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urmeli

Bewertungen

Insgesamt 465 Bewertungen
Bewertung vom 29.03.2024
Der Lärm des Lebens
Hartmann, Jörg

Der Lärm des Lebens


sehr gut

Jörg Hartmann ist ein bekannter Schauspieler, im Dortmunder Tatort ist er als Faber zu sehen. Nun hat er einen größtenteils biografischen Roman veröffentlich in dem er uns von seinen Anfänger als Schauspielschüler und von seinen ersten Engagement berichtet, von seinen Reisen, seinen Ängsten und Sorgen und der ungewollten viel zu häufigen Abwesenheit von seiner Familie, besonders als Ehemann und Vater. Einen großen Raum nimmt auch seine Kindheit im Ruhrgebiet ein, das liebevolle Elternhaus, der sportliche Vater, dem der Sohn nicht gerecht werden konnte, die Freiheiten, die er genoss, seine Erlebnisse mit seinen Freunden. Rückblenden erzählen von seinen Großeltern, beide taubstumm, intelligent und in ihrem Dorf sehr beliebt, die dennoch die Sorge hatten, im dritten Reich dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer zu fallen.
Anekdotenreich, zeitlich und thematisch wechselnd, doch immer in einem logischen Zusammenhang wird sehr lebensnah und lebendig über das Schauspielerleben und die Familie Jörg Hartmanns erzählt.

Bewertung vom 29.03.2024
Yellowface
Kuang, R. F.

Yellowface


ausgezeichnet

Juniper Song Hayward und Athena Liu lernen sich auf der Uni kennen. Beide träumen von einer Karriere als Schriftstellerinnen. Als die chinesischstämmige Liu noch als Studentin einen Bestseller herausbringt kommt bei der weißen Amerikanerin Juniper Neid auf. Athena sonnt sich im Ruhm, eilt von Erfolg zu Erfolg, bewohnt ein schickes Apartment. Als Athena Juniper zu sich nach Hause einlädt geschieht ein Unglück. Vor Junipers Augen stirbt Athena und sie kann ihr nicht helfen. Da Athena ihr Manuskript nicht mehr veröffentlichen kann sieht Juniper das Entwenden, Aufbereiten des Inhalts und Herausgabe als ihr eigenes Werk auch nicht als Diebstahl an, auch wenn schon früh Zweifel an der Urheberschaft aufkommen. Der Roman über chinesische Arbeiter während des ersten Weltkrieges wird ein Bestseller, endlich hat sie es geschafft, sie ist berühmt. Bis der Chitstorm in den sozialen Medien über sie hineinbricht, ihr Hass entgegenschlägt. Wie kann eine Weiße über Chinesen schreiben, wie kann sie die Leser*innen über ihre wahre Herkunft täuschen indem sie ihren zweiten Vornamen Song als Nachnamen wählt.
Der Roman lässt uns in den Literaturbetrieb, ins Verlagswesen blicken mit allen Problemen und Ängsten, die dort herrschen und wem geistiges Eigentum gehört. Der Segen und Fluch der sozialen Medien und was es mit der Psyche der Menschen macht werden thematisiert. Die Protagonistin wird ambivalent dargestellt, man kann sie hassen und mit ihr leiden, mal ist sie Opfer, mal Täter. Die Autorin schafft es mit ihrem herausragenden Schreibstil die Spannung zu halten.

Bewertung vom 29.03.2024
Stimme der Angst / Max Bischoff - Mörderfinder Bd.4
Strobel, Arno

