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Benutzername: Philo
Wohnort: Frankfurt am Main
Über mich: Lesen ist mein liebstes Hobby
Danksagungen: 33 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 234 Bewertungen
Bewertung vom 20.10.2019
Der Verein der Linkshänder
Nesser, Hakan

Der Verein der Linkshänder


gut

Ein neues Buch von Hakan Nesser und dann auch noch einmal Van Veeteren als Ermittler, das ließ spannendes Lesevergnügen vermuten. Leider war dem nicht so. Ich habe alle Bücher von Hakan Nesser gelesen und war jedesmal begeistert. Dem vorliegenden Buch hätten 200 Seiten weniger gut getan. Ein lange zurückliegender Fall bringt noch einmal Van Veeteren auf den Plan. Vier Tote und ein flüchtiger Mörder waren vor 40 Jahren das Ergebnis der Ermittlungen von Van Veeteren und seinem Kollegen. Jetzt aber wird der angebliche Mörder vergraben in einem Waldstück aufgefunden. Die Ermittlungen müssen neu aufgenommen werden. Längst gibt es ein neues Ermittlungsteam, aber Van Veeteren will den Fehler von damals nicht auf sich sitzen lassen und versucht, seinen Teil zur Aufklärung beizutragen. Dabei ist die treibende Kraft eigentlich seine Lebensgefährtin Ulrike, die sich kräftig einmischt. Durch einen neuen Todesfall, der aber mit dem damaligen Geschehen zusammenhängt, begegnen sich die beiden Kommissare Van Veeteren und Barbarotti. Bevor die beiden nun die Hintergründe der Taten von damals und heute aufklären, ist dem Leser längst klar, wer hinter den Verbrechen steckt. Man mußte sich schon zwingen, die vielen Seiten zu Ende zu lesen. Hakan Nesser hat in seinem Bemühen, seine beiden Kommissare Van Veeteren und Barbarotti in einem gemeinsamen Fall zusammenkommen zu lassen, weder den beiden noch seinen Lesern einen Gefallen getan. Für einen Kriminalroman von Hakan Nesser nur 3 Sterne zu vergeben, schmerzt, ist aber in diesem Fall unumgänglich.

Bewertung vom 23.09.2019
Die Dame hinter dem Vorhang
Peters, Veronika

Die Dame hinter dem Vorhang


gut

Leider hatte ich mir aufgrund der Buchbeschreibung die spannende Lebensgeschichte der Edith Sitwel erhofft. Tatsächlich aber ist die wahre Protagonistin dieses Buches Jane Banister, das Dienstmädchen von Edith Sitwel und Tochter des Gärtners auf dem Gut der Sitwells. Die Autorin will mit ihrem Buch der englischen Dichterin und Schriftstellerin Edith Sitwel ein Denkmal setzen, was, wie ich finde, nicht gelungen ist. Immerhin ist es der Autorin gelungen, mich neugierig auf Edith Sitwel zu machen, und ich habe bei meinen Recherchen eine interessante Frau kennengelernt. Sie war zu ihrer Zeit eine der erfolgreichsten englischen Autorinnen mit einer Vielzahl an Veröffentlichungen. "Die Dame hinter dem Vorhang" lernt der Leser durch Jane Banister kennen, die die Dame Edith bis zu ihrem Lebensende begleitet und die über ihre Zeit mit ihr berichtet. Um diesem Leben hinter dem Vorhang Bedeutung zu geben, hätte dem Buch ein Blick in das Leben der Edith Sitwel vor dem Vorhang gutgetan. Es muß ein schillerndes Leben gewesen sein, von dem in dem Buch aber leider nichts zu spüren ist. Nur so wäre der Kontrast zwischen dem öffentlichen und dem privaten Leben erkennbar geworden.

Durch die Ankündigung des Buches neugierig geworden, konnte ich mich für die Lektüre des Buches nicht wirklich begeistern, was ich wirklich bedauerlich finde, weil ich das Leben der Edith Sitwel für interessant und spannend halte.

