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Benutzername: kuddel


Bewertungen

Insgesamt 98 Bewertungen
Bewertung vom 01.09.2019
Der lange Weg zu dir
Widmark, Martin

Der lange Weg zu dir


gut

Kinderbuch zur Trauerarbeit
In "Der lange Weg zu dir" geht es um Tod, Trauer und den Umgang damit, aber auch um Freundschaft. Das Bilderbuch ist mit sehr schönen zur Geschichte passenden Bildern illustriert, die zwar zunächst düster wirken, aber die man dennoch sehr gerne anschauen kann, um Neues zu entdecken.
Als Adams Hund Rufus stirbt ist er untröstlich, er versinkt in seiner Trauer. Er hat keinen Freund, der ihm beisteht und tröstet. Zeitgleich macht sich das weit entfernt lebende Mädchen Sonja mit der Katze Miezi auf den Weg zu Adam. Bis sie bei ihm ankommen, haben sie einige Schwierigkeiten zu überstehen.

Das Buch sollte Kindern im empfohlenen Alter nicht allein überlassen werden, da einige Themen und Fragen am Besten gleich von einem Erwachsenen aufgefangen werden sollten.
Einige Aspekte der Geschichte fand ich nicht so toll umgesetzt (Mitfahren bei Fremden), ebenso das unrunde Ende.
Insgesamt ein schönes Bilderbuch, dass in ausgewählten Fällen bestimmt sinnvoll eingesetzt werden kann. Gerade in schwierigen Situationen hilft ein Buch bei einer Gesprächsführung oder regt diese erst an.

Das Thema und einige Umsetzungen schränken die Zielgruppe meiner Meinung nach aber sehr ein. Eltern sollten das Buch am Besten erst mal alleine lesen und entscheiden, ob es für den Nachwuchs geeignet ist.

Bewertung vom 31.08.2019
Über die Grenze
Lunde, Maja

Über die Grenze


ausgezeichnet

Zivilcourage in schweren Zeiten
Maja Lunde erzählt in „Über die Grenze“ sehr einfühlsam und authentisch für Kinder Zeitgeschichte von 1942.
Die Geschwister Gerda (10Jahre) und Otto (12 Jahre) leben in Norwegen trotz des Krieges noch relativ behütet, der Vater ist Arzt und die Familie hat Angestellte. Gerda ist lebhaft, sie liebt Abenteuergeschichten, besonders die drei Musketiere. Otto ist vom Typ her eher ein bedachter Nerd. Eines Nachts kommt die Polizei ins Haus und verhaftet die Eltern, weil sie jüdischen Kindern geholfen haben; diese werden jedoch nicht gefunden.
Gerda und Otto werden allein im verwüsteten Haus zurückgelassen. Sie finden schließlich die gut versteckten Geschwister Daniel und Sarah und wollen ihnen helfen über die Grenze nach Schweden zu ihrem Vater zu fliehen. Dort sind Juden zu dieser Zeit noch in Sicherheit.
So beginnt eine abenteuerliche Reise für die vier Kinder. Sehr schnell müssen sie jedoch begreifen, dass das Räuber und Gendarm Spiel bitterernst ist und es tatsächlich um Leben und Tod geht. Sie treffen auf unterschiedliche Menschen, manche meinen es gut mit ihnen, andere nicht. Leider ist es nicht immer leicht die Absichten der Anderen rechtzeitig zu erkennen. Sie erleben einige brenzlige Situationen mit Verfolgungen, Verrat, Hunger, Kälte und Angst.

