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Benutzername: KrimiElse
Danksagungen: 2 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 72 Bewertungen
Bewertung vom 11.05.2020
Die Geheimnisse meiner Mutter
Burton, Jessie

Die Geheimnisse meiner Mutter


gut

Geheimnisse

Der Roman „Die Geheimnisse meiner Mutter“ von Jessie Burton erzählt eine alte Geschichte, die in ein zeitgemäßes Setting platziert ist, was das Buch letztlich rettet.

Rose tötet ihre Mutter als sie 14 Jahre alt ist, doch das erzählt sie Nuten Geschichten ihre. Mitschülern. Ihre Mutter ist verschwunden, als sie noch ein Baby war, wofür Rose sich schämt, deshalb lieber das Lügenmärchen. Im Erwachsenenalter folgt Rose den Spuren der Mutter und stößt schnell auf die Schriftstellerin Constance Holden, die als Letzte mit der Mutter Kontakt hatte. Mehr noch - die einst gefeierte Schriftstellerin Constance und die Mutter von Rose waren einst ein Liebespaar. Rose möchte endlich hinter das Geheimnis der Verschwindens kommen und kontaktiert Constance.

Rose muss ihre Vergangenheit erforschen um eine Zukunft haben zu können, was Jessie Burton in viele Geschichten und Geheimnisse und in zwei Erzählstränge verpackt. Der eine handelt von Rose, die bei ihrem Vater Matt aufwuchs und der ihr von Constance erzählt. Der andere Strang erzählt von Elise, der Mutter von Rose. Mit ihrem tief gehenden Wesen und ihren vielen Gedanken, ihrer Verletzlichkeit und dem Hauch Magie, der sie umgibt, ist sie die interessanteste Figur im Roman.
Constance fungiert als Verbindungselement zwischen Rose und Elise, und ihre anfängliche Unnahbarkeit löst sich im Laufe der Handlung mehr und mehr auf, so dass sie als Figur greifbarer und besser verstehbar wird.

Auch wenn nicht wirklich viel passiert ist es ein guter Unterhaltungsroman, der den Leser bei der Stange zu halten vermag durch Geheimnisse, denen man auf den Grund gehen möchte, wegen der Liebe, mit der die Autorin ihre Charaktere gezeichnet hat und weil der Roman bei all dem Verlorensein und zerbröselten Beziehungen den Fersuch sich selbst zu finden als wichtiges Ziel herauszustellen vermag.
Auch wenn es vielleicht eine etwas althergebrachte Geschichte ist, die erzählt wird, hat es mich gut unterhalten.

Bewertung vom 11.05.2020
Der Sommer, in dem Einstein verschwand
Hermanson, Marie

Der Sommer, in dem Einstein verschwand


gut

Zeitreise

Zur Zeit der Weltausstellung 1923 in Göteborg ist der Roman „Der Sommer, in dem Einstein verschwand“ von Marie Hermanson angesiedelt. Es ist ein Zeitreise-Krimi in unterhaltsamen Stil verfasst.

Magisch ist die Atmosphäre, die das Schwedische Göteborg umfliegt, mittendrin die junge Journalistin Ellen, die von der Weltausstellung berichten soll und darüber hellauf begeistert ist.
Moderne Zeiten, viel Aufregung um die Austellung selbst und um neue Technologien und Erfindungen, ein Hauch der großen weiten Welt erfasst die aufgeregte ländliche Kleinstadt und ihre Menschen. Erregte Aufbruchstimmung in einem sommerlichen Flair. Dazu passt Ellen, die als Frau berufstätig sein möchte und für die damalige Zeit damit neue Wege beschreitet.

Eingeladen ist ebenfalls Albert Einstein, zu dieser Zeit unter anderem wegen seiner Relativitätstheorie bereits angesehener und berühmter Wissenschaftler, der seine Nobelpreisrede halten soll, ohne die es für ihn kein Preisgeld gibt. Bei ihm herrscht darüber Aufregung, denn er glaubt, dass er angegriffen, sogar verfolgt wird, aus antisemitischen Kreisen, die Wissenschaft ablehnen und die auf offene Ohren stoßen. Er fürchtet um sein Leben, insbesondere von seinem Gegner Paul Weyland, einem zwielichtigen Hochstapler.

