Benutzer
Top-Rezensenten Übersicht

Benutzername: 
jenvo82
Wohnort: 
Oberschöna

Bewertungen

Insgesamt 206 Bewertungen
Bewertung vom 05.07.2022
Der Mann, der vom Himmel fiel
Tevis, Walter

Der Mann, der vom Himmel fiel


ausgezeichnet

„Bin ich zu etwas Neuem geworden oder zu etwas Altem zurückgekehrt?“

Inhalt

Thomas Jerome Newton, scheint nicht nur ein genialer Erfinder zu sein, sondern taucht förmlich über Nacht in Kentucky auf und verkauft dort seine wissenschaftlichen Ideen. Dieser Umstand macht ihn innerhalb kürzester Zeit nicht nur reich, sondern auch immer interessanter. Doch Thomas ist ein seltsamer Mann, er scheut das Sonnenlicht, wirkt seltsam filigran und zerbrechlich und benötigt anscheinend keinerlei Schlaf. Nur wenige Menschen kommen ihm überhaupt näher, die meisten hält er strikt auf Distanz. Nur Nathan Bryce, ein Wissenschaftler, der schon bald in der Firma Newtons beschäftigt ist, vermutet hinter dem genialen Geist von Newton etwas anderes. Und Schicht um Schicht versucht er seinen Verdacht zu untermauern, bemerkt aber schnell, dass sein Arbeitgeber zwar nicht den gleichen körperlichen Aufbau wie er selbst zu haben scheint, aber dennoch ein äußerst menschlicher Zeitgenosse ist.

Meinung

Ich bin nun definitiv kein Liebhaber von Science-Fiction, weder im Film noch im Buch. Das Universum und seine möglichen Bewohner sowie die Gefahren, die der Menschheit durch außerirdisches Leben drohen könnten, üben tatsächlich wenig Reiz auf mich aus. Umso erstaunter war ich über die hier erzählte Story, die nicht nur flüssig zu lesen ist, sondern sehr gute Unterhaltung bietet und den ein oder anderen Gedanken aufkommen lässt, was denn nun genau menschliches Verhalten ist.

Der Außerirdische in dieser Erzählung hat diverse Anpassungsschwierigkeiten und er betreibt auch ein Versteckspiel, welches man durchaus erwartet. Dennoch wirkt und handelt er nicht wie jemand, der noch niemals auf unserem Planeten war. Gerade die Entdeckung des Alkohols, dem er bald schon in rauen Mengen zuspricht und die kleinen Gesten machen ihn zu einem netten Individuum, welches man als Leser gern ein Stück des Weges begleitet. Die Mission, die einst sein Anspruch war, muss warten. Denn trotz seiner Tarnung schöpfen die Menschen Verdacht und er wird viele Jahre zu allerlei Experimenten in strengste Verwahrung genommen, denn zu verlockend ist die Aussicht der oberen Regierungsbehörden, dieses Objekt, getarnt als Wissenschaftler gründlichst zu durchleuchten.

Fazit

Ein sehr interessanter, teilweise schockierend ehrlicher Roman, der die Science-Fiktion-Welt nur peripher berührt und viele klare, nachvollziehbare Argumente ins Feld führt. Sehr gern vergebe ich hier 5 Lesesterne, denn ich bin gerade deswegen davon begeistert, weil die Realitätsnähe durchgehend erhalten bleibt und man als Leser nicht mit „fremden Wesen“ vertraut gemacht werden soll, sondern vielmehr den gesellschaftskritischen Spiegel vorgehalten bekommt.

Zwischen den Zeilen hat mich auch immer wieder etwas Melancholie erfasst, denn Mr. Newton besitzt ein Wissen, welches dem der Menschen weit voraus ist und dennoch ist auch sein Volk jenseits des blauen Planeten bedroht und weder er noch die Menschheit an sich wird diesen Prozess aufhalten können, weder dort noch hier.

Auch die Thematik veränderlicher Pläne und Träume wird hier anschaulich umgesetzt, denn die große Frage nach der Motivation dahinter wird sichtbar. Eine gewisse Desillusionierung tritt ein, wenn wir haben, was wir wollen und feststellen müssen, dass uns dieses Wissen dennoch keinerlei Vorteile bringt.

Bewertung vom 12.05.2022
Die sieben Schalen des Zorns
Thiele, Markus

Die sieben Schalen des Zorns


ausgezeichnet

„Umkehr der Hierarchien -das war gut. Die eigene Unterordnung drehte sich zur Überordnung. Maria erweckte das nicht wieder zum Leben. Aber in diesem Licht betrachtet, war ihr Leiden auch nicht mehr in Gottes Hand gewesen. Max hatte Gott um einen Trumpf gebracht. Endlich.“

Inhalt

Die beiden Freunde Max und Jonas haben sich zwar in den letzten Jahren aus den Augen verloren, doch ihre langjährige Freundschaft und ein einschneidendes Schlüsselerlebnis aus ihrer Jugend binden sie nach wie vor aneinander. Während Jonas als Staatsanwalt die Karriereleiter weit hinaufgeklettert ist, hält sich Max nur notdürftig mit seiner Arztpraxis über Wasser. Doch ob er in Zukunft überhaupt noch seine Berufserlaubnis behalten darf, liegt in den Händen anderer. Max wird beschuldigt, seine Tante getötet zu haben. Zwar ausdrücklich auf deren Wunsch, aber dennoch eigenmächtig. Er wendet sich in seiner Notlage an den alten Freund und erinnert diesen an eine längst fällige Schuldbegleichung. Da Jonas aber genau auf der falschen Seite der Gesetzbarkeit steht und nicht die Verteidigung, sondern die Anklage leiten müsste, gerät er in einen Gewissenskonflikt. Und der Ausgang des Prozesses könnte auch das Ende seiner Karriere bedeuten.

