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Benutzername: Havers
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Bewertungen

Insgesamt 680 Bewertungen
Bewertung vom 17.01.2018
Mudbound - Die Tränen von Mississippi, 8 Audio-CDs
Jordan, Hillary

Mudbound - Die Tränen von Mississippi, 8 Audio-CDs


ausgezeichnet

Südstaatenromane gibt es in großer Zahl, und in den meisten wird die üppige Plantagenherrlichkeit in den buntesten Bildern geschildert. Nicht so in Hillary Jordans „Mudbound“, der eine mittellose weiße sowie eine von ihnen abhängige afroamerikanische Familie ins Zentrum setzt. Keine prachtvollen Villen, keine rauschenden Feste, keine Pfirsich-Cocktails. Das wäre aber auch nicht passend, wenn man den zeitlichen Kontext betrachtet, in dem der Roman angesiedelt ist.

Der Zweite Weltkrieg ist vorüber, die Soldaten kehren heim. So auch die beiden Freunde Jamie (Bruder von Henry McAllan) und Ronsel (Sohn der Jacksons), wobei Heimat in ihrem Fall „Mudbound“, eine Baumwollplantage in Mississippi, meint. Das Land gehört dem weißen Ehepaar Henry und Laura McAllan, deren unterstützt werden sie von ihren afroamerikanischen Pächtern Hap und Florence Jackson. Und es ist auch die Erde, die sie gemeinsam bebauen, die diese beiden Familien verbindet. Sie haben zwar unterschiedliche Hautfarben, müssen aber mit den gleichen Unbillen kämpfen, die vor allem Laura zu schaffen machen. Keine Wasserversorgung, keinen Stromanschluss, dafür aber wahlweise je nach Witterung jede Menge Staub und Matsch.

Natürlich erzählt „Mudbound“ von Rassentrennung und Diskriminierung, das ergibt sich schon aus der Wahl des Ortes und der Zeit. Aber es ist auch eine Geschichte über Träume und Sehnsucht, über Stolz und Würde, über Autonomie und Abhängigkeit, und zu allererst über Hoffnung und Freundschaft, die die Rassenschranken überwindet.

Jordan zeigt die Schwierigkeiten auf, die sich aus dem Umstand ergeben, dass eine Gesellschaft zutiefst rassistisch ist und es dem Einzelnen fast unmöglich machen, aus diesem Muster auszubrechen. Vor allem dann, wenn das einzige Unterscheidungsmerkmal die Hautfarbe ist. Wenn man im Krieg Seite an Seite gekämpft hat. Und doch kann dies nicht die unheilvollen Ereignisse verhindern, die den Schlusspunkt des Romans bilden…

Der arme „tiefe Süden“ liefert die Kulisse für Jordans beeindruckenden (Familien-)Roman, der von der amerikanischen Kritik mit Lob überhäuft und mit Preisen ausgezeichnet wurde. Mittlerweile gibt es auch die entsprechende Verfilmung bei einem Streamingdienst, die nicht minder beeindruckend ist und deren Darsteller bereits als Oscar-Kandidaten gehandelt werden.

Bewertung vom 16.01.2018
TICK TACK - Wie lange kannst Du lügen?
Miranda, Megan

TICK TACK - Wie lange kannst Du lügen?


weniger gut

Megan Miranda hat bisher Jugendromane geschrieben und mit „TICK TACK – Wie lange kannst du lügen?“ nun ihren ersten Thriller veröffentlicht. Aber hier muss ich gleich eine Einschränkung machen, die Bezeichnung Thriller scheint mir etwas zu hoch gegriffen. TICK TACK ist der typische Frauenkrimi mit psychologischem Einschlag im Stile von Gone Girl oder Girl on the Train, leider aber lange nicht so ausgereift wie die beiden genannten Bücher. Auf diesen Roman neugierig hat mich der Hinweis gemacht, dass die Ereignisse rückwärts erzählt werden – ein Verfahren, das ich aus zahlreichen Filmen kenne und ganz reizvoll finde, bewusst aber so noch nicht gelesen habe.

