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Benutzername: TochterAlice
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Bewertungen

Insgesamt 447 Bewertungen
Bewertung vom 17.03.2019
Das Mädchen aus Herrnhut
Büchle, Elisabeth

Das Mädchen aus Herrnhut


sehr gut

Ein Abenteuer, das in Herrnhut beginnt: Dort landet nämlich Luise, die im Jahr 1731 aus dem Haus gejagt wird, in dem sie ihre bisherige Stellung hatte. Zu viele Fehler hat sie in letzter Zeit gemacht. Sie landet in Herrnhut in der Brüdergemeine, wo sich herausstellt, dass eine schlimme Augenkrankheit der Grund für ihre fehlerhafte Arbeit war.

Trotz dieses Handicaps ist Herrnhut der Ort, an dem sie sich geborgen fühlt. Doch irgendwie fühlt sie sich ständig beobachtet. Auch noch, als sie bereits den Kutscher Bruder Christian geheiratet hat. Kann es sein, dass eine Figur, die sie noch von ihren längst verstorbenen Eltern erhielt, das Ziel seiner Begierde ist?

Die Handlung wechselt in die Gegenwart bzw. ins Jahr 2007, in dem Lehrerin Emma mit ihren Schülern eine Klassenfahrt nach Herrnhut unternimmt. Dort lernen sie und ihre Schüler, der ebenso vorwitzige wie intelligente Falk und die zurückhaltende Rahel den Historiker Daniel Ritter und seinen Freund Josua Tauss, kennen - eine flüchtige Reisebekanntschaft. Dachten sie.

Dann jedoch erleben sie - jeder für sich - eine unangenehme Befragung durch ein paar finstere Gesellen. Emma wird sogar in ein Auto gezerrt. Deren Interesse richtet sich auf Daniel Ritter und eine gewisse Nikodemusfigur, von der jedoch weder Emma noch ihre Schüler je gehört haben.

Schwuppdich, ist Daniel ein Teil von Emmas Leben geworden, denn schnell stellt sich heraus, dass es um ein Geheimnis geht, das sie alle zusammen am besten lösen können. Und Daniel macht keinen Hehl daraus, dass er Emmas Gesellschaft am liebsten auf Dauer genießen würde...

Bald schon finden sowohl sie als auch die beiden Schüler und Josua sich als Gejagte wieder - Josua wird sogar überfallen. Die ganze Geschichte wächst sich zu einem handfesten Krimi bzw. gar Thriller aus. Wer ist ihnen auf der Spur und um was genau geht es?

Ich selbst wäre gern ein wenig bei Luise und Christian im 18. Jahrhundert verweilt, um mehr über sie und ihre Geschicke zu erfahren. So bleibt doch einiges offen.

Dennoch hat diese Mischung aus Historien-, Liebes und Kriminalroman ganz eindeutig was - den typischen Büchle-Faktor, der bewirkt, dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann - und man ist so schnell am Ende, dass man sofort Ausschau nach dem nächsten Büchle-Buch hält. Eine Sucht gewissermaßen.

Bewertung vom 14.03.2019
Gold und Schatten / Buch der Götter Bd.1
Licht, Kira

Gold und Schatten / Buch der Götter Bd.1


ausgezeichnet

Die Götter müssen verrückt geworden sein! Tauchen sie doch einfach so im Paris der Gegenwart auf, anstatt sich - wie e-s sich gehört - auf dem heimischen Olymp zu tummeln! Hiermit wird klar: es geht um die griechischen Götter und zwar nicht nur um die, sondern auch um Halbgötter und gottnahe, sich also im Einzugsradius der Gottheiten befindlichen Kreaturen wie Nymphen.

Dabei kommt man beim Lesen der ersten Seiten nicht sofort darauf, wenn man mit der Protagonistin Livia, süße Sechzehn, die Pariser Katakomben besucht. Dort trifft sie - rein zufällig natürlich - den zunächst düster scheinenden Maél, der sich jedoch als durchaus kommunikativ und vor allem attraktiv entpuppt. Also, Livia verfällt ihm nicht direkt mit Haut und Haaren, aber weit ist es nicht mehr bis dahin.

