Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: solveig
Danksagungen: 65 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 398 Bewertungen
Bewertung vom 29.04.2021
Laudatio auf eine kaukasische Kuh
Jodl, Angelika

Laudatio auf eine kaukasische Kuh


gut

Konflikt zwischen Kulturen

Olga Evgenidis wünscht sich von ganzem Herzen einen kurzen, möglichst einsilbigen Nachnamen, und in ihrem Medizinerkollegen Felix Van Saan scheint sie ihn auch gefunden zu haben. Dabei ist dieser Wunsch natürlich nur Ausdruck ihrer Sehnsucht, ihr „altes“ Leben hinter sich zu lassen. Als Tochter einer Einwandererfamilie aus Georgien arbeitet sie sich zielstrebig aus ärmlichen, beengten Verhältnissen empor; ihre Zukunft verläuft in vermeintlich geraden Bahnen, an der Seite des begüterten Felix. Doch dann kreuzt Jack Jennerwein ihren Weg …
Keine Frage, das Buch ist anschaulich und in einem angenehmen Stil geschrieben. Angelika Jodl flicht humorvolle Elemente ein, auch einige (wenige) historische Details zum Herkunftsland ihrer Protagonistin, Georgien. Dennoch bleibt der Roman für mich an der Oberfläche; viel mehr als eine Liebesgeschichte mit Hindernissen kann ich nicht erkennen. Die eigentlichen Probleme der doch sehr unterschiedlichen Kulturen in Georgien und Deutschland werden leider nur gestreift, ebenso wie Olgas Konflikte, für sich beide miteinander zu verbinden. Dabei hätte meiner Meinung nach hier das Potential deutlich mehr ausgeschöpft werden können und vermutlich zu einer wesentlich interessanteren, spannenderen Geschichte beitragen können.

Bewertung vom 16.04.2021
Der ehemalige Sohn
Filipenko, Sasha

Der ehemalige Sohn


ausgezeichnet

Eindringlich

Wie kommt ein Schriftsteller zu der Aussage, er habe die Hoffnung, dass „dieses Buch in meinem Land eines Tages nicht mehr aktuell sein wird“? Sasha Filipenko, der damit vermutlich den Nerv der Mehrzahl seiner Landsleute trifft, prangert auf subtile Weise das politische System seines eigenen Landes an, Belarus, in dem sich seit Jahrzehnten keine Besserung ankündigt. Auch mich hat sein Roman betroffen gemacht.
Sein Protagonist, der 16jährige Franzisk Lukitsch, wird bei einer Massenpanik in Minsk so schwer verletzt, dass er in ein Koma fällt. Während seine Mutter und die Ärzte die Hoffnung aufgegeben haben, dass er jemals wieder aufwachen werde, organisiert seine mutige, bodenständige Großmutter Elvira jahrelang alles, um ihren Enkel wieder zu wecken. Doch sein tasächliches Erwachen zehn Jahre später erlebt sie nicht mehr, und Franzisk ist auf sich allein gestellt …
Sehr bildhaft und lebendig erzählt Filipenko, zieht den Leser in seine Geschichte hinein und lässt ihn Teil der Ereignisse werden. Beißend ironisch kommentiert er die Gesellschaft seines Landes, die Repressalien der Politik, die Sympathisanten und Nutznießer, aber auch die Gegner des totalitären Regimes. Doch man spürt deutlich, wie sehr ihn die Verfolgung politischer anders Denkender, die Angst der Menschen, in diese brutale Maschinerie hineinzugeraten, beschäftigt. Die verzweifelten Versuche der Bevölkerung, mit Demonstrationen mehr Demokratie zu erreichen, sieht er stets aufs Neue scheitern. Jedoch hat er die Hoffnung auf eine positive Veränderung des Landes nicht aufgegeben und trägt seinen Teil dazu bei, indem er schreibt. Belarus muss doch eines Tages aus seinem „Koma" erwachen, genauso wie Franzisk …

Bewertung vom 05.04.2021
Sprich mit mir
Boyle, T. C.

