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Benutzername: Havers
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Bewertungen

Insgesamt 936 Bewertungen
Bewertung vom 10.07.2020
Vaters Wort und Mutters Liebe
Wähä, Nina

Vaters Wort und Mutters Liebe


ausgezeichnet

Achtziger Jahre, Vorweihnachtszeit. Mutter, Vater, 12 Kinder, 22 Schlüsselfiguren. Handlungsort ein Bauernhof im nordfinnischen Tornedal an der Grenze zu Schweden. Eine Großfamilie, die „Rattenschar“, wie sie von der ältesten Tochter Annie bezeichnet wird. Die Eckpunkte für ein 543 Seiten starkes Epos über Eltern und Kinder, über Geschwisterliebe, wechselnde Loyalitäten und Verrat, über Sprachlosigkeit und Geheimnisse, Flucht und Überlebenswillen.

„Vaters Wort und Mutters Liebe“, bereits der Titel deutet die Richtung dieses außergewöhnlichen Familienromans an. Der Vater herrisch, bestimmend und brutal, die Mutter duldend, bescheiden, erfüllt von ihrer Liebe zu den Kindern, die unterschiedlicher nicht sein könnten, obwohl sie alle die gleichen Startbedingungen haben. Aber in einem sind sie sich einig, sie wollen, ja müssen ihrer Mutter helfen, damit sie sich aus dieser toxischen Beziehung befreien kann.

14 verschiedene Schicksale, verknüpft durch die Familienbande und geprägt durch das Leben in der finnischen Einöde. Daran ändert auch das Weggehen, das Flüchten nichts, es beleibt eingebrannt in die verschiedenen Biografien. Geklammert durch das Familientreffen zu Weihnachten erzählt die Autorin jede einzelne davon, gibt jeder dieser Personen eine eigene Stimme und treibt so die Handlung voran.

Ein lesenswerter Roman, der schon allein durch die Vielzahl der Perspektiven aus dem Rahmen fällt,. Aber keine Angst das ist kein Problem, denn neben der Auflistung der Schlüsselfiguren zu Beginn, gibt es auch noch das beigefügte Lesezeichen, auf dem die einzelnen Familienmitglieder mit Namen und Eigenschaften aufgeführt sind.

Bewertung vom 09.07.2020
Der Würfelmörder / Fabian Risk Bd.4
Ahnhem, Stefan

Der Würfelmörder / Fabian Risk Bd.4


weniger gut

Eine Information vorweg. Das Buch ist bereits 2019 unter dem Titel „10 Stunden tot“ erschienen. Eine Verkaufsstrategie, die mittlerweile bei vielen Verlagen Usus ist, aber (hoffentlich) den Leser verärgert.

Und auch nachdem man das Buch zuklappt, entpuppt es sich nicht nur deshalb als Mogelpackung. Warum? Die Gründe dafür sind vielfältig, am schwersten wiegt allerdings meiner Meinung nach, dass der Autor die Erwartungen seiner Leser massiv enttäuscht.

Das Team der alkoholkranken Kripochefin Tuvesson ermittelt in verschiedenen Fällen, wobei Fabian Risk, „Starermittler“ und Namensgeber der Reihe, bis in den Spätsommer beurlaubt ist und ansonsten weitestgehend seine eigene Suppe kocht, heißt einem alten Fall nachgeht, wenn er nicht gerade mit seinem deprimierenden Privatleben beschäftigt ist.

Tuvesson hingegen geht in Reha, obwohl die Hütte brennt. Wenn das bei der schwedischen Polizei üblich ist, wundert es mich nicht, dass Anzeigen dort nicht ernst genommen bzw. bearbeitet werden. So geschehen im Fall „Molly“.

Molly wird gestalkt, jemand dringt während sie schläft in ihr Schlafzimmer ein, fotografiert sie und schneidet ihre Ponyfransen ab. Die Polizei quittiert ihre Befürchtungen mit einem Schulterzucken. Wie die Geschichte endet, kann man sich denken, ist ja ein Thriller. Sie wird ermordet, stirbt einen qualvollen Tod.

Ein Flüchtlingskind verschwindet, und die Bereitschaft der Polizei, der Sache nachzugehen, ist auch eher gering. Lediglich Kriminalinspektorin Irene Lilja beharrt darauf, sich darum zu kümmern, und sie hat recht. Das Kind wird in der Waschküche tot aufgefunden. Ein fremdenfeindlicher Übergriff?