Maja Lundes Buch wird für Kinder ab 9 Jahren empfohlen. Der Schreibstil ist dem Alter angemessen, ebenso die Unterteilung in viele kurze Kapitel, die die Kinder beim selber lesen nicht überfordern. Jedes Kapitel ist mit einer eingängigen Überschrift und einer passenden kleinen Illustration versehen. Alle vier Kinder sind sehr authentisch beschrieben, die Autorin haucht ihnen mit Themen wie geschwisterlicher Rivalität und Streit, Fürsorge und Liebe, Spieltrieb und Überlebenskampf Leben ein. Es wird den jungen Lesern leicht gelingen sich mit einem der vier unterschiedlichen Kinder zu identifizieren. Der eingängige Erzählstil nimmt den Leser mit und lässt einen in die Geschichte eintauchen, so dass man das Gefühl hat, die Flucht hautnah mitzuerleben. Eine Begleitung von jüngeren Lesern durch Erwachsene würde ich dennoch empfehlen.

Es ist Maja Lunde gelungen das schwierige Thema sehr kindgerecht umzusetzen. Entstanden ist ein spannender Abenteuerroman mit ernstem und wahrem Hintergrund. Die zugrundeliegenden Themen Menschlichkeit und Zivilcourage sind aktuell wieder wichtig. Super gemacht.

Bewertung vom 29.08.2019
Otto
Suffrin, Dana von

Otto


weniger gut

Anekdoten aus einer verkorksten Familie
Timna und Babis Vater Otto wird zum Pflegefall. Dadurch wird er noch nervtötender und anstrengender als er es zuvor schon war. Seine Forderungen kann er klar formulieren und er verlangt deren Umsetzung. Das wäre in Ordnung, wäre er dabei nicht anmaßend und distanzlos. Der egozentrische jüdische Vater mit siebenbrügischen Wurzeln und der altmodischen Sprache weiß sich bei seinen Mädels durchzusetzen.
In dem Roman reiht Dana von Suffrin Anekdoten aus dem Familienleben Ottos aneinander, dabei springt sie munter in der Zeit hin und her und erzählt von diesem und jenem. Die einzelnen recht kurzen Kapitel lassen sich leicht lesen, man kann immer mal einen Cut einlegen. Manches ist humorvoll oder hintergründig, einiges irrational und unglaubwürdig, nach einer Weile wird dies leider etwas anstrengend: der rote Faden fehlt. Man fragt sich warum jetzt diese Geschichte? Wo führt das hin? Die Antwort habe ich nicht gefunden. Einige Anekdoten lassen sich unterhaltsam lesen, eine Linie konnte ich nicht finden.
Vielleicht sollte es einfach Timna´s Weg aufzeigen, um den Vater in den letzten Monaten zu begleiten, wie sie gemeinsame Erlebnisse aufarbeitet und sich auf den Abschied vorzubereitet. Erkennen konnte ich es nicht, insgesamt hat mir hier leider eine Aussage gefehlt. „Meine Gedanken waren kein Monument, meine Familie war nicht bedeutend, und meine Geschichte war es nicht. Nichts davon verdiente eine Gedenkstätte.“ (S.229)
Vielleicht hätte man sich bei dieser Sichtweise der Autorin die Lektüre sparen können, nach dem interessanten Cover und der guten Leseprobe hatte ich deutlich mehr erwartet. Schade

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 19.08.2019
Geblendet / Jenny Aaron Bd.3
Pflüger, Andreas

Geblendet / Jenny Aaron Bd.3


gut

mittelmäßiger Serienabschluss
Jenny Aaron ist eine blinde Polizistin, die in der supergeheimen „Abteilung“ eingesetzt ist. Trotz ihres Handicaps, ist sie eine Topagentin. Vom Vater immer auf diesen Job hin erzogen und gedrillt, bringt sie noch einige andere außergewöhnliche Fähigkeiten mit, die sie zur tödlichen Waffe machen, der kaum jemand etwas entgegensetzen kann.
Mit „Geblendet“ legt Andreas Pflüger uns nun den dritten Teil der Serie als Abschluss vor. Ich schwanke noch ein wenig zwischen „Gott sei Dank“ und „Schade“.
Als Agentin hat Jenny viele Menschen auf dem Gewissen, das bringt der Job mit sich. Aber ist sie immer die Gute? Hier wird einiges hinterfragt, viele Antworten dazu bleiben in esoterischen Phrasen verschwommen, ein stereotypisches Schwarz- Weiß bildet leider doch die Grundlage für die Geschichte, auch wenn versucht wird einen anderen Eindruck zu erwecken.

