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Benutzername: solveig
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Bewertungen

Insgesamt 304 Bewertungen
Bewertung vom 18.06.2018
Bye-bye, Traumfigur
Aeschbach, Silvia

Bye-bye, Traumfigur


sehr gut

Ein lebendiger Erfahrungsbericht

Neben Diätenwahn und Bodyworkout findet inzwischen ein schlichter Satz Aufmerksamkeit: „Wir sollten einfach alle etwas liebevoller mit uns umgehen.“ (Helena Bonham Carter)
Silvia Aeschbach greift diesen Ansatz auf und schreibt in lockerem Ton über ihre eigenen leidvollen Erfahrungen mit der „Traumfigur“, einem Ideal, dem sie bereits früh nacheiferte - und an dem sie meistens wieder scheiterte. Weniger als Ratgeber denn als Ehrfahrungsbericht ist Silvia Aeschbachs Buch gedacht, in dem sie sehr unterhaltsam und teilweise recht selbstironisch über Lust und Frust berichtet, die das Thema Schönheitsideal begleiten, das in den Medien propagiert wird. Ein fataler Kreislauf beginnt: Trotz Diäten und Fitnesstrainer fällt Aeschbach immer wieder zurück in alte Verhaltensmuster, tröstet sich bei Kummer und Problemen mit Süßigkeiten, hadert mit ihrem daraufhin steigenden Gewicht, beginnt eine neue Diät… .
Ihre Darstellung macht deutlich: Die Probleme liegen wesentlich tiefer. Ein gesunder Körper braucht mehr als nur gesunde Ernährung. Die Psychologie spielt eine ebenso große Rolle, Familie, Freunde, gesellschaftliche Akzeptanz - da braucht jeder Mensch sein individuelles Konzept. Am wichtigsten jedoch ist die (nicht unbedingt neue) Botschaft: Niemand ist perfekt; nimm dich an, wie du bist! Sich selbst zu lieben und ein positives Körpergefühl zu entwickeln, erfordert einiges an Energie und ist vielleicht ein lebenslanger Prozess - aber es bringt Zufriedenheit und Ausgeglichenheit.

Bewertung vom 18.06.2018
Häuser aus Sand
Alyan, Hala

Häuser aus Sand


sehr gut

Vertreibung und Neuanfang


„Das Leben hat sie mit sich gerissen wie eine kleine Muschel, die an Land geschwemmt wird, ist über sie hinweggespült …“
Eine Erkenntnis am Ende ihres Lebens, die sicher viele alte Leute nachvollziehen können - in diesem Roman ist es Alia, die darüber nachdenkt, welche Umstände ihr Leben gelenkt haben. Sie hat als Kind die Vertreibung ihrer Familie aus Jaffa und den Neubeginn der Eltern Salma und Hussam in Nablus (Westjordanland) erlebt, zieht mit ihrem Mann Atef drei Kinder groß und muss im Verlauf der Nahostkrisen und -kriege nach Amman (Jordanien) und Kuwait übersiedeln. Der Nahostkonflikt schwebt auch über den nachfolgenden Generationen der Familie wie eine dunkle Wolke und beeinflusst ihr Leben. Dabei können sich die Yacoubs als wohlhabende Leute immerhin einen gehobenen Lebensstil leisten - im Gegensatz zu den meisten anderen Flüchtlingen, die (teilweise noch heute) in ärmlichen Lagern ihr Dasein fristen müssen.
Hala Alyan erzählt lebendig und eindrucksvoll vom Schicksal mehrerer Generationen. In jedem Kapitel wechselt sie die Sichtweise und lässt ein anderes Familienmitglied zu Wort kommen, wobei es ihr gelingt, sich glaubhaft in die unterschiedlichen Charaktere einzufühlen. Anschaulich schildert sie die Lebensumstände und auftretenden Probleme. Allerdings ist es für einen Leser, der mit dem Nahostkonflikt und seinen Ursachen nicht näher vertraut ist, etwas schwierig, diese nachzuvollziehen. Vertreibung, Flucht, Verlust der Heimat und all der Dinge, auf die man vertrauen kann, Neuanfang - was bedeutet das für die Betroffenen? Wie stark sind die Nachkommen noch mit diesen Problemen belastet? Das sind Themen, die natürlich nicht nur für Palästinenser gelten, sondern in vielen anderen Kulturen ebenso aktuell sind. „Häuser aus Sand“ bieten weder Schutz noch Zukunft; doch ein Neustart ist immer möglich, wie Hala Alyan in ihrer Familienchronik zeigt.

