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Benutzername: Havers
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Bewertungen

Insgesamt 715 Bewertungen
Bewertung vom 14.06.2018
Der Wille zum Bösen
Chaon, Dan

Der Wille zum Bösen


ausgezeichnet

Meine Highlight-Liste 2018 hat Zuwachs bekommen: „Der Wille zum Bösen“ des amerikanischen Autors Dan Chaon, ein ungewöhnlicher und faszinierender Thiller(Platz 2 und höchster Neueinsteiger der Krimibestenliste Juni 2018), bei dem die Frage „Wer war’s?“ allein durch die Form komplett in den Hintergrund gedrängt wird.

Worum geht es? Diese Frage ist schnell beantwortet: nach 27 Jahren Haft wird Russell, der Adoptivbruder des Psychologen Dustin Tillman, aus der Haft entlassen, nachdem DNA-Analysen seine Unschuld am gewaltsamen Tod der Eltern ergeben haben. Dustin war von dessen Schuld überzeugt und hatte im Prozess als Belastungszeuge ausgesagt. Annähernd gleichzeitig fordert Aqil, ehemalige Polizist und einer seiner Patienten, seine Mithilfe im Fall eines Serienmörders, der an bestimmten Daten junge Männer in abgelegenen Gewässern ertränkt. Wer hat die Tillman-Eltern getötet, und gibt es den Serienkiller wirklich? Das sind die beiden Fragen, die Dustin umtreiben und sein durchschnittliches Leben komplett aus den Fugen geraten lassen.

Die Story hört sich nun nicht wirklich spektakulär an. So oder so ähnlich hat man das schon zigmal gelesen. Was aber nun Chaon daraus macht ist außergewöhnlich. Nicht nur, dass er seine Leser auf eine Reise in die Vergangenheit schickt, kennt man ja auch zur Genüge, nein, da hat er wesentlich mehr auf Lager.

Dustin, seine beiden Söhne Aaron und Dennis, seine an Krebs gestorbene Frau, die beiden Cousinen Kate und Wave und natürlich Russell „Rusty“, jeder von ihnen hat seine eigene Stimme und seine individuelle Sicht auf die Ereignisse, wobei Chaon diese unterschiedlichen Reflexionen willkürlich zwischen den verschiedenen Personen und Zeiten, nämlich Herbst 1983 und Frühjahr 2014 hin und her springen lässt. Und dann gibt es noch bestimmte Situationen, in denen er parallel erzählt, die Sichtweisen verschiedener Personen auf das gleiche Ereignis in parallelen Spalten anordnet, die sich teilweise über mehrere Spalten und Seiten ziehen, was den Leser verunsichern und schlussendlich dazu zwingen mag, seine Annahmen zu hinterfragen.

Was alle Figuren eint, ist dieses Gefühl der Einsamkeit, des Verlorenseins. Und jeder von ihnen hat seine eigene Methode entwickelt, damit umzugehen. Die einen flüchten sich in Drogen, die anderen in die Spiritualität, die nächsten versuchen ihren Platz in der Normalität zu finden. Es gelingt, oder auch nicht. Und am Ende zeigt sich, dass auch die individuelle Realität nur eine verstörende Form der Fiktion ist. Lesen!

Bewertung vom 05.06.2018
Im Schatten von San Marco
Smith, Martin Cruz

Im Schatten von San Marco


ausgezeichnet

Venedig in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Die Menschen gehen ihren alltäglichen Beschäftigungen nach, denn anders als zahlreiche italienische Städte bleibt die „Serenissima“ bisher von den Bombenangriffen der Alliierten verschont. Dennoch sind die Deutschen präsent, ganz besonders in der Nacht, in der der Fischer Innocenzo „Cenzo“ Vianello auf einen guten Fang hofft. Aber es ist kein großer Fisch, der ihm ins Netz geht, sondern eine junge Frau, die er aus dem Wasser der Lagune zieht. Giulia ist die einzige Überlebende einer Razzia auf San Clemente, bei der die SS alle Juden, die sich dort versteckt gehalten hatten, töteten. Jemand hatte sie verraten.

