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Benutzername: jenvo82
Wohnort: Oberschöna
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Danksagungen: 12 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 132 Bewertungen
Bewertung vom 11.02.2018
Lied der Weite
Haruf, Kent

Lied der Weite


sehr gut

Der im Jahre 2014 verstorbene amerikanische Autor Kent Haruf hat die idyllische Kleinstadt Holt eigens für seine Geschichten erdacht und nimmt den Leser nun mit auf eine Reise ins Zentrum seines kleinen Universums. Dort, wo die Landschaft noch urig ist, die Menschen bodenständig leben und ihrer geregelten Arbeit nachgehen, dort wo der Ackerbau und die Viehzucht als Wirtschaftszweige dominieren, treffen wir Menschen aller Art, deren Charakterstärken und Ambitionen ebenso zu Tage treten wie ihre Schwächen und Unzulänglichkeiten. Dieser Roman ist eine sehr liebevoll gezeichnete, unaufgeregte Menschenstudie über das Zusammenleben mehrerer Bewohner dieser Kleinstadt und gleichermaßen die Erzählmöglichkeit, wie es sein kann, wenn sich nicht jeder selbst am nächsten steht, wenn fast Fremde bereit sind, nur durch den ein oder anderen Kompromiss einne Neuanfang zu wagen, um den Gemeinschaftssinn zu stärken.


Zunächst einmal besticht der Roman durch einen humorvollen, ambitionierten Schreibstil, der ebenso Raum lässt für Gefühle wie Einsamkeit, Traurigkeit und Zuversicht als auch für ganz alltägliche, wenn auch leicht abschreckende Abläufe im ländlichen Tagesablauf. Mensch und Tier bildet eine Einheit, ist voneinander abhängig und wirkt aufeinander ein. Das Sterben, die Geburt, Krankheiten und Sorgen, die erste Liebe, der erste Verrat, das schlechte Gewissen, die elementare Wut – ganz egal was es ist, der Leser kann es nachvollziehen, selbst wenn der Autor aus einer übergeordneten Erzählperspektive heraus agiert und ersichtlich wird, das viele Menschen lieber schweigen als ihren Wünschen Ausdruck zu verleihen.


Mein persönlicher Kritikpunkt bezieht sich im Wesentlichen auf recht lose Erzählstränge, die immer wieder wechseln und dann doch recht oberflächlich aus der Außenperspektive schildern, was den Menschen widerfährt. Inhaltlich konzentriert sich die Geschichte auf mehrere Aspekte und Menschen, die mir durch den häufigen Wechsel nicht so recht ans Herz wachsen konnten. Am meisten gestört hat mich dabei die fehlende Reflexion über die Gefühlsebene. Der Leser weiß genau, wie viel Mut oder Überwindung hinter einer entsprechenden Verhaltensweise steckt, aber er entdeckt das nur über die Handlung, nicht über die inhaltliche Auseinandersetzung. Bereits nach der Hälfte des Buches war ich mir sicher, dass mich das Geschehen in einer verfilmten Variante noch mehr angesprochen hätte, da dort auch zwischenmenschliche Töne, wie Körpersprache oder Stimmvariationen wirken können.


Fazit


Ich vergebe 4 Lesesterne für diesen stillen, aber eindringlichen Roman, der Menschlichkeit und Aufopferungsbereitschaft fokussiert. Ich mag Bücher, in denen man eine echte Aussage, eine Botschaft findet und die man mit einem Lächeln zuklappen kann und all das bietet dieses Buch. E

Bewertung vom 30.01.2018
Der Reisende
Boschwitz, Ulrich Alexander

Der Reisende


ausgezeichnet

Dieses Werk des mit bereits 27 Jahren verstorbenen Autors Ulrich Alexander Boschwitz, erschien bereits 1939 in England und wurde nun erstmals durch den Herausgeber Peter Graf auch in einer deutschen Fassung aufgelegt. In Erinnerung an eine Zeit voller Schrecken, in der es Menschen zweiter und dritter Klasse gab, ebenso wie Abteile in deutschen Zügen. Ein umfangreiches Nachwort des Herausgebers zeigt, dass Boschwitz selbst mit dem Regime ausreichend Erfahrung sammeln konnte und der vorliegende Text viele autobiografische Parallelen aufweist. Ein Grund mehr diesen Roman als wichtiges Zeitdokument zu deklarieren, eben weil die Empfindungen und Ereignisse nicht erfunden sind, sondern auf Fakten basieren. Auch dieser historische Hintergrund macht den Mehrwert des Buches aus, denn als Leser bekommt man hier nicht nur eine beängstigende Geschichte präsentiert, sondern ein aussagekräftiges Zeugnis einer menschenverachtenden Zeit.