Bewertung vom 07.09.2019
Ein neues Blau
Saller, Tom

Ein neues Blau


ausgezeichnet

Nachdem mich der gelungene Debüt-Roman von Tom Saller "Wenn Martha tanzt" bereits begeistert hat, bin ich von dem nun vorliegenden Buch "Ein neues Blau" gleichermaßen angetan. Ein Buch, das gekonnt alle Facetten eines langen Lebens ausleuchtet, Kindheit, Erwachsenwerden, Familie, Freundschaft, Wünsche, Hoffnungen, Verzweiflung und Verrat. All dies lernt Lili Kuhn in ihrem langen Leben kennen, das geprägt ist von großen Verlusten und der Angst, hieran eine Mitschuld zu tragen. Das Buch endet im Jahr 1985 und schildert in Rückblicken das Heranwachsen von Lili nach dem Esten Weltkrieg. Ihre Mutter ist früh vestorben, und so wächst Lili bei ihrem Vater Jakob auf, einem zielstrebigen charakterstarken Mann, der es durch seinen Teehandel zu Reichtum und weltweiten Geschäftsverbindungen bringt. In Japan lernt er Takeshi kennen, der alles über Tee weiß. Zwischen den beiden entwickelt sich eine enge Freundschaft, die so weit geht, daß Takeshi nach dem Tod von Jakobs Frau Charlotte nach Berlin übersiedelt und sich dort insbesondere um Lili kümmert, da Jakob aus Berufsgründen viel auf Reisen ist. Takeshi ist so, wie ich mir einen Japaner vorstelle, Ein ruhiger in sich ruhender Mann, der seiner Freundschaft verpflichtet ist und sich ein Leben lang um Lili kümmern wird. Von ihm habe ich viel über Tee und vor allem die Teezubereitung gelerrnt.

Lilis Mutter war Jüdin und nachdem Lili den Juden Adam heiratet, ist sie in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr sicher und wandert mit ihrer Familie nach Amerika aus.

Im Jahr 1985 lebt Lili wieder in Berlin in dem Haus, das ihr Vater vor vielen Jahren erbaut hat und auch das Teehaus von Takeshi steht noch im Garten. Aber Takeshi ist gestorben und Lili sehr allein. Anja, eine 18-jährige Gymnasiastin soll ihr hin und wieder Gesellschaft leisten. Dies ist für beide zunächst ein schwieriges Unterfangen. Die aufmüpfige Anja mit ihrer schnoddrigen Sprache hat es schwer. sich in die Lebensgeschichte von Lili Kuhn einzufinden. Nach und nach aber wächst der gegenseitige Respekt und
Anja gewinnt einen neuen Blick auf ihr zukünftiges Leben. Das Zusammentreffen der beiden Frauen ist für beide ein großer Gewinn.

Der Titel des Buches "Ein neues Blau" lenkt das Interesse des Lesers natürlich in erster Linie auf die Herstellung von Porzellan und die Suche nach dem vom Königlichen Hof gewünschten "bleu mourant". Viel lernt der Leser über Material, Verarbeitung und Herstellung des Porzellans kennen und besonders eine kleine schlichte weiße Schale mit einer aufgemalten schlichten blauen Blüte hat in der Geschichte eine besondere Bewandtnis.

Dem Autor sei Dank für dieses wunderbare, sorgfältig recherchierte und meisterlich geschriebene Buch, dem ich ganz viele Leser wünsche.

Bewertung vom 03.09.2019
Nichts bleibt so, wie es wird
Bechtolf, Sven-Eric

Nichts bleibt so, wie es wird


ausgezeichnet

Zunächst einmal hat mich der Titel des Buches fasziniert. Ich finde ihn genial und passend. Nachdem ich das Buch nun gelesen habe, bin ich hellauf begeistert von der Geschichte des Buches, insbesondere der Lebensgeschichte des Protagonisten Herwig Burchard. Burchard ist ein international bekannter und anerkannter Regisseur, der an vielen großen Häusern gearbeitet hat. Nun aber, im fortgeschrittenen Alter, ist er durch Vermittlung seines Freundes Jacobi, dem Intendanten des Theaters, in Kobrück gelandet und bereitet dort den Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart vor. Aber die Freundschaft zwischen Intendant und Regisseur ist brüchig. Jacobi fürchtet, daß Burchard ihm den Intendantenposten streitig machen will. Um dem entgegenzuwirken überredet er den Journalisten Müßig Burchard in seinen Kritiken zu zerreißen. Was Jacobi nicht weiß ist, daß Müßig auch Intendant werden möchte.