Cenzo beschließt ihr zu helfen und schmuggelt sie gemeinsam mit einem ehemaligen Kriegskameraden an den Gardasee nach Salò. Dort verliert sich jede Spur von Giulia. Danach überschlagen sich die Ereignisse, was mit Sicherheit der Tatsache geschuldet ist, das plötzlich jede Menge Personen im Spiel sind, die man auf den ersten Blick nicht einordnen kann: der deutsche Oberst, der das Ende des Krieges herbeisehnt, die Gattin des argentinischen Konsuls, die ihre Möglichkeiten nutzt, um Nazis die Flucht zu ermöglichen, ein Partisanenführer, ein hochrangiger Faschist und ein undurchsichtiger Schweizer, der seine eigenen Pläne verfolgt. Und dann ist da ja auch noch der legendäre Schatz des Duce. Dreh- und Angelpunkt in diesem Spiel ist Giulia, denn sollte über die notwendigen Informationen verfügen, die Licht ins Dunkel bringen könnten.

Martin Cruz Smith, Autor der Arkadi Renko-Reihe, hat mit „Im Schatten von San Marco“ vertrautes Terrain verlassen, wobei dies allerdings in erster Linie unter geographischem Aspekt zu sehen ist. Denn auch in seinem neuen Roman sind die Zutaten vorhanden, die seinen früheren Erfolge ausmachen: jede Menge Action, undurchsichtige Personen und Spionage im weitesten Sinne. Dazu kommt hier aber auch noch in Form der Lovestory zwischen Giulia und Cenzo eine Prise Romantik.

Hervorzuheben ist der historische Hintergrund, den Cruz Smith stimmig und ohne das bei amerikanischen Autoren so beliebte Pathos und die vorbelegten Gut-oder-Böse Charakterisierungen kreiert. Er vermag seine Leser zum einen gut zu unterhalten, zum anderen aber auch zu überraschen. Und das betrifft nicht nur die Entwicklung der Story sondern auch die handelnden Personen. Gut gemacht!

Bewertung vom 04.06.2018
Abels Tochter / Kain und Abel Bd.2
Archer, Jeffrey

Abels Tochter / Kain und Abel Bd.2


sehr gut

In „Abels Tochter“, dem zweiten Band der Kain-und-Abel-Triologie liegt der Fokus, wie man bereits am Titel sieht, auf Abel Rosnovskis Tochter Florentyna und deren Werdegang. Sie ist intelligent und ehrgeizig, hat die entsprechende monetäre Unterstützung im Rücken, so dass es nicht weiter verwundert, wenn sie am Ende ihr großes Ziel erreicht und zur ersten Präsidentin der Vereinigten Staaten gewählt wird. Natürlich muss sie auf diesem Weg auch Rückschläge hinnehmen, und auch ihr Vater ist nicht immer mit ihren persönlichen Entscheidungen einverstanden. Besonders dann nicht, als sie sich entscheidet, Richard zu heiraten, den Sohn seines Todfeindes William Lowell Kane. Man denkt unwillkürlich an Romeo und Julia, aber im Unterschied zu Shakespeare lässt Archer zwar zu einem späteren Zeitpunkt Richard sterben, aber seine Protagonistin am Leben, so dass der Leser ihren weiteren Werdegang mit Interesse verfolgen kann.

Das Positive zuerst: für Einsteiger absolut geeignet, denn die Lektüre des ersten Bandes ist nicht zwingend notwendig, werden doch in der ersten Hälfte des Romans die meisten für die Handlung relevanten Information aus „Kain und Abel“ wiederholt. Gleichzeitig ist dies aber auch eine Schwäche. Es ist ermüdend, wenn man Teil eins bereits kennt. Die zweite Hälfte hingegen nimmt dann Tempo auf, wenn Florentynas Werdegang geschildert wird: die Gründung eines eigenen Modelabels, die Übernahme der väterlichen Hotelkette, der Einstieg in die Politik – immer das große Ziel vor Augen.

Die belletristische Schilderung des „political business“ und die Zielstrebigkeit einer Frau, die sich in dieser Umgebung behaupten muss, wenn sie ihre Pläne verwirklichen will, fand ich durchaus interessant und unterhaltsam zu lesen.

