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Benutzername: leserattebremen
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Insgesamt 540 Bewertungen
Bewertung vom 17.10.2018
Furcht: Trump im Weißen Haus
Woodward, Bob

Furcht: Trump im Weißen Haus


ausgezeichnet

Donald Trumps Wahlkampf und seine Präsidentschaft sind seit über zwei Jahren ein in den Medien präsentes Thema. Nicht nur in den USA, auch in Deutschland schaffen seine Tweets und zweifelhaften Aussagen es ebenso auf die Titelseite wie Spekulationen über das Verhältnis zu seiner Ehefrau Melania. Auch zahlreiche Bücher sind bereits erschienen, beispielsweise von Ex-FBI Direktor Comey oder das in den Medien viel beachtete Buch „Fire and Fury“ von Michael Wolff. Jetzt hat mit Bob Woodward einer der bekanntesten amerikanischen Journalisten ein Buch über Trump vorgelegt, wie er es bereits über viele amerikanische Präsidenten geschrieben hat. Vor Jahrzehnte Jahren deckte er gemeinsam mit seinem Kollegen Bernstein den Watergate-Skandal auf, in seinem Buch „Furcht. Trump im Weißen Haus“ beschäftigt er sich mit Trumps Wahlkampf und den ersten eineinhalb Jahren seiner Präsidentschaft, belegt durch viele Gespräche „unter zwei“ und „unter drei“, die er geführt hat.
Bob Woodward kann mit seinem Buch über Trump wirklich überzeugen. Nach zahlreichen reißerischen Veröffentlichungen in Zeitungen und in Buchform von zahlreichen Verfassern gelingt es ihm, einen durchweg sachlichen und dokumentierenden Ton beizubehalten. Äußerst seriös kann er aufschlüsseln, was hinter den Kulissen im Weißen Haus stattfindet und sich dabei auf viele Quellen berufen, auch wenn diese oft ungenannt bleiben. Hierfür wird er teilweise kritisiert, aber wie sollte er sonst über aktuelle Sachverhalte verlässlich berichten, denn Betroffene werden sich nur äußern, wenn ihre Anonymität garantiert wird. Gerade ein unkalkulierbarer Charakter wie Donald Trump wäre wohl nicht mit einem verständnisvollen Umgang zu rechnen, wenn Gespräche mit Journalisten bekannt würden. Zu Trumps Verteidigung muss gesagt werden, dass wohl kein Präsident gerne Mitarbeiter beschäftigt, die über interne Abläufe Informationen an Journalisten wie Bob Woodward weitergeben. Durch die Verwendung dieser ungenannten Quellen ist es Woodward jedoch gelungen, einen großartigen, wenn auch beängstigenden Einblick in den Arbeitsalltag im Weißen Haus zu liefern. Er beschreibt das Chaos, die Unberechenbarkeit des Präsidenten, seine Ignoranz und Unwissenheit in vielen Fachgebieten auf so nüchterne Art und Weise, dass einem nur das kalte Grausen den Rücken hinunterlaufen kann. Sein Anwalt Dowd zieht am Ende die Schlussfolgerung, dass Trump hauptsächlich ein berufsmäßiger Lügner sei. Ich würde nach der Lektüre noch die Schlussfolgerung ziehen, dass bisher einfach Glück und Zufall dazu geführt haben, dass Donald Trump die Weltordnung noch nicht in den Abgrund und den endgültigen Zerfall gelenkt hat.
Meiner Meinung nach ist es Bob Woodward großartig gelungen, sich von der Hysterie um die Präsidentschaft Trumps nicht beeinflussen zu lassen, er hat ein sachliches und hochinformatives Buch geschrieben, das dringend nötig war. Auch er beschreibt katastrophale Zustände im Weißen Haus rund um Präsident Trump, jedoch auf eine glaubwürdige und gründliche Art und Weise, die gerade dieses Buch lesenswert macht.

