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Benutzername: Havers
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Bewertungen

Insgesamt 769 Bewertungen
Bewertung vom 10.12.2018
Die Gewissenlosen
Férey, Caryl

Die Gewissenlosen


ausgezeichnet

Wenn überhaupt, dann wird der bretonische Autor Caryl Férey den deutschen Lesern am ehesten durch die Verfilmung seines Südafrikaromans „Zulu“ (mit Orlando Blum und Forest Whitaker) bekannt sein., denn obwohl er seit 1994 schreibt, wurden bisher lediglich „Zulu“ und „Jähzorn“ in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Sehr bedauerlich, denn seine Romane sind reinster Polar, rabenschwarze sozialkritische Momentaufnahmen einer komplexen und chaotischen Welt. Bestes Beispiel hierfür ist die Trilogie (2002 – 2018), in deren Zentrum der nach dem IRA-Attentat auf Lord Mountbatten ausgewiesene Ire Mc Cash steht. Jurastudium in Frankreich, danach Polizeidienst in Brest

Nun liegt zumindest der mittlere Band mit dem Titel „Die Gewissenlosen“ (veröffentlicht bei Limes) nun endlich in der Übersetzung vor: Es sieht nicht gut aus für Mc Cash. Er droht zu erblinden, hat höllische Schmerzattacken und nichts, wofür es sich zu leben lohnen würde. Quittiert den Job und wartet auf das Ende. Der Brief einer verstorbenen Ex-Geliebten reißt ihn aus der Lethargie, denn offenbar hat er eine Tochter, um die er sich kümmern soll. Seine Begeisterung über diese Nachricht hält sich in Grenzen, aber er macht sich auf den Weg nach Montfort-sur-Meu, wo kurz nach seiner Ankunft die Leiche eines ertrunkenen Mädchens gefunden wird. Bei toten Kindern kennt selbst der desillusionierte Mc Cash kein Pardon. Getrieben von unbändiger Wut nutzt er seine ehemaligen Kontakte, um den Täter dingfest zu machen. Aber gleichzeitig muss er, der für sein eigenes Leben keinen Pfifferling mehr geben würde, auch seine Tochter beschützen. Sie kannte das Mädchen, und könnte deshalb bereits ins Visier des Täters gerückt sein.

Harte Sprache, jede Menge Gewalt, kurze Kapitel, alles auf den Punkt. Jeweils überschrieben mit einem Songtitel der britischen Punkband The Clash. Und wie deren Musik hat auch dieser Roman einen ganz besonderen Rhythmus und darf wohl als Hommage an diese Band verstanden werden. „La jambe gauche de Joe Strummer“ („Das linke Bein des Joe Strummer“), so der Originaltitel. Joe Strummer, Sänger und Gitarrist, bekannt dafür, dass er bei Konzerten mit seinem linken Bein „wie eine Furie auf den Boden stampfte“. In Rage wie Mc Cash. Strummer starb am 22. Dezember 2002 an einem nicht festgestellten Herzfehler.

Bewertung vom 08.12.2018
Commissaire Le Floch und das Phantom der Rue Royale / Commissaire Le Floch Bd.3
Parot, Jean-Francois

Commissaire Le Floch und das Phantom der Rue Royale / Commissaire Le Floch Bd.3


ausgezeichnet

Nicolas Le Floch ist zurück, der Pariser Commissaire und Protagonist des französischen Schriftstellers und Historikers Jean-Francois Parot. Die Reihe besteht aus dreizehn Bänden, wird aber auch nicht fortgeführt, da der Autor im Mai 2018 leider verstorben ist.