Die Geschichte selbst wird als eine wahre Odyssee quer durch ein Land beschrieben, denn der Hauptprotagonist, ein anständiger, gewissenhafter Mensch mit ehrenhafter Überzeugung, kann es zunächst einfach nicht glauben, dass gerade er in einem Land, mit dem er sich eigentlich sehr verbunden fühlt, plötzlich zu den Ausgestoßenen zählen soll. Als Kaufmann ist ihm aber auch bewusst, dass ihn sein Vermögen möglicherweise retten wird, er erhofft sich zumindest eine kleine Chance. Doch die Realität trifft ihn mit voller Breitseite. Vermögend zu sein entwickelt sich zunehmend als Handicap, denn wohin soll er mit dem Bargeld?


Der Autor vermag es gekonnt die Sorgen von Otto Silbermann für den Leser lebensecht nachzuerzählen, man spürt die Sehnsucht nach Ruhe, den Wunsch nach einem friedlichen Leben aber auch den Überlebenswillen des Protagonisten. Mit jeder neuen Hürde wächst die Verzweiflung und bald ist auch der Leser ein Getriebener, denn man muss unbedingt wissen, welchen Ausgang diese dramatische Geschichte nehmen wird. Besonders hervorheben möchte ich die Nähe des Textes zum Leser an sich, denn man kann sich vortrefflich in die missliche Lage des Erzählenden hineinversetzen, es sind sehr einfache, äußerst plausible Sachverhalte, die den Handlungsverlauf vorantreiben. Und es sind auch interessante Menschen, die Herrn Silbermann in den Zügen begleiten und seinen Weg auf ganz unterschiedliche Art und Weise beeinflussen.


Dieser Roman ist ein Zeitzeugnis, ein Andenken und eine diskussionswürdige Geschichte zugle

Bewertung vom 18.01.2018
Die Eishexe / Erica Falck & Patrik Hedström Bd.10
Läckberg, Camilla

Die Eishexe / Erica Falck & Patrik Hedström Bd.10


gut

Meinung


Ich bin mit einer hohen Erwartungshaltung an den 10. Band der Falck/ Hedström-Reihe aus der Feder der schwedischen Erfolgsautorin Camilla Läckberg herangetreten, die Leseprobe konnte mich überzeugen und lies mich auf spannende Unterhaltung hoffen. Andere Romane der Autorin konnten mich bereits begeistern und obwohl ich längst nicht alle Bücher dieser Reihe kenne, habe ich mich doch mit Überzeugung ins Leseabenteuer gewagt. Leider musste ich feststellen, dass der gute Start nicht von Dauer war und bereits nach 100 Seiten ließ sich absehen, dass es sich um einen zähen, nicht übermäßig fesselnden Kriminalroman handelt.


Zunächst einmal fand ich die Vielzahl der Protagonisten und ihre ausufernd beschriebene Verbindung zueinander sehr störend. Gerade am Anfang bereitete mir eine Zuordnung von Namen und Taten einige Probleme. Doch dieser Umstand verliert sich im Laufe der Erzählung. Dafür tritt die Handlung dann ungemein auf der Stelle. Mir kam es so vor, als würde den zahlreichen Nebenhandlungen wesentlich mehr Spielraum eingeräumt, als dem eigentlichen Plot. Angefangen von privaten Ausflügen, hin zu Streitigkeiten auf der Dienststelle, dann wieder sprunghaft zu den bedenklichen Ereignissen einer neuen Flüchtlingsunterkunft im beschaulichen Fjällbacka – von Stella und Linnea, den beiden ermordeten Mädchen hört man nur noch wenig. Außerdem wiederholt die Autorin ganze Sätze fast wortgleich auf den nächsten 10 Seiten nochmals. Nachdem man bereits wusste, dass die Arbeit anstrengend, das Wetter brütend heiß und die Kollegen übernächtigt sind, wird man kurz darauf nochmals darüber aufgeklärt. Dieses Muster stößt mich fast schon ab, entsteht dadurch doch der Eindruck, dass man problemlos 20 Seiten später weiterlesen kann, ohne Grundlegendes verpasst zu haben.


Ganz eindeutig hat mir dieser Kriminalroman zu viele Baustellen, denen zwar mit viel schriftstellerischer Hingabe Tribut gezollt wird, die mich als Leser aber nicht alle gleichermaßen ansprechen konnten. Als dann auch noch eine weitere Geschichte eingebaut wird, die sich im 17. Jahrhundert abspielte und eine traurige Handlung von Liebe/ Verrat und Hexerei aufgreift, musste ich mich zum Weiterlesen zwingen. Viel zu überladen und zerfasert war mir mittlerweile die Handlung.