Bewertung vom 16.10.2018
Tanztee, 8 Audio-CDs
Groen, Hendrik

Tanztee, 8 Audio-CDs


ausgezeichnet

Hendrik Groen und sein „Alt-aber-nicht-tot“-Club (kurz Alanito) sind zurück. Auch in diesem Band geht es wieder um die Höhen und Tiefen ihres Lebens im Altenheim, den Kampf gegen eine Heimleitung, die Entscheidungen fern ab von der Lebensrealität der Bewohner trifft und die kleinen Freuden im Leben. Doch auch schwere Verluste sind zu beklagen, die gerade Hendrik schwer treffen und sein Leben entscheidend verändern. Doch trotz dieser traurigen Momente überwiegt der Lebenswille in allen Geschichten und Erlebnissen der Rentner-Bande aus den Niederlanden.
Das Hörbuch wird gelesen von Felix von Manteuffel, der Hendrik seine wunderbar raue Stimme gibt, um die Tagebuchberichte vorzulesen. Die Stimme ist für mich jetzt schon untrennbar mit Hendrik und seinem lustigen Alanito-Club verbunden, der das Heim immer wieder aufmischt. Auch die Bewohner, die sich eher gegen den Alanito-Club verschließen und wütend und bärbeißig durch den Alltag motzen sind wieder wunderbar beschrieben und machen das Buch ebenso unterhaltsam, wie die Club-Ausflüge und Alltagsgeschehnisse, gemeinsame Weihnachtsfeste und Geburtstagsfeiern. Alles ist äußerst kurzweilig beschrieben und man kommt immer gut in das Hörbuch wieder hinein, auch wenn man einmal eine längere Pause einlegen musste.
Mich hat das Hörbuch zu „Tanztee. Das neue geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 85 Jahre“ wieder großartig unterhalten, es ist toll gelesen und vereint lustige und nachdenkliche Geschichten des liebenswerten Heimbewohnern Hendrik. Von mir gibt es eine absolute Hörempfehlung und es bleibt die Hoffnung, dass Hendrik vielleicht auch noch aus seinem 86. Lebensjahr berichten wird.

Bewertung vom 12.10.2018
Sechs Koffer
Biller, Maxim

Sechs Koffer


gut

Maxim Billers autobiographisch geprägter Roman „Sechs Koffer“ beschreibt die versuchte Auflösung eines großen Familiengeheimnisses. Die Ermordung des „Taten“ (das jiddische Wort für Vater) durch die Sowjets und die Frage, wer ihn und seine Schwarzmarktgeschäfte verraten hat, sind das Herzstück des Romans um das die Geschichten der vier Söhne und ihren Familien kreisen. Aus sechs Perspektiven erzählt Biller die Familiengeschichte, den Weg von Prag nach Westdeutschland, die Suche nach dem Vertrauten, wo alles so fremd ist und eben auch die Suche des Erzählers nach der Auflösung der großen Frage, wer den Verrat begangen hat.
„Sechs Koffer“ hat es bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft und alles, was ich zuvor über den Roman gehört und gelesen hatte, hatte große Erwartungen geweckt. Diese wurde jedoch für mich leider nicht ganz erfüllt. Zwar ist die Geschichte durchaus interessant und die Perspektivwechsel sind spannend, der Erzähler bleibt als zentrale Figur bei allen Geschichten dabei und sortiert quasi für den Leser die Erinnerungen. Doch die Figuren selbst sind für mich einfach zu platt und klischeehaft geblieben, sie kamen mir vor wie Hüllen, denen nicht genug Inhalt gegeben wurde um die Geschichte voranzutreiben. Alles bleibt etwas schemenartig, ohne die nötige Tiefe zu entwickeln, die es meiner Meinung nach gebraucht hätte, um daraus ein Buch zu machen, dass mich begeistern kann. Auch sprachlich konnte mich der Roman nicht richtig überzeugen, es war mir alles etwas zu hölzern, um auszugleichen, was mir beim Personal fehlte.
Maxim Billers Roman „Sechs Koffer“ behandelt eine an sich spannende Geschichte, die durch Perspektivwechsel unterhaltsam und interessant bleibt. Mich konnte die Umsetzung aber nicht richtig überzeugen, da die Figuren mich als Leser einfach nicht erreicht haben und mir auch die Sprache zu steif hölzern war.

