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Benutzername: Borux
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Danksagungen: 69 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 406 Bewertungen
Bewertung vom 21.09.2018
Acht Berge
Cognetti, Paolo

Acht Berge


gut

Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Mit seinem stark autobiografisch geprägten Roman «Acht Berge» hat der italienische Schriftsteller und Dokumentarfilmer Paolo Cognetti nicht nur in seiner Heimat, sondern auch in Deutschland einen Bestseller gelandet. Dafür gibt es vor allem thematische Gründe, einen davon nennt schon der Buchtitel, die Berge nämlich als ewiges Faszinosum mit allen seinen Facetten, - womit hier übrigens auf eine uralte nepalesische Legende angespielt wird. Dieser typische Entwicklungsroman behandelt aber auch sehr intensiv die beiden Themen Männerfreundschaft und Vater-Sohn-Verhältnis und berichtet von den Wendepunkten im Leben, dies alles vor dem Hintergrund einer deutlichen Zivilisationsskepsis, bei der die Berge als zeitloser Fluchtpunkt dienen. «Die Berge sind ein Ort der Wahrheit, der Aufrichtigkeit, fernab vom Maskenspiel der Stadt» hat der Autor im Interview dazu erklärt.

Der Ich-Erzähler Pietro aus Mailand verlebt als Elfjähriger im Juli 1984 zum ersten Mal seine Sommerferien in einem gottverlassenen Bergdorf mit zwölf Einwohnern am Fuße des Monte-Rosa-Massivs in den italienischen Westalpen, seine aus den Dolomiten stammenden Eltern haben dort ein verlassenes Bauernhaus als Feriendomizil gekauft. Der Vater, ein typischer Einzelgänger, der berufsbedingt in die Großstadt gezogen war, lebt in diesem Refugium förmlich auf. Er ist ein geradezu fanatischer, überaus ehrgeiziger Bergwanderer und steckt den Sohn sehr schnell an mit seiner Obsession. Pietro freundet sich auch schon bald mit dem ein Jahr älteren Bauernsohn Bruno an, obwohl sie mental Welten trennen. Ihre wortkarge Freundschaft aber entwickelt sich allmählich zu einer tieferen, geradezu innigen Beziehung, der Roman begleitet die beiden so unterschiedlichen Jugendlichen in ihrer antagonistischen Suche nach dem richtigen Leben über drei Jahrzehnte hinweg bis in ihre Lebensmitte, bis ins Jahr 2014. Der Gegensatz zwischen unverrückbarer Heimatverbundenheit und ewig lockendem Fernweh bestimmt somit den Spannungsbogen in dieser alpinen Männergeschichte, in der den eh schon wenigen Frauen übrigens allenfalls eine unbedeutende Nebenrolle zugewiesen wird.

Wohltuend ist die perfekt der urwüchsigen, kargen Gebirgswelt und dem geradezu archaischen Leben seiner Bewohner gerecht werdende, nüchterne Sprache des Romans. Jedweden Alpenkitsch á la Ganghofer vermeidend beschreibt der Autor stimmig Einsamkeit und ereignislose Stille, aber auch das ewig Bedrohliche der Naturgewalten mit ehrfürchtigem Abstand. Paolo Cognetti hat von einer unerträglichen Rhetorik der Berge gesprochen, er habe sich deshalb «bewusst dafür entschieden, die entsprechenden Adjektive wie ‹zauberhaft›, ‹wunderbar›, ‹herrlich›, ‹fantastisch› nicht zu verwenden». Die Landschaftsbeschreibung dient hier also nicht wie üblich als Hintergrund der Geschichte, mit ihrer Hilfe dringt der Autor vielmehr indirekt zum Wesenskern seiner introvertierten Figuren vor, spiegelt darin ihre ureigensten Gefühle.

Das psychologische Geflecht einer spannungsgeladenen Vater-Sohn-Beziehung gerät hier durch den Freund zu einer Dreieckskonstellation, Bruno nimmt nach dem abrupten Bruch mit dem herrschsüchtigen Vater die Rolle Pietros ein, er wird quasi zum Ziehsohn und geht mit ihm auf gewagte Bergtouren. Die heraufziehende Klimakatastrophe bestimmt das Finale und leitet auch eine Zäsur in Pietros Leben ein. Er kehrt der heimischen Gebirgswelt endgültig den Rücken und geht als Dokumentarfilmer in den Himalaja zurück. Wobei für ihn das Hochgebirge als Hort der Utopie ausgedient hat, er widmet sich den nepalesischen Bergvölkern und erkundet ihre Lebensverhältnisse. Dieser Roman erweist sich beim Lesen als ruhige Lektüre, die als ein Fanal der Entschleunigung aufscheint und uns die stressige Alltagswelt für einige beschauliche Lesestunden vergessen lässt. Wobei sich als Katharsis der geflügelte Satz von Adorno aus den «Minima Moralia» auch hier bewahrheitet: «Es gibt kein richtiges Leben im falschen».

Bewertung vom 16.09.2018
Bruder und Schwester Lenobel
Köhlmeier, Michael

Bruder und Schwester Lenobel


gut

Narrativ überfrachtet

Mit seiner Fabulierkunst ist Michael Köhlmeier ein Solitär unter den profilierten Schriftstellern Österreichs, sein neuer Roman «Bruder und Schwester Lenobel» ist ein weiteres Schwergewicht in seinem beeindruckenden, äußerst vielseitigem Œuvre. Seine großen Themen Leben, Liebe, Tod dienen erzählerisch auch hier wieder dem Versuch einer Annährung an den Kern der menschlichen Existenz, wobei ein Psychoanalytiker als Zentralfigur der Geschichte der Gewährsmann ist für deren geistigen Gehalt. Leichte Kost also wartet da nicht auf den Leser, es geht tief hinein in die Philosophie mit ihren komplizierten Fragestellungen. Die ebenso naive wie ironische Widmung «für die Familie» leitet ein in innere Landschaften, die vor dem Hintergrund dreier Generationen gespiegelt werden, deren jüngste im Hier und Heute angesiedelt ist.

