Benutzername: solveig
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Bewertungen

Insgesamt 258 Bewertungen
Bewertung vom 11.09.2017
Drei Tage und ein Leben
Lemaitre, Pierre

Drei Tage und ein Leben


ausgezeichnet

In einem einziogen Augenblick...


Nur ca. 260 Seiten umfasst der Roman - aber Pierre Lemaitre bringt ein ganzes Leben darin unter.
In seiner prägnanten, klar formulierenden Schreibweise erzählt der Autor von einem Augenblick der Unbeherrschtheit und seinen weitreichenden Konsequenzen. Der zwölfjährige Antoine erschlägt in einem Wutanfall das halb so alte Nachbarskind Rémi und versteckt dessen Leiche. Schreckliche Tage folgen nun für den Jungen, der nicht weiß ob und wem er sich anvertrauen kann: voller Angst, entdeckt zu werden, aber auch angefüllt mit Gewissensqualen. Zwar macht der Sturm „Lothar“ mit seinen verheerenden Auswirkungen eine Aufklärung der Tat fürs erste unwahrscheinlich, doch nach Jahren scheinbarer Ruhe wird das Verschwinden des kleinen Rémi erneut thematisiert. Gibt es etwa einen Zeugen der Tat?
Lemaitre schafft es meisterhaft, seine Leser in Antoines Situation mit zu verstricken und an seinem Schicksal von Anfang an hautnah teilnehmen zu lassen. Sie sind Mitwisser der Tat, die Antoine verfolgt und sein weiteres Leben lenkt; sie sind eingeweiht in seine geheimsten Gedanken, seine Verzweiflung, Ängste und Hoffnungen und kennen ihn schließlich besser als seine Mutter. Immer wieder stellt man sich die Frage: Wie würde ich an seiner Stelle handeln? Überaus detailliert gibt der Autor einen tiefen Einblick in die Psyche des Protagonisten. Sensibel beschreibt er Antoines widerstreitende Gefühle, während sein Leben, stets überschattet und beherrscht von seiner Schuld, weitergeht.
„Drei Tage und ein Leben“ hat mich von Beginn an gepackt und nicht losgelassen; ein verstörend authentisch wirkender, überzeugender Roman

Bewertung vom 05.09.2017
Palast der Finsternis
Bachmann, Stefan

Palast der Finsternis


sehr gut

Gelungene Komposition aus Realität und Fantasie

Ein unterirdischer Palast und seine Geheimnisse: Fünf Jugendliche sind für die Teilnahme an der Erforschung des „Palais du Papillon“ in Frankreich ausgewählt worden. Erbaut von Frédéric de Bessancourt, sollte der Schmetterlingspalast während der französischen Revolution als Zufluchtsort des in Péronne lebenden Adels dienen, der vor der Guillotine floh. Weder Anouk noch Will, Lilly, Hayden oder Jules ahnt, was ihnen bevorsteht, als sie auf Einladung der „Sapani Corporation“ im Château du Bessancourt eintreffen. Aber noch bevor sie sich richtig kennenlernen und auf ihre Expedition vorbereiten können, müssen die fünf jungen Leute sich bereits unerklärlichen, gefährlichen Ereignissen stellen, viele Meter unterhalb der Erdoberfläche im Palais du Papillon - allein auf sich gestellt und aufeinander angewiesen.
Parallel zu dem Abenteuer der Teenager, das anschaulich und sehr packend aus der Sicht der Protagonistin Anouk dargestellt wird, erzählt der Autor die Geschichte der jungen Adligen Aurélie zur Zeit der französischen Revolution. In geschickten Einschüben schildert er ihre Erlebnisse stets passend zur Entwicklung der aktuellen Erlebnisse Anouks. Mit seiner angenehmen Schreibweise und einem ansprechendem Stil schafft es Stefan Bachmann, die Spannung, die seinen Roman durchzieht, bis zum Schluss aufrecht zu erhalten und den Leser über einen längeren Zeitraum über eine mögliche Lösung im Ungewissen zu lassen.
Mit „Palast der Finsternis“ ist dem erst 24 Jahre alten Schriftsteller eine geschickte Komposition aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Realität und Fantasie mit Gruselfaktor gelungen. Das Buch bietet spannungsreiche Unterhaltung für alle Freunde der Contemporary Fantasy-Literatur.