Sie ist als Diplomatentochter ganz neu in Paris, frisch aus Asien eingetroffen und ist froh, schon vor ihrem Schulbesuch die Bekanntschaft dieses attraktiven Jünglings zu machen, der ihr mehr und mehr Herzflattern beschert. Dazu kommen direkt nach Schulbeginn noch zwei richtig gute Freundin, der Start in die Stadt der Herzen und der Mode ist also mehr als geglückt. Zumindest, wenn nicht einiges Eigenartige geschehen würde! Was - wiederum rein zufällig - mit Maél zusammenhängt. Und, wie bereits erwähnt mit halben und ganzen Göttern wie mit Nymphen. Aber mehr verrate ich Ihnen nicht!

Beschwingt und leichtfüßig im besten Sinne kommt dieser Roman daher - wie alles, was ich bisher von Autorin Kira Licht kenne. Sie hat die Gabe, die Prise Humor, die allem das I-Tüpfelchen aufsetzt, genau richtig zu dosieren - und zwar immer und überall, also auch hier. Wo sich für Livia bald ein Alternativuniversum auftut, das definitiv nicht von dieser Welt ist. Hermes, Hades, Aphrodite - sagen Ihnen diese Herrschaften was? Nun, Sie werden Ihnen in diesem Roman begegnen und zwar nicht nur einmal!

Kira Licht lässt mich jedes Mal - also nach der Lektüre eines ihrer Bücher - absolut sprachlos zurück. Die Romane dieser Autorin werden in Genres gepackt, von denen ich sonst tunlichst die Finger lasse: Fantasy, Erotik, Young Adult zum Beispiel.

Wie kommt es denn, dass ich nach einer weiteren Licht-Lektüre immer in bester Stimmung bin und beschwingt neuen Taten entgegensehe? Ganz klar deswegen, weil die Autorin - passend zum vorliegenden Titel - eine Göttin ist, wenn es um die Schaffung wunderbarer Texte geht. Ich bin vollkommen überzeugt, dass sie in jedem Genre Großes bewirken könnte, auch wenn man ihre Romane nie so ganz zu packen bekommt - in Genres, meine ich!

Ganz egoistisch wünsche ich mir einen anspruchsvollen Gegenwartsroman - so einen, der es auf die Liste des Deutschen Buchpreises schafft. Ich bin sicher, auch der würde begeistern - und zwar nicht nur mich!

Bewertung vom 12.03.2019
Giulias Geschichte / Die Frauen der Villa Fiore Bd.1
Wilken, Constanze

Giulias Geschichte / Die Frauen der Villa Fiore Bd.1


ausgezeichnet

Wirtschaftsprüferin Giulia Massarini tut etwas, das sie sich nicht hat träumen lassen: sie kehrt heim. Aus New York. Zu ihren Wurzeln in der Toscana, nämlich auf das elterliche Weingut. So sehr sich ihre Mutter Manuela, die ihrerseits aus Deutschland, aus einer Winzerfamilie an der Mosel stammt, über ihre Rückkehr freut, so reserviert reagiert Vater Lorenzo. Er hat nämlich ihren Weggang vor vielen Jahren nicht gut geheißen und kann sich seinen Triumph über ihr Scheitern, der ausgesprochen gehässig ausfällt, nicht verkneifen.

Dabei braucht Giulia doch Liebe und Zuwendung, da sie von ihrem Verlobten betrogen wurde - sowohl in der Liebe als auch finanziell. Er war ihr Chef und hat ihr eine Pleite "zugeschustert". So sehr sich Giulia über die Gesellschaft der Mutter und der beiden jüngeren Schwestern Bianca und Milena freut, so schwierig wird die Situation mit ihrem Vater. Während sie sich gerne einen Überblick über die Finanzen des elterlichen Betriebes, zu dem neben dem Weingut noch ein Restaurant, das ihre Schwester Bianca betreibt und Stallungen, für die Milena, die Jüngste im Bunde, zuständig ist, verschaffen würde, hat ihr Vater für sie eine Position in der Weinherstellung vorgesehen. Und zwar zunächst unter dem temporär für ihn tätigen Önologen, den Amerikaner Paul Reed. Der Giulia zunächst ziemlich auf die Nerven geht.

Doch es gibt auch weitere "Störfaktoren": direkt nach Giulias Rückkehr erleidet Kellermeister Alfredo einen Unfall - und es bleibt nicht bei diesem einen Unglück.

Sehr, sehr merkwürdig, das alles...