Einstein kam zwei Tage zu spät nach Göteborg, soweit die Realität, die die Autorin in ihrem Roman aufrollt und als Erklärung einen von Weyland geplanten Mordanschlag ersinnt, mit dessen Entdeckung und Verhinderung letztlich Ellen und der Polizist Niels sich beschäftigen.
Die Autorin schafft es, daraus einen unterhaltsamen leichten Sommerroman zu spinnen, mit einem kriminalistischen Touch und Augenzwinkern. Ein paar Episoden von der Weltausstellung und aus Eisteins Leben geben den nötigen historischen Bezug für diesen Unterhaltungsroman.
Gut gelungen finde ich die Stimmung, die von leiser Trauer über verlorene Traditionen bis zur hellen Begeisterung für die Moderne mit Automobilen und Flugzeugen reicht. Leichtfüßig und und unterhaltsam, gut zu lesen, vielleicht ein bisschen zu süßlich für meinen Geschmack, aber stellenweise interessant gestaltet sich das Buch, das ich denen empfehlen kann, die auf leichte historische Unterhaltung mit Wohlfühlflair stehen und dabei keine hohe Literatur erwarten. Ich vergebe gute 3 Lesesterne für dieses Buch.

Bewertung vom 14.02.2020
Die Bagage
Helfer, Monika

Die Bagage


ausgezeichnet

Last der Vergangenheit

Monika Helfer erzählt in ihrem gerade mal 160 Seiten langen Roman „Die Bagage“ von der Last der Vergangenheit über mehrere Generationen hinweg, von der Zähigkeit des dörflichen Lebens, vom Fluch der Schönheit und von der Mühsal des Überlebens.
Vom Weltkrieg bis in die Gegenwart reicht das schmale Buch, das trotz der Knappheit eine Familiengeschichte dreier Generationen enthält, die die eigene der Schriftstellerin ist.
Maria und Josef leben am Rand des österreichischen Bergdorfes, haben viele Kinder, aber an allem anderen herrscht Knappheit. Als Josef eingezogen wird als Soldat im Ersten Weltkrieg verschlimmert sich die Situation für die Familie Moosbrugger. Maria ist eine Schönheit, seit langem von den Männern begehrt und von den Frauen verachtet. Der Bürgermeister des Dorfes, den Josef um Schutz für seine Frau bat, macht sich gewaltsam an Maria heran. Die Vorführung männlicher Potenz, die Eifersucht und Missgunst der Frauen treten immer mehr zutage, dazu der Krieg, der auch die abgegrenzte Dorfwelt berührt.
Maria wird schwanger, und es ist unwahrscheinlich, dass das Kind vom sehr selten gesehenen Josef ist. Fragen kommen auf, ob der Bürgermeister oder Georg, ein Mann aus Hannover, in den sich Maria verliebte, der Vater sein könnten. Das Kind, Grete, ist die Mutter der Autorin, von dem letztlich sogar Josef glaubt, daß ihm ein Kuckucksei ins Nest gelegt wurde. Nach dem Krieg ist die Tochter Grete für ihn nicht existent, er spricht sein ganzes Leben kein Wort mit ihr.
Die Bagage sind arme Menschen und gleichzeitig Lasten, die man mit sich herumträgt. Zeitlebens gemobbt von Josef, was die Autorin äußerst naturalistisch darzustellen vermag, wächst Grete in armen Verhältnissen und umgeben von Geheimnissen und Missgunst auf, trägt die Last ihrer armen Herkunft und den Makel ihrer Geburt.
Das Buch „Die Bagage“ ist dicht erzählt, und durch die Nähe zur Familiengeschichte der Autorin ist man beim Lesen ganz nahe am Geschehen, auch wenn große Zeitsprünge und Vielstimmigkeit höchste Konzentration verlangen. Der emotionale Ballast wird weitergereicht von einer Generation zur nächsten, und alle erzählen davon.
Liebevoll und zugleich schonungslos, ohne Schnörkel, betrachtet Monika Helfer ihre Figuren, die sich auf oft krummen Wegen im Abseits bewegen müssen. Dass es sich dabei um ihre eigene Geschichten handelt, macht das Buch für mich umso eindrucksvoller.
Stilistisches das Buch nur scheinbar einfach verfasst, entsprechend der dörflich-hinterwäldlerischen Redeweise, denn es steckt voller hintersinnigem Witz. Man merkt dem Text an, dass die österreichische Schriftstellerin schon mehrere Romane veröffentlicht hat, von dem einerseits zwei Jahren für den Deutschen Buchpreis nominiert war.