Bewertung vom 03.09.2017
Die Wurzel alles Guten
Nousiainen, Miika

Die Wurzel alles Guten


sehr gut

„…die Zähne (sind) der Spiegel unserer Seele.“


So lautet das Credo von Esko Kirnuvaara, dessen Leben völlig von seinem Zahnarzt –Beruf und dem Thema Zahnpflege in Beschlag genommen wird. Ganz anders geartet ist sein Patient Pekka, der denselben Nachnamen trägt, und, von grässlichen Zahnschmerzen geplagt, Eskos Praxis aufsucht. Recht schnell kommen beide - jeder aus anderen Gründen - auf den Gedanken, dass sie miteinander verwandt sind, ja, möglicherweise sogar Halbbrüder.
Während Esko bei Pekka eine fachgerechte Wurzelbehandlung durchführt, gelingt es Pekka, ihn aus der Reserve zu locken und sich mit ihm über ihren gemeinsamen Vater auszutauschen, der die Familie schon früh in ihrer Kindheit verlassen hat. Bald beschließen sie, ihren familiären Wurzeln nachzuspüren und möglichweise den verschwundenen Vater zu finden. Bei ihrer Suche kommen sie um die halbe Welt und erleben Erstaunliches. Doch ebenso unangenehm wie eine zahnärztliche Wurzelbehandlung kann unter Umständen auch die Suche nach Vorfahren werden: Welche Geheimnisse kommen da womöglich ans Tageslicht?

Es ist eine wirklich originelle Idee, die der Autor hier in Romanform packt. Er lässt Pekko und Esko selbst zu Wort kommen, im Wechsel gibt jeder von ihnen seine ganz persönliche Sicht auf die Vatersuche, die Menschen der Umgebung und das Leben im allgemeinen wieder. Die zwei vollkommen unterschiedlichen Charaktere sind detailliert geschildert und wirken durchaus authentisch. Schwungvoll und mit viel Humor hat Nousiainen die Geschichte umgesetzt; das Motiv der Wurzelbehandlung begleitet konstant die Suche der Halbbrüder und lässt das Thema von der „Kontrolle der Zähne, des Zahnfleischs und des Mund- und Rachenraums“ über Arbeitsgänge wie „Reinigung des Wurzelkanals“ und „Überkronung“ bis schlussendlich zur Nachkontrolle recht zweideutig in den Roman einfließen.
Allerdings: So stark und pointiert der Roman beginnt - zum Ende hin flacht er für mein Empfinden leider ab: Nebencharaktere wirken eher farblos und blutleer; zu viele diverse Probleme werden angesprochen, aber nur kurz und oberflächlich angerissen. Dennoch, ein interessantes, durchaus unterhaltsames Buch!

Bewertung vom 30.08.2017
Der Wal und das Mädchen
Kinkel, Tanja

Der Wal und das Mädchen


sehr gut

Ein Bilderbuch mit Anspruch


Zwei neugierige Kinder stehen im Mittelpunkt der Geschichte: ein entdeckerfreudiges Walkind, dem sein Vorwitz beinahe zum Verhängnis wird, und ein Menschenkind, dessen Interesse an den Vorlieben anderer Menschen dem kleinen Wal schließlich das Leben rettet.
Tanja Kinkel erzählt in einfachen, kindgerechten Worten, wie der unerfahrene junge Wal -
anstatt brav mit seiner Walschule in tiefere Gewässer abzutauchen - während eigenständiger, unbekümmerte Erkundungen in seichte Gewässer und schließlich auf den Strand gerät. Die kleine Maria, die eigentlich große Vorbehalte gegenüber dem weiten, tiefen Wasser hat, und nachdenklich der Frage nachgeht, was ihre Familie dermaßen am Meer fasziniert, trifft zum Glück auf das Tier und erkennt, dass es in Lebensgefahr schwebt.
Die meist ganzseitigen Bilder illustrieren und ergänzen den Text in harmonischen Farben. Sie lassen ebenfalls deutlich werden, dass die vorsichtig agierende Maria die Furcht des kleinen Wals gut versteht und eine Verbindung - auch ohne Worte - zwischen den beiden Lebewesen entsteht. So schlicht und klar wie der Text erscheinen auch Giuliano Ferris Illustrationen. Eindrucksvoll setzt der Künstler auch die unterschiedlichen Themen, die in der Geschichte miteinander verbunden werden, bildlich um: typisch menschliche Eigenschaften wie Neugier und Entdeckerlaune, die sich zu Gefahren entwickeln können; Angst vor Unbekanntem und auch den Wunsch, Bedrängten Hilfe zu leisten. Autorin und Illustrator haben die pädagogischen Ansätze dabei unterhaltsam verpackt, so dass die Zielgruppe der kleinen Leser (3 bis 6 Jahre) durchaus in der Lage ist, diese Thematiken zu verstehen, ohne sich belehrt zu fühlen. Sehr ansprechend und unterhaltsam!