Bewertung vom 09.10.2018
Hier ist noch alles möglich
Molinari, Gianna

Hier ist noch alles möglich


sehr gut

Die Protagonistin des Romans arbeitet als Nachwächterin in einer Fabrik, die kurz vor der Schließung steht. Ein Wolf wurde vom Koch gesichtet, sie und ihr Kollege Clemens heben eine Grube aus um ihn zu fangen und bewachen nachts das Fabrikgelände, auf dem die Erzählerin auch lebt. Sie schließt eine leichte Freundschaft zu Clemens und dem Mitarbeiter Lose, der aber die Fabrik verlässt um am Flughafen zu arbeiten, schließlich geht es mit der Fabrik offensichtlich zu Ende. Doch auch der Wolf scheint sich nicht mehr blicken zu lassen und so warten sie weiter.
Es ist schwer, die Handlung des Romans „Hier ist noch alles möglich“ zusammenzufassen, denn es passiert wirklich nicht viel. Dennoch schafft es die Autorin Gianna Molinari durch ihre nüchterne und klare Sprache, einen mit dieser Geschichte zu faszinieren. Die Protagonistin bleibt seltsam farblos, obwohl wir die ganze Geschichte aus ihrer Perspektive wahrnehmen, erfahren wir wenig über ihre Intention und Gefühle. Auch über ihre Vergangenheit und Pläne wissen wir nichts, die Geschichte findet völlig im Moment statt. Dass man als Leser so wenig über sie erfährt, führt auch zu Zweifeln an der Wahrheit der wenigen Dinge, die wir über sie erfahren. Als ein Phantombild von einem Bankraub auftaucht, das ihr ähnlich sieht, ist es nicht nur ihr Kollege Clemens, der skeptisch wird. Auch mir als Leserin ging es so. Könnte sie es denn nicht gewesen sein? Was weiß ich schon über sie, ihren Charakter, ihre Absichten? Aus dieser Spannung speist sich der gesamte Roman, der einen in eine seltsame Zwischenwelt entführt, nichts scheint wirklich real, aber auch nicht phantastisch. Es bleibt wenig, woran man sich als Leserin oder Leser festhalten kann, kaum Handlung, ein unklarer Charakter, ein düsterer Ort. Dennoch beschreibt Mollinari alles so fesselnd und sprachlich virtuos, das man kaum aufhören kann zu lesen und sich gerne in ihre seltsames Szenario begibt.
Mir hat „Hier ist noch alles möglich“ trotz des etwas gewöhnungsbedürftigen Plots und des fast fadenscheinigen Personals sehr gut gefallen, alle ist wohl durchdacht und gut zusammengefügt, um einen als Leser faszinieren zu können. Es sehr gelungener Roman, der seinen Lesern durchaus etwas abverlangt, was ich sehr gut finde.

Bewertung vom 08.10.2018
Unter Verdacht / Die Schwestern von Mitford Manor Bd.1
Fellowes, Jessica

Unter Verdacht / Die Schwestern von Mitford Manor Bd.1


ausgezeichnet

Als die Krankenschwester Florence Nightingale Shore im Zug ermordet wird, sorgt das für Aufregung im Hause Mitford, denn die Tote ist eine gute Freundin der Zwillingsschwester von Nanny Blore und hat zudem während des ersten Weltkriegs die Mitfords darüber auf dem Laufenden gehalten, wie es dem Hausherren im Krieg ergeht, da sie beide in Ypern stationiert waren. Dadurch fühlt sich die Familie der Toten eng verbunden. Louisa, die gerade erst als Kindermädchen angefangen hat, lässt sich von Nancy, der Ältesten der Mitford-Schwestern, schnell mitreißen, ein wenig eigene Nachforschungen anzustellen. Dabei kommt ihr die Bekanntschaft zu einem der ermittelnden Polizisten natürlich sehr zu Gute. Und ehe sie sich versehen, sind die jungen Damen Mitten in einen Kriminalfall hereingeraten, der ihre Möglichkeiten weit übersteigt.
„Die Schwestern von Mitford Manor. Unter Verdacht“ soll der erste Band einer ganzen Reihe um diesen turbulenten Haushalt sein und wenn es weitergeht wie bisher, kann man nur hoffen, dass noch viele Romane folgen. Nicht umsonst erinnert das ganze Setting etwas an Downton Abbey, wurde der Roman doch von Jessica Fellowes, der Nichte von Downton Abbey Erfinder Julian Fellowes, geschrieben. Doch dieser Roman steht ganz eigenständig da und ist gleichzeitig wahres Popcorn-Kino in Buchform. Zwar ist es kein unglaublich spannender Krimi, wie man vielleicht vermuten würde, sondern stellt mehr die gesellschaftlichen Unterschiede und Probleme in den Mittelpunkt, doch darunter leidet das Buch keineswegs. Die Figuren sind großartig beschrieben und können mit ihrer Komplexität die Geschichte problemlos am Laufen halten. Besonders Louisa, die im Mittelpunkt des Ganzen steht und hofft, sich mit dieser Stelle endlicher aus ihrer ärmlichen Herkunft herausarbeiten zu können, ist sehr sympathisch und spricht einen als Leser sofort an.
Alles in allem ist „Die Schwestern von Mitford Manor. Unter Verdacht“ eine sehr runde Sache, ein toll recherchierter historischer Roman mit spannenden Figuren, den man gar nicht mehr aus Hand legen kann, wenn es einen erst einmal nach Mitford Manor verschlagen hat. Großartige Unterhaltung, die hoffentlich noch über viele Bände weitergeht.