Bewertung vom 13.02.2020
Long Bright River
Moore, Liz

Long Bright River


sehr gut

Erstklassige Kriminalliteratur

Zwei unterschiedliche Schwestern, einst kaum zu trennen, heute ohne Kontakt und auf unterschiedlichen Lebenslinien und Frauenmörder im kriminell-heruntergekommenen Stadtteil Kensington von Philadelphia sind die Zutaten zum nunmehr vierten Roman der amerikanischen Autorin Liz Moore „Long Bright River“, den ich nach dem Beginn kaum noch aus der Hand legen konnte.

Die Streifenpolizistin Mickey wachte in den letzten Jahren insgeheim über ihre drogenabhängige Schwester, doch sie kann sie nicht mehr auf der Straße finden und befürchtet das Schlimmste.
In einem äußerst geschickten Mix aus spannendem Krimi, Milieustudie und Familiengeschichte breitet die Autorin die Handlung fast Filmszenenartig vor dem Leser aus. Mit Rückblenden in die Kindheit werden aus Mickeys Sicht ungeschönt und lebensecht die Lebenslinien der ungleichen Schwestern verfolgt, aus dem Dunkel erscheinen Kriminelle und Drogendealer wie ins Blitzlicht getaucht sowohl am Rand der Geschichte als auch mittendrin.

Die einzelnen Handlungsstränge verknüpft die Autorin in meisterlicher Manier, ganz im Sinne ihrer angenehm minimalistischen Sprache, auf nicht vorhersehbare Weise. Das macht das Buch zugleich zu einem spannenden Krimi, bei dem man gut miträtseln kann. In beiden Ebenen der Geschichte erhält man tiefe Einblicke sowohl in die Familiensituation mit den drogenabhängigen Eltern, unfähig sich um die beiden Mädchen zu kümmern, mit Kleinkriminalität bei vielen Familienmitgliedern und mit Mickeys Einsamkeit durch ihren Job, der in der Familie nicht akzeptiert ist. Gleichzeitig schaut man beim Lesen ins Innere des heruntergekommenen Stadtteils Kensington und seiner zunehmenden Gewalt, nicht von außen mit bequemer Distanz sondern in der Mitte stehend.

Die Morde an drogenabhängigen Prostituierten sind der spannende Aufhänger der Geschichte um die zwei ungleichen Schwestern, durch den eindrucksvoll aus dem Blickwinkel einer verzweifelten Ermittlerin beim Leser eher Mitleid und Traurigkeit statt Abscheu hervorgerufen wird.
Kein Thrillerartiger Zoom fokussiert die Gewalt, sondern der warmherzige und konsequente, wenn auch manchmal nutzlose Widerstand von Mickey gegen die Brutalität bestimmt die Grundstimmung im Buch und schafft Verständnis für die Situation. Und das macht den Roman zu einer Perle unter der Spannungsliteratur.

Bewertung vom 27.05.2019
Die Lotosblüte
Sok-Yong, Hwang

Die Lotosblüte


gut

Lotosweg

Der koreanische Autor Hwang Sok-Yong entführt den Leser in seinem Werk „Die Lotosblüte“ ins 19. Jahrhundert in die konfliktreiche Zeit des Taiping-Aufstandes, der politischen Verwicklungen zwischen China, den Briten, Amerikanern und den Japanern.
Vor diesem Hintergrund rollt der Autor die Geschichte der Koreanerin Chong Shim auf, die mit 15 Jahren von ihrer Stiefmutter an einen Mädchenhändler verkauft wird. Sie kommt zu einem 80jährigen Chinesen nach Nanking, dem sie als Zweitfrau Lebenskraft spenden soll und wo sie den Namen Lotosblüte erhält. Später im Bordell ausgebildet, geraubt und wieder verkauft ist ihr „Lotosweg“ mit Stationen in Taiwan, Singapur, Nagasaki, den Ryukyu-Inseln und Satsuma von Namenswechseln begleitet.
Nach ihrem ersten Wandel auf ihrer Reise nach China, auf der sie einer koreanischen Legende gemäß dem Meeresgott begegnet und als andere Person aus dem Meer auftaucht, passt sich Chong Shim Chamäleon-artig den veränderten Gegebenheiten an, wechselt mit jeder Station den Namen und schafft es, besser davon zu kommen als andere Frauen in ihrer Situation.
Das Schicksal der Lotosblüte und ihrer Leidensgenossinnen stellt die Situation der zwangsprostituierten Frauen in Asien dar, die mit ihrer Hoffnung, durch einen reichen und zuvorkommenden Freier durch Heirat zu entkommen eigentlich letztlich helfen, dieses System zu erhalten. Chong Shim ist eine Dienende, und bleibt es auch nach ihrer Heirat.