Stimme der Angst / Max Bischoff - Mörderfinder Bd.4


sehr gut

Auf der Beerdigung seines langjährigen Mentors Bormann trifft der nach seinem Ausscheiden aus dem Polizeidienst als Fallanalytiker arbeitende Max Bischoff auf eine Frau die wie Jennifer Sommer aussieht. Das kann doch nicht sein, Jennifer starb vor fünf Jahren, nachdem sie entführt und misshandelt wurde und Max zu spät kam um seine große Liebe zu retten. Max spricht die Doppelgängerin an, sie heißt Dominique wobei er bemerkt, dass sie Blutergüsse am Körper hat, die auf Misshandlungen deuten. Sie berichtet auch von ihrem besitzergreifenden und zuschlagendem Freund. Max Helfersyndrom ist erwacht, nicht das es ihr so ergeht wie Jennifer. Bevor er sich näher mit Dominique beschäftigen kann wird sein Exkollege und Freund Horst Böhmer niedergeschlagen und schwer verletzt und Jana, eine junge Kommissarin in die er sich langsam verliebte, wird vermisst. Da Max Probleme mit der Leiterin der Kriminalpolizei hat, hilft ihm Dr. Marvin Wagner, ein Experte der Psychologie bei der Suche nach Jana.
Die Charaktere der Protagonisten sind hervorragend herausgearbeitet worden und auch wenn es für die Entwicklung der Persönlichkeiten hilfreich ist die Vorgängerbände zu kennen, kann man auch so der Handlung folgen. Es ist spannend geschrieben, auch wenn ich in der Erkenntnis des Geschehens und des Täters immer einen Schritt vor den Ermittlern war.

Bewertung vom 29.03.2024
Die sieben Türen
Draschoff, Adrian

Die sieben Türen


ausgezeichnet

Was für ein wunderschönes Buch, gestalterisch wie inhaltlich. Ein kleines Leuchten im Dunkeln trifft auf eine vielbeinige, bebrille Raupe namens Yara. Diese Raupe führt das Leuchten durch sieben Türen, hinter denen essenzielle Fragen des Lebens stehen. Licht und Dunkelheit, Liebe und Hass, Mut und Angst, über die Zeit und vieles mehr wird in den aufgesuchten Räumen erklärt, wobei das Leuchten oft mehr Fragen hat als Antworten bekommt. Bevor die siebte Tür geöffnet wird geht es für die Beiden durch das Universum, ein Gefühl von Freiheit entsteht. Die kleine Raupe hilft dem Leuchten, dem Menschen oder bald auf die Welt kommenden Menschen ins Leben, keine Entscheidung, die man trifft ist falsch, kein Leben wichtige als ein anderes, egal welches man lebt. Wichtig ist der Glaube und die Liebe an sich selbst.
Die hochwertige Ausstattung mit vielen herausragenden Zeichnungen, das Schriftbild in wechselnder Schreibschrift machen diese philosophischen Texte zu einem Geschenkbuch für andere und für sich selbst.

Bewertung vom 29.03.2024
Eine Fingerkuppe Freiheit
Zwerina, Thomas

Eine Fingerkuppe Freiheit


ausgezeichnet

Im Alter von fünf Jahren erblindet Louis Braille durch einen Unfall. Den meisten Kinder in dieser Zeit, 1821, blieb dadurch nur die Arbeit in einer Kohlemine, da es dort immer dunkel war. Louis hatte das Glück, das ihn seine Eltern förderten und er durch seine Intelligenz, Wagemut und Lerneifer im Alter von zehn Jahren auf ein spezielles Blindeninternat in Paris gehen durfte. Er hatte das absolute Gehör und lernte mehrere Instrumente spielen. Auch mathematisch war er hochbegabt. Was ihm Kummer bereitete war das Lesen und Schreiben an erhabenen Buchstaben und das Gekleckse, mit denen er und seine Freunde schreiben sollten. Als der Erfinder Charles Barbier an der Schule seine von ihm entwickelte Nachtschrift vorstellte, war Braille voller Vorfreude. Doch diese Schrift wies Mängel auf und so blieb es bei der ungeliebten Prägeschrift. Louis, inzwischen zwölfjährig, machte sich an die Verbesserung und entwickelte mit einfachsten Mitteln die noch heute gebräuchliche Brailleschrift. Doch dieser Weg dorthin war schwer und steinig, wir Blinde zu leben hatten wurde von Sehenden bestimmt.
Mit viel Einfühlungsvermögen, der Autor Thomas Zwerina ist selbst erblindet und weiß wovon er schreibt, und historisch belegten Fakten wird das Leben Louis Braille spannend erzählt.

