Benutzername: Nina
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Bewertungen

Insgesamt 100 Bewertungen
Bewertung vom 18.09.2017
Targa - Der Moment, bevor du stirbst / Targa Hendricks Bd.1
Schiller, B. C.

Targa - Der Moment, bevor du stirbst / Targa Hendricks Bd.1


ausgezeichnet

Targa ist der ungewöhnliche Name einer ungewöhnlichen jungen Frau, deren trauriger Start ins Leben im Prolog geschildert wird. Sofort überkam mich eine Welle von Mitleid. Gerade weil sie so anders ist, mochte ich sie von Anfang an.

Falk Sandmann war mir vom ersten Satz an total unsympathisch. Arrogant, sehr von sich eingenommen und mit einem abartigen Hobby, das er auf seinem Blog zelebriert. Die letzten Worte eines Menschen, bevor er stirbt. Dafür setzt er sich natürlich nicht in ein Hospiz, sondern er hilft lieber ein bisschen nach. Als Thrillerleserin habe ich ja schon in einige Abgründe geschaut, dieser hat mir eine ganz besondere Gänsehaut beschert.

Es gibt neben dem Strang von Targa und dem von Falk noch einen weiteren Strang, der in einem Hochsicherheitsgefängnis auf einer abgelegenen Insel angesiedelt ist. Das ist besonders spannend, da ich mit Carlos Schmidt einen ungewöhnlichen Häftling a la Hannibal Lecter kennen lerne. Ich habe hin und her überlegt, wie das mit Targa und Falk zusammen hänge könnte. Das ist schon ziemlich genial konstruiert und wird erst ganz am Ende schlüssig aufgelöst.

Ungewöhnlich ist auch der Aufbau, denn ich weiß ja von Anfang an, dass Falk der Täter ist. Ich darf ihm ja sogar bei seinen bösen Spielchen über die Schulter gucken, was allerdings weniger schlimm ist als befürchtet. Denn die Wortwahl von B.C. Schiller bleibt ästhetisch und sie beschreiben nur so viel wie nötig ist, um meine Nerven zu kitzeln und verzichten auf jegliche Effekthascherei. Der Kern der Geschichte ist der Kampf zwischen Targa und Falk, der zunächst gar nicht ahnt, welches Spiel Targa mit ihm treibt. Da bleibt die Spannung auf konstant hohem Level und es knistert ohne Ende.

Fazit: Für mich ist Targa die Überraschung des Jahres. Ungewöhnlich und anders und genau damit haben mich B. C. Schiller eingefangen und gefesselt.

Bewertung vom 03.09.2017
Das Opfer Null
Inverni, Federico

Das Opfer Null


sehr gut

Aufmerksam und neugierig auf „Das Opfer Null“ wurde ich durch eine Besprechung meines Lieblingsradiosenders. Ein Thriller aus Italien war für mich literarisches Neuland, aber das betrete ich ja gerne. Ohne langes Vorgeplänkel geht es dann auch schon auf den ersten Seiten richtig zur Sache mit einer wilden Schießerei und einem Wettlauf mit der Zeit. Dieses Actionspektakel hat Federico Inverni brillant in Szene gesetzt und damit die perfekte Bühne für seine beiden Hauptfiguren geschaffen. Denn direkt danach geht es schon zum nächsten Vorfall bei dem Lucas und Anna zusammen arbeiten werden.

Lucas machte auf mich sofort den Einruck „einsamer, kaputter Wolf“, nichts Neues in der Thrillerwelt, denn hier finden sich selten ganz normale Kerle in der Hauptrolle. Nun gut dachte ich mir, das kann ja dennoch ganz interessant werden. Ich muss direkt ein „aber“ hinterher schicken. Denn Lucas ist die Kälte in Person und während ich ihn begleite, habe ich mich mehr als einmal gefragt, wie ein Mensch so überleben kann. Er blieb mir fremd, die ganze Zeit und nachdem ich dann mehr über seine Vorgeschichte und das daraus resultierende Krankheitsbild erfahren habe, empfand ich neben meiner Bewunderung für seine ermittlerischen Fähigkeiten allerdings auch Mitleid. Aber Nähe konnte ich keine aufbauen.