Positiv beurteile ich in erster Linie die schriftstellerische Ausarbeitung, man spürt als Leser das Vorhandensein einer komplexen Handlung, kann zu fast jeder handelnden Person eine Beziehung entwickeln, sieht die Menschen vor dem inneren Auge und spürt auch das intensive Recherchieren im Vorfeld. Das Buch verfolgt einen Plan und könnte mich als Verfilmung möglicherweise sogar ansprechen, nicht jedoch auf scheinbar endlosen 741 Seiten Text.


Fazit


Ich vergebe wohlwollend 2,5 Lesesterne für diesen Kriminalroman der Erfolgsautorin,

Bewertung vom 06.01.2018
Olga
Schlink, Bernhard

Olga


sehr gut

Meinung

Bernhard Schlink, der sich mit seinem beeindruckenden Debütroman „Der Vorleser“ in die Herzen der Leserschaft geschrieben hat, greift auch in dieser Erzählung eine sehr ungewöhnliche, definitiv nicht alltägliche Liebesbeziehung auf und seziert sie auf ihre tatsächlichen Bestandteile. Die, je genauer man hinschaut, immer weiter zerfasern und wenig Substanz besitzen, dafür umso mehr Nachhaltigkeit und Beständigkeit. Eine Beziehung, die zwar auf Liebe basiert, in der die Gefühle aber nicht wirklich zum Ausdruck kommen, eine Paarbeziehung, bei der die starken Einzelcharaktere die Weichheit und Freude abschleifen und der es mehr um Durchhalten, als um Zusammenhalten geht.

Während Olga die zentrale Figur der Geschichte ist und der Leser sehr genau in ihr Gefühlsleben aber auch in ihren Alltag Einblick gewinnt, bleibt Herbert, der männliche Part eine diffuse, eher blasse Figur, die zwar vom Ehrgeiz zerfressen aber gleichzeitig unfähig ist, eine zwischenmenschliche Beziehung zu führen. Sehr unterschiedlich wirken die beiden Menschen hier, bei denen der Leser nur hin und wieder spürt, warum sie in Liebe zueinander gefunden haben. Meist jedoch fragt man sich, welches Band die beiden tatsächlich miteinander verbinden konnte. Es bleibt ein kleines Mysterium, ein Fragezeichen im Raum und letztlich auch der Grund dafür, warum man als Leser sehr genau wissen möchte, welches Ende diese Liebe nimmt.

Der Autor teilt sein Buch in drei Abschnitte, im ersten erzählt Olga von ihrer Liebe zu Herbert und den Schwierigkeiten eines gemeinsamen Alltags, im zweiten erfährt der Leser aus dritter Hand von Olgas Leben nach der Expedition ihres Geliebten und im letzten Teil kann man direkt die Liebesbriefe von Olga an Herbert lesen, die über einen Zeitraum von vielen Jahren schildern, welche Beweggründe die junge Frau für ihre Handlungen hatte und welche Wünsche in ihrer Seele schlummerten. Prinzipiell eine sehr gut gewählte, vielschichtige Perspektive, die hier jedoch etwas unter der Kargheit einer unterkühlten Liebe leidet. Stellenweise kam es mir so vor, die Protagonistin füllt den Raum mit ihrer eigenen Person, weil das Gegenüber schlicht und einfach niemals da ist und die kurzen Momente dieser Liebe nicht reichen, um über Jahrzehnte die gleiche Intensität zu bewahren. Zumindest dieser Punkt wirkt sehr glaubhaft für den Leser.

Trotzdem fehlt der Erzählung einiges, um zum Lieblingsroman zu werden. Zunächst ist es die ständige Distanz, nicht nur zwischen den handelnden Personen, sondern auch zwischen de

Bewertung vom 15.12.2017
Dominotod / Nathalie Svensson Bd.2
Moström, Jonas

Dominotod / Nathalie Svensson Bd.2


gut

„Mitmenschlichkeit als Geschäftsmodell – das war eine Gleichung, die nie aufgehen würde. Einsparungsberater, Sparpakete und verantwortungslose Politiker. Er biss sich die Lippen blutig und trampelte mit den Füßen im Benzin herum.“