Zehn Jahre sind seit dem letzten Fall vergangen, mittlerweile schreiben wir das Jahr 1770, und das dritte Buch (der dreizehnbändigen Reihe) „Commissaire Le Floch und das Phantom der Rue Royale“ startet mit einem historisch verbürgten Ereignis: Tausende Pariser Bürger haben sich auf der Place Louis XV versammelt, um das große Feuerwerk anlässlich der Vermählung von Ludwig XVI. mit Marie-Antoinette anzuschauen, als durch fehlgeleitete Raketen eine Massenpanik ausbricht. Le Floch ist auf Befehl von Polizeichef Sartine vor Ort, kann aber die Katastrophe auch nicht verhindern. Es gibt unzählige Verletzte und 139 Tote, und unter den Toten fällt Le Floch eine junge Frau mit Strangulationsmerkmalen am Hals auf, die eine schwarze Perle in der Hand hält. Ihre Identität ist schnell geklärt, sie ist die Nichte eines Pelzhändlers, erst vor kurzem aus Neufrankreich (dem heutigen Kanada) zurückgekommen. Aber wer könnte ein Interesse an dem Tod der jungen Frau haben? Le Floch wird mit den Untersuchungen beauftragt, läuft gegen Wände, da offenbar jeder etwas zu verbergen hat und sieht sich während seinen Ermittlungen mit Ereignissen konfrontiert, die weit über seine Vorstellungskraft hinausgehen…

Was die Kriminalromane dieser Reihe auszeichnet ist die historische Authentizität, die mit Sicherheit dem Umstand geschuldet ist, dass das Interesse des Historikers Jean-Francois Parots dem Zeitalter der Aufklärung mit Schwerpunkt Paris galt. Zu dieser Thematik gibt es von ihm auch eine Examensarbeit, in der er exemplarisch die gesellschaftliche Entwicklung in drei Pariser Vierteln unter die Lupe nimmt. Man watet mit seinen Protagonisten durch den allgegenwärtigen Dreck, hat den fauligen Gestank der Gassen in der Nase, hat Mitleid mit den Ärmsten, regt sich über die Borniertheit der Bürger und die Verschwendungssucht des Adels auf. Gepaart mit einem spannenden und raffinierten Plot und einem sympathischen Protagonisten, der sich vom Landei zum Stadtmensch entwickelt hat, bietet „Commissaire Le Floch und das Phantom der Rue Royale“ historisch interessierten Lesern beste Unterhaltung auf hohem Niveau.

Dazu gibt es dann auch noch ein schönes Extra: auf den Innenseiten der Klappenbroschur findet man einen detaillierten Pariser Stadtplan der damaligen Zeit, auf dem die Handlungsorte gekennzeichnet sind, so dass der Leser die Schritte der Protagonisten verfolgen kann.

Bewertung vom 06.12.2018
Der achte Tag / Frieda Klein Bd.8
French, Nicci

Der achte Tag / Frieda Klein Bd.8


ausgezeichnet

Hier ist er also nun, der Abschluss der Frieda Klein-Reihe des englischen Autorenpaares Nicci Gerrard und Sean French. Seit 2011 verfolgen wir das Katz-und Maus Spiel zwischen Frieda, der Londoner Psychotherapeutin, und dem von ihr besessenen Psychopathen Dean Reeve. Er geht buchstäblich über Leichen, um an Frieda heranzukommen, und so ist es für jeden lebensgefährlich, sich bloß in ihrer Nähe aufzuhalten. So rücken immer wieder völlig Unbeteiligte in den Fokus des Killers, wie in diesem Fall Lola Hayes, die Studentin, die es sich nach dem Vorschlag ihres Dozenten in den Kopf gesetzt hat, ihre Seminararbeit über Frieda zu schreiben. Dazu muss sie aber mit ihr in Kontakt kommen. Gar nicht so einfach, den Frieda ist abgetaucht, um Reeves Nachstellungen zu entgehen. Aber dieser weiß schon, welche Knöpfe er drücken muss, um die Therapeutin aus ihrem Versteck zu locken, auch wenn dabei Menschen ihr Leben verlieren. Frieda ist die Einzige, die ihn stoppen kann, auch wenn sie dafür ihr eigenes Leben in den Ring werfen muss.

Wie bereits in den vorherigen Bänden der Reihe entwickelt sich die Handlung langsam und bedächtig. Verschiedene Handlungsstränge und eine Vielzahl von Personen, die, wie es scheint, auf den ersten Blick keinen Bezug zu den zugrunde liegenden Ereignissen haben, entwickeln sich allmählich zu einer komplexen Story. Und hier kommt die Qualität des Autorenpaars deutlich zum Vorschein, die dadurch, dass sie jeder Figur eine entsprechende Hintergrundgeschichte mit auf den Weg geben, für Stimmigkeit sorgen und dem Leser das Gefühl vermitteln, zu keinem Zeitpunkt den Überblick zu verlieren. Auch wenn man das Gefühl hat zu wissen, wohin die Geschichte führt, gibt es doch genügend Überraschungsmomente, die keine Langeweile aufkommen lassen.