Ihm zur Seite steht Anna, die ebenfalls einige Leichen in ihrem persönlichen Keller beherbergt, aber hier geizt Federico Inverni zunächst mit Informationen. Dafür erfahre ich umso mehr über Annas Gefühlsleben, denn sie erzählt in der Ich-Form während Lucas Part in der 3. Person erzählt wird. Diese Struktur fand ich sehr geschickt und im Nachhinein machte das auch Sinn so wie vieles mir am Ende klar wird.

Der Täter wurde schon recht früh gefunden, was mich erstaunte, hatte ich doch noch fast die Hälfte des Thrillers vor mir. Und das ist auch mein einziger Kritikpunkt. Bis zu diesem Zeitpunkt fand ich „Das Opfer Null“ sehr spannend und perfekt konstruiert. Aber dann gab es eine Wendung, die mir nicht gefallen hat, ja ich habe mich zunächst sogar richtig geärgert und mich gefragt, was das sollte. Seiten füllen? Den Leser auf eine falsche Fährte führen? Das letzte ist Federico Inverni sehr gut gelungen, er ließ mich zweifeln und in psychische Abgründe blicken. Mehr und mehr wird klar, wie alles zusammen gehört. Es ist schon eine Kunst für sich, so viele Fäden zu spinnen und keinen davon ins Leere laufen zu lassen. Das Ganze gipfelt dann in einem Ende, das nahezu perfekt erdacht ist. Der Weg dahin ist sehr spannend und enthält unzählige Wendungen und Aha-Effekte.

Fazit: Beeindruckendes und geheimnisvolles Verwirrspiel, das am Ende perfekt aufgelöst wird.

Bewertung vom 20.08.2017
The Girl Before
Delaney, J. P.

The Girl Before


ausgezeichnet

Die eigentliche Hauptperson in diesem Thriller ist ein Haus und auf den ersten Blick fand ich es einfach genial. Ich bin zwar kein absoluter Technikfreak, aber finde Innovationen auf diesem Gebiet faszinierend. Wenn da nicht all die Regeln wären … Aber die haben weder Emma noch Jane gestört. Beide sind zunächst begeistert von dem Haus und das ist nicht das einzige, was die Beiden beiden verbindet. Es ist schon fast makaber wie ähnlich sich die beiden sind. Beide mussten etwas Schreckliches erleben und brauchen dringend eine Veränderung. Da kommt ihnen das ungewöhnliche Mietangebot über das Haus Folgate Street Nr. 1 sehr gelegen. Angeschaut hätte ich mir dieses Haus gerne einmal, aber nie und nimmer hätte ich darin wohnen wollen geschweige denn, mich diesem Haus ausgeliefert. Denn genau das war es, was beide getan haben. Durch die Ich-Form war ich dann auch sehr nah dran.

Zwei Erzählstränge auf zwei Zeitebenen sind ja an sich nichts Neues, aber hier wird das, was Emma und Jane erleben, fortlaufend erzählt und so wird es fast zu einer Geschichte. Durch den ständigen Wechsel der Perspektiven in Form von sehr kurzen Kapiteln ging es flott voran. Faszinierend war, dass auch die Erlebnisse von Emma und Jane sehr ähnlich waren, so dass JP Delaney kontinuierlich weiter erzählen konnte, indem sie die Zeiten wechselte. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen verwirrend, war es aber nicht. Der einzige (Stil-) Unterschied war, dass in Janes Part Anführungszeichen benutzt wurden und in Emmas Part nicht. Außerdem waren die einzelnen kurzen Kapitel auch immer mit dem jeweiligen Namen übertitelt. Das hatte schon etwas Unheimliches und ich ahnte Böses beim Lesen.

Schon durch den Klappentext erfahre ich, dass Emma in diesem Haus gestorben ist und das steigert die Spannung noch mehr. Denn das Wie versuche ich dann zusammen mit Jane herauszufinden. Das gab mir viel Raum für Spekulationen und dennoch hat das Ende mich total überrascht!

Der Schreibstil ist gut zu lesen, der Spannungsbogen hält sich kontinuierlich und zwischendurch prickelt es auch ganz schön. Denn beide Frauen sind dem mysteriösen Architekten mit Haut und Haaren verfallen.

Fazit: Ungewöhnlicher Thriller mit einigen Überraschungen und einem besonderen Prickeln zwischen den Zeilen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 11.08.2017
Eine allgemeine Theorie des Vergessens
Agualusa, Jose E.