Bewertung vom 31.05.2018
Für immer
Metger, Georg

Für immer


sehr gut

Gedenken an die Liebsten

„Im Moment, als ich glaube, angekommen zu sein, endet alles. Für immer.“
Von einem Tag auf den anderen steht Georg Metger vor den Scherben all seiner Hoffnungen und Zukunftsträume: seine langjährige Partnerin Carla, ihre Söhne Davin und Dion und Simona, die Freundin des ältesten Sohnes, werden brutal ermordet. Dieser schreckliche Mordfall erschüttert nicht nur die kleine Gemeinde Rupperswil, sondern wird über die Schweizer Grenzen hinaus bekannt. Wie kann man solch einen Schicksalsschlag verarbeiten? Kann man sich überhaupt jemals damit abfinden?
In seinen Aufzeichnungen hat Metger versucht, sich vieles von der Seele zu schreiben. Aus diesen Notizen ist nun mit Hilfe der Journalistin Franziska Müller ein Buch entstanden, das weniger eine Abrechnung mit dem Täter ist, sondern vor allem die Erinnerung an die Opfer aufrecht erhalten soll. Denn meist treten diese bei einem spektakulären Kapitalverbrechen in den Hintergrund, während dem Täter das meiste Interesse gilt. Sehr ehrlich und ergreifend, aber keineswegs larmoyant, schreibt Metger über seine anfängliche Fassungslosigkeit und den Schmerz über den Verlust seiner Liebsten. Ebenso eindrücklich berichtet er über die Zeit, in der er selbst und andere Familienglieder unter Tatverdacht standen, die lange Dauer des Wartens auf die Ergreifung und Anklage des Mörders. Auch der (Alb-)Druck des großen Medieninteresses, die Sensationslust vieler Menschen, ist ein wichtiges Thema. Und während er noch versucht, das Geschehen zu verarbeiten, kommt eine Menge an Formalitäten auf ihn zu. Aber auch andere Aspekte werden angesprochen, so etwa der Beistand von Familienmitgliedern, Freunden und Arbeitgeber oder auch die psychologische Opferhilfe. Metgers Buch zeigt eindrucksvoll die Verfassung eines Hinterbliebenen von Gewaltopfern, die Fragen, Zweifel und Probleme, denen er sich stellen muss. Nein, dieses Buch lässt sicherlich niemanden kalt.

Bewertung vom 24.05.2018
Storm oder die Erfindung des Fußballs
Birck, Jan

Storm oder die Erfindung des Fußballs


ausgezeichnet

Frisch, fröhlich, fantasievoll

Wie wird aus einem Klosterschüler ein Fußballstürmer?
Storm ist ein gewitzter, aber nicht unbedingt braver Junger, der in einem nordenglischen Kloster erzogen wird. Doch er hat ganz andere Zukunftsvisionen: er möchte ein großer Seefahrer und Krieger werden. Daher flüchtet er kurz entschlossen durch die Mönchstoilette in das darunter liegende Meer und rudert mit einem Boot auf die offene See hinaus - dem großen Abenteuer entgegen. Und das begegnet ihm schon sehr bald, in Gestalt eines riesigen Drachenkopfes …
Das allererste Fußballmatch und wie es zustande gekommen ist: eine originelle Idee, die Jan Birck schriftstellerisch und zeichnerisch in ein fröhlich- turbulentes Kinderbuch umsetzt. Mit viel Schwung und Esprit erzählt der Autor von Storms Erlebnissen während seiner Flucht und des anschließenden Aufenthaltes im fernen Reydarfjordurthofthier, einem Wikingerdorf. Sein flotter, lockerer Stil zieht junge Leser ab 8 Jahren mitten hinein ins mittelalterliche Leben. Storms sympathischer Charakter sorgt dafür, dass sie sich ohne Probleme mit ihm identifizieren können. Mit einem Augenzwinkern präsentiert Birck clevere Kinder, die den (in ihren Gewohnheiten festgefahrenen) Erwachsenen mit klugen Einfällen kreative Lösungsmöglichkeiten aufzeigen - in Wort und Bild. Die großzügigen, teils ganzseitigen Illustrationen sind ebenso fantasievoll und witzig angelegt wie der Text, ein wirklich amüsantes Gesamtwerk.
Ob Storm und seine Wikinger Adoptivfamilie weitere Abenteuer erleben? Wir freuen uns schon auf eine Fortsetzung!