Was steckt der ganzen Geschichte? Und kann Giulias 90jährige Großmutter, die genauso bärbeißig ist wie ihr Vater, ihr einen Hinweis (oder sogar mehrere?) geben? Ich habe begeistert und gespannt gelesen, mit Giulia gehofft und gelitten und war ganz traurig, als das Buch ausgelesen war.

Constanze Wilken hat einen wunderschönen Spannungsroman geschrieben, in dem auch Atmosphäre und Herz eine große Rolle spielen. Die Protagonistin Giulia ent- und verliebt sich zugleich - ersteres bezieht sich auf ihren Verlobten Phil, der ihr übel mitgespielt hat und das zweite auf ihre Heimat, die Toscana: es ist eine wiedererwachte Liebe in nie gekanntem Umfang. Und es ist ja bekannt, dass eine Gegend, in der man sich pudelwohl fühlt, zu weiteren Emotionen führt. Ich habe mich auch gleich mitverliebt - in den Landstrich, wohlgemerkt - und könnte mir gut vorstellen, dass es mich in einem meiner nächsten Urlaube dort in die Gegend verschlagen wird.

Wobei ich das nach der Lektüre jedes ihrer Bücher sage - die spielen nämlich alle in eindrucksvollen, liebevoll beschriebenen Landschaften! Ich glaube, ich sollte vorsichtig anfragen, ob die Autorin für einen saisonalen Nebenjob zur Verfügung steht, nämlich als meine private Reiseplanerin.

Und vielleicht kann dann der nächste Toscana-Roman schon mit ins Gepäck, es soll nämlich eine Trilogie werden. Dieses war der erste Band. Gottseidank!

Bewertung vom 10.03.2019
Makarionissi oder Die Insel der Seligen
Kaiser, Vea

Makarionissi oder Die Insel der Seligen


ausgezeichnet

Ein modernes Heldenepos mit griechischem Einschlag hat Vea Kaiser verfasst, das aus meiner Sicht locker mit den "alten" mithalten kann. Die Autorin ist eine moderne junge Frau und hat folglich zeithistorische Themen aufgenommen, die beiden hier in neun Gesängen besungenen Helden haben sich somit eher modernen Herausforderungen - solchen den 20. und 21. Jahrhunderts zu stellen, nicht den klassischen, mit denen es einst Homers Ilias zu tun bekam. Und es geht um Helden mit Macken - mit Schwächen und Fehlern, aber gerade das macht sie so glaubhaft und so verehrungswürdig.

Es ist eine Familiensaga mit allem drum und dran, die Vea Kaiser hier vorlegt, eine mit einem Helden und einer Heldin, einem liebenswerten Lebenskünstler der besonderen Art und einer ganz speziellen Furie: Lefti und Eleni, so heißen die beiden, Cousin und Cousine sind sie, die gegen Ende des 2. Weltkriegs das Licht der Welt erblicken und für kurze Zeit auch Mann und Frau, aber nur, weil ihre Großmutter das so wollte. Nach ihrer Hochzeit verschlägt es sie nach Hildesheim und da trennen sich ihre Wege schon recht bald. Für Lefti geht es nach St. Pölten in Österreich, Furie Eleni landet erst nach einer langen, mehrjährigen Tour durch verschiedene Länder auf der griechischen Insel Varissi. Die Familiengeschichte dieses so ungleichen - zeitweiligen - Paares wird hier ganz wunderbar aufgerollt und so lernt der Leser eine Reihe weiterer faszinierender Charaktere, meist aus der näheren und weiteren Verwandtschaft unserer beiden Helden kennen.

Köstlich, absolut köstlich und leckerer als die delikatesten Makkaroni (mit denen der Titel aber nichts zu tun hat) ist dieses wunderbar kluge, unterhaltsame, empathische, originelle witzige und absolut authentische Buch über diese zwei Menschen aus dem fiktiven nordgriechischen Örtchen Varitsi, ihren Wünschen, Hoffnungen, Zwängen, Ideen, Lösungen - und das Altern.

Vea Kaiser schreibt nicht wie die alten Griechen, sondern wie eine junge, quicklebendige Österreicherin und so gerät ihr Heldenepos nicht pompös und nahezu beängstigend bombastisch, sondern vielmehr warmherzig, witzig, spritzig und sehr stimulierend. Ich habe eine solche Autorin in der deutschsprachigen Literatur bislang noch nicht erlebt, für mich steht sie eher in der Tradition von John Irving, was Originalität, Stil. Leichtigkeit und eine ganz besondere, sehr angewandte Art von Weisheit anbelangt.

