, bleibt Laura zunächst so wie sie immer war - gut gelaunt und eine Stütze für beide - sowohl für die Mutter als auch für Daniel. Dann aber geschieht etwas zwischen ihr und Daniel und sie zieht zum Vater. Und die Mutter wird auch immer seltsamer...

Ein junger Mann, der 20jährige Daniel, erlebt den Zusammenbruch seiner Familie. Ja und, möchte man sagen, in heutiger Zeit ist das doch ein Allerweltsthema. Ja, aber doch nicht so! Denn Autorin Didi Drobna beschreibt eine ungewöhnliche Familie, auch die weiteren Entwicklungen sind alles andere als 08/15. Und die Reaktionen von Daniel und Laura? Es sind die von zigtausenden anderen jungen Erwachsenen und sie sind es auch wieder nicht.

Denn Didi Drobna beschreibt hier in schöner und eindringlicher Sprache das mögliche Verhalten nach so einem "Supergau". Nach einer Situation, die nicht für jeden jungen Erwachsenen ein Schock ist, manche reagieren da kaum drauf, andere sind vielleicht sogar erleichtert und ganz viele leben ihr eigenes Leben einfach weiter. Aber es kann auch so kommen wie in diesem Roman. Allerdings passiert hier noch so einiges mehr, was zum absoluten Zusammenbruch führt.

Mich hat vor allem die Sprache der Autorin fasziniert, ihre Fähigkeit, Tragik mit verhaltener Komik, mit Ironie zu verbinden. Ein Buch, das ich nicht aus der Hand legen konnte. Wobei ich mir vorstellen kann, Romane von Didi Drobna zu jedem Thema zu lesen, einfach, weil sie so toll schreibt, Furchtbares mit einer gewissen Leichtigkeit darstellt, die es dennoch nicht relativiert.

Ein ungewöhnliches und kraftvolles Buch zu einem alltäglichen Thema. Freud und Leid? Nein, eher Leid und Familienzusammenhalt - gespickt mit Situationskomik. Tragisch, ergreifend und sehr lesenswert!

Bewertung vom 16.08.2018
Launen der Zeit
Tyler, Anne

Launen der Zeit


ausgezeichnet

Familie - das war immer so ein Thema für Willa. Nicht, dass sie keine gehabt hätte, aber bei ihr lief es immer ein bisschen anders ab als in den so genannten Vorzeigefamilien, vor allem in ihrer Kindheit, als die ebenso manisch-depressive wie kapriziöse Mutter mit dem ihr ergebenen Vater und damit auch mit den beiden noch recht jungen Töchtern sozusagen den Molli machte. Was nichts anderes heißt, als dass die ganze Familie ihrem Willen und vor allem ihren extremen Launen unterworfen war - da konnte es schon mal passieren, dass sie auf die Mädchen einprügelte und es gleich danach bitter bereute. Oder einfach für ein paar Tage die Familie verließ und bei der Rückkehr so auftrat, als ob nichts gewesen wäre. Willa hat sich eingefügt, versucht, ihren geliebten Vater zu unterstützen, nie rebelliert und stumm gelitten.

Später, in ihrer Ehe, bemüht Willa sich darum, es mit ihren beiden Söhnen ganz anders anzugehen und ihnen eine liebevolle und präsente Mutter zu sein. Ihre Ehe mit Derek ist, obgleich nicht einfach, doch ein stabiles und festes Fundament in ihrer beider Leben. Doch dann stirbt Derek mit Anfang vierzig und sie muss ihre Geschicke neu ordnen

Im weiteren Verlauf der Handlung begegnen wir Willa im Alter von 61: Sie erhält gerade einen sehr überraschenden Anruf, in dem sie - in zweiter Ehe in Arizona lebend - darum gebeten wird, der ehemalige Freundin ihres Sohnes in Baltimore zur Hilfe zu eilen, die angeschossen wurde. Im Klartext soll sie sich um deren Tochter Cheryl, die noch ein Kind ist, kümmern. Willa weiß selbst nicht warum, aber sie nimmt diese merkwürdige Herausforderung an - und erlebt zum ersten Mal, wie anders das Leben sein kann - auch hier fügt sie sich ein, aber ebenso lenkt sie und erfährt zum ersten Mal, wie es ist, selbst gesteuert zu leben. Und auch, dass das Konzept "Familie" ganz anders funktionieren kann als das, was sie bisher kannte.