Alles hat einmal ein Ende, und so gilt es, etwas wehmütig Abschied von einer spannenden Reihe zu nehmen, die mich über die Jahre begleitet hat. Wer Frieda noch nicht kennt, sollte das schleunigst nachholen. Aber bitte nicht mittendrin einsteigen, sondern mit “Blauer Montag”, dem ersten Band beginnen und sich dann chronologisch durch die Wochentage lesen. Spannende Unterhaltung ist garantiert!

Bewertung vom 04.12.2018
Der Einzelgänger
Child, Lee

Der Einzelgänger


gut

Um es in Abwandlung eines Zitates von Forrest Gump zu sagen: Eine Sammlung von Short Storys ist wie eine Pralinenschachtel. Man weiß nie, was man bekommt. Diese Aussage trifft auch bei der neuesten Veröffentlichung aus dem Jack Reacher Universum den Nagel auf den Kopf.

„Der Einzelgänger“, unter dem Titel „No middle name“ im Original 2017 erschienen, ist eine Sammlung von zwölf kürzeren und längeren Erzählungen, die Lee Child im Lauf der Jahre geschrieben hat. Wer die Reacher-Reihe kennt, weiß was ihn erwartet, allerdings gibt es auch eine Überraschung. „Der zweite Sohn“ führt zurück in Reachers Kindheit auf einem Stützpunkt in Okinawa, wohin die Familie versetzt wurde und man in Grundzügen bereits erkennen kann, wie und warum sich der Teenager entwickeln wird. Für mich eine der stärksten Storys der Sammlung.

Ansonsten gibt es wenig neue Aspekte, aber das ist ja auch das Schöne daran. Der einsame Wolf stromert ziellos durch die amerikanischen Bundesstaaten, wird mehr oder weniger zufällig in mehr oder weniger kriminelle Ereignisse hineingezogen und hilft diese, mit mehr oder weniger Köpfchen und /oder brachialer Gewalt aufzuklären.

Was das Niveau der einzelnen Erzählungen angeht, habe ich mir deutlich mehr erwartet. Höchstens die Hälfte ist qualitativ den Romanen ebenbürtig. Vieles wirkt unrund, extrem konstruiert, ist langatmig, noch nicht auf den Punkt gebracht. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass diese Storys die Ideen des Autors sammeln, Grundgerüste und/oder Exposés für künftige Reacher Geschichten sind. Das wird besonders bei „Zu viel Zeit“ deutlich, von Child in „The midnight line“ (der 22. Reacher, 2017, noch nicht übersetzt) fortgeführt und ausgearbeitet.

Dennoch ist „Der Einzelgänger“ gerade wegen seiner Themenvielfalt die perfekte Wahl für Neueinsteiger ins Reacher-Universum, kann aber auch den Fans empfohlen werden, die sich die Wartezeit auf den zwanzigsten Band der Reihe „Keine Kompromisse“ verkürzen möchten. Erscheint im Juni 2019 bei Blanvalet.

Bewertung vom 30.11.2018
Joe
Brown, Larry

Joe


ausgezeichnet

Oxford, Mississippi scheint ein gutes Pflaster für Autoren zu sein, die sich mit dem Leben im Armenhaus der Vereinigten Staaten literarisch auseinandersetzen. Denn von dort kommen William Faulkner, Richard Ford, John Grisham und nicht zuletzt der geniale Tom Franklin, der hierzulande nach dem Erfolg seines Rural Noir „Krumme Type, krumme Type“ hoffentlich endlich die Aufmerksamkeit erhält, die ihm gebührt.

Und natürlich darf in dieser Aufzählung auch Larry Brown nicht vergessen werden, der schreibende Feuerwehrmann, der leider 2004 im Alter von 53 Jahren viel zu früh verstarb. In der Übersetzung war bisher nur „Fay“ (Original aus dem Jahr 2000) verfügbar, aber glücklicherweise scheint Heyne nun die Lücken zu füllen und hat mit „Joe“ (erstmals 1991 erschienen) nachgelegt.