Meinung

Da ich bereits die Romane „Echo des Schweigens“ und „Die Wahrheit der Dinge“ des deutschen Autors Markus Thiele gelesen habe und beide Bücher absolut lesenswert fand, konnte ich natürlich das aktuelle Werk nicht verpassen. Immer sind es die wichtigen Dinge des Lebens, die hier anhand eines ganz konkreten Falls betrachtet werden und sich auf tatsächliche Ereignisse (wenn auch in abgewandelter Form) berufen. Dadurch bekommt der Leser einen sehr umfassenden Einblick in die Tatbestände und den Ablauf hiesiger Gerichtsprozesse.

Was aber der eigentliche Knackpunkt ist und damit den Mehrwert des Romans darstellt, ist die Erörterung der menschlichen Ansichten, Überzeugungen und Handlungen in Anbetracht moralischer Entscheidungen, die sich nicht mit den geltenden Gesetzen vertragen. Dazu bedient sich der Autor eines geschickten Elements, indem er als auktorialer Erzähler auftritt und jeden Beteiligten mit dessen entsprechender Sicht auf die Dinge ernst nimmt, ohne irgendeine Wertung vorzunehmen. Die reine Handlungsebene ist spannend geschrieben, fast wie ein Kriminalfall, im Grunde genommen sind es aber die Hintergründe, die den Reiz des Buches für mich ausmachen.

Außerdem wirkt alles sehr authentisch und realistisch, denn der Autor ist Rechtsanwalt und kennt die Abläufe vor Gericht sehr genau. Er scheint außerdem ein guter Beobachter zu sein und bewahrt sich eine große Portion Neutralität, trotz einer so polarisierenden Thematik, wie die der Sterbehilfe. Und was könnte in einem fiktiven Roman besser funktionieren als die Schilderung aus nächster Nähe, mit viel Empathie und Verständnis aber auch mit klaren Grenzen und ohne Schönfärberei?

Fazit

Ein sehr empfehlenswertes Buch, dem ich gerne 5 Lesesterne gebe. Die verschiedenen Wahrheiten regen schon während des Lesens zum Nachdenken an und immer wieder begeben sich die eigenen Gedanken auf die Reise zu den Geschehnissen vor Ort. Dadurch das hier die Perspektivenvielfalt einen so großen Raum einnimmt, beginnt man selbst, die Dinge zu hinterfragen. Unabhängig von der persönlichen Überzeugung kann man sich förmlich nebenbei mit diversen Gesetzmäßigkeiten vertraut machen, ohne tatsächlich irgendein relevantes Wissen bezüglich der Rechtssprechung zu besitzen.

Sehr gut gefallen hat mir auch die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten des Glaubens oder der Umgang mit der Abwesenheit desselben. Alle Ansätze greifen wie kleine Rädchen ineinander und hinterlassen nachhaltig Eindruck.

Ich freue mich jetzt schon auf weitere Bücher des Autors - die Ideenvielfalt erwächst vielleicht aus aktuellen Fällen und deren Rechtslage und solange es Menschen gibt, die Fehler machen und lebensverändernde Entscheidungen treffen, dürfte diese Quelle auch nicht versiegen.

Bewertung vom 01.05.2022
Das Leben eines Anderen
Hirano, Keiichir_

Das Leben eines Anderen


gut

„Wenn du die Vergangenheit nicht ausradieren kannst, musst du sie so lange überschreiben, bis sie nicht mehr zu entziffern ist.“

Inhalt

Akira Kido ist fasziniert von der Geschichte, die ihm seine Klientin Rie zuträgt. Ihr Mann ist auf tragische Weise verunglückt, doch während ihres Trauerprozesses entdeckt die Frau, dass es Unstimmigkeiten gibt, denn der Verstorbene kann nicht der sein, für den er sich ausgab und nun stellt sich ihr die elementare Frage, mit wem sie hier eigentlich verheiratet war? Kido verspricht, sich der Sache anzunehmen und legt Stück für Stück die wahren Hintergründe frei. Immer tiefer taucht er in das Lügengebäude des Taniguchi Daisuke ein und entdeckt neben all den moralischen Verfehlungen plötzlich auch die wahre Motivation des Betrügers. Schon bald kann er sich der Faszination eines Identitätentauschs kaum noch entziehen und stellt sich die philosophische Frage, wie man mit so einer Lüge leben kann?

Meinung

Es ist ein hochinteressantes Konstrukt, welches der japanische Autor Keiichiro Hirano hier entwirft: ein Mann legt sich eine neue Identität zu, lässt sein komplettes bisheriges Leben hinter sich und verleibt sich die Stationspunkte eines anderen ein. Nicht nur auf den Dokumenten ist er nun ein anderer, nein auch seine Vergangenheit und Vorgeschichte sind eine komplett unterschiedliche. Plötzlich bietet sich in der Mitte des Lebens die Möglichkeit einen kompletten Neuanfang zu starten, die Fesseln abzustreifen und noch einmal von vorn anzufangen. Das einzig moralisch bedenkliche dabei, ist der Betrug, den man damit an seinen Mitmenschen verübt und das Dilemma derer, wenn sie die Farce aufdecken.

