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In Großbritannien gilt das Gesetz des Stärkeren. Das Land ist von einer hohen Mauer umgeben, die von den Bewohnern um jeden Preis gegen Eindringlinge verteidigt wird. Während in England der Brexit vorbereitet wird, legt Bestsellerautor John Lanchester einen brisanten neuen Roman vor.
Joseph Kavanagh tritt seinen Dienst auf der Mauer an, die England seit dem großen Wandel umgibt. Er gehört nun zu jener Gruppe von jungen Menschen, die die Mauer unter Einsatz ihres Lebens gegen Eindringlinge verteidigt. Der Preis für ein mögliches Versagen ist hoch. Schaffen es Eindringlinge ins Land, werden…mehr

Produktbeschreibung
In Großbritannien gilt das Gesetz des Stärkeren. Das Land ist von einer hohen Mauer umgeben, die von den Bewohnern um jeden Preis gegen Eindringlinge verteidigt wird. Während in England der Brexit vorbereitet wird, legt Bestsellerautor John Lanchester einen brisanten neuen Roman vor.

Joseph Kavanagh tritt seinen Dienst auf der Mauer an, die England seit dem großen Wandel umgibt. Er gehört nun zu jener Gruppe von jungen Menschen, die die Mauer unter Einsatz ihres Lebens gegen Eindringlinge verteidigt. Der Preis für ein mögliches Versagen ist hoch. Schaffen es Eindringlinge ins Land, werden die verantwortlichen Verteidiger dem Meer - und somit dem sicheren Tod - übergeben. Das Leben auf der Mauer verlangt Kavanagh einiges ab, doch seine Einheit wird zu seiner Familie, und mit Hifa, einer jungen Frau, fühlt er sich besonders eng verbunden. Gemeinsam absolvieren sie Kampfübungen, die sie auf den Ernstfall vorbereiten sollen. Denn ihre Gegner können jeden Moment angreifen. Und die sind gefährlich, weil sie für ein Leben hinter der Mauer alles aufs Spiel setzen.
John Lanchester geht in seinem neuen Roman alle Herausforderungen unserer Zeit an - Flüchtlingsströme, wachsende politische Differenzen und die immer größer werdende Angst in der Bevölkerung - und verwebt diese zu einer hochgradig spannenden Geschichte über Liebe und Vertrauen sowie über den Kampf ums Überleben.
  • Produktdetails
  • Verlag: Klett-Cotta
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 348
  • Erscheinungstermin: Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 131mm x 35mm
  • Gewicht: 488g
  • ISBN-13: 9783608963915
  • ISBN-10: 360896391X
  • Artikelnr.: 54460680
Autorenporträt
John Lanchester, geboren 1962 in Hamburg, wuchs im Fernen Osten auf und arbeitete in England als Lektor beim Verlag Penguin Books, ehe er Redakteur der »London Review of Books« wurde. Daneben war er für Zeitungen und Zeitschriften wie »Granta« und »The New Yorker« tätig sowie als Restaurantkritiker für »The Observer« und Kolumnist für »The Daily Telegraph«. Er gehört zu den bedeutendsten Schriftstellern und führenden Intellektuellen Englands.
Rezensionen
Besprechung von 20.01.2019
Hinter Mauern

Als John Lanchester anfing, den Roman "Die Mauer" zu schreiben, war Donald Trump noch nicht Präsident, und der Brexit sah aus wie eine Unmöglichkeit. Heute liest man das Buch wie eine Vision - auch wenn es darin eigentlich um andere, tiefere Fragen geht. Eine Begegnung mit dem Autor, der ein großer Schriftsteller ist. Und ein sehr politischer Mensch

Dass sein neuer Roman jetzt, wo er erscheint, eine solche Brisanz haben würde, hat John Lanchester nicht vorhergesehen und nicht geplant. "Jedenfalls nicht absichtlich", sagt er: "Es fing eigentlich mit einem Traum an. Ich arbeitete vor zwei Jahren an einem anderen Roman, hatte ein bestimmtes Bild im Kopf, das immer wiederkehrte, und schlief darüber ein. Ich träumte von einem Mann, der auf einer Mauer stand, alleine, nachts, an der Küste, den Blick auf das Meer gerichtet. Ich begann, darüber nachzudenken, wer das sein und in welcher Welt er leben könnte. Für mich war es das Bild einer Welt nach einer Klimakatastrophe, also hatte ich das Bild, eine Figur, eine Welt - und begann, ein neues Buch zu schreiben: ,Die Mauer'."

