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Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich, Lila und Elena, schon als junge Mädchen beste Freundinnen. Und sie werden es ihr ganzes Leben lang bleiben, über sechs Jahrzehnte hinweg, bis die eine spurlos verschwindet und die andere auf alles Gemeinsame zurückblickt, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen.
Im Neapel der fünfziger Jahre wachsen sie auf, in einem armen, überbordenden, volkstümlichen Viertel, derbes Fluchen auf den Straßen, Familien, die sich seit Generationen befehden, das Silvesterfeuerwerk artet in eine Schießerei aus. Hier gehen sie in
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Produktbeschreibung
Sie könnten unterschiedlicher kaum sein und sind doch unzertrennlich, Lila und Elena, schon als junge Mädchen beste Freundinnen. Und sie werden es ihr ganzes Leben lang bleiben, über sechs Jahrzehnte hinweg, bis die eine spurlos verschwindet und die andere auf alles Gemeinsame zurückblickt, um hinter das Rätsel dieses Verschwindens zu kommen.

Im Neapel der fünfziger Jahre wachsen sie auf, in einem armen, überbordenden, volkstümlichen Viertel, derbes Fluchen auf den Straßen, Familien, die sich seit Generationen befehden, das Silvesterfeuerwerk artet in eine Schießerei aus. Hier gehen sie in die Schule, die unangepasste, draufgängerische Schustertochter Lila und die schüchterne, beflissene Elena, Tochter eines Pförtners, beide darum wetteifernd, besser zu sein als die andere. Bis Lilas Vater seine noch junge Tochter zwingt, dauerhaft in der Schusterei mitzuarbeiten, und Elena mit dem bohrenden Verdacht zurückbleibt, eine Gelegenheit zu nutzen, die eigentlich ihrer Freundin zugestanden hätte.

Ihre Wege trennen sich, die eine geht fort und studiert und wird Schriftstellerin, die andere wird Neapel nie verlassen, und trotzdem bleiben Elena und Lila sich nahe, sie begleiten einander durch erste Liebesaffären, Ehen, die Erfahrung von Mutterschaft, durch Jahre der Arbeit und Episoden politischer Bewusstwerdung, zwei eigensinnige, unnachgiebige Frauen, die sich nicht zuletzt gegen die Zumutungen einer brutalen, von Männern beherrschten Welt behaupten müssen.

Sie bleiben einander nahe, aber es ist stets eine zwiespältige Nähe: aus Befremden und Zuneigung, aus Rivalität und Innigkeit, aus Missgunst und etwas, das größer und stiller ist als Lieben. Liegt hier das Geheimnis von Lilas Verschwinden?