Wenn der Vorhang fällt, brodelt es hinter den Kulissen. Es kommt zum Eklat, als Burchard und Müßig aneinandergeraten. Herwig wird entlassen.

Der Autor gewährt dem Leser einen Blick hinter die Kulissen einer schillernden Theaterwelt. Hier geht es um begehrte Rollen und Posten, es wird geschachert und gelogen und Freundlichkeiten sind nur selten ernst gemeint.

Was ist Herwig für ein Mensch? Der Autor gibt sich viel Mühe, das Leben des Regisseurs zu beschreiben, und er tut dies intensiv und gut. Herwig ist ein Mensch, der gerade heraus sagt, was er denkt und sich damit nicht nur Freunde macht. Im Grunde seines Herzens leidet er aber an den Fehlern, die er in seinem Leben gemacht hat und die er sich selbst eingesteht, insbesondere, daß es ihm nicht gelungen ist, ein gutes Verhältnis zu seinem Sohn herzustellen, der als Jugendlicher verstorben ist. Dieser Sohn verfolgt ihn jetzt im Alter in seinen Träumen, aber wieder gutmachen kann Herwig nichts.

Herwig muß einen Neuanfang wagen und mit Vermitlung seines Freundes Alberto, dem Wirt seines Lieblingsrestaurants Tavola verde, erwirbt er ein kleines Haus in Apulien.

Die ersten beiden Drittel des Buches sind sehr gut und realistisch beschrieben. So hätte es alles sein können. Das letzte Drittel erscheint mir sehr konstruiert und eher unrealistisch. Aber auch hier hätte alles so sein können, wie beschrieben.

Sehr gut gefallen und berührt hat mich der Brief, den Herwig an Leonie Roussel, eine junge begabte Schauspielerin, schreibt, in die er sich unsterblich verliebt hat.

Das Buch wurde mit jeder gelesenen Seite spannender, und ich wollte es nicht mehr aus der Hand legen. 5 verdiente Sterne für ein wunderbares Buch und eine unbedingte Leseempfehlung.

Bewertung vom 28.08.2019
Drei
Mishani, Dror A.

Drei


ausgezeichnet

Ich habe ein großartiges Buch gelesen, über das ich nur wenig erzählen soll. Der Klappentext verrät einiges, aber nicht viel. Drei Frauen und ein Mann sind der Inhalt des Buches, eingeteilt in drei getrennte Geschichten, die aber im Zusammenhang stehen, nämlich durch Gil, den Mann, den alle drei kennenlernen werden. Jede auf eine andere Art und Weise. Orna durch eine Internetplattfom für Geschiedene, Emilia durch Vermittlung ihrer ehemaligen Arbeitgeberin und Ella in in einem Café, das sie jeden Morgen besucht. Obwohl Gil verheiratet ist, geht er die Beziehungen zu den drei Frauen ein, und wenn man hierüber erst einmal zu lesen anfängt, kann man das Buch nicht mehr zur Seite legen. Es ist in einer wunderbaren Sprache geschrieben, Spannung ist garantiert. Dror Mishani hat ein großartiges Buch geschrieben, das zu Recht in Israel zum Bestseller wurde. Lange hat mich ein Buch nicht so gefesselt und berührt. Deshalb 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung.

Bewertung vom 24.08.2019
Letzte Rettung: Paris
deWitt, Patrick

Letzte Rettung: Paris


ausgezeichnet

Das Buch ist eine einzige Enttäuschung. Aufgrund des Klappentextes und der Leseprobe hatte ich eine humorvolle Mutter-/Sohn-Geschichte erwartet. Die Mutter, Frances, ist jedoch eine selbstsüchtige Person, die das gesamte ererbte Vermögen ihres verstorbenen Ehemannes verschleudert und ihrem Sohn keinen Freiraum für ein eigenes Leben läßt. Hinzu kommt eine Katze, in der Frances die Inkarnation ihres Ehemannes sieht und im weiteren Verlauf des Buch es mit Hilfe einer durchgeknallten Wahrsagerin durch die Katze mit ihrem Ehemann ins Gespräch kommt. Nachdem das Geld alles weg ist, zieht Frances mit ihrem Sohn in die Wohnung einer Freundin nach Paris. Hier lernen sie alle möglichen skurillen Typen kennen, deren Erscheinen in der Geschichte fürmich keinen Sinn ergeben. Für keinen der Protagonisten kann ich auch nur einen Funken Sympathie aufbringen, und die gesamte Handlung ergibt für mich keinen Sinn. Kein Buch zum Weiterempfehlen.