Historisch beginnt die Handlung in der Zeit kurz vor dem ersten Opiumkrieg, allerdings bekommt man als Leser das Beiwerk nicht geliefert, sondern muss es sich genau wie die Reiseroute der Lotosblüte erarbeiten. Das ist mühsam, weil zum Beispiel Orte in alte chinesische Ortsnamen übertragen wurden und schwer auffindbar sind. Im Gegensatz dazu steht die wahrscheinlich durch die Übersetzung bedingte sehr einfache und moderne Sprache, die dem Buch in meinen Augen viel Authentizität nimmt.
Sehr detailliert und kalt beschreibt der Autor Landschaften, aber auch gewaltvolle Sexszenen, die dann im krassen Gegensatz zum angeblichen Lustempfinden der prostituierten Frauen in Zwangslage stehen - für mich ist das zum einen zu viel und zum anderen so absolut nicht nachvollziehbar und glaubhaft.

Ich weiß nicht, ob ich der asiatischen (Sprach)Kultur für diese Geschichte zu fern bin. Und ohne Recherche zu historischem Hintergrund wären sehr viele Informationen nur an mir vorbei geflogen, weil nur angedeutet. Ich denke, dass der Roman für Leser, die besser mit asiatischer Kultur und Geschichte vertraut sind als ich, gewinnbringend ist. Ich habe mich gestoßen an den nicht greifbaren Figuren, an Orten und Geschichtsdaten, mit denen ich erst beim Nachschlagen etwas anfangen kann und an der in meinen Augen nicht wirklich gelungenen Übersetzung aus dem Koreanischen.
Es ist durchaus interessant von Trostfrauen, Konkubinen und Mädchenhandel in Asien im 19.Jahrhundert zu lesen, aber für den nicht-asiatischen Buchmarkt wäre eine kurze Zeit- und Ortstafel sehr hilfreich gewesen.

Bewertung vom 18.05.2019
Bell und Harry
Gardam, Jane

Bell und Harry


gut

Warmherziges Ferienbuch

Lapidar, very British und wunderbar leichtfüßig erzählt Jane Gardam in ihrem Buch „Bell und Harry“ die Sommergeschichten einer Freundschaft, grandios übersetzt von Isabel Bogdan, die den Ton der Autorin sehr gut trifft.

Die Londoner Familie Bateman sucht auf dem Land Ruhe und Enstpannung. Sie mieten das Farmerhaus „Light Trees“ von der Familie Teesdale im Westmorland, einer alten Bergbauregion in Yorkshire. Hoch auf den Hügeln nahe am Tal Mallerstang finden die jüngsten beider Familien, Bell Teesdale und Harry Bateman zueinander, und was die Erwachsenen der Familien im ersten Sommer in den 1960er Jahren nicht zustande brachten schaffen die beiden: Verständnis füreinander bei völlig unterschiedlicher städtischer und bäuerlicher Lebensweise und Denken zu schaffen. Eine tiefe Freundschaft zwischen Bell und Harry entsteht, die jahrelang hält, bis ins Erwachsenenalter, Sommer für Sommer durch neue Abenteuer geschürt.

Leicht, witzig und manchmal hintersinnig lesen sich die Geschichten der Sommerabenteuer der beiden Jungen, die episodenhaft aneinander gereiht das Buch ergeben. Ruhig und sehr menschlich, mit großer Wärme spult Jane Gardam die Abenteuer der beiden Jungen auf. Schlimmes passiert nebenbei, aber die Welt im „Hohlen Land“ ist in Ordnung, so dass das Buch ein wahres Wohlfühlbuch ist.