Sprich mit mir


sehr gut

Eindrucksvoller Roman

Tom Coraghessan Boyle ist bekannt für seine kritischen, stets akribisch recherchierten Romanthemen. In "Sprich mit mir" beschäftigt er sich mit einem Forschungsprojekt, das darauf hinausläuft, einen jungen Schimpansen wie ein menschliches Kind groß zu ziehen und ihm Sprache beizubringen. Sam lernt, sich mit Hilfe einer Gebärdensprache mit seinen menschlichen Bezugspersonen zu verständigen. Die Studentin Aimée, als Helferin in das Unternehmen eingebunden, entwickelt eine große Liebe und Fürsorge für Sam. Doch dann wird das Projekt aus wirtschaftlichen Erwägungen von Sams Besitzer Moncrief abgebrochen und Sam zurück in einen Käfig verbracht. Hier erwartet ihn, ebenso wie die anderen dort lebenden Menschenaffen, der Verkauf an ein Tierversuchslabor. Aimée will das nicht zulassen und schmiedet einen Plan - mit unabsehbaren Folgen.
Sehr effektiv beschreibt der Autor die einzelnen Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven, wechselweise aus der menschlichen und Sams. Und Boyle geht über das Thema des möglichen Spracherwerbs noch hinaus. Er stellt nicht nur den moralischen Aspekt von Tierversuchen auf den Prüfstein, sondern wirft Fragen nach Sams Selbst-Bewusstsein auf, zeigt die Folgen seiner menschlichen Erziehung und den Widerstreit zwischen seinen Gefühlen und seiner Schimpansennatur. Worin besteht die Grenze zwischen Mensch und Tier? Ist es vertretbar, dass Menschen sich so anmaßend und überheblich der Natur gegenüber verhalten? Auch, wenn er es nicht ausdrücklich ausspricht: Boyle fordert Respekt vor allen Lebewesen. Schon für Charles Darwin war klar: „Die Tiere empfinden wie der Mensch Freude und Schmerz, Glück und Unglück; sie werden durch dieselben Gemütsbewegungen betroffen wie wir.“

Bewertung vom 24.03.2021
Die Erfindung von Alice im Wunderland
Hunt, Peter

Die Erfindung von Alice im Wunderland


ausgezeichnet

Blick ins "Wunderland"

“Ein ganzes Buch sollte … um einiges mehr bedeuten, als der Autor im Sinn hatte“. So hat sich Lewis Carroll (mit bürgerlichem Namen Charles Dodgson) einmal über eines seiner Bücher geäußert. Und tatsächlich befassen sich namhafte Literaturgelehrte wie Peter Hunt intensiv mit Dodgsons wohl berühmtesten Roman, „Alice im Wunderland", und sind bemüht, "zwischen den Zeilen" zu lesen.
Wohlvertraut mit der englischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, die Sozialwesen, Kultur und Politik umfasst, führt Hunt seine Leser in den berühmten Kinderroman ein. Warum ist gerade "Alice im Wunderland" so beliebt und erfolgreich - bis heute? Er streift dabei Dodgsons Biografie; seine Situation als Mathematiker am Christ Church in Oxford, seine Bekannten und natürlich Alice Liddell, das Vorbild zu seinem Roman, sind wesentlicher Teil von Hunts Arbeit. An zahlreichen Passagen aus "Alice" erklärt Hunt gesellschaftliche Zusammenhänge, karikierte Zeitgenossen, Dodgsons nur leicht verschleierte Kritik und dessen Faible für Logik. Besonders hebt der Autor Dodgsons fruchtbare Zusammenarbeit mit dem genialen (satirischen) Illustrator John Tenniel hervor, der außerordentlich zum Erfolg des Roman beitrug. Hunt ermöglicht dem Leser einen Überblick, den er anhand der angefügten ausführlichen Literaturliste bei Bedarf ausweiten kann. Gut und verständlich geschrieben und mit einer Prise britischen Humors gewürzt, ist es ein Vergnügen, sich in Alices Welt und Dodgsons Realität zu vertiefen.
Und ich bin mir sicher: Dodgson hätte ganz bestimmt seinen Spaß daran mitzuverfolgen, wie moderne Literaturkritiker versuchen, seine Werke zu enträtseln.