Bewertung vom 27.08.2017
Die Geschichte der getrennten Wege / Neapolitanische Saga Bd.3
Ferrante, Elena

Die Geschichte der getrennten Wege / Neapolitanische Saga Bd.3


sehr gut

Lebendige Geschichte


Hier wird Geschichte lebendig! Ebenso anschaulich wie in ihren Vorgängerromanen spiegelt Elena Ferrante gesellschaftliche und politische Gegebenheiten und Veränderungen in den Schicksalen zweier neapolitanischer Freundinnen.
Im dritten Teil der „Neapel-Saga“ stehen die turbulenten Siebziger Jahre im Fokus. Lenù und ihre „geniale Freundin“ Lila sind erwachsen geworden und glauben, ihren Platz im Leben gefunden zu haben. Ruhe kehrt in ihre Lebensläufe dennoch nicht ein. Lila, die zunächst als alleinerziehende Mutter mit harter Arbeit in einer Wurstfabrik ihren Lebensunterhalt verdienen muss, nutzt die Chancen der neu aufkommenden Computertechnologie, um sich beruflich neu zu orientieren. Elena hingegen scheint auf ein erfolgreiches Leben als Schriftstellerin hin zu steuern. Ihre Ehe mit dem klugen, jungen Universitätsprofessor Pietro verspricht eine sorglose Zukunft - bis eines Tages Nino, ein Freund aus Jugendtagen, wieder in ihr Leben tritt. Die Wege der Freundinnen trennen sich, sie werden einander fremder.
Wird ihre Freundschaft auf Dauer halten?
Eingebettet in die politischen Unruhen und gewalttätigen Auseinandersetzungen der Siebziger Jahre gibt die Autorin die wechselhafte Geschichte um das Erwachsenwerden zweier Mädchen aus dem Rione, dem Armenviertel Neapels, wieder. Aus der Sicht Lenùs lässt Ferrante den Leser intensiv am Schicksal der beiden Frauen teilnehmen. Wie bereits in den ersten beiden Bänden erzählt sie mit schlichten Worten, scheinbar leicht; doch ihre Erzählung ist bildhaft und kraftvoll. Ihre Schilderungen lassen den Leser förmlich das lautstarke Leben und Treiben im Rione „hören“.
Zum besseren Verständnis gibt die Autorin zu Beginn ihres Romans eine kurze Personen- und Handlungsübersicht als Einstiegs- bzw. Erinnerungshilfe. Aber meines Erachtens wäre es vorteilhafter, auch die ersten Bände gelesen zu haben; denn als Sechzigjährige verschwindet Lila, und die Frage nach ihrem Verbleib zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Bände.