Nicolette kehrt nach langjähriger Abwesenheit in die Kleinstadt zurück, in der sie aufgewachsen ist. Kurz darauf verschwindet ein junges Mädchen. Dieser Vorfall katapultiert sie zehn Jahre zurück. Sie erinnert sich an die Zeit als ihre Freundin Corinne spurlos verschwunden ist. Niemand konnte sich erklären, warum oder wohin. Selbst ihre besten Freunde hatten keine Ahnung. Und bis zum heutigen Tag gibt es keine Antworten auf ihre Fragen. Stück für Stück holen die Erinnerungen Nic wieder ein und lässt die Tage, ausgehend von Corinnes verschwinden, Revue passieren. Sie reflektiert die Beziehungen innerhalb der Freundesclique und schaut auch genauer auf die damaligen Ereignisse in dem Städtchen. Und allmählich füllen sich die Leerstellen…

Nun ja, Megan Miranda erfindet den „Ladythriller“ nicht neu. Zwar kann man dem rückwärtigen Erzählen einen gewissen Reiz nicht absprechen, aber wenn die Story inhaltlich nichts Neues zu bieten hat – und das ist hier definitiv der Fall - läuft auch diese Technik recht schnell ins Leere. So bleibt TICK TACK leider nur ein lauer, vorhersehbarer, durchschnittlicher Krimi ohne Überraschungspotenzial.

Bewertung vom 16.01.2018
Die Eishexe / Erica Falck & Patrik Hedström Bd.10
Läckberg, Camilla

Die Eishexe / Erica Falck & Patrik Hedström Bd.10


gut

2003 erschien im Zuge der Skandinavien-Krimi-Welle mit „Die Eisprinzessin schläft“ das erste Buch der Schwedin Camilla Läckberg mit dem Ermittlerduo Erika Falck und Patrik Hedström, sie Schriftstellerin, er Polizeibeamter. Die Autorin war und ist sehr produktiv, so ist die Reihe mit der vorliegenden Neuerscheinung „Eishexe“ auf mittlerweile zehn Bände angewachsen. Erstaunlicherweise konnte sie auch bisher fast ausnahmslos das Niveau ihres Erstlings bei den Nachfolgebänden halten, was bei Krimireihen eher eine Seltenheit ist.

Nun also „Eishexe“. Wie üblich splittet Läckberg die Geschichte, die sie erzählen möchte, in Vergangenes und Gegenwärtiges: Vor 300 Jahren wird eine junge Frau Opfer der Hexenverfolgung. Vor dreißig Jahren verschwindet in Fjällbacka ein kleines Mädchen, das wenig später ertrunken aufgefunden wird. Und heute wird die kleine Linnea vermisst. Es sind diese drei Handlungsstränge, die die Autorin Stück für Stück aufbaut, parallel verlaufen lässt, um sie dann am Ende zusammenzuführen. Patrik Hedström ermittelt in dem aktuellen Fall, während seine Frau Erika im Zuge ihrer Recherchen zu einem neuen Buch damit beschäftigt ist, den Fall des vor dreißig Jahren verschwundenen Kindes im Detail aufzuarbeiten. Doch offenbar reicht das der Autorin nicht, denn sie nimmt auch Bezug zur Flüchtlingskrise und dem aufkommenden Rechtsradikalismus in Schweden bzw. in diesem Fall in Fjällbacka sowie bösartigem Mobbing unter Jugendlichen und seinen Folgen.

Und hier setzt auch meine Kritik an. Ich schätze die Romane dieser Reihe, die sich mit ihren „normalen“ Protagonisten wohltuend von anderen Skandinavien-Krimis mit depressiven, alkoholkranken Ermittlern abhebt. Bei Läckberg menschelt es, da sie sich nicht nur auf das Privatleben ihrer beiden Protagonisten beschränkt sondern quasi das ganze Dorf mit ins sprichwörtliche Boot holt. Aber in ihrem aktuellen Buch hat sie es eindeutig übertrieben. Viel zu viele Nebenhandlungen verwässern die eigentliche Story und blähen den Umfang unnötig auf. Außerdem hat mir während der gesamten Lektüre der Bezug zu den historischen Einschüben gefehlt, in deren Zentrum aber, obwohl nie namentlich bezeichnet, die titelgebende „Eishexe“ steht, so dass mich auch die Hopplahopp-Verknüpfung ganz am Ende nicht wirklich überzeugen konnte.