Aber wer ist nun dieser Joe? Ex-Häftling, Spieler, Gelegenheitstrinker mit einer gescheiterten Ehe, Vorarbeiter einer schwarzen Crew, die unrentable Bäume töten, damit auf den entstandenen Freiflächen im darauffolgenden Jahr gutes Holz gepflanzt werden kann. Ein Mann mit Moral, der sein Leben in den Griff bekommen will. Für den fünfzehnjährigen Gary ist er ein Vorbild. Einer, der ihm einen Job gibt und eine Perspektive zeigt, um dem trostlosen Leben seiner Landstreicher-Familie zu entkommen und sich aus den Fängen seines nichtsnutzigen Vaters Wade zu befreien. Wade ist erbärmlich, ein heruntergekommener Säufer, der seine Frau schlägt, seinen Sohn bestiehlt und seine kleine Tochter für die nächste Flasche Schnaps an schmierige Typen verkauft (die älteste Tochter ist übrigens Fay, und sie ist die einzige, die aus eigenem Antrieb und ohne fremde Hilfe der Familie den Rücken kehrt und sich mutterseelenallein auf den Weg in ein neues Leben macht). Anfangs hält Joe sich aus diesen interfamiliären Problemen heraus, aber schließlich gibt es da den berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, und es kommt zur finalen Konfrontation.

Die Schicksale von Larry Browns Figuren treffen den Leser mitten ins Herz, was mit Sicherheit auch dem schlichten, authentischen Stil geschuldet ist. Er beschönigt nichts, zaubert keinen Gutmenschen aus dem Hut, der den armen Jugendlichen adoptiert und ihm ein sorgenfreies Leben garantiert. Bei ihm kämpft jeder jeden Tag ums Überleben. Muss sich seinen Dämonen stellen und immer wieder aufs Neue entscheiden, welchen Weg er gehen will. Und manchmal müssen auch gute Menschen schlimme Dinge tun um diejenigen, die ihnen etwas bedeuten, zu beschützen, und ihnen so die Hoffnung auf ein besseres Leben zu geben und zu erhalten.

Bewertung vom 25.11.2018
Paris MM-City Reiseführer Michael Müller Verlag
Nestmeyer, Ralf

Paris MM-City Reiseführer Michael Müller Verlag


ausgezeichnet

Wer eine Städtereise in die Metropole an der Seine plant, sollte im Vorfeld dafür unbedingt „Paris“ von Ralf Nestmeyer (kürzlich in der 11. aktualisierten Auflage erschienen) zur Hand nehmen, denn dieser Reiseführer bietet für jeden etwas. Hervorzuheben ist, dass sich Nestmeyer nicht nur auf die allgemein bekannten Sehenswürdigkeiten beschränkt, sondern auch die eher kleinen, oft auch skurrilen Highlights der Stadt vorstellt.

Die Aufteilung ist sehr gut gelungen: Anhand von dreizehn ausführlich beschriebenen Touren von der Ile de la Cité mittendrin bis nach Belleville im Osten begleitet der Autor den Besucher durch die verschiedenen Arrondissements und Quartiers, wobei er jeweils zuerst einen groben Überblick über die Besonderheiten (historisch, aber auch aktuell) der Viertel gibt. In der nachfolgenden Beschreibung des Spaziergangs stellt er dann detailliert die jeweiligen Sehenswürdigkeiten vor, abgerundet durch die Einsprengsel „Paris im Kasten“, die eher unbekannte Hintergrundinformationen zu besonderen Ereignissen/Gebieten/Personen liefern. Am Ende jedes Tour-Kapitels sind dann noch die praktischen Infos zu finden (Restaurants- und Einkaufstipps), und natürlich darf auch der doppelseitige Kartenauschnitt nicht fehlen sowie ein großer Stadtplan im Maßstab 1:20.000 und ein Métro-Plan. Unverzichtbar, wenn man auf eigene Faust unterwegs ist.

Ergänzend sind schließlich noch jede Menge Ausflugstipps ins Pariser Umland beschrieben, die alle problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind. Ob Disneyland oder Parc Astérix für die Kleinen, Vaux-le-Vicomte oder Versailles für die historisch Interessierten oder der Parc de la Villette mit der Cité des Science et de l’Industrie für die Techniks, hier findet jeder Besucher das, was ihn am meisten interessiert.