Eine allgemeine Theorie des Vergessens


gut

Eine wahre Geschichte über 30 Jahre Einsamkeit in einer zugemauerten Wohnung, in der Ludovica fantasievoll ihr Überleben organisiert … das klang für mich nach einer interessanten und lesenswerten Geschichte. Die ersten Seiten waren ein Genuss. José Eduardo Agualusa versteht es hervorragend, mit wenigen Worten viel zu erzählen. Ich mochte Ludo von Anfang an, gerade weil sie etwas „anders“ ist. Und ich war megagespannt, wie sie diese 30 Jahre ausfüllen wird.

Aber … leider wurde ich so nach und nach enttäuscht.

Nach einer sehr stimmigen und emotionalen Einleitung war Ludo von der Außenwelt abgetrennt und ich verlor den Zugang zu ihr. Denn ihr „Überleben“ wurde nur in Fragmenten geschildert und ich habe immer mehr Distanz zu ihr aufgebaut. Zwischen die einzelnen Kapitel wurden Tagebucheinträge von Ludo platziert, aber diese fand ich teilweise sehr verworren und habe sie manchmal einfach überlesen. Gleichzeit hat José Eduardo Agualusa viele weitere Schauplätze und Personen ins Rennen geschickt, dass ich kurz davor war, den Überblick zu verlieren. Der Schreibstil, den ich anfangs sehr gemocht habe, hat mich mehr und mehr an ein Drehbuch erinnert. Und als Film hätte mir die Geschichte auch viel besser gefallen. Aber so musste ich mich durch viele Ereignisse kämpfen, was meinen Lesefluss gestört hat. Es hatte schon etwas von einem Tarantino Drehbuch inklusive des makaberen Humors. Das waren dann meine Lichtblicke, genau wie die wunderschönen und fast schon poetischen Sätze, die José Eduardo Agualusa zwischendurch eingestreut hat ( S. 175 - Das Paradies ist unser Platz im Herzen der anderen).

Uns so hat mich das Buch mit gemischten Gefühlen zurück gelassen. Einerseits mochte ich die Sprache und die vielen Handlungsstränge, die sich am Ende alle wunderbar ineinander gefügt haben. Selbst Ludos Geheimnis wurde am Ende aufgeklärt. Aber das hat mich gleichzeitig auch gestört. Ich habe keinen Zugang zu Land und Leuten gefunden und letztendlich auch nicht zu Ludo und ihrem Schicksal.

Fazit: Eine außergewöhnliche Geschichte, die mich allerdings nicht so fesseln konnte wie anfangs erhofft.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 23.07.2017
Die Galerie der Düfte
Fischer, Julia

Die Galerie der Düfte


ausgezeichnet

An diesem Buch ist alles blumig und berauschend: Der Schreibstil, die Story und sogar die Aufmachung. Ich bin eigentlich kein Fan von Liebesromanen und heiler Welt, aber dieses Buch hat mich dann doch mitgenommen auf eine Reise nach Italien in den Sommer und in eine Welt der Wohlgerüche.
Der Schreibstil von Julia Fischer ist sehr ausschweifend, blumig und poetisch mit vielen detaillierten Beschreibungen, ich konnte gar nicht anders als mich treiben zu lassen und zu genießen. Ich bin ein großer Fan von allem, was gut riecht und die Officina Profumo di Santa Maria Novella – die es tatsächlich gibt - wäre ein Ort, wo ich mich unendlich lange aufhalten könnte. Und dank der intensiven Beschreibungen von Julia Fischer hatte ich tatsächlich das Gefühl, dort zu sein und der Wunsch, Florenz zu besuchen, ist gerade sehr stark. So haben mir auch die Abschnitte, die in Italien angesiedelt waren, am besten gefallen.
Aber auch in München hat Julia Fischer einen wunderbaren Ort kreiert, an dem Johanna mit ihren Eltern und Nachbarn in einer fast perfekten Gemeinschaft lebt. Alles ist harmonisch, Probleme werden gemeinsam gelöst.
Alles ist angenehm und schön, fast zu schön? Ja, es war mir persönlich zwischendurch einfach zu perfekt und zu viel heile Welt. Auch wenn es immer mal wieder dramatisch wird, auch das unterlegt Julia Fischer mit ihrer ganz eigenen Poesie und Sanftheit. Davon lebt dieses Buch, wunderschöne Beschreibungen und Sätze, die ein Lächeln ins Gesicht zaubern und die man einfach ein paar mal lesen muss, um sie zu genießen wie ein zart schmelzendes Stück Schokolade oder eben wie einen Duft, von dem man nicht genug bekommt und die Augen schließt und träumt.
Genauso empfinge ich „Die Galerie der Düfte“: eine Auszeit vom Alltag und weg träumen in eine heile duftende Welt.
Fazit: Sehr schönes und sinnliches Sommerbuch, wenn man den opulenten Schreibstil mit vielen Aufzählungen mag.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 23.07.2017
Dark Matter - Der Zeitenläufer
Crouch, Blake

