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solveig

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Insgesamt 425 Bewertungen
Bewertung vom 12.05.2022
Papyrus
Vallejo, Irene

Papyrus


ausgezeichnet

Imponierend

Um es gleich vorweg zu nehmen: „Papyrus" hat mich restlos begeistert. Irene Vallejo ist ein Sachbuch gelungen, das den Leser umfassend informiert – und das auf eine packende, unterhaltsame Weise. Bei mehr als siebenhundert Seiten schafft sie es spielend, die Aufmerksamkeit des Lesers und sein Interesse aufrecht zu erhalten.
Es scheint ein enormes Unterfangen, über die Geschichte des Buches zu schreiben. Bücher existieren immerhin seit mehr als dreitausend Jahren und haben ihre Gestalt immer wieder verändert; von der Papyrusrolle über Pergamentschriften bis hin zum „Codex", dem Vorläufer des gebundenen Buches, wie wir es heute gewohnt sind.
Die Autorin erzählt uns von den Anfängen in Ägypten, schildert die berühmte Bibliothek in Alexandria, lässt uns die Übernahme der Herrschaft durch die Römer miterleben und das Schicksal des Buches bis zum Buchdruck verfolgen. Dabei unterstreicht sie die Bedeutung der Schriftensamlungen für die Menschen als Speicher althergebrachten Wissens, als Lehrbücher, zur Unterhaltung und sogar als Überlebenshilfen Gefangener. Immer wieder spannt sie den Bogen bis in unsere Gegenwart hinein, zieht Vergleiche und weist auf Parallelen hin. In ihrer zeitgeschichtlichen Reise durch die Jahrtausende der Literatur geht sie neben der Herstellung und Aufbewahrung von Büchern auch der Frage nach, wie Schriftsteller und Buchhändler gelebt haben, und wie Bücher der Allgemeinheit zugänglich gemacht wurden. Die Vernichtung kritischer Schriften durch Despoten ist ebenso Thema wie der aktuelle Konflikt um „bereinigte" Literatur. Ein umfangreiches Quellenverzeichnis, eine weiterführende Literaturliste und ein Personenverzeichnis vervollständigen das Buch.
In lockerem, aber sachlichem Ton bietet Vallejo eine Fülle an Informationen, in kurzen Kapiteln gut verständlich und bemerkenswert fesselnd aufbereitet.
Und so, wie sie es versteht, den Leser zu begeistern, spürt dieser den Enthusiasmus der Autorin für ihr Sujet. Ein wirklich imponierendes Buch!

Bewertung vom 28.04.2022
Blaukäppchen und der gute Wolf
Sternbaum, Nico

Blaukäppchen und der gute Wolf


sehr gut

"Wieso denn gruselig?"

Ein energisches kleines Mädchen ergreift die Initiative, als es sieht, wie traurig und allein der Wolf sich fühlt. Es heißt Blaukäppchen und ist davon überzeugt, dass auch ein äußerlich so furchteinflößendes Wesen wie der Wolf gute Seiten hat, die man erst einmal kennenlernen muss. Und so schafft sie es während des gemeinsamen Spaziergangs durch Wald, Feld und am Teich vorbei, die Ängste der anderen Tiere vor dem vermeintlich gruseligen Tier zu zerstreuen.
Nico Sternbaums modernes Märchen für Kinder ab vier Jahren kommt in einer großformatigen Ausgabe daher. Der kurze Text ist einfach gehalten und lehnt sich mit seinen Wiederholungen an traditionelle Märchen an. Auch die großzügigen, ganzseitigen Illustrationen mit leicht comicartigem Charakter stammen vom Autor. Das „Gegenstück“ zum altbekannten Rotkäppchen und der böse Wolf wirbt für Verständnis und Toleranz anderen Lebewesen gegenüber - nicht nur Wölfen. Und das verstehen auch schon kleine Kinder: "Wenn jemand traurig ist, hilft man ihm.“