Bewertung vom 14.08.2019
Die Leben der Elena Silber
Osang, Alexander

Die Leben der Elena Silber


ausgezeichnet

Auch wenn ich Bücher mit mehr als 600 Seiten nicht so mag, hier hätte ich gerne noch weiterlesen wollen. Alexander Osang schildert das pralle Leben der Jelena Silber, das geprägt ist von deutscher und russischer Geschichte, von vielen Wendungen, Enttäuschungen und Neuanfängen, man kann sich ihm nicht entziehen. Auch wenn man ihr Handeln nicht immer verstehen kann, begreift man doch ihre Beweggründe, die ihrem Handeln zugrunde liegen.

Mit 2 Jahren bereits muß Jelena mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Pawel aus ihrer russischen Heimat fliehen, nachdem ihr Vater als Revolutionär ermordet wurde und sie fürchten müssen, das gleiche Schicksal zu erleiden.

Viele Jahre später kehrt Jelena mit ihrer Mutter und dem Stiefvater in ihr Heimatdorf zurück. Was mochte die Mutter bewogen haben, diesen Mann zu heiraten, der sich an Jelena vergeht, so daß sie sich genötigt sieht, sich allein in eine neue Zukunft zu begeben. Sie lernt den deutschen Ingenieur Robert Silber kennen, heiratet ihn und geht mit ihm nach Deutschland. Ihre Schwiegermutter demütigt Jelena, wo sie nur kann und der Schwiegervater hält sie für Freiwild.

Kaum der deutschen Sprache mächtig, hat Jelena es mehr als schwer, mit ihrem Leben zurechtzukommen. Sie hat 5 Töchter, von denen Anna mit 2 Jahren an Diphterie stirbt. Es ist Krieg und Medikamente sind knapp. Die anderen 4 Töchter Maria, Lara, Vera und Katarina sind traumatisiert von dem wechselhaften Leben, dem sie ausgesetzt sind und dem Lebensweg, den sie nach Jelenas Vorgaben zu gehen haben. Jede lebt ihr eigenes Leben. Es gibt
keinen Familienzusammenhalt.

Viel später versucht Jelenas Enkel Konstantin die Familiengeschichte aufzuschlüsseln und zu verstehen, was das lange Leben seiner Baba ausgemacht hat. Sie hat für sich eine eigene Wahrheit erfunden, aber war alles wirklich so, wie sie immer erzählt hat? Sehr emotional zu lesen ist die Beziehung von Konstantin zu seinem Vater Claus Stein, der mit Jelenas Tochter Maria verheiratet ist, die ihn wegen seiner fortschreitenden Demenz in einem Heim unterbringt.

Ich finde, Alexander Osang hat ein großartiges Familienepos geschaffen mit so unterschiedlichen Figuren, auf die man sich einlassen muß, um sie zu verstehen. Ich liebe Familiengeschichten, aber diese finde ich besonders großartig, schon deshalb, weil sie über mehr als ein geschichtsträchtiges Jahrhundert andauert. Und nach dem Enkel Konstantin folgt noch der Urenkel Theo. Die Geschichte geht also weiter.

Bewertung vom 29.07.2019
Die Malerin des Nordlichts
Johannson, Lena

Die Malerin des Nordlichts


ausgezeichnet

Das bewegte Leben von Edvard Munch und seine Bilder sind brühmt und bekannt. Daß er eine Nichte hatte, die ebenfalls Malerin war, habe ich erst durch dieses Buch erfahren. Ich kann jetzt verstehen, weshalb die Autorin von dem Leben der Signe Munch berührt war und ihr mit diesem Buch ein großartiges Denkmal gesetzt hat.