Das Original wurde 1982 erstmals veröffentlicht und bei Heyne neu verlegt. Inwieweit inhaltlich etwas verändert wurde, kann ich, da mir die Erstauflage nicht bekannt ist, leider nicht beurteilen. Wenn nicht, hat Jeffrey Archer erstaunliche Weitsicht bewiesen. Bin ich eigentlich die Einzige, die Parallelen zu der Tochter des jetzigen US-Präsidenten sieht?

Bewertung vom 04.06.2018
Die besten einfachsten Rezepte
Delprat-Alvarès, Élise

Die besten einfachsten Rezepte


sehr gut

Élise Delprat-Alvarès ist Online-Redakteurin, Food-Bloggerin („Une souris dans ma cuisine, le blog d’Elise) und Kochbuchautorin (in deutscher Übersetzung „Herzhafte Mug Cakes“ und „Kuchen aus der Pfanne – Backen ohne Backofen“ erschienen). Sie kommt aus der Normandie und ist, laut eigener Aussage, immer auf der Suche nach den neuesten Trends. In ihrem vor kurzem bei Bassermann erschienenen Kochbuch „Die besten einfachsten Rezepte“ stellt sie auf fast vierhundert Seiten überwiegend französisch inspirierte Gerichte vor, die jeder Kochanfänger ohne größeren Aufwand realisieren kann. Aber auch ambitionierte Hobbyköche finden hier genügend Anregungen für raffinierte Gerichte, die mit überschaubarem Zeitaufwand und ohne riesige Zutatenliste realisierbar sind, da die Vorgabe der Autorin offenbar war, sich auf maximal 6 Zutaten zu beschränken.

Die Einteilung der Rezepte orientiert sich an der französischen Menüfolge: Häppchen, Vorspeisen, Hauptgerichte und Dessert, wobei ich mir allerdings ein alphabetisch sortiertes Register gewünscht hätte (hier leider aufsteigend nach Seitenzahlen). Die Doppelseite pro Gericht ist ausreichend: rechts das ansprechend fotografierte, anzustrebende Endergebnis), links die Auflistung der Zutaten und der Zubereitung inklusive Zeit- und Personenangabe sowie eine Budget-Einordnung. Die vorgestellten Gerichte lassen keine Wünsche offen, hier findet jeder Esser etwas, da auch Variationsmöglichkeiten offeriert werden. Die Zubereitungen an sich sind in der Tat simpel und dürften selbst für Neulinge am Herd kein größeres Problem darstellen.

Kritisch anzumerken gibt es allerdings zwei Punkte: zum einen erwarte ich keine gekauften Tortillas als Unterlage für einen Flammkuchen – und das von einer Französin! Wenn es denn schon ein Convenience-Produkt sein muss, dann würde ich doch am ehesten einen dünn ausgerollten Fertig-Pizzateig verwenden. Zum anderen scheinen mir die Budget-Einordnungen dann eher unrealistisch und an französischen Preisvorstellungen orientiert, siehe das Rezept „Perlhuhn mit Backpflaumen“. In Deutschland muss ich mir den Vogel im Feinkostladen besorgen und dafür ordentlich Geld bezahlen, wohingegen Perlhuhn bei unserem Nachbarn in jedem gut sortierten Supermarkt zu normalen Preisen erhältlich ist (kann ich beurteilen, da ich regelmäßig Lebensmittel in Frankreich einkaufe).

Aber auch mit diesen Einschränkungen kann ich Élise Delprat-Alvarès‘ Kochbuch empfehlen, bietet es doch nicht nur aufgrund seines Umfangs sondern auch wegen seiner Vielfalt jedem Menge Anregungen für Abwechslung auf dem Tisch. Und besser als Junkfood/TK-Pizza/Burger mit jeder Menge dubioser Inhaltsstoffe sind die Gerichte allemal.