Der in dreizehn Kapitel gegliederte Erzählstoff ist, darin liegt die Ironie der Widmung, gerade dadurch gekennzeichnet, dass er einen resignativen Abgesang auf die Familie darstellt. Knalleffektartig beginnt die Geschichte mit einer E-Mail: «Komm, dein Bruder ist verrückt» schreibt Hanna an ihre Schwägerin Jetti, die in Dublin eine gut gehende Agentur für künstlerische Großprojekte betreibt. Dr. Robert Lenobel, fünfzigjährig, verheiratet, zwei Kinder, hoch angesehener Psychoanalytiker in Wien, ist - ohne Nachricht zu hinterlassen - spurlos verschwunden. In Rückblenden entwickelt Köhlmeier die Vorgeschichte dieses rätselhaften Verschwindens, die bis in die Generation der in den KZs umgekommenen jüdischen Großeltern zurückreicht und als psychische Belastung Nachwirkungen auch auf die folgenden Generationen hat. Jetti musste nach der Einweisung ihrer depressiven Mutter in die Psychiatrie als Sechzehnjährige den Haushalt führen, und sie sorgte auch für die Finanzen, indem sie eine vom Großvater vor den Nazis versteckte, wertvolle Grafiksammlung listig Stück für Stück verkaufte. Mit ihrer Schwägerin Hanna verbindet sie heute eine Hassliebe, deren Ursprünge zwanzig Jahre zurückreichen, als sie den Schriftsteller Sebastian kennenlernte, der bald schon der beste Freund ihres Bruders wurde, ein geduldiger Zuhörer bei dessen schier endlosen Reflexionen zu allerlei daseinsrelevanten Themen.

In den eigenartig verschlungenen Lebensgeschichten der allesamt therapiebedürftigen Familienmitglieder bleibt vieles rätselhaft, wobei alle Liebesabenteuer dadurch gekennzeichnet sind, dass die Initiative dazu immer von den Frauen ausgeht, - was für eine Macho-Fantasie! So ist auch Robert nach über zwanzigjähriger Ehe erstmals untreu geworden, weil eine attraktive Patientin ihm unverhohlen nachstellt. «Na endlich» habe ich auf einen eingeklebten Merkzettel geschrieben, als nach fast 150 sehr zäh zu lesenden Seiten über Gott und die Welt - und über Psychotherapie natürlich - die zerfasernde Geschichte endlich Fahrt aufnahm, eben weil die liebeshungrige Bess zielstrebig auf den Plan trat und man spekulieren konnte, dass womöglich hier die Ursache für die kopflose Flucht des Psychiaters liege.

Die einzelnen Kapitel der ebenso komplexen wie pessimistisch düsteren Geschichte werden von typischen Köhlmeier-Märchen eingeleitet, deren Sinn sich manchmal schwer erkennen lässt. «Im Kern einer jeden Geschichte sitzt ein Märchen» hat der Autor lapidar erklärt, - und dem ist nun mal das Böse immanent. Erfreulich ist die üppige Intertextualität in diesem Roman, in der schieren Überfülle des Erzählten aber fehlen oft die Verknüpfungen, und Vieles wird ganz einfach nicht stimmig zu Ende geführt, so auch die zentrale Geschichte mit Bess. Das Ganze erscheint mir narrativ hoffnungslos überfrachtet, das deprimierende Resümee all der klugen Reflexionen des - in dieser Hinsicht unübersehbar eitlen - Autors ist die Nichtigkeit unseres Glücksstrebens. Sein tragischer Held jedenfalls findet einfach nicht den Weg zu sich selbst, und auch die nachfolgende Generation taumelt gleichermaßen unschlüssig durch das Dilemma ihres Daseins.

Bewertung vom 08.09.2018
Opernball
Haslinger, Josef

Opernball


sehr gut

Ein Möglichkeitsraum wird Realität

Geradezu prophetisch hat der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger in seinem 1995 erschienenen Roman «Opernball» beschrieben, was nun tagesaktuell von den Medien als bittere Realität verkündet wird, das beängstige Erstarken eines nationalistisch verblendeten, gewaltbereiten Mobs, dem der Staat auf der Straße fast hilflos gegenüber steht wie jetzt in Chemnitz. «Warum … haben wir nicht rechtzeitig die Zügel in die Hand genommen? Diesem Gesindel die Stirn geboten? Mit eisernen Schlägen vernietet, was noch nicht hoffungslos zerrissen war? Warum haben wir nicht aufgeräumt? Entrümpelt? Das Unkraut ausgerissen, solange es noch klein war?» Der selbstkritische Wiener Polizeipräsident findet deutliche Worte in einer Rede bei der Vereidigung von Revierleitern nach der Opernball-Katastrophe. «Ein Recht ohne Macht sei zum Untergang verurteilt und stürze den ganzen Staat in den Abgrund», heißt es weiter in einer Art Vorwort zu diesem grandiosen Politthriller.

Brutal wird der Leser gleich auf den ersten paar Seiten mit einem bis dato für undenkbar gehaltenen Terroranschlag einer rechtsradikalen Verschwörergruppe konfrontiert, ein von einem Privatsender europaweit live übertragener Massenmord, dem tausende Menschen zum Opfer fallen, neben der alljährlich wie immer dort vollzählig versammelten, snobistischen High Society der Alpenrepublik auch die gesamte politische Prominenz Österreichs. Der in wenigen Minuten eintretende, qualvolle Tod der vielen Menschen beim Opernball wird durch Blausäure verursacht, die, über das Belüftungssystem im Gebäude verteilt, sehr schnell wirksam wird. Dieses grausige Szenario erinnert fatal, - aber bestimmt nicht zufällig -, an den Massenmord mit Zyklon B in den KZs der Nazis. Die von einem - als der «Geringste» bezeichneten – rechten Guru angeführte, neunköpfige Terrorgruppe leitet ihre Heilslehre und ihre «Ausländer raus»-Ideologie gleichermaßen aus der Bibel und «Mein Kampf» ab, der eschatologisch begründete Anschlag wird als Hamargedon herbeigesehnt, ein neues Tausendjähriges Reich würde entstehen.