Bewertung vom 21.08.2017
Underground Railroad
Whitehead, Colson

Underground Railroad


sehr gut

Sklaven und Menschenrechte


Sie besitzt nichts und hat keinerlei Rechte, nicht einmal über ihre eigene Person darf sie bestimmen: Cora lebt als Sklavin in dritter Generation auf der Randall-Farm in Georgia. Ihr Alltag ist geprägt von harter Arbeit auf den Baumwollfeldern, Gewalt, Furcht. Doch das junge Mädchen ist stark, die Misshandlungen haben sie noch nicht gebrochen. Und so vertraut ihr der Leidensgenosse Caesar einen Fluchtplan an, um gemeinsam ihrem trostlosen Dasein zu entkommen. Eines Tages ist es wirklich soweit; gemeinsam mit ihrer Freundin Lovey und Caesar gelingt ihr die Flucht. Es wird ein langer, gefährlicher Weg in die Freiheit, den nur einer von ihnen überlebt.
Beeindruckend realistisch schildert Colson Whitehead das Martyrium der Sklaven auf den Plantagen. Erschreckend wirkt die Denkweise eines Großteils weißer Zeitgenossen Coras; die weiße „Herrenrasse“, ihre Auslegung der Menschenrechte (festgelegt 1776 in den „Virginia Bill of Rights“) und die Rechte, die sie für sich selbst daraus ableiten, befremden uns. Auf mitreißende Art versteht es der Autor, den Leser in Coras Geschichte zu verwickeln und ihn auf ihre entbehrungsreiche und gefahrvolle Flucht mitzunehmen. Er hat ihr Schicksal, eingebunden in die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Mitte des 19. Jahrhunderts, überzeugend und authentisch ausgearbeitet. Der Roman wirkt „rund“.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Arbeit der „Underground Railroad“, eines gut organisierten Netzwerkes von Fluchthelfern für entlaufene Negersklaven, das bis 1865 erfolgreich funktionierte, als imposante menschliche Leistung; denn auch die Helfer setzten ihr Leben aufs Spiel, wenn sie als solche erkannt oder denunziert wurden. Der Name „Underground Railroad“ diente als Symbol; die Helfer agierten unter Decknamen wie „Stationsvorsteher“ oder „Schaffner“, die seit Bestehen der ersten Eisenbahnlinien aus diesem Bereich entlehnt wurden. Doch der Autor lässt die „Underground Railroad“ wortwörtlich, als tatsächliche Maschinerie, existieren in einer Zeit, in der an eine echte Untergrundbahn, wie wir sie heute kennen, noch gar nicht zu denken war. Ich habe sie als eine Art Verfremdungseffekt verstanden, der das Thema des Romans aus seinem historischen Kontext löst und zeitübergreifend werden lässt; Vergleiche zu früheren Ereignissen, aber auch zu ganz aktuellen Thematiken werden herauf beschworen. Die Verfolgung und Entrechtung von Menschen, Rassismus, Ausbeutung, Folter gehören leider nicht nur der Vergangenheit an. Überall in unserer modernen Welt finden sich Beispiele.
Ein anspruchsvolles Buch, das den Leser aufrüttelt und dem Leid Verfolgter in der Welt wieder mehr Aufmerksamkeit zuteil werden lässt.

Bewertung vom 15.08.2017
Weltretten für Anfänger, 4 Audio-CDs
Paasilinna, Arto

Weltretten für Anfänger, 4 Audio-CDs


ausgezeichnet

Bitterböse Satire, überzeugend interpretiert



Welch eine Idee, die Sommerferien zu nutzen, um Menschenleben zu retten! Der finnische Sprachenlehrer Viljo Surunen und seine Freundin Anneli Immonen, beide engagierte Mitglieder bei Amnesty International, erkennen frustriert, dass sie mit Eingaben und Appellen an die kalmatische Regierung nichts erreichen: ihr Schützling Ramon Lopez bleibt in Haft. Surunen beschließt, selbst in das diktatorisch geführte Kalmatien zu fahren und ihn zu befreien. Während seiner Reise lernt der freiheitsliebende Finne die unterschiedlichsten Menschen kennen, gerät jedoch selbst in Lebensgefahr.
Wie es dem mutigen Mann gelingt, Folter und Haft zu entkommen und trickreich die menschlichen Schwächen der Machthaber für seine Zwecke zu nutzen, erzählt Arto Paasilinna auf sarkastische, tief schwarzhumorige Weise. Jürgen von der Lippe als Sprecher löst seine Aufgabe für mein Empfinden gut. Er interpretiert die einzelnen Charaktere lebendig, hebt den satirischen Charakter der Geschichte hervor, und doch spürt der Hörer hinter den Sätzen auch bitteren Ernst und die Realität.
Paasilinna wählt die Satire als Mittel, um Armut, Korruption, Folter und Unrecht anzuprangern. Seine Schilderungen der fiktiven Diktaturen - sowohl des südamerikanischen Staates Kalmatien, der den Kommunismus fürchtet, als auch des kommunistischen Kytislawonien (als Gegenpol) - zeugen von guter Kenntnis der Machtstrukturen und Unterdrückungsmechanismen und erinnern sehr stark an bekannte Staaten. Dabei muss erwähnt werden, dass Paasilinnas Roman bereits 1986 erschien, aber erst 2016 ins Deutsche übersetzt wurde; doch leider hat das Thema auch heute an Aktualität nicht verloren.
Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack; der Roman trifft den Nerv, zwingt zum Weiterdenken. Surunens Rettungsaktion kann die Welt nicht verbessern und Unrechtssysteme abschaffen. Aber er ist wenigstens einer, der sich traut und beginnt, etwas zu unternehmen, ein „Anfänger“ im doppelten Wortsinn.