Die Leseprobe des Buches hat mich sehr angesprochen, der distanziert, kühle Ton, wie so oft in japanischen Büchern aber auch die fatale Situation der Protagonisten haben mich zu diesem Roman greifen lassen. Gerade die psychologische, mentale Komposition der Ausgangssituation hat mich fasziniert. Leider entwickelt das Buch aber nicht den gewünschten Lesesog. Stellenweise habe ich mich eher gelangweilt und es geht ständig auf und ab mit der Begeisterung. In weiten Teilen des Textes handelt es sich um die Spurensuche des Anwalts, nach der wahren Identität des Gesuchten. Damit verbunden sind zahlreiche Umwege und Stolperfallen. Es kommt zu verschiedenen Begegnungen mit Menschen, die den Betrüger oder auch dessen Leben kannten und sozusagen aus dem Nähkästchen plaudern, nur leider gerät in diesen Passagen die eigentliche Aussage des Ganzen immer weiter in den Hintergrund.

Mein Hauptkritikpunkt an diesem zeitgenössischen Roman mit interessanter Story, ist die Tatsache, dass er sich verzettelt, immer wieder abschweift und damit nur schwache Spuren hinterlässt. Eine klare Fokussierung und weniger Randthemen hätten diesem Text wesentlich mehr Tiefe verleihen können. Vielleicht ist der suchende Anwalt auch die falsche Person, die hier zu Wort kommt. Oft habe ich gedacht, es wäre besser gewesen, der Betrüger selbst hätte seine Gedanken offenbart, dann wäre man als Leser auch schneller involviert gewesen.

Fazit

Ich vergebe mittelmäßige 3 Lesesterne für diese Geschichte, die ich mir in ihrem Verlauf doch ganz anders vorgestellt hatte. Auf mich wirkte das Ganze, wie ein gebrochenes Spiegelglas, bei dem der Betrachter langsam zuschauen kann, wie die Risse immer tiefer werden und die Glasscherben schließlich bröckelnd zu Boden fallen. Übrig bleibt zwar ein Eindruck, wie es einmal gewesen sein könnte, aber dadurch, dass man den Spiegel nicht in seiner ursprünglichen Form kannte, bleiben einfach zu viele Lücken, um die Schönheit insgesamt zu erfassen oder sich ihrer zu erinnern.

Dieses Buch kann man besser lesen, wenn man sich auf mäandernde Storys einlassen kann und nicht so großen Wert auf Emotionalität und Identifikationspotential legt. Der Roman zählt definitiv nicht zu denjenigen, die besonderen Anklang bei mir finden, schon allein wegen seiner fehlenden Aussagekraft.

Bewertung vom 20.04.2022
Der dreizehnte Mann / Eberhardt & Jarmer ermitteln Bd.2 (eBook, ePUB)
Schwiecker, Florian; Tsokos, Michael

Der dreizehnte Mann / Eberhardt & Jarmer ermitteln Bd.2 (eBook, ePUB)


gut

„Mein Lieber, mir scheint beinahe, Sie haben es in ihrer Welt mit eindeutigeren Sachverhalten zu tun. Der Fall zeigt, dass es im Leben da draußen einfach ambivalenter zugeht.“

Inhalt

Für Rocco Eberhardt, der normalerweise auf Seiten der Verdächtigen steht und vor Gericht deren Strafverteidigung führt, handelt es sich bei dem Ansinnen seines neuen Mandanten Timo Krampe um einen ungewöhnlichen Fall. Krampes bester Freund und Leidensgefährte Jörg Grünwald, ist spurlos verschwunden und das, kurz bevor sich die beiden offiziell zu den staatlich gelenkten Straftaten äußern wollten, die ihnen selbst widerfahren sind. Als wenig später die Leiche von Grünwald aufgefunden wird und es sich nach dem Obduktionsbericht um ein Gewaltverbrechen handelt, beginnt Rocco Eberhardt tiefer zu graben. Bald muss er feststellen, dass seine Gegner weit oben an den Schalthebeln der Macht sitzen und trotz der Verjährung ihrer Verbrechen, alles dafür tun, um ihr Wirken zu verschleiern …

Meinung

Dies ist der zweite Band aus der Justiz-Krimi-Reihe des Autorenduos Florian Schwiecker und Michael Tsokos. Darin ermitteln der Strafverteidiger Eberhardt und der Rechtsmediziner Jarmer gemeinsam an Mordfällen in der deutschen Hauptstadt Berlin. Nachdem mich Band 1 „Die siebente Frau“ gut unterhalten konnte, wollte ich schauen, ob sich die Fortsetzung dieser Reihe lohnt. Aber so ganz konnte der Funke diesmal nicht überspringen. Prinzipiell sind die auf Tatsachen beruhenden Hintergründe zu diesem Fall sehr interessant, denn das Verbrechen, welches hier zur Verhandlung gebracht wird, gab es in einer ähnlichen Form tatsächlich. Die Umsetzung jedoch wirkte ausgesprochen zäh und recht mühsam, da es wirklich nur in ganz kleinen Schritten und sehr detailverliebt vorwärts geht.

Der Text formiert immer neue Tage, mit nur wenig fallrelevanten Ereignissen. Jeder Akteur geht seiner Arbeit nach, es ergeben sich dabei mehr zufällig als zielgerichtet Neuigkeiten und die Inhalte schwenken oftmals ab. Mag sein, dass die Realität genau so aussieht, doch für einen spannenden Kriminalroman müsste es gebündelt und anders aufbereitet werden. Die vielen Gespräche, Treffen und Absprachen vor der eigentlichen Verhandlung bleiben deshalb so blass, weil sie akribisch und in wörtlicher Rede zu Papier gebracht wurden. Der Blick auf das große Ganze kommt dadurch abhanden und die Spannungskurve verläuft flach.