Viel kluges Wissen, aber noch mehr Herz ist in dieses wunderbare Buch, das ich jedem empfehle, der noch zwei Hände zum Halten bzw. zwei Ohren zum Hören (es liegt auch als Hörbuch vor) hat - man erschließt sich definitiv neue Welten! Es ist unglaublich, dass ein so junger Mensch wie Vea Kaiser so anrührend über das Alter und das Älterwerden schreiben, Verständnis für unterschiedliche Generationen entwickeln kann. Dies ist aus meiner Sicht ein ganz besonderes, inhaltlich gesehen durchaus globales Kleinod der deutschsprachigen Literatur, das man hegen und pflegen und mit Literaturpreisen nur so bombardieren sollte!

Bewertung vom 10.03.2019
Rückwärtswalzer
Kaiser, Vea

Rückwärtswalzer


ausgezeichnet

Willi ist tot: er stirbt, nachdem der Leser ihn bereits kennen- und lieben gelernt hat, aber (noch) nicht weiß, warum nicht nur seine Frau, die jüngste der drei in diesem Roman zentral agierenden Schwestern, nämlich Hedi, darauf besteht, ihm seinen großen Wunsch zu erfüllen und ihn auf seinem letzten Weg in seine Heimat Montenegro zu begleiten. Nein, auch die beiden älteren Miri und Wetti, beide um die Siebzig, legen größten Wert darauf, mitzufahren und zwar mangels finanzieller Ressourcen im Auto statt im Rahmen einer offiziellen Überführung. Im Auto, das chauffiert wird vom gemeinsamen Neffen Lorenz, der fünften Hauptfigur des Romans neben Willi und den Schwestern, für ihn Tanten (ein im Buch sehr häufig vorkommender Begriff). Lorenz durchläuft aus meiner Sicht die größten Veränderungen aller im Roman vorkommender Charaktere und das sind insgesamt weiß Gott nicht gerade wenige. Wir begleiten die Protagonisten längst nicht nur auf diesem Weg und erfahren so einiges, nicht nur den Grund der Verbundenheit aller drei Tanten mit Willi. Auf den neuen Roman der Autorin habe ich gewartet, seit ich "Makarionissi" aus der Hand gelegt habe und jede Seite, jeder Satz, ja jedes einzelne Wort hat meine Geduld aufs Tausendfache belohnt. Vea Kaiser schreibt mit einer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht, auch über schwere und schwerste Themen wie Tod und Verlust. Ihr Stil ist immer durchtränkt von etwas Frechem, aber auf eine unglaublich warmherzige und liebevolle Art. Etwas amüsiert Wienerisches. Es ist einmal mehr ein Familienroman geworden, einer, der die Familie mit all ihren Auswüchsen, Widersprüchen, Irrwegen und Streitigkeiten mit großer Liebe darstellt, einer Liebe, die jedes Mitglied einbezieht, auch wenn es noch so große Abwege geht wie bspw. Onkel Gottfried, der nicht nur das Popscherl seiner Gattin Mirl liebt, sondern auch (fast) jedes andere, dem er so begegnet im Laufe des Tages. Zudem widmet sich Vea Kaiser auch der kleinsten Nebenfigur mit großer Sorgfalt, ohne sich dabei in Kleinigkeiten zu verlieren, wobei großartige Passagen wie "In der Bibel hieß es, der Teufel rieche nach Schwefel. Die Verfasser hatten Tante Christl nicht kennengelernt." (S.225) entstanden sind. Vor allem aber erstaunt mich, dass die Autorin, die selbst gerade erst die Dreißig überschritten hat, einer lange vor ihr geborenen Generation (derjenigen, die im Zweiten Weltkrieg, kurz davor und danach zur Welt kamen) eine derartig uneingeschränkte Liebe und Achtung und vor allem ein unendliches Verständnis entgegenbringt. Nur Vea Kaiser schafft es, Vergleiche wie "Hedis ehemals harmonisches Zuhause glich einem Nebenschauplatz des Balkankrieges" (S. 338) zu ziehen. Oder auch, kulturhistorische Hinweise auf Beerdigungsrituale gewisser Kulturen zu geben: "Und alle Männer, an denen der Sarg vorbeigetragen wurde, hatten sich aus Respekt vor dem Toten an die Hoden gefasst. Weil der Tod und das Leben zusammengehörten...."(S.398) Interessant fand ich auch das Vorhandensein zweier Themen im Roman, die sich wie ein roter Faden hindurchziehen: nämlich Bären und die Stadt Wien. Leidenschaftliche Leser werden sofort erkennen, worauf ich hinauswill, nämlich auf den Bezug zu John Irving und zu seinem Roman "Hotel New Hampshire", meinem absoluten Lieblingsroman aller Zeiten. Seit zig Jahren. Bisher. Denn "Rückwärtswalzer" kann ihm absolut das Wasser reichen. Was aber nicht bedeutet, dass ich zum absoluten Leseglück unbedingt Bären und Wien brauche. Glaube ich jedenfalls.

