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"Die Geschichte ist wie ein Kaleidoskop. Man dreht ein wenig, und alles sieht anders aus." Juli Zeh
Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick darauf wirft, ist bezaubert von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtige aus Berlin gerne kaufen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange…mehr

Produktbeschreibung
"Die Geschichte ist wie ein Kaleidoskop. Man dreht ein wenig, und alles sieht anders aus." Juli Zeh

Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick darauf wirft, ist bezaubert von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtige aus Berlin gerne kaufen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Kein Wunder, dass schon wenige Tage später im Dorf die Hölle los ist ...

Mit "Unterleuten" hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der hochspannend wie ein Thriller ist. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

(2 mp3-CDs, Laufzeit: 15h 23)

  • Produktdetails
  • Verlag: Dhv Der Hörverlag
  • ISBN-13: 9783844521337
  • Artikeltyp: Hörbuch
  • ISBN-10: 384452133X
  • Best.Nr.: 44123560
  • Laufzeit: 923 Min.
  • Erscheinungstermin: 11.03.2016
Autorenporträt
Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Ihr Roman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg und ist mittlerweile in 24 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem "Deutschen Bücherpreis" (2002), dem "Rauriser Literaturpreis" (2002), dem "Hölderlin-Förderpreis" (2003), dem "Ernst-Toller-Preis" (2003), dem "Carl-Amery-Literaturpreis" (2009) und dem Gerty-Spies-Literaturpreis der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz (2009). 2013 wurde sie mit dem"Thomas Mann Preis" für ihr "vielfälgiges Prosawerk" geehrt, 2014 mit dem "Hoffmann-von-Fallersleben-Preis" für zeitkritische Literatur. Juli Zeh lebt in Leipzig.
Juli Zeh
Trackliste
MP3CD 1
1Teil 1 - Geliebte Babys: Fließ
2Teil 1 - Geliebte Babys: Fließ
3Teil 1 - Geliebte Babys: Fließ
4Teil 1 - Geliebte Babys: Fließ
5Teil 1 - Geliebte Babys: Fließ
6Teil 1 - Geliebte Babys: Fließ
7Teil 1 - Geliebte Babys: Fließ
8Teil 1 - Geliebte Babys: Fließ
9Teil 1 - Geliebte Babys: Franzen
10Teil 1 - Geliebte Babys: Franzen
11Teil 1 - Geliebte Babys: Franzen
12Teil 1 - Geliebte Babys: Franzen
13Teil 1 - Geliebte Babys: Franzen
14Teil 1 - Geliebte Babys: Franzen
15Teil 1 - Geliebte Babys: Franzen
16Teil 1 - Geliebte Babys: Meiler
17Teil 1 - Geliebte Babys: Meiler
18Teil 1 - Geliebte Babys: Meiler
19Teil 1 - Geliebte Babys: Meiler
20Teil 1 - Geliebte Babys: Meiler
Weitere 111 Tracks anzeigen
MP3CD 2
1Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Kron-Hübschke
2Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Kron-Hübschke
3Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Fließ
4Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Fließ
5Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Schaller
6Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Fließ-Weiland
7Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Fließ-Weiland
8Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Fließ-Weiland
9Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Fließ-Weiland
10Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Seidel
11Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Seidel
12Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Seidel
13Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Seidel
14Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Seidel
15Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Kron
16Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Kron
17Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Gombrowski, geb. Niehaus
18Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Gombrowski, geb. Niehaus
19Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Gombrowski, geb. Niehaus
20Teil 4 - Nachts sind das Tiere: Gombrowski, geb. Niehaus
Weitere 112 Tracks anzeigen
Rezensionen
Besprechung von 12.03.2016
Dann bauen wir eine Mauer

Landflucht, Generationenkonflikt, DDR-Vergangenheit: Juli Zeh packt in ihrem multiperspektivischen Dorfroman "Unterleuten" die ganz großen Themen an. Kann das gutgehen?