Ein bisschen gelangweilt habe ich mich allerdings nach einer Weile, denn das Buch, als leuchtendes Ferienbuch angepriesen, liest sich ein bisschen wie Bullerbü für Erwachsene. Scherzhaft sind alle Abenteuer, keine wirklichen Konflikte trüben die heile Welt, und am Ende wird alles gut, trotz großer Krisen. Das ist sicher Jammern auf hohem Niveau, denn die Weisheit und große Empathie, mit der die oftmals schrulligen Figuren beim Leser ankommen, der äußerst gekonnte Sprachwitz und das leichtfüßige Handeln der Figuren sind nun mal Konzept und überzeugen, dass die Autorin ihre Charaktere liebt.

Sprachlich einfach nur großartig, voller Wärme und Witz kann ich dieses Buch für Leser von leichtfüßigen hintersinnigen Wohlfühlgeschichten sehr empfehlen.

Bewertung vom 28.04.2019
Worauf wir hoffen
Mirza, Fatima Farheen

Worauf wir hoffen


sehr gut

Verzweifelte Suche
Fatima Farheen Mirza hat mit ihrem Roman „Worauf wir hoffen“ eine vielstimmige und mitreißende Geschichte geschrieben über indische Migranten zwischen Tradition und Moderne. Zeitgemäß und mit aktuellem Bezug erzählt das Buch von der Suche und Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Liebe der drei Kinder muslimischer Auswanderer, die fest in ihrer traditionellen kulturellen Situation verankert sind und gemäß ihren Neigungen und Prägungen ihren Weg suchen müssen. Dabei bekommt man als Leser ungewöhnliche Einblicke in die kulturelle Lebenssituation und das Umfeld der Familie.

Amar, jüngstes Kind und einst Hoffnungsträger der muslimischen Familie, kommt nach drei Jahren Streit nach Hause, zur Hochzeit seiner ältesten Schwester Hadia. Nach jahrelangem Tauziehen mit seinen muslimischen Eltern beim rebellischen Kampf und der gleichzeitigen Suche nach Zugehörigkeit und Zuneigung war Amar nach einem letzten Streit mit seinem Vater weggelaufen. Hadia hatte ihn immer beschützt und behütet, bis sie selbst den ersten Platz in der Hierarchie der Kinder einnimmt und ihre eigenen Interessen durchzusetzen versucht. Sie studiert Medizin an einer Universität weit weg von zu Hause und heiratet den Mann, den sie sich selbst ausgesucht hat. Amar kehrt auf ihre Bitte hin zurück, aber mit ihm kehrt auch die geschwisterliche Eifersucht, die Verzweiflung und der Kampf um Akzeptanz heim.

Amar ist der Rebell, der nicht weiß, wohin er gehört und was er tut. Auch nach drei Jahren Abwesenheit hat sich daran nichts geändert. Während seine Schwestern Hadia und Huda immer bestrebt waren, den Eltern zu gefallen und sich anzupassen hatte er schon als Kind große Schwierigkeiten damit. Amar bewegt sich seine ganze Jugend hindurch Abgrund entlang, aus Sicht der muslimischen Gemeinde ist er ein Abtrünniger, der sich Alkohol und Zigaretten zuwendet und sich heimlich mit einem Mädchen trifft.

Hadia rettet ihn mehr als einmal, bis sie sich fragt, wozu sie ihn beschützt, der Wege hat, die ihr als muslimischer Frau immer verschlossen bleiben werden. Sie gleitet aus der Mutterrolle in die Konkurrenz zu ihrem Bruder, was für ihn schmerzhafte Folgen hat. Die große Strenge und Traditionalität der Familienoberhauptes kommt ohne Bollwerk zum Tragen, Amar ist dem nicht gewachsen und läuft letztlich weg.

Huda, die mittlere der drei Geschwister, unterwirft sich willig den Eltern und den muslimischen Traditionen und scheint im großen Schatten zwischen den beiden andereren ihren Platz gefunden zu haben. Sie ist das Kind, das bei der Familie zwischen den Fronten unbemerkt aufwächst ohne ihre Interessen vornan zu stellen und auch im Roman wenig Stimme bekommt.