Ein "langgestrecktes Ungeheuer aus Beton" ist dieser Schutzwall, der im Roman Großbritannien umgibt, um Eindringlinge abzuwehren. Er ist zehntausend Kilometer lang ("dieses Land hat eine Menge Küste"), die Seite, die zum Meer geht, ist fünf Meter hoch und auf der Landseite je nach Beschaffenheit des Geländes von unterschiedlicher Höhe. Alle drei Kilometer gibt es ein Wachhaus, also insgesamt mehr als dreitausend. Es gibt Wälle, Treppen, Kasernen, Ausfahrtschleusen für Boote, Hubschrauberlandeplätze. Alles ist aus Beton und Großbritannien undurchdringlich abgeschottet. Zumindest ist das das Ziel.

John Lanchester, der 1962 in Hamburg zur Welt kam - die Mutter aus Irland, der Vater ein in Südafrika geborener Banker -, der in Asien aufwuchs, als Journalist beeindruckende Analysen für die "London Review of Books" und den "New Yorker" schreibt und mit seinem Roman "Kapital" über das Leben in der Großstadt in den Zeiten der Finanzkrise vor sechs Jahren auch in Deutschland berühmt wurde, entwirft die Vision einer nahen Zukunft. Sie spielt in einer Zeit nach dem "Wandel", wie die Klimakatastrophe, die hier schon stattgefunden hat, im Roman vage genannt wird. Es sei ihm nicht so sehr darum gegangen, über den Umweg der Zukunft das zu beschreiben, was gerade passiere, sagt Lanchester, sondern darum, auf die Richtung aufmerksam zu machen, in die wir gehen, den Weg zu zeigen, auf dem wir uns befinden.

Aber so ist das mit der Literatur: Der Kontext, in dem das Buch nun erscheint, kontaminiert das, was erzählt wird. Ohne dass der Autor selbst es bewusst beabsichtigt hätte, wird der Echoraum größer, entstehen Bedeutungszusammenhänge, die sich in unseren Köpfen verselbständigen. Denn natürlich denkt man bei der Mauer genau jetzt an die Szenen an der mexikanisch-amerikanischen Grenze und an das, was Donald Trump erst diese Woche wieder gesagt hat: Dass er die Grenze mit einer 1400 Kilometer langen Mauer sichern wolle und auf der restlichen Strecke natürliche Barrieren ihren Zweck erfüllen sollen ("Wir haben Berge. Und wir haben Flüsse, die brutal und böse sind"). Und dass die Mauer am besten durchsichtig sein müsse, damit Grenzbeamte auf die andere Seite blicken könnten.

Weil es sich bei Lanchester um einen Wall handelt, der Großbritannien umgibt, und sich sein Roman bei aller Düsternis immerzu auch feinsinnige englische Pointen erlaubt, hat man beim Lesen aber zugleich den Brexit im Kopf, die Kampagnen, die verfahrene Lage nach der Ablehnung des Theresa-May-Vertrags durch das britische Unterhaus in diesen Tagen. "Die Mauer" ist deshalb nicht gleich ein Brexit-Roman. Doch haben der Brexit und die mit ihm verbundenen Ängste sehr viel mit dem zu tun, was Lanchester verhandelt.