Josef Haslinger hat seinen pseudo-dokumentarischen Plot multiperspektivisch konstruiert, erzählt wird aus den Blickwinkeln des TV-Regisseurs, der mit der Leitung der Live-Übertragung betraut ist, ferner eines Polizisten, der vor der Oper gegen die Demonstranten eingesetzt wird, schließlich von einem als «Ingenieur» bezeichnetem Mitglied der Terrorgruppe, in kürzeren Kapiteln aber auch aus der Perspektive einer Hausfrau und eines Brotfabrikaten. Geschickt werden dabei die Geschichten seiner Figuren vor und nach dem Anschlag verwoben, wobei er die Fäden der Handlungsstränge in seinem narrativen Netz gekonnt miteinander verknüpft. Die immer eindeutig zuzuordnenden Orts- und Zeitsprünge der einzelnen Kapitel werden zum Teil in Form protokollartiger Aufzeichnungen erzählt, die durchaus spannungsgeladen sind, obwohl das dramatische Ereignis dem Leser ja gleich am Anfang schon bekannt wird. Wie es dazu kam, das also ist hier das Spannende!

Balkankriege, KZs, Drogensucht, Polizeifrust, Migrationsdruck, politische Ränkespiele, sensationslüsternes Privatfernsehen, dunkle Geschäfte mit Osteuropa, schreiendes soziales Unrecht sind Themen dieses Romans, aber auch die glücklichen Zufälle, die einige wenige davor bewahrt haben, im Opernhaus zu sein, weil sie zu spät eintrafen wie die berühmte Operndiva, oder die aus letztendlich glücklichen Umständen den Ball früher verlassen mussten. Der Roman ist das beklemmende Sittenbild eines latent rechtsgesinnten Staates, die sechs Jahre vor 9/11 angesiedelte, brutale Geschichte hat sich als hellsichtige Beschreibung eines Zustands erwiesen, dessen inzwischen bewiesene Realität weit bedrückender ist als die fiktionale Geschichte selbst, die der Autor seinen Lesern da thrillergerecht auftischt. Es sei per se Aufgabe der Fiktion, einen Möglichkeitsraum auszuleuchten, hat Haslinger dazu angemerkt. Das ist ihm fürwahr gelungen!

Bewertung vom 05.09.2018
Letzte Freunde
Gardam, Jane

Letzte Freunde


weniger gut

Vom Kommen und Gehen

Wie die anderen beiden ist auch der letzte Band der Romantrilogie von Jane Gardam mit dem Titel «Letzte Freunde», 2016 auf Deutsch erschienen, völlig eigenständig zu lesen, ohne Cliffhanger also. Mit großem Geschick nämlich hat die Grande Dame der englischen Belletristik ihren üppigen Erzählstoff um die beiden Erfolgsjuristen und die Frau, die zwischen ihnen steht, aus den unterschiedlichen Blickwinkeln auf diese drei dominanten Figuren heraus entwickelt. So steht im ersten Band «Ein untadeliger Mann» Old Filth alias Edward Feathers im Fokus, im zweiten, «Eine treue Frau», seine Frau Betty und im vorliegenden dritten nun der ewige Rivale und Nebenbuhler Terry Verneering. Alle drei sind übrigens tot, wenn der Roman beginnt, im Wesentlichen wird also in ausgedehnten Rückblenden erzählt, und was man da so erfährt, ist oft schon aus den beiden anderen Bänden bekannt, der Reiz liegt in den jeweils verschiedenen Perspektiven.

Als berühmte Juristen der britischen Kronkolonie Hongkong haben die beiden ungleichen Männer schon manchen Strauß vor Gericht ausgefochten. Die hochgeachteten Koryphäen des Baurechts hassen und beneiden sich gleichermaßen, der «untadelige», gepflegte, überkorrekte Gentleman «Old Filth» und der ebenso lebenslustige wie attraktive Frauenheld Terry, den die mit Feathers verheiratete Betty ein Leben lang begehrt. Durch Zufall nach ihrer Pensionierung in einer kleinen Ortschaft der Grafschaft Dorset zu Nachbarn geworden, gehen die ungleichen Männer sich geflissentlich aus dem Weg, ehe sie nach Bettys Tod als einsame alte Herren doch noch zueinander finden. Das alles taucht als narrativer Hintergrund immer wieder auf, wenn Jane Gardam in gewohnt rasantem Tempo die Lebensgeschichte von Terry erzählt. Sie tut dies in verschiedenen Zeitebenen, die sie virtuos wechselt, wobei der Zeitrahmen das gesamte zwanzigste Jahrhundert umfasst mit all den Umbrüchen, die der Niedergang des British Empire mit sich gebracht hat, aber auch die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs.

Bemerkenswert plastisch ist die Figurenzeichnung, neben den drei Helden der Trilogie tauchen hier ergänzend eine ganze Reihe weiterer Personen auf, die Terrys Lebensweg begleitet haben, allesamt auf ihre Weise originelle, oft auch recht skurrile Figuren. Mit schwarzem britischem Humor durchtränkt wird dabei aber nicht geschwätzig alles haarklein vor dem Leser ausgebreitet, der hintersinnige Plot lebt auch von dem diskret Ausgespartem, vom beharrlichen Schweigen des zumeist hoch betagten Figurenensembles, von den kleinen Geheimnissen in einem kunstvoll geknüpften narrativen Netz. Das Kommen und Gehen als ewiger Ablauf allen Lebens wird hier in den zurückgelassenen eigenen Kulissen, im ernüchternden Faktum des Weiterlebens der vielen anderen gespiegelt, der Nachgeborenen. Die Häuser wurden verkauft, neue Leute sind eingezogen, das ehemalige Leben darin ist schon bald nicht mehr erkennbar, alle Spuren sind inzwischen verwischt.