In diesem Band geht es der Abteilung im wahrsten Sinne des Wortes an den Kragen. Jenny, die gerade eine Therapie begonnen hat, um ihr Augenlicht wiederzuerlangen, muss sich entscheiden: Hilft sie den Kollegen oder kümmert sie sich um sich selbst. Nach dem spannenden Einstieg zieht sich die Geschichte phasenweise leider ziemlich. Immer wieder kommt es zu Rückblenden in Jennys Kindheit und jüngere Vergangenheit, es werden Parallelen zu einer anderen Agentin gezogen. Sind die Beiden „Schwestern im Geiste“? Bushidõ-Weisheiten und raue Sprüche sind hier en masse zu finden. Einiges wirkte auf mich zu konstruiert, die Protagonisten sind ohnedies weitab der Realität. Das Jenny sich nach fünf Jahren blind sein fast genauso gut zurechtfinden kann wie vorher ist wenig glaubwürdig. Insgesamt hatte ich oft das Gefühl, dass es einfach eine Nummer zu viel ist, in der überzogenen Geschichte. Da die Spannung in weiten Teilen fehlte, konnte das Buch leider nicht richtig punkten. Schade.
Dennoch habe ich das Buch in kurzer Zeit beendet. Der bildgewaltige Erzählstil gefällt mir an dem Autor sehr, auch die gewählte, gehobenen Ausdrucksweise, die sich von dem teilweise derben Agentenjargon abhebt, macht Spaß und bietet ein klares Unterscheidungsmerkmal zu den Thriller, die den Markt zur Zeit überschwemmen. Leider hat dies mit den auch vorkommenden spannenden Momenten nicht ausgereicht, um mich komplett zu begeistern.
Immer wieder wird auf Begebenheiten aus den ersten beiden Bänden verwiesen, die Kenntnis der Vorgänger ist hilfreich.
Alle, die Agentengeschichten lieben und die sich dabei an Übertreibungen und Superlativen nicht stören, werden hier auf ihre Kosten kommen, Allen anderen würde ich eher abraten.

Bewertung vom 15.08.2019
Und sie sollen von seinem Blut nehmen / Laurenz Broich Bd.2
Mahlmann, Magnus

Und sie sollen von seinem Blut nehmen / Laurenz Broich Bd.2


ausgezeichnet

Pfarrer klärt Cold Case Fall
Ein altes Mietshaus im Veedel soll nach Sanierung in Luxuswohnungen neu vermietet werden. Kurz vor Abschluss der Maßnahme wird eine Wohnung immer wieder mit Blutflecken vollgeschmiert. Möchte jemand den Immobilienhaien Steine in den Weg legen oder spukt in der Wohnung der Geist von Rosalinde, die in der Nachkriegszeit dort ermordet wurde. Während die Besitzer sich an die Detektivin Linda Broich wenden, um den Fall zu klären, sucht die betagte Mieterin Käthe Fischenisch, die in der Wohnung unter dem Dach ausharrt, Hilfe beim Pfarrer Broich. So kreuzen sich die Betätigungsfelder der Geschwister wieder und sie ermitteln gemeinsam mit unterschiedlichen Ansätzen in verschiedenste Richtungen. Auch Olek und Opa Eberhard Broich helfen fleißig mit, jedoch nicht ohne den eigenen Fall, um Opas mysteriöse Briefe, außer Acht zu lassen.