Bewertung vom 19.03.2021
Stay away from Gretchen
Abel, Susanne

Stay away from Gretchen


sehr gut

Tatort Geschichte

Tom Monderath ist zufrieden mit sich und seinem Leben: als Anchorman bei einem Kölner Fernsehsender ist er beruflich sehr erfolgreich und bei der Damenwelt beliebt. Dieses angenehme Leben gerät allerdings aus seinen geregelten Bahnen, als seine betagte Mutter Grete die ärztliche Diagnose Alzheimer erhält. Er fühlt sich gezwungen, sich mehr seiner Mutter zuzuwenden und sich um ihr Wohl zu kümmern. Doch nicht allein ihr unaufhaltsames Vergessen bereitet ihm zunehmend Probleme. In ihrer Wohnung findet er Hinweise auf einen Teil ihrer Vergangenheit, den sie ihm bisher beharrlich verschwiegen hat. Als Einzelkind aufgewachsen, sieht er sich plötzlich mit der völlig unerwarteten Tatsache konfrontiert, dass er eine Halbschwester hat …
Glaubhaft schildert Susanne die Gegenwart von Mutter und Sohn im Wechsel mit Gretes Vergangenheit. Die Erinnerungen Gretes an ihre eigene Kindheit in Ostpreußen, den Kriegsbeginn und die Flucht vor den vorrückenden russischen Truppen, die schließlich in Heidelberg endet, sind lebendig beschrieben, ebenso wie der harte Kampf um das Überleben in der Nachkriegszeit. Zudem lässt sie Themen wie Fraternisation, Vorurteile, Rassenkonflikte und Adoption einfließen - die gut recherchiert sind - und auch der moderne Begriff der transgenerationalen Weitergabe von Traumata klingt an. Wer sich noch genauer informieren möchte, kann sich an dem Literarturverzeichnis im Anhang orientieren.
Tom (und der Leser) erhalten eine Ahnung davon, wie sehr alles miteinander zusammenhängt, und wie schmerzhaft es oft ist, die Vergangenheit der Eltern zu erforschen. Dennoch, Abel will mit ihrem Roman der älteren Generation „Gehör verschaffen und ein Gesicht geben.“ Denn: „Geschichte, wie bitter sie auch sein mag, ist Realität, die täglich in unsererGegenwart und die in unsere Zukunft fortwirkt.“

Bewertung vom 19.03.2021
Die Mitternachtsbibliothek
Haig, Matt

Die Mitternachtsbibliothek


gut

Alternative Leben

Wie viele verschiedene Lebens-Möglichkeiten bietet ein Menschendasein? Kurze Antwort: unendlich viele, je nachdem, wie man sich an bestimmten Wendepunkten entscheidet.
Spannend und verständlich geschrieben zeigt Matt Haigs Roman am Beispiel seiner Protagonistin Nora, wie eine einzelne Entscheidung den Verlauf ihres Lebens, aber auch das vieler anderer Menschen, beeinflussen kann.
Nora Seed empfindet ihren Alltag im englischen Bedford nur noch als frustrierend. Arbeits- und mittellos, fühlt sie sich als Versagerin; sie verfällt in Depressionen, niemandem scheint sie etwas zu bedeuten, im Gegenteil: sie glaubt, für das Unglück anderer noch verantwortlich zu sein. Da sie keinen Ausweg aus ihrer verzweifelten Situation sieht, will sie sterben. Doch das erweist sich als nicht so einfach, denn da gibt es eine geheimnisvolle Bibliothek und eine Bibliothekarin, die sie veranlasst, tiefer über sich selbst und verpasste Möglichkeiten nachzudenken, und ihr die Chance verschafft, Entscheidungen, die sie bereut, zu revidieren…
Die Idee der Paralleluniversen, die Matt Haig für seinen Roman gewählt hat, ist ein faszinierendes Thema. Allerdings wäre es eindrucksvoller, wenn er sich auf wenige Lebensentwürfe für Nora beschränkt und diese noch klarer dargestellt hätte. Natürlich will er zeigen, wie breit die Entscheidungsvielfalt für einen einzigen Menschen sein kann, doch je mehr Leben er schildert, desto verschwommener werden für mich die Bilder. Welche Botschaft der Autor dem Leser vermitteln will, wird diesem recht schnell klar: Sterben ist keine Lösung, jeder Mensch hat seine Fähigkeiten und die Möglichkeit, sein Schicksal selbst zu beeinflussen.
„Die Mitternachtsbibliothek" ist ein unterhaltsamer Roman, spannend und anregend, aber mir fehlt der „Funke“, der auf den Leser überspringen soll.

