Meine geniale Freundin / Neapolitanische Saga Bd.1 - Ferrante, Elena
Zur Bildergalerie

11,00
versandkostenfrei*
Preis in Euro, inkl. MwSt.
Erscheint vorauss. 30. August 2018
oder sofort lesen als eBook
0 °P sammeln

  • Broschiertes Buch

35 Kundenbewertungen

In einem volkstümlichen Viertel Neapels wachsen sie auf, derbes Fluchen auf den Straßen, Familien, die sich seit Generationen befehden, das Silvesterfeuerwerk artet in eine Schießerei aus. Hier gehen sie gemeinsam in die Schule, die unangepasste, draufgängerische Lila und die schüchterne, beflissene Elena, beide darum wetteifernd, besser zu sein als die andere. Bis Lilas Vater sein brillantes Kind zwingt, in der Schusterei mitzuarbeiten, und Elena mit dem bohrenden Verdacht zurückbleibt, das Leben zu leben, das eigentlich ihrer besten, ihrer so unberechenbaren Freundin zugestanden hätte. …mehr

Produktbeschreibung
In einem volkstümlichen Viertel Neapels wachsen sie auf, derbes Fluchen auf den Straßen, Familien, die sich seit Generationen befehden, das Silvesterfeuerwerk artet in eine Schießerei aus. Hier gehen sie gemeinsam in die Schule, die unangepasste, draufgängerische Lila und die schüchterne, beflissene Elena, beide darum wetteifernd, besser zu sein als die andere. Bis Lilas Vater sein brillantes Kind zwingt, in der Schusterei mitzuarbeiten, und Elena mit dem bohrenden Verdacht zurückbleibt, das Leben zu leben, das eigentlich ihrer besten, ihrer so unberechenbaren Freundin zugestanden hätte.
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher .4930
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 488
  • 2018
  • Ausstattung/Bilder: 2018. 488 S.
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783518469309
  • ISBN-10: 3518469304
  • Artikelnr.: 52365098
Autorenporträt
Elena Ferrante hat sich mit dem Erscheinen ihres Debütromans im Jahr 1992 für die Anonymität entschieden. Ihre vierbändige Neapolitanische Saga - bestehend aus Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes - ist ein weltweiter Bestseller. Ab 2018 erscheinen im Suhrkamp Verlag auch Ferrantes jüngster Band Frantumaglia sowie ihre früheren Romane Lästige Liebe, Tage des Verlassenwerdens und Frau im Dunkeln in neuer Übersetzung.
Rezensionen
"Ein grandioses Zeitpanorama!"
Franz Haas, Neue Zürcher Zeitung Online 01.04.2016
Besprechung von 25.08.2016
Im Rione herrscht das Gesetz der Straße

Niemand weiß, wer Elena Ferrante ist. Jetzt erscheinen ihre Bücher auf Deutsch: "Meine geniale Freundin" ist der Auftakt einer großen neapolitanischen Saga, die sich von den Fünfzigern bis in die Gegenwart zieht.

So ausufernd ist über die Frage nach der Autorschaft von Elena Ferrante gerätselt und spekuliert worden, dass die Bücher der unbekannten, angeblich in Neapel geborenen Autorin über das Literaturbetriebsquiz beinahe aus dem Blick gerieten. Ob sich hinter