Bewertung vom 29.03.2024
Tremor
Cole, Teju

Tremor


weniger gut

Der Autor Teju Cole ist wie seine Romanfigur Tunde Fotograf, lebt und arbeitet in den USA und stammt aus Lagos, Nigeria. Im dem Roman erleben wir Tunde mit seiner Lebensgeschichte, seinen Gedanken und Gefühlen. Teils in Episoden, teils auch nur fragmentarisch werden Gedanken über die unterschiedlichsten Musikrichtungen angesprochen, über Filme und Kunst sinniert. Es gibt Nacherzählungen von Gesprächen mit Kollegen, er ist Professor an einer amerikanischen Universität, mit Freunden und seiner japanischen Frau. Politik, wie Sklaverei, Kriege und die Auslöschung ganzer Gruppen, Menschenrechte aber auch technische Errungenschaften und die Rolle der Frau werden thematisiert. Ab circa der Hälfte des Romans werden Sichtweisen aus Lagos von dort Lebenden erzählt. Über Alltägliches, über Korruption, über sexuelle Ausschweifungen, über arm und reich. Dieser Teil ist für mich das einzig interessante an dem ganzen Buch. Davon hätte ich gerne mehr und umfassender gelesen. Der ganze Rest war für mich schwer lesbar, die Personen und Orte von denen berichtet wurde, sagten mir gar nichts.

Bewertung vom 29.03.2024
Hallo, du Schöne
Napolitano, Ann

Hallo, du Schöne


ausgezeichnet

Hallo du Schöne war der Begrüßungsspruch von Charlie Padavano an seine Ehefrau Rose und jeden seiner vier Töchter. Sie lebten in einem kleinen Häuschen in Chicago und zum Leidwesen von Rose war dieses einfache Leben genug für Charlie. Für ihre Töchter hatten sie jedoch höheres im Sinn, besonders für die Älteste, Julia. Während der Collegezeit lernte Julia den hochgewachsenen stillen Basketballspieler William kennen und lieben und plante eine Zukunft mit ihm. Er fügte sich diesem Weg, es folgte die Hochzeit und das Baby Alice kam zur Welt, doch dieser Weg war nicht seiner. Von seinen Eltern ungeliebt und depressiv wollte er das Glück Julias und Alice nicht trüben und verlies sie. Doch von der Familie Padavanos, die ihn vom ersten Kennenlernen an in die Familie aufnahmen, kam er nicht los. Die vier Töchter brauchten einander und ergänzten sich in ihren Fähigkeiten. Sie gaben einander Halt, besonders in der Zeit als ihr Vater starb und die sehr katholische Mutter Rose ihre Tochter Cecelia, als diese sehr jung ein uneheliches Kind zur Welt brachte verstieß. Die Schwester hatten mit Problemen und Verlusten zu kämpfen, doch jeder Verlust brachte auch etwas Neues, etwas Gutes zu ihnen.
Der sehr intensiv erzählte Roman ist einfühlsam und emotional ohne rührselig zu werden. Das Zwischenmenschliche steht im Mittelpunkt des hochinteressanten Romans mit ausdrucksstarken Protagonisten.