Zunächst steht da aber erst mal nur dieser junge Mann auf der Mauer, Joseph Kavanagh. Er ist neu in der Mannschaft der "Verteidiger", die oben in der Kälte für die "Nationale Küstenverteidigungsbefestigung (NKVB)" arbeiten. Einer von hunderttausend, die sich in zwei Schichten abwechseln. "Wir sind hier, um das Meer zu beobachten", sagt der Hauptmann zu ihm. Während sie dort mit vom Stillstehen schmerzenden Gliedern in der Kälte Wache halten, sind über ihnen von Zeit zu Zeit Flugzeuge und Drohnen zu sehen, die das Meer nach "Anderen" absuchen, sie orten und "an Ort und Stelle zur Strecke bringen". Kavanagh selbst hat diese "Anderen" noch nie gesehen, ist aber besorgt: "Es war nicht schwer, sich eine schwarzgekleidete Gestalt vorzustellen, die lautlos über die Mauer springt, mit dem Messer in der Hand und Mordlust in den Augen. Jemand, der nichts zu verlieren hat. Keine Warnung. Kein Erbarmen." Sie kommen immer in der Nacht, heißt es. Doch passiert erst einmal nichts, weshalb man beim Lesen schon für möglich hält, sie könnten beckettartig gar nicht auftauchen: "Nachts, auf der Mauer, ist die Phantasie dein Feind." Man täuscht sich. In Wirklichkeit sind sie längst da, doch weiß das auch Joseph Kavanagh nicht, der nach seiner ersten zweiwöchigen Schicht ohne einen besonderen Zwischenfall zu seinen Eltern nach Hause fährt.

Lanchester hat als seinen Protagonisten nicht zufällig einen sehr jungen Mann gewählt, einen Stellvertreter für all jene, die - anders als ihre Eltern - "nach dem Wandel" geboren wurden. Er habe viel gelesen über das, was uns mit dem Klimawandel bevorstehe, erzählt er. Und tatsächlich sind die Szenarien des Weltklimarats ja kein Geheimnis: dass bei einer Erwärmung um vier Grad der Meeresspiegel um mehr als einen halben Meter anstiege, Gebiete und Orte in Küstennähe überfluteten, rund eine Milliarde Menschen davon direkt betroffen wären, darunter die Bewohner von Bangladesch, New York, Bombay, Schanghai und auch Hamburg. "Das würde zu einer massenhaften Migration führen, wie wir sie noch nicht gesehen haben", sagt Lanchester. Und nicht nur wenn man Kinder habe, stelle sich damit die Frage, welche Welt wir der nächsten Generation überlassen. Im Roman sind "die Alten" diejenigen, die "es verkackt" und die Welt "unwiederbringlich ruiniert" haben. Den Dienst auf der Mauer mussten sie nie leisten, weil es, als sie jung waren, eine Mauer noch nicht gab, sondern stattdessen Strände, von denen sie geradezu besessen sind. Kavanagh beobachtet seine Eltern durch das Fenster von draußen dabei, wie sie, als er das Haus verlässt, um zum nächsten Dienst aufzubrechen, verstohlen zusammen gleich eine Sendung über das Surfen gucken, was sie in seiner Gegenwart nicht getan hätten. Nicht ein einziger Strand ist übrig geblieben, nirgendwo auf der ganzen Welt.

Die Klimakatastrophe und das, was wir mit ihr anrichten, stehen im Fokus des ersten Romanteils. Dann kommen "die Anderen", mit einem Überfall, der Kavanagh in Panik versetzt und ihn in einen völlig überraschenden und enorm spannenden Konflikt verwickelt, an dessen Ende er (und da sind wir noch lange nicht am Ende des Buchs) sich auf einem Boot ausgesetzt auf dem Meer wiederfindet, jenseits der Mauer: Joseph Kavanagh, ein "Anderer". Denn das ist die Pointe, auf die Lanchesters Roman hinausläuft: Wer "die Anderen" sind, ist eine Frage des Standpunkts, weshalb wir im Grunde genommen, vor und hinter Mauern, jenseits von Grenzen und Wällen, an Land und auf hoher See, für diejenigen, die auf uns schauen, gleichermaßen "die Anderen" sind. Das mag, so formuliert, naheliegend klingen. Lanchester ist unaufdringlich genug, es im Roman nicht ausdrücklich zu sagen, sondern den Effekt dieser Erkenntnis zu provozieren, nicht zuletzt auch dadurch, dass "die Anderen" in seinem Roman kein Gesicht haben, keine Geschichte, keine besondere Herkunft. Sie sind einfach nur Menschen, wie wir alle.

