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    12 Kundenbewertungen

    Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh
    Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma…mehr

    Produktbeschreibung
    Der große Gesellschaftsroman von Juli Zeh

    Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …

    Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der sich hochspannend wie ein Thriller liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

    • Produktdetails
    • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
    • Seitenzahl: 640
    • 2016
    • Deutsch
    • ISBN-13: 9783641167295
    • ISBN-10: 3641167299
    • Best.Nr.: 44267477
    Autorenporträt
    Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman „Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).
    Juli Zeh
    Rezensionen
    "Ein meisterhafter Gesellschaftsroman, der sich wie ein Thriller liest und blutig endet.""Ist das schon das Buch des Jahres? Juli Zeh legt bei ihrem neuen Verlag Luchterhand einen großen Gesellschaftsroman vor.""Juli Zeh hat mit "Unterleuten" den Roman der Stunde geschrieben: über die große Gereiztheit, über Politikverachtung und Resignation.""Mitreißend geschrieben, lebendig und spannend – ein großer Roman.""So kann Literatur sein: anregend, aufregend, amüsant, engagiert und voller Ungewissheiten.""Um es mit einem Wort zu sagen: Juli Zehs neues Buch ist vorzüglicher Lesestoff. Spannend, lebendig, lehr- und kenntnisreich zum Platzen."

    Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

    Sandra Kegel hält Juli Zehs multiperspektivisch angelegten Dorfroman aus der brandenburgischen Tiefebene für eine gute Idee. Dem vielfältigen Personal aus Alteingesessenen und Zugezogenen sowie den vielen Themen im Buch (Landflucht, Ehekrisen, Kapitalismuskritik, DDR, Überwachungsstaat, Geschlechterkonflikte) steht die Rezensentin zunächst aufgeschlossen gegenüber, auch wenn die Generation Hoyerswerda nicht vorkommt, wie sie anmerkt. Dass Kegel dennoch enttäuscht wird von der Lektüre, liegt an einem Mangel an Handlungsfülle und Figurentiefe. Da die Figuren nur Haltungen transportieren und ihre Konfrontation der Rezensentin allzu arg konstruiert erscheint, kommt bei Kegel wenig echte Lesefreude auf. Schiefe Bilder, Klischees und missglückte Sätze tragen ebenfalls zu Kegels Frust bei. Schade, findet sie. Von der Autorin ist sie eigentlich Besseres gewöhnt.