Bewertung vom 04.06.2018
Die rote Frau / August Emmerich Bd.2
Beer, Alex

Die rote Frau / August Emmerich Bd.2


ausgezeichnet

Wien nach dem Ersten Weltkrieg, wir schreiben das Jahr 1920, zehn Tage im März. Der Mangel ist allgegenwärtig. Hunger und unzureichende medizinische Versorgung bestimmen den Alltag. Es gibt kaum Arbeit, und wer welche hat, ist auch bestrebt, diese zu behalten. Speziell die Kriegsheimkehrer, die buchstäblich vor dem Nichts stehen. Die Lebensumstände der Kriegsgewinnler und des einfachen Volkes könnten nicht unterschiedlicher sein. Die einen leben im Luxus und dinieren unter Kronleuchtern von bestem Porzellan, die anderen sind froh um einen Schlafplatz im Männerwohnheim und stehen in den Schlangen der Armenspeisung für einen Teller Wassersuppe an. Golden Twenties? In keinster Weise. Nein, für die meisten geht es ums nackte Überleben, Moral wird klein geschrieben, Raub, Mord und Totschlag gehören zum Alltag, das Verbrechen blüht.

Der kriegsversehrte Rayonsinspektor August Emmerich ist mit seinem Assistenten Ferdinand Winter, beide dem Leser bereits aus dem Vorgängerband „Der zweite Reiter“ bekannt, endlich in die Abteilung „Leib und Leben“ versetzt worden. Doch vom Lösen spektakulärer Mordfälle sind die beiden meilenweit entfernt. „Krüppelbrigade“ werden sie despektierlich genannt und in eine Abstellkammer verbannt, wo sie ihre Tage mit dem Abtippen von Berichten verbringen.

Emmerich ist ein äußerst sympathischer Protagonist, der zwar manchmal mit seinem Schicksal hadert, aber doch immer bemüht ist, aus seiner Situation das Beste zu machen. Er gibt nicht auf sondern beißt sich durch, ganz gleich wie viele Steine man ihm in den Weg legt. Und davon hat das Leben für ihn mit Sicherheit noch jede Menge in petto.

Nur seinem Insistieren ist es zu verdanken, dass man ihn und seinen Assistenten mit einem kleinen Fall betraut. Eine Schauspielerin fürchtet um ihr Leben, da am Set ihres Films immer wieder unerklärliche Dinge geschehen. Die Erklärung dafür ist schnell gefunden, aber dann wird ein Stadtrat ermordet aufgefunden, der sich, wie sie auch, in einer karitativen Organisation engagiert hat, die sich um Kriegsheimkehrer kümmert. Emmerichs Schnüfflerinstinkt erwacht und begibt er sich mit seinem Assistenten auf die Suche nach dem Mörder. Wer hätte ahnen können, dass sie dabei in ein Wespennest stechen und ihr eigenes Leben in Gefahr bringen würden…

Einmal mehr gelingt es der Autorin Alex Beer das Nachkriegswien mit all seinen Facetten anschaulich zum Leben zu erwecken. „Die rote Frau“ ist ein höchst spannender historischer Kriminalroman, gespickt mit einer Unmenge Details, nicht nur zum Alltagsleben sondern auch zur politischen Situation der damaligen Zeit, was von einer eingehenden Recherche zeugt. Der Kriminalfall an sich ist kompliziert, verästelt, entwickelt sich aber ohne Längen logisch und nachvollziehbar.

Wenn ich einen historischen Kriminalroman lese, möchte ich nicht nur spannend unterhalten werden, sondern auch verbürgte Informationen zu der Zeit und dem Umfeld erhalten, in dem sich die Handlung abspielt. Das ist Alex Beer mit ihrem neuen Fall für Emmerich und Winter gelungen. Von daher – volle Punktzahl!

Bewertung vom 30.05.2018
Artemis, 2 MP3-CDs
Weir, Andy

Artemis, 2 MP3-CDs


gut

Nachdem Andy Weir seine Leser in dem Bestseller „Der Marsianer“ (verfilmt von Ridley Scott, in der Hauptrolle Matt Damon) mit auf den „Roten Planeten“ genommen hat, schickt er sie nun auf eine Reise zum Mond und dort in die Retortenstadt „Artemis“. Errichtet wurde sie in einer Fünf-Kuppel-Bauweise nahe der Stelle, an der die Astronauten der Apollo 11 als erste Menschen ihren Fuß auf den Erdtrabanten setzten.