Wenn er im Roman diese Vision einer nahen Zukunft entwirft, wie sieht dann John Lanchesters Vision der ganz nahen Zukunft aus? Sein Blick auf Großbritannien morgen? Welcher Brexit? Oder doch kein Brexit? Was wird passieren? Die Briten könnten machen, was sie wollen, sie werden immer ein Teil von Europa sein, egal, wie es jetzt mit der EU stehe, sagt er. Wenn seine eigenen Kinder sein Alter erreicht haben werden, werde Europa sicher eine andere Zusammensetzung, Großbritannien aber immer noch Beziehungen zu ihr haben. Der Brexit liege für ihn irgendwo zwischen Fehler und Katastrophe, dieses Gefühl habe er an dem Tag gehabt, als die Abstimmungsergebnisse feststanden, und er habe es noch. Doch glaube er nicht, dass er etwas sei, das für immer andauern werde, allein schon aus demographischen Gründen.

Was aber wird jetzt passieren? "Ich weiß es nicht, ich habe wirklich keine Vorstellung davon, und das ist fast das Seltsamste an der ganzen Sache. Die Brexit-Verhandlungen laufen jetzt schon so lange, wir haben Mitte Januar, es bleiben nur noch wenige Tage. Ich kenne eine Menge Leute, die im Journalismus arbeiten, in der Politik und in der Wirtschaft, und ihnen geht es nicht anders als mir: Sie haben keine Idee, wohin die Situation jetzt führen wird. Das Problem ist, dass es keine Mehrheit für eine Lösung gibt, keine Mehrheit für den May-Deal, keine Mehrheit dafür, doch in der EU zu bleiben. Wenn Sie mich fragen, wie man da rauskommt: Ich weiß es nicht."

Dass man das große zweite Kapitel seines Romans, das mit "Die Anderen" überschrieben ist, jetzt auch mit dem Brexit in Zusammenhang bringt, verwehrt er einem natürlich nicht. Von außen scheint es beim Brexit vor allem um ökonomische Fragen zu gehen und nicht so sehr um Fragen der Einwanderung. Stimmt das eigentlich?

"Das ist eine dieser Auseinandersetzungen, in denen beide Seiten eine völlig andere Sprache sprechen und übrigens auch deshalb nicht zueinanderkommen", sagt John Lanchester. "In der Vote-Remain-Kampagne ging es vor allem um ökonomische Fragen, in der Vote-Leave-Kampagne dagegen mehr um Fragen der Migration."

Warum aber blicken so große Teile der britischen Gesellschaft, die die Erfahrung von Einwanderung aus den ehemaligen Kolonien ja schon gemacht haben und sich auf ihre Vielfalt einiges zugutehalten können, mit so viel Angst auf "die Anderen"?

"In London ist man dafür, in der EU zu bleiben. Aber London ist völlig anders als der Rest Großbritanniens." Es sei keine utopische Phantasie, dass in Gebieten, in denen es viele Einwanderer gebe, die Menschen auch für Einwanderung seien. "Das ist geradezu ein geographisches Muster." Aber um dieses Gebiet herum gebe es einen Bereich, in dem Menschen leben, die nicht nahe genug dran sind, als dass sie die praktischen Effekte der Einwanderung miterlebten. "Sie reagieren mit Angst. Das ist der Donut-Effekt", sagt John Lanchester und nimmt auch auf seinen vorhergehenden Roman "Kapital" Bezug: "So blickt der Rest Großbritanniens auf London, die Hauptstadt, auf den Ort, wo das ganze Geld ist, wo die politische Macht ist, die kulturelle Macht, der Glamour und das größte Level an Vielfalt, und sie denken nicht: Das ist so, wie auch ich lebe. Sie blicken auf etwas vollkommen anderes, das mit ihnen selbst und ihrem eigenen Leben nichts zu tun zu haben scheint. Dann entsteht das Ressentiment. Ein großer Teil derer, die für den Brexit gestimmt haben, sagten sich: ,Scheiß auf London.'"