Bewertung vom 13.03.2021
Italienisch lernen mal anders - Die 1000 wichtigsten Vokabeln in 10 Stunden

Italienisch lernen mal anders - Die 1000 wichtigsten Vokabeln in 10 Stunden


sehr gut

Für das Selbststudium

Wer sich für seine nächste Italienreise sprachlich ein wenig vorbereiten möchte, kann das mit diesem Buch "mal anders" versuchen.
Nach einer kurzen Einführung in diverse Lerntechniken werden die versprochenen 3000 Vokabeln vorgestellt, unterteilt in 18 Sachgebiete. Von „Bildung" bis „Zahlen" werden die wesentlichen Wörter eines Bereiches dargestellt, kommentiert und mit Lernhilfen oder Eselsbrücken versehen, die dem Lernenden das Behalten derVokabeln erleichtern sollen. Zudem sind einzelne Grammatikkapitel in die Sachbereiche integriert, so dass sich der Interessierte auch häppchenweise grammatisches Basiswissen aneignen kann. „Fun Facts“ und einige wissenswerte Informationen über Italien unterbrechen immer wieder einmal den sachlichen Lerntext und sorgen für die nötige Entspannung zwischendurch. Noch besser gefiele mir diese Mischung allerdings, wenn sie sich farblich deutlich voneinander absetzen würde.
Alles in allem bietet das Buch für das Selbststudium eine gute Möglichkeit, sich die Sprache im eigenen Tempo anzueignen. Die zusätzlich angegebene Lautschrift gibt wohl Anhaltspunkte zur Aussprache der einzelnen Vokabeln - meines Erachtens ist es jedoch besser und einfacher, die korrekte Aussprache mit Hilfe eines zusätzlichen Audiomediums zu erlernen.

Bewertung vom 07.03.2021
Die Stunde der Wut / Melia-Khalid Bd.2
Eckert, Horst

Die Stunde der Wut / Melia-Khalid Bd.2


ausgezeichnet

Garantiert packende Lesestunden ...

… erwarten den Freund anspruchsvoller Thriller: als Zeugen einer turbulenten, aber sehr erfolgreichen Arbeitswoche von Kriminalrätin Melia Adan, Kriminalhauptkommissar Vincent Veih und ihren Kollegen erleben wir Konflikte, Enttäuschungen und Erfolge der einzelnen Personen hautnah mit. Während Melia Adan noch überlegt, wie sie die Suche nach ihrer verschwundenen Kollegin Solveig Fischer (vgl. das Buch „Im Namen der Lüge") wieder aufnehmen kann, wird das Team schon in den nächsten brisanten Fall involviert. Im Verlauf ihrer Ermittlungen zu dem brutalen Mord an der jungen Klara Derau ergeben sich nach und nach etliche weitere Verknüpfungen und Anhaltspunkte, die in ganz unterschiedliche Richtungen führen. Zum einen erschweren Drogenhandel, Korruption, politische und wirtschaftliche Intrigen Adans Arbeit, aber auch sie selbst gerät in Gefahr…
Eckert schafft es - wie gewohnt - in seinem neuen Buch, die Spannung hoch und den Leser in Atem zu halten. Vor dem Hintergrund der anschaulich geschilderten Kulisse Düsseldorfs konfrontiert er seine Romanfiguren (und den Leser) mit einem weiten Spektrum an sozialen und gesellschaftlichen Problemen. Vermischt mit politischen Machtspielen und schmutzigen Deals bilden sie ein Geflecht, das eine Eigendynamik entwickelt und sein Buch sehr lebendig und aktuell erscheinen lässt.
„Die Stunde der Wut“ ist bereits als zweiter Fall des Ermittlerduos Melia Adan und Vincent Veih konzipiert; aber auch Leser, die den ersten Band noch nicht kennen, können hier problemlos „einsteigen".