Für all diejenigen, die nicht nur flanieren sondern sich auch informieren wollen, hat Nestmeyer am Ende des Reiseführers nochmals auf ca. achtzig Seiten „Nachlesen & Nachschlagen“ (Geschichte, weiterführende Literaturtipps, Anreise, Unterkunft etc.) sowie „Kompakt – Auf einen Blick“ (alle Museen, alle Restaurants) alles Wissenswerte zusammengetragen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dieser Reiseführer jede Menge Informationen bietet, nicht nur für Paris-Neulinge, sondern auch für die „Wiederholungstäter“, zu denen ich mich zähle. Und wer noch auf der Suche nach dem idealen Reisebegleiter ist, sollte hier unbedingt zugreifen!

Bewertung vom 22.11.2018
Zeit zu hoffen, Zeit zu leben. / Eine Familie in Deutschland Bd.1
Prange, Peter

Zeit zu hoffen, Zeit zu leben. / Eine Familie in Deutschland Bd.1


ausgezeichnet

Nach „Unsere wunderbaren Jahre“, das zeitlich nach der Währungsreform angesiedelt ist, widmet sich Peter Prange in „Eine Familie in Deutschland: Zeit zu hoffen, Zeit zu leben“ einmal mehr einem Kapitel der deutschen Geschichte. Als Rahmenhandlung dient ihm hierbei die Errichtung des Volkswagenwerks im Wolfsburger Umland. Und damit das Ganze nicht gar zu dokumentarisch gerät, legt er besonderes Augenmerk auf die Familie der Isings, deren Wohlstand sich auf die Produktion von Rübenzucker gründet.

Angelegt ist das Epos auf zwei Teile, wobei der vorliegende Band den Zeitraum zwischen der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs behandelt. Dabei immer im Fokus die vier erwachsenen Kinder der Isings (es gibt noch einen Nachzügler, Willy, der mit Trisomie 21 geboren wurde). Da ist Horst, der Älteste und strammer Nationalsozialist, dessen ganzes Sinnen und Trachten auf die Erlangung eines Parteiamts gerichtet ist. Charly, die engagierte Kinderärztin, deren Beziehung zu einem jüdischen Architekten und der bedingungslosen Liebe zu ihrem kleinen Bruder sie folgenschwere Entscheidungen treffen lässt. Georg, der Ingenieur, ein Wendehals, der seinen besten Freund und Mentor dem beruflichen Erfolg opfert. Und schließlich Edda, die künstlerisch begabte, verstrickt in eine unheilvolle Beziehung mit einer Propagandistin des NS-Regimes.

Prange erzählt ihre Geschichten und persönlichen Dramen, wobei er dies immer wieder mit historischen Ereignissen, Institutionen und Personen der Zeitgeschichte verknüpft. Ob Professor Sauerbruch, Ferdinand Porsche oder Leni Reifenstahl, die Probleme bei der Realisierung des Volkswagens, die Verfolgung und Deportation der Juden, all das wird von dem Autor korrekt dargestellt und verleiht dieser Familiengeschichte eine Authentizität, die weit über das hinausgeht, was man üblicherweise von historischen Romanen, die diesen Zeitraum behandeln, gewohnt ist. Dabei kommen die Inhalte nicht langatmig und trocken belehrend daher, sondern fügen sich nahtlos in die (emotionalen) Schilderungen der persönlichen Schicksalsjahre der Protagonisten ein, die von Widerstand und Kapitulation, Mut und Liebe, aber auch von Verrat und Verzweiflung geprägt sind.

Deutsche Zeitgeschichte, anschaulich und historisch korrekt präsentiert, und wieder einmal ein großer Wurf, der Peter Prange mit diesem Roman gelungen ist. Und natürlich möchte man wissen, wie es für die Kinder der Isings weitergeht. Hoffentlich müssen wir nicht gar so lange auf Teil 2 warten.