Inhalt


Nathalie Svensson wird als Beraterin in einem heiklen Mordfall hinzugezogen, ein Arzt musste sterben und ein weiterer wurde entführt. Die schwedische Polizei vertraut der Kompetenz ihrer psychologischen Ausbildung, auch wenn in diesem Fall die Schwester der Psychiaterin als angestellte Krankenschwester direkt involviert ist. Nathalie ist der Ansicht, dass der Mörder etwas Bestimmtes mitteilen möchte und die Dominosteine, die in den Leichen gefunden wurden, sind wichtige Spuren innerhalb der Ermittlung. Das Polizeiteam arbeitet auf Hochtouren, denn es ist nur eine Frage der Zeit, bevor das Entführungsopfer ebenfalls zum Mordopfer wird. Doch alle Spuren, die nach und nach auftauchen führen direkt zum abgelegenen Hof von Estelle Ekman und ihrem Mann und Nathalie ist sich überhaupt nicht mehr sicher, was ihre Schwester möglicherweise zu verbergen hat, vor allem weil sie für die Morde durchaus ein Motiv hätte und für die Tatzeit kein plausibles Alibi vorweisen kann …


Meinung


„Dominotod“ ist der zweite Band aus der Krimireihe um die Psychiaterin Nathalie Svensson. Und obwohl ich den ersten Band „So tödlich nah“ nicht kenne, fehlte mir nur selten das Vorwissen, so dass daraus kein Nachteil entstand. Erwartet habe ich einen spannenden Fall, wie man ihn in zahlreichen schwedischen Spannungsromanen geboten bekommt, doch leider konnte mich der Autor mit seinem Zweitwerk nicht so recht fesseln.


Zunächst einmal steht die Ermittlungsarbeit der Polizei, das mühsame Suchen der Puzzleteile, die akribische Verfolgung jeder noch so kleinen Spur und die ständigen Enttäuschungen im Laufe der Ermittlungen im Zentrum des Geschehens. Dadurch bekommt der Leser zwar ein ausgesprochen gutes Gespür für die Polizeiarbeit, aber nur wenig Einzelheiten aus dem Fall geboten. Tatsächlich kamen mir sowohl die Umstände als auch die Personen sehr austauschbar vor. In sehr wenigen kurzen Episoden lässt Jonas Moström den Täter zu Wort kommen und genau diese Passagen haben mir wesentlich besser gefallen, weil sie Hintergründe und Motive klarer erscheinen lassen. Vermisst habe ich auch eine aussagekräftige Psychiaterin, die dem Fall mehr Würze verleiht und die Suche nach dem Mörder vorantreibt. Doch auch da bleiben Lücken, denn der Autor zieht es vor, das private Umfeld und die Schwierigkeiten der beiden Schwestern zu fokussieren. So konnte ich weder zu Nathalie noch zu Estelle eine echte Beziehung aufbauen, denn für den Kriminalfall erscheint mir das Verwandtschaftsverhältnis der beiden sehr irrelevant und wirkt eher als schmückendes Beiwerk.


Positiv beurteile ich die logische Abfolge und eine gewisse Realitätsnähe in Bezug auf den Täter und die Zusammenhänge zwischen dem Mord und einer gesellschaftlichen Kritik. Als Leser erscheint die Aufklärung stimmig, die Beteiligten sind nicht wirklich psychisch krank, keine Extremisten, die wahllos nach Opfern Ausschau halten und so schließt sich der Kreis und die Frage, warum gerade Dominosteine als probates Kommunikationsmittel gewählt wurden. Vermisst habe ich dennoch eine ganze Menge, so dass ich den ersten Band nicht zwingend nachholen möchte.


Fazit


Ich vergebe 3 Lesesterne für diesen soliden, klassischen Kriminalroman, der sich mit Ermittlungsdetails auseinandersetzt und gleichzeitig Gesellschaftskritik und persönliche Schicksale miteinander verbindet. Das Buch liest sich gut und hält das Niveau bis zum Schluss, doch weder die Protagonisten noch die Atmosphäre konnte mich überzeugen, so dass ich mich hier mit einem eher durchschnittlichen Roman auseinandergesetzt habe, der mich nicht wirklich bewegen und fesseln konnte. Irgendwie schade, denn gerade die Leseprobe hat mich neugierig gemacht und durchaus höhere Erwartungen aufkommen lassen.

Bewertung vom 20.11.2017
Leere Herzen
Zeh, Juli

Leere Herzen


sehr gut

Gespannt habe ich auf den neuen Roman der deutschen Autorin Juli Zeh gewartet, die bereits mit zahlreichen Buchpreisen ausgezeichnet wurde und von der ich gesellschaftskritische Gegenwartsliteratur mit Unterhaltungsfaktor erwarte. Auch dieses Buch erfüllt wie erhofft alle Ansprüche und wartet mit einer besonders innovativen Idee auf, die sehr geschickt und erst Stück für Stück im Text erkennbar wird.