Und doch keimt in diesem geriatrischen Roman zaghaft noch die Hoffung auf, sind nicht alle Wege verstellt, selbst wenn dies kitschig erscheinen mag am Ende. Vorzuwerfen aber ist der Autorin das Zuviel an Zufällen, wer wem wann ganz unverhofft über den Weg läuft, wer zufällig auf der Suche nach einem Job in ein Büro hineinstolpert, als dessen Erbe er sich dann unerwartet erweist. Die Lebensgeschichte von Terry ist wahrlich märchenhaft geraten, und auch bei den aberwitzigen Todesarten, - und es wird viel gestorben in diesem Roman -, wird die Nachsicht des Lesers auf eine harte Probe gestellt. Letztendlich aber verzeiht man Jane Gardam solche fiktionalen Übertreibungen, denn die Lektüre ist trotzdem bereichernd, anschaulich und humorvoll wird außerdem die oft schrullige Mentalität der Briten dargestellt. Und auch die Weisheit eines langen Schriftstellerlebens ist - last, but not least - eingearbeitet in diesen äußerst vielschichtigen Roman, der genau an seinem Zuviel aber letztendlich scheitert.

Bewertung vom 31.08.2018
Kudos
Cusk, Rachel

Kudos


sehr gut

Selbstoffenbarungen

Der englischen Schriftstellerin Rachel Cusk, die 1993 ihren ersten Roman veröffentlicht hat, ist der literarischer Durchbruch erst recht spät mit einer Romantrilogie gelungen, deren letzter, völlig eigenständig lesbarer Band «Kudos» jetzt auf Deutsch vorliegt, sie gilt damit auch hierzulande als innovative literarische Entdeckung. Gemeinsam ist diesen stark autobiografisch geprägten drei neuen Romanen die Erzählperspektive einer als Alter Ego der Autorin angelegten, schweigend im Hintergrund bleibenden Protagonistin. Faye, eine geschiedene Schriftstellerin mittleren Alters (sic!), befindet sich auf einer Promotiontour durch Europa, um ihr neues Buch vorzustellen. Ihre Rolle bei den verschiedenen Begegnungen, die sie auf dieser Reise hat und die im Wesentlichen den Inhalt dieses Buches ausmachen, beschränkt sich ziemlich einseitig auf das bloße Zuhören, ganz selten spricht sie auch mal selbst. Diese praktisch handlungslose, originelle Erzählform einer akribischen, fast schon simultanen Protokollierung der Erzählungen von Alltagsproblemen unterschiedlichster Figuren wird, ihrer narrativen Radikalität wegen, im englischen Sprachraum, vor allem in den USA, hoch gelobt. Zu Recht?

Der Reigen von Monologen jener Leute, denen Faye begegnet und die ihr ungeniert und freimütig, zuweilen geradezu zwanghaft aus ihrem Leben erzählen, beginnt mit dem Sitznachbarn im Flugzeug, ein Riese mit Problemen, seine langen Beine in dem engen Flugzeug irgendwie unterzubringen, - normalerweise fliege er Business-Class, erklärt der Geschäftsmann entschuldigend. Im Nu beginnt er eine Erzählung über seinen Beruf, seine Familie, den großen Hund, den er angeschafft habe als Kompensation für seine geschäftsbedingt häufige Abwesenheit von zuhause. Kurz vor einer gemeinsamen Reise der Familie sei der Hund plötzlich krank geworden, Diagnose Krebs im Endstadium. Er habe die ahnungslose Familie vorgeschickt, den Hund dann, mit schlechtem Gewissen den Seinen gegenüber, einschläfern lassen und äußerst mühsam nachts im Garten vergraben. Voll verdreckt habe er dann schnell geduscht und sei gleich anschließend zum Flughafen gefahren, um der Familie nachzureisen. Nachdenklich seine gepflegten Hände betrachtend fügt er am Ende überraschend hinzu: «Nur den Dreck unter meinen Fingernägeln, den habe ich nicht weggekriegt».

Fayes Reise zu zwei Literaturfestivals dient ihr persönlich auch zur Bewältigung eigener Probleme, sie möchte Abstand gewinnen zur privaten Katastrophe und hofft außerdem endlich auf Anerkennung als Schriftstellerin. Die zeitnahe Thematik dieser einer Beichte ähnelnden Berichte beschäftigt sich aus femininer Sicht vor allem mit dem schwierigen, oft kämpferischen Verhältnis der Geschlechter zueinander sowie der fatalen Brüchigkeit ihrer Partnerschaften. Den Leser erwarten aber auch interessante Einblicke in den Literaturbetrieb, von der Angst der Autoren vor dem leeren Blatt über die Szene der Verleger bis hin zu Feuilleton und Leserschaft. Der dem Griechischen entlehnte, ironisch gemeinte Buchtitel bedeutet Ruhm, wozu dann auch der oft unverhohlen satirische Ton dieser feinsinnigen Branchenschelte passt, - die aber durchaus auch lehrreich ist. Faye erlebt redselige Kollegen, die geradezu obsessiv merkwürdigste Ansichten vertreten, sie wird interviewt und kommt dabei selbst nicht ein einziges Mal zu Wort, sie nimmt an Gesprächsrunden teil, in denen niemand ihr wirklich zuhört.

Die Stärke der Autorin liegt in der messerscharfen Beobachtung subtilster Erscheinungen und irrelevanter Begebenheiten, die sie psychologisch stimmig und äußerst geschickt in ihre monologisch angelegten Selbstoffenbarungen einbaut. Sprachlich gekonnt benutzt sie bei ihrer auf Einseitigkeit beharrenden Erzählkonstellation zumeist die Form des Zitats, selten die direkte Rede, aber auch eine Mischform von beiden. Rachel Cusk hat damit literarisch ihren ganz eigenen Stil kreiert, der ebenso bereichernd ist wie die Geschichten, die er transportiert.