Von Sandra Kegel

Eigentlich ist es eine bestechende Idee, einen Gesellschaftsroman in der brandenburgischen Tiefebene siebzig Kilometer nordwestlich von Berlin anzusiedeln. Schon vor Jahren hat der Kabarettist und Spezialist für regionale Befindlichkeiten, Rainald Grebe, in seiner Ode an "Brandenburg" den Dada-Soundtrack dazu vorgelegt. Und erst jüngst ließ nicht nur das Polarlicht das märkische Land leuchten, sondern auch die Literatur von Sasa Stanisic oder Roland Schimmelpfennig.

Nun hat sich auch Juli Zeh darangemacht, das märkische Land in epischer Breite zu vermessen. Unter knorrigen Birnbäumen und in alten Dorfschenken versammelt sie die gegensätzlichsten Typen: Alteingesessene und Neubewohner, jene, die Zuflucht vor der Großstadt suchen, und solche, die am Ort ihrer Jugend gestrandet oder dem Ostprignitzer Sand erst gar nicht entkommen sind. Doch nicht nur mit dem Zuzug ehrgeiziger Pferdefrauen und professoraler Vogelwarte aus der Hauptstadt stirbt das alte Dorf jeden Tag ein bisschen mehr.

Der idyllische Fleck mit dem sprechenden Namen, der vor allem für diejenigen wie Heimat aussieht, die nicht von hier stammen, befindet sich seit Jahren in stummer Feindschaft. Befeuert vom Lauf der Geschichte - von den Bomben des Zweiten Weltkriegs über den Bau der Mauer bis zum anschließenden Fall derselben -, gibt es offene Rechnungen zuhauf unter den Leuten. Brüder haben sich als Neider entpuppt, Freunde als Verräter, Ehefrauen als Stasispitzel. Doch erst, als der Bürgermeister plant, die Gemeinde mit Windrädern vor der Pleite zu retten, brechen die Konflikte aufs Neue auf. Und spätestens, als sich die Dorfgesellschaft im überfüllten Tanzsaal des "Landmanns" zur Gemeinderatssitzung trifft und der Streit über den geplanten Windpark in eine Prügelei ausartet, herrscht Krieg in Unterleuten.

Weil schon die Frage, auf welchem Stück Land die Ungetüme dereinst rotieren werden, ganz neue Sieger und Verlierer hervorbringt. Die Besitzer des einst nutzlosen Grunds stehen plötzlich als Profiteure da, während den anderen nur die unschöne Aussicht auf die von der EU subventionierten Gelddruckmaschinen bleibt. Aber noch ist kein Grundstück gewählt, und weil in diesem wildgewordenen Dorf bald alle Waffen erlaubt sind, werden nicht nur Kinder und Katzen entführt, sondern gibt es am Ende einige Tote zu beklagen.

Die 1974 geborene Juristin Juli Zeh, die sich mit Romanen wie "Adler und Engel", "Schilf" und "Nullzeit" ebenso wie mit Essays zu Fragen von Recht, Moral sowie dem Spannungsverhältnis von Freiheit und Sicherheit einen Namen gemacht hat, packt in diesem Buch die ganz großen Themen an: Landflucht und DDR-Vergangenheit, Generationen- und Geschlechterkonflikte, Energie- und Ehekrisen, Kapitalismuskritik, Immobilienspekulation, Überwachungsstaat, Zersiedelung - das alles und noch viel mehr bündelt sie in ihrem auf mehr als sechshundert Seiten angelegten Gesellschaftspanorama. Interessanterweise lässt der Roman die Generation Hoyerswerda, die auch dort ihre Brandspuren hinterlässt und uns gerade in diesen Tagen beschäftigt, völlig außen vor.