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 07.03.2021
Kim Jiyoung, geboren 1982
Cho, Nam-joo

Kim Jiyoung, geboren 1982


sehr gut

Ein Zeichen setzen

Gleichberechtigung von Mann und Frau - das ist ein viel diskutiertes Thema in zahlreichen Gesellschaften. Chos Roman rief bei seiner Erscheinung 2016 in Korea eine große Resonanz hervor und gab Anlass zu kontroversen Debatten.
Die Protagonistin Kim Jiyoung kommt selbst nicht zu Wort, sie ist gewissermaßen ohne Sprache; denn ihre ganze Erziehung basiert auf Gehorsam und Anpassung. Nur wenige Mädchen/Frauen wehren sich aktiv gegen die Bevorzugung von Jungen/Männern und widersetzen sich damit den traditionellen Rollenvorstellungen. In recht nüchternem Stil schildert Cho Aspekte der Realität weiblichen Lebens in Korea, Unterordnung, Mobbing, sexuelle Übergriffe in aktiver als auch sprachlicher Form. Wie sehr Jiyoung darunter leidet, wird erst nach der Geburt ihres Kindes wirklich deutlich: nachdem sie der jungen Familie zuliebe ihren Beruf aufgegeben hat, wird sie psychisch auffällig. Sie nimmt Sprache und Gestus anderer Personen an, als deren Alter Ego sie dann über sich selbst spricht. Im Verlauf des Romans wird klar, dass es ihr behandelnder Psychiater ist, der Jiyoungs Anamnese sachlich distanziert dokumentiert - aus der (männlichen ) Sicht des Wissenschaftlers. Glaubwürdigkeit und Korrektheit werden immer wieder betont durch Fußnoten, die Erläuterungen und Hinweise zu entsprechender Literatur geben. Kims Lebenslauf wird von der Autorin recht allgemein beschrieben, so dass klar ist, hier handelt es sich nicht um ein Einzelschicksal, so verläuft vermutlich das Leben vieler ihrer Geschlechtsgenossinnen.
Zwar schildert der Roman das Leben von Frauen in Koreas Gesellschaft, doch das Problem der Geschlechtergerechtigkeit ist beileibe nicht allein auf diesen Staat begrenzt. Diese Staaten übergreifende Gültigkeit macht das große Potenzial des Romans aus und setzt ein Zeichen im Namen aller Frauen.

Bewertung vom 28.02.2021
Otmars Söhne
Buwalda, Peter

Otmars Söhne


sehr gut

Von hoher Komplexität

Nur 24 Stunden schildert Buwalda auf den mehr als 600 Seiten seines Romans, die dem Leser einiges an Durchhaltevermögen abverlangen. Doch schafft er es spielend, zumindest meine Aufmerksamkeit zu halten.
Er erzählt von drei Menschen, deren Leben sich berühren und die sich miteinander verflechten. Auf der unwirtlichen sibirischen Insel Sachalin muss Ludwig, der auf einer Geschäftsreise hier den CEO des Shellkonzerns, Johann Tromp, getroffen hat, seinen Heimflug in die Niederlande wegen eines Schneesturm verschieben. Ludwig, der mit seiner alleinerziehenden Mutter aufgewachsen ist, ahnt: jener Tromp könnte sein leiblicher Vater sein. Während er noch zögert sich ihm zu offenbaren, begegnet er seiner ehemaligen WG-Mitbewohnerin Isabelle, die zu einem Interview mit Tromp ebenfalls auf die Insel geflogen ist. Geschickt lässt der Autor in diese Wartezeit ausführliche Rückblicke und Erinnerungen einfließen. Ludwig denkt zurück an seine Kindheit, das Leben mit Stiefvater und –geschwistern, seinen beruflichen Werdegang und seine Begegnung mit Isabelle in seiner Studentenzeit. Ebenso erfahren wir aus Isabelles Sicht von ihrer Familie und ihren Erlebnissen als investigativer Journalistin. Buwalda knüpft ein kompaktes Netz aus den Themen Familie, Identität, Loyalität, Schuld; vor allem das Thema Sexualität prägt den Roman. Dabei erzählt er so detailliert, dringt so tief in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Protagonisten ein, dass sich der Leser wie ein Voyeur vorkommt.
Raffiniert konzipiert und lebendig geschrieben, fesselt seine Erzählung dennoch. Allerdings lässt er den Leser nach dem Countdown (beginnend mit Kapitel 111) bei Kapitel 75 mit einem unerwartet offenen Ende zurück, so dass kein Zweifel bleibt, dass eine Fortsetzung geplant ist: es handelt sich um den ersten Teil der Trilogie 111.