Dark Matter - Der Zeitenläufer


sehr gut

Eine Reise in die eigene Vergangenheit hat sich bestimmt jeder schon mal gewünscht. Wie faszinierend ist es, zu erfahren, was passiert wäre, wenn ich mich an einem oder vielleicht sogar mehreren Punkten anders entschieden hätte. Blake Crouch hat in Dark Matter genau dieses Szenario geschaffen. Allerdings ist es nicht nur ein kurzer Trip in das „andere“ Leben, sondern ein Tausch und das gefällt dem Titelhelden Jason Dessen überhaupt nicht. Ich stelle es mir enorm schrecklich vor, aus meinem Leben gerissen zu werden und dann nicht zu wissen, wie ich wieder zurück gehen kann. Darum geht es hauptsächlich in Dark Matter. Jason Dessen versucht mit allen Mitteln sein bisheriges Leben, das er nun sehr viel mehr zu schätzen weiß, zurück zu bekommen und diese Reise ist gefährlich und abenteuerlich.

Ich mochte diese interessante Mischung aus Thriller und Science Fiction, wobei die Spannungselemente definitiv dominierend waren. Blake Crouch hat den Spannungsbogen von Anfang an sehr hoch gehalten und am Ende noch mal richtig Gas gegeben. Gerade bei Zeitreise-Geschichten bleibt oftmals die Logik auf der Strecke. Hier handelt es sich auch nicht wirklich um einen Zeitreiseroman sondern eher um den Einblick in ein Multiversum und das hat Blake Crouch sehr anschaulich und gut verständlich beschrieben, so dass ich mir das sehr gut vorstellen konnte. Und am Ende war ich froh, dass es so etwas nicht gibt, denn ich fand es schon sehr unheimlich und beängstigend.

Blake Crouch lässt seinen Hauptcharakter in der Ich-Form erzählen, verwendet sehr viele kurze Sätze und konzentriert sich auf das Wesentliche. Gerade diese minimalistische Art zu schreiben ist sehr eindringlich. Jasons Verzweiflung geht unter die Haut und ich habe mit ihm gehofft und gezittert. Somit wird seine Geschichte sehr persönlich.

Der „Was wäre wenn – Aspekt“ kommt ein bisschen zu kurz, Dark Matter lebt von der verzweifelten Suche nach dem Zurück. Der Klappentext hat mir etwas anderes suggeriert, aber dennoch hat mir Dark Matter gut gefallen.

Fazit: Eine spannende Mischung aus Thriller und Science Fiction mit einem erstaunlichen und nicht vorhersehbarem Ende.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 23.06.2017
Der Brief
Hagebölling, Carolin

Der Brief


gut

Die Frage „Was wäre wenn …“ hat sich bestimmt schon jeder gestellt und wäre es nicht total faszinierend, sich auch mal die andere Seite anzuschauen? Das Thema ist nicht neu und wurde schon in diversen Romanen und auch Filmen verarbeitet.

Hier ist ein verwirrender Brief der Auslöser und Marie macht sich auf die Suche nach ihrem anderen Leben. Das ist zunächst super spannend und der flüssige Schreibstil von … lässt mich erstmal ungeduldig durch die Seiten fliegen. Schnell wird klar, dass es da noch ein anderes Leben gibt und ich war so gespannt auf das Wie und das Warum. Kann es für all das eine vernünftige Erklärung geben?

Der Brief ist in 3 Teile gegliedert, aber schon in Teil 2 lässt für mich die Spannung merklich nach und es macht sich eher Enttäuschung breit. Nach dem geheimnisvollen Anfang hatte ich erwartet, dass es so spannend und mysteriös weiter geht. Der Lichtblick in diesem Teil sind die äußerst gelungenen Beschreibungen von Paris. Ich habe die wunderschöne Stadt an der Seine vor vielen Jahren besucht und mich sofort wieder heimisch gefühlt. Aber ansonsten fand ich Maries Besuch dort eher unspektakulär und es brachte mich nicht weiter.