Signe Munch wuchs in Norwegen bei ihrem Vater auf, nachdem die Eltern geschieden waren. Signe, die sich nach ihrer Mutter sehnte, durfte diese nicht sehen, weil sie schuldig geschieden wurde. Ihr Vater zwang Signe in eine Ehe mit dem Offizier Johannes Landmark, der ihr jedoch keinen Spielraum für ihre Leidenschaft, die Malerei, ließ, sondern, wie damals üblich, seine Frau nur als Heimchen am Herd sah. Mit 38 Jahren ließ Signe sich scheiden. Jetzt war sie frei und konnte sich ihrer Leidenschaft widmen. Immer unterstüzt von ihrer Studienfreundin Lilla, die viel jünger war, aber Signe dazu ermunterte am Leben teilzuhaben und sich nicht zu verkriechen. Sie nahm Unterricht bei Pola Gaugin, und trotz aller Selbstzweifel erfuhr sie nach und nach Anerkennung. Mit Landschaftsbildern und Auftragsmalerei hielt sie sich über Wasser. Aber sie war immer auf der Suche nach ihrem ganz eigenen Stil und wollte etwas Besonderes schaffen. Und dann begegnete ihr der Musikpädagoge Einar Siebke, in den sich Signe Hals über Kopf verliebte. Einar war jünger als sie, aber die beiden heirateten und Einar unterstüzte Signe, wo er nur konnte. Er ließ sie Frau und Malerin sein und war stolz auf ihren Erfolg.

Das große Glück nahm ein jähes Ende, als die Deutschen während des Krieges Norwegen besetzten und Einar sich dem Widerstand anschloß und Signe ihn hierbei unterstützte.

Dieses Buch hat mich zutiefst bewegt. Die Autorin hat alle Protagonisten so lebensecht charakterisiert, das man eine genaue Vorstellung von ihnen erhält. Ich habe viel über Edvard Munch gelernt und selbst noch etwas über Signe Munch recherchiert. Daß es tragischerweise keine Bilder mehr von ihr gibt, erklärt wohl, weshalb sie keinen Bekanntheitsgrad als Malerin erreicht hat. Ich habe die Fjorde Norwegens und das Nordlicht selbst erlebt. Bilder der Malerin von dieser einmaligen Landschaft zu sehen, wären ein großes Glück.

Zu diesem Buch kann man die Autorin nur beglückwünschen. Ich bedanke mich, daß ich auf diese Weise eine starke Persönlichkeit wie Signe Munch kennenlernen durfte.

Bewertung vom 22.07.2019
Auf Erden sind wir kurz grandios
Vuong, Ocean

Auf Erden sind wir kurz grandios


ausgezeichnet

"Auf Erden sind wir kurz grandios" ist der erste Roman von Ocean Vuong und ihm ist sein Debütroman wirklich gelungen. Erzählt wird die Geschichte eines vietnamesischen Jungen, "Little Dog" genannt, der sich all seine Kindheits- und Jugenderlebnisse von der Seele schreibt. Er schreibt dies in einem Brief an seine Mutter, die nicht lesen kann. So kann Little Dog schonungslos sein Leben ausbreiten. Er erzählt von den Übergriffen seiner Mutter, die ihn geschlagen und auch verletzt hat, und er muß begreifen, daß die Mutter durch die Kriegsereignisse in Vietnam schwer traumatisiert war und die erlebte Gewalt durch die eigenen Aggressionen verarbeitet hat. Lediglich durch die schizophrene Großmutter Lan erfährt Little Dog Zuneigung und Trost. Nach der Flucht aus Vietnam führen die drei ein ärmliches Leben in Amerika. Sie leben in einer Einzimmerwohnung. Die Mutter arbeitet in einem Nagelstudio, spricht kein englisch, kann nicht lesen und schreiben. Und sie gibt ihrem Sohn den Ratschlag, als Vietnamese nur nicht aufzufallen.

Bewegend ist der Teil der Geschichte, in dem Little Dog von seiner ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen namens Trevor berichtet, in der er völlig gefangen ist.

In Rückblicken wird dem Leser das Leben der Protagonisten während des Krieges in Vietnam vor Augen geführt, von dessen Schrecken sich niemand befreien kann.