Bewertung vom 15.01.2018
Durst / Harry Hole Bd.11
Nesbø, Jo

Durst / Harry Hole Bd.11


sehr gut

In Oslo treibt ein besonders brutaler Serienkiller sein Unwesen. Er datet Frauen über Tinder, stalkt sie und bringt sie schließlich um. Die Polizei hat zwar Spuren, kann sie aber nicht erkenntnisgewinnend einsetzen, zudem mangelt es seit Harry Holes Ausscheiden aus dem Dienst an einem Spezialisten für Serientäter. Hole, obwohl mittlerweile als freischaffender Dozent an der Polizeihochschule tätig, wird mit einer astreinen Erpressung zurückgeholt. Man droht ihm, die Drogenvergangenheit seines Stiefsohns an Licht zu zerren, und damit dessen berufliche Zukunft zu gefährden. Harry schützt diejenigen, die er liebt, und so lässt er sich zähneknirschend auf diesen Handel ein. Die Jagd kann beginnen!

Seit „Koma“, dem zehnten Band der Harry Hole-Reihe des Autors Jo Nesbø, sind vier Jahre vergangen, und nun gibt es endlich wieder Nachschub. „Durst“, so der Titel des aktuellen Thrillers mit dem norwegischen Kultkommissar, muss allerdings von Seiten der Kritik einige harsche Schläge einstecken. Der von mir sehr geschätzte Denis Scheck nannte das Buch „geistiges Ödland von bemerkenswerter Tristesse“, wobei ich mich dieser Einschätzung allerdings nicht anschließen mag. Natürlich kann man argumentieren, dass die Beschreibungen der Mordszenarien durch einen Killer, der seine Opfer durch Aufreißen der Halsschlagader mit einem Eisengebiss tötet und sich deren Blut einverleibt, übermäßig brutal sind. Aber Nesbø schreibt keine Häkelkrimis, genau so wenig wie Splatter-/Horrorthriller, auch wenn manche Szenen in „Durst“ diese Assoziation durchaus zulassen. Für ihn, ebenso für mich als Leser, steht nicht der „Geil-auf-Gewalt-Stuss“ (lt. Scheck) im Fokus, sondern die Zerissenheit des Protagonisten, der von der Mörderjagd die Nase voll und seiner Frau auch das Versprechen gegeben hat, der Polizeiarbeit fernzubleiben. Weil die Ermittlungen ihn in seinem tiefsten Innern berühren, ihn verletzen. Nicht umsonst ist er Alkoholiker, meistens trocken. Hole giert nicht nach Anerkennung, er macht das, was er am besten kann, was seine Bestimmung ist, nämlich Mörder dingfest machen.

Der Plot ist stimmig, gut aufgebaut, die Dialoge kurz und lakonisch, wobei immer wieder der trockene Humor des Autors aufblitzt. Der einzige Kritikpunkt, den ich habe, sind die Klischees, die Nesbø bei der Charakterisierung seiner Nebenfiguren verbrät. Eine penetrant schnüffelnde Reporterin und ein Vorgesetzter, der sein Mäntelchen nach jedem Windstoss neu ausrichtet, der seinem persönlichen Fortkommen dient, sind so neu ja nun auch wieder nicht.

Der Fortgang der Handlung ist durchgehend spannend, dafür sorgen schon jede Menge Finten und Cliffhanger. Und natürlich werden auch die persönlichen Beziehungen der Personen weiterentwickelt, was wahrscheinlich aber nur Leser entsprechend würdigen können, die Harry Hole über die Jahre begleitet haben.

Bewertung vom 11.01.2018
13 Stufen
Takano, Kazuaki

13 Stufen


ausgezeichnet

Seine Sporen hat sich der in Los Angeles ausgebildete Japaner Kazuaki Takano als Drehbuchschreiber verdient, bevor er sich, vielleicht sogar inspiriert durch die Romane Stephen Kings (und hier insbesondere „The Green Mile“), dem Schreiben von Thrillern zuwandt.
„13 Stufen“ ist sein Erstling (2001 im Original), womit Takano äußerst erfolgreich in Japan war. Gleichzeitig ist das erst sein zweites Buch, das nach dem 2011 veröffentlichten und 2015 in der Übersetzung unter dem Titel „Extinction“ erschienenen Roman, ins Deutsche übersetzt wurde.