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Bewertung vom 21.11.2018
Der Zorn der Einsiedlerin / Kommissar Adamsberg Bd.12
Vargas, Fred

Der Zorn der Einsiedlerin / Kommissar Adamsberg Bd.12


ausgezeichnet

Jean-Baptiste Adamsberg ist anders. Anders, als man sich üblicherweise einen Commissaire der Brigade Criminelle vorstellt. Oft scheint es, als sei er abwesend, mit dem Kopf in den Wolken, aber dieser Eindruck täuscht. Mit seiner unkonventionellen Denkweise, seinen Ahnungen, führt er sein Team regelmäßig auf die richtige Spur und löst den Fall. Und auch dieses Team hat es wahrlich in sich: Danglard, Froissy, Retancourt, Veyrenc de Bilhc, um nur einige zu nennen – jede/r für sich ein Original mit einzigartigen Fähigkeiten, die für ihren Chef durchs Feuer gehen. Manchmal zwar nur widerstrebend, dann aber, wenn sie sich auf seine Denkweise einlassen und die Muster erkennen, mit umso mehr Elan und Sachkompetenz.

So auch in ihrem neuesten Fall, für den Adamsberg seinen isländischen Rückzugsort verlassen und zurück in die französische Metropole muss. Eine Frau wurde ermordet, der Täter muss aus dem unmittelbaren Umfeld kommen. Als Täter kommen nur zwei Menschen in Frage, entweder der Ehemann oder der Geliebte. Aber nicht dieser Fall fesselt das Interesse des verschrobenen Kommissars, sondern eine auffällige Häufung von Todesfällen im Süden Frankreichs, bei denen die Opfer durch Spinnenbisse ums Leben kommen. Wäre da nicht die Tatsache, dass das Gift einer einzelnen Einsiedlerspinne niemals ausreichen würde, um einen Menschen zu töten. Adamsberg verbeißt sich gegen den Widerstand seines Teams in den Fall, gräbt tief und tiefer, auch in seiner eigenen Vergangenheit und löst, wie könnte es anders sein, auch diesen Fall.

Wie bereits in den vorangegangenen elf Bänden der Adamsberg-Reihe beschränkt die die französische Autorin Fred Vargas (von Haus aus Historikerin und Archäozoologin) nicht auf das bloße Whodunit, sondern bietet ihren Lesern jede Menge Details zu Historie, Mythologie und in diesem speziellen Fall auch Zoologie. Dabei verliert sie aber nicht ihren scharfen Blick auf die gesellschaftliche Realität aus den Augen und thematisiert in „Der Zorn der Einsiedlerin“ die Ausgrenzung und Ächtung von Frauen, die sich den gängigen Vorstellungen widersetzen – nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart. Man muss sich darauf einlassen können und wird dafür mit einem ganz besonderen Kriminalroman belohnt, dessen Kernaussage von hinten durch die Brust ins Auge trifft.

Volle Punktzahl und nachdrücklich zur Lektüre empfohlen!

Bewertung vom 06.11.2018
Huhn & Hähnchen
Taylor, Tareq

Huhn & Hähnchen


ausgezeichnet

Schon Henri IV. versprach im sechzehnten Jahrhundert „jedem Bauer am Sonntag ein Huhn im Topf“, denn Hühnerfleisch mag jeder. Es ist unglaublich variabel und kann deshalb in den verschiedensten Geschmacksrichtungen und Zubereitungsarten auf den Teller gebracht werden. Und damit es nicht immer nur Hühnersuppe oder Grillhähnchen gibt, lohnt es sich, einen Blick in das neue Kochbuch von Tareq Taylor „Huhn & Hähnchen. Vielseitig und weltweit geliebt“ zu werfen.

Das Buch ist voll mit Rezepten aus aller Welt, die einem schon beim bloßen Anschauen der wunderschön fotografierten Gerichte das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Aber das erste, was mir positiv ins Auge gefallen ist, war die ausführliche Warenkunde, die dem Rezeptteil vorangestellt ist. Ich kaufe mein Geflügel häufig in Frankreich ein (wir wohnen eine Fahrstunde von der Grenze entfernt), da dort die Auswahl an ordentlich aufgezogenem Federvieh wesentlich größer ist als auf unserem Wochenmarkt. Schwarzfeder-, Bresse-, Hof- und Mais-Hühner, Poularden und Stubenküken, alles vorhanden. Und all diese stellt Taylor auf einer Skala von 1 bis 10 anhand der Textur und des Geschmacks vor. Daneben gibt es natürlich auch noch eine detaillierte Schritt-für-Schritt Anleitung für das richtige Tranchieren.