Elena Ferrante hat ein literarisches Meisterwerk von unermesslicher Strahlkraft geschrieben, ein von hinreißenden Figuren bevölkertes Sittengemälde und ein zupackend aufrichtiges Epos - über die rettende und zerstörerische, die weltverändernde Kraft einer Freundschaft, die ein ganzes langes Leben währt.
  • Produktdetails
  • Neapolitanische Saga Bd.1
  • Verlag: Suhrkamp
  • 10. Aufl.
  • Seitenzahl: 422
  • 2016
  • Ausstattung/Bilder: 422 S. 215 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 136mm x 32mm
  • Gewicht: 548g
  • ISBN-13: 9783518425534
  • ISBN-10: 3518425536
  • Best.Nr.: 44995976
Autorenporträt
Elena Ferrante ist eine äußerst erfolgreiche und zugleich geheimnisvolle Autorin. Von ihren ersten beiden Romanen wurden in Italien jeweils mehr als 100 000 Exemplare verkauft, aber zu Gesicht bekommen hat Elena Ferrante noch niemand. Mal heißt es, sie scheue die Öffentlichkeit und habe sich auf eine griechische Insel zurückgezogen. Mal wird spekuliert, dass der Name ein Pseudonym sei.
Rezensionen
Besprechung von 09.09.2016
Der Padrone, die Pasta und der Periodenbau
Wer Elena Ferrante ist, weiß keiner. Wie sie schreibt, zeigt das Original ihres Romans „Meine geniale Freundin“. Was wird daraus im Deutschen und Englischen?
Am 25. Juni 1974 erschien im Turiner Einaudi Verlag ein dicker Roman, „La Storia“ von Elsa Morante. Ein Kriegsepos, an das breite Publikum gerichtet, die Geschichte einer Lehrerin, die zwischen 1941 und 1947 Opfer der Zeitumstände wird. Es geht um die kleinen Leute, die Struktur des Buches ist übersichtlich, die Sprache zugänglich. Der Autorin schwebte eine „Ilias unserer Zeit“ vor, sie hatte dafür gesorgt, dass die knapp siebenhundert eng bedruckten Seiten ausschließlich als erschwingliches Taschenbuch herauskamen. Die Rechnung ging auf. 550 000 Exemplare wurden in den ersten zehn Monaten nach Erscheinen verkauft. Der große Literaturwissenschaftler Carlo Bo eröffnete seine begeisterte Rezension mit den Worten: „Hier haben wir ein Buch, das bleiben und ein bestimmtes Gewicht erlangen wird, vor allem für seine Leser. Es werden viele sein, und es werden nicht die ausgewählten, erfahrenen Leser sein, sondern einfache Leser“.
  Zugleich entbrannte eine heftige Debatte. Auf Lobeshymnen folgten ätzende Verrisse, man warf Morante mangelndes historisches Bewusstsein vor und bezeichnete sie als tändelnde Enkelin des Kinderbuchklassikers De Amicis. Während die Avantgarde sich auf Formexperimente kaprizierte, klagte Elsa Morante die Erzählbarkeit der Welt ein. Leser dürfe man zum Lachen bringen oder man müsse ihnen Angst machen, befand Italo Calvino, sie weinen zu lassen, wie Elsa Morante das täte, sei verboten. Ebenso scharf ging Pier Paolo Pasolini mit der ehemaligen Freundin ins Gericht: Auf zwölf Seiten lieferte er in der Tageszeitung Il Tempo eine geschliffene philologische Analyse. Zwar attestierte er einzelnen Figuren eine gewisse poetische Intensität, aber er bemängelte die entwaffnend elementare Sprache des Romans, den Märchenton und die Neigung zum pseudonaturalistischen Nachäffen.
  Der Italien-Zyklus der mysteriösen Elena Ferrante, dessen erster Band „Meine geniale Freundin“ gerade mit großem Echo auch in Deutschland erschienen ist, knüpft bei aller Verschiedenheit der Sujets an Elsa Morantes farbenprächtigen Realismus an. Verblüffend ähnlich verlaufen die Argumentationslinien der Rezeption. Auch die anonyme Italienerin richtet sich dezidiert an die große Leserschaft. Und wieder wird die literarische Qualität des Romans bezweifelt. Doch folgt die Schlichtheit ihrer Ausdrucksweise einem Prinzip. Sie lässt sich als ein Versuch deuten, den enormen Abstand zwischen der Literatursprache und der Alltagssprache, der die italienische Tradition von Beginn an kennzeichnet, zu überwinden. Was wird aus diesem Versuch in anderen Sprachen, in der englischen Übersetzung, in der nun vorliegenden deutschen?
  Im ersten Band, den Karin Krieger souverän und einfallsreich übersetzt hat, pendelt die Perspektive zwischen den Erinnerungen der alten Frau und der Weltsicht des kleinen Mädchens. Auf lineare Schilderungen folgen dichtere, bildhafte Momente. Das eher Lapidare verliert sich, und wenn das Kind hervortritt, läuft auch Krieger zu Hochform auf: „Wir trauten dem Licht auf den Steinen nicht und auch nicht dem auf den Häusern, auf dem Umland und auf den Menschen draußen und in den Wohnungen. Wir ahnten die dunklen Winkel, die unterdrückten Gefühle, die immer kurz vor dem Ausbruch standen. Und diesen schwarzen Löchern, diesen Abgründen, die sich dahinter unter den Wohnblocks unseres Viertels auftaten, schrieben wir alles zu, was uns am helllichten Tag erschreckte. “
  Ferrante verwendet das klassische italienische Erzähltempus, das passato remoto. Das markante Relief der Zeitformen, typisch für die romanischen Sprachen, geht im Deutschen zwangsläufig verloren. Das Changieren zwischen standardsprachlichen Ausdrucksweisen und kolloquialen Redewendungen aber vermittelt Krieger sehr gut. Wenn es zu den Figuren passt, verstärkt sie das Umgangssprachliche („Flitzer“ für vettura, „Luxusschlitten“ für macchina da gran signori). Nur wenn in zwei Schulszenen problemi als „Probleme“ übersetzt werden, obwohl es der Fachterminus für „Rechenaufgaben“ ist, sollte man das bei einer Neuauflage tilgen.