Bewertung vom 20.04.2022
Liebesheirat
Ali, Monica

Liebesheirat


sehr gut

Versöhnlich

Der Begriff „Liebesheirat" verspricht Romantik und steht dafür, dass zwei Personen nur aus Zuneigung zueinander eine Ehe eingehen. Genau das möchten Yasmin und ihr Freund Joe tun, wobei sie sich bemühen, die zwischen ihren Familien bestehenden kulturellen Unterschiede zu überwinden. Yasmins Vorbild ist dabei die Hochzeit ihrer Eltern, die sich einst mit ihrer eigenen „Liebesheirat“ gegen gesellschaftliche Vorurteile in Bangladesh durchgesetzt zu haben scheinen. Und zunächst läuft auch alles besser als befürchtet, doch dann tauchen völlig unerwartete Probleme auf …
Leicht und eingängig erzählt Monica Ali die Geschichte zweier junger Leute und ihrer unterschiedlichen Familien. Man folgt ihr gerne in den Gefühlsdschungel, der Joes Verlobte Yasmin beherrscht. Doch familiäre Spannungen, Kommunikationsschwierigkeiten, Aufrichtigkeit und Sexualität sind nicht die einzigen Probleme, um die es in diesem Roman geht. Ali, die teilweise bengalische Wurzeln hat, spricht viel mehr Themen an, unter anderem auch soziale und psychologische Probleme, die sich nicht nur mit europäischen Sachverhalten befassen, sondern auch fremdländische gesellschaftliche Zusammenhänge einbeziehen. Jedoch schlägt die Autorin trotz aller (teilweise nur angerissenen) Problematiken einen warmherzigen, oft humorvollen Ton an, in dem der Leser ihr Mitgefühl und ihre Zuneigung zu Menschen (und ihren Fehlern) spürt. Ihre versöhnliche Erzählweise macht die diversen Verwicklungen der Charaktere bei aller Dramatik nachvollziehbar und gut lesbar.

Bewertung vom 19.04.2022
Ich lese!
Cassinelli, Attilio

Ich lese!


ausgezeichnet

Lesen verbindet

Wann, wie, wo und mit wem kann ich lesen? Kurz und bündig gibt Attilio Cassinelli die Antworten: Immer, überall, allein und mit anderen. In Wort und Bild erfahren kleine und große Leser, wozu Bücher in der Lage sind. Sie können entspannen, ablenken, Trost schenken oder eine Gemeinschaft herstellen. Dabei widmet Attilio jeder Lese-Situation eine Doppelseite des handlichen kleinen Buches. Eine Seite gehört dem Text, die andere der dazugehörigen Illustration.
Der Text, der eigentlich nur aus jeweils einem knappen Kommentar besteht, korrespondiert in seiner Kürze mit den ebenso reduzierten bildlichen Darstellungen. Ähnlich, wie es manche vielleicht noch von Dick Bruna kennen, beschränkt sich Attilio auf eine klare, einfache Form- und Farbgebung und lässt seine Figuren und Gegenstände durch kräftige, schwarze Konturen deutlich hervortreten. Diese Konzentration auf das Wesentliche und der Verzicht auf Details spricht vor allem kleinere Kinder unmittelbar an und zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich. Zudem ist die einfache Bildsprache für Kinder leicht zu decodieren und auch international für alle verständlich.
Die unterschiedlichen Lese-Situationen, liebevoll und humorig illustriert, laden Eltern und Kinder zu einem Gemeinschaftserlebnis ein, zum gemeinsamen Betrachten und Plaudern - so, wie der Illustrator es auf etlichen Seiten seines Büchleins abbildet: Lesen verbindet.

Bewertung vom 10.04.2022
Die kleine Hummel Bommel - Du kannst fliegen
Sabbag, Britta;Kelly, Maite

Die kleine Hummel Bommel - Du kannst fliegen


ausgezeichnet

Ein Mutmach-Buch

“Von oben ist immer alles schöner" heißt es in Britta Sabbags neuem Kinderbuch, das sie gemeinsam mit Maite Kelly und der Illustratorin Joëlle Tourlonias gestaltet hat. Und so kann auch ein Kind tatsächlich gut nachvollziehen, was ein Erwachsener vielleicht bereits erfahren hat: Die Entfernung verschafft Abstand und macht so manches Problem übersichtlicher. Jeweils ein Mutmach-Satz findet sich auf einer Doppelseite des großformatigen Buches, begleitet von großzügigen, zurückhaltend kolorierten Bildern. Während die kleinen und großen Leser die niedliche Hummel mit den Stummelflügelchen auf ihrem Weg begleiten, können die Texte immer wieder zu Gesprächen mit dem Kind anregen. Denn nicht nur Erwachsenen kommt ab und an „das Leben zwischen die Flügelschläge"!
Du kannst fliegen ist ein wirklich wunderschönes Bilderbuch für gemeinsame Lesestunden.