    © Perlentaucher Medien GmbH
    Besprechung von 21.03.2016
    Nachts sind das Tiere
    Provinzposse und Gesellschaftsroman: Juli Zeh erkundet in „Unterleuten“
    den Mikrokosmos eines brandenburgischen Dorfes
    VON JÖRG MAGENAU
    Das Dorf ist ein Mikrokosmos. Das Personal ist überschaubar, die Konflikte sind es auch. Das bedeutet aber nicht, dass es hier friedlicher zugehen würde als andernorts. Auch die Dorfwelt verändert sich ständig, und wer glaubt, auf dem Land gewissermaßen aus der Zeitgeschichte austreten und in die Idylle eintreten zu können, hat sich gründlich getäuscht. Die Regeln kapitalistischer Profitmaximierung gelten auch hier, und die Leichen, die im Keller oder auf den Feldern herumliegen, lassen sich auf Dauer nicht verbergen.
      „Unterleuten“ heißt das fiktive Dorf in der Prignitz im westlichen Brandenburg, das dem neuen, voluminösen Roman von Juli Zeh den Titel gegeben hat. Zehn Jahre hat sie angeblich daran gearbeitet. Und der Name ist Programm: Einsamkeit ist anderswo. In diesem Örtchen ist man unter Leuten, und die sind allesamt sehr seltsam und sich außerdem spinnefeind. Unterleuten hat, wie alle Dörfer im Osten, Anfang der Sechzigerjahre Zwangskollektivierung, Enteignung und Umwandlung der Güter in eine LPG erlebt, hat die Wende als neuerlichen Schock überstanden, als neuerliche Enteignung, die der einstige Großbauer für sich zu nutzen verstand, indem er aus der LPG seine eigene GmbH gemacht hat. Will man es ihm vorwerfen? Immerhin hat er den Betrieb auf diese Weise erhalten und damit auch das Zentrum des Dorfes nebst Arbeitsplätzen. Biobauer ist er zudem, aber das hat nicht viel zu bedeuten, es ist nur ein Geschäftsmodell.
      Dass es Neider gibt und alte, verbitterte Kommunisten, die die neue Zeit verachten, ist klar. Gesellschaftliche Widersprüche auf dem Dorf sind elementar und werden ganz direkt von Mann zu Mann ausgetragen. Macht ist hier etwas, was sich unmittelbar verkörpert. Und so ist dieser Bauer ein schwerer, korpulenter Mann mit müdem Hundegesicht, der nicht versteht, warum alle ihn hassen, wo er doch so viel Gutes tut. Zwanzig Jahre später – der Roman spielt 2010 – hat sich die Dorfwelt erneut verändert, denn jetzt leben da auf einmal all die Zuzügler aus Berlin, Großstadtflüchter und Naturnaivlinge, die weder mit der DDR-Geschichte (und den zugehörigen Leichen) noch mit dem Landleben wirklich etwas zu tun haben.
      Um zwei exemplarische Paare handelt es sich dabei: einen Akademiker-Aussteiger, der als Karikatur seiner selbst zum übellaunigen Vogelschützer mutiert ist, und seine junge Frau, die nichts anderes als das Wohl des Säuglings im Blick hat. Außerdem gibt es eine sehr toughe Pferdenärrin, die sich in den Kopf gesetzt hat, eine Art Pferdehotel für Großstädter zu schaffen. Sie wird begleitet von ihrem langhaarigen Freund, der in der Computerspielbranche sein Geld verdient. Und dann ist da noch ein schwerreicher Investor aus Bayern, der Land einfach nur deshalb kauft, weil er es kann und die Zeit hat zu warten, bis die nächste Shoppingmall, Tankstelle oder aber – wie in diesem Fall – ein Windpark errichtet werden soll.
      Damit ist alles angerichtet für den Krieg auf dem Land, in dem es um Nutzflächen, Windräder und viel Geld, aber auch um DDR-Geschichte, Ehefrustrationen, Abhängigkeiten und einfach nur um Neurosen und Verrücktheiten geht, wie sie auf dem Dorf ja auch blühen: so wie bei der kleinen dürren Frau mit den unzähligen Katzen, die als Geliebte des Großbauern gilt und praktischerweise direkt neben ihm wohnt. Oder bei dem erfolglosen Dramatiker, der seine Ideenlosigkeit durch verbissenes, tägliches Rasenmähen zu kompensieren sucht. Für Unterleuten spricht allerdings, dass es hier keinen einzigen Nazi oder andere Rechtsradikale gibt, keine Flüchtlingsproblematik, keine Fremdenfeindlichkeit. Wie auch – wenn das Dorf zur Hälfte aus Berlin-Zuzüglern besteht. Und vielleicht ist das Jahr 2010 von heute aus gesehen eine friedlichere Vorzeit.
      Juli Zeh erzählt kapitelweise in wechselnden Perspektiven. Da ist zwar immer die auktoriale, allwissende Erzählerin (die sich in einem Schlusskapitel als Journalistin zu erkennen gibt), doch indem sie allen Figuren reihum nahe zu kommen versucht, gelingt es ihr, sie aus der Innen- und Außenperspektive zu zeigen, sodass sie mal massiv unsympathisch, mal vom Schicksal gezeichnet und höchst bemitleidenswert wirken. Diese Sichtwechsel machen den Reiz des Romans aus und lassen nach und nach komplexe Figuren entstehen, die mehr sind als die Abziehbilder, als die sie zwischenzeitlich auch erscheinen. Juli Zeh setzt ganz auf Handlung und Psychologie, aber ohne zu erklären und auszudeuten: Warum die Menschen so sind, wie sie sind, so bitter, so schweigsam, so naiv, muss jeder Leser aus den einzelnen Mosaikteilchen herauslesen.
      Sprachlich ist „Unterleuten“ einfach und konventionell gestrickt, geschrieben in einem ungebrochenen Vertrauen auf realistische Erzählweise, wie sie vielleicht nur noch diese Erzählerin (mit Namen Lucy Finkbeiner) aufbringt. Sätze wie „Jule schaute auf“, „Ich halte das nicht mehr aus“ oder „Gerhard bemühte sich, seiner Stimme einen sicheren Halt zu geben“, lesen sich wie schlichte Kolportage, und das ist der Sache ja auch durchaus angemessen. Schließlich ist das Dorf nicht die Heimat ästhetischer Avantgarde. „Unterleuten“ ist ein Kriminalroman, indem tatsächlich auch ein Mord aufgedeckt wird und Gewalt alltäglich ist. Dass die promovierte Juristin Juli Zeh sich für Kriminal-Handlungen interessiert, hat sie bereits in ihrem Debütroman „Adler und Engel“ (2001) oder in „Schilf“ (2007) bewiesen. Wie man Cliffhanger baut und Spannung produziert, weiß sie auch.
      Es könnte sein, dass Gesellschaftsromane überhaupt nur noch als Dorfromane möglich sind. Saša Stanišić hat mit „Vor dem Fest“ gezeigt, was in diesem Genre möglich ist, und selbst die Berlin-Romane der Gegenwart, wie jüngst bei Roland Schimmelpfennig, tendieren dazu, die Großstadt ins Brandenburgische hinein zu erweitern. Vielleicht arbeitet die Literatur da der politisch gescheiterten Länderfusion voraus, die eines Tages kommen wird, weil Brandenburg dann sowieso von Berlinern bevölkert ist, während die Einheimischen das Land in Richtung Westen verlassen haben. Juli Zeh weiß, wovon sie spricht. Sie lebt seit einigen Jahren in einem Dorf im Havelland.
    Die Einheimischen gingen,
    es kamen die Zivilisationsmüden
    und die Windpark-Betreiber
    Als promovierte Juristin weiß Juli Zeh, wie man eine Kriminalhandlung baut.
    Foto: Steffen Roth/Agentur Focus
                