Dadurch, dass der Leser mit Hilfe ganz normaler Menschen, die vielleicht etwas politikverdrossen sind aber ansonsten durchaus dem gängigen Gesellschaftsmodell folgen, geschickt getäuscht wird, ergibt sich das Ausmaß des Unternehmensinhalts erst ab Mitte des Buches. Vollkommen angetan von dieser Idee, die mir tatsächlich nicht weltfremd und sogar realistisch erscheint, konnte ich die aktuellen Ereignisse, die eine moderne, taffe Hauptprotagonistin schneller einholen als gewünscht, voller Begeisterung verfolgen. In diesem Zusammenhang finde ich auch die Datierung der Handlung, die sich auf eine Zeit vielleicht 10 bis 15 Jahre in der Zukunft festlegt, geradezu vortrefflich. Dadurch wirkt die Handlung äußerst präsent, liegt aber auch noch im Rahmen des Vorstellbaren, denn aus heutiger Sicht sind die Ansätze ebenjener Machenschaften absolut realistisch, erscheinen aber einfach noch nicht ausgereift.


Sehr positiv zu bewerten ist auch die Entwicklung der Protagonistin, der man mit jeder Faser anmerkt, dass ihre anfängliche Euphorie und ihr mittlerweile etabliertes Unternehmen eigentlich nur eine Farce sind. Abgesehen von nächtlichen Meetings, spontanen Unternehmensausflügen und einem dicken Bankkonto, bleibt der Mensch Britta Söldner ziemlich auf der Strecke. Sie belächelt ihre Freunde, schüttelt den Kopf über die Angepasstheit ihrer Mitbürger und empfindet ihre Sicht, auch wenn sie diese nicht äußern möchte, als die einzig wahre. Erst nachdem sie wirkliche Probleme bekommt und auf elementare Bedürfnisse zurückgeworfen wird, gelingt es ihr, mit ihrem Organisationstalent aber auch einer gewissen Weitsicht wieder Land zu gewinnen. Fast erscheint es so, als würde die Autorin Juli Zeh ihre Protagonistin als Mittel zum Zweck einsetzten. Britta ist nicht nur die erfolgreiche Geschäftsfrau von Morgen, sie ist auch das Sinnbild für Menschen, die ihren Auftrag möglicherweise vollkommen falsch verstanden haben.


Fazit


Ich vergebe 4,5 Lesesterne für diesen aktuellen, einfallsreichen Unterhaltungsroman mit einer guten Portion Gesellschaftskritik und einer Tendenz zum politischen Thriller. Ein interessantes Konzept, gut gezeichnete Charaktere und eine spannende Handlung machen das Buch zum Pageturner. Es bleibt auch noch genügend Spielraum für eigene Spekulationen, weiterführende Gedanken und generell für die unabhängige Urteilsfindung des Lesers. Zum Lieblingsbuch fehlt nicht viel, vielleicht eine höhere menschliche Komponente, mehr Empathie mit den Menschen hinter der Geschichte, obwohl ich fürchte, diese Grenze zwischen, so könnte es sein und so sollte es besser nicht werden, ist sehr bewusst gewählt und sollte für die Bewertung des Buches nicht relevant sein. Ein empfehlenswerter zeitgenössischer Text, der mich einmal mehr für die Autorin und ihre gut beobachteten Sachverhalte einnehmen konnte.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 10.11.2017
Der Fall Kallmann
Nesser, Håkan

Der Fall Kallmann


ausgezeichnet

Dieser Roman, der für mich kein klassischer Krimi ist, konnte mich dennoch voll und ganz überzeugen. Hakan Nesser entwirft eine groß angelegte Menschenstudie, die er vielschichtig und perspektivenreich präsentiert und in deren Zentrum ein verstorbener Lehrer steht, dessen Handlungen selbst zu Lebzeiten nicht wirklich verständlich waren. Er widmet sich mit Ausdauer und großem Erzähltalent einem Eigenbrötler, der nur wenige Freunde und keine näheren Angehörigen hatte und in seiner Freizeit alten, ungelösten Kriminalfällen auf die Schliche kommen wollte. Rückblickend bekommt der Leser eine Menge Material geboten, sei es durch Tagebuchaufzeichnungen oder aus kleineren Gesprächsepisoden, aus der Erinnerung von Kollegen oder durch rätselhafte Fotos – bald stellt man sich ebenso die Frage, wie die handelnden Personen: „Wer war Kallmann wirklich?“. Interessant ist auch der Aspekt des Mythos, der hier ganz nah greifbar erscheint. Während Eugen Kallmann früher ein geachteter Lehrer war, für den sich kaum einer interessierte, tritt sein unerklärlicher Tod eine ganze Lawine an Ereignissen los. Sehr schnell wird Kallmann zum Mythos, dem die Hinterbliebenen auf die Spur kommen möchten …