Bewertung vom 03.04.2022
Das Mädchen und der Totengräber / Inspektor Leopold von Herzfeldt Bd.2
Pötzsch, Oliver

Das Mädchen und der Totengräber / Inspektor Leopold von Herzfeldt Bd.2


ausgezeichnet

Mord mit Lokalkolorit

Wieder einmal kreuzen sich die Wege von Inspektor Leopold von Hertzfeld und dem kauzigen Totengräber Augustin Rothmayer: während er den Tod eines mumifizierten Archäologen aufklären soll, verhilft ihm Rothmayer zu wichtigen Erkenntnissen. Als sich Leo schließlich der Lösung des Falles immer mehr nähert, kommt plötzlich der Befehl, alle Untersuchuchungen einzustellen. Stattdessen erhält er die Weisung, mit Hochdruck bei einer Reihe rätselhafter Morde an jungen Männern zu ermitteln, die sich häufen…
Auch dieser zweite Teil der Totengräber-Serie erzählt nicht nur auf packende Weise von verzwickten Mordfällen, sondern schildert auch anschaulich das Leben gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Wien mit all seinen Facetten. Erneut gelingt es dem Autor vortrefflich, seinen Roman lebendig werden zu lassen, indem er reale historische Ereignisse mit Fiktion verbindet. Politische und soziale Aspekte werden ebenso einbezogen wie wissenschaftliche und technische Fortschritte oder auch die Anfänge moderner Kriminalistik. Detaillierte Milieuschilderungen lassen den Leser in das Leben kurz vor der Jahrhundertwende eintauchen und mit den Protagonisten fühlen.
Ein spannender Roman mit einem eindrucksvollen Blick in eine vergangene Epoche!

Bewertung vom 23.03.2022
Der Erinnerungsfälscher
Khider, Abbas

Der Erinnerungsfälscher


ausgezeichnet

Minenfeld Gedächtnis

Wieviel Inhalt ein schmaler Buchband transportieren kann, beweist Abbas Khider sehr eindrucksvoll in seinem neuen Roman „Der Erinnerungsfälscher".
Sein Protagonist Said Al-Wahid hat sich gerade in Deutschland eine neue Heimat geschaffen, als sein Bruder ihn aus dem Irak anruft, um ihm mitzuteilen, dass ihre Mutter im Sterben liege und er so schnell wie möglich kommen möge. Sie und Bruder Hakim sind Saids letzte Verbindung zu seiner Familie im Irak. Während seines Fluges nach Bagdad und des kurzen Aufenthaltes in seinem ehemaligen Vaterhaus bestürmen ihn Erinnerungen an sein früheres Leben. Welche Geschehnisse davon sind tasächlich passiert, welche sind „Lückenfüller"?
Khider versteht es meisterhaft, die bruchstückhaften Erinnerungen seines (vielleicht) Alter Ego - zeitlich Stück für Stück rückwärts gehend - in Saids gegenwärtige Existenz als angehender Schriftsteller mit deutschem Pass einzubeziehen. Sein leicht wirkender Schreibstil täuscht allerdings: gerade die kurzen Sätze und die knapp und sachlich formulierten Erinnerungen stecken voll tiefer, dramatischer Bedeutung. Eindrücklich vermitteln sie dem Leser den Grund, warum viele Erinnerungen Saids „zu den Minenfeldern im Gedächtnis …“ gehören, „die er nicht gern betreten möchte", weil sie ihn zerstören könnten. Und weshalb er für sich den Begriff des „Erinnerungsfälschers" nutzt, der traumatische Erlebnisse in seinem Gedächtnis zu unterdrücken sucht.
Gewalt, Verfolgung, Flucht: einen wirklichen Schutzwall kann Saids Gedächtnis dazu nicht aufbauen. Doch der deutsche Pass, den er ständig bei sich trägt, und sein kleiner, in Berlin geborener Sohn geben ihm ein Gefühl der Sicherheit und Hoffnung.