Willas Leben im Wandel der Zeiten: Das garantiert ein ruhiges, dabei eindringliches, kraftvolles und ausgesprochen sprachgewaltiges Leseerlebnis! Typisch Anne Tyler also?

Ja und nein, denn anders als in den meisten Vorgängerromanen, in denen sich der Fokus im Erzählverlauf auf verschiedene Personen richtet, steht diesmal durchgehend Willa im Mittelpunkt - es ist ein Weg der Entwicklung und der Erkenntnis, den sie durchläuft. Doch eine Konstante bleibt: am Ende hat man das Gefühl, ein absolut abgerundetes Bild, einen vollkommenen Eindruck von allem zu haben und legt das Buch mit tiefer Befriedigung aus der Hand - und vielleicht auch mit ein bisschen Wehmut, denn wieder gibt es einen ungelesenen Tyler-Roman weniger, auf den man sich freuen könnte.

Anne Tyler bewerben zu wollen, würde bedeuten, Eulen nach Athen zu tragen: die Grande Dame der amerikanischen Literatur braucht keine Propaganda, schon gar nicht von einer "normalen" Leserin wie mir. Doch vielleicht kennt der ein oder andere sie doch noch nicht oder nicht gut genug: dieser Roman wäre eine tolle Gelegenheit, um Bekanntschaft mit der Autorin, ihrem so leichten und dabei so eleganten Stil, ihrer wunderbaren, glasklaren Sprache - die, soweit ich es beurteilen kann, aufs Trefflichste von Michaela Grabinger ins Deutsche übertragen wurde, zu machen.

Mein Fazit: Anne Tyler versteht es, die Banalitäten des Lebens, das Alltägliche - eine Frau, die im Laufe ihres Lebens Erfahrungen unterschiedlichster Art sammelt - zu etwas ganz Besonderem, Einzigartigen werden zu lassen - so wie wir alle in unseren Leben gleichzeitig banal und einzigartig sind. Wie immer ist ihr das einfach großartig gelungen, denn sie versteht es, mit einer Leichtigkeit zu schreiben, die das Buch auch als Unterhaltung genießen lässt: selbstverständlich auf allerhöchstem Niveau. Ich hoffe sehr, dass der Nobelpreis nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt!

Bewertung vom 13.08.2018
Beim Ruf der Eule
Sweeney, Emma Claire

Beim Ruf der Eule


sehr gut

Eine Pension der besonderen Art besucht der Leser dieses Romans: sie wird von der fast 80jährigen Maeve Maloney geführt, die nicht gerade liebenswürdig auftritt und auch beim näheren Kennenlernen (das gilt auch für das er-Lesen"!) ausgesprochen sperrig rüberkommt.

Aber allmählich wird deutlich, dass Maeve ein Herz aus Gold hat und zwar eines, das für allem für die Benachteiligten dieser Welt schlägt und zwar für einen ganz bestimmten "Schlag": diejenigen mit geistigen Behinderungen - eine stilvolle Band gastiert (man möchte fast sagen dauerhaft) in ihren vier Wänden - alle Mitglieder haben das Asperger-Syndrom und heißen dann auch passend "Aspy Fella A Cappella" und man sieht sie förmlich vor sich, wie sie stets das für die jeweilige Situation passende Liedchen - zumindest aus ihrer Sicht auf den Lippen haben.

Doch es geht weiter: Steph und Len, ein junges, glückliches Paar, das sich in der Pension, in der sie beide leben und arbeiten, sozusagen gefunden hat, leiden ebenfalls an neurologischen Erkrankungen und zwar an solchen der heftigen Art.