Fazit

Ich tendiere zu eher mittelmäßigen 3 Lesesternen – die Justiz und die Funktionsweise des Systems werden ausgesprochen anschaulich und wahrheitsgemäß wiedergegeben, die Identifikation und das generelle Interesse dafür schwinden aber zusehends. Auch die kleinen Abstecher ins Privatleben von Rocco Eberhardt, der hier mit seiner vergangenen Liebespartnerin zusammenarbeitet und gerne wieder an alte Zeiten anknüpfen würde, haben mich nur mäßig angesprochen. Auf dem Sektor eines anspruchsvollen Justizfalles mit mörderischer Energie und persönlicher Erfahrung (die merkt man den Handlungen nämlich tatsächlich an), hätte ich insgesamt mehr erwartet. Ob ich dieser Reihe nun weiterhin folgen werde, ist ungewiss, vielleicht kommt mit dem nächsten Band wieder Fahrt auf, ich warte erstmal ab.

Bewertung vom 13.03.2022
Die Kinder sind Könige
Vigan, Delphine de

Die Kinder sind Könige


sehr gut

„Eine Zeit, die sie auszuradieren versucht, über die sie nicht zu sprechen bereit ist. Denn wenn man weitermachen will, muss man manchmal so handeln, als hätte es die Dinge nie gegeben.“

Inhalt

Die Polizistin Clara Roussel steht vor einem schwierigen Fall der Kindesentführung, als die kleine Kimmy Diore vom Versteckspiel nicht mehr zurückkehrt. Sie und ihr älterer Bruder Sammy wachsen ohnehin sehr behütet auf, eigentlich spielen sie nicht unter freiem Himmel und in der exklusiven Wohngegend gibt es niemanden, der einfach so kleine Mädchen von der Straße wegfängt. Schwierig wird es allerdings, als Clara begreift, wer hier tatsächlich gekidnappt wurde. Denn Kimmy und ihr Bruder sind echte Stars, weil ihre Eltern einen äußerst lukrativen Kanal betreiben, in dem ihre Mutter sich an alle Fans weltweit wendet und das komplette Familienleben als öffentliches Spektakel vermarktet. Familie Diore kennt fast jeder, sie sind wohlhabend und verdienen mit jedem geteilten Video eine nicht zu verachtende Summe Geld. Und jeder, der sich die zahlreichen Videos auf den Social-Media-Kanälen anschaut, würde mit wenig Aufwand herausfinden, wie das kleine Mädchen lebt und auch wo. Hauptakteurin hinter der Kamera ist Melanie Claux, eine Frau, die die Zufriedenheit ihrer virtuellen Fangemeinde schon längst über das Wohlergehen ihrer eigenen Kinder gestellt hat. Und nun gezwungen wird, ihren Kummer als Mutter ebenfalls mit der Welt zu teilen …

Meinung

Ich bin ein großer Fan der französischen Bestsellerautorin Delphine de Vigan, die sich in jedem ihrer Romane einem kontroversen Thema stellt, welches oftmals Bezug zu unserer ganz alltäglichen Welt besitzt und meist eine generalistische Aussagekraft besitzt. Aktueller könnte es kaum sein, denn die Ausbeutung von Kindern im Netzt, ist ein sehr brisantes und mittlerweile nicht zu verachtendes Phänomen, tatsächlich muss man sich nur einmal durch die Profile alter Klassenkameraden auf facebook klicken und schon, lernt man deren Nachwuchs beim morgendlichen Frühstück kennen, auch wenn man längst keinen direkten Kontakt mehr zu den gewählten Personen hat.

Das Buch gliedert sich inhaltlich in zwei klar voneinander getrennte Teile. Im ersten Teil wird die Story rund um die Entführung geschildert und gewissermaßen auch die Hintergrundgeschichte beleuchtet. In kurzen Episoden erfährt der Leser auch von der Vernehmung und den aktuellen Umständen, ebenso wie vom Ermittlungsansatz der Polizei. Der zweite Teil des Buches spielt dann im Jahr 2031, die ehemaligen Kinderstars sind erwachsen geworden, ihre Mutter gealtert und die Polizistin mittlerweile mit anderen Fällen beschäftigt und doch setzt die Erzählung gerade hier andere Maßstäbe, denn sie fokussiert sich auf die Spätfolgen, die eine derartige Lebensweise mit sich bringen kann. Tatsächlich hat mich der zweite, deutlich kürzere Teil wesentlich mehr gereizt, denn zunächst bewahrt die Erzählung eine sehr objektive Sicht, man fühlt sich auf Distanz gehalten, gerade wenn man sich so wenig mit dieser Lebensweise identifiziert. Viele Emotionen werden ausgeblendet, es entsteht kaum Nähe zu den Protagonisten.

Danach gewinnt der Text aber immer mehr Tiefe und zeigt die traurigen Wahrheiten, die zerrütteten Lebenswege, die verpassten Chancen, die späte Abrechnung der Geschädigten und die Uneinsichtigkeit manch Betroffener – ab Seite 235 war dieses Buch ein Lesevergnügen für mich, sehr gern hätte ich hier die Schwerpunkte gesetzt aber so funktioniert das Buch eben nicht. Im Vergleich zu anderen Werken der Autorin bin ich deshalb auch etwas enttäuscht, hier fehlt es an durchgängiger Intensität, an Charakteren, denen man ihr Wesen abkauft, die nicht nur in ihre Rolle schlüpfen oder sich dem Leser so präsentieren, als wären sie aus Fleisch und Blut. Mag sein, dass es an meinem fehlenden Interesse für das gezeigte Leben im World Wide Web liegt, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie man so sehr auf fremde Bestätigung angewiesen sein muss, dass man dafü

Bewertung vom 27.02.2022
Tell
Schmidt, Joachim B.