Bewertung vom 04.03.2024
Elyssa, Königin von Karthago
Vallejo, Irene

Elyssa, Königin von Karthago


sehr gut

Elyssa ist vor ihrem brutalen Bruder geflohen und hat mit Karthago eine neue Stadt gegründet. Neben ihren Gefolgsleuten und Kriegern hat sie auch ihre jüngere Halbschwester Anna begleitet. Während die Stadt wächst und gedeiht trifft durch einen Sturm eine Gruppe Männer an Land. Die Schiffbrüchigen sind Trojaner, die sich vor ihrem verlorenen Krieg gegen Sparta gerettet haben. Ihr Anführer Aeneas hat seinen kleinen Sohn Iulus mit dabei. Anna freundet sich sofort mit Iulus an, da Karthago eine Stadt ohne Kinder ist, freut sie sich auf die Spiele mit ihm. Unter eifriger Mithilfe des Gottes Eros verlieben sich Aeneas und Elyssa ineinander, doch ihre Liebe wird durch Missgunst der Bevölkerung und insbesondere der Krieger, die sich selbst Hoffnung auf ein Leben mit der Herrscherin machten, gefährdet. Auch Aeneas Mannschaft ist nicht erfreut von der Vorstellung, dort zu bleiben. Die Vorsehung besagte, dass Aeneas eine neue Stadt gründen wird, eine friedliche Stadt, die Karthago durch die Unterdrückung der in der Umgebung lebenden Menschen nicht ist.
Abwechselnd aus der Sicht Elyssas, Anna, Aeneas, des Gottes Eros und immer wieder eingefügt, Vergils, der die Verse über Aeneas und seiner Gründung der Stadt Roms beschrieb, ist diese Neuerzählung leicht lesbar und interessant geschrieben.

Bewertung vom 04.03.2024
Nachbarn
Oliver, Diane

Nachbarn


sehr gut

Das im Stil der 60er Jahren geschriebene Buch mit 14 Kurzgeschichten handelt vom Leben in den 60er Jahren in den USA. Es ist die Zeit der Rassentrennung, der ungerechten Behandlung der dunkelhäutigen Bevölkerung und der Bürgerrechtsbewegung. Es handelt von Nachbarn, die zwar nebenan leben, die von der weißen Bevölkerung in einer Parallelwelt getrennt leben. Die Geschichten sind sehr unterschiedlich, meistens steht jedoch eine Frau im Mittelpunkt des Geschehens. Frauen, die von ihren Männern verlassen wurden oder deren Mann keinen Beitrag zur Kindererziehung oder Geldeingang beitragen, Frauen, die für einen Weißen Dienstleistungen erbringen und deren Kinder sich selbst überlassen werden, die um ein auskömmliches Leben kämpfen. Auch die unterschiedlichen Farbnuancen spielen eine Rolle.
Manche Kurzgeschichten fand ich hochinteressant, bei manchen hätte ich gerne gewusst, wie es weitergeht, manche haben mich gepackt, andere hingegen fand ich langweilig und uninteressant. So ist wohl für jeden was dabei. Trotz der lange zurückliegenden Zeit seit der Erstveröffentlichung ist das Thema leider immer noch aktuell.

Bewertung vom 04.03.2024
Die Burg
Poznanski, Ursula

Die Burg


ausgezeichnet

Der schwerreiche Nevio hat sich mit dem Kauf der Burg Greiffenau einen Wunsch erfüllt. Diese Burg soll eine ganz besondere Escape Room Variante werden. Ausgestattet mit LED Wänden wird mithilfe von Künstlicher Intelligenz, mit Geräuschen, Düften und Sprühanlagen eine reale Welt in den mittelalterlichen Gemäuern erzeugt. Kurz vor der Eröffnung soll ein Testlauf mit ausgewählten Kandidaten stattfinden. Diese Gruppe besteht aus dem Historiker Lothar, dem Promi und Exsportler Emil, der Gewinnerin eines Rätselwettbewerbs Petra, der Influencerin Yvonne und Maxim, selbst Escape Room Inhaber, aus dessen Sicht die Erlebnisse während der Tour durch die Gänge und Räume geschildert wird. Zu der Gruppe gesellen sich auch Nevio selbst und ein Assistent während weitere Mitarbeitende auf den Bildschirmen das Handeln beobachten. Vier Stunden werden eingeplant, die Wünsche über die Rätsel, der Schwierigkeitsgrad und das Safewort wurden festgelegt, voller Vorfreude öffnen sie die erste Tür.
Schon in kürzester Zeit merken sie, das die KI nicht nur ein Eigenleben hat und ihre Pläne verändert, sie weiß Privates und sie bringt die Protagonisten dazu, Geheimnisse von sich Preis zu geben. Bald kippt die Stimmung und aus dem Spiel wird tödlicher Ernst.
Die Mischung aus Escaperätseln, die man auch mitlösen kann, aus den Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz, Grusel und Thriller gefällt mir ganz besonders gut. Das Ende hat noch eine Überraschung parat.