  Vor allem die glänzend eingesetzte wörtliche Rede verleiht den knappen Kapiteln des Romans Spannkraft, was Krieger perfekt nachbildet. Vielleicht, um die Eigenart des Schauplatzes zu vermitteln, sind auch im Deutschen etliche italienische Wörter stehen geblieben. Oft kann man das nachvollziehen, wie „Rione“ für das nahezu mythische Stadtviertel oder „Salumeria“ für das Geschäft mit Wurstwaren. Doch kann die schlichte Fülle des Italienischen leicht ins Folkloristische umschlagen, wenn die Hauptstraße des Viertels immer nur Stradone heißt, der Chef ein Padrone ist, man in die Pasticceria geht und ständig die Madonna angerufen wird. Unfreiwillige Komik entfaltet die Szene, in der die Heldin Lenù und ihr Freund in der Bar „eine Pasta“ kaufen. Dem deutschen Leser dürfte da ein Teller Nudeln vor Augen stehen, gemeint ist aber ein Stück Gebäck. Aber die Deutschen lieben nun einmal italienische Authentizitätssignale.
  Dass Elena Ferrante längst ein internationales Medienphänomen ist, geht vor allem auf ihren Erfolg in den USA zurück. Der Effekt der englischen Übersetzung, von der hochverdienten Anne Goldstein bewerkstelligt, ist in der Tat verblüffend. Sie wirkt griffiger, schneller, knapper als die deutsche und das Original. „Sie hatte sich in der Küche neben ihn gesetzt, wenn er Hausaufgaben machte und hatte mehr gelernt, als zu lernen ihm vergönnt gewesen war“ übersetzt Karin Krieger etwas betulich, was bei Ferrante so klingt: „Gli si metteva seduta accanto in cucina mentre faceva i compiti, e apprendeva più di quanto riuscisse ad apprendere lui.”
  Anne Goldsteins Syntax ist näher an Ferrante, zugleich entschlackt sie den Satz: „She would sit next to him in the kitchen while he was doing his homework, and she learned more than he did.“ Manchmal verkürzt sie Perioden sogar. Das Ergebnis ist eine stärkere Unmittelbarkeit. „,Perché hai pagato tu’ quasi gli gridai in dialetto, arrabbiata. ,Perché io e te siamo più belli e più signori,’ lui rispose“, so schildert Ferrante einen Streit zwischen Lenù und ihrem Freund. Daraus wird im Deutschen: „,Warum hast du die Rechnung bezahlt’, herrschte ich ihn wütend im Dialekt an. ,Damit du und ich besser aussehen und edler sind’.“ Goldsteins Lösung ist präziser und schmissiger: „,Why did you pay?’ I almost yelled at him, in dialect, angrily. ,Because you and I are better-looking and more refined’, he answered.”
  In welcher Sprache man den Zyklus auch liest, bestechend an Ferrante ist die Dramaturgie ihres weit ausschweifenden Erzählens, ihr rasanter Rhythmus, das Personal mit seinen ambivalenten Heldinnen und den scharf gezeichneten Nebenfiguren, das sie über 1 700 Seiten durch die italienische Zeitgeschichte dirigiert. Immer wieder explodiert die Gewalt, immer wieder werden die Bedingungen der Illegalität erzählerisch entfaltet. Der Band „Meine geniale Freundin“ ist aber vor allem ein großes Frauenbuch – es geht um Begehren, Ekel, Sehnsucht, Kränkungen und Rivalitäten in seinen privatesten Facetten. Wie kann ein weiblicher Lebensentwurf in einer patriarchalen Gesellschaft aussehen?
  Die questione della lingua, die Frage nach der Sprache, wird oft von männlichen Lesern aufgeworfen wird, so von Calvino und Pasolini im Blick auf Elsa Morante. Die Frage ist in Italien so alt wie die Literatur selbst. Oft wird, wenn sich ein Autor zu sehr dem gesprochenen Idiom annähert, Verrat an der literarischen Tradition gewittert. Ja, Elena Ferrante ist sinnlich, gelegentlich wohl auch zu eindimensional, aber dafür betörend süffig. James Salters hochgestimmtes Pathos, zu dem er bei militärischen Angriffen oder Sex aufläuft, wird gern gefeiert, auch Philip Roth verzeiht man das ewige Kreisen um das männliche Genital. Bei Frauen darf das Interesse an sich selbst offenkundig nicht so offenkundig sein. Dabei gelingt Elena Ferrante vor allem eben dies: Ein weiblicher Blick auf die Welt.
MAIKE ALBATH
Ferrante schreibt volkstümlich,
verwendet aber das klassische
italienische Erzähltempus
Der Effekt der englischen
Übersetzung ist verblüffend, sie ist
knapper, griffiger als das Original
Eines gelingt Elena Ferrante, wer
auch immer sie sei, ohne Zweifel:
ein weiblicher Blick auf die Welt
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 425 S., 22 Euro. E-Book 18,99 Euro. In der Mitte eine amerikanische Ausgabe, rechts das italienische Original.
FotoS: Suhrkamp, oh
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Thomas Steinfeld nimmt den Wirbel, der überall auf der Welt um die unter dem Pseudonym schreibende Elena Ferrante gemacht wird, zum Anlass, schon vor der deutschen Veröffentlichung des ersten Teils ihrer "Neapolitanischen Suite" zu besprechen. Ganz so aufregend wie die Frage nach der Identität der Autorin erscheint ihm die Geschichte um eine rivalisierende Freundschaft zwischen zwei ungleichen Frauen, die jeweils ihrem Milieu entkommen wollen, allerdings nicht: Zwar lobt er die Unaufdringlichkeit und Nüchternheit von Ferrantes Erzählung, doch sieht er in dem Roman eigentlich ein nostalgisches Projekt: Die Wiederbelebung des großes realistischen Romans unter weiblichen Vorzeichen. Steinfeld sieht hier Anklänge an die "großräumigen Rauschbücher" des 19. Jahrhunderts, aber auch an Karl Ove Knausgards sechsbändige Mammutwerk "Mein Kampf" mit ihrer Faszination des Alltäglichen. Was der Rezensent allerdings nicht positivi meint, wie er am Ende gnadenlos urteilt: Gerade die leichte Zugänglichkeit des Romans, seine geschickte Konstruktion und clevere globale Vermarktung machen es für ihn zu einem Werk der Trivialliteratur.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 25.08.2016
Im Rione herrscht das Gesetz der Straße