Das Geschäft mit dem besonderen Ausflugsziel boomt und Artemis ist mittlerweile der Touristen-Hotspot für die reichen und schönen Abenteuerurlauber, für deren Betreuung und Versorgung natürlich auch entsprechendes Personal benötigt wird. Und hier kommt Jasmine „Jazz“ Bashara ins Spiel, eine junge Frau Mitte zwanzig, die als sogenannte Trägerin dafür verantwortlich ist, Dinge von A nach B zu befördern. Chronisch pleite aber sehr konsumorientiert, bessert sie ihr Salär mit dem Transport verbotener Schmuggelgüter für zahlungskräftige Klienten auf. Als ihr eines Tages einer ihrer Kunden einen Job anbietet, bei dem sie so richtig Kasse machen könnte, greift sie ohne zu zögern zu, nicht wissend, dass sie sich damit in tödliche Gefahr begibt…

Wenn man den „Marsianer“ gelesen hat, bleibt es nicht aus, dass man Vergleiche zieht – auch wenn meine Besprechung hier dem Hörbuch gilt. Die Handlung konzentriert sich hier wie da auf eine Person, in diesem Fall aber nicht auf einen Mann sondern eine junge Frau, die so überhaupt nichts mit dem sympathischen Mark Watney gemeinsam hat. Jazz ist nicht gerade mit herausragender Intelligenz gesegnet und ihr Benehmen lässt jegliche Art von Anstand und Erziehung vermissen. Zumindest die Sprache, die ihr der Autor in den Mund legt, ist unterirdisch und einer Mittzwanzigerin in keinster Weise angemessen sondern eher auf dem Niveau eines dümmlichen Teenagers. Punktabzug.

Die Story an sich kommt reichlich bieder daher, so als ob Weir in den achtziger Jahren steckengeblieben wäre. Man mag ihm zu Gute halten, dass er bemüht ist, wissenschaftliche Fakten unterhaltsam zu verpacken und einem breiten Publikum, das nicht unbedingt aus Astrophysikern besteht, verständlich zu machen. Aber das eine oder andere innovative Detail hätte ich mir dann doch gewünscht. Und ja, mir schienen seine Erläuterungen dann doch an vielen Stellen zu ausführlich, was sich auch extrem auf den Hörgenuss ausgewirkt hat. Es gab Passagen, lange Passagen, die einfach nur überladen und zäh und langatmig waren und auch von den beiden Sprechern nicht gerettet werden konnten.

Das ist schade, denn mit etwas korrigierendem Feintuning hätte man mit Sicherheit mehr aus diesem Roman herausholen können.

Bewertung vom 29.05.2018
Die geliehene Schuld
Winter, Claire

Die geliehene Schuld


gut

In ihrem dritten Roman „Die geliehene Schuld“ nimmt die Autorin Claire Winter ihre Leserinnen mit auf eine Reise zurück in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Vera Lessing, Kulturredakteurin bei einer Berliner Zeitung, hat sowohl ihre Eltern als auch ihren Mann verloren. Lediglich Jonathan, ein Freund, den sie seit Jugendtagen kennt, ist ihr geblieben. Als dieser unter verdächtigen Umständen ums Leben kommt, und sie daraufhin ein Paket mit seinen Unterlagen erhält, beschleicht sie der Verdacht, dass sein überraschender Tod mit den Recherchen zusammenhängen könnte, die er zum Thema Kriegsverbrecher durchgeführt hat. Sie fühlt sich in seiner Schuld und vertieft sich deshalb in die Materialien, die er bisher gesammelt hat. Viele Ungereimtheiten erfordern Nachfragen an den entsprechenden Stellen, wie in Konrad Adenauers Umfeld und im Wirkungsbereich der Geheimdienste.

Soweit der historische Hintergrund, den die Autorin gut recherchiert hat. Mittlerweile dürfte es hinreichend bekannt sein, dass ehemalige Nationalsozialisten, wenn sie sich nicht über die Rattenlinien gen Süden oder per Schiff nach Lateinamerika abgesetzt hatten, mit Persilscheinen ausgestattet wurden und fast umgehend nicht nur Pöstchen in kommunalen Einrichtungen sondern beispielsweise auch in der BND-Vorgängerorganisation erhielten. Alles natürlich mit der Unterstützung durch den amerikanischen Geheimdienst.