Dieser zweite Fall ist eine sehr gelungene Fortsetzung der Krimireihe um die Familie Broich. Es gibt ein Wiedersehen mit den sympathischen Protagonisten, auch einige bekannte Nebencharaktere sind wieder mit am Start. Der Fall ist diesmal etwas vertrackter, zur Lösung sind Nachforschungen bis in die junge Nachkriegszeit notwendig. Sehr lebendig und authentisch agieren die Broich-Geschwister, es macht wirklich Spaß sie bei der Arbeit zu begleiten. Der Fall ist wieder in sich abgeschlossen, erst nach einigen Wendungen und Vermutungen klärt sich alles auf. Die private Familiengeschichte ist auch geheimnisumwittert, dieser Fall entwickelt sich hier weiter, wird jedoch nicht abgeschlossen sondern wartet auf seine Fortführung im nächsten Teil, der im Sommer 2020 erscheinen soll. Der Schreibstil ist super flüssig und liest sich sehr gut. Titel und Cover passen zum Fall.



Tolle Unterhaltung, wer Pfarrer Braun mag ist hier bestens aufgehoben, aber auch alle anderen Krimifans, die auf Gewaltschilderungen verzichten können, sind hier richtig.

Bewertung vom 07.08.2019
R.I.P. / Kommissar Huldar Bd.3
Sigurdardóttir, Yrsa

R.I.P. / Kommissar Huldar Bd.3


sehr gut

der Snape Chat Mörder
Dritter Teil zum Ermittlerduo Kommissar Huldar und Kinderpsychologin Freya. Für mich war es der erste Teil der isländischen Reihe, Kenntnisse der beiden Vorgänger sind nicht notwendig, man kann problemlos folgen.
Ein Mädchen wird gequält und ermordet, ihre Freunde können dies auf Snap Chat miterleben, denn der Täter hat die Tat über ihr Handy dort verbreitet. Für ihre Familie ein traumatisches Erlebnis. Kurz darauf ereilt einen Jungen ein ähnliches Schicksal, ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, die Hoffnung ihn noch lebend zu finden schwindet zusehends.

Huldar holt die Kinderpsychologin Freya als Beraterin ins Ermittlungsteam. Seine Chefin Erla zickt deswegen herum und auch wegen anderer Querelen. Im Team gibt es zahlreiche Differenzen, die mehr oder weniger offen ausgetragen werden. Von gradliniger Ermittlungsarbeit, sachlichen Argumenten und zielführenden Entscheidungen hat man hier offensichtlich noch nicht viel gehört, so kommt es zunächst nicht zu Erfolgen.

Das Thema Mobbing ist im Buch dominant, Alle sind irgendwie betroffen und gehen anders damit um. Hierzu wurde gut recherchiert und die geschilderten Erlebnisse hierzu sind authentisch und erschreckend. Opfer und Täter kommen zu Wort, aber auch Eltern, Schule und Berater.

Insgesamt hat mich das Buch gut unterhalten und ich konnte es auch flott lesen, jedoch hatte der Spannungsbogen in der Mitte einige Dellen. Schade fand ich, dass man die Auflösung des Fall nur durch die Schilderungen Huldars für Freya mitbekam, dies wirkte etwas konstruiert auf mich, als ob die Autorin das Buch hier endlich abschließen wollte.

Aufgrund des wichtigen Themas Mobbing, das hier gut verarbeitet und in den Fokus gerückt wird sowie des guten unterhaltsamen Schreibstils 3,5 Sterne. Von dem Thriller hatte ich mir doch etwas mehr erwartet. Ich werde mir nun nochmal die ersten beiden Teile vornehmen.