Bewertung vom 19.05.2018
Den Letzten beißt das Krokodil! / Die Finstersteins Bd.3 (3 Audio-CDs)
Lüftner, Kai

Den Letzten beißt das Krokodil! / Die Finstersteins Bd.3 (3 Audio-CDs)


ausgezeichnet

Toller Mix aus Witz und Spannung

Liebe kann sogar Steine erweichen - das erleben wir im dritten Teil der Geschichte um die vierhundert Jahre alte Familie Finsterstein in Berlin Köpenick. Sina von Finsterstein und ihre Brüder nehmen gemeinsam mit Fred, ihrem „Erwecker“, an dem Schulprojekt „Mein Kiez - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ teil. Doch Professor Rassmus de Habernuck vom Geheimbund der „Erben“, der seit Jahrhunderten auf der Suche nach einem Elixier für ewiges Leben ist, lässt Sina entführen, um das Geheimnis ihrer Erweckung zu ergründen. Verzweifelt begibt sich Fred auf die Suche nach seiner Freundin, mit Sinas Krokodil Peppi als Spür“hund“ und gerät bald selbst in Gefahr…
Drei kurzweilige Stunden lang sorgt Kai Lüftners Hörbuch für packende Unterhaltung. Neben geheimnisvollen Ereignissen spielen die Themen Familie, Freundschaft und Zusammenhalt eine tragende Rolle, auch die erste Verliebtheit wird (gar nicht kitschig) thematisiert. Der Stil des Romans ist zeitgemäß, die Sprache frisch und locker, aber nicht banal; Lüftner orientiert sich an der Ausdrucksweise von Jugendlichen und trifft damit ihren Geschmack. Witzige, schlagfertige Dialoge bringen immer wieder heitere Unterbrechungen in das spannende Geschehen und lockern es auf.
Der Schriftsteller selbst leiht den Akteuren seine Stimme und lässt sie lebendig werden. Mit leichten Modulierungen gibt er jeder Figur einen eigenen Charakter und liest gekonnt lustige Szenen, beschwört aber auch spannende und gar unheimliche Momente.
Meine Meinung: Ein Kinderbuch mit einer guten Mischung aus Lachen und Spannung!

Bewertung vom 08.05.2018
Wildkräuter aus Topf und Garten
Bergmann, Heide; Armbruster, Ulrike

Wildkräuter aus Topf und Garten


ausgezeichnet

Powerpflanzen aus eigenem Anbau

Löwenzahn und Bärlauch: das sind Wildkräuter, welche die meisten Leute kennen und (essen) mögen. Aber wie sieht es mit Vogelmiere oder Scharbockskraut aus, Franzosenkraut oder gar Giersch? Diese, vielen als unbeliebte „Unkräuter“ bekannt, sind echte „Pflanzen mit Potential“ - schön, wer sie bereits (wenn auch manchmal unwillkommen) im Garten hat!
Heide Bergmann und Ulrike Armbruster zeigen in ihrem reich und bezaubernd illustrierten Buch, wie man die „Wilden“ auch im Blumentopf auf dem Balkon ziehen und ihre Nährstoffe sinnvoll für den Speiseplan einsetzen kann. Leicht und auch für Anfänger verständlich erklären sie die Vorgehensweise von Aussaat und Pflanzenpflege über die Ernte bis hin zur Verarbeitung in der Küche. Hier dient Giersch einmal nicht als Ärgernis, sondern als Zusatz für eine erfrischende Limonade!
In der alphabetisch geordneten Übersicht über eine Auswahl an Wildpflanzen geben die Autorinnen zahlreiche Informationen zu deren Eigenschaften und Verwendung - zusätzlich bildlich erläutert durch viele eindrucksvolle Fotografien. Hilfreiche Zusatztipps, gewitzte Ideen und köstliche Rezepte bereichern das Konzept. Ein Serviceteil mit Hinweisen zu Bezugsquellen und weiterführender Literatur ergänzt das Kräuterbuch praktischerweise.
Den Autorinnen ist hier ein toller Ratgeber gelungen, der motiviert, Wildkräuter als das anzusehen, was sie tatsächlich sind: Powerpflanzen. Ein schönes Geschenk für alle, die frische, gesunde Küche lieben!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 06.05.2018
Die Toten vom Mont Ventoux
Nestmeyer, Ralf