Die persönliche Komponente des Romans speist sich aus der Beziehung zwischen Jonathan und Marie, die für Adenauer arbeitet und anfangs dem Journalisten als Quelle dient, sich später dann in ihn verliebt. Und darauf hätte man meiner Meinung nach auch verzichten können. Die Thematik ist so brisant, speziell wenn es um die Verflechtungen von Familienmitgliedern in nationalsozialistischen Organisationen geht, dass hier eine Lovestory, die nur als Konzession an die weibliche Leserschaft dienen kann, völlig überflüssig ist.

Zwei unterschiedliche Zeitebenen und verschiedene Erzählperspektiven lockern den Roman auf und bringen Abwechslung in die Geschichte, die doch hin und wieder Längen aufweist und stellenweise sehr emotionslos erzählt ist. Und dennoch: vielleicht nimmt die eine oder andere Leserin diesen Roman zum Anlass, sich über die belletristische Schiene hinaus vertiefend mit dieser Thematik zu beschäftigen. Es bleibt zu hoffen!

Bewertung vom 29.05.2018
Blutschatten / Sunday Night Bd.1
Reichs, Kathy

Blutschatten / Sunday Night Bd.1


weniger gut

Nun ja, Kathy Reichs ist forensische Anthropologin. Als solche konnte sie ihren Lesern in der Tempe Brennan-Reihe Interessantes dieser Wissenschaft vermitteln (wobei ich die "Bones" Verfilmung wesentlich spannender fand). Schon dort waren die forensischen Fakten interessanter als die Stories.

Nun scheint ihr nichts Neues zu Brennan einzufallen, und so dürfen wir in "Blutschatten" mit Sunday Night Bekanntschaft machen, einer Ex-Polizistin und Ex-Militärangehörigen, dann auch noch Waise mit einem dicken Batzen persönlicher Probleme - sorry, das ist einfach viel zu viel an seelischem Ballast, das Frau Reichs ihrer Protagonistin und dem Leser zumutet. Tja, und Ahnung von einem Leben als Superwoman und Kampfmaschine hat die Autorin offenbar auch nicht - wie auch, denn das gehört in den Bereich der Comics.

Vorhersehbar, unglaubwürdig, überzogen und langatmig - hier kann ich leider keine Empfehlung aussprechen!

Bewertung vom 29.05.2018
Blut Salz Wasser
Mina, Denise

Blut Salz Wasser


ausgezeichnet

Eine Frau verschwindet spurlos mit einem riesigen Batzen Geld, generiert durch zwielichtige Geschäfte. Eine andere kommt nach vielen Jahren Abwesenheit zurück in ihre Heimatstadt. Eine dritte wird am Ufer des Loch Lomond erschlagen in diesem versenkt. Und dann ist da noch DI Alex Morrow, die es auf ihrer Suche nach dem verschwundenen Geld nach Helensburgh verschlägt.

Helensburgh, idyllische Kleinstadt der Reichen und Schönen im Glasgower Speckgürtel, gespalten in zweierlei Hinsicht. Zum einen steht das Unabhängigkeitsreferendum ins Haus, was für eine angespannte Atmosphäre unter der Bevölkerung sorgt, zum anderen gibt es hier neben den properen Wohngegenden mit Bio-Restaurants und Charity-Shops auch die schäbigen Sozialwohnungen, in denen die weniger vom Glück Begünstigten leben. Solche wie Ian Fraser, die sich auf krumme Geschäfte einlassen, in Auftrag gegeben von dem Boss mit weißem Kragen und schicker Villa.

Dreh- und Angelpunkt in „Blut Salz Wasser“ (fünfter Band der Reihe mit DI Morrow) sind die verschwundenen sieben Millionen Drogengeld, die Roxanna Fuentecilla durch Immobilienkäufe waschen sollte. Zu dumm, dass dieser Markt bis zum Ergebnis des Referendums brachliegt. Aber um Roxanne geht es nur Alex Morrow. Alle anderen, inklusive der schottischen Polizeispitze und der Londoner Met, sind nur an der Wiederbeschaffung des Geldes interessiert, um damit ihren notorisch klammen Etat zu erhöhen.