Es gibt in der "Mauer" eine Stelle, in der ein Boot auf eine Insel im Ozean zusteuert und für diejenigen, die sich auf diese Insel geflüchtet haben, Rettung verspricht. Es ist der Moment, wo man beim Lesen kurz glaubt, denen, die hier "die Anderen" genannt werden, tatsächlich zu begegnen. Was dann passiert, ist jedoch schrecklicher als alles, was sich zuvor schon abgespielt hat. Wie es sich anfühlt, auf dem Meer rettungslos umherzutreiben, stellt John Lanchester in seinem Roman ergreifend dar. Das Meer ist kein Überlebensraum. Die Mauer ist es auch nicht, genauso wenig wie die Insel. Wie wollen wir leben?, fragt John Lanchester. Und er fragt es dringlich, weil es längst ums Überleben geht.

JULIA ENCKE

John Lanchester: "Die Mauer". Roman. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Klett-Cotta, 348 Seiten, 24 Euro. Das Buch ist soeben in Großbritannien erschienen und erscheint am 31. Januar auf Deutsch.

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Besprechung von 31.01.2019
Die Schuld
von Generationen
John Lanchester verknüpft in „Die Mauer“
Verhängnisse mit einer moralisch erbaulichen Fabel
VON THOMAS STEINFELD
In einer nicht allzu weit entfernten Zukunft, erzählt der Schriftsteller John Lanchester, werde eine Klimakatastrophe über die Erde gekommen sein, in Gestalt eines eher plötzlich eingetretenen „Wandels“, der den Meeresspiegel um viele Meter habe ansteigen lassen. Zugleich habe sich eine Insel, die bald als Großbritannien zu erkennen ist, vom Rest einer Welt getrennt, in der ein absoluter Ausnahmezustand zu herrschen scheint. Eine Mauer aus Beton sei deswegen entlang ihrer Küsten errichtet worden, fünf Meter hoch und zehntausend Kilometer lang, Schottland eingeschlossen, Nordirland aber vermutlich nicht. Innerhalb des so eingefriedeten Territoriums gingen, so John Lanchester, gewöhnliche und offenbar gänzlich unpolitische Briten ihren gewöhnlichen Tätigkeiten nach, ohne jede Kenntnis dessen, was jenseits der Grenze geschehe, während die Mauer von einer Armee aus Dienstverpflichteten bewacht werde. Ihre Aufgabe sei es, jeden „Anderen“, der, über das Meer kommend, in das Land der Briten einzudringen versuche, an seiner Tat zu hindern und ihn gegebenenfalls zu töten. Barbaren, die dennoch durchkommen, haben die Wahl, sich versklaven zu lassen.
Dunkel drohend ist die Zukunft, die John Lanchester in seinem Roman „Die Mauer“ entwirft, aber es ist, als könnte es ihm gar nicht genug Bedrohung geben. Gleich drei Verhängnisse türmt er übereinander: das Ansteigen des Meeresspiegels, den Abschied des Landes aus der Europäischen Union und das Elend der illegalen Immigranten.
In Großbritannien, wo das Buch in der vergangenen Woche erschien, wurde es mit H. G. Wells „Die Zeitmaschine“ (1895), George Orwells „1984“ (1949) und Margaret Atwoods „Der Report der Magd“ (1985) verglichen. Keinem der Rezensenten entging indessen, dass John Lanchesters Roman von nahezu tagespolitischer Aktualität zu sein scheint, selbst wenn sich die dargestellten Bedrohungen in der Realität über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte erstrecken. Auch der deutsche Verlag reagiert auf diese Aktualität: Er zieht die Veröffentlichung des Werkes um mehrere Wochen vor. Fraglich indessen ist, worin diese Aktualität bestehen soll. Darin, dass gegenwärtige Heimsuchungen in der Vorstellung so gesteigert werden, dass mindestens eine halbe Apokalypse daraus hervorgeht? Worauf die Leser dieses Buches besser verstehen, was es mit diesen Bedrohungen auf sich hat, sodass sie ihr Verhalten ändern und vielleicht auch Einfluss auf die Politik nehmen, die jenen Verhängnissen überhaupt erst die Grundlage lieferte?