Bewertung vom 04.08.2019
Die Familien-Campingküche
Stötzel, Sonja

Die Familien-Campingküche


gut

Für Einsteiger beim Campen
Ich habe das Buch als Geschenk für einen Neuling in Sachen Camping gekauft, nachdem ich die Leseprobe angesehen hatte. Nach dem ersten Durchblättern war ich sehr angetan und habe mir auch das Eine und Andere herausgeschrieben. Das Buch ist sehr ansprechend aufgemacht und hat eine schöne Illustration, die besonders auf junge Familie eingeht. Viele Rezepte sind kindgerecht.
Die Einteilung: Muntermacher Frühstück, Kunterbuntes aus der Salatschüssel, Gegrilltes nicht nur zum Sattessen, Aus Topf und Pfanne, Auf die Hand, Süsses Seelenfutter deckt alle Tagesbereiche und Wünsche gut ab. Dem Rezeptteil ist ein Informations-Kapitel vorangestellt, in dem Tipps zur Ausstattung (Handwerkszeug und Vorrat) gegeben sowie praktische Tipps aufgeführt werden.
Das Buch enthält viele sehr einfache Rezepte und Ideen, es ist wirklich für Neu – Camper gedacht. Als alter Hase kommt auf das Meiste hier aufgeführte von alleine, bzw. erfährt nichts wirklich Neues. Die ist die Zielgruppe meiner Meinung nach sehr eingeschränkt, das sollte man beim Kauf beachten. Unsere Freunde fanden das Buch für ihren ersten Campingurlaub sehr hilfreich

Bewertung vom 04.08.2019
An Nachteule von Sternhai
Sloan, Holly Goldberg; Wolitzer, Meg

An Nachteule von Sternhai


sehr gut

email für dich
In dem Buch „An Nachteule von Sternhai“ lernen sich die Mädchen Bett und Avery nach und nach durch einen Mailkontakt kennen, bislang wussten sie nichts voneinander. Sie schreiben sich Emails, die Perspektive wechselt dadurch regelmäßig, so dass man in beide Sichtweisen immer einen guten Einblick bekommt. Die Geschichte wirkt auf diese Weise sehr frisch und jung. Die Emails lassen sich gut lesen, sind humorvoll und flüssig geschrieben.
Sternhai (Bett) schreibt Nachteule (Avery) an, als sie erfährt, dass sie gemeinsam ein Sommencamp besuchen sollen.
Die alleinerziehenden Väter haben sich ineinander verliebt und wollen eine feste Beziehung als „Patchworkfamilie“ beginnen. Die Kinder sollen sich vorab in einem Sommercamp kennenlernen. Nachdem sich die erste Aufregung und gemeinsame Abneigung dem Plan der Väter gegenüber gelegt hat, nähern sich die beiden Mädchen langsam einander.
Das Jugendbuch ist schön konstruiert, man fiebert mit den Beiden mit, wie sich alles weiter entwickelt, es gibt einen guten Spannungsbogen. Für die Zielgruppe ein schönes Buch, mit der Mail-Form und den homosexuellen Vätern sind aktuelle Themen aufgegriffen worden. Das Ganze lässt sich durch die gelungenen Formulierungen locker weglesen. Für so junge Mädchen waren die Mails gut durchdacht geschrieben, das wäre in der Realität sicherlich anders, die Aufhübschung ist der Buchform geschuldet.
Schöne Unterhaltung für 10 – 14 jährige Mädchen.

Bewertung vom 30.07.2019
Wo die Freiheit wächst
Reifenberg, Frank M.