Die Ausgangssituation ist schnell erzählt: Kihara wartet in der Todeszelle auf seine Hinrichtung. Er soll seinen Bewährungshelfer und dessen Frau bestohlen und ermordet haben. Nur dumm, dass er sich an den Tathergang nicht mehr erinnern kann, denn durch einen Unfall bei der Flucht leidet er an Amnesie. Eventuell hätte er ja noch eine Chance gehabt, der Todesstrafe zu entgehen, wenn er glaubhaft seine Tat bereuen könnte. Aber wie soll man etwas bedauern, an das man sich nicht erinnern kann?

13 Stufen muss der Verurteilte auf seinem Weg zum Strick hinaufsteigen, und 13 Beamte aus unterschiedlichen Institutionen müssen der Hinrichtung zustimmen. Doch es gibt jemanden, der berechtigte Zweifel an der Schuld Kiharas hat und zwei ungewöhnliche Ermittler beauftragt, dessen Unschuld zu beweisen. Ein ehemaliger Wärter und ein auf Bewährung entlassener Totschläger, in ihren Händen liegt nun das Schicksal des Todeskandidaten.

Takano vermittelt seinen Lesern in diesem Roman einen interessanten Einblick in das japanische Strafrecht sowie den Umgang dieser Nation mit Schuld und Sühne. Auf uns Europäer wirken diese japanischen Formalien sehr gewöhnungsbedürftig, allein schon der Umstand, dass ein Täter Reue zeigen und einen finanziellen Ausgleich zahlen muss, um in den Genuss einer Begnadigung zu kommen. Und dann ist da natürlich noch das alles überlagernde Thema Todesstrafe, das aus den verschiedenen Perspektiven der handelnden Personen beleuchtet wird und nicht nur das finale Ereignis sondern auch den Weg dahin kritisch betrachtet.

Eine beeindruckende Lektüre, unaufgeregt und ohne Effekthascherei erzählt, die inhaltlich sowie formal die Funktionsweise des japanischen Rechtssystems transportiert und zum Nachdenken anregt, ohne das Urteil des Lesers in vom Autor geplante Bahnen zu lenken.

Bewertung vom 10.01.2018
Blutzeuge / Jane Rizzoli Bd.12 (eBook, ePUB)
Gerritsen, Tess

Blutzeuge / Jane Rizzoli Bd.12 (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Die Autorin Tess Gerritsen startet 2001 mit „Die Chirurgin“ eine Reihe, in der Jane Rizzoli und Maura Isles, beide für die Bostoner Mordkommission tätig, im Mittelpunkt stehen. Es ist der erfolgreiche Auftaktband der Rizzolo & Isles-Thriller. 2010 kommt in den Vereinigten Staaten der „Film zum Buch“ in Gestalt der dazugehörigen Fernsehserie dazu, die ab 2012 auch in Deutschland ausgestrahlt wird und nun nach sieben Staffeln an ihrem (vorläufigen?) Ende angelangt ist. Aber glücklicherweise müssen die Fans nicht auf das Bostoner Dreamteam verzichten, denn mit dem aktuellen Thriller „Blutzeuge“ ist mittlerweile der 12. Band der Reihe erschienen und bietet unterhaltsame Spannung, ganz so, wie wir es von Tess Gerritsen gewohnt sind:

Im tiefsten Winter werden in Boston kurz nacheinander zwei Leichen entdeckt. Bei der ersten handelt es sich um eine Produzentin von Horrorfilmen, der man post mortem die beiden Augäpfel entfernt und in ihren Händen platziert hat. Der zweite Leichnam ist männlich und wurde nach dem Tod mit Pfeilen gespickt. Weitere Tote folgen, Jane Rizzoli und ihre Kollegen stehen vor einem Rätsel. Welchen Sinn haben diese bühnenreifen Inszenierungen der Leichen? Gab es zu Lebzeiten Verbindungen zwischen ihnen? Die Nachforschungen laufen auf Hochtouren und zeigen auch bald erste Ergebnisse. Die Toten wuchsen gemeinsam in einem katholischen Kinderheim auf, das wegen eines verschwundenen Mädchens sowie Misshandlungen in mehreren Fällen vor Jahren in die Schlagzeilen geriet. Maura Isles, nicht nur Gerichtsmedizinerin und Janes Freundin sondern auch locker mit einem katholischen Geistlichen liiert, liefert schließlich den entscheidenden Hinweis, der auf die Spur des Täters führt…