      
      
      
      
      
    Juli Zeh: Unterleuten.
    Roman. Luchterhand Literaturverlag, 640 Seiten, 24,99 Euro. E-Book 19,99 Euro.
    DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
    Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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    Besprechung von 12.03.2016
    Dann bauen wir eine Mauer

    Landflucht, Generationenkonflikt, DDR-Vergangenheit: Juli Zeh packt in ihrem multiperspektivischen Dorfroman "Unterleuten" die ganz großen Themen an. Kann das gutgehen?

    Von Sandra Kegel

    Eigentlich ist es eine bestechende Idee, einen Gesellschaftsroman in der brandenburgischen Tiefebene siebzig Kilometer nordwestlich von Berlin anzusiedeln. Schon vor Jahren hat der Kabarettist und Spezialist für regionale Befindlichkeiten, Rainald Grebe, in seiner Ode an "Brandenburg" den Dada-Soundtrack dazu vorgelegt. Und erst jüngst ließ nicht nur das Polarlicht das märkische Land leuchten, sondern auch die Literatur von Sasa Stanisic oder Roland Schimmelpfennig.

    Nun hat sich auch Juli Zeh darangemacht, das märkische Land in epischer Breite zu vermessen. Unter knorrigen Birnbäumen und in alten Dorfschenken versammelt sie die gegensätzlichsten Typen: Alteingesessene und Neubewohner, jene, die Zuflucht vor der Großstadt suchen, und solche, die am Ort ihrer Jugend gestrandet oder dem Ostprignitzer Sand erst gar nicht entkommen sind. Doch nicht nur mit dem Zuzug ehrgeiziger Pferdefrauen und professoraler Vogelwarte aus der Hauptstadt stirbt das alte Dorf jeden Tag ein bisschen mehr.

    Der idyllische Fleck mit dem sprechenden Namen, der vor allem für diejenigen wie Heimat aussieht, die nicht von hier stammen, befindet sich seit Jahren in stummer Feindschaft. Befeuert vom Lauf der Geschichte - von den Bomben des Zweiten Weltkriegs über den Bau der Mauer bis zum anschließenden Fall derselben -, gibt es offene Rechnungen zuhauf unter den Leuten. Brüder haben sich als Neider entpuppt, Freunde als Verräter, Ehefrauen als Stasispitzel. Doch erst, als der Bürgermeister plant, die Gemeinde mit Windrädern vor der Pleite zu retten, brechen die Konflikte aufs Neue auf. Und spätestens, als sich die Dorfgesellschaft im überfüllten Tanzsaal des "Landmanns" zur Gemeinderatssitzung trifft und der Streit über den geplanten Windpark in eine Prügelei ausartet, herrscht Krieg in Unterleuten.

    Weil schon die Frage, auf welchem Stück Land die Ungetüme dereinst rotieren werden, ganz neue Sieger und Verlierer hervorbringt. Die Besitzer des einst nutzlosen Grunds stehen plötzlich als Profiteure da, während den anderen nur die unschöne Aussicht auf die von der EU subventionierten Gelddruckmaschinen bleibt. Aber noch ist kein Grundstück gewählt, und weil in diesem wildgewordenen Dorf bald alle Waffen erlaubt sind, werden nicht nur Kinder und Katzen entführt, sondern gibt es am Ende einige Tote zu beklagen.