Bewertung vom 27.07.2017
Ein Feuerwerk an Charme - Willy Fritsch
Goldbach, Heike

Ein Feuerwerk an Charme - Willy Fritsch


sehr gut

"Ich bin in Willy Fritsch verliebt..."


… besingt ein Schlager von 1931 einen jungen Mann, der in jener Zeit einer der bekanntesten und beliebtesten Schauspieler Deutschlands war. Wilhelm Egon Fritz Fritsch, geboren 1901 am Kaiser-Geburtstag in Schlesien, hat jahrzehntelang deutsche Filmgeschichte mit geprägt. Vom Stummfilm zum ersten Ton- und schließlich Farbfilm wirkte er in 128 Spielfilmen mit. Heute gelten davon immerhin einige als Klassiker: So sind „Die drei von der Tankstelle, „Amphitryon“ oder „Der Kongress tanzt“ sicher noch einem breiten Publikum präsent.
Viele seiner Filmlieder wurden regelrechte Hits.
Willy Fritsch - ein gefeierter und verwöhnter Star. Und doch erscheint erst mehr als vierzig Jahre nach Fritschs Tod die erste Biografie über ihn im Buchhandel. Sehr engagiert gibt Heike Goldbach in ihrem Buch „Ein Feuerwerk an Charme“ Einblicke in das Leben des Schauspielers. In lockerem, aber sensiblem Stil schildert sie, was den Erfolg des Künstlers ausmachte und natürlich auch, was für ein Mensch „hinter der Maske“ steckte. Liebevoll und sehr ausführlich erzählt die Autorin von der Person Willy Fritsch, berichtet von positiven und negativen Eigenschaften, überlässt eine Wertung jedoch dem Leser.
Besonders detailliert fällt Goldbachs Darstellung der Spielfilme aus, in denen Fritsch mitgewirkt hat. Es gelingt ihr dabei auf anregende Art, die Filmproduktionen in ihren zeitgeschichtlichen Kontext zu stellen und sie mit Anekdoten und zeitgenössischen Zitaten sehr unterhaltsam zu würzen.
Zahlreiche Fotos illustrieren eindrucksvoll das Bild, das sie von dem Schauspieler entwirft, und dokumentieren den Text. Ein Quellen- und Abbildungsnachweis und ein Werkverzeichnis vervollständigen das Buch.
Ein interessantes Buch, nicht nur für Nostalgiker!

Bewertung vom 09.07.2017
Was man von hier aus sehen kann
Leky, Mariana

Was man von hier aus sehen kann


ausgezeichnet

Ein Roman wie eine Symphonie


„Eine herrliche Symphonie aus Grün, Blau und Gold“ - so erscheint den Bewohnern dieses kleinen Dorfes im Westerwald ihre Heimat: Tannen, Getreideähren und der Himmel, der sich darüber spannt. Schlicht und gleichzeitig einzigartig wie der Blick von der Uhlheck am Rande des Waldes scheint auch das Leben der Dorfbewohner zu verlaufen. Im Mittelpunkt steht Luise, welche die kleinen und großen Ereignisse im Dorf aus ihrer ganz persönlichen Sicht schildert und kommentiert. Ihre wichtigsten Beziehungspersonen sind ihre Großmutter Selma und der Optiker des Dorfes, die seit Luises frühester Kindheit für sie da waren, in ihren Augen gewissermaßen die Welt erfunden haben, und ihr Schulfreund Martin. Liebe, Verständnis und Freundschaft prägen Luises Kindheit und ihre Entwicklung zur jungen Frau, aber auch Aberglaube, Enttäuschung und Trauer begleiten sie. Luises Großmutter Selma wird die Gabe des Wahrträumens nachgesagt: wenn sie von einem Okapi träumt, stirbt ein Bewohner der kleinen Dorfgemeinschaft. Als Luise zehn Jahre alt ist, erscheint Selma im Traum wieder ein Okapi…
Mit bezaubernder Leichtigkeit, gewürzt mit einer Prise Humor, erzählt Mariana Leky von diesem Mikrokosmos. Dorfgeschehnisse, Eigenarten der Einwohner und ihr Alltagsleben fügt sie kunstvoll zu einem harmonischen Gesamtbild zusammen. Man spürt die Wärme und Anteilnahme der Autorin, die Feinfühligkeit in ihren Schilderungen der einzelnen Dorfbewohner, ihrer Eigenschaften und Gewohnheiten. Trotz all ihrer unterschiedlichen Stärken, Schwächen und Probleme zeigen sie dennoch eine echte Verbundenheit und Solidarität. Leky gelingt es mit detaillierten Beschreibungen und genauer Beobachtung meisterhaft, diese kleine Dorfgemeinschaft vor unseren Augen lebendig werden zu lassen: ein Zusammenspiel diverser Charaktere, die sich zu einer Einheit, einer „Symphonie“ zusammenfinden.
Das Buch erzählt nicht von Menschen oder Ereignissen, die die Welt verändern. Doch es sind gerade die alltäglichen, scheinbar unbedeutenden Dinge, die das Leben von Menschen nachhaltig bestimmen. „Was man von hier aus sehen kann“ : ein Roman, der tief berührt und lange nachhallt.