Bewertung vom 15.03.2022
Doppelporträt
Pleijel, Agneta

Doppelporträt


sehr gut

Charakterbildnisse

Wer Bilder von Oskar Kokoschka kennt, weiß, dass der Maler mit seinen Porträts viel mehr darstellen will als nur das äußere Erscheinungsbild seines Modells. Auch, als er im Jahr 1969 den Auftrag, ein Bildnis Agatha Christies zu ihrem achtzigsten Geburtstag zu malen, annimmt, wendet er seine übliche Arbeitsweise an: Er versucht, sein Modell zum Erzählen zu bewegen, um Minenspiel und Gestik studieren zu können und so etwas von dessen Persönlichkeit bildlich einzufangen. Zu seinem Erstaunen dreht die große Dame der Kriminalliteratur den Spieß zunächst allerdings um. Der 85jährige selbst sieht sich genötigt, eine Rückschau auf sein ereignisreiches Leben preis zu geben, um anschließend Agatha zum Erzählen zu bringen…
Agneta Pleijel gibt ihrem Roman einen festen Rahmen. In sechs Mal-Sitzungen, denen eine Einführung vorangestellt wird und ein Epilog folgt, entsteht nicht nur Kokoschkas Bildnis von Agatha Christie. Gleichzeitig erschafft die Autorin ein literarisches Doppelporträt der zwei alternden Künstler, indem sie beide wechselseitig bedeutsame Ereignisse, die ihr Leben stark beeinflussten, schildern lässt. Ihr knapper Schreibstil und die kurzen Sätze entsprechen den skizzenhaften Ausschnitten aus den jeweiligen Lebensläufen; manches wird nur angerissen, anderes etwas näher ausgeführt. Eine wissenschaftliche Biografie ist hier nicht gewollt, nur ein kleiner Einblick in zwei Persönlichkeiten, ein subjektives „Doppelporträt".

Bewertung vom 03.03.2022
Vertrauen
Mishani, Dror

Vertrauen


ausgezeichnet

Hintergründig

Dror Mishani hat einen neuen Fan bekommen: "Vertrauen" ist zwar der erste Roman des israelischen Schriftstellers, den ich gelesen habe, aber seine Kunst, vordergründige Themen auf äußerst hintergründige Weise zu erzählen, hat mich fasziniert.
Eigentlich fühlt sich Inspektor Avi Avraham zu Höherem berufen. Doch während er ein Versetzungsgesuch stellt, weil ihn die Bagatellfälle seiner Abteilung langweilen, warten schon die nächsten Aufgaben auf ihn. Die Aussetzung eines Babys und das Verschwinden eines Touristen sollen geklärt werden. Auf den ersten Blick unbedeutend, entwickeln die Fälle dennoch eine Dynamik und erweisen sich als nicht leicht zu knackende Probleme. Und schließlich gerät Avraham auch noch in einen Gewissenskonflikt; denn er scheint bei seinen Ermittlungen dem israelischen Geheimdienst Mossad zu nahe gekommen zu sein.
Mishanis angenehmer, gut lesbarer Schreibstil hält den Leser in Atem. Seine ruhige Art, seine Themen zu vermitteln und sich langsam entwickeln zu lassen, überzeugt. Last but not least versteht der Autor es großartig, die im Vordergrund stehenden Probleme mit Fragen zu verknüpfen, die weit darüber hinaus weisen, und den Protagonisten - und auch den Leser - noch lange beschäftigen.

Bewertung vom 15.02.2022
Meine kleine Welt
Arenz, Ewald

Meine kleine Welt


gut

„Kindererziehung ist manchmal besser als Kino“ …

… stellt Ewald Arenz in einer seiner Kurzgeschichten fest, und jeder, der selbst Kinder hat, kann ihm da ohne Vorbehalt zustimmen. Mit viel Humor erzählt der Autor aus seinem alltäglichen Leben, in dem es (natürlich) nicht nur harmonisch zugeht. Ob in seiner Funktion als Lehrer, beim Treffen mit Freunden oder in der Kernfamilie: kleine Katastrophen und Erziehungsprobleme werden mit Ideenreichtum und Witz gemeistert. Das eine oder andere Problem kennt sicher fast jeder Leser, auch wenn so manche Situation überspitzt dargestellt wird.
Arenz´ „Kleine Welt“-Szenen sind amüsant, locker geschrieben und leicht zu lesen. Allerdings vermisse ich die Qualität, die mich in seinen beiden letzten Romanen begeistert hat. Für mein Empfinden reichen seine Kurzgeschichten atmosphärisch und sprachlich nicht an „Alte Sorten" oder "Der große Sommer" heran, die ich sehr schätze. Schade.