    Die 1974 geborene Juristin Juli Zeh, die sich mit Romanen wie "Adler und Engel", "Schilf" und "Nullzeit" ebenso wie mit Essays zu Fragen von Recht, Moral sowie dem Spannungsverhältnis von Freiheit und Sicherheit einen Namen gemacht hat, packt in diesem Buch die ganz großen Themen an: Landflucht und DDR-Vergangenheit, Generationen- und Geschlechterkonflikte, Energie- und Ehekrisen, Kapitalismuskritik, Immobilienspekulation, Überwachungsstaat, Zersiedelung - das alles und noch viel mehr bündelt sie in ihrem auf mehr als sechshundert Seiten angelegten Gesellschaftspanorama. Interessanterweise lässt der Roman die Generation Hoyerswerda, die auch dort ihre Brandspuren hinterlässt und uns gerade in diesen Tagen beschäftigt, völlig außen vor.

    Doch so effektiv es für die kompositorische Anlage auf den ersten Blick ist, den ländlichen Mikrokosmos als Spiegelfläche für zeitdiagnostische Thesen zu wählen, verweht der Plot bald wie märkischer Sand. Auf der Strecke bleibt die literarische Finesse. Nicht etwa, weil Juli Zeh diesen heißen Sommer abwechselnd aus der personalen Perspektive von zwölf verschiedenen Protagonisten schildert. Ulrike Draesner hat mit ihrem multiperspektivischen Roman "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" den Reiz dieser Erzählform zuletzt ebenso vorgeführt wie etwa Eva Menasse in "Quasikristalle".

    Doch Juli Zeh ufert in der Handlungsfülle aus und geht erzählerisch so sehr in die Breite, dass es ihr bei der Figurenzeichnung schlicht an Tiefe mangelt. Die Zuzügler aus der Stadt wie die Bauern-Patriarchen aus Unterleuten, die hier ein ums andere Mal aufeinandertreffen, umeinander kreisen oder sich verpassen, sie müssen vor allem eines leisten: einen bestimmten Standpunkt, eine bestimmte Haltung transportieren. Da ist der enttäuschte Unidozent, der zum Wutbürger mutiert, die misshandelte Ehefrau, die irgendwann ihre Koffer packt, der hochsensible Schriftsteller, der seine Schreibhemmung mit Rasenmähen zu kurieren versucht. Zusammengenommen sollen sie den vielstimmigen Sound unserer Zeit abbilden. Jede Figur für sich aber bleibt den Aufträgen ihrer Schöpferin verhaftet und also berechenbar. Das ist schade, gerade weil der Roman immer wieder auch mit kuriosen Einfällen und unerwarteten Wendungen aufwartet. Das Unternehmen als Ganzes aber hat etwas Konstruiertes und Angestrengtes, das auf Kosten der Leichtigkeit geht.

    Einer der Granden im Dorf ist der Wendegewinnler Gombrowski. Dem Spross ehemaliger Großgrundbesitzer war es mit einiger krimineller Energie gelungen, die Besitztümer seiner Ahnen, zu DDR-Zeiten enteignet, nach dem Fall der Mauer wieder an sich zu reißen. Doch um seinen nun "Ökologica" getauften Betrieb steht es längst nicht mehr gut, weshalb der Alte noch einmal alle Kräfte mobilisiert, um das Rennen um die Windräder für sich zu entscheiden. Auch sein Widersacher, der Altkommunist Kron, spekuliert auf die Anlage, vor allem aber deshalb, weil er mit Hilfe des neuen Rückenwinds seinen ewigen Gegenspieler Gombrowski, der alle Geschicke im Dorf lenkt, endlich zu Fall bringen will.

    Was die beiden verbindet, ist zugleich das dunkle Geheimnis von Unterleuten. Denn ein Dritter kam in jenen schicksalhaften Tagen nach der Wende unter einer alten Buche ums Leben, als Gombrowski Verbündete für seine "Ökologica" brauchte und jene Dörfler mit Alternativplänen mit allen Mitteln mundtot machen wollte. Das ging so weit, dass seither im Dorf gemunkelt wird, Gombrowski, der auch seine Frau bisweilen windelweich schlägt, schrecke vor Mord nicht zurück.