Tell


ausgezeichnet

„Ich muss zugeben, dass mich sein Besuch beglückt hat. Wenn man an Menschen erinnert wird, die man einst geliebt hat, fühlt man nicht bloß Kummer.“

Inhalt

Eine Bauernfamilie hoch in den Bergen der Schweizer Alpen, weit weg von der Zivilisation, leben sie ein bescheidenes Leben, ausgerichtet auf die täglichen Bedürfnisse. Die beiden Brüder Peter und Wilhelm Tell halten zusammen, auch wenn der eine ein munterer Zeitgenosse ist und der andere ein schweigsamer Eigenbrötler. Als ein Lawinenunglück dem jüngeren Bruder zum Verhängnis wird, sieht sich der ältere in der Verpflichtung, die Familie des Bruders durchzubringen. Doch am Himmel ziehen dunkle Wolken auf, schließlich durchpflügen die Mannen der Habsburger die Orte in der näheren Umgebung, schänden Frauen und Kinder und plündern, wo sie nur können. Spurlos wird der Feind auch nicht am Haus der Familie Tell vorbeiziehen, doch Wilhelm ist nicht gewillt, sich kampflos zu ergeben. Seine Ehrfurcht vor dem König und dessen Vasallen ist nicht existent, die Armbrust sein bester Freund und wenn er schon nicht den Bruder retten konnte, dann wenigstens die noch Lebenden.

Meinung

Dies war mein erster Roman aus der Feder des in Island lebenden Autors, der sich hier mit der Sage des berühmten Wilhelm Tell auseinandersetzt und sie in moderner Sprache und komprimierter Handlung zu Papier bringt. Der Klappentext des Buches verspricht einen Blockbuster und genau so habe ich diesen Roman auch empfunden, denn während des Lesens läuft vor dem inneren Auge eine sehr stimmungsvolle, glaubwürdige Handlung ab, die man szenengenau wahrnehmen kann. Doch weniger die Historie selbst steht im Zentrum der Erzählung als vielmehr die familiäre Situation eines einfachen Mannes, der bemüht ist, die Seinen zu beschützen.

Das Besondere an diesem belletristischen Unterhaltungsroman ist wohl die gewählte Perspektive, denn die Erzähler des Buches wechseln in kurzen, prägnanten Kapiteln und stellen allesamt Zeitgenossen von Wilhelm Tell dar. Jeder Beteiligte schildert auf seine Art und Weise die Begegnung mit Tell und das Zusammenspiel der Ereignisse. Er selbst kommt dabei zwar nicht zu Wort, doch das tut dem Lesevergnügen keinerlei Abbruch, wird er doch als ein wortkarger, harter, prinzipientreuer Mann beschrieben, der am liebsten allein mit sich und seinen Gedanken war.

Besonders gut gefallen hat mir die Vielschichtigkeit in der Charakterisierung des Hauptprotagonisten, denn der Leser erfährt viel über seine Hintergründe und wird ebenso umfassend über seine Handlungen informiert. Es sind die zahlreichen Facetten, die hier ein stimmiges Bild ergeben und die auch über das Leben des Legende hinaus eine Aussagekraft besitzen. Denn obwohl es ausschließlich um ebenjenen Schweizer Freiheitskämpfer geht, beleuchtet die Erzählung auch generalistische Aussagen bezüglich des Menschseins. Mut, Rache, Vergebung, Hass und Liebe, Glück und Versagen – alles Themen, die zwar nicht explizit genannt werden, aber dank des authentischen Erzählstils eben trotzdem ihre Spuren hinterlassen und die Aussage des Romans sehr vielfältig und nachdenklich erscheinen lassen.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen starken, wichtigen Roman, der ungeachtet seines Handlungsortes eine angenehme Zeitlosigkeit besitzt. Hier funktioniert beides: die Einbettung der Geschichte in die ursprünglichen zeitlichen Hintergründe, geprägt von Armut und Unterdrückung, Kampf mit dem Feind und gegen die Widrigkeiten der Umwelt. Aber ebenso die beispielhafte Schilderung menschlicher Charakterzüge und ihre Auswirkungen auf das direkte Umfeld und die nächsten Angehörigen. Sehr gern hätte dieses Buch noch ein paar hundert Seiten mehr haben dürfen, einfach weil man sich so schön in der Erzählung wiederfinden konnte und die Personen des Buches einem nach und nach ans Herz gewachsen sind. Eine große Leseempfehlung für dieses erste Jahreshighlight und ich werde nun „Kalmann“ direkt auf meine Wunschliste setzen.

Bewertung vom 08.02.2022
Perfect Day
Hausmann, Romy

Perfect Day


gut

„ Liebe ist das Zerbrechlichste und zugleich Stärkste in uns Menschen. Und sie ist immer existent.“

Inhalt

Ann Lesniak kann es kaum glauben, dass ihr geliebter Vater, der sie als Alleinerziehender großgezogen hat, nun als Hauptverdächtiger in mehreren Mordfällen an jungen Mädchen im Fokus der Ermittler steht. Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass die Polizei den falschen Mann verhaftet hat und begibt sich auf eigene Faust auf die Suche nach dem Mörder. Irgendwo wird sie eine Spur finden und den Verantwortlichen klarmachen, dass es sich hier um ein einziges Missverständnis handelt. Mühevoll und ereignislos vergehen die nächsten Wochen, bis ihr das Schicksal in die Hände spielt und erneut ein kleines Mädchen verschwindet, welches kurz darauf wieder auftaucht, weil sie den Fängen des Mörders entkommen ist. Doch die kleine Sarah ist nicht zwangsläufig der Beweis für die Unschuld von Walter Lesniak und ihr beharrliches Schweigen scheint andere Gründe zu haben. Wenn Ann nicht bald den Schlüssel zur Lösung des Falls findet, muss sie hilflos mit ansehen, wie die Justiz ihres Amtes waltet …