Niemand weiß, wer Elena Ferrante ist. Jetzt erscheinen ihre Bücher auf Deutsch: "Meine geniale Freundin" ist der Auftakt einer großen neapolitanischen Saga, die sich von den Fünfzigern bis in die Gegenwart zieht.

So ausufernd ist über die Frage nach der Autorschaft von Elena Ferrante gerätselt und spekuliert worden, dass die Bücher der unbekannten, angeblich in Neapel geborenen Autorin über das Literaturbetriebsquiz beinahe aus dem Blick gerieten. Ob sich hinter dem Pseudonym nun ein Mann verbirgt, ein Autorenkollektiv oder doch die Historikerin Marcella Marmo, wie ein findiger Literaturwissenschaftler herausgefunden haben will, wird aber spätestens dann nebensächlich, wenn man die Bücher zur Hand nimmt. Denn ob es sich nun um eine geniale Marketingstrategie handelt oder doch um eine die Öffentlichkeit partout meidende Person, am Ende - it's the book, stupid - dreht sich alles um die Literatur.

Bislang konnten deutsche Leser den Ausschlag des Ferrante-Fiebers an sich selbst nur messen, wenn sie Italienisch beherrschten oder sich mit einer der zahlreichen Übersetzungen in andere Sprachen begnügten. Nun liegt der erste Teil der neapolitanischen Tetralogie endlich auch auf Deutsch vor. "Meine geniale Freundin" ist der Auftakt eines großangelegten Panoramas der italienischen Gesellschaft, das seinen Anfang im Neapel der fünfziger Jahren nimmt und sich in den folgenden drei Teilen, die der Suhrkamp Verlag halbjährlich nachlegen will, bis in die Gegenwart hineinschreibt.