Der letzte Teil plätscherte dann so vor sich hin und das Ende war überraschend unbefriedigend. Es ist rund, keine Frage, aber lässt mich mit zu vielen Fragen zurück.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.06.2017
Geständnisse
Minato, Kanae

Geständnisse


ausgezeichnet

Als ich das Buch zugeklappt habe, musste ich erst einmal tief durchatmen. Wow, was für eine Geschichte!
Die Idee, etwas aus verschiedenen Perspektiven fortlaufend zu erzählen, ist nicht neu und seit „Die Sünden meiner Väter“ bin ich ein großer Fan dieser Art zu erzählen. Aber „Geständnisse“ ist in jeder Hinsicht anders. Und für mich neu!

Der Titel könnte nicht passender gewählt sein, denn nach der Lehrerin Moriguchi kommen noch weitere Personen zu Wort und Wahrheiten an die Oberfläche, die mir teilweise den Atem nahmen. Jedem dieser Personen ist ein eigenes Kapitel gewidmet und jeder bis auf Moriguchi kommt nur einmal zu Wort. Das letzte Kapitel gehört noch einmal Moriguchi und das macht Geständnisse auf eine besondere Art „rund“.

Der Klappentext gibt nur wenig vom Inhalt preis und das ist auch gut so. „Geständnisse“ ist absolut nicht vorhersehbar und eine überraschende Wende folgte der nächsten. Das war teilweise ganz schön harter Tobak, denn Kanae Minato lässt mich in menschliche Abgründe blicken, die ich nicht erwartet habe. Einiges ist der japanischen Kultur geschuldet, die sich schon ein wenig von unserer Kultur unterscheidet. Aber vieles hätte hier genau so passieren können.

Das alles hat Kanae Minato in einem Schreibstil verfasst, den ich als zurückhaltend bezeichnen würde. Es gibt keine brutalen Szenen und auch keine wirklichen Cliffhanger, auch wenn der letzte Satz der jeweiligen Kapitel mich frösteln ließen. Sie erzeugt Spannung - ohne Frage – aber eben auf eine ganz andere Art als ich es gewohnt bin.

Fazit: Geständnisse lebt von den Geheimnissen, die so nach und nach an die Oberfläche schwappen, bringt mir die japanische Kultur etwas näher und lässt mich in menschliche Abgründe blicken.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 05.06.2017
Und jetzt lass uns tanzen
Lambert, Karine

Und jetzt lass uns tanzen


ausgezeichnet

Ist das Verlieben im Alter tatsächlich so ein Drahtseilakt, wie es auf dem überaus gelungenen Cover dargestellt wird? Es ist auf jeden Fall anders, wenn man die Unbeschwertheit und Spontanität der Jugend schon lange abgelegt hat.

Marguerite wurde ihr Leben lang von einem verstockten und überaus korrekten Ehemann dominiert. Es beginnt mit seiner Beerdigung und schon da wird ihre Entscheidungsunfreudigkeit deutlich: „Ich bin achtundsiebzig Jahre alt, was soll ich jetzt bloß mit mir anfangen?“ S.15

Marcel ist in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von Marguerite. Er ist aus seiner Heimat geflohen und hat mit seiner Jugendliebe ein wunderbares und intensives Leben gehabt. Dafür ist sein Schmerz umso größer als sie ihm genommen wird. Marguerite tut mir Leid, aber mit Marcel leide ich.

Nach der Vorstellungsphase und vielen Erinnerungen begegnen sich die beiden und das ist eher drollig als romantisch und gleichzeitig berührend und tröstlich.

Die kleine Liebesgeschichte, die ohne jeden Kitsch auskommt, geht mitten ins Herz. Die Unbeholfenheit, das Zögern, die Gedanken, die Ängste und dann doch der Mut, es noch einmal zu wagen, das war einfach wunderschön.

„Sie sinniert über all das, was sie nie getan hat. Nun ist sie frei. Aber es ist zu spät.“ (S. 48) Ist es nicht genau das, wovor wir alle Angst haben? Dass es irgendwann zu spät ist? Sätze wie dieser haben mich sehr nachdenklich gemacht. In jungen Jahren habe ich darüber nie nachgedacht, aber je weiter die Zeit fortschreitet, kommen auch solche Gedanken.