Bewertung vom 28.08.2018
Bei Regen im Saal
Genazino, Wilhelm

Bei Regen im Saal


gut

Die Romanhaftigkeit des Lebens

Das Markenzeichen des Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino ist ‹der gedehnten Blick›, den er in seinem gleichnamigen Essay konkret beschrieben hat und der auch den Roman «Bei Regen im Saal» prägt. Gemeint ist damit eine zeitlich gedehnte, intensive Wahrnehmung auch kleinster, banaler Details des Alltags. Erst bei längerer Betrachtung erschließe sich «die Tiefendimension eines Gegenstandes oder einer Situation», und damit verliere sich auch das Triviale, hat er im Interview erklärt. Ein weiteres Merkmal seiner Prosa ist der elegische, resignative Grundton, die Protagonisten sind misanthropische Antihelden, das Milieu ist durch die «kleinen Leute» gekennzeichnet im Kampf mit dem alltäglichen Wahnsinn unserer immer komplizierter werdenden, modernen Zeit.

Der erst ganz am Ende als Reinhard ‹benamste› Ich-Erzähler ist ein 43jähriger, promovierter Philosoph, ein Verlierertyp, der sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlägt und schließlich als Redakteur bei einer Lokalzeitung landet. Als unverbesserlicher Eigenbrötler wohnt er im Chaos seiner spartanisch möblierten, verschmutzten Wohnung, ein schlecht gekleideter, schlecht rasierter, schmuddeliger und ungepflegter Mann. Er ist antriebslos und verrichtet seine Arbeit gleichgültig, ohne jeden Ehrgeiz. Seinem tristen Zuhause, seiner ereignislosen Existenz entflieht der Flaneur durch häufige Streifzüge durch die Stadt, er beobachtet dabei mit scharfem Blick sein ihm immer unverständlicher werdendes, urbanes Umfeld. Einziger Lichtblick in seinem ansonsten bindungsarmen Leben ist seine Freundin Sonja, eine dralle Finanzbeamtin, mit der er ein äußerst erfülltes Sexualleben führt. Der auch vom Aussehen her wenig attraktive Mann mit seinen Marotten ist ein ausgesprochener Busenfetischist, BHs und Brüste üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn aus. Und erstaunlicher Weise machen ihm viele Frauen recht deutlich Avancen, weil sie seine Begehrlichkeit spüren, er aber weicht dem immer aus, seine eh schon schwach ausgeprägte Bindungsfähigkeit lässt ihn vor flüchtigen Affären zurückschrecken, seine Liebe gilt allein Sonja.

Eine Handlung ist in diesem kurzen Roman kaum auszumachen, das Wenige davon hier auszuplaudern wäre unfair, denn eine gewisse Spannung ergibt sich trotzdem, - es geht ja schließlich um Liebe, und die ist immer für Überraschungen gut! Die Geschichte als Ganzes lebt von den als Gedankenstrom erzählten Grübeleien und inneren Monologen des ewigen Flaneurs, den jede noch so kleine Begebenheit interessiert und oft zu abseitigen, philosophischen Betrachtungen animiert. Das Große im Kleinen zu erkennen, die tiefere Bedeutung auszuloten ist das erklärte Anliegen des Autors. Wobei politische, religiöse, ökonomische oder soziologische Aspekte ausgeklammert bleiben, das alltäglich Banale des menschlichen Seins steht im Fokus, hinzu kommen gelegentlich auch Beobachtungen in der Natur. Als Ergebnis solcher Selbstreflexion, als Extrakt dieser willkürlichen, sprunghaften Denkprozesse ergeben sich dann häufig völlig absurde, eigenwillige Einsichten und skurrile Assoziationen.

Wilhelm Genazino überrascht seine Leser zuweilen mit gelungenen Wortschöpfungen in einer angenehm lesbaren, den narrativ vorherrschenden Bewusstseinsstrom stimmig abbildenden, schnörkellosen Sprache. Zu der allfälligen Kritik an seinen handlungsarmen Plots hat der sich selbst als randständig verortende Schriftsteller in einem Interview angemerkt: «Denn unter den Lesern sind natürlich auch sehr viele, die nicht die entsprechende Muße aufbringen und stattdessen mehr Action wollen. Für diese Leser muss es viel mehr vordergründige Handlungsmuster geben, da müssen irgendwelche Scheidungen stattfinden und Liebesabenteuer usw. Wenn das nicht stattfindet, dann legen diese Leser so ein Buch wie eines von mir schnell beiseite und sagen: ‹Ach, wie langweilig›!» Die Romanhaftigkeit des Lebens ist selten actionreich, das wird beim Lesen dieses Romans sehr deutlich.

Bewertung vom 27.08.2018
Phantome
Prosser, Robert

Phantome


weniger gut

Titos Erben

Mit den ethnisch-religiösen Säuberungen im Verlauf des unsäglichen Jugoslawienkriegs hat sich der österreichische Schriftsteller Robert Prosser an ein Thema gewagt, das literarisch bisher kaum beachtet wurde. «Phantome» lautet der kryptische Titel seines Romans. Es sind jedoch keine Trugbilder, die da thematisiert werden, sondern die inzwischen fast vergessenen Gräuel eines so in Europa nicht mehr für möglich gehaltenen Gemetzels unter den Balkanvölkern. Die dadurch ausgelöste Flüchtlingswelle findet in der aktuellen Flüchtlingsproblematik ihr Pendant, dieser Roman passt mit seiner Thematik als Mahnzeichen also bestens in unsere Gegenwart. Wird er seinem Thema auch narrativ gerecht, ist nach der Longlist-Platzierung 2017 die Frage.