In der Anrufung der „Aktualität“ würde sich, sollte sie denn im Roman angelegt sein, ein erhebliches Maß an politischem Moralismus verbergen. Nicht auszuschließen ist demgegenüber, dass die „Aktualität“ an das Buch erst herangetragen wird – von den Verlegern, von den Kritikern, von wem auch immer. Was bedeuten würde, dass der Roman sich zwar der Verhängnisse der Gegenwart bediente, doch nur als Stoff, und eigentlich etwas anderes täte, nämlich, nach Art eines Romans, eine Geschichte zu erzählen.
John Lanchesters „Die Mauer“ beginnt als Roman, im literarischen Sinn: Ein junger Mann, Joseph Kavanagh, tritt seinen Dienst als „Verteidiger“ an. Er lernt das Bauwerk kennen, seine unermessliche Größe, seine absurde Ferne, die öde Existenz im Angesicht des Nichts. Er schließt Bekanntschaft mit der bodenlosen Langeweile eines Dienstes, der darin besteht, zwölf Stunden hintereinander auf das Meer zu starren. Er erfährt die Kälte der Mauer, eine Kälte, die keineswegs nur physisch sein kann, sondern hinunterreichen muss bis an den Grund des Daseins.
Es dauert eine Weile, bis der Autor diesem Gegenstand einen Ort und eine Zeit verleiht. Bis dahin könnte es sich um die Befestigung handeln, die Franz Kafkas „Schloss“ (warum heißt der Held wohl wie „Josef K.“ ?) umgibt, oder um „Hadrian’s Wall“, mit dem die Römer einst Einwanderer aus Schottland oder Irland abzuwehren suchten, oder um die Mauer aus Eis, die in „Game of Thrones“ die sieben Königreiche von Westeros vor dem ewigen Winter abschirmt. Und als dann das Bollwerk, das ganz Großbritannien umschließen soll, endlich in die Geschichte eintritt, geschieht es allmählich, als würde es von Nebeln freigegeben. John Lanchester erzählt von der Mauer, wie überhaupt, in einer offenbar gewollt flachen Prosa. Diese Passagen gehören zu den besten des Werkes.
Von einem Roman, der als politische Allegorie angelegt ist und auf dieser Grundlage eine moralische „Aktualität“ beansprucht, wäre zu erwarten, dass er es mit der Beschreibung seiner Gegenwart ernst meint. Wer die Menschen in ihren tatsächlichen Verhältnissen bewegen will, muss es mit diesen Verhältnissen genau nehmen. John Lanchester folgt dieser Regel nicht.
Jeder, der einmal eine längere Zeit an einem Meeresufer verbracht hat, weiß, dass Stürme manchmal Strände mit sich reißen, dass dann aber wieder neue Strände entstehen. Bei Lanchester bleiben die Strände verschwunden, auf dass die Festung um so deutlicher hervortritt. Und wie plausibel ist der Gedanke, dass Großbritannien, nachdem weite Teile des Landes im Meer verschwunden sein dürften, noch die ökonomische Kraft und den politischen Willen haben sollte, einen Ring aus Beton um sich zu legen? Und wer sollen die „Anderen“ sein, wenn sich die Zugehörigkeit zum Stamm der Briten lediglich einem in den Arm operierten Chip verdanken soll – ein Feind ohne Gesicht, ohne Überlieferung, ohne Kontinuität, so dass es schwierig sein muss, ihn überhaupt für das „Andere“ eines „Wir“ zu halten? Und wie kann es sein, dass in Großbritannien die Vorortzüge fahren und die Pubs geöffnet haben, ohne dass je auch nur eine Nachricht aus Calais herüberdränge? Nein, Lanchesters Version einer nahen Zukunft ist allzu fantastisch, als dass sich damit eine „Aktualität“ beanspruchen ließe.