    Ermittelt aber wurde nie. Die Unterleuter hatten die DDR überlebt und wussten, "wie man sich den Staat vom Leibe hielt", heißt es an einer Stelle im Roman. Sie lösen, soll das heißen, ihre Probleme auch heute auf ihre Weise, nämlich unter sich. Dass diese Erkenntnis vor allem den Neu-Unterleutern verborgen bleibt, trägt nicht unerheblich zu deren Problemen bei. Denn wer auch immer sich aus Berlin, Oldenburg oder Ingolstadt dorthin verirrt, stößt auf gelebte Anarchie. Vergessen von der Welt und also unfreiwillig subversiv, dämmert es dem Soziologen Gerhard Fließ irgendwann, sei das Dorf nichts anderes als ein "gesellschaftspraktisches Paralleluniversum".

    Dieser Fließ, der einst über die "Topographie des Aufstands" habilitierte und sich mit Transparenz-Workshops und Gesellschaftsdiagnose-Seminaren an der Humboldt-Universität über Wasser hielt, ehe er im brandenburgischen Paralleluniversum seine Berufung als "Held der Bewahrung" fand, ist wie aus dem Setzbaukasten entworfen. Als Vogelwart und Jungvater hat er zusammen mit seiner ehemaligen Studentin Jule einen ehemaligen Hof in ein warmes Nest umgebaut. Um dann festzustellen, dass ihm nicht nur die Hitze zu schaffen macht, sondern mehr noch die vom Nachbargrundstück herüberwehenden Giftgase. Dort pumpt ein irre gewordener Autoschrauber so viel Dreck in die Luft, dass Gerhard und Jule sich bald mit Mordgedanken tragen und ihr Paradies ausgerechnet mit einem Mauerbau vor dem höllischen Gestank schützen wollen.

    Es sind Wendungen dieser Art, so überdeutlich markiert, die gerade bei einer begabten Autorin wie Juli Zeh frustrieren. Jede Kraftanstrengung ist "gewaltig", jedes Lächeln "breit" und Gesichter "frisch renoviert". Der sprachliche Aufwand, die schiefen Bilder, die vielen missglückten Sätze und die klischeehaften Bausteine machen da bisweilen nicht weniger heiße Luft als die Windräder, die im Plot die Atmosphäre im Dorf aufheizen.

    Dass Juli Zeh einer ihrer Heldinnen den Namen des amerikanischen Gesellschaftsromanciers Jonathan Franzen verpasst hat, ist bezeichnend für eine Prosa, die sich mit Andeutungen nicht begnügen mag. Deshalb muss die ratgeberhörige Linda Franzen, die als Pferdeflüsterin reüssiert und für ihren Zuchthengst Bergamotte in Unterleuten das entsprechende Ambiente sucht, als Stellervertreterin aller Selbstoptimierer dieser Welt herhalten. Natürlich ist der Freund der Pferdefrau ein blasser Programmierer, dem jede animalische Erotik abgeht, während sie sich als "Moverin" versteht und Eigenkontrolle als Währung ihres Erfolgs ansieht. Im Eigenheim sieht sie ein Mittel, das "beängstigende Möglichkeitslabyrinth der Zukunft in überschaubares Terrain" zu verwandeln: "Inzwischen glaubte Linda, dass das menschliche Schicksal nicht an Gott, sondern am Grundbesitz hing. Transzendentale Obdachlosigkeit war keine Folge des Religionsverlustes, sondern der Inflation von Mietwohnungen." Ja, so denken sie, die Romanfiguren.

    In Interviews hat Juli Zeh, die heute selbst in Brandenburg lebt, immer wieder betont, wie gern sie auf dem Land wohne, das sie an ihre Studentenzeit in Wohngemeinschaften erinnere - man teile Alltag und Lebensraum, "ohne eng befreundet sein zu müssen". Vielleicht wurzelt hier das Problem: dass der Roman in Wahrheit selbst gegen Windmühlen kämpft. Das fiktive Dorf - das sich verhielt "wie ein Kind, das von Hautausschlag befallen war. Die Klatschsucht war ein Juckreiz, und das Dorf kratzte sich" - bleibt am Ende ausgedacht. Das Welttheater auf der Dorfbühne findet nicht statt, und was immer tatsächlich dort aufzuspüren wäre, bleibt unentdeckt. Denn wie heißt es im Song von Rainald Grebe? "Es gibt Länder, wo was los ist, / Es gibt Länder, wo richtig was los ist / und es gibt / Brandenburg." Aufregend ist es auch dort, natürlich. Man muss sich nur darauf einlassen.

    Juli Zeh: "Unterleuten". Roman.

    Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 640 S., geb., 24,99 [Euro].

    Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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    "Juli Zeh hat mit "Unterleuten" den Roman der Stunde geschrieben: über die große Gereiztheit, über Politikverachtung und Resignation." Volker Weidermann / Der Spiegel