Der dreiteilig aufgebaute Roman erzählt im ersten Teil von einem namenlos bleibenden, jungen Wiener Graffitisprayer, der 2015 bei seinen gewagten nächtlichen Streifzügen durch die U-Bahnschächte den Kick sucht, den begehrten Adrenalinstoß. «Das Wabern im Hirn bewirkt einen zusätzlichen Kick, wenn man einen Wholetrain und pro Waggon einen Buchstaben malt, und zugleich beklagen sie sich über nachlassendes Gedächtnis und löchrigen Wortschatz. Man pumpt Nächte mit Energie voll, damit sie wie eine Piñata zerplatzen, derweil weichen die Farben das Denken auf. Warum tut man sich das an?» Der in nervigem Szene-Jargon erzählte Selbstfindungstrip des unbedarften Ich-Erzählers kontrastieren mit den beklemmenden Eindrücken, die er dann bei einem Besuch mit seiner Freundin Sara in Bosnien-Herzegowina hat, als sie dort nach Spuren ihrer Mutter Anisa suchen und dabei mit dem Schicksal der vielen Kriegsflüchtlinge konfrontiert werden.

Der Hauptteil handelt in zwei ständig wechselnden Erzählsträngen von den Erlebnissen Anisas und ihres Freundes Jovan im Jahre 1992. Deren Liebesgeschichte ist durch die grausamen kriegerischen Ereignisse und dem verheerende Kollateralschaden in ihrer Folge von kurzer Dauer und endet mit der Flucht Anisas nach Wien. Prosser schildert die bis heute nicht wirklich aufgearbeiteten Verbrechen während dieser de facto gesetzlosen Zeit mit scharfem Blick in einer präzise beschreibenden, glasklaren Sprache. Bei all den Gräueln stockt dem Leser häufig der Atem, unsäglich ist das Leiden der zwischen den verschiedenen Fronten stehenden, schutzlosen Zivilisten. Eine derartige Barbarei mitten in Europa kann man sich heute fast gar nicht mehr vorstellen, - sie liegt aber doch erst eine Generation zurück, gerade mal 25 Jahre! Während die bosnische Kroatin Anisa in einem Flüchtlingslager in Wien lebt, muss Jovan als bosnischer Serbe gegen seine Willen auf der anderen Seite kämpfen. Im letzten Teil berichtet Jovan als Ich-Erzähler im Jahre 2015 aus dem Gefängnis in Wien, wobei er immer wieder in Rückblicken auf seine Kriegserlebnisse in Bosnien zurückkommt. Eine unheilvolle Melange aus Angst, Verrat, Denunziation und religiöser Verblendung führte dazu, dass aus bisher guten Freunden und Nachbarn plötzlich erbitterte Feinde wurden. Ja, der Wahnsinn ging so weit, dass im Ausland arbeitende bosnische Flüchtlinge am Wochenende in die Kriegsgebiete fuhren, um dort auf ihrer jeweiligen Seite mitzukämpfen und dann am Montag wieder pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen, - möglicherweise friedlich vereint neben einem Kollegen, der auf der Gegenseite gekämpft hat.

Der Autor hat in dem völlig überflüssigen ersten Teil eigene Erfahrungen als Sprayer eingebracht, die nicht relevant sind für den reportageartigen Plot, und es scheint so, als wollte er auch haarklein all das im Text unterbringen, was er in Bosnien drei Jahre lang recherchiert hat. Der schwer zu lesende, sprunghaft erzählte Roman hat mich nicht überzeugt, die vielen Figuren rufen keinerlei Empathie hervor, der Hauptteil beginnt schon bald zu nerven mit seiner überbordenden Detailfülle, und als Leser bleibt man allein mit all den Gräueln, Prosser enthält sich jedweden Kommentars darüber, was Titos Erben angerichtet haben.

Bewertung vom 23.08.2018
Auf die sanfte Tour
Freeman, Castle

Auf die sanfte Tour


gut

Ein Pageturner

Mit «Auf die sanfte Tour» ist im vergangenen Jahr der zweite Roman von Castle Freeman auf Deutsch erschienen, auch hier bildet der US-Staat Vermont die Kulisse für das Geschehen. Der seit mehr als vier Jahrzehnten dort ansässige Schriftsteller fand in der von Ahornwäldern geprägten Landschaft und insbesondere in ihrer provinziellen Bevölkerung sein literarisches Thema. Carl Zuckmayer hat dazu geschrieben: «Daher eignet diesen Leuten ein Zug von Starrsinn und Hartnäckigkeit, auch von Verkauztheit, der Europäern leichter verständlich ist als vielen Amerikanern. Ein sonderlich abgeschlossenes Volk mit einem schrulligen, oft etwas maliziösen Humor, nonkonformistisch bis in die Knochen, eigenwillig bis zur Eigenbrötelei, doch niemals ohne die natürliche Bindung in der Gemeinde, die selbstverständliche, phrasenlose Bereitschaft zu gegenseitiger Hilfe». Genau dieser so meisterhaft beschriebene Menschenschlag prägt nun auch wieder den vorliegenden Roman, er ist nichts weniger als dessen narratives Elixier.

Der Titel verweist auf die Arbeitsweise von Lucian Wing, Sheriff einer kleinen Stadt. Im dritten Kapitel heißt es unter der Überschrift «Sheriffsein» dazu: «Der Sheriff vertritt das Gesetz gegenüber Leuten, bei denen das eigentlich nicht nötig ist. Er setzt das Gesetz bei Leuten durch, die nicht – oder nicht sehr – dagegen verstoßen. Sheriffsein ist ungefähr so, als wäre man Rausschmeißer beim Wohltätigkeitsball: Wenn alles normal läuft, hat man nicht viel zu tun». Mit dieser Auffassung, den Dingen also ihren Lauf zu lassen und möglichst wenig zu intervenieren, wird er seit vielen Wahlperioden immer wieder neu zum Sheriff gewählt, die Leute wissen sehr gut, was sie an ihm haben. Und so trägt dieser unkonventionelle Sheriff niemals seine Uniform, benutzt statt des Polizeiautos seinen privaten Pickup und ist immer ohne Dienstwaffe unterwegs.