Ein Roman, der als moralische Aufklärung über die Lage der Welt dienen kann, bedarf der äußeren Stimmigkeit. Das Universum, das er entwirft, muss als halbwegs folgerichtige Ableitung aus gegenwärtigen Verhältnissen erkennbar sein. Ein Roman, der im Wesentlichen Literatur sein soll, muss sich hingegen nicht an realen Ereignissen messen lassen. Er bedarf einer anderen Art von Stimmigkeit, nämlich einer inneren. Fremdes muss als Mögliches erkennbar werden, Unwahrscheinliches als immerhin Träumbares, und vor allem müssen die Figuren lebendig werden, in ihren Unsicherheiten, unscharfen Geisteslagen und fraglichen Loyalitäten.
Joseph Kavanaghs Innenleben aber ist einfältig wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, und der Held ist noch die subtilste der in diesem Buch auftretenden Gestalten. Wie schlicht Lanchester sein Personal zusammenfügt, wird besonders deutlich in einer Passage, in der Joseph Kavanagh während einer dienstfreien Zeit seine Eltern besucht. Jüngere Menschen, erfährt der Leser, unterhalten in Zukunft keine engeren Beziehungen mehr zur Generation ihrer Mütter und Väter, weil diese kollektiv für den Untergang der alten Welt verantwortlich gemacht werden: „Die Diagnose ist nicht schwer – sie ist nicht einmal kontrovers. Sie lautet: Schuld. Die Schuld von Massen. Die Schuld von Generationen. Die Alten haben das Gefühl, die Welt unwiederbringlich vor die Wand gefahren und es dann zugelassen zu haben, dass wir in sie hineingeboren wurden. Und was soll ich dir sagen? Genauso ist es.“ Und diesen tonnenschweren, ebenso dummen wie selbstgefälligen Moralismus soll der Leser hinnehmen? Er soll tatsächlich so tun, als gäbe es keine Macht, keine Politik, keine Ökonomie, kein Kapital, keine gegensätzlichen materiellen Interessen, sondern nur ein gewaltiges psychologisches Versagen? Nein, als literarisches Werk macht dieser Roman auch keinen guten Eindruck.
Wenn dieses Buch aber weder eine dystopische Parabel noch ein in sich stimmiges poetisches Werk ist – was ist es dann? Um eine Antwort auf diese Frage zu geben, muss noch ein wenig nacherzählt werden: Für jeden „Verteidiger“ der Mauer gilt, dass er persönlich verantwortlich gemacht wird, wenn es in dem von ihm bewachten Abschnitt einem „Anderen“ gelingt, das Bauwerk zu überwinden. Zur Strafe wird er, von seinem Chip befreit, in einem Boot auf dem offenen Meer ausgesetzt. Selbstverständlich widerfährt auch dem Helden dieses Schicksal, und er findet sich in der schlechten Unendlichkeit eines Elements wieder, das alle Merkmale der Mauer besitzt, aber flüssig ist. Zugleich jedoch ändert sich der Charakter des Romans. Aus der Beschreibung eines absoluten Verhängnisses, einer geschlossenen Welt ohne Zukunft, war schon zuvor, gleichsam spielerisch, eine Geschichte vom Überleben hervorgetreten. Auf dem offenen Meer nun verwandelt sich das Buch in einen Abenteuerroman, bei dem der Leser darum bangt, ob sich der Held und seine Geliebte – auch sie hat sich rechtzeitig eingefunden – noch retten können, obwohl sie einen Zwischenaufenthalt einlegen müssen, der fatal an Kevin Costners „Waterworld“ (1995) erinnert, einen der schlechtesten Filme, die je gedreht wurden.