Neben den inneren Spannungen spielen auch Einflüsse von außen eine große Rolle. Die posttraumatischen 9/11-Verfolgungen und Ängste bekommen die Kinder in der Schule genauso zu spüren wie die strenge Einhaltung des traditionellen Lebens durch alle andern Kinder der muslimischen Gemeinde. Kein Abweichen von der Norm wird geduldet, und das Weglassen des Kopftuches bei den Mädchen in der Schule nach den Anschlägen ist der Angst und nicht der Offenheit geschuldet. Amar scheint der einzige in der gesamten muslimischen Gemeinde des Ortes in Kalifornien, der ernsthaft aufbegehrt. Das erscheint mir ein klein wenig irreal, auch wenn es zur Geschichte passt.

Vielstimmig, aus verschiedenen Erzählperspektiven und mit vielen Zeitsprüngen spult die Autorin die Geschichte ab. Sie bewegt sich immer ganz eng bei den Figuren, die nie klischeehaft wirken trotz der Klischees, die sie bedienen. Man spürt beim Lesen Wut und Schmerz von Amar genau so wie die Sehnsucht nach dem Auflehnen bei Hadia, die sie zunächst hinter ihrer Beschützerrolle für den kleinen Bruder im Zaum hält.
Wie eine indische Patchworkdecke fügen sich im Laufe des Buches die einzelnen Stückchen zu einem Gesamtbild der Familie, das die wesentlichen Eckpunkte aufzeigt, zerrissen und zersplittert bis auf einen einzigen wertvollen Augenblick - einen

Bewertung vom 01.04.2019
Niemals ohne sie
Saucier, Jocelyne

Niemals ohne sie


ausgezeichnet

Zerreißprobe

Der neue Roman der Franko-Kanadierin Jocelyne Saucier „Niemals ohne sie“ ist einfach wunderbar, und ich war, was mir selten passiert, ein bisschen traurig, als ich das Buch zuklappte. Es ist die ungewöhnliche Geschichte einer Großfamilie mit 21 Kindern, vielstimmig von den Kindern mäandernd erzählt, voller Wildheit, Leid, Geheimnisse und Zusammenhalt. Es ist kein Wohlfühlbuch, obwohl es viele Momente der Geborgenheit und Fürsorge gibt, treibt ein unglaubliches Geheimnis die 21 Geschwister in alle Welt auseinander, Schweigen und Ausweichen macht sich breit wo vorher Lärm und Lebenslust gewesen ist.

Die Cardinals nennen sich die Kings von Norco, einer Bergbaustadt im französischen Teil Kanadas. Die Geschwister, wild und nicht besonders zimperlich, keine Sympathieträger, wachsen ziemlich sich selbst überlassen freiheitsliebend und regellos in der verarmten Stadt auf. Der Vater versorgt die Familie als Erzsucher, und hatte einst der Stadt durch einen unglaublichen Zinkfund zu Reichtum und Wohlstand verholfen. Die Schürfrechte der Mine wurden an ein globales Bergbauunternehmen verkauft, das die Mine inzwischen stillgelegt hat. Die Bevölkerung verlässt den Ort inmitten der kanadischen Einöde oder verarmt hier so wie die Cardinals. Die ruppige Kindheit, erzählt am Beginn des Romans von Matz, dem Nachzügler, ist geprägt von Tyrannei gegen andere Kinder, Hauskatzen, schlimmen und weniger schlimmen Streichen gegen die Nachbarn. Doch als Jüngster bekommt Matz nichts mit von dem großen Familiengeheimnis einer dramatischen Entscheidung, die zur Rettung der Familie von den älteren Geschwistern ausgeheckt fürchterlich schief geht und die Geschwister zersplittert.
Die Spannung im Roman besteht unter anderem darin, dass man nach dem einführenden Erzählung von Matz ständig ein Damoklesschwert über den Erzählungen aus der Sicht der ändern Geschwister spürt, das diese zunächst zu verbergen suchen. Details werden gekonnt allmählich aus verschiedenem Blickwinkel gelüftet, und obwohl oftmals abschweifend ist es eine sehr gut verfolgbare Geschichte, die hier erzählt wird.
Überraschend und absolut grandios, wie sich aus immer größer werdenden Bruchstücken am Ende ein Bild ergibt, wenn das letzte Puzzleteil an seinen Platz gefallen ist.