Vieles von dem, was der Autor seinen Lesern in seiner eigenen ganz wunderbaren Sprache erzählt, wird sein eigenes Leben geprägt haben. Ich bin voller Hochachtung vor diesem in aller Offenheit geschriebenen Brief von einem Sohn an seine Mutter, die er trotz aller zugefügten Verletzungen zutiefst liebt.

Bewertung vom 21.07.2019
Die geheime Mission des Kardinals
Schami, Rafik

Die geheime Mission des Kardinals


ausgezeichnet

Wer, wenn nicht Rafik Schami, kann ein solches Buch über Syrien schreiben, über das Land, den Präsidenten, den Geheimdienst, Glaube und Aberglaube, Korruption, die verschiedenen Glaubensrichtungen und die allgegenwärtige Angst, ein Opfer der politischen Verhältnisse zu werden.

Das Buch "Die geheime Mission des Kardinals" ist ein Kriminalroman und gleichzeitig spiegelt es die Verhältnisse in Syrien im Jahr 2010 noch vor dem Krieg wider. Schon ist die allgegenwärtige Macht des Präsidenten zu spüren und der Geheimdienst hat seine Augen überall.

Das bekommt auch Kommissar Barudi zu spüren, der einen heiklen Mordfall aufzuklären hat, der ihn an die Grenzen seiner bisherigen 40-jährigen Erfahrungen bringt. Dem italienischen Botschafter wird ein Faß mit angeblich Olivenöl zugestellt, das aber in Wahrheit die Leiche eines bekannten Kardinals Cornaro des Vatikans in Rom enthält. In welcher Mission war der Kardinal unterwegs und weshalb wurde er deswegen ermordet? Barudi, der schon die Tage bis zu seiner Rente zählt und seine Arbeit in Ruhe ausklingen lassen möchte, sieht sich nun mit einem seiner schwersten Fälle betraut.

Es gibt nicht viele Personen, zu denen Barudi Vertrauen hat, aber Hauptmann Schukri, dem Leiter der Spurensicherung, vertraut er uneingeschränkt. Und ebenso dem italienischen Kommissar Mancini, der ihm zur Aufklärung des Falles von der italienischen Polizei an die Seite gestellt wird.

Auf Veranlassung seines Arztes schreibt Barudi ein Tagebuch, indem er akribisch über alle Vorgänge während der Ermittlungen schreibt, in Rückblicken aber auch sein bisheriges Leben verarbeitet, insbesondere den frühen Tod seiner geliebten Frau Basma. Da er in seinem Tagebuch offen schreiben kann, erfährt der Leser sehr viel über die Verhältnisse in Syrien und über seine vielen Zusammenkünfte mit Mancini und Schukri, zwei Männer, die meine uneingeschränkte Sympathie besitzen, weil sie sich weder von Vorgesetzten oder gar dem Geheimdienst bei ihrer Arbeit behindern lassen. So sind sowohl Barudi als auch Schukri wegen ihrer unangreifbaren Methoden von Beförderungen ausgeschlossen worden, vor allem aber sind sie nicht korrupt. Sie sind immerzu bemüht, so unauffällig wie möglich ihre Arbeit zu tun. Die Angst vor dem Gehimdienst ist allgegenwärtig.

Erschreckend ist über den Aberglaube in Syrien zu lesen. So war Kardinal Cornaro einem Bergheiligen auf der Spur, der viele Anhänger hat und den die Menschen für seine Wundertaten verehrten. Weshalb aber mußte der Kardinal sterben? Barudi und Mancini machen sich auf zu dem Bergheiligen und geraten dann doch noch in die Fänge von Islamisten. Jetzt müssen sie um ihr Leben bangen.

Dieses Buch lebt von der großartigen Erzählkunst des Autors und seiner profunden Kenntnisse der syrischen Verhältnisse. Die Protagonisten werden so detailliert beschrieben, daß sie vor den Augen der Leser zum Leben erwachen. Man fühlt sich mittendrin im Geschehen.

Auch diese Geschichte hat ein Ende, aber ein anderes als Barudi und Mancini erwartet haben, als Leser hat man es geahnt. Das Buch ist ungeheuer spannend geschrieben.

Nun kann ich nur jedem empfehlen, dieses Buch selbst zu lesen. Es ist jeden Satz und jede Seite wert dank eines so einzigartigen Geschichtenerzählers wie Rafik Schami.