Auf dem Weg von Franz Kafkas „Schloss“ zur Blauen Lagune, die sich als ehemalige Bohrinsel erweist, wird indessen eine Wahrheit offenbar, die für viele der Romane des Genres gilt, das man „Dystopie“ nennt und das gegenwärtig sehr beliebt ist. Weniger als dass sie eine verlorene, grausame Welt schildern, aus der es keinen Ausweg gibt, gefallen sie sich in einem faszinierten Einverständnis mit den Katastrophen, deren Wirkung sie schildern: auf dass sich, wenn alles vorbei ist, der Held, der Last der Geschichte entronnen, auf den Weg machen kann, allein auf sich gestellt und dem Licht der aufgehenden Sonne entgegen. Und tatsächlich, wenn Joseph K. dann auf seine Eva („Hifa“) trifft und die beiden sich auf eine alte Matratze legen, fängt alles wieder von vorne an.
In John Lanchesters „Die Mauer“ steckt eine erbauliche Fabel, die allen Erwartungen Hohn spricht, die mit einem so „aktuellen“ Buch Aufschlüsse zur gegenwärtigen Weltsituation verbinden wollen. Nicht auszuschließen indessen ist, dass dieser Roman ein großer Erfolg wird. Wenn er es aber wird, verdankt er ihn weder analytischen noch literarischen Qualitäten, sondern vielmehr einer Art journalistischen Spekulantentums.
John Lanchester: Die Mauer. Roman. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2019. 348 Seiten, 24 Euro.
Der Meeresspiegel steigt, das
Land verlässt die EU, elend ist
das Los illegaler Immigranten
Auf der offenen See beginnt
ein Abenteuerroman: Werden
Held und Geliebte überleben?
John Lanchester, Jahrgang 1962, wurde mit den Romanen „Die Lust und ihr Preis“ (1996) und „Kapital“ (2012) bekannt. Sein neues Buch „The Wall“ wurde in England mit „Die Zeitmaschine“ und „1984“ verglichen.
Foto: Murdo Macleod / Polaris / laif
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"Wie es sich anfühlt, auf dem Meer rettungslos umherzutreiben, stellt John Lanchester in seinem Roman ergreifend dar. Das Meer ist kein Überlebensraum. Die Mauer ist es auch nicht, genauso wenig wie die Insel. Wie wollen wir leben?, fragt John Lanchester. Und er fragt es dringlich, weil es ums Überleben geht."
Julia Encke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.01.2019
»John Lanchester hat mit »Die Mauer« eine Dystopie geschrieben, die umso mehr erschreckt, als vieles davon bereits Realität ist. Der britische Autor nimmt auch seine Leser in die Pflicht.« Doris Kraus, Die Presse, 11.02.2019 »Bedrückend aktuell« Welt am Sonntag, 03.02.2019 »„Die Mauer“ [gehört] definitiv zu den interessantesten und lesenswertesten Dystopien der letzten Jahre.« Christian Endres, die Zukunft, 01.02.2019 »Man wird immer tiefer in einen Albtraum verstrickt. [...] Die Szenen, die auf dem offenen Meer der Einbildungskraft treiben, sind fern und nah zugleich. Nach der Logik des Traums verknüpfen sich darin das fesselnde Garn der Abenteuergeschichte unauflöslich mit den höchst konkreten Bildern heutiger Flüchtlingsrealität« Stefan Kister, Stuttgarter Zeitung, 01.02.2019 »Die Mauer ist ein außerordentliches Buch. [...] Für Lanchester ist die Mauer ein Faktum, das die Seelen verwandelt, die zentrale Tatsache inmitten von Wind, Himmel, Meer und Kälte; und diesem starken Bild schafft er Präsenz.« Burkhardt Müller, Die Zeit, 31.01.2019 »Wie es sich anfühlt, auf dem Meer rettungslos umherzutreiben, stellt John Lanchester in seinem Roman ergreifend dar. Das Meer ist kein Überlebensraum. Die Mauer ist es auch nicht, genauso wenig wie die Insel. Wie wollen wir leben?, fragt John Lanchester. Und er fragt es dringlich, weil es ums Überleben geht.« Julia Encke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.01.2019