Genau deshalb finde ich Geschichten wie diese so wichtig. Sie machen Mut und sie zaubern ein Lächeln ins Gesicht. Karine Lambert hat mir ihrem sanften Stil so viele zauberhafte Momente eingefangen und Marcel mit einem Humor ausgestattet, der mich sehr oft grinsen ließ.

Ebenfalls sehr treffend beschrieben fand ich das Verhalten der Kinder. Irgendwann kehrt sich alles um und die Jungen wollen über die Alten bestimmen. Daraus kann man schon einige Lektionen lernen, die für beide Generationen wichtig sind. Den Alten macht es vielleicht Mut, sich noch einmal auf das Abenteuer Leben und auch Liebe einzulassen und den Jungen führt es vor Augen, dass das Einmischen in jedem Alter nicht gut ist. Und alle anderen sollten dieses schöne Buch einfach nur genießen. Denn manchmal hält das Schicksal am Ende eben doch noch eine Überraschung bereit.

Fazit: Ein wunderschöne Geschichte über die späte Liebe mit der richtigen Prise Humor, vielen Weisheiten und frei von jeglichem Kitsch!

4 von 4 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 28.05.2017
Unterleuten
Zeh, Juli

Unterleuten


sehr gut

Ein Blick hinter die Idylle

Ein kleines Dorf in Ostdeutschland hat sich Juli Zeh für ihre Gesellschaftsanalyse ausgesucht und ihm den treffenden Namen „Unterleuten“ gegeben. Schon an diesem Titel erkennt man, wie geschickt sie mit Sprache umgeht.

Juli Zeh hat ihren Roman in sechs Teile gegliedert und lässt in 62 Kapiteln ein knappes Dutzend der Dorfbewohner zu Wort kommen. Und so schwappt nicht nur die Vergangenheit allmählich ans Tageslicht, sondern ich als Leser betrachte das Ganze ständig aus einem anderen Blickwinkel. Das macht die Faszination dieses Dramas aus, denn genau das ist es für mich. An dieser kleinen Dorfgemeinschaft stellt Juli Zeh sehr anschaulich dar, wie jeder nur an seinen Vorteil denkt und sich dabei auch noch im Recht fühlt, wie jeder gegen jeden intrigiert und die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Die Handlung bewegt sich dabei kontinuierlich weiter und kann auch mit einigen Thrillerelementen aufwarten. Denn mit Cliffhangern geizt Juli Zeh absolut nicht.
Die Personen waren mir allesamt zunächst unsympathisch, das muss man auch mal schaffen. Und je mehr ich über jeden einzelnen erfahren habe, um so mehr verschwammen die Grenzen zwischen Antipathie und Sympathie.

Sprachlich finde ich Unterleuten absolut brillant, der Schreibstil ist zweideutig, sarkastisch, humorvoll und auch spannend und bei all der Vielseitigkeit doch gut zu lesen. Ich mag schöne Sprache, aber ich muss passen, wenn es zu kompliziert oder zu abgehoben wird. Das ist es hier ganz und gar nicht der Fall. Ich bin beeindruckt von so viel Zweideutigkeit, von so vielen Sätzen, bei denen ich erstaunt die Augenbraue hebt um dann beim zweiten oder dritten Lesen das gesamte Zwischenspiel zu erfassen. Das ist schon genial und mir in dieser Form noch nicht bewusst begegnet.

Vordergründig geht es natürlich um den geplanten Windpark und wie jeder am besten seinen Vorteil daraus zieht. Aber gleichzeitig hat Juli Zeh noch viele andere Themen angesprochen wie die Stadtflucht, Ehekrisen, Schuld und Sühne und die Verarbeitung der DDR Geschichte.

Mir ging es beim Lesen nicht immer gut, manches zog sich, einige Figuren blieben etwas blass und manchmal waren mir die gemeinen Intrigen einfach zu viel. Unterleuten ist alles andere als ein Wohlfühlroman und hat das Potential, romantische Vorstellungen vom Landleben zu zerstören. Aber über allem steht dann doch die brillante Sprache, die ich in vollen Zügen genossen habe und eine Story, die man nicht so schnell vergisst.

Fazit: Landleben ist nicht immer idyllisch und schöne Sprache beschreibt nicht immer schöne Dinge. Mit Unterleuten hat Juli Zeh mir einen Blick hinter die Idylle gewährt und ein Gesellschaftsbild gezeichnet, das mich sehr nachdenklich gemacht hat.

4 von 4 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.