Bewertung vom 10.03.2019
Mit Gott durch dick und dünn
Boom, Corrie ten

Mit Gott durch dick und dünn


ausgezeichnet

"Mit Gott durch dick und dünn": selten hat ein Buchtitel besser gepasst, denn die Autorin ist in ihrem Leben tatsächlich IMMER mit Gott gegangen, will sagen: sie ist ihm gefolgt. Denn Corrie ten Boom hatte einen direkten Draht zu Gott - sowohl in Form einer Zwiesprache als auch durch Empfang von Botschaften, Weisungen und Fingerzeigen.

Corrie ten Boom war eine Frau, die viel gelitten hat, nicht zuletzt im Konzentrationslager der Nationalsozialisten - sie verlor ihre Schwester in Ravensbrück während der gemeinsamen Internierung. Das ist nur ein Beispiel - es gab viele, viele dunkle Momente im Leben von Corrie ten Boom, die ursprünglich Uhrmacherin war. Doch die meisten Wege ist sie als Botschafterin Gottes in den verschiedensten Missionen gegangen, Missionen, die sie rund um die Welt führten und die sie oft ohne große Vorbereitungen startete - im vollsten Vertrauen zu Gott.

Dieses Gottvertrauen verließ den "Landstreicher Gottes", wie sie sich selbst bezeichnet, nicht einmal in den dunkelsten Stunden, denn sie hat - zumeist im Nachhinein - stets erfahren - manche würden sagen: interpretiert - wozu das ein oder andere Leid erforderlich war.

Corrie ten Boom schreibt klar und gradlinig, dabei durchaus unterhaltsam. Ein Buch, das nicht nur zum Alleine-Lesen verführt, sondern gerade auch für Diskussionen geeignet ist, bspw. im Rahmen des Konfirmandenunterrichts oder diverser Gesprächskreise in Gemeinden ebenso wie im Religionsunterricht der Schulen. Es lohnt sich für einen jeden, diese ganz besondere Frau kennenzulernen!

Bewertung vom 08.03.2019
Die Verlobten des Winters / Die Spiegelreisende Bd.1
Dabos, Christelle

Die Verlobten des Winters / Die Spiegelreisende Bd.1


ausgezeichnet

Ophelia ist ein kleiner Blaustrumpf und mit ihrem Dasein auf der Arche Anima - einem der 21 Teile, "Archen" genannt, in die die Erde vor langer Zeit auseinanderbrach - sehr zufrieden. Denn sie hat ihren Traumjob als Leiterin des lokalen Museums und kann ausserdem lesen - was ganz anders gemeint ist, als das, was wir darunter verstehen: sie kann nämlich durch Berührung die Geschichte verschiedener Gegenstände "lesen", eine Gabe, über die auch in ihrer Heimat nicht gerade viele verfügen. Auf eine Ehe hatte sie bisher keine Lust, aber nun hat sie keine Wahl: an oberster Stelle wurde beschlossen, dass sie heiraten soll und zwar einen Mann von der Arche Pol - wo es wirklich so kalt ist, wie an den Polen, die wir auf der Erde kennen. Eine politische Zweckhochzeit also.