Doch so effektiv es für die kompositorische Anlage auf den ersten Blick ist, den ländlichen Mikrokosmos als Spiegelfläche für zeitdiagnostische Thesen zu wählen, verweht der Plot bald wie märkischer Sand. Auf der Strecke bleibt die literarische Finesse. Nicht etwa, weil Juli Zeh diesen heißen Sommer abwechselnd aus der personalen Perspektive von zwölf verschiedenen Protagonisten schildert. Ulrike Draesner hat mit ihrem multiperspektivischen Roman "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" den Reiz dieser Erzählform zuletzt ebenso vorgeführt wie etwa Eva Menasse in "Quasikristalle".

Doch Juli Zeh ufert in der Handlungsfülle aus und geht erzählerisch so sehr in die Breite, dass es ihr bei der Figurenzeichnung schlicht an Tiefe mangelt. Die Zuzügler aus der Stadt wie die Bauern-Patriarchen aus Unterleuten, die hier ein ums andere Mal aufeinandertreffen, umeinander kreisen oder sich verpassen, sie müssen vor allem eines leisten: einen bestimmten Standpunkt, eine bestimmte Haltung transportieren. Da ist der enttäuschte Unidozent, der zum Wutbürger mutiert, die misshandelte Ehefrau, die irgendwann ihre Koffer packt, der hochsensible Schriftsteller, der seine Schreibhemmung mit Rasenmähen zu kurieren versucht. Zusammengenommen sollen sie den vielstimmigen Sound unserer Zeit abbilden. Jede Figur für sich aber bleibt den Aufträgen ihrer Schöpferin verhaftet und also berechenbar. Das ist schade, gerade weil der Roman immer wieder auch mit kuriosen Einfällen und unerwarteten Wendungen aufwartet. Das Unternehmen als Ganzes aber hat etwas Konstruiertes und Angestrengtes, das auf Kosten der Leichtigkeit geht.

Einer der Granden im Dorf ist der Wendegewinnler Gombrowski. Dem Spross ehemaliger Großgrundbesitzer war es mit einiger krimineller Energie gelungen, die Besitztümer seiner Ahnen, zu DDR-Zeiten enteignet, nach dem Fall der Mauer wieder an sich zu reißen. Doch um seinen nun "Ökologica" getauften Betrieb steht es längst nicht mehr gut, weshalb der Alte noch einmal alle Kräfte mobilisiert, um das Rennen um die Windräder für sich zu entscheiden. Auch sein Widersacher, der Altkommunist Kron, spekuliert auf die Anlage, vor allem aber deshalb, weil er mit Hilfe des neuen Rückenwinds seinen ewigen Gegenspieler Gombrowski, der alle Geschicke im Dorf lenkt, endlich zu Fall bringen will.

Was die beiden verbindet, ist zugleich das dunkle Geheimnis von Unterleuten. Denn ein Dritter kam in jenen schicksalhaften Tagen nach der Wende unter einer alten Buche ums Leben, als Gombrowski Verbündete für seine "Ökologica" brauchte und jene Dörfler mit Alternativplänen mit allen Mitteln mundtot machen wollte. Das ging so weit, dass seither im Dorf gemunkelt wird, Gombrowski, der auch seine Frau bisweilen windelweich schlägt, schrecke vor Mord nicht zurück.

Ermittelt aber wurde nie. Die Unterleuter hatten die DDR überlebt und wussten, "wie man sich den Staat vom Leibe hielt", heißt es an einer Stelle im Roman. Sie lösen, soll das heißen, ihre Probleme auch heute auf ihre Weise, nämlich unter sich. Dass diese Erkenntnis vor allem den Neu-Unterleutern verborgen bleibt, trägt nicht unerheblich zu deren Problemen bei. Denn wer auch immer sich aus Berlin, Oldenburg oder Ingolstadt dorthin verirrt, stößt auf gelebte Anarchie. Vergessen von der Welt und also unfreiwillig subversiv, dämmert es dem Soziologen Gerhard Fließ irgendwann, sei das Dorf nichts anderes als ein "gesellschaftspraktisches Paralleluniversum".