Der Verlag tut gut daran, rasch Stoff nachzuliefern, denn die Erzählung bezieht ihre Spannung aus einem dramaturgischen Kniff, dessen sich dieser Tage vor allem amerikanische Fernsehserien bedienen: Elena Ferrante erzählt horizontal. Was wohl einer der Gründe dafür ist, warum es gerade amerikanische Kritiker waren, die dem Werk der in Italien seit Jahren zwar erfolgreichen, aber keineswegs international reüssierenden Autorin nach der Übersetzung ins Englische zum Welterfolg verhalfen.

Hieß es vor Jahren, als Sender wie HBO in Reihen wie "The Wire" das Erzählformat durchsetzten, die epische Serie sei die Fortsetzung des Romans des neunzehnten Jahrhunderts mit neuen Mitteln, könnte man im Fall Ferrantes sagen: Hier schreibt eine mit den Mitteln der Fernsehserie. Dabei bedeutet horizontales Erzählen ja nichts anderes, als dass es einen Erzählbogen gibt, der über die jeweilige Folge hinausgeht, in dessen Verlauf eine ganze Welt in den Blick genommen wird. In der Literatur sorgt damit auch der norwegische Autor Karl Ove Knausgård mit seinem auf sechs Bände angelegten autobiographischen Projekt für Aufsehen. Natürlich ist heute serielles Erzählen gar nichts anderes als zu jenen Zeiten, als beispielsweise Tageszeitungen Romane von Balzac, Zola oder Dickens in Fortsetzung druckten. Balzac überschrieb die Horizontalität seines Zyklus gleich als "Comédie humaine". Auch Arthur Conan Doyles Geschichten um den Privatdetektiv Sherlock Holmes wurden als Episoden abgedruckt und eignen sich zum Medientransfer, weil sie eine längere Zeit erfassen. Da ist es nur konsequent, dass auch Ferrantes Neapel-Epos derzeit zur Fernsehserie umgearbeitet wird.

Das erste Buch stellt die beiden Frauenfiguren vor, die im Zentrum der gesamten Tetralogie stehen: die Pförtnerstochter und Ich-Erzählerin Elena Greco, die im Viertel Lennucia oder Lenù genannt wird, und ihre beste Freundin Raffaella Cerullo, die alle Lina rufen, nur ihre Freundin sagt zu ihr Lila. Der Namensspielerei, so viel steht fest, kann die Autorin auch in der Literatur nicht widerstehen. Elena, das Alter Ego der Autorenfiktion, ist zu Beginn eine Frau von 66 Jahren. Sie erhält von Lilas Sohn einen Anruf aus Neapel, in dem er berichtet, dass seine Mutter verschwunden sei. Anders als Lila, die ihre Heimatstadt nie verließ, konnte Elena aus der Gedrängtheit und Armut ihres Viertels aus eigener Kraft entkommen. Sie studierte an einer Eliteuniversität in Pisa, wurde eine respektable Schriftstellerin und lebt heute im wohlhabenden Norden Italiens, in Turin. Ihre Kindheitsfreundin dagegen musste, obwohl die Begabtere der beiden, die Schule abbrechen und sich in der Schusterwerkstatt des Vaters verdingen.

Mit Neapel hat Elena abgeschlossen: "Ich sehne mich nicht nach unserer Kindheit zurück, sie war voller Gewalt." Doch meint sie zu wissen, was passiert ist. Ihre Freundin hat das in die Tat umgesetzt, wovon sie seit Jahrzehnten träumte: spurlos zu verschwinden. Weder durch Selbstmord noch durch Flucht. "Sie wollte sich in Luft auflösen, wollte, dass sich jede ihrer Zellen verflüchtigte, nichts von ihr sollte mehr zu finden sein."

Als Elena erfährt, dass Lila auch ihr gesamtes Haus leergeräumt hat, ohne ein persönliches Stück zu hinterlassen, keimt die alte Rivalität wieder auf. Die Mädchen waren seit Kindertagen engste Freundinnen, verbunden aber auch durch Konkurrenz. Weil Lila aus Elenas Sicht nun auch diese Sache maßlos übertreibt, setzt sich die Schriftstellerin schließlich doch an den Computer, um ihre Geschichte aufschreiben. Sie will sehen, wer dieses Mal das letzte Wort behält.