Bewertung vom 03.06.2017
Die Rebellin
Hauser, Ursula

Die Rebellin


ausgezeichnet

Ein Lebenswerk


Wie kommt eine junge Frau, aufgewachsen in einem liebevollen, behüteten Zuhause, dazu, sich aus ihrem sicheren Dasein zu lösen und in politisch und sozial instabile Länder zu begeben? Das erfährt der Leser auf sehr eindringliche Weise in diesem Buch, das den Lebenslauf der „Rebellin“ Ursula Hauser schildert. Aus vielen Gesprächen, welche die Journalistin Tanja Polli mit ihr geführt hat, entsteht ein klares Porträt der Psychologin, die sich mit ihrem Ausbruch aus dem überschaubaren, konservativen Kilchberg bei Zürich gegen ein bequemes, aber angepasstes Dasein im „normalen“ Rahmen entschieden hat. Sehr überzeugend erzählt sie von ihrem außergewöhnlichen Leben, ihrem Wunsch und Vorhaben, sozial benachteiligten Menschen und politisch Verfolgten zu helfen. Auf lebendige Weise berichtet sie, wie es ihr gelang, ihre Ideen umzusetzen und von ihren Erfolgen. In einem Interview erklärt sie ihre wichtigsten Ziele; auf der einen Seite geht es ihr um Hilfe für seelisch und körperlich misshandelte Frauen, aber auch Bemühungen, mit den Enkeln einer vergangenen Diktatur (wie etwa in Uruguay) die Vergangenheit aufzuarbeiten, sind ihr wichtig: „Zum einen wollte ich dazu beitragen, dass traumatisierte Frauen einen Ausweg aus Depression und Resignation fanden und wieder auf ihre Ressourcen vertrauen konnten… Ich möchte Menschen dazu befähigen, sich in ihrem Kontext zu begreifen, klar zu denken und Selbstverantwortung zu übernehmen.“
Ehrlich und ohne Anmaßung erzählt Hauser von ihren Erfolgen, die sie mit Hilfe des Psychodramas (einer Form der Gruppentherapie) in den unterschiedlichsten Ländern erzielt, und ihrem Engagement in der Ausbildung neuer Therapeuten vor Ort. Und ganz selbstverständlich führt Ursula Hauser ihr Lebenswerk auch im Alter von 70 Jahren noch fort und setzt sich für ihre Ziele ein, in einem Alter, in dem sich die meisten Menschen bereits im Ruhestand befinden. Tanja Polli versteht es großartig, den natürlichen Ton im Gespräch mit der Psychologin wiederzugeben und den Leser Hausers ehrliche Anteilnahme am Schicksal der Benachteiligten dieser Welt und ihren leidenschaftlichen Einsatz spüren zu lassen. Um das Bild der tatkräftigen Frau zu ergänzen, lässt die Autorin auch Vertraute aus Hausers Bekanntenkreis zu Wort kommen und schafft ein lebendiges Porträt. Ein wirklich lesenswertes Buch, das zum Nachdenken - auch über das eigene Leben - anregt.