Auf die sanfte Tour reagiert er auch, als in ein - der Russenmafia gehörendes - pompöses Landhaus eingebrochen und der Tresor entwendet wird. Sheriff Wing weiß mit einem Blick, wer der Täter ist, er erkennt den stadtbekannten Tagedieb an seiner brachialen Vorgehensweise. Seine Sympathie gilt aber eher dem «Superboy» genannten, jungen Kleinkriminellen Sean als den Opfern des Diebstahls, die als äußerst brutale russische Mafiosi den ihm so wichtigen Frieden in seinem County nachhaltig stören. Dieser amerikanische Roman ist ein typischer Pageturner, er lebt also von der Spannung, wie diese böse Geschichte mit den mafiosen Russen und dem kleinkriminellen Frauenliebling «Superboy» denn wohl ausgeht, soviel aber darf spoilerfrei verraten werden, es kommt zu einer geradezu salomonischen Lösung.

Neben der sorgsam aufgebauten Spannung des Plots sorgt insbesondere die zielgerichtet knappe Sprache, in welcher aus Sicht des Sheriffs in Ich-Form erzählt wird, für den eigentlichen Lesegenuss. Zum einen sind da die köstlichen Dialoge der hinterwäldlerischen, knorrigen Figuren, in ihrer Einsilbigkeit kaum zu übertreffen, zum anderen aber auch die Lakonie des Autors, mit der er fast beiläufig, journalistisch knapp, ja geradezu lässig erzählt. Hinter der unübersehbaren Ironie schimmert dabei immer ein durchaus lebenskluger, alltagsphilosophischer Hintergrund mit durch, der manchmal beißende Witz ist niemals substanz- oder gar geistlos. Die überwiegend männlichen Figuren sind treffend beschrieben, sie wirken allesamt sympathisch, die wenigen Frauen in dieser macho-perspektivischen Geschichte sind als Ehefrau, Geliebte oder Betthäschen eher unscheinbare Randfiguren, oft in zwei dieser urweiblichen Daseinsvarianten gleichzeitig. Vor meinem inneren Auge, im Kopfkino also, habe ich als Sheriff immer John Wayne agieren sehen, eine unwillkürliche Assoziation, die darauf hindeutet, dass man hier durchaus von einem modernen Western sprechen könnte, auch wenn die Handlung im Osten der USA angesiedelt ist. Man wird jedenfalls bestens unterhalten in diesem ebenso herben wie weisen, amüsanten Roman.

Bewertung vom 21.08.2018
Weshalb die Herren Seesterne tragen
Weidenholzer, Anna

Weshalb die Herren Seesterne tragen


schlecht

Die Angst vor dem Nichts

Schon der kryptische Titel «Weshalb die Herren Seesterne tragen» von Anna Weidenholzers zweitem Roman weist auf eine seltsame Geschichte hin, die junge österreichische Autorin thematisiert darin nämlich die Idee vom «Bruttonationalglück». Mit der im asiatischen Königreich Bhutan entwickelten Methode zur Messung des Lebensstandards wird nicht nur nach ökonomischen, sondern auch nach soziologischen, humanistischen und psychologischen Maßstäben bewertet. Kann man Glück erforschen, fragt man sich als staunender Leser. Natürlich nicht, lautet die Antwort, nachdem man diesen 2016 für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierten Roman gelesen hat.

Als Hobby-Glücksforscher bricht der pensionierte Lehrer Karl Hellmann eines Tages in ein trostloses österreichisches Kaff auf, das er nach dem Zufallsprinzip ausgesucht hat, um die Einwohner seines Landes zu ihrem Glücksempfinden zu befragen. Er quartiert sich als einziger Gast in einem schäbigen Hotel des schneelosen Skiortes ein, das von einer namenlos bleibenden Frau bewirtschaftet wird. Von diesem Quartier aus startet er mit seinen Interviews, für die er an das Original aus Bhutan angelehnte Fragebogen ausgearbeitet hat, deren Beantwortung etwa drei Stunden dauert. Fast immer aber läuft die Befragung dabei in die falsche Richtung, gerät das eigentliche Thema in den Hintergrund, ändert er spontan die Fragen ab, weil sie sich als kaum zu beantworten erweisen. Und häufig ist er plötzlich selbst der Befragte, die Leute interessieren sich für den Sonderling, der da in ihrem Kaff so ganz unvermutet aufgetaucht ist. Seine Probanden werden anonym befragt, er will ihre Namen auch selber nicht wissen und führt sie ausschließlich unter verschlüsselten Kürzeln. Da trifft dann zum Beispiel M1 bei einer dörflichen Veranstaltung mit F3 zusammen in dieser seltsamen Erzählung.

Unterbrochen wird die fragmentarisch in zahlreiche kleinste Erzählschnipsel aufgeteilte Geschichte durch häufige Telefonate mit Margit, der Frau des schrulligen Helden, die an der Vorbereitung seiner Mission mutmaßlich beteiligt war. Von deren unangekündigter, plötzlicher Realisierung aber, die einer Flucht gleicht, scheint sie überrascht und wenig begeistert zu sein. Als sie seine Anrufe nicht mehr entgegen nimmt, erfolgt der tägliche Bericht an Margit rein monologisch. Dieser Ehekonflikt auf Telefonebene spiegelt narrativ die Befürchtungen und Ängste der Menschen, denen der kauzige Held begegnet, wobei all diese Kontakte oberflächlich bleiben und keine Emotionen auslösen. Dem Glück als Sehnsuchtsziel wird hier lakonisch das Existenzielle des menschlichen Daseins gegenüber gestellt, und auch wenn man als Leser den Don Quijote-artigen Protagonisten hilflos durch die Geschichte stolpern sieht, berichtet die Story gleichwohl knallhart, trocken und illusionslos vom Kampf zwischen Innen- und Außenwelt des überforderten Helden.