Alles ist mit allem verbunden in Denise Minas komplexen Roman, der weit mehr als ein Krimi ist. „Blut Salz Wasser“ ist eine Bestandsaufnahme der schottischen Gesellschaft. Verschiedene Handlungsstränge, virtuos geplottet und gekonnt verknüpft. Mina erzählt nicht reißerisch sondern bildet Realität ab und vermittelt dem Leser so über Individuelles die Zusammenhänge des großen Ganzen. Das alles mit einer Prise humorvoller Ironie und jeder Menge Empathie für die Menschen.

Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, man fühlt mit den kleinen Ganoven und hofft für sie auf einen guten Ausgang. Gleichzeitig weiß man, dass im richtigen Leben nicht immer alles gut ausgeht und es die Hintermänner sind, die in der Regel ungeschoren davonkommen.

„Queen of Tartan Noir“, diesen Titel hat sich Denise Mina redlich verdient – und „Blut Salz Wasser“ ist ohne Frage eines der diesjährigen Highlights des Genres. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Punkt.

Bewertung vom 09.05.2018
Libellenschwestern
Wingate, Lisa

Libellenschwestern


sehr gut

Vordergründig geht es um ein Familiengeheimnis, das per Zufall ans Licht kommt. Aber man braucht gar nicht so genau hinzuschauen, um festzustellen, dass dieser Roman dann wesentlich mehr zu bieten hat. Die Autorin hat reale Ereignisse, die sich so oder so ähnlich Mitte des letzten Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten ereignet haben, als Vorlage genommen und um diese herum eine Geschichte ersonnen, deren Ausgangspunkt im „tiefen Süden“ der USA zu finden ist.

Der von Wingate beschriebene historische Hintergrund entspricht den Tatsachen, die Geschichte von Rill Foss und Avery Stafford ist fiktiv. Die Autorin nutzt zwei verschiedene Zeitebenen sowie diese beiden Protagonistinnen, um die schockierenden Ereignisse rund um die Machenschaften der Tennessee Children’s Home Society und ihrer Repräsentantin Georgia Tann zu schildern, die unter dem Deckmantel eines Waisenhauses ein zutiefst menschenverachtendes System des Kinderhandels entwickelte. Durch stattliche Schmiergeldzahlungen an die Vertreter der staatlichen Organe (Polizei und Behörden) konnte sie sich zum einen deren Unterstützung sichern, zum anderen aber auch sicher sein, dass gegen sie nichts unternommen würde, zumal auch zahlreiche Prominente zu ihren „Kunden“ zählten.

Die Gegenwart wird repräsentiert durch Avery Stafford, Tochter eines Senators, die ihren Vater im Wahlkampf unterstützt und mit ihm ein Altenheim besucht. Über ihr Libellenarmband, ein Familienerbstück, kommt sie mit einer alten Dame ins Gespräch, die scheinbar in einem früheren Leben eine Verbindung zu Averys inzwischen an Alzheimer erkrankten Großmutter Judy hatte. Das Wie, Wann und Warum erschließt sich erst allmählich, dafür aber umso schockierender. Die Erlebnisse der zwölfjährigen Rill Foss schließlich liefern mit dem zweiten Handlungsstrang (beginnend 1939) die Erklärungen, die Avery Stafford sucht, damit sie ihre Familiengeschichte verstehen und ihre Wurzeln finden kann.

Wingate hält, was sie verspricht. Sie schreibt engagiert und emotional, was sich bei dieser Thematik auch nicht vermeiden lässt. Dennoch wirkt ihre Erzählweise nicht kitschig plump und auf Effekte aus, im Gegenteil. Oft genügen ihr Andeutungen, um Situationen und Geschehnisse dennoch eindringlich zu schildern. „Libellenschwestern“ erzählt eine Geschichte, die betroffen macht, gerade weil klar ist, dass sie auf Tatsachen beruht. Dazu kommt, dass die Betroffenen, seien es nun die unter zweifelhaften Umständen vermittelten Kinder oder deren leibliche Eltern, bis weit in die neunziger Jahre hingehalten wurden, bevor ihnen Auskunft über Herkunft bzw. Verbleib gewährt wurde. Ein Versagen des Systems auf breiter Linie!