Verschiedene Perspektiven forcieren von Beginn an das Tempo und halten den Spannungsfaktor durch geschickt gesetzte Cliffhanger durchgängig hoch, wobei die Autorin geschickt zwischen den Ereignissen in der Vergangenheit, den aktuellen Mordfällen und dem Privatleben der Ermittler hin und her switcht. Abwechslung und Auflockerung ist also zu jeder Zeit garantiert. Logisch aufgebaut geht es Gerritsen nicht um besonders blutrünstige Schilderungen der Morde sondern vielmehr Fragen der Wahrnehmung, um das Spielen mit Einbildung und Realität und um die Faktoren, die das Verhältnis zwischen Täter und Opfer bestimmen. Und das hat die Autorin wirklich clever umgesetzt.

Leser, die einen spannenden und unterhaltsamen Thriller suchen, werden hier gut bedient. Und die Kenntnis der Vorgänger ist nicht unbedingt zwingend erforderlich, allerdings aber hilfreich, wenn man an den Protagonisten und ihrer persönlichen Entwicklung interessiert ist.

Bewertung vom 04.01.2018
Nachtlichter
Liptrot, Amy

Nachtlichter


ausgezeichnet

Die Orkneys, eine Inselgruppe ganz oben im schottischen Nordwesten. Wasser, Wind, Gras und Steine. Kaum Perspektiven für die Zukunft. Kein Wunder, dass es die jungen Inselbewohner auf das Festland zieht. Nach Süden, dorthin, wo das Leben pulsiert. In die Metropolen. Nach Edinburgh oder London.

So auch Amy Liptrot, die als Achtzehnjährige den Sprung in die Großstadt wagt. Voller Vorfreude auf diesen neuen Lebensabschnitt. Ein Elternhaus hinter sich lassend, in dem eine zutiefst religiöse Mutter und ein manisch-depressiver Vater zurückbleiben. Dann die Metropole mit ihren Verlockungen an jeder Straßenecke. Partytime. Drogen, der Alkohol fließt in Strömen. Aber die Einsamkeit tief drinnen bleibt. Noch mehr Party, noch mehr Alkohol, bis alle Freunde das Weite gesucht haben und auch der Job weg ist – Absturz. Amy Liptrot ist ganz, ganz unten angekommen. Aber sie rappelt sich auf und sucht Hilfe. Macht einen Entzug, eine Therapie. Doch sie weiß auch um die Fallstricke, die auf diesem schweren Weg lauern. Sie braucht Abstand von ihrem bisherigen Leben, damit der Therapieerfolg nicht gefährdet wird, damit sie der Versuchung nicht nachgibt und rückfällig wird. Zurück zu den Wurzeln, zu den Orten ihrer Kindheit und Jugend, nach zehn Jahren zurück auf die Orkney Inseln.

Im Angesicht der rauen Elemente, fernab des städtischen Komforts, ohne Ablenkungen, zurückgeworfen auch sich selbst, und so findet sie jeden Tag ein bisschen mehr zu sich zurück. Erstmals setzt sich Liptrot mit ihrer Heimat intensiv auseinander. Studiert die Geschichte, beobachtet das Meer, setzt Steinmauern, hilft beim Lammen und wird zur Wachtelkönig-Beauftragten der örtlichen Vogelschutz-Stiftung. Und sie findet eine neue Droge – das tägliche Schwimmen in der eiskalten See zu jeder Jahreszeit.

Aber auch das Schreiben, die Reflexionen ihrer Vergangenheit und Gegenwart, helfen der Autorin bei der Verarbeitung ihrer Sucht. Und so ist „Nachtlichter“ entstanden, ein Bestseller in Großbritannien, der sowohl mit dem „Wainwright Prize for Best Nature and Travel Writing“ als auch mit dem „PEN Ackerly Prize“, der für gelungene Autobiographien vergeben wird, ausgezeichnet wurde.

Eine höchst beeindruckende Lektüre, zum einen wegen der schonungslosen Offenheit, mit der die Autorin ihre Sucht beschreibt, zum anderen wegen der beeindruckenden Schilderung dieser rauen Inselgruppe im hohen Norden. Lesen!