Die Toten vom Mont Ventoux


sehr gut

Krimi mit viel Atmosphäre

Ein spektakulärer Mordfall ereignet sich auf dem Parkplatz einer vielbefahrenen Touristenstraße am Mont Ventoux. Gleich vier Todesopfer gibt es zu beklagen, einen ehemaligen Radrennfahrer und eine englische Urlauberfamilie. Ein Kind ist dem Massaker entgangen, doch das kleine Mädchen ist traumatisiert und nicht als Zeugin vernehmbar. Capitaine Olivier Malbec stürzt sich mit Elan in die Ermittlungsarbeit, wird jedoch nach kurzer Zeit von einer Sonderkommission, die aus Pariser und britischen Kollegen besteht, abgelöst. Nach und nach treten unterschiedliche Mordmotive zutage, welche die SoKo in Atem halten. Doch nicht nur die SoKo zerbricht sich den Kopf über die Rätsel dieses Falles, auch Capitaine Malbec lässt er keine Ruhe…
In seriösem, gehobenem Schreibstil führt Nestmeyer durch den Kriminalfall in der Provence. Ein Hauch provenzalischer Atmosphäre streift den Leser, während er Malbec bei seinen Ermittlungen, aber auch bei privaten Interessen und Problemen begleitet. Der Autor bettet den eigentlichen Mordfall stimmungsvoll in zahlreiche landestypische Beschreibungen, die seinen Roman authentisch wirken lassen. Er mischt Malbecs Ermittlungen mit zahlreichen interessanten Hintergrundinformationen über Land und Leute, lässt viel Wissenswertes zu dem Spektakel der Tour de France und den dunklen Seiten des Radsports einfließen. Trotz der Ruhe und Sachlichkeit, mit der Nestmeyer seinen Plot entwickelt, wird Spannung beim Leser erzeugt und bleibt bis zur Auflösung erhalten.
Meine Meinung: Nestmeyers zweiter Kriminalroman ist ein Buch, das packend unterhält und gleichzeitig ein wenig Einblick in die provenzalische Kultur bietet.

Bewertung vom 24.04.2018
Verhext und festgeklebt / Petronella Apfelmus Bd.1
Städing, Sabine

Verhext und festgeklebt / Petronella Apfelmus Bd.1


ausgezeichnet

Mit Witz und Fantasie

Ihren herrlich verwilderten Garten mit den vielen Obstbäumen und –sträuchern möchte die kleine Hexe Petronella nicht aufgeben. Daher gibt sie sich zunächst alle Mühe, die Familie Kuchenbrand, welche die alte Mühle und das Gartengrundstück, auf dem Petronella lebt, neu erworben hat, zu vertreiben. Doch Zauberei und Spuk helfen ihr nicht, die neuen Besitzer zu vergraulen. Immerhin erweisen sich die Zwillinge Luis und Lea, die sie schließlich in ihrem Apfelhäuschen aufstöbern, als liebenswerte Kinder, die Petronella und die Bewohner des Gartens schnell ins Herz schließen und sie gern unterstützen. Und magische Hilfe ist schon sehr bald dringend nötig…
Eine Geschichte voller Fantasie und Fröhlichkeit zaubert Sabine Städing hier für Kinder ab 8 Jahren. Doch nicht nur Harmonie herrscht in ihrer Erzählung, sondern auch die bitteren Seiten des Lebens haben ihren Platz. Vielen kleinen Lesern ist etwa Arbeitslosigkeit der Eltern ein Begriff und sie sind vermutlich auch mit dem Problem vertraut, nicht über genügend Geld zu verfügen. Bei Sabine Städings Helden behält natürlich der Optimismus die Oberhand, das Gute siegt mit Witz und Einfallsreichtum - und mit etwas magischer Nachhilfe.
Kurze, schlichte Sätze und eine altersgerechte Sprache machen das Lesen für Kinder zum Vergnügen. Liebevoll bindet die Autorin ihre jungen Leser ein in lustige und spannende Ereignisse und lässt sie mit Petronella leiden und lachen. Ebenso amüsant präsentieren sich die zahlreichen Illustrationen von Sabine Büchner. Sie begleiten wirkungsvoll den Text und bieten „Verschnaufpausen“ beim (Vor-)Lesen.
Meine Meinung: Ein bezauberndes Kinderbuch voll Wärme und Humor.