Bewertung vom 08.10.2018
Das Glück der kleinen Augenblicke
Montasser, Thomas

Das Glück der kleinen Augenblicke


ausgezeichnet

Als die Lektorin Marietta Piccini vor einer Bibliothek in London ein herrenloses Manuskript findet, ist sie sofort fasziniert. Und als sie zu lesen beginnt, wird sie regelrecht begeistert, so gut gefällt ihr, was sie da in den Händen hält. Gemeinsam mit ihrem Verleger beschließt sie, das Buch zu verlegen, doch zunächst muss der Autor gefunden werden, denn auf dem Manuskript lassen sich keine Hinweise finden. Sie beginnt also ihre Suche nach dem großen Unbekannten, während sie immer wieder in dem Manuskript schmökert und sich vorstellt, wie „ihr“ Autor wohl sein könnte.
Ich war schon von Thomas Montassers kleinen Band „Der Sommer der Pinguine“ unglaublich begeistert und habe mich darauf gefreut, einen Roman von ihm zu lesen. „Das Glück der kleinen Augenblicke“ hat mich dann auch wirklich nicht enttäuscht, der Autor hat einen wunderbaren Blick für Figuren und kleine Momente und Emotionen, die die Geschichte tragen und liebenswert machen. In diesem Fall kommt noch hinzu, dass er eigentlich einen Roman im Roman schreibt, denn die Leserinnen und Leser dürfen gemeinsam mit der Lektorin immer wieder in Manuskript schmökern und verlieben sich so gemeinsam mit ihr in den Text. Die Hauptfigur ist eine sehr zurückhaltende und korrekte Person und der Fund bringt ihr sonst so geregeltes Leben gewaltig durcheinander. Ihre Verunsicherung wandelt sich aber langsam zu Stärke und Durchsetzungskraft, sie lässt ihr Ziel nie aus den Augen, obwohl sie immer eine liebenswerte Träumerin bleibt. Sprachlich verzaubert Montasser mit einer fließenden poetischen Sprache, die einem direkt ins Herz geht und einen mitnimmt in diese Geschichte über Phantasie, die Liebe zur Literatur und einer grenzenlosen Hoffnung auf das Gute in der Welt.
„Das Glück der kleinen Augenblicke“ ist genau das, was der Titel schon sagt, ein glücklicher Augenblick, in dem man sich mit dem Buch zurücklehnt und sich einfach mitnehmen lässt in die Welt der zauberhaften Marietta Piccini mit ihrer unerschöpflichen Liebe zur Büchern und ihrem festen Glauben, dass sie den Autor finden wird, um das wunderbare Manuskript zu veröffentlichen. Eine traumhafte Reise, die so beim Lesen unglaublich viel Freude bereitet.