Meinung

Nachdem ich bereits die beiden vorherigen Bücher der deutschen Bestsellerautorin Romy Hausmann mit viel Vergnügen gelesen habe, war ich natürlich auf ihr neuestes Werk umso neugieriger. Die Szenerie ganz nach meinem Geschmack: ein scheinbar heikler Fall, mit überschaubarem Personal und möglichst tiefgründiger psychologischer Orientierung. Der Schreibstil war wie erwartet schon auf den ersten Seiten flüssig zu lesen, spannend erzählt und zunächst sehr undurchsichtig. Gerade die diversen Texteinschübe, aus unterschiedlichen Perspektiven, sorgten für viel Interpretationsspielraum und Spekulationen. Hinzu kamen bewusst genutzte Zeitsprünge zwischen Anns Bemühungen in der Gegenwart, ihren Erinnerungen aus Kindheitstagen und einer zweiten, bedrohlichen Stimme des vermeintlichen Täters, die darauf schließen ließ, dass wir es hier mit einem Psychopathen zu tun haben. Doch so geschickt, wie die Geschichte auch aufgebaut ist, sie wirkt nicht aus einem Guss und lässt den Leser zu lange in der eigenen Gedankenwelt verharren. Schon bald sorgt das Geschehen für erste Ungereimtheiten und entwickelt sich zunehmend unlogisch und konzentriert auf Effekthascherei – Hauptsache Dramatik, Action und Plot-Twists, die allerdings bald ihren Glanz verlieren.

Besonders geärgert hat mich die Tatsache, dass neben der Geschichte um Walter Lesniak noch so viel anderes angesprochen und ausgeführt wurde, dadurch konnte ich mich gerade mit der Perspektive des potentiellen Mörders gar nicht so recht auseinandersetzen. Die Frage nach dem Motiv ist unklar und ebenso die nach dem Wahrheitsgehalt der Geschehnisse. Möglichkeiten gibt es viele und dadurch bleibt vieles an der Oberfläche, die Intension liegt mehr auf der spekulativen Handlung und weniger auf den Hintergründen.

Fazit

Ich vergebe hier 3,5 Lesesterne, die ich aber tendenziell eher abrunden würde. Diese Story ist mir zu turbulent und dann wieder zu langatmig, der Lesefluss ist zwar da und man könnte meinen einen echten Pageturner in den Händen zu halten, nur leider häufen sich die Kritikpunkte und oftmals verwirkt der Text kurz zuvor aufgebaute Sympathien, weil er sich dann wieder in den Weiten einer anderen Nebenhandlung verirrt. Auch die Glaubwürdigkeit aller Protagonisten steht immer auf der Scheidelinie, als Leser fiel es mir schwer, mich auf einen Aspekt zu konzentrieren und ich kam mir manchmal regelrecht gehetzt vor.

Ganz klar, dieser Thriller ist für mich das bisher schwächste Buch der Autorin, zu sehr orientiert sie sich an temporeichen Entwicklungen und verliert dadurch die ausgeprägten Charakterstudien aus den Augen. Die Schicksale hinter den verschiedenen Rollen des Täters und der Opfer bleiben schwammig und als Leser spürt man nur, dass sich hier ziemlich viele kranke Charaktere auf gut 400 Seiten tummeln, die erstaunlicherweise recht gut in bestimmte Klischees passen. Ich hoffe d

Bewertung vom 24.01.2022
Ende in Sicht
Rönne, Ronja von

Ende in Sicht


weniger gut

„Wofür überhaupt nach so schönen Erlebnissen jagen, wenn selbst die Erinnerung an einen seltenen, so unglaublichen Moment dir langfristig gar nichts bringt?“

Inhalt

Hella Licht, ein alterndes Popsternchen hat beschlossen ihrem Leben in der Schweiz ein würdiges Ende zu setzen und startet in ihrem alten, klapprigen Passat diese letzte Reise. Leider kommt sie nicht weit, denn von einer Autobahnbrücke stürzt ein 15-jähriges Mädchen namens Juli direkt vor ihre Räder. So einfach kann sie nun nicht weiterfahren, zumal das Mädchen auch noch leicht verletzt ist. Notgedrungen lädt sie den Teenager mit ein und gemeinsam fahren sie ins nächstgelegene Krankenhaus. Doch bald wird klar, dass Juli weder nach Hause will, noch sonst irgendeinen Plan hat, nur der Sprung von der Brücke, ihr letztes größeres Vorhaben ist ja nun ebenfalls gescheitert. Die beiden verkrachten Existenzen fahren gemeinsam über die deutschen Autobahnen, in Richtung Schweiz, kommen miteinander ins Gespräch und erleben eine absurde Situation nach der anderen. Fraglich, ob sie nach dieser Tour tatsächlich noch den Wunsch danach verspüren, ihr Leben zu beenden.