Bewertung vom 03.01.2018
Angstmörder
Stassen, Lorenz

Angstmörder


weniger gut

Lorenz Stassen hat sein Handwerk in der Fernsehbranche des Vorabendprogramms gelernt, was man seinem Erstling „Angstmörder“ anmerkt. Er hält sich nicht lange mit Vorgeplänkel auf, sondern führt den Leser gleich mitten in das Geschehen. Den Plot entwickelt er gradlinig und weitgehend schnörkellos, arbeitet meiner Meinung nach aber, gerade was die Charakterisierungen des Personals angeht, mit zu vielen Klischees.

„Angstmörder“ ist der typische Buddy-Krimi: da ist zum einen Nicholas Meller, erfolgloser Anwalt mit russischen Wurzeln, zum anderen Nina Vonhoegen, die ihm zur Seite gestellt ist. Eine taffe junge Rechtsreferendarin mit einer Körperbehinderung, die sich allerdings nicht weiter einschränkend auf ihr Verhalten auswirkt. Der Dritte im Bunde ist der Serienkiller, der – natürlich – ein dunkles Geheimnis mit sich herumschleppt, das für sein gestörtes Verhalten verantwortlich ist. So weit, so bekannt, aber Stassen kann es nicht lassen, diesen Figuren Stereotypen mit auf den Weg zu geben, die meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wären. So gipfelt die Herkunft Mellers beispielsweise in dessen Unterstützung durch die Russenmafia. Nun ja…

Die Entwicklung der Story geht Stassen routiniert an, hier gibt es nichts zu kritisieren. Thematisch am aktuellen Zeitgeschehen, mit einigen Twists, die für Spannung sorgen sollen. Ok. Aber sprachlich konnte mich dieser Krimi nicht überzeugen: zu einfach, zu schlicht, die Dialoge zu simpel. Alles in allem ordentliches Handwerk, das nicht aus der Masse herausragt – ganz in Ordnung für einen Erstling, unter dem Strich aber leider doch nur Dutzendware.

Bewertung vom 18.12.2017
Menschenfischer / Kommissar Marthaler Bd.6
Seghers, Jan

Menschenfischer / Kommissar Marthaler Bd.6


ausgezeichnet

Robert Marthaler ist zurück. Der Frankfurter Kommissar löst in „Menschenfischer“, dem sechstem Band der Reihe, gleich zwei Fälle. Zum einen geht es um einen ungelösten Mordfall an einem männlichen Jugendlichen, der in das Jahr 1998 zurückdatiert, zum anderen um zwei Roma-Jungen, die verschleppt und in einem stillgelegten Bergwerksstollen unterhalb der Loreley ermordet aufgefunden werden.

Jan Seghers, Pseudonym von Matthias Altenburg, Journalist und Schriftsteller aus Frankfurt, greift hier einen ungelösten Mordfall auf, der Ende der neunziger Jahre im Frankfurter Großraum für Furore sorgt: In Frankfurt-Höchst wird der verstümmelte Leichnam eines Jungen gefunden und trotz Zeugenaussagen und Phantombild verlaufen alle Ermittlungen im Sande. Bis heute ist/sind der/die Täter noch immer nicht gefasst.

Was wäre wenn…? Diese Frage mag sich Seghers gestellt haben, als er den Mordfall Tristan B. seinem aktuellen Kriminalroman mit Kommissar Marthaler als Ausgangspunkt zugrunde legt und eine Geschichte drum herum konstruiert, die so oder so ähnlich tatsächlich passiert sein könnte. An Brisanz gewinnt diese Annahme natürlich auch dadurch, dass sich Vergleiche mit unserer aktuellen bundesrepublikanischen Wirklichkeit aufdrängen, denn an Stelle der beiden Roma-Jungen aus dieser Story könnten das hier und heute auch unbegleitete Flüchtlingskinder sein.