Langsam wird auch deutlich, warum Maeve damit ganz natürlich umgeht und Steph sogar mehr oder weniger an Kindes statt aufgenommen hat: ihre eigene Zwillingsschwester Edie hatte das Down-Syndrom und schnell wird klar, dass ihr Schicksal ein tragisches ist, dass Maeve offenbar noch mit der Vergangenheit hadert, um es gelinde auszudrücken.

Und diese Tragödie hat nicht nur mit Edie zu tun - warum verhält sich Maeve ihrem alten Bekannten aus Jugendzeiten, dem charmanten Vince Roper gegenüber , der eine ganze Woche in der Pension unterkommen will, so ablehnend?

Ganz langsam, peu á peu, kristallisiert sich hier eine Geschichte heraus, die an Tragik nicht zu überbieten ist - und leider stellenweise ebenso sperrig daherkommt wie ihre Protagonistin Maeve. Dennoch lohnt sich die Lektüre, denn man begegnet hier einer Story der besonderen Art und wird sie allein deswegen lange in Erinnerung behalten. Ein besonderes Schmankerl sind die liebevoll und sehr individuell ausgearbeiteten Figuren - jede einzelne ein absoluter Genuss.

Der Schluss allerdings ist etwas für Freunde von Happy Ends, mir persönlich ist er etwas zu rund, um zu dem Rest der Geschichte zu passen. Es ist definitiv ein Roman abseits des Mainstream, den man hier in der Hand hält, einer, bei dem die Autorin sich nicht scheut ein Tabu-Thema in allen Facetten zu durchleuchten. Ein mutiger, wenn auch in der Umsetzung nicht 100%tig überzeugender Roman!

Bewertung vom 11.08.2018
Per Anhalter in den Himmel

Per Anhalter in den Himmel


sehr gut

In kurzen Sequenzen zu Gott und auch zu Jesus und auch zu Jesus herangeführt werden junge Menschen durch diese Ansammlung von Geschichten, Gedichten und Weisheiten, die in verschiedene Themenbereiche zusammengefasst sind. Diese heißen bspw. "Vergebung"; "Etwas Verändern", "Vertrauen und Mut" und "Glaube".

Und "Inspiration", das ist mein Lieblingsteil. Denn er enthält gleich mehrere Geschichten, die mir quasi die Schuhe ausgezogen haben, allen voran die vom barfüßigen Hippie und Christen Bill, der in der Kirche schief angeschaut wurde, als er sich mangels anderem Platz (ich nehme an, bei diesem Typen hatte keiner Lust, beiseite zu rücken) und auf ganz besondere Weise Bestätigung und Zuwendung erfuhr. Auch die von Robert Reed, der trotz schwerster Körperbehinderung ein Leben lebt, das vielen Gesunden zu anstrengend wäre: ein Leben für Gott! Und vor allem: Ein Niemand aus der Dritten Reihe, da habe ich beim Lesen in der Straßenbahn ein paar Tränchen vergossen: es geht um einen Sportler, der durch Gott Kraft schöpft. Und zwar auf ganz besondere Weise.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass anderen Lesern wieder andere Themen wichtiger sind - das kommt ganz auf die eigenen Erfahrungen, Interessen und Schwerpunkte im Leben an. Vieles hat mich auch eher wenig oder gar nicht angesprochen und ich könnte mir denken, dass es dem ein oder anderen genauso geht - wir ticken eben alle verschieden und das trifft auch auf manch einen der Autoren in diesem Buch zu.

Was viele Geschichten gemein haben, das ist die Schilderung von Schlüsselerlebnissen, also nicht vom Alltag der Menschen, sondern von besonderen Begebenheiten oder auch von Erfahrungen, die eine Wende herbeigeführt haben.

In vielen davon kommen - adressatengerecht - junge Leute vor, die noch dabei sind, ihren eigenen Kurs zu finden. Es werden Meilensteine auf dem Weg zu Gott beschrieben ebenso wie auch Weisungen Gottes, die über Mittler an die Protagonisten herangetragen werden.