Meinung

Tatsächlich bin ich von diesem Buch, dessen Story so überaus reizvoll klang ziemlich enttäuscht. Was ganz klar in meiner Erwartungshaltung begründet liegt. Zwei Menschen, die in vollkommen verschiedenen Lebensphasen stecken und mit Sicherheit andere Beweggründe für den geplanten Freitod hegen, lernen sich durch einen Zufall kennen und damit kreuzen sich ihre Wege, damit vollzieht das Universum eine schicksalhafte Wendung, die nicht mehr ohne weiteres außer Kraft gesetzt werden kann. Nur leider habe ich mir eine ganz andere Intention vorgestellt, als sie letztlich im Buch umgesetzt wurde. Der Roman startet von Anfang an mit einem mir befremdlichen, aufgesetztem Humor, der sich wie ein roter Faden durch den ganzen Text zieht. Nicht nur dass mich dieser exzentrische, der Situation entgegengesetzte, geradezu muntere Schreibstil irritiert hat, nein er nimmt der Situation auch die Grundlage, die ich mir eigentlich vorgestellt habe. Vor meinem inneren Auge hatte ich zwei gebrochene Menschen, die mit der Welt und sich selbst hadern, bekommen habe ich zwei überaus spezielle Charaktere, die in meinen Augen von einem geplanten Selbstmord so weit entfernt sind, wie ich vom Mond.

Zum einen empfand ich dieses Buch als reine Unterhaltungsliteratur, die nur wenig Ansprüche an den Leser stellt, zum anderen ist es ein kurzweiliger Schlagabtausch zwischen zwei sehr individuellen Protagonisten, mit denen ich über 200 Seiten einfach nicht warm geworden bin. Spätestens ab der Hälfte des Buches, werden die Begebenheiten immer abstrakter, die Story wandelt sich in eine Art Klamauk – bunt, schillernd, wenig authentisch, sehr weit entfernt von der Realität, dafür um jeden Preis lustig. Nur wenige Satzfetzen lassen auf Tiefe schließen und wenn alle depressiven Personen so auftreten würden, hätten wir eine Menge Clowns, die einen seltsamen Galgenhumor pflegen. Zwar kann ich mir in Anbetracht der Vorgeschichte (die Autorin leidet selbst unter Depressionen) vorstellen, dass man der Schwere etwas entgegensetzen möchte und dann lieber den humorvollen Aspekt wählt, allerdings ging das in meinen Augen in die komplett falsche Richtung.

Fazit

Hier vergebe ich leider nur 2 Lesesterne, weil ich etwas ganz anderes lesen wollte, nämlich eine tiefgründige Geschichte über eine schwierige Ausgangssituation, an der die Protagonisten wachsen können. Stattdessen bekommt man zwei nervig-agile Menschen präsentiert, bei denen einiges aus dem Ruder läuft, aber längst nicht genug, als dass sie nicht noch dazu in der Lage wären auf einem Dorffest zu rocken, in eine Thermallandschaft einzubrechen und sich mit Gott und der Welt anzulegen. Wer hingegen eine extravagante Story mit vielen kleinen Passagen lesen möchte, die hervorragend in eine erdachte Filmwelt passen würden, der könnte an diesem Buch vielleicht Gefallen finden, denn ein absond

Bewertung vom 10.01.2022
Der Gräber
Persson Winter, Fredrik

Der Gräber


weniger gut

„Wenn ich mein Opfer gewählt habe, bereiten die Wesen den Zugang vor. Dann warten wir gemeinsam auf den richtigen Zeitpunkt, um die Tat auszuführen.“

Inhalt

Annika Granlund ist Lektorin eines in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Verlages und ihr Team benötigt unbedingt einen Bestseller, damit ihr Arbeitsplatz erhalten bleibt. Deshalb wirft sie einen Blick in die erdverschmierten Seiten eines Manuskripts, welches eines Tages vor ihrer Bürotür liegt. Der Autor soll Jan Apelgren sein, doch dass schließen alle aus, denn besagter Schriftsteller ist vor mehr als 6 Jahren spurlos verschwunden. Annika spürt jedoch, dass es genau dieses Manuskript sein wird, welches sie aus der Misere führen könnte. Denn der Inhalt ist so brisant, wie gewagt – ein Mann, ein Serienmörder, den die schwedische Polizei aktuell zu entlarven versucht, ist der Protagonist der Story und sein Vorbild ist nach wie vor aktiv und holt sich jedes Jahr am gleichen Tag ein neues Opfer. Doch um das Buch veröffentlichen zu können, muss Jan Apelgren für tot erklärt werden und Annika plädiert genau dafür, ohne zu ahnen welche Geister sie weckt …

Meinung

Die Idee hinter diesem Buch klingt sehr reizvoll, denn ein Mörder, der sich durch den Keller des Hauses gräbt, um sein nächstes Opfer zu finden, der mit ihm in die Tiefe verschwindet und keine Spuren hinterlässt außer ein dreckiges Erdloch, erschien mir doch sehr innovativ und im besten Fall gruselig.

Aber leider versteht es der Autor nicht, diese Geschichte in ein entsprechendes Licht zu rücken, sondern verschenkt immer mehr Potential und driftet stellenweise wohl in Richtung Horror ab, aber nicht subtil und vorstellbar, sondern vielmehr von Wahnvorstellungen geprägt. Es sind mehrere Kritikpunkte, die zu meiner schlechten Bewertung führen.

Zunächst sei ein sehr behäbiger, spannungsarmer Handlungsverlauf genannt, denn zielführend lernt man hier weder die Opfer noch den Täter kennen. Hinzu kommt ein völlig überflüssiger Hang zu persönlichen Dramen, die nicht mal in Verbindung mit den mörderischen Handlungen stehen, sondern nur die Charaktere betreffen und mich sehr schnell gelangweilt haben und letztlich kommen die Stimmen aus dem Dunkeln tief unter der Erde, die rufen, locken und verschrecken und ihr Kratzen treibt nicht nur die bedrohten Seelen in die Verzweiflung, sondern schon bald auch den Leser.