Dieser Fließ, der einst über die "Topographie des Aufstands" habilitierte und sich mit Transparenz-Workshops und Gesellschaftsdiagnose-Seminaren an der Humboldt-Universität über Wasser hielt, ehe er im brandenburgischen Paralleluniversum seine Berufung als "Held der Bewahrung" fand, ist wie aus dem Setzbaukasten entworfen. Als Vogelwart und Jungvater hat er zusammen mit seiner ehemaligen Studentin Jule einen ehemaligen Hof in ein warmes Nest umgebaut. Um dann festzustellen, dass ihm nicht nur die Hitze zu schaffen macht, sondern mehr noch die vom Nachbargrundstück herüberwehenden Giftgase. Dort pumpt ein irre gewordener Autoschrauber so viel Dreck in die Luft, dass Gerhard und Jule sich bald mit Mordgedanken tragen und ihr Paradies ausgerechnet mit einem Mauerbau vor dem höllischen Gestank schützen wollen.

Es sind Wendungen dieser Art, so überdeutlich markiert, die gerade bei einer begabten Autorin wie Juli Zeh frustrieren. Jede Kraftanstrengung ist "gewaltig", jedes Lächeln "breit" und Gesichter "frisch renoviert". Der sprachliche Aufwand, die schiefen Bilder, die vielen missglückten Sätze und die klischeehaften Bausteine machen da bisweilen nicht weniger heiße Luft als die Windräder, die im Plot die Atmosphäre im Dorf aufheizen.

Dass Juli Zeh einer ihrer Heldinnen den Namen des amerikanischen Gesellschaftsromanciers Jonathan Franzen verpasst hat, ist bezeichnend für eine Prosa, die sich mit Andeutungen nicht begnügen mag. Deshalb muss die ratgeberhörige Linda Franzen, die als Pferdeflüsterin reüssiert und für ihren Zuchthengst Bergamotte in Unterleuten das entsprechende Ambiente sucht, als Stellervertreterin aller Selbstoptimierer dieser Welt herhalten. Natürlich ist der Freund der Pferdefrau ein blasser Programmierer, dem jede animalische Erotik abgeht, während sie sich als "Moverin" versteht und Eigenkontrolle als Währung ihres Erfolgs ansieht. Im Eigenheim sieht sie ein Mittel, das "beängstigende Möglichkeitslabyrinth der Zukunft in überschaubares Terrain" zu verwandeln: "Inzwischen glaubte Linda, dass das menschliche Schicksal nicht an Gott, sondern am Grundbesitz hing. Transzendentale Obdachlosigkeit war keine Folge des Religionsverlustes, sondern der Inflation von Mietwohnungen." Ja, so denken sie, die Romanfiguren.

In Interviews hat Juli Zeh, die heute selbst in Brandenburg lebt, immer wieder betont, wie gern sie auf dem Land wohne, das sie an ihre Studentenzeit in Wohngemeinschaften erinnere - man teile Alltag und Lebensraum, "ohne eng befreundet sein zu müssen". Vielleicht wurzelt hier das Problem: dass der Roman in Wahrheit selbst gegen Windmühlen kämpft. Das fiktive Dorf - das sich verhielt "wie ein Kind, das von Hautausschlag befallen war. Die Klatschsucht war ein Juckreiz, und das Dorf kratzte sich" - bleibt am Ende ausgedacht. Das Welttheater auf der Dorfbühne findet nicht statt, und was immer tatsächlich dort aufzuspüren wäre, bleibt unentdeckt. Denn wie heißt es im Song von Rainald Grebe? "Es gibt Länder, wo was los ist, / Es gibt Länder, wo richtig was los ist / und es gibt / Brandenburg." Aufregend ist es auch dort, natürlich. Man muss sich nur darauf einlassen.

Juli Zeh: "Unterleuten". Roman.

Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 640 S., geb., 24,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 15.04.2016
Der Fischeintopf ist
wieder erhältlich!
Hat Juli Zeh für ihren aktuellen Roman abgeschrieben?
Und wenn ja, von wem? Eine Recherche
TOBIAS LEHMKUHL
Juli Zeh hat ihrem neuen Roman
„Unterleuten“ (SZ vom 21. März) ein Motto vorangestellt: „Alles ist Wille“. Der Satz könnte von Schopenhauer oder von Nietzsche stammen, aber ein weit weniger klingender Name steht unter dem Zitat: Manfred Gortz.
  Manfred Gortz? Der Name fällt in Zehs Roman noch häufiger. Eine der Hauptfiguren nämlich, Linda Franzen, hat ein Buch von diesem Gortz gelesen, das sie ständig zitiert. „Dein Erfolg“ heißt es, eine Art neodarwinistischer Lebensratgeber, in dem so schauderhafte Dinge stehen wie: „Leistung ist das wichtigste Kriterium für die Eröffnung von Erfolgs- und Lebenschancen. Leistung muss deshalb gemessen und immer verglichen werden. Wir brauchen Benotung, Bewertung, Ranking und Ratings. Das allerdings schmeckt den Gutmenschen nicht, die sonst bei jeder Gelegenheit Demokratie und Chancengleichheit für alle fordern.“
  Gortz trifft auch die Unterscheidung zwischen „Movern“ und „Killjoys“. Unter „Killjoys“ fallen besagte Gutmenschen, „große Teile der intellektuellen Elite unseres Landes“, mithin die sogenannte Lügenpresse. Ein Killjoy aber ist, in den Augen von Linda Franzen, auch der gescheiterte Akademiker Gerhard Fließ, der in Unterleuten den örtlichen Vogelschutzbund leitet und Franzen daran hindern will, einen Stall für ihr geliebtes Pferd zu bauen.
  Linda Franzen sieht sich selbst entsprechend als „Moverin“. Sie ist es, die Dinge, das heißt vor allem Menschen bewegt: „Denn Macht ist die Antwort auf die Frage, wer wen bewegt“, heißt es bei Gortz. Will sie anderen diese Regel erläutern, greift Franzen auf ihre Erfahrung mit Pferden zurück: Obwohl Pferde doch viel größer seien als Menschen und auch viel stärker, würden sie sich doch von ihnen führen lassen, zumindest von jenen, die zu führen verstehen, die sich also mit Selbstsicherheit und Ruhe bewegen.
  Körpersprache ist entscheidend. Darin unterscheide sich der Mensch nicht vom Tier. Und einige der schönsten Szenen in „Unterleuten“ sind denn auch jene, in denen Linda Franzen ihre Gegenüber wie am Zaumzeug durchs Dorf führt, zum Beispiel den Ingolstädter Unternehmensberater Konrad Meiler, der in Brandenburg riesige Landflächen gekauft hat, und darum nun mitspielt im Spiel um die Windkrafträder, die in Unterleuten gebaut werden, und deren Bau dazu führt, dass in diesem beschaulichen Dörfchen das Unterste zuoberst gekehrt wird.
  Juli Zeh ist mit „Unterleuten“ ein spannender, höchst unterhaltsamer und zuweilen ziemlich witziger Roman gelungen, den man trotz seiner Länge in kürzester Zeit wegliest. Und nach der Lektüre normalerweise weglegen würde. Stünde nicht die Begegnung mit der Autorin auf einem Podium an, bei der Juli Zeh über ihr Buch spricht. Also geht dem Treffen eine kurze Recherche im Internet voraus. Und dort taucht dann plötzlich Manfred Gortz und sein Buch „Dein Erfolg“ auf. Gibt es das Buch also wirklich? Zuerst ist es 2015 in einem ominösen „Portobello Verlag“, dann bei Goldmann erschienen, gut hundert Seiten umfasst das Werk, das einige begeisterte, einige entsetzte Kritiken auf Amazon bekommen hat.
  Im Jahr 2015 erschienen? Aber wenn Juli Zeh zehn Jahre an „Unterleuten“ gearbeitet hat, wie zu hören war, wie hat sie es dann geschafft, in so kurzer Zeit auch noch dieses Machwerk einzuarbeiten? Zum Überlegen bleibt nicht viel Zeit. Frage an Juli Zeh im Rahmen der Veranstaltung, wie ihr das gelungen ist. Zuvor hat sie bereits erzählt, wie schnell sie schreiben kann. Also sagt sie bloß: „Wissen Sie, ich kann sogar in der Zeit rückwärts schreiben.“