Der Großteil des Buches basiert auf der Suche nach den Hintergründen, offenbart aber auch grandiose Einblicke in den Schulalltag. Alle Erzähler gemeinsam schildern ihre persönlichen Eindrücke und bekommen dennoch ein Gesicht, einen eigenen Background und eine ausgearbeitete Geschichte. Dadurch entsteht ein sehr intensiver, stiller Roman, der viel Realitätsbezug hat und manches Ereignis einfach nur abbildet, ohne zu bewerten. Die Verbrechen, die Vergangenheit, die Rätsel sind stets greifbar, dominieren aber nie die Geschichte. Vielmehr macht sich der Leser gemeinsam mit den Erzählern auf die Suche und stochert ebenso ratlos wie diese in winzigen Bruchstücken eines fragwürdigen Lebens.


Fazit


Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen komplexen Roman, der sich hinter einer vordergründigen Kriminalgeschichte nicht verstecken sollte. Die Spannungskurve liegt nicht sonderlich hoch, der Erlebnisfaktor ebenso wenig und trotzdem konnte mich diese Geschichte nicht nur fesseln, sondern auch bestens unterhalten. Ich empfehle dieses Buch vor allem Lesern, denen es mehr um die Menschen hinter der Geschichte geht, die bereits sind sich auf Abschweifungen einzulassen und gerne aus zweiter Reihe Beobachtungen anstellen. In gewisse Weise betreibt Nesser hier psychologische Studien, involviert Menschenkenntnis und persönliche Kontakte, beschreibt, erzählt und bringt nur hin und wieder neue Impulse in diese Geschichte hinein. Doch gerade dieser dunkle, unaufgeregte Erzählton, der viele Facetten aufwirft, konnte mich begeistern. Ein Roman, der bestens unterhält, wenn man Inhalte erwartet und weniger Nervenkitzel sucht.

Bewertung vom 06.11.2017
Dann schlaf auch du
Slimani, Leïla

Dann schlaf auch du


ausgezeichnet

Meinung


Dieser Roman, der im Jahr 2016 Preisträger des Prix Goncourt geworden ist, hat mich schwer beeindruckt. Weniger auf Grund seines literarischen Anspruchs als vielmehr durch die beklemmend realistische und doch erschreckend grausame Erzählung, die sehr viele Belange des täglichen Lebens aufgreift und sie in einen alltäglichen Kontext setzt. Darüber hinaus entwirft die junge Autorin Slimani nicht nur vielschichtige Charaktere, sondern auch ein Beziehungsgeflecht zwischen Ihnen, welches wie das Netz einer gefährlichen Spinne immer dichter und enger wird und in dem man schließlich nur noch als Beute verenden kann. Die gewählte Ausgangssituation ist äußerst profan und realistisch, zeigt aber bereits das Dilemma, in dem sich berufstätige Mutter befinden, die zwar ihrer beruflichen Laufbahn nachgehen möchten, dann aber förmlich gezwungen sind, ihre Kinder einer anderen Frau anzuvertrauen, sie in die Obhut Fremder zu entlassen und immer mit einer latenten Schuld leben, weil Kind und Karriere nicht restlos vereinbar sind. Desweiteren greift die Autorin einen wichtigen gesellschaftlichen Punkt auf, der deutlich macht, wer eigentlich die Zugehfrauen sind, woher sie kommen und wie undankbar und unterbezahlt ihre tägliche Schwerstarbeit ist. Zwar sind die Umstände im gewählten Pariser Musterhaushalt noch weit schockierender, noch viel tiefgründiger und natürlich äußerst persönlich, doch neben dem Einzelschicksal der Familie Massé, wird auch das gesellschaftliches Phänomen von Nannys greifbar.


Die gewählte Erzählperspektive sorgt beim Leser für den Rundumblick, eben weil er nicht nur die gestresste, verzweifelte Mutter kennenlernt, nicht nur den leicht desinteressierten Vater, sondern auch die psychisch gestörte Kinderfrau, die arglosen, manchmal auch gemeinen Kinder. Die Nachbarn, das persönliche Umfeld, die immer gleichen Tagesabläufe und die zahlreichen Ursachen aus der Vergangenheit ebenso wie die trügerische Idylle der Gegenwart. Die Besonderheit dieses Romans liegt meines Erachtens in seiner beklemmenden Stimmung, in seiner nachhaltigen Wirkung und seiner allumfassenden Erzählweise. Obwohl die Autorin bewusst auf die Ich-Erzählperspektive verzichtet und damit alles sehr sachlich und streckenweise distanziert wirkt, gefällt mir dieses stilistische Mittel bei der Art der Erzählung ausgesprochen gut. Nicht zuletzt, weil damit die Frage nach Schuld oder Selbstverschulden so offen im Raum hängen bleibt. Es gibt kein abschließendes Urteil, keine absolute Wahrheit, keine zufriedenstellende Auflösung – die Tragödie nimmt einfach ihren Lauf und lässt den Leser mit dem bitteren Geschmack des Unvermeidlichen zurück.