Kleine und etwas größere Perlen oder auch Murmeln sind es, die sich hier aneinander reihen - ein jeder Leser kann sich seine Lieblingsstücke herauspicken. Bei mir hielten sich die besonderen Kleinode und die nicht ganz so tollen Sequenzen so ziemlich die Waage. Dennoch habe ich das Buch sehr gern gelesen und ich bin zuversichtlich, dass es vielen Jugendlichen genauso geht, denn es ist sehr abwechslungsreich. Ich könnte mir aber auch gut vorstellen, dass die jungen Leser sich viel Zeit, viele Pausen während der Lektüre genehmigen, um das Gelesene zu verarbeiten, sacken zu lassen.

Ein schönes Geschenk beispielsweise für Konfirmanden!

Bewertung vom 07.08.2018
Zeuge des Spiels
Heerma van Voss, Daan; Heerma van Voss, Thomas

Zeuge des Spiels


ausgezeichnet

Wie der Vater, so der Sohn: Und das hat in diesem Fall eine ebenso tragische wie dramatische Bedeutung: denn beide stehen in Verdacht, die jeweils geliebte Frau umgebracht zu haben, Vater Aron seine Frau Nora, die Mutter des Sohnes Alexander, dem nun, fünf Jahre später, in New Orleans der Prozess gemacht wird. Er wird verdächtigt, seine Freundin Nathalie auf besonders brutale Art umgebracht zu haben. Während der Vater nur aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde und selbst vom eigenen Sohn, der deswegen aus den Niederlanden in die Vereinigten Staaten umsiedelte, als schuldig angesehen wird, läuft die Verhandlung gegen den Sohn noch. Sein Vater, der sich ihm immer noch eng verbunden fühlt, eilt ihm zur Hilfe - und wird nicht gerade herzlich empfangen.

Es ist ein besonderer, starker Druck, der sich durch das gesamte Geschehen zieht, auch die Ermittlerin Hanna Vincennes ist davon betroffen, sowohl beruflich als auch privat. Aus Arons Sicht gehen ihre Ermittlungen in die falsche Richtung, so dass er einen Detektiv einschaltet.

In klarer, fast schlichter Sprache und eher kurzen, umso eindringlicheren Sätzen schildert das Autorenduo, die niederländischen Brüder Heerma van Voss die Entwicklung auf nahezu bedächtige Art und Weise. Gerade dadurch wirkt die Darstellung des Geschehens umso erschütternder. Ein ganz besonderer, literarisch gekonnt rübergebrachter, dramatischer und spektakulärer Thriller ist dies, der ganz ohne die üblichen Sensationen auskommt. Ganz im Gegenteil, die Brüder punkten mit ihrer - auch in der Übersetzung meisterlich dargelegten - sparsamen Beschreibung sowohl der Charaktere als auch der Handlungsorte, die Leser dennoch bis ins Mark trifft. Manche der Entwicklungen erwartet man, doch immer wieder werden sie durchbrochen von Überraschendem.

Es ist ein Spiel, das der Täter mit den Opfern (ja, es gibt mehr als eins), die Autoren mit ihren Lesern treiben und zwar ein mörderisches. Ein ausgesprochen grausamer Thriller, gerade weil er in einigem so alltäglich und gewissermaßen auch realistisch ist. Trotz einiger offen bleibender Entwicklungen habe ich die Lektüre als ausgesprochen rundes, großartig konstruiertes Leseerlebnis empfunden!

Bewertung vom 04.08.2018
Weit weg von Verona
Gardam, Jane

Weit weg von Verona


ausgezeichnet

Mr. Hangar war ihr Schicksal: Denn er war ein Schriftsteller, der einst eine Schule besucht und hat anschließend Jessica Vie, die - damals erst neun Jahre alt - ihm ihre gesammelten Werke vorlegte, ein Feedback gegeben, was ihre angestrebte Karriere anbelangte: sie wollte nämlich Schriftstellerin werden, seit sie denken kann. Seiner Ansicht nach war sie es bereits damals

Inzwischen ist sie dreizehn, setzt sich auf besondere Weise mit Literatur auseinander - innerlich ist sie weit weg von Romeo und Julia und damit auch von Verona, sie bevorzugt "Silbermond und Kupfermünze" - und hat so ihre eigenen Vorstellungen vom Leben. Es kann durchaus mal passieren, dass sie mit sich selbst oder auch mit Gott redet, auch wenn ihr klar ist, dass die Leute so etwas nicht mögen. Allerdings mag fast niemand sie, wenn er sie besser kennenlernt. Denkt sie. Obwohl sie durchaus ein paar Freundinnen hat und auch mit der ein oder anderen Lehrerin klar kommt.