  Mit diesem Scherz ist die Sache zunächst vergessen, bis einige Zeit später die Mail einer gewissen Gloria Frank eintrifft. Diese behauptet, ebenfalls bei der Veranstaltung gewesen zu sein. Daraufhin habe sie das Buch von Frau Zeh und auch das von Herrn Gortz gelesen, und da gäbe es doch erstaunliche Überschneidungen, ja ganze Figurenkonstellationen wären praktisch identisch, im Grunde habe Frau Zeh die Beispielgeschichten aus „Dein Erfolg“ genommen und daraus ihr eigenes Buch gestrickt. Warum sind jetzt alle so wild darauf, irgendwo irgendwelche Plagiate zu entdecken? Dann aber schickt Frau Frank einige Passagen aus Gortz’ Buch, und diese Passagen sind tatsächlich erstaunlich.
  Auf der Internetseite von Manfred Gortz findet sich seine E-Mail-Adresse. Kurze Bitte um ein Interview. Telefonieren mag Herr Gortz nicht, aber auf die Frage, ob er denn Frau Zehs Buch gelesen habe, kommt die Antwort: keineswegs, aber da sie erfolgreich zu sein scheine (und das ist sie – Platz drei der Spiegel-Bestsellerliste), „vermute ich, dass ich sie mögen würde. Grundsätzlich macht es mir nichts aus, zitiert zu werden, im Gegenteil, mir ist alles willkommen, was den Bekanntheitsgrad meiner Arbeit erhöht.“ Ein Ellenbogenmensch offenbar, aber immerhin kein missgünstiger, so der Eindruck. Dann folgt allerdings noch ein Nachsatz. Er wolle sich mit einer Literaturempfehlung revanchieren: „Cybris“ von Carol Felt: „Derzeit mein absolutes Lieblingsbuch.“
  Das Problem ist nur: Dieses Buch gibt es gar nicht, es ist ein Fake, eine Nebelkerze, im letzten Herbst von den beiden Journalisten Sascha Lobo und Volker Weidermann entzündet. Und da geht einem dann endlich ein Licht auf: Diesen Manfred Gortz gibt es ebenso wenig. Er selbst ist, auch wenn es sein Buch wirklich gibt, ebenso ein Fake wie diese Carol Felt. Was steht da in seiner Kurzvita? Unternehmensberater, hat in Ingolstadt studiert? Genau wie dieser Konrad Meiler im Roman? Gehört Goldmann nicht ebenso wie Juli Zehs Verlag zu Random House? Und dann die Fotos: Auf der Startseite schaut er aus wie ein ganz harter Hund, zu hundert Prozent auf Erfolg getrimmt. Auf der Kontakt-Seite wiederum lacht er auf eine Weise in die Kamera, die den Verdacht nahelegt: Der lacht einen doch aus. Das ist doch ein Schauspieler.
  Lieber Herr Gortz, gibt es Sie überhaupt oder sind Sie ein Fake, gut erfunden von Frau Zeh? Das finde er nun ein wenig befremdlich, lautet die Antwort. Außerdem: Die anderen gebe es doch auch. Und dann folgt der Link zur „Reiterrevue“, einem Internetorgan, das in „Unterleuten“ ebenfalls eine Rolle spielt. Auf der Seite ein Eintrag von Frederik Wachs – dem Freund von Linda Franzen.
  Das Spiel lässt sich locker noch viel weiter treiben. Nur ein paar Klicks entfernt findet sich die Seite des „Vogelschutzvereins Unterleuten“, Motto: „Bei uns piept’s“. Daneben ein Foto des Ersten Vorsitzenden Gerhard Fließ (des Killjoys aus dem Roman). Ein Link führt zur Seite des Märkischen Landmanns, das ist der Gasthof im (fiktiven!) Unterleuten. Nächste Gemeinderatssitzung am 12.6.2013, steht da. Und: Der Fischeintopf ist übrigens wieder erhältlich . . . Etwas später, bei der schließlich unvermeidlichen Lektüre von „Dein Erfolg“, ist sogar das spektakuläre Ende von „Unterleuten“ zu entdecken. Wie Gerhard Fließ seinen Nachbarn krankenhausreif schlägt. Nicht einmal alle Namen sind verändert.
  Höchste Zeit also für einen Anruf: „Liebe Frau Zeh, wie verkauft sich denn ,Dein Erfolg‘?“ – „Ich glaube, nicht so gut, aber da müssten Sie mal beim Portobello Verlag nachfragen.“ – „Aber den Portobello Verlag gibt es doch gar nicht, liebe Frau Zeh.“ – „Nein?“ – „Anders gefragt, wer ist denn der Mann, unter dessen Foto auf der Internetseite des Vogelschutzbundes der Name ,Gerhard Fließ‘ steht?“ – „Ist das nicht Gerhard Fließ? Ich dachte immer, das wäre der Gerhard.“ – „Hmm . . .“ – „Ich fürchte, Sie werden von mir nicht die Informationen bekommen, die Sie gerne hätten.“
  Schade eigentlich. Oder auch nicht. Wie hieß noch Juli Zehs zweiter Roman? Richtig, „Spieltrieb“!
„Wissen Sie“, sagt die Autorin
auf Nachfrage, „ich kann sogar in
der Zeit rückwärts schreiben.“
Foto: Alamy/Mauritius Images
Foto: Alamy/Mauritius ImagesFoto: Alamy/Mauritius Images
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"Mitreißend geschrieben, lebendig und spannend - ein großer Roman." Natascha Geier / ARD Das Erste (ttt -titel thesen temperamente)