Bewertung vom 24.04.2018
Ich wollte nur Geschichten erzählen
Schami, Rafik

Ich wollte nur Geschichten erzählen


sehr gut

Leben im Exil


Mit bürgerlichem Namen heißt er Suheil Fadél, in Deutschland kennen wir den vielfach preisgekrönten Autor unter seinem Pseudonym Rafik Schami, was übersetzt „Damaszener Freund“ bedeutet. Die Liebe zu seiner Geburtsstadt Damaskus ist in jedem seiner Werke deutlich wahrnehmbar; und so sind „Heimat“ und „Heimweh“ (unter anderen) Themen des vorliegenden Buches.
Bereits im Jahr 1971 emigrierte Rafik Schami, unterdrückt vom Assad-Regime, nach Deutschland, studierte Chemie und entschied sich nach Promotion und einigen Jahren Berufserfahrung dazu, sich hauptberuflich dem Schreiben und Erzählen zu widmen; denn schon als Kind hatte er den sehnlichen Wunsch: „Ich wollte nur Geschichten erzählen“.
Mosaik der Fremde lautet der Untertitel des Buches, und wie ein Mosaik trägt Rafik Schami Steinchen für Steinchen zu einer farbenfrohen Gesamtkomposition zusammen. In seinem unverwechselbaren Stil erzählt er von den eigenen Bemühungen, in Deutschland heimisch zu werden, akribisch die deutsche Sprache zu erlernen, seinen Hoffnungen und Ängsten. Er erklärt aber auch, was uns an seinem Heimatland Syrien fremd ist, die Bedeutung von Sippe, Gastfreundschaft und politischer Repression. Er schildert positive Erfahrungen, die er als Exilschriftsteller in Deutschland gemacht hat, und lässt auch negative Erlebnisse nicht aus. In den „Anmerkungen für Neugierige“ am Schluss des Büchleins finden sich weiterführende Hinweise und Erklärungen.
Rafik Schamis Darstellungen, in kurzen Kapiteln zusammengefasst, lassen den Optimismus und Humor des Schriftstellers deutlich spüren: „Ich bin ein erfahrener Angehöriger einer historischen Minderheit und habe Geduld mit der Mehrheit, in welchem Land auch immer.“
Ich wollte nur Geschichten erzählen ist eine lehrreiche und unterhaltsame Lektüre - eine schöne Ergänzung zu Rafik Schamis Romanen.

Bewertung vom 19.04.2018
Wie man die Zeit anhält
Haig, Matt

Wie man die Zeit anhält


sehr gut

Jeder Moment ist eine Ewigkeit

Wäre das nicht ein Traum? Mehrere Jahrhunderte zu erleben, ohne sichtbar zu altern? Tom Hazard ist einer jener „Albatrosse“, denen dieses (zweifelhafte) Glück beschieden ist. Er wurde im Jahr 1581 geboren und seit dem Beginn seiner Pubertät verlangsamte sich das Älterwerden so extrem, dass er in der heutigen Zeit zwar 439 Jahre alt ist, aber das Aussehen eines Vierzigjährigen hat. Doch was sich wie ein schöner Traum anhört, wird für Tom ein Albtraum. Seine Umwelt kann nicht verstehen, wie es ihm möglich ist, nicht in dem Maße zu altern wie alle um ihn herum und bezichtigen seine Mutter der Hexerei. Tom überlebt auch Rose, seine große Liebe, und ist verzweifelt. Die einzige, die ihm weiterhin Lebensmut verleiht, ist seine Tochter Marion, die ebenfalls das Gen der Anagerie geerbt hat. Doch sie ist verschwunden, und Tom reist durch Länder und Jahrhunderte, um sie zu finden, und begegnet dabei anderen Menschen, die wie er leben…
Matt Haigs frischer, unkomplizierter Schreibstil nimmt den Leser sofort mit auf eine turbulente Zeitreise. Wechselweise erleben wir Tom in seinem gegenwärtigen Dasein als Lehrer in London und erfahren Details aus seiner Vergangenheit in unterschiedlichen geschichtlichen Epochen. In seiner schlichten, klaren Sprache lässt der Autor in Toms Erinnerungen Historie lebendig werden. Unaufdringlich hinterfragt er dabei die Qualität eines Jahrhunderte währenden Lebens und führt den Leser einfühlsam an philosophische Überlegungen heran: wie sinnvoll ist mein Leben, wenn ich all meine Lieben jahrhundertelang überlebe? Wenn ich niemanden habe, mit dem ich Erinnerungen teilen kann? Wie erlebe ich die Gegenwart?
Aber ebenso wichtig ist es Haig, der Frage nachzugehen, ob Menschen aus Missständen und Fehlern der Vergangenheit lernen, ob wissenschaftlicher Fortschritt zu mehr Erkenntnis beiträgt - oder ob Ignoranz unsterblich ist.
Ein sehr unterhaltsamer und geistreicher Roman!