Ja, Jessica, deren Vater, eigentlich ein Lehrer, eine späte Karriere in der Kirche startet und ganz unten, also als Hilfsgeistlicher anfangen muss, ist bereits in jungen Jahren eine englische Exzentrikerin vom Feinsten - eine, die mit ihren Macken und Verschrobenheiten lebt und sich nicht sonderlich müht, von allen geliebt zu werden. Eine, die stets die Gasmaske griffbereit hat, womit sie nicht alleine ist, denn wir befinden uns ziemlich am Anfang des Zweiten Weltkriegs und England wird gnadenlos bombardiert. Und zwar quasi flächendeckend.

So verwundert es Jessica - im Gegensatz zu ihren Eltern - nicht sonderlich, dass ihr erstes Rendezvous mit dem bildschönen Kommunisten Christian durch einen Fliegerangriff beendet wird und zwar auf eine Art, die sie nicht unbedingt stärker für ihn einnimmt.

Der Stil der Autorin Jane Gardam ist einfach herrlich und die Übersetzung von Isabel Bodgan, die mit ihrem eigenen Roman "Der Pfau" bewiesen hat, wie sicher sie sich in jeder Hinsicht auf dem britischen Parkett zu bewegen weiß, trifft voll ins Schwarze! Witzig und spritzig geht es zu, auch wenn viele der Windungen auf Jessicas Weg, den wir lesenderweise begleiten dürfen, eher ernster Natur sind. Auf die historische Einbettung habe ich ja bereits hingewiesen und wir begegnen auch tatsächlich allem, was wir über England im Zweiten Weltkrieg gehört haben: Bomben, Hunger, die englische Antwort auf die Kinderlandverschickung und einiges mehr. Die Autorin - und ebenso ihre Übersetzerin - nehmen alles ebenso ernst, wie ihre junge Protagonistin, vermögen jedoch, diesen nicht einfachen Alltag mit Leichtigkeit und mit sehr viel Respekt zu transportieren. Denn wir alle wissen ja: Humor ist, wenn man trotzdem lacht! Und das kann man hier quasi ununterbrochen!

Ein göttliches Buch, bei dem ich mich frage, wie sehr sich die Autorin mit ihrer Protagonistin identifiziert. Eines, das ich auch etwas älteren Jugendlichen ans Herz legen bzw. schenken würde. Aber nicht nur ihnen, ich empfehle es wirklich jedem, der offen ist für einen Gesellschaftsroman der etwas anderen Art!

Bewertung vom 02.08.2018
Etta und Otto und Russell und James
Hooper, Emma

Etta und Otto und Russell und James


ausgezeichnet

Gegen das Vergessen macht sich die 83jährige Etta auf zur Wanderung ihres Lebens, die sie nicht nur aus diesem einen Grunde macht. Nein, sie will auch das Meer sehen und wählt dazu nicht den kürzeren, nein, sie wählt den langen, den mühsamen Weg - eine Wahl, die Otto, ihr daheim zurückgelassener - nicht jedoch verlassener - Ehemann durchaus verstehen kann. Daher bleibt er zu Hause und lernt, ebenfalls 83jährig, sich selbst zu bekochen und vor allem zu bebacken, denn Etta hat ihm ihre Rezeptkarten dagelassen.

Russell, ihr gemeinsamer Nachbar, langjähriger Freund und - in Ottos Fall - Konkurrent um Ettas Gunst &Liebe und selbstverständlich ebenfalls 83 - ist nicht ganz so ruhig und macht sich auf, um Etta zu finden. Ihren Wunsch, allein zu sein, respektiert jedoch auch er und hält stets gebührenden Abstand.