Fazit


Ich vergebe 5 Lesesterne für ein weiteres Lesehighlight im Jahr 2017, einen Roman mit Realitätsbezug mit Dramatik, mit persönlichen und gesellschaftlichen Verfehlungen, mit Menschen, die nicht aus ihrer Haut können, die gleichermaßen verzweifelt und engagiert auftreten, die kämpfen, abwägen und fehlerhafte Entscheidungen treffen. Und diese fast psychologische Menschenstudie hat mir ausgesprochen gut gefallen, weil sie Komplexität und Überblick bewahrt, in Momenten in denen das Glück Einzelner wie ein herunterfallender Spiegel in tausend Scherben zerbricht.

Bewertung vom 24.10.2017
Und es schmilzt
Spit, Lize

Und es schmilzt


weniger gut

Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Roman durch die vielen eindrücklichen Rezensionen, die mich wirklich neugierig gemacht haben, was es denn nun mit diesem Eisblock auf sich hat. Aber mir war auch von Anfang an klar, dass die Lesermeinungen hier sehr weit auseinanderdriften, insbesondere was die Thematik und Bedeutsamkeit der Erzählung anbelangt. So habe ich eine ambivalente Stimmung erwartet und war in gewisser Weise „vorgewarnt“ – dieser Roman begeistert die einen, während er die anderen enttäuscht. Und nach der Lektüre kann ich nur so viel sagen: Lize Spit will schockieren, sie fordert den Leser heraus und konfrontiert ihn mit menschlichen Abgründen. Dieses Buch eignet sich hervorragend für Diskussionsrunden, weil es unheimlich schwer ist, bei dem Gelesenen eine neutrale Haltung zu bewahren. Ich glaube man liebt es, oder man schüttelt nur noch den Kopf – lesen sollte man es aber auf jeden Fall.
In ihrem Debütroman sticht die junge belgische Autorin unmittelbar in ein Wespennest und scheut vor Dramatik, Abscheu und Ekel nicht zurück. Sie forciert Grenzen regelrecht und überschreitet sie stellenweise auch. Was wie ein normaler Sommer mehrerer Jugendlicher beginnt, entwickelt sich zu einem Schreckensszenario, welchem der Leser erst nach und nach auf die Spur kommt. Eine Zufallsfreundschaft, geboren aus der räumlichen Nähe und den fehlenden Alternativen führt Eva und ihre beiden Freunde Pim und Laurens zusammen. Gemeinsam beschließen sie ihren Alltag mit einem Spiel zu bereichern und ebenso wie die berühmten Musketiere zusammenzuhalten, egal was passiert. Doch wie so oft im Leben ist es nicht diese Momentaufnahme, die Veränderungen bringt, sondern viele, kleine Risse im zwischenmenschlichen Bereich, die schließlich zur fatalen Wende führen.
Erzählt wird einzig aus Sicht der Hauptprotagonistin, was dazu führt, dass alle anderen Charaktere im Hintergrund bleiben und nur die eingeschränkte Sichtweise eines verstörten, tief verletzten jungen Mädchens zur Sprache kommt. Sichtbar wird zwar das Fehlverhalten aller Beteiligten, doch als Leser gelingt es nicht, die wahren Beweggründe zu erforschen. Diese bewusst gewählte Einseitigkeit hat mich etwas gestört und konnte auch nicht über die beiden Zeitebenen hinwegtrösten, die sehr gut gewählt wurden. Denn nicht nur der Sommer 2002 ist Handlungsschwerpunkt, sondern auch die Gegenwart, die durch die Präsenz des Eisblocks für den nötigen Unterhaltungswert sorgt. Denn eines kann man diesem Buch nicht absprechen: es fesselt ungemein und lässt den Leser nicht mehr los, solange bis man alle Schichten der Wahrheit aufgedeckt hat.
Sehr intensiv und ausdauernd beschreibt Lize Spit ein Verlorensein, eine zerrüttete Familiensituation, eine dörfliche Gemeinschaft, die zwar funktioniert aber keinen Platz für wahre Nähe zulässt. Menschen, deren Desinteresse so stark ist, dass sie nie nachfragen, sich nie erkundigen und eigentlich für immer Fremde bleiben, die sich eher zufällig den gleichen Lebensraum teilen und nun gezwungen sind, oberflächlich miteinander auszukommen. Aber auch die zentralen Themen der Jugend, die zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und der Chance auf Abgrenzung basieren, kommen zur Sprache, wenn auch beides in gewisser Weise unbefriedigt bleibt.