Das Buch besitzt nicht nur durch die Geschichte selbst Dynamik, sondern auch als Studie zwischenmenschlicher Beziehungen und als Milieustudie verarmter Bergbaugebiete. Das Setting einer in Bedeutungslosigkeit versinkenden Stadt, die einst wegen des größten Zinkfundes in Nordamerika aus dem Boden gestampft wurde, im Zusammenhang mit sich selbst überlassenen Kindern, deren Hass auf die Nachbarn, die Suche nach Anerkennung durch den vielbeschäftigte Vater und das Verlangen nach der Liebe der vollkommen ausgelaugten Mutter sind sehr vielschichtig und absolut nachvollziehbar beschrieben. Man ist erstaunt, wie groß der Zusammenhalt der Geschwister in der Kindheit untereinander ist, trotz aller Konkurrenzkämpfe und Machtspiele, die nicht immer harmlos sind. Man mag sie alle, darum geht es in dem Roman aber auch nicht, genauso kann ich über kleine Ungereimtheiten sehr wohlwollend hinweg sehen.
Es ist einfach ein grandioses Leseerlebnis für mich gewesen. Mit hintersinnigem Witz, warmherzig und spannend erzählt Jocelyne Saucier diese wirklich mitreißende Familiengeschichte.

Bewertung vom 01.04.2019
Wir, die wir jung sind
Taneja, Preti

Wir, die wir jung sind


sehr gut

King Lear in Bollywood

Episch und spannend kommt die dramatische Familiengeschichte aus Indien „Wir, die wir jung sind“ von der Autorin Preti Taneja daher. Der Generationen- und Machtwechsel und der Geschlechterkampf innerhalb der Familie und gleichzeitig um ein Firmenimperium steht dabei im Mittelpunkt, und ist erzählt in Anlehnung an King Lear als düstere und äußerst spitzfindig-brisante, moderne und gleichzeitig so zeitlose Variante des alten Shakespeare-Stoffes.

Devjat, alternder Machhaber und Patriarch eines mächtigen indischen Konzerns in Dehli, genannt „The Company“, will sein Erbe verteilen. Er begibt sich in den Ruhestand und überläßt es einfach seinen Nachkommen, ihren Snteil zu finden. Zu bedenken sind seine drei Töchter und die zwei Söhne seines Teilhabers Ranjit Singh. Und wie bei King Lear entwickelt sich ein Generationenrevolte und eine Tragödie, erzählt im modernen heutigen Indien.
Die Geschichte beginnt mit der Heimkehr des verlorenen Sohnes. Jivan, Harvard-Absolvent und unehelicher verstoßener Sohn von Ranjit, die der Beginn der Eskalation der Ereignisse ist. Die beiden ältern Töchter Deviats, Gargi und Rhada, sind sich über ihren Anteil an der Firma einig, sie wollen die Company übernehmen. Die jüngste Tochter Sita, Umweltaktivistin und Feministin, verschwindet vor ihrer Verlobungsfeier mit ihrem Freund, und auch der Halbbruder von Jivan, Ranjits rechtmäßiger Sohn Jeet, verschwindet.
Jedes der Kinder hat eigene Ziele, es geht um Macht, sie kämpfen auf ihre Weise für ihre Überzeugungen und gleichzeitig um die Anerkennung der Väter. Und merken dabei nicht, dass sie sich wie alle Geschichten im Kreis drehen, spiralförmig bewegt, anstatt geradlinig verlaufend. Dinge überlappen sich und wollen sich dennoch dabei selbst nie verleugnen. Das wirkt fast ein bisschen aufgesetzt und albern.

Wie im modernen Indien geben sich bei dieser Geschichte Raubtierkapitalismus und Verbundenheit mit Tradition und Mythen die Klinke in die Hand, Kastenwesen und rasante Modernisierung als Spaltformel für eine Gesellschaft. Die Shakespeare-Adaption wird hier nicht nur zur langweiligen Verlagerung in die heutige Zeit, sondern durch die vielen Zwiespälte in der indischen Gesellschaft und den nahe daran festgemachten Familienmachtkampf ergibt sich aus der jahrhundertealten Tragödie eine äußerst überzeugende Neuerzählung.

Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass zum einen durch die vielen Querverweise, gesellschaftlich-historischen Bezüge und Andeutungen die Protagonisten ein wenig fern bleiben. Dazu kommt die anstrengend zu lesende Sprache. Anspruchsvoll und teilweise gespickt mit ganzen unübersetzten Passagen ist es für mich doch recht mühsam gewesen, das Buch ganzheitlich und mit Vergnügen zu lesen. Ein Glossar bietet leider auch nicht den nötigen Aufschluss, und ständiges Nachschlagen beim Lesen, um Verständnis ringend, mag ich nicht besonders. Das ist sehr schade, denn andernfalls wäre es ein absolut grandioses Buch und Leseerlebnis für mich gewesen.