Wo die Freiheit wächst


ausgezeichnet

Ein Buch gegen das Vergessen
In dem Briefroman wird die Zeit vom 13. März 1942 bis 14. Februar 1943 sehr lebendig geschildert. Die meisten der Briefe schreibt die Kölnerin Lene Meister, eine 16 jährige Frisörauszubildende an ihre Freundin Rosi in Detmold (später in Schlesien), an ihren Bruder Franz, der als Soldat an der Ostfront dient und ihren Freund Erich, sowie an den jüngeren Bruder Kalli. Die Briefe, die sie ihrerseits erhält, komplettieren das Bild aus dem kriegsgeschüttelten Deutschland.
In den Briefen beschreiben die jungen Leute ihr Umfeld und ihre Erlebnisse, teilen ihre Anliegen, Ängste, Nöte und auch die wenigen schönen Dinge miteinander, andere Kommunikationsmittel und Informationswege gab es damals kaum. Auf diese Weise kommen die einzelnen Charaktere selber zu Wort, beschreiben unterschiedlichste Erlebnisse und vor allem ihre Sichtweise, der Leser kann ihre Entwicklung hautnah erleben.
Erschütternd sind die glühenden Briefe des jungen Kalli, der durch die HJ zu einem treuen Gefolgsmann Hitlers wurde.
Am Anfang schreibt Lene noch viel über ihren Alltag und die allnächtlichen Bombenangriffe, die sie im Keller überstehen müssen. Die zunehmende Zerstörung stellt die Bevölkerung täglich vor neue Probleme, persönliche und materielle Verluste sind zu verkraften, das tägliche Leben muss immer aufs Neue organisiert werden.
Als sie Erich kennen und lieben lernt ändert sich der Grundtenor. Er gehört zu den Edelweißpiraten, eine Gruppe von Jugendlichen, die sich nicht an die geltenden Regeln anpassen wollte. Sie wollen über ihre Freizeit und Freiheit selbst bestimmen, sie ergreifen auf ihre Art die Initiative. Lene schließt sich ihnen an und ist mit ihren Äußerungen nicht vorsichtig genug, offensichtlich werden die Briefe mitgelesen, was Ärger für alle Beteiligten bedeutet.
Franz gibt Briefnachrichten über Judenerschießungen lieber einem Vertrauten mit nach Hause, anstatt sie er Post anzuvertrauen. Aus seinen Briefen erfährt man vieles von der Ostfront.
So schlimm die Zeiten waren, Personal für die Überwachung und Unterdrückung stand zur Verfügung. Privatsphäre, Briefgeheimnis und eine eigene Meinung gab es nicht.
Dem Autor ist es mit diesen fiktiven Briefen sehr gut gelungen ein authentisches Zeitgeschehen darzustellen.
Die Gefahren der Zeit und das Leid der Bevölkerung werden für den Leser deutlich spürbar, ich hoffe das dieses Buch von vielen Menschen gelesen wird und es gegen das Vergessen wirkt, damit solche Zeiten nie wieder in anbrechen.
Eine Lektüre, die mich betroffen und nachdenklich zurück lässt und noch lange beschäftigen wird

Bewertung vom 30.07.2019
Wir von der anderen Seite
Decker, Anika

Wir von der anderen Seite


sehr gut

berührendes Debüt
Anika Decker hat mit „Wir von der anderen Seite“ einen schönen Debütroman zu einem sehr ernsten Thema geschaffen.
Die Drehbuchautorin Rahel ist dem Tod so gerade von der Schippe gesprungen und erwacht aus dem Koma. Zunächst begreift sie nur schwer, dass der knochige Körper ihrer ist. Erst nach und nach erschließt sich ihr, wie krank sie tatsächlich ist. Es gibt so einiges an das sich Rahel zunächst noch nicht erinnern kann, aber das wird mit der Zeit. Es warten noch einige Behandlungen auf Rahel, der Genesungsprozess ist langwierig. Obwohl sie auf äußerst unsensible Ärzte trifft, gelingt es ihr den Kopf oben zu behalten, auch dank der Familie und ihres Humors. Die Familie ist eine wahre Stütze für Rahel, auf die sie in der Krisensituation wirklich zählen kann.
Durch die Ich – Erzählung bekommt der Roman eine besondere Authentizität.

Obwohl es um ein ernstes Thema geht, liest sich die Geschichte locker und leicht. Die Komik, die hier teils zum tragen kommt, wirkt zu keiner Zeit unangebracht. Das Eichhörnchen vom Cover hat eine schöne Rolle im Buch, erscheint es Rahel in deren „Drogenrausch“ (Medikamentencocktail) doch ab und an zu.
Die Personen sind allesamt liebevoll und genau gezeichnet, sie wirken glaubhaft.
Rahel muss sich in ihr Leben zurückkämpfen und wieder neu ausrichten. Man kann Rahel auf diesem Weg begleiten, mit ihr lernen kleine Dinge wertzuschätzen und auf das zu achten was einem gut tut.