Bewertung vom 12.10.2017
Der gefährlichste Ort der Welt
Johnson, Lindsey Lee

Der gefährlichste Ort der Welt


ausgezeichnet

Meinung

Dieser Debütroman der amerikanischen Autorin Lindsey Lee Johnson greift gleich mehrere Dinge auf und schmiedet aus elementaren Verhaltensweisen einen sehr tiefgründigen, absolut ansprechenden Coming-of-Age Roman, der nicht nur die tatsächlichen Hintergründe von jugendlichen Verfehlungen an den Pranger stellt sondern auch zeigt, wie schwer es ist, trotz aller Möglichkeiten, perfekter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, Förderung und Ansprache ein vernünftiger, verantwortungsbewusster Mensch zu werden, der nicht willkürlich über andere urteilt sondern sich selbst auch zurücknehmen kann. Sie arbeitet zunächst sehr geschickt das soziale Umfeld der Beteiligten heraus, lässt deutlich werden, dass es sich hier um Jugendliche handelt, denen es an nichts fehlt, die aus Elternhäusern stammen, die sie eher überfordern als abzulehnen und die sich für Geld und gutes Aussehen alles leisten dürfen, was ihr Herz begehrt. Doch gerade in diese Wunde legt sie ihren Finger: „Was wünscht man sich, wenn man alles haben kann, nur nicht das persönliche Glück geliebt und geachtet zu werden, um seiner selbst willen?“

Der Leser begleitet die verschiedenen Protagonisten, die stimmige Beinamen wie der Schönling oder die Tänzerin bekommen, durch die nächsten 5 Schuljahre und lernt sie alle kennen, wie sie versuchen sich freizuschwimmen und in ihrer Zukunft einen echten Sinn, eine elementare Bedeutung suchen. Nacheinander sieht man aber auch, wie sie entweder auf die schiefe Bahn geraten oder sich sozialen Randgruppen anschließen oder einfach nur durch eine Dummheit ihre Gesundheit einbüßen. Bitterkeit und Unverständnis schwingen mit, als Leser schüttelt man den Kopf und fragt sich, wie es zu derartigen Auswüchsen kommen kann, doch man findet die Antwort auf die Frage schnell: es sind die leeren Herzen, die diese Jugendlichen sinnfrei und respektlos gegenüber anderen Mitmenschen aufzutreten und ihre Zukunft ist vor allem deswegen so düster, weil sie versuchen der Falle zu entkommen, in die sie sich selbst hineinmanövriert haben.

Der Schreibstil ist locker, teilweise sogar salopp und entspricht dem Umgangston Jugendlicher, nichts was mich vorrangig anspricht, doch hier wechseln die Passagen schnell und der erzählende Fließtext vermittelt die eigentlichen, sehr tiefgründigen Inhalte, die in der wörtlichen Rede fehlen. Was mir sehr gefallen hat, ist die Wertungsfreiheit, mit der die Autorin ihren Text schreibt. Sie polarisiert nicht, sie will auch kein Mitleid hervorrufen, sie stellt sich klar gegen die Handlungen der Protagonisten, drückt das aber alles sehr distanziert und absolut unverbindlich aus. Dadurch kann sich jeder Leser selbst positionieren, wie er zu dem Verlauf der Geschichte Stellung bezieht, und was er als Resümee aus der Lektüre mitnimmt.

Fazit

Ich vergebe 5 Lesesterne für diesen etwas anderen Jugendroman, der durchaus Ansprüche stellt und Fehler aller Art benennt, sie darlegt aber offenlässt, wohin der Weg führen wird. Eine sehr ansprechende Lektüre, die man hinterfragen und auf sich wirken lassen kann. Vielleicht kein Buch für junge Erwachsene und auch nicht für diejenigen die bloße Unterhaltungsliteratur suchen. Hier muss man auch Traurigkeit und Unwillen ertragen, Menschen willkommen heißen, die man nicht kennenlernen möchte und Lebenswege verfolgen, denen es an jeglicher Grundlage fehlt. Mir hat dieser zweischneidige Text ausgesprochen gut gefallen, weil er sehr viel Wahrheit zwischen den Zeilen erkennen lässt.