Die folgenden vierhundert Seiten leben von der Kunstfertigkeit der Autorin, den Rione, das Viertel, in dem die Mädchen aufgewachsen sind, sinnlich erfahrbar zu machen. Nicht nur seine Bewohner - die Familien der verrückten Witwe, des dichtenden Eisenbahners oder des bösen Unholds Don Achille - werden in diesem breitwandigen Epos detailliert porträtiert. Es ist die alte Stadt selbst mit ihrem violetten Licht der Höfe, den Ausdünstungen der Fetiendi, den schmutzigen Häusern, dreckigen Straßen und dem Geruch der Armut auf den Treppenabsätzen, die zur wahren Protagonistin des Romans wird.

In diesem randständigen Teil der Welt kann man zu dieser Zeit noch an Krupp sterben, an einer vereiterten Wunde, vor allem aber durch eine Kugel. Denn in den Straßen des Rione herrscht das Gesetz der Camorra, und wer die Gesetze der Familienclans missachtet, wird gnadenlos bestraft. In dieser archaischen, von Männern dominierten Welt wird die Schule für Elena und Lila zum Ort des Aufatmens, an dem allein sie sich sicher fühlen. Weil aber für die höhere Schule den meisten Familien das Geld fehlt, müssen anders als Elena, die sich trotzdem zuhause durchsetzen konnte, viele Kinder die Schule vorzeitig verlassen. Dass auch die begabte Lila, statt mit Elena Griechisch zu büffeln, in der Schusterwerkstatt Sohlen nageln und sich vom Bruder demütigen lassen muss, wirkt auf Elena traumatisch. Denn Lila besitzt die Gabe, die Realität gleichsam zu verstärken und mit Spannung aufzuladen. Das, was Elena alleine tut, kann sie nicht begeistern, nur was Lila antippt, ist wichtig. Wenn Lila sich entfernte, "wurden die Dinge fleckig, staubig".

Elena ist in dieser Konstellation die ewige Zweite, die aber zur heimlichen Doppelgängerin werden muss, um das Leben zu führen, das der Freundin verwehrt bleibt. Zwar versucht auch Lila, sich auf anderen Wegen zu behaupten, indem sie dem Vater vorschlägt, statt Schuhe zu reparieren, selbst welche herzustellen. Doch spätestens als sie die Flucht in die Ehe antritt, mit gerade vierzehn Jahren, begeht sie den biographischen Fehler, von dem sie sich kaum mehr erholen wird.

Bildstark schildert Ferrante die ausufernde Hochzeit, Höhepunkt des Jahres im Rione und zugleich Schlusspunkt der Kindheit und Jugend ihrer Heldinnen, die metaphorisch das Pendant zu einer Puppenszene am Anfang des Textes darstellt. Gekonnt lässt Ferrante da alle Fäden der Handlung zusammenlaufen, Frauen und Männer, Mütter und Kinder, Schuhe und Camorra werden miteinander zu einem spannungsgeladenen Cliffhanger verknüpft. Es ist deshalb müßig, "Meine geniale Freundin" mit Ikonen der Weltliteratur zu vergleichen. Damit belastet man das Werk mit einer überflüssigen literaturhistorischen Hypothek. Elena Ferrante beherrscht eine elegante, schwerelose Sprache, dramaturgisch hat sie ihren Stoff jederzeit im Griff. Das ist sehr gut gemacht, bisweilen grandios - genau wie die Übersetzung durch Karin Krieger. Man möchte wissen, wie es weitergeht. Wie aus dieser symbiotischen Beziehung ein Zugriff auf die ganze Welt wird.

SANDRA KEGEL

Elena Ferrante:

"Meine geniale Freundin". Roman.

Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 425 S., geb., 22,- [Euro].

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"So etwas haben Sie noch nie gelesen." (The Guardian)

"Ein grandioses Zeitpanorama!" (Franz Haas, Neue Zürcher Zeitung Online 01.04.2016)
»Ein grandioses Zeitpanorama!« Franz Haas, Neue Zürcher Zeitung Online 01.04.2016