Denn allein ist Etta nicht, sie hat James getroffen und sich mit ihm angefreundet und wird nunmehr von ihm begleitet auf ihrer Wanderung ans Meer und ins Reich der Erinnerungen, die sie mit ihrer Aktion nicht nur bei sich, sondern auch bei Otto und Russell zu wecken weiß.

Ein Roman, in dem viele wichtige Themen angesprochen werden: Krieg, Frieden, Demenz, doch auch Einsamkeit, Respekt und Freundschaft. Es ist eine Dreiecksgeschichte der ganz besonderen Art, so wie das ganze Buch ein besonderes ist. Emma Hooper versteht es, eine ganz besondere - im Übrigen von Michaela Grabinger einfühlsam übersetzte - Sprache zu sprechen, vielmehr zu schreiben. Märchenhafter Realismus ist der Begriff, der für mich passend dafür erscheint, auch wenn er absolut unwahrscheinlich und unrealistisch klingt. Ein Buch mit vielen klugen, doch vor allem menschlichen Botschaften - ein weises Buch, ein warmherziges Buch, eines, das ohne kitschig oder wehmütig zu sein, düstere Themen anspricht und dennoch während und vor allem nach dem Lesen ein absolut wohliges Gefühl im Bauch und auch im Herzen des Rezipienten zurücklässt. Ein Buch auch gegen das Vergessen des Lesestoffs - dieser ist so besonders, das man sich dieses Buchs immer erinnern wird!

Bewertung vom 01.08.2018
Tod im Wald der Engel
Tillmanns, Andrea

Tod im Wald der Engel


sehr gut

Kritisch und mausetot ist der Journalist Hartmut Lanski nach der Vernissage der Malerin Anna, der er bei ihrer eigentlich sehr erfolgreichen Ausstellungseröffnung mit kritischen Fragen zugesetzt hat. Und ausgerechnet sie findet bei einem kleinen Entspannungspaziergang nach dem für sie aufwühlenden Event seine Leiche. Sein Tod hat ihn aber nicht davon abgehalten, vorher noch eine saftige Kritik zustande zu bringen und rechtzeitig zum Abdruck vorzulegen.

Grund genug für die gepeinigte Künstlerin, ihn um die Ecke zu bringen - findet jedenfalls die Neusser Ermittlungsleiterin Gabriele Richards und setzt sich gemeinsam mit ihrem Kollegen Brenner auf Annas Fersen. So sehr, dass Anna nicht umhin kommt, selbst zu ermitteln.

Es gibt einige, für die Entwicklung relevante Erzählstränge, die leider nicht zu Ende ausgeführt werden, was ich sehr schade fand. Auch empfand ich die Rolle von Amateurermittlerin Anna teilweise zu groß - das reichte bis in unrealistische Dimensionen. Doch schreibt die Autorin Andrea Tillmanns mitreißend und anschaulich, auch der Humor kommt - wie es sich bei einem saftigen Lokalkrimi gehört - immer wieder zum Tragen. Eine nicht ganz runde, aber dennoch stimmige Geschichte also.

Kurzum: wer bis zum Ende gespannt sein möchte - und welcher Krimileser will das nicht -, atmosphärische Regionalkrimis mit sympathischen Protagonisten - in diesem Falle vom Niederrhein - mag und auch gegen tierische Ermittlungen nichts einzuwenden hat, der ist hier trotz der kleinen Abstriche goldrichtig aufgehoben und wird seine Freude an der Lektüre haben!

Bewertung vom 01.08.2018
Einatmen, Ausatmen
Dragnic, Natasa

Einatmen, Ausatmen


sehr gut

Ein Vamp im Koma: So jedenfalls der erste Eindruck von der Jazzsängerin Giorgia. Denn warum sollten sich gleich drei Männer an ihrem Bett im New Yorker Krankenhaus versammeln. Drei sehr unterschiedliche Männer, die nichts voneinander gewusst haben und dennoch alle eine große Rolle in Giorgias Leben gespielt haben. Langsam wird deutlich, dass Giorgia vielleicht auch ein Vamp ist - manchmal jedenfalls, sie ist aber auch vieles (andere) mehr.