Bewertung vom 05.10.2018
Ein Winter in Paris
Blondel, Jean- Philippe

Ein Winter in Paris


ausgezeichnet

Victor verlässt seinen kleinen Heimatort in den 80er Jahren um nach Paris zu gehen und sich dort auf die Prüfungen für den Staatsdienst vorzubereiten. Als erster in seiner Familie bricht er aus dem provinziellen Leben aus. Seine Familie versteht nicht, was er in Paris macht und in Paris findet er keinen Kontakt zu seinen Mitschülern, die für ihn alle aus einer anderen Welt zu stammen scheinen. Lediglich mit Matthieu redet er gelegentlich bei einer Zigarette in der Pause, auch er kommt vom Land und findet schwer Kontakt. Doch Mattieu nimmt sich plötzlich in der Schule das Leben, Victor bleibt zurück. Und als einziger „Freund“ des Opfers wird er plötzlich interessant, findet Kontakte und baut auch ein enges Verhältnis zu Matthieus verzweifeltem Vater auf. Dieser Winter in Paris soll Victors Leben für lange Zeit prägen.
Jean-Philippe Blondels Romane zeichnen sich aus durch einen feinen Blick auf die Menschen, ihre Probleme und Verhaltensweisen. So auch in diesem Roman, in dem der Autor Victor in den Mittelpunkt stellt und alle Figuren und Geschehnisse wie ein Karussell um ihn herumdrapiert, dass sich um ihn dreht und schwindelig werden lässt. Fast scheint es, als wäre Victor glücklicher gewesen, bevor er all die Menschen traf, die Zeit mit ihm verbringen wollten, er ist verstört und verwirrt von dem Vorteil, der ihm durch Matthieus Tod entstanden ist, kann aber auch nicht loslassen und in seine Einsamkeit zurückkehren. Blondel beschreibt dies in einer fließenden und poetischen Sprache, die einen mitnimmt auf die Reise von Victor und von der wir Leser im Rückblick erfahren. Die Figur des Victor ist sehr bewegend beschrieben und seine Unsicherheit und jugendliche Verwirrung lassen einen nicht unberührt zurück.
„Ein Winter in Paris“ von Jean-Philippe Blondel ist ein wunderbarer Roman, der sehr sensibel und feinsinnig von Victors Gedanken und Gefühlen berichtet und so beim Lesen einen Sog entwickelt, der einen gefangen nimmt und auch mit der letzten Seite nicht loslässt. Es ist ein Buch das nachdenklich macht und nachwirkt, weil es einen wirklich berührt hat.

Bewertung vom 04.10.2018
Neujahr
Zeh, Juli

Neujahr


ausgezeichnet

Henning und Theresa verbringen die Weihnachtsfeiertage und Silvester mit den Kindern Jonas und Bibi auf Lanzarote. Einfach ausspannen, sich nicht zwischen Job und Familie zerreißen müssen, zwischen „Work-Life-Balance“, modernen Familienkonzepten mit arbeitenden Eltern und dennoch rundum versorgten glücklichen Kindern. Ein Leben, das Henning zunehmend einengt und bedrückt. Während er sich an Neujahr mit dem Fahrrad einen Berg hochkämpft, geht ihm all das durch den Kopf, er arbeitet sich durch sein Leben, bis er in der eigenen Kindheit ankommt und erkennt, dass seine Ängste vielleicht gar nicht aus der Gegenwart kommen. Denn er war schon einmal auf Lanzarote und was damals passierte, hat er bis zum heutigen Tag verdrängt. Bis ihn jetzt alles wieder einholt.
Juli Zeh versteht es meisterhaft, kleinste Situationen zu analysieren und dem Leser quasi auf dem Silbertablett zu präsentieren, in diesem Fall den Mikrokosmos Familie, der zu zerbersten droht an den eigenen Ansprüchen und den gesellschaftlichen Erwartungen. Aber auch am Kindheitstrauma des Familienvaters, das lange verdrängt und unterdrückt immer irgendwo in ihm und seinem Verhalten schlummerte. Man muss Henning nicht mögen, um ihn verstehen zu können, um seinen Gedanken folgen zu können. Er ist nicht wirklich sympathisch, wie Juli Zeh ihn beschreibt, aber er trägt die Geschichte, reißt einen mit und seine Gedanken faszinieren einen von Anfang bis Ende. Das Tempo der Geschichte nimmt zu, je langsamer Henning den Berg herauffährt, die Steigung wird fast unmöglich zu bewältigen und sein Familienleben erscheint ihm genauso beängstigend wie der Berg. Erst oben löst sich für ihn alles auf, die körperliche Belastung ebenso wie die psychische, indem sich seine Erinnerung Stück für Stück in den Vordergrund drängt. Jetzt bekommt er die Chance, das eigene Familienglück neu zu leben und doch noch das glückliche Familienleben zu führen, das eine dunkle Stimme in seinem Inneren ihm zu verwehren schien.
Es ist ein schmales Buch, das Juli Zeh mit „Neujahr“ geschaffen hat, verglichen mit ihrem großartigen Roman „Unterleuten“ wirkt es wie ein dünnes Wochenblatt. Doch auf diese wenigen Seiten packt die Autorin genauso viel Emotion, Handlung und psychologische Beobachtung, wie auf all die Seiten in „Unterleuten“. Ihr neuester Roman „Neujahr“ ist ein äußerst gelungenes Stück Gegenwartsliteratur, ein Buch, das einen packt und nicht loslässt. Wieder einmal ist Juli Zeh ein wirklich großartiger Roman gelungen.