Ophelia hat keine Wahl: sie muss bereits vor der Hochzeit nach Pol umsiedeln, an ihrer Seite, quasi als Anstandsdame ihre Patentante Roseline.
Ihr Verlobter Thorn holt sie ab und entpuppt sich als überaus schweigsamer, nicht gerade zugänglicher Zeitgenosse. Und ein bisschen beängstigend: kein Wunder, gehört er doch zum Klan der Drachen.

Ophelia und Roseline werden zunächst bei Thorns Tante Berenilde in der Himmelsburg untergebracht, wo höchst eigenartige Dinge vor sich gehen, aber das ist längst nicht alles...

"Die Spiegelreisende" - das ist Fantasy auf französisch und zwar im besten Sinne: intelligent und charmant, auch vieldeutig, ohne jemals anrüchig zu werden - elegant natürlich und eloquent - auch in der Übersetzung (weswegen ich annehme, dass auch das Original die Merkmale erfüllt).

Der vorliegende Band markiert Teil 1 eines Vierteilers und ist für nicht zu junge Jugendliche geeignet, aber mindestens genauso gut für Erwachsene - ich las es mit großer Spannung und steigender Begeisterung. Das Einzige, was mich richtig enttäuschte, war das sehr abrupte Ende. Es ist halt wirklich ein "richtiger" erster Teil, einer der nichts ist ohne die nachfolgenden.

Denn er beinhaltet wenn überhaupt, dann ein nur sehr provisorisches Ende, ich würde es eher als Abschluss bezeichnen. Einer, den ich nur mit sehr großer Ungeduld und auch nur sehr vorübergehend akzeptieren kann. Denn schon jetzt zittert alles in mir dem nächsten Band, bzw. den folgenden dreien entgegen, um endlich zu erfahren, ob "die" wirklich gestorben sind, ob Ophelia tatsächlich Besuch aus der Heimat erhält und um noch massenweise Antworten auf andere, zentralere Fragen (die ich hier gar nicht erst aufwerfe, um nicht zu viel zu verraten) zu erhalten.

Eine neue Welt, die ich im Herzen behalten will. Auf jeden Fall!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.03.2019
An den Ufern der Seine
Poirier, Agnès

An den Ufern der Seine


ausgezeichnet

Spannender als jeder Roman ist die vorliegende Publikation zu den "magischen" Jahren von Paris zwischen 1940 und 1950.

Es war durchgehend keine einfache Zeit, die mit einer der schwärzesten Phasen, die Frankreich je durchlebte, begann: nämlich mit Vichy-Frankreich; der mehrere Jahre währenden Besatzung durch das nationalsozialistische Deutschland, in der das selbständige politische Leben Frankreichs quasi stillgelegt war. Man achte auf das Wörtchen "quasi": denn es entstand eine rührige Gegenbewegung, die Resistance, angeführt vom späteren französischen Präsidenten Charles de Gaulle, bis dahin ein Niemand.

Die Künstler und Kulturschaffenden jener Zeit, die im vorliegenden Band im Vordergrund stehen, ignorierten zum Teil die Politik - soweit das mit leeren Mägen und in kalten Räumen (wenn überhaupt vorhanden) möglich war, engagierten sich in der Resistance oder versuchten, sich irgendwie durchzuschlängeln. Einige kollaborierten auch ganz offen - mehr oder weniger, was ihnen natürlich zeitweise enorme Vorteile verschaffte, später allerdings Kritik, Ächtung oder auch den Tod einbrachte.

Was daran so magisch war? Nun, zum Teil sicher der Umstand, das trotz widriger, teilweise widrigster Umstände eine brodelnde Kreativität herrschte, die ihresgleichen suchte und aus mehreren Quellen genährt wurde: einmal dem Zusammenhalt, der in vielen Kreisen, die manches Mal zu einem zusammenschmolzen, herrschte. Dann der Umstand, dass Paris heil blieb, auch wenn die Wehrmacht vor ihrem Rückzug bereits Sprengsätze gelegt hatte. Und natürlich das Phänomen der Gleichheit, das für kurze Zeit geherrscht hatte. Ein Abglanz davon blieb und zog bspw. den afroamerikanischen Autor Richard Wright 1946 in die Stadt. Er blieb, weil er erlebte, was er aus den Staaten nicht kannte: man sah bzw. akzeptierte ihn als Amerikaner, seine Hautfarbe spielte keine Rolle.

Das sind ein paar kleine Puzzlesteine, die die Frage nach der Besonderheit von Paris in diesem einen Jahrzehnt zwar nur unzulänglich, aber doch teilweise beantworten. Sicher kann jeder Leser dieses erfüllenden Buches einen eigenen speziellen Aspekt, der ihm aufgefallen ist, hinzufügen.

Wieder und wieder ergriff mich Bewunderung für die Autorin Agnès Poitier: wie nur hatte sie diese ganzen Details herausfinden können? Das Wissen, das in diesem Buch gebündelt ist, ist einfach unglaublich. Doch man sollte darauf gefasst sein, dass sie Meinung bezieht - unabsichtlich sicher, doch als Konsequenz ihrer Recherchen sicher nicht zu vermeiden. So kommt bspw. Gerhard Heller, der für die Literaturpolitik der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich war und mit dem als Bewunderer der französischen Kultur einiges geregelt werden konnte, von ihr als relativ liberal dargestellt - so, wie er sich selbst wohl sah. In anderen Schriften wird er um einiges strenger beurteilt. Doch dies ist ein Umstand, der aus meiner Sicht überhaupt nicht störend ist, man sollte sich seiner nur bewusst sein.

Insgesamt ist dieser Band, dieser durchaus ausführliche Spaziergang an den Ufern der Seine, ein ganz besonderes Kleinod, ein Kunstwerk für sich, das ich jedem, der Frankreich liebt, ans Herz lege!

Bewertung vom 02.03.2019
Die Mauer
Lanchester, John

Die Mauer


ausgezeichnet

Auf der Mauer, auf der Laue sitzt keine kleine Wanze, sondern ein Haufen Briten, "Verteidiger" genannt. Wobei der Begriff "Haufen" zu despektierlich gewählt ist: es ist eine durchorganisierte Truppe, die exakt durchstrukturiert ist und punktgenau tickt. Diese Verteidiger leben in einem Land, einem Bereich, einem Territorium, einer Zone - wie auch immer, genau wird es nicht bezeichnet, auch wenn aufgrund der Ortsbezeichnungen immer wieder klar wird, dass Englad gemeint ist - in das viele andere rein wollen. Über das Meer, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Sie werden ebenso wie die genauen politischen Strukturen nicht näher erläutert, es sind einfach "Die Anderen".

Die Zeit der Mauerverteidigung währt zwei Jahre und davon ist - ab einem bestimmten Alter - niemand ausgenommen. Wobei - sie kann verlängert werden vom jeweiligen Vorgesetzten, einfach so, ohne dass man dagegen etwas machen kann.

Wenn man einen der "Anderen" durchgelassen hat, dann passiert etwas ganz Schreckliches. Wobei - eigentlich ist ja seit Jahren nichts passiert, aber gerade braut sich wieder etwas zusammen. Und zwar nicht zu knapp.

Der großartige englische Romancier John Lanchester hat hier eine eigene Welt geschaffen. Eine, die mit der von Pippi Langstrumpf, die sich "ihre Welt malt, wie sie ihr gefällt" so gar nichts zu tun hat.

Nein, es ist eine düstere, bedrohliche. Für uns jedenfalls, die wir anderes gewohnt sind. Lanchesters Protagonist Joseph Kavanagh nicht unbedingt, er ist in diesen Strukturen aufgewachsen und kennt nichts anderes. Seine Eltern allerdings schon, denn sie haben das "davor" erlebt. Worüber sie aber nicht allzuviel erzählen (dürfen). Nach und nach wird uns diese für Joseph, den Ich-Erzähler, so selbstverständlich erscheinende Welt vermittelt. Eine Welt, die alles andere als transparent ist und in der - wie es sich zeigt - es auch für Joseph noch viel zu erfahren gibt. Beklemmendes, Düsteres, Erschreckendes - so in etwa in dieser Reihenfolge.

In mir hat die Lektüre ein ungutes Gefühl hinterlassen. Eines, dass mich an die Gegenwart denken ließ, an ein Jetzt, in dem neue Mauern hochgezogen werden (sollen), in dem viele Menschen unbedingt woanders sein wollen, als da, wo sie sind. Und andere sie nicht dorthin lassen wollen. In einer Gegenwart also, in der viele nicht dorthin dürfen, wo sie hin wollen, nicht einmal dann, wenn ihre Lieben bereits dort sind. In ein Jetzt, in dem man sich Tag für Tag fragt, wem man denn überhaupt noch trauen kann.

Ist das möglicherweise bereits die Vorstufe zu einer Welt, ähnlich der des Lanchester-Entwurfs? Es könnte schon sein. Aus meiner Sicht ist dies ein phänomenales Gegenstück zu "1984", ein wenig zuversichtlicher Entwurf einer Zukunft, die gar nicht so weit weg zu sein scheint. Es war keine Freude, diesen Roman zu lesen, nein, ganz und gar nicht. Eher eine Notwendigkeit. Die Lektüre hat mich nicht entspannt, sehr wohl aber bereichert. Ein Buch, das weh tut und das sich dennoch jeder, der von sich behauptet, im Hier und Jetzt angekommen zu sein, zu Gemüte führen sollte!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 01.03.2019
Was man unter Wasser sehen kann
Dyckerhoff, Henriette

Was man unter Wasser sehen kann


sehr gut

Sauerland, mein Herz schlägt für das Sauerland: Luca, Ende 20, aus dem (fiktiven) Ronnbach im Sauerland, kann diesem begeisterten Statement nicht zustimmen. Im Gegenteil, seit es sie vor fünf Jahren nach Berlin verschlug, genießt sie ihr provisorisches Leben dort und denkt nicht einmal daran, das zu ändern. Sie arbeitet in einem Laden und teilt Ladentheke und Matratze (ein Bett hat sie nicht) mit dem Ladenbesitzer Vinz. Manchmal jedenfalls. Sonst weiß sie nicht viel über ihn und denkt auch nicht daran, diese Situation zu ändern.

Bis sie eine SMS von ihrer alles andere als mütterlichen Mutter Marion erhält, die sie in Berlin besuchen will. Gleich am nächsten Tag. Sie kommt aber nicht an, auch nicht ein wenig später. Nach einem besorgten Anruf von Oma Grete, die mit Marion in einer Art Hausgemeinschaft lebt, begibt sich Luca nach drei Jahren Pause nach Ronnbach. Heim ins Sauerland.

Welches ihr zunächst sauer aufstößt, denn an ein glückliches Familienleben in Ronnbach, gleich an der Talsperre, kann sie sich nicht erinnern.

Ihre Großmutter Grete hingegen, deren Schicksal in einem zweiten Erzählstrang rückblickend bis in die 1950er und 60er Jahre beschrieben wird, umso mehr: sie erinnert sich noch an ein anderes Ronnbach, genauer gesagt da, wo jetzt der See bzw. die Talsperre ist. Das eigentlich Ronnbach nämlich wurde abgerissen, die Einwohner zwangsumgesiedelt.

Ich als Nordrhein-Westfälin jaule dabei gleich schmerzverzerrt auf, sind diese Zwangsumsiedlungen bei uns doch an der Tagesordnung, aktuell hauptsächlich aufgrund von Braunkohle-Tagebau. Ich bin also den Umgang mit zwangsumgesiedelten Menschen gewohnt und konnte den Verlust, den die Kriegs- und Nachkriegsgeneration bei der Überflutung von Ronnbach erlitt, sehr gut nachvollziehen.

Besonders aufgrund der eindringlichen Schilderung der Autorin Henriette Dyckerhoff. Selbst ein Kind der 1970er, trifft sie den Nagel auf den Kopf in ihrer sauerländisch-kargen, dennoch empathischen Schilderung der Vorfälle damals.

Und der Ereignisse der Gegenwart (bzw. 2015), als Luca auf der Suche nach ihrer Mutter zurückkommt ins Dorf.

Ein eindringlicher Roman mit ebenso starken wie schwachen Charakteren, die eben lebensnah und damit nicht immer gleich "drauf" sind. Obwohl ich die Schilderung als sehr kraftvoll empfand, haben mich auf der anderen Seite ein paar Längen und Wiederholungen gestört. Das kann aber daran liegen, dass ich aus der schnellebigen Stadt Köln komme und trotz Nähe und Verbundenheit dem Sauerländer Naturell nicht in jeder Hinsicht folgen kann.

Ein Buch über Verluste, aber auch über das Überleben. Stark und schwach zugleich, wie das Leben eben. Ich empfehle es allen, die eine neue Autorin mit einem spezifischen Stil, einer besonderen Kraft kennenlernen wollen. Nicht nur Sauerländern!