Der Erzählstil von Autorin Nataša Dragnić ist sowohl meisterlich als auch ungewöhnlich: jeder der Protagonisten kommt im Wechsel zu Wort und das bezieht auch Giorgia, die Komapatientin ein. Eine originelle Idee, doch gleichzeitig eine ziemliche Herausforderung an den Leser, die unterschiedlichen Stile im Wechsel einzubringen.

Und wie, um Himmels Willen, meldet sich wohl eine Komapatientin zu Wort? In einer Art Traumdarstellung? Ja, das kommt dem Part, der ihr zugedacht ist, schon ziemlich nahe. Sie können sich nichts darunter vorstellen? Ein Grund mehr, dieses Buch zu lesen, das von Musik und Liebe lebt. Vor allem von der Liebe zu Giorgia, die bei allen drei Männern durchaus noch vorhanden ist, obwohl der Leser schnell begreift, dass Giorgia alles andere als eine unkomplizierte Person ist. Ebenso wie die drei Männer übrigens und ebenso sind alle drei Beziehungen, die uns vor allem aus der Sicht des jeweiligen Mannes transportiert werden, ausgesprochen komplex.

Und es entstehen neue Beziehungsgeflechte - unter den Männern, aber auch jeweils zu Giorgia, die nun in einem anderen Licht betrachtet werden muss. Geheimnisse treten zutage, schockierende Überraschungen, aber auch sehr Menschliches.

Die in diesem Buch gezeichneten Charaktere sind allesamt überaus komplex, ja provokant und wie dazu gemacht, den Leser an seine Grenzen zu bringen, ebenso wie die Handlung.

Ein mutiger Roman und damit einer, der auf jeden Fall polarisiert. Ich finde, die Lektüre hat sich gelohnt!

Bewertung vom 01.08.2018
Dein Tod komme / Peter Decker & Rina Lazarus Bd.24
Kellerman, Faye

Dein Tod komme / Peter Decker & Rina Lazarus Bd.24


sehr gut

Einen grausigen Fund macht Rina Decker bei einer bis dahin entspannten Wanderung durch den Wald: sie tritt auf einen menschlichen Knochen und löst dadurch eine wahre Lawine aus. Ihr Mann Peter ermittelt gemeinsam mit seinem Assistenten Tyler McAdam bald in mehreren Fällen und die Spur führt zum nahegelegenen Unicampus.

Das erste Opfer ist ein überaus intelligenter und charismatischer Transgender-Typ. Hat die Ermordung etwa damit zu tun. Möglich ist alles, doch in weiteren Ermittlungen stösst das Team um Peter Decker auf weitere Spuren, die in Richtung Drogenhandel und/oder sexuelle Motive diverser Art führen.

Ich muss sagen, dass vor allem die früher so tiefgründige und nachdenkliche Rina sich zu einer etwas langweiligen Familienchefin entwickelt hat, die überall ihre Nase mit reinstecken muss - ob es nun sinnvoll ist oder nicht. Ich erlaube mir dies als jahrzehntelanger Fan dieser Krimireihe zu sagen und es ist auch Kritik auf hohem Niveau. Doch ein wenig hat es mich schon gestört, wie oft auf sie und Peter als stimmiges Paar in jeder Hinsicht eingangen wurde. Auch die Beziehung von Tyler McAdams, der quasi als Ziehsohn der beiden gehandelt wird, wurde ein wenig überstrapaziert.

Dagegen waren die Einschübe zu jüdischen Traditionen - Rina und Peter sind orthodoxe Juden und befolgen religiöse Vorschriften - sehr bereichernd und auch atmosphärisch.

Es fällt mir nicht schwer, weitere positive Punkte zu finden, die Zeichnung der Charaktere ist klar und stimmig, der eigentliche Kriminalfall ist ein geschickter Mix zwischen actionreichen Handlungen und Verhören mit nur wenigen Längen und gerade am Ende auch mit ein bisschen Mut zur Lücke an der ein oder anderen Stelle. Eine andere Verteilung bzw. Schwerpunktsetzung hätte dem Kriminalfall sicher gut getan, doch auch so habe ich das Buch mit Genuss gelesen!