Bewertung vom 01.10.2018
Drei Sekunden / Piet Hoffmann Bd.1
Roslund, Anders; Hellström, Börge

Drei Sekunden / Piet Hoffmann Bd.1


sehr gut

Piet Hoffmann ist Kontaktmann für die schwedische Polizei und infiltriert die polnische Drogenmafia. Die Aushebung des Drogenhandels in einer bekannten Haftanstalt soll sein Paradestück werden, danach kann er mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen neu anfangen. Doch als er in der Haftanstalt ist, läuft nichts wie geplant und 3 Sekunden werden über sein Leben entscheiden.
Piet Hoffmann ist ein sehr schwieriger Charakter, ob ich ihn mag oder nicht, konnte ich bis zur letzten Seite des Romans nicht sagen. Er ist einerseits eiskalt und kalkulierend, andererseits ist er ein liebender Familienvater. Doch was er seiner Familie mit seinem letzten Einsatz antut, ist vielleicht auch für sie etwas zu viel. „3 Sekunden“ von Anders Roslund und Börge Hellström braucht etwas Zeit, um richtig in Fahrt zu kommen, aber dann ist dem Autorenduo ein äußerst spannender Krimi mit charaktervollen Figuren gelungen. Egal ob die ermittelnden Kommissare, der Staatsanwalt oder Piet Hoffmann selbst, alle sind sehr detailliert beschrieben. Die Autoren lassen sich nicht auf eine vereinfachte Gut-gegen-Böse-Geschichte ein, sondern schreiben sehr differenziert. Die Welt lässt sich nicht einteilen in schwarz und weiß und das Buch dieses Buch so spannend.
Anders Roslund und Börge Hellström haben einen spannenden und stellenweise etwas kantigen Krimi geschrieben, der bis zur letzten Seite überraschend bleibt und den Leser so mitnimmt. Jetzt bleibt man gespannt zurück, wie es mit Piet Hoffman weitergeht im nächsten Band, der ihm immerhin „3 Minuten“ zugesteht.

Bewertung vom 28.09.2018
Goldregenrausch
Schreiber, Claudia

Goldregenrausch


ausgezeichnet

Marie wird als jüngstes Kind und einziges Mädchen in eine Bauernfamilie in Südniedersachsen geboren. Liebe erfährt sie von ihrer Familie wenig, interessant wird sie für die Eltern erst, wenn sie alt genug ist, um auf dem Hof zu helfen. Und so soll sich ihre Tante Greta, mit der die Familie sich eigentlich zerstritten hat, um die Nichte kümmern. Nach einem holprigen Start finden die beiden zueinander, entdecken ihre gemeinsame Liebe zur Natur und einen gemeinsamen Gegner, nämlich Maries Vater, der wenig Verständnis für seine Mitmenschen hat. Doch Dank Greta findet Marie am Ende auch so etwas wie Familienglück, wenn auch nur ein kleines bisschen.
„Goldregenrausch“ beschreibt auf sehr klare Weise die Kälte, die dem Kind entgegenschlägt genauso wie die kleinen Annäherungen zwischen Marie und ihrer Tante. Neben einer wirklich interessanten Story ist es hauptsächlich die Sprache von Claudia Schreiber, die mich in ihrer Klarheit und Nüchternheit fasziniert hat. Die Geschichte um Marie zieht einen schnell in seinen Bann und so unverständlich das Verhalten ihrer Familie für mich als Leser auch war, so realistisch beschreibt die Autorin es doch auch. Wenn die Bewirtschaftung des Hofes immer auch das nackte Überleben bedeutet, bleibt wenig Zeit für Sentimentalität und der Bauer und seine Frau sind derart abgestumpft gegenüber jeder Emotion, dass sie überhaupt nicht mehr merken, was sie ihrem Kind antun. Gewalt bedeutet nicht nur, jemanden zu schlagen, es kann auch Gewalt sein, wenn ein Kind völlig Missachtung durch die ganze Familie erfährt. Tante Greta ist die einzige Chance für Marie, ein Vorbild für Emotionen, aber auch für Sprache zu haben und so zu lernen und sich zu entwickeln.
Claudia Schreiber hat mit „Goldregenrausch“ einen faszinierenden und berührenden Roman geschrieben über das existentielle Bedürfnis nach Liebe und Beachtung eines Menschen und was es in ihm auslösen kann, wenn dies von frühester Kindheit an versagt bleibt. Doch es ist auch eine Geschichte über die Liebe zur Natur, die Kraft des Natürlichen und der Liebe zwischen zwei Menschen, deren enge Bindung eigentlich nicht vorgesehen war. Einfach ein bewegendes und großartiges Buch!