Bewertung vom 13.03.2019
Die Mauer
Lanchester, John

Die Mauer


gut

Dystopisch

Der Autor John Lancaster schrieb seinen fünften, diesmal dystopischen Roman „Die Mauer“. Es geht um Abgrenzung und Ausgrenzung von Klimaflüchtlingen, Bedrohungen von außen und aus den eigenen Reihen, Schuldfragen der vorangegangenen Generationen in einem offenbar totalitäten System.

Der junge Joseph Kavanagh tritt seinen zweijährigen Dienst als Verteidiger der Mauer an. Er findet seinen Platz innerhalb seiner Einheit in soldatischer Manier, als Balanceakt zwischen Befehlskette und Gehorsam, Kameradschaft und der engeren Verbindung zu einer jungen Frau namens Hifa muss er agieren, während Trainingseinsätzen wird er auf den Ernstfall eines Angriffs durch die Anderen vorbereitet. Denn der Gegner ist äußerst gefährlich, da die Anderen nichts zu verlieren haben. Und der Preis ist hoch, wenn er versagt: Kavanagh wird verstoßen und selbst aufs Meer geschickt, wird selbst zum Anderen.

Kavanagh beschäftigt sich zu Beginn des Romans mit diesem monströsen Bauwerk Mauer, seiner Kälte, seiner Größe, seiner Ödnis und Langeweile. Zunächst ist nicht klar, wo die Mauer steht, es könnte jeder beliebige Befestigungswall sein, verbunden mit der unendlichen Langeweile und Kälte, die mit dem 12-stündigen Starren auf Meer innerhalb einer Schicht zwangsläufig aufkommt. Man denkt unwillkürlich an „Game of Thrones“ von George R.R.Martin, an Franz Kafka „Das Schloß“ oder sogar auch an den Römischen Limes oder die Berliner Mauer. Flach, knapp und kalt ist die hier Sprache gehalten, offenbar gewollt platt, wenige kalte Wörter werden zu Bildern oder zum Haiku angeordnet, und vermitteln dadurch sehr eindringlich ein Gefühl für die Kälte, die den Tod auf der Mauer bedeuten kann, für die Sinnlosigkeit und und die Geringschätzung der Menschlichkeit. Dieser Beginn ist übrigens für mich der beste Teil am ganzen Buch.

John Lancaster hat ein Buch geschrieben, das zum einen dystopisch ist, zum anderen eine ziemlich konkrete Vorlage für die Zukunft zeigen soll mit Blick auf momentane populistische und nationalistische Bewegungen. Haltungen statt Handlungen stehen im Vordergrund, konzeptionelle Fragen spielen eine große Rolle, wie übrigens in vielen berühmten Dystopien, weniger der Hintergrund und das Hinterfragen. Doch genau das stört mich auch am Buch. Es entwickelt sich zwar im Verlauf der Handlung zu einem durchaus spannenden Abenteuerroman, sofern man Abenteuer mit Armee-Hintergrund und Heldentum mag, aber die Charaktere sind mir viel zu blaß, zu wenig mit inneren Konflikten beschäftigt, die die Situationen zwangsläufig verlangen. Die Geschichte selbst ist zudem bar jeder Hintergrundinformation. Man liest wie ein Blinder und bekommt keinerlei Hinweise darauf, was den „Wandel“ bewirkte, worin die Schuld der vorangegangenen Generation besteht, ob sie überhaupt besteht oder ob dies nur ein jugendliches Rebellieren gegen die Eltern ist.
Natürlich könnte man als Leser Parallelen ziehen zur aktuellen klimatischen und politischen Situation, zur Zunahme der Abschottung gegenüber Flüchtlingen, zum sorglosen Umgang mit der globalen Erwärmung, aus der sich viele denkbare Katastrophen ergeben könnten, aber das Buch regt mich nicht dazu an, sondern ich habe das Gefühl, ich soll unbedingt blind bezüglich des großen Überblicks bleiben. Und das gefällt mir leider gar nicht.