In ihrem ebenso ereignisarmen wie elegischen Roman spürt die Autorin mit traurigem Ernst dem Glück als ungelöstem Rätsel der Menschheit nach, und immer wieder fügt sie dabei Rückblicke auf die scheinbar problematische Ehe des tragischen Helden ein. Auffallend ist das massenhaft Insignifikante, das in die Geschichte einfließt, alles bleibt unbestimmt, wird in der Schwebe gehalten, und allzu oft mäandert die Geschichte auch ins erzählerische Nichts. Die titelgebende Seestern-Anekdote ist ein markantes Beispiel dafür: Auf einem Foto sind einige Männer zu sehen, die alle einen Seestern am Jackett befestigt haben. Ein Einheimischer sei vor vielen Jahren nach Übersee ausgewandert, wird erklärt, und habe seinen alten Freunden später die Seesterne zugesendet. Die Freunde hätten ihm dann zum Dank das Foto geschickt, auf dem sie die Seesterne als Schmuck tragen. Alles klar soweit? Es gibt im gesamten Roman keinerlei Bezug zu dieser Anekdote! Das Glück, oder besser das Nichts und die Angst davor thematisch aufzubereiten ist hier meines Erachtens gründlich misslungen.

Bewertung vom 16.08.2018
Früchte des Zorns
Steinbeck, John

Früchte des Zorns


sehr gut

Mit sozialem Scharfsinn

Aus dem Werk des US-amerikanischen Schriftstellers John Steinbeck hebt sich der sozialkritische Roman «Früchte des Zorns» von 1939 auch heute noch besonders hervor. Er hat damit den Arbeitsmigranten in der Zeit der Großen Depression allgemein und den verächtlich als «Okies» bezeichneten, entwurzelten Wanderarbeitern aus Oklahoma, die damals in Massen nach Kalifornien auf Arbeitssuche gezogen sind, im Besonderen ein Denkmal gesetzt. Das Nobelkomitee lobte den Autor 1962 «für seine einmalige realistische und phantasievolle Erzählkunst, gekennzeichnet durch mitfühlenden Humor und sozialen Scharfsinn». Dieser Roman ist auch heute noch Schullektüre in vielen englischsprachigen Ländern, er wird mit seinem Realismus und der beeindruckenden Detailfülle auch als willkommene historische Quelle angesehen.

Auslöser der hunderttausendfachen Armutsmigration war neben jahrelanger Dürre vor allem die «Urbarmachung» der Prärie in den dann später als «Dust Bowl» bezeichneten Gebieten in der Mitte der USA. Die Prärie musste dem Baumwoll- und Weizenanbau weichen, das fehlende Präriegras ließ den Boden schnell austrocknen, verheerende Sandstürme waren die Folge, die «Staubschüssel» entstand. Und so schildert Steinbeck denn auch gleich im ersten der dreißig Kapitel des Romans sehr eindringlich diese von Menschen verursachte Katastrophe, bei der die Farmer ihr Land verloren haben, weil sie wegen der ausfallenden Ernten ihre Kredite bei den Banken nicht mehr bedienen konnten. Auf Handzetteln wurden Erntehelfer für die riesigen Obstplantagen in Kalifornien gesucht, es gab wilde Gerüchte über den Garten Eden dort, und so macht sich denn auch die Familie Joad aus Oklahoma auf den Weg, nachdem die Traktoren der neuen Großgrundbesitzer bis dicht an ihr Haus heran alles umgepflügt hatten und im Begriff waren, nun auch noch das armselige Farmhaus zu zerstören, weil es der modernen, hocheffizienten Bewirtschaftung im Wege steht.

«Route 66» als legendärer, auch aus der Musik bekannter Highway ist über weite Teile der Geschichte Schauplatz des Geschehens. Die entwurzelte Großfamilie, die sich aus drei Generationen zusammensetzt, erlebt auf der beschwerlichen Reise mit einer zum Lastwagen umgebauten, klapprigen Limousine immer wieder herbe Rückschläge und beschämende Demütigungen. Das wenige Geld wird erschreckend knapp, ihr Auto kann nur noch notdürftig repariert werden, wie Wegelagerer beuten Händler am Wegesrand die durchreisenden, auf Hilfe angewiesenen Okies immer wieder schamlos aus, und auch die Sheriffs machen ihnen das Leben zur Hölle. Das alles ändert sich leider nicht, als sie mit ihren letzten Dollars in Kalifornien ankommen, denn Arbeit gibt es dort keine für sie. Und wenn doch, dann zu Löhnen, die wegen des Überangebots von Arbeitskräften nicht mal für das Essen ausreichen, ein perfides, staatlich gestütztes Ausbeutungssystem hat sich etabliert, ermöglicht durch eine der marxschen entsprechende, agrarische Reservearmee.

In all dieser Not zeichnet Steinbeck seine durchweg sympathischen Figuren als einfältige, skurrile, ungebildete Menschen, die gleichwohl aufrichtig durchs Leben gehen und stets ihre Würde wahren, allem Unbill zum Trotz. Berührend ist dabei auch der fast schon archaische Wille der Familie, zusammenzuhalten, komme was da wolle. «Früchte des Zorns» wird als realistischer Roman chronologisch erzählt, wobei der dialogreichen Geschichte der Familie auf ihrer Reise ins vermeintliche El Dorado jeweils ein zusammenfassendes Kapitel politischen, ökonomischen oder soziologischen Inhalts vorangestellt wird, das in diesem realistischen Roman als kontemplativ wirkender Hintergrund dient. Der dickleibige Roman ist ein großartiges Zeitzeugnis mit einer Botschaft, die nichts an Aktualität eingebüßt hat über all die Jahre, denn die darin angeprangerten kapitalistischen Mechanismen sind im Prinzip zeitlos, also unverändert auch heute noch wirksam. Ein hervorragender Roman des vergangenen Jahrhunderts!