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Rezensentin Ursula März hat einen Roman wie diesen schon von Juli Zeh erwartet. "Unterleuten" ist ein kulturkritischer Gegenwartsroman, der gehörige Sachkenntnis mit Spannung vereint, während er die großen Konflikte im Kleinen ausbreitet, erklärt die Rezensentin. Es geht um die Geschichte eines brandenburgischen Dorfes, in dem über einem geplanten Windpark ein Streit ausbricht, der Bewegung in das verhärtete Loyalitätsgefüge bringt, fasst März zusammen. Die Rezensentin findet das Buch gleichsam lehrreich und spannend, erkennt aber einen "Zug ins Funktionale", der den Roman für sie trotz aller Zutaten um das Prädikat "Große Literatur" bringt.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Ein meisterhafter Gesellschaftsroman, der sich wie ein Thriller liest und blutig endet.""Fast möchte man „Unterleuten“ eine moderne Eulenspiegelei nennen, eine wunderbare Schelmengeschichte, nur dass hier viele Narren am Werk sind. Großartig.""Ist das schon das Buch des Jahres? Juli Zeh legt bei ihrem neuen Verlag Luchterhand einen großen Gesellschaftsroman vor.""Mitreißend geschrieben, lebendig und spannend – ein großer Roman.""So kann Literatur sein: anregend, aufregend, amüsant, engagiert und voller Ungewissheiten.""Um es mit einem Wort zu sagen: Juli Zehs neues Buch ist vorzüglicher Lesestoff. Spannend, lebendig, lehr- und kenntnisreich zum Platzen."