Es folgen die Rezepte, wobei sich Internationales wie Pollo al limone, Udon, Cocos Chicken Curry etc. mit Klassikern wie Hähnchen-Schnitzel oder Hähnchen Kiew abwechselt. Taylor startet mit den Basics „Brühen, Fonds und Saucen“. Danach geht es um „Suppen und Eintöpfe“, „Reis- und Nudelgerichte“, „Aus Ofen und Pfanne“, „Gegrilltes“ sowie „Brote, Salate und Fast Food“ für Übriggebliebenes. Dazu sind noch doppelseitige Erläuterungen zu „Früchte und Nüsse“, „Gewürze“, „Knusprige Haut und andere Tricks“ und „Fett“, jeweils in ihrem Verhältnis zu Hühnerfleisch, zu finden. Die Zubereitungen an sich sind gut erklärt, die Zutaten separat aufgeführt und in jedem ordentlich sortierten Supermarkt erhältlich. Und damit der Hobbykoch eine Ahnung davon hat, wie das Endergebnis aussehen sollte, runden appetitanregende Fotos der jeweiligen Gerichte die Rezepte ab.

„Huhn & Hähnchen“ ist ein wunderschönes Kochbuch, voll mit tollen Rezepten, jeder Menge Infos und Anregungen, das ich gerne weiterempfehle

Bewertung vom 05.11.2018
Hinter den drei Kiefern / Armand Gamache Bd.13
Penny, Louise

Hinter den drei Kiefern / Armand Gamache Bd.13


ausgezeichnet

Three Pines, ein idyllisches Dörfchen in Kanada im November. Da ist nichts zu spüren von der Wärme und der verzaubernden Szenerie, die der Indian Summer mit sich bringt. Es ist kalt, grau und unwirtlich. Und über allem liegt ein Hauch von Bedrohung, ausgelöst durch eine schwarz verhüllte Gestalt, die am Morgen nach Halloween plötzlich auftaucht und annähernd reglos auf dem Dorfplatz steht und in das Bistro starrt. Verkörpert er den Tod, und wenn ja, was will er? Matheo, der freie Journalist, bringt Licht ins Dunkel. Die Gestalt entstammt der spanischen Mythologie, es ist ein Cobrador del Frac, der das Gewissen verkörpern los, Schuldner aufspüren und sie ihrer gerechten Strafe zuführen soll. Stellt sich nur noch die Frage, hinter wem er her ist und warum.

Armand Gamache, Hauptfigur und mittlerweile Chef der Sûreté von Québec, sind die Hände gebunden. Herumstehen ist nicht illegal, er kann nicht einschreiten. Erst als Reine-Marie eine Leiche im Keller der Kirche entdeckt, nimmt er die Ermittlungen auf und öffnet damit die Büchse der Pandora.

„Hinter den drei Kiefern“ ist der mittlerweile dreizehnte Band der Gamache-Reihe der Kanadierin Louise Penny, die bei uns leider noch nicht den großen Durchbruch geschafft hat (bisher liegen inklusive dieses Bandes erst fünf Bücher der Reihe in deutscher Übersetzung vor). Das mag darin begründet sein, dass diese Kriminalromane weder gemütliche Urlaubskrimis mit Regio-Touch noch blutige Fast Food-Serienkiller Reißer sind. Der Leser muss geduldig und aufmerksam sein, muss die verschiedensten Informationen aufnehmen und speichern, um sie im richtigen Moment des intelligenten, verschachtelten Plots abrufen zu können, in dem sie gekonnt Vergangenes und Gegenwärtiges mischt. Dazu kommt, dass ihre Hauptfigur kein Superheld à la James Bond ist, der sich schießend und prügelnd um Aufklärung bemüht. Am ehesten ist Gamache Vargas‘ Adamsberg vergleichbar, beide eher von der stillen, nachdenklichen Sorte, aber mit einem messerscharfen Verstand ausgestattet, die mit Intuition und Fingerspitzengefühl ihre Fälle zum Abschluss bringen.

Dorf-Idylle meets Drogenkrieg in der kanadisch-amerikanischen Grenzregion. Lesen – unbedingt!