Fazit

Hier kann ich wirklich nur zwei müde Lesesternchen vergeben, für einen absolut unrealistischen und dadurch unattraktiven Thriller, bei dem der Schreibstil noch das Beste war, während der Inhalt leider meilenweit von meiner Vorstellung entfernt lag. Ich bin jedenfalls froh, dass ich das Buch nun zuklappen kann, es hat absolut nicht meinen Geschmack getroffen, selbst wenn ich Kellerräume und dunkle Ecken faszinierend finde, können mich Kratzgeräusche und halbmenschliche Wesen nicht überzeugen, ganz egal wo sie leben und wen sie brauchen, um überleben zu können.

Bewertung vom 08.12.2021
Meeressarg / Fabian Risk Bd.6
Ahnhem, Stefan

Meeressarg / Fabian Risk Bd.6


gut

„Vielleicht hatte er begriffen, dass das Lügengebäude unhaltbar geworden war. Dass er umso tiefer fallen würde, je länger er die Wahrheit vertuschte. Oder er hatte innerlich schon aufgegeben und wollte die Sache so schnell wie möglich beenden.“

Inhalt

Für Fabian Risk ist es eine schwere Zeit, nachdem sein Sohn in der Haftanstalt Selbstmord begangen hat und sich an einem Kabel erhängte. Schlimm genug, dass er ihn dazu gedrängt hat, seine indirekte Beteiligung an einem Verbrechen zuzugeben, nun befand sich der junge Mann anscheinend in einer derart labilen psychischen Situation, dass ihm der Freitod als einzig vernünftige Alternative erschien. Aber Risk glaubt nicht an die Todesumstände, die ihn die zuständigen Stellen als Wahrheit verkaufen wollen, denn bei der Obduktion seines Sohnes wird deutlich, dass er selbst Opfer massiver Gewaltanwendung geworden ist und dafür kann es eigentlich nur einen Schuldigen geben – Kim Sleizner, den Polizeichef von Kopenhagen und Erzfeind von Fabian Risk.

Meinung

Dies ist der sechste Band der Fabian-Risk-Reihe vom schwedischen Erfolgsautor Stefan Ahnhem, der hier den Countdown zwischen den Rivalen Risk und Sleizner auf die Spitze treibt und einen tödlichen Ausgang der Ereignisse heraufbeschwört. Bisher habe ich selbst nur einen Band der Reihe gelesen und zwei weiter stehen noch im Regal. Zugegeben, hier bekommt es dem Leser besser, wenn er sich an die chronologische Reihenfolge hält, damit sowohl Zusammenhänge als auch Charaktere besser zur Geltung kommen und die Vergangenheit nicht immer eine Art Fragezeichen bleibt, welches man sich zwar herleiten kann, aber längst nicht so gut versteht.

Der Schreibstil konnte mich zunächst sehr begeistern und das erste Drittel des Buches hätte das Prädikat „Pageturner“ verdient, weil sehr dicht und intensiv erzählt wird, eine latente Dringlichkeit spürbar ist und ganz klar zum Vorschein kommt, wer hier der Böse ist und warum man ihm nun endlich das Handwerk legen muss. Die übersichtlichen Kapitel und die Einführung diverser Protagonisten bringen Perspektivenvielfalt und einen hohen Unterhaltungswert in diesen Thriller. Aber mit jeder Seite verliert die Story etwas an Wert. Denn bereits ab der Hälfte des ca. 500 Seiten umfassenden Spannungsromans, verschwindet die psychologische Komponente des Ganzen mehr und mehr, während das Actionpotential überdurchschnittlich zunimmt. Fast hätte man meinen können in einem James-Bond-Film zu stecken und hautnah die Jagd zwischen den Guten und den Bösen verfolgen zu können. Aber da bin ich dann raus, denn ich mag weder hervorquellende Gedärme, noch Blutlachen und Schusswunden, geschweige denn tödliche Manipulation, mit reißerischen Wendungen.

Zudem hat es mich nachhaltig gestört, dass hier so viele Einzelkämpfer versuchen, irgendwie Licht ins Dunkel zu bringen und sich einfach nicht absprechen oder klare Ansagen machen – jeder kocht sein eigenes Süppchen und kommt immer nur minimal voran, zumal der Hauptverdächtige einen langen Atem, wichtige Freunde und gekaufte Loyalität auf seinem Guthabenkonto aufzuweisen hat. Die Rache des Einzelnen steht der Gewaltverherrlichung des anderen gegenüber und von „normaler“ Polizeiarbeit ist man hier wirklich meilenweit entfernt, denn ermittelt wird hier nur wenig, stattdessen spricht die Gewalt und die Selbstjustiz.

Fazit

Das werden leider nur 3 Lesesterne, obwohl ich zunächst gerne 5 vergeben hätte, aber das Potential bleibt nicht erhalten und man sollte hier definitiv ein Freund von Verfolgungsjagden, Schusswechseln, Folterszenen und rasanten Entwicklungen sein. Möglicherweise hätte mir hier tatsächlich die Verfilmung besser gefallen, weil dieser Kriminalroman so bildlich geschrieben ist, dass er durchaus an ein Drehbuch erinnert. Während ich vom dritten Band (Minus 18°) der Reihe sehr angetan war, hat mich dieses aktuelle Buch eher desillusioniert. Wahrscheinlich starte ich die Reihe noch mal von vorn (Band 1 und 2 ruhen auf dem SUB) und schaue dann einfach, ab w