Die Marthaler-Krimis zeichnen sich zwar durchgängig durch ihren Realitätsbezug aus, wirken aber trotz der detaillierten Beschreibungen der Polizeiarbeit nie trocken oder langatmig. Das liegt vor allem daran, dass Seghers seinem Protagonisten immer interessante „Typen“ zur Seite stellt. In diesem Fall sind es neben seinem Freund Carlos (Pathologe mit Hang zur Völlerei und den Lesern bereits aus den Vorgängern bekannt) auch noch ein ehemaliger Kollege, Rudi Ferres, mittlerweile im Ruhestand und ins sonnige Südfrankreich abgewandert, wo er die Tage zwischen Suff und privaten Nachforschungen in dem Mordfall aus 1998 verbringt und Marthaler einen entscheidenden Hinweis liefert. Und dann wäre da noch Kizzy Winterstein, die unkonventionelle Kommissarin aus Wiesbaden mit jüdischen und Roma-Wurzeln, die nach den beiden aktuell verschwundenen Jungen sucht und sich im Laufe der Ermittlungen mit Marthaler zusammenschließt, um die für die Morde Verantwortlichen dingfest zu machen. Eine fruchtbare Zusammenarbeit, die für die Zukunft hoffen lässt.

Spannend wie immer und am Puls der Zeit – sehr empfehlenswert!

Bewertung vom 12.12.2017
Leere Herzen
Zeh, Juli

Leere Herzen


gut

Deutschland, 2025 –it’s a suicide world. Merkel war einmal, mittlerweile regiert die BBB (Besorgte Bürger Bewegung) das Land, staatliche Organe weiten ihre Macht aus, alles ist auf Effizienz ausgerichtet. Die Menschen haben sich angepasst, jeder schaut zuerst nach sich und seinem Vorteil, Moral und Mitgefühl sind Mangelware, es regiert der Kommerz. Diejenigen, die sich ihre Emotionalität bewahrt haben, werden von jenen mitleidig als Träumer angesehen.

Das ist die Ausgangslage in Juli Zehs neuen Roman „Leere Herzen“, und eine ganz besondere Repräsentantin dieser veränderten Welt ist Britta, eine Therapeutin, die gemeinsam mit Babak, einem Computerspezialisten, eine Lifecoaching-Praxis, die „Brücke“ – oder sollte man es nicht lieber ein lukratives Business nennen? – betreibt. Babak sucht in diversen Foren im Netz nach potentiellen Selbstmördern, denen Britta eine Therapie nach ihrem selbst entwickelten Stufenprogramm anbietet. Vordergründig scheint es, als wolle sie ihnen die Lebensfreude zurückgeben. In Wirklichkeit geht es ihr darum, die hundertprozentigen Kandidaten herauszufiltern, die sie dann gegen ein fürstliches Salär als Selbstmordattentäter an die entsprechenden Organisationen vermittelt, die eine gewaltsame, öffentlichkeitswirksame Aktion für das Erreichen ihrer Ziele im Visier haben. Terroraktionen als kontrollierte, gewinnorientierte Aktionen. Coole Sache in den Augen der einen, Menschenverachtung par excellence in den Augen der anderen. Das Geschäft floriert, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, als die „Empty Hearts“ auftauchen und der „Brücke“ die Klienten abfischen…

Vor allem unter dem Eindruck des Wahlergebnisses der AfD und dem allgemeinen Rechtsruck in Europa und der Welt ist es ein erschreckendes Szenario, das uns Juli Zeh in „Leere Herzen“ präsentiert. Protagonisten, die rational kalt agieren, ohne einen Funken Empathie. Wenn Zweifel am individuellen Handeln, dann nur im Geheimen und sofort wieder überlagert von rationalen Überlegungen, kalte, leere Herzen eben. Und ebenso unterkühlt hält Zeh den Leser auch auf Distanz, der die Personen und deren Agieren relativ emotionslos verfolgt. Zwar verfolgt man den Handlungsverlauf interessiert und stellenweise auch schockiert, aber im Wesentlichen bleibt man doch ein unbeteiligter Beobachter, der keine Partei ergreift.

Verglichen mit den anderen Veröffentlichungen der Autorin kommt dieser Roman allerdings recht schlicht und sehr klischeehaft, fast schon eindimensional daher. Das mag zum einen an der Dialoglastigkeit, zum anderen aber auch an der handlungsorientierten Story liegen – beides lässt wenig Raum für Reflektion innerhalb des Textes. „Leere Herzen“ ist ein Roman, ein Gedankenspiel, das unterhält. Schnell gelesen, aber ohne besonderen Nachhall, und deshalb auch schnell wieder vergessen.