Und dann noch besagter Würfelmörder, der seine Opfer nach dem Zufallsprinzip auswählt. In diesem Fall tappt die Polizei komplett im Dunkeln.

Zwei weitere Punkte sind mir während des Lesens sehr unangenehm aufgefallen: Zum einen habe ich mich an der äußerst vulgären Sprache gestört, an Schimpfwörtern, die Frauen gegenüber inflationär gebraucht wurden. Nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern in SMS oder um dem Ärger über eine Kollegin Ausdruck zu verleihen (Beispiel Kim Z.). Zum anderen gibt mir das Frauenbild, das hier transportiert wird, stark zu denken. Egal, wie gut diese Frauen im Job/Alltag sind, in ihren Partnerschaften lassen sie sich klein halten, stehen nicht für sich ein und lassen es sogar zu, dass sie geschlagen werden – ohne sich zu wehren. Das geht überhaupt nicht.

Aber zurück zum Thema. Verschiedene Fälle, verschiedene Handlungsstränge. Jeder für sich eigentlich interessant. Aber was macht der Autor daraus? Sozusagen nichts. Ein einziger Fall wird zweifelsfrei aufgeklärt, nämlich der von Molly. Die anderen harren der Auflösung, und wenn man diese haben möchte, muss man den Nachfolgeband lesen.

Dieses Konzept mag in Fernsehserien funktionieren, für die der Autor in der Vergangenheit Drehbücher geschrieben hat, bei Thrillern/Krimis ist die Erwartungshaltung der Leser eine andere. Wenn ein Autor annähernd 2.500 Seiten braucht (für die gesamte Reihe), um einen schlüssigen Thriller zu schreiben in dem alle Feuer, die er bis dato gezündet hat, gelöscht werden, sollte er es vielleicht mit einem anderen Genre versuchen. Ein Krimi/Thriller verlangt nach einer Auflösung, mehr ist dazu nicht zu sagen. Punkt.

Bewertung vom 08.07.2020
Hausgemacht & eingekocht
Schuhbeck, Alfons

Hausgemacht & eingekocht


ausgezeichnet

Konservierungsmittel, Farbstoffe, künstliche Aromen – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, und das ist nur die Speerspitze der Inhaltsstoffe, ohne die mittlerweile kaum noch ein Nahrungsmittel aus der Lebensmittelindustrie auskommt. Als Folge davon kämpfen viele Menschen mit Unverträglichkeiten und Allergien. Aber Abhilfe ist mit dem neuen Kochbuch von Alfons Schuhbeck „Hausgemacht & Eingekocht“ in Sicht. Und die Ausrede, dass man keine Zeit zum Kochen hat, greift hier nur bedingt, denn kaum ein Rezept liegt in der Zubereitungszeit bei über 30 Minuten.

In erster Linie werden hier Basics vermittelt, Das beginnt mit einem Crash-Kurs zum Einkochen und detaillierten Informationen zur alternativen Methoden des Haltbarmachens. Es folgen die „Klassiker fürs ganze Jahr“: Soßen und Dressings, aber auch Rezepte für Granola und Ketchup und – meine Favoriten – Gemüsebrühpulver und Salzzitronen. Die nachfolgende Gliederung orientiert sich an den Jahreszeiten, wobei hier von Limonaden, Likören, Kräutern, Rillette, Pickles, Kuchen und Gebäck so ziemlich alles dabei ist, was man sich vorstellen kann. Am informativsten sind meiner Meinung nach die Rezepte für Herbst/Winter, bei denen Schuhbeck auch die Technik des Fermentierens im Detail beschreibt. Hinweise zur Resteverwertung sowie ein Saisonkalender runden den positiven Eindruck dieses auch optisch sehr ansprechenden Kochbuchs ab, das sich gleichermaßen für erfahrene Hobbyköche als auch für blutige Anfänger eignet.

Die benötigten Zutaten sind nicht exotisch sondern überall erhältlich und werden im Idealfall dann verarbeitet, wenn sie Saison haben. Und natürlich sollte man Wert auf regionale Produkte legen, die man im Idealfall direkt beim Erzeuger z.B. im Hofladen einkauft.

Eine Anmerkung habe ich aber noch für das Lektorat: Das Remouladenrezept ist mit „Remoulade ohne Ei“ überschrieben. Und was findet man in der Zutatenliste? Richtig, ein hart gekochtes Ei.

Bewertung vom 06.07.2020
Greenfeast: Frühling, Sommer / Das kleine Buch der grünen Küche Bd.1
Slater, Nigel

Greenfeast: Frühling, Sommer / Das kleine Buch der grünen Küche Bd.1


ausgezeichnet

Dass täglicher Fleischverzehr zum einen der Ökobilanz schadet und zum anderen der Gesundheit auf Dauer nicht zuträglich ist, wissen wir mittlerweile alle und haben (hoffentlich) daraus Konsequenzen gezogen. Salat, Gemüse und Obst gehören täglich auf den Tisch, und zwar nicht nur als dekorative Beilage.

Diesem geänderten Essverhalten trägt der Frühling/Sommer-Band „Greenfeast. Das kleine Buch der grünen Küche“ Rechnung. Der britische Food-Journalist Nigel Slater hat darin über 110 vegetarische Rezepte gesammelt, die für Abwechslung auf dem Teller sorgen, schnell zubereitet sind – ein nicht zu unterschätzender Faktor - und keine Konzessionen hinsichtlich Optik und Geschmack machen. Manche Kombinationen mögen auf den ersten Blick gewagt erscheinen z.B. überbackener Feta mit Honig, aber genau das macht den Reiz für die Geschmacksnerven aus. Und es funktioniert!

Die Zutaten sind, auch wenn sie manchmal auf den ersten Blick exotisch erscheinen, den Jahreszeiten angemessen und überall erhältlich, auch wenn man nicht in der Großstadt lebt. Falls nicht, können sie problemlos ausgetauscht bzw. ersetzt werden. Anstelle von Freekeh habe ich polierten Dinkel genommen, Za'atar habe ich mir selbst gemischt, helle Misopaste durch kräftig gewürzte Gemüsebrühe ersetzt – und es hat funktioniert. Die Rezepte sind unkompliziert, der zeitliche Aufwand überschaubar, ebenso das benötigte Equipment. Vieles lässt sich in einem Topf, einer Pfanne, einer Auflaufform zubereiten, sodass man nach dem Kochen nicht stundenlang die Spuren beseitigen muss.

Ich tue mich schwer damit, Nigel Slaters Publikationen auf den Begriff Kochbuch zu reduzieren. Für mich sind sie in erster Linie Inspiration, da ich üblicherweise kein Rezeptkocher bin, sondern eher nach Anregungen suche und mich hier gerne verleiten lasse, Neues auszuprobieren. Und ich schätze seine klugen Gedanken und die kleinen Essays, die die Rezepte begleiten und den einen oder anderen Denkanstoß geben.

Bewertung vom 03.07.2020
Aus und davon
Hahn, Anna Katharina

Aus und davon


sehr gut

Elisabeth, die „Eli-Oma“, hat Enkel-Dienst. Ihre Tochter gönnt sich eine Verschnaufpause in den Vereinigten Staaten und sie managt derweil den Familienalltag in der Stuttgarter Ostendstraße mit den beiden Kindern. Raus aus dem vertrauten Habitat in Hedelfingen in eine Umgebung, die ihr äußerst suspekt ist, die so gar nichts mit der gewohnten Aufgeräumtheit zu tun hat, die ihr bisheriges Leben bestimmt hat, sie mit Herausforderungen konfrontiert, denen sie sich anfangs nicht gewachsen fühlt, schlussendlich aber doch bewältigt. Auch – und vor allem – durch den Blick zurück.

„Aus und davon“ ist aber mehr als ein bloßer Familienroman. Hahn richtet ihren Blick entlarvend, aber nie wertend, auf die kleinen und großen Fluchten aus brüchigen Beziehungen, auf das Weggehen und das Dableiben, auf das sich Davonstehlen aus Lebensumständen, die die Freude am Leben im Keim ersticken. Elisabeth hat es schon einmal geschafft, konnte sich aber dennoch nicht völlig von ihrer pietistischen Sozialisation lösen, auch wenn sie glaubte, ihr durch die Heirat mit Hinz entkommen zu sein. Jetzt hat er sie nach seinem Schlaganfall verlassen, ist weg mit einer Reha-Bekanntschaft. Auch ihre Tochter Cornelia braucht wieder Luft zum Atmen, nachdem ihr Mann sie verlassen hat und zurück in seine griechische Heimat gegangen ist. Ob ihr die USA-Reise auf den Spuren ihrer ausgewanderten Großmutter dabei helfen kann?

Drei Ebenen aus Vergangenheit und Gegenwart, die Hahn gekonnt verbindet. Natürlich der Stuttgarter Alltag mit Elisabeth und den beiden Enkeln, Cornelias Erlebnisse während ihrer Reise und dazu dann noch der Rückblick auf die Geschichte der Großmutter. Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinander, bedingen und beeinflussen sich gegenseitig, zeigen Zusammenhänge auf und heilen am Ende. Jeden einzelnen. Zumindest ein bisschen.

Bewertung vom 02.07.2020
DUNKEL / HULDA Trilogie Bd.1
Jonasson, Ragnar

DUNKEL / HULDA Trilogie Bd.1


ausgezeichnet

Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Kriminalpolizei von Reykjavik, hat nur noch wenige Wochen bis zum Erreichen des Rentenalters. Eigentlich ein Grund zur Freude, nicht aber für Hulda. Ihr ganzes Leben hat sie dem Beruf untergeordnet und dafür ihr Privatleben und ihre Familie vernachlässigt. Deshalb trifft es sie umso härter, dass man sie vorzeitig aus dem Dienst entfernen möchte, in den Vorruhestand schickt. Das einzige Zugeständnis ist die Erlaubnis, letztmals einen ungelösten Fall aufzurollen. Zwei Wochen für die Aufklärung, mehr Zeit bleibt ihr nicht. Huldas Wahl ist schnell getroffen, denn der angeblich zufällige Tod der russischen Asylbewerberin Elena hat bereits während der nach ihrem Eindruck schlampigen Ermittlung ihr Misstrauen erregt.

Der Ansatz “ältere Frau in einem von Männern dominierten Berufsfeld“ bietet eine interessante, wenn auch nicht klischeefreie Ausgangslage. Die/der engagierte Kommissarin/Kommissar, die/der zugunsten ihres/seines Jobs das Privatleben gegen die Wand fährt und am Ende der Tage ohne jede Beziehung dasteht und deshalb auf sich selbst zurückgeworfen wird - nun ja, geschenkt. Das kennen wir bereits aus zahlreichen Kriminalromanen. ABER...Jónassons Herangehensweise ist interessant und eher ungewöhnlich. Als Trilogie konzipiert, wird die “Hulda-Story” vom Ende zum Anfang hin erzählt (Band 2 erscheint in Kürze, Band 3 im Herbst) und entwickelt sich sehr behutsam. Die atmosphärischen Schilderungen passen, der Stil fesselt. Kein blutiger Mord zu Beginn, sondern drei zeitlich getrennte Erzählstränge, die auf den ersten Blick keine Verbindung aufweisen. Das weckt das Interesse des Lesers und hält ihn bei der Stange, zumal man davon ausgehen kann, dass der Autor, gerade was seine Protagonistin und deren Leben angeht, bestimmt noch den einen oder anderen Pfeil im Köcher hat. Gerade zu Beginn fragt man sich immer wieder, ob und wie die unterschiedlichen Schilderungen zusammenhängen. Betreffen sie Huldas Vergangenheit oder Elenas Geschichte?

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob man die nachfolgenden bzw. vorhergehenden Bände noch lesen sollte/muss, wenn man den Ausgang der Geschichte bereits kennt. Diese Frage beantworte ich für mich mit einem deutlichen JA, denn da sind noch so viele offene Fäden, die es zu verweben gilt. So viele Ungereimtheiten, so viele Andeutungen, so viele Fragen, auf die ich gerne eine Antwort hätte. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung und hoffe, dass ich damit des Rätsels Lösung einen Schritt näher komme.

Bewertung vom 18.06.2020
Bretonische Spezialitäten / Kommissar Dupin Bd.9
Bannalec, Jean-Luc

Bretonische Spezialitäten / Kommissar Dupin Bd.9


ausgezeichnet

Kommissar Dupin ist aushäusig. In Saint-Malo, der stolzen Korsarenstadt an der Nordküste. Dort findet ein Seminar statt, das die Zusammenarbeit der vier bretonischen Departements auf ein neues Level heben soll. Verbesserung der Arbeitsbeziehungen und Teambuilding, eine grauenhafte Vorstellung für Dupin, für den solche Veranstaltungen ein Graus sind. Einzig das Rahmenprogramm versöhnt ihn, hat die Gegend nicht nur landschaftlich sondern auch kulinarisch eine Menge zu bieten. Regionale Produkte in Top-Qualität und innovative Köche, der Himmel für jeden Gourmet.

Aber es soll anders als erwartet kommen, denn auf dem Wochenmarkt wird vor Dupins Augen die „Chef(in)“eines erfolgreichen Sterne-Restaurants von ihrer Schwester erstochen. Und das soll nicht der einzige Mord im Umfeld der beiden Schwestern bleiben, weshalb auf Geheiß der zuständigen Präfektin ein Dreierteam zusammengestellt wird, das den Fall aufklären soll: Huppert, die Einheimische und Nedellec aus den Cotes-d’Armor. Und selbstverständlich Georges Dupin, bei Bedarf unterstützt von Nolwenn und Riwal, seinen Mitarbeitern aus Concarneau. Entgegen Dupins Vermutungen klappt die Teamarbeit der drei Kommissare ohne Probleme, wenn auch die Motive für die Morde lange im Verborgenen bleiben. Doch Stück für Stück lichtet sich das Dunkel und schlussendlich gelingt es dem „Brit-Team“, wie es von der einheimischen Presse bezeichnet wird, den Fall erfolgreich abzuschließen.

Wie bereits in den Vorgängern beschränkt sich der Autor im vorliegenden Band auf eine bretonische Region, in der Dupin ein Verbrechen aufzuklären hat. En passant wird der Leser mit interessanten Fakten zu Land und Leuten versorgt, wobei wie immer auch die Historie nicht zu kurz kommt. Atmosphärische Landschaftsbeschreibungen wechseln sich mit dem Blick in die Töpfe ab (hier ist es die Spitzengastronomie) und vermitteln Urlaubsfeeling bzw. machen Lust auf Urlaub in der nordfranzösischen Provinz.

Offenbar haben das auch die für den Fremdenverkehr Verantwortlichen gemerkt, und Jörg Bong aka Jean-Luc Bannalec 2016 den Titel „Mécène de Bretagne“ verliehen und ihn 2018 als Ehrenmitglied in die Académie littéraire de Bretagne aufgenommen.

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Bewertung vom 17.06.2020
Das schwarze Band / August Emmerich Bd.4
Beer, Alex

Das schwarze Band / August Emmerich Bd.4


ausgezeichnet

Der „Große Krieg“ ist seit drei Jahren vorbei, aber die Folgen sind noch immer zu spüren. Nahrungsmittel sind knapp, bezahlbarer Wohnraum kaum zu finden. Die Inflation treibt die Preise in ungeahnte Höhen, die Bevölkerung hungert, kämpft tagtäglich ums Überleben. Selbst diejenigen, die Arbeit haben, leben am Rande des Existenzminimums.

Lediglich den Kriegsgewinnlern und den Adeligen fehlt es an nichts. Obwohl letztere ihre Privilegien verloren haben, leben sie noch immer in Saus und Braus. Nutzen ihre Verbindungen, instrumentalisieren Sympathisanten, gehen über Leichen und tun alles, um die Uhr zurück zu drehen und den Fortschritt der Republik zu verhindern. Unrechtsbewusstsein? Fehlanzeige.

Es ist ein besonderes Kennzeichen dieser Reihe, dass die Autorin reale historische Ereignisse mit einer spannenden Handlung verknüpft. Wie auch in „Das schwarze Band“ sind es vor allem die ewig Gestrigen, die mit kriminellen Machenschaften den Weg der Alpenrepublik hin zur Demokratie torpedieren wollen. Als Aufhänger dienen hier die Streitigkeiten um das Burgenland, aber eigentlich scheint dies nur der Vorwand zu sein, um Kaiser Karl I. und somit auch die Monarchie wieder in Amt und Würden zu bringen.

Soweit die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die Kriminalinspektor August Emmerich und seinem Assistenten Ferdinand Winter von der Abteilung Leib und Leben auch in ihrem vierten Fall das Leben schwer machen. Dazu kommt, dass Winter diesmal auf sich allein gestellt ist, da sein Vorgesetzter wegen einer flapsigen Bemerkung bei dem Empfang zu Ehren des neuen Bundeskanzlers Schober, ehemals Polizeichef, von den Ermittlungen abgezogen und in einen „Benimmkurs“ verfrachtet wird. Doch Emmerich wäre nicht der, den wir kennen, wenn er deshalb klein beigäbe.

Eine gut recherchierte Reihe, die nicht nur spannende Unterhaltung und authentisches Zeitkolorit bietet, sondern nebenbei auch Fakten vermittelt, die zur weiterführenden Lektüre animieren. Für Fans des historischen Kriminalromans ein absolutes Muss.

Bewertung vom 12.06.2020
Südtiroler Leibgerichte
Perwanger, Hanna

Südtiroler Leibgerichte


weniger gut

Basis des erstmals 1967 erschienenen Kochbuchs ist die Rezeptsammlung von Hanna Perwanger (1904-2001), ehemals Köchin auf dem traditionsreichen Zirmerhof, einem hochpreisigen Berghotel in Radein nahe Bozen, deutlich vorgestellt/beworben zu Beginn des Buches, was meiner Meinung nach in einem Kochbuch nichts zu suchen hat ,sondern eher in die Tourismusbroschüre des Fremdenverkehrsamts gehört.

Die Gerichte sind allesamt von der bäuerlichen Tradition geprägt. Man verwendet die Zutaten, die vorhanden sind, die man selbst anbaut oder ohne großen Aufwand beschaffen kann. Wenig raffiniert, dafür deftig und absolut nichts für Kalorienzähler. Kohlenhydrate, Fette in Form von Butter und dem allgegenwärtigen Südtiroler Speck sowie Fleisch in allen Variationen dominieren das „Gesottene und Gebratene“. Rind, Schwein und Innereien, ok. Aber wer verwendet heutzutage schon noch Kalbshirn. Kalbslunge und Kalbskopf? Oder tranig schmeckenden Hammel, wenn es Lammfleisch gibt?

Natürlich muss man nicht jeden Trend mitmachen und Tradition hin oder her, ein neu aufgelegtes Kochbuch sollte schon auch die aktuellen Ernährungsgewohnheiten berücksichtigen und überlieferte Rezepte anpassen bzw. entstauben. Ansonsten taugt es lediglich als nostalgisches Regalbuch, das überliefertes Küchenwissen bewahren möchte, im Haushalt aber nicht zum Einsatz kommt. Es gibt zwar auch einige Rezepte, die ohne Fleisch auskommen, aber im Wesentlichen sind das die Beilagen. Gerichte, in denen Gemüse die Hauptrolle spielt, kann man leider an einer Hand abzählen und diese sind eher einfallslos und ohne Raffinesse.

Bewertung vom 11.06.2020
Schwarzer August / Leander Lost Bd.4
Ribeiro, Gil

Schwarzer August / Leander Lost Bd.4


ausgezeichnet

Zu Beginn der Reihe von seiner Hamburger Dienststelle im Austausch nach Portugal geschickt, hat Leander Lost mittlerweile eine neue Heimat an der Algarve gefunden, wozu nicht zuletzt die Beziehung zu Soraia beiträgt. Und auch beruflich läuft dank seiner Planstelle bei der Polícia Judicária alles glatt. Hier wird er wegen seinem Asperger und den damit einhergehenden "Spleens" nicht schräg angeschaut, im Gegenteil. Seine Kollegen Graciana, Carlos und selbst Duarte schätzen ihn als wertvolles Teammitglied und verlässlichen Freund, denn oft sind es gerade seine besonderen analytischen Fähigkeiten, die bei der Verbrechensaufklärung hilfreich sind. Und auch in dem aktuellen Fall des Bombenlegers, der die Gegend rund um das idyllische Städtchen Fuseta unsicher macht, bestätigt sich dies einmal mehr.

Kriminalromane, die an mehr oder minder „exotischen“ Orten angesiedelt sind, gibt es viele. Die Story ist meist recht gradlinig gehalten: es geschieht ein Verbrechen, die Polizei ermittelt, der Täter wird entlarvt. Das alles garniert mit netten Landschaftsbeschreibungen, die Lust auf Urlaub machen.

Auch die Lost-Reihe ist nach diesem Prinzip angelegt, punktet aber zum einen natürlich durch den liebenswerten Protagonisten sowie dessen sympathische Kollegen, zum anderen aber auch durch die detaillierten Beschreibungen des immer etwas melancholischen portugiesischen Lebensgefühls, nicht zu vergessen das einzigartige Azur.

Der zugrunde liegende Kriminalfall vermittelt zwar nicht die absolute Hochspannung, hat aber meist, so auch in „Schwarzer August“, einen gesellschaftskritischen Hintergrund mit regionalen Bezügen. Eine gelungene, unterhaltsame Mischung aus Ermittlungsarbeit und – zugegeben, diesmal ziemlich viel – Beziehungs- und Gruppendynamik. Aber genau das macht für mich den Reiz bei dieser Reihe aus, und so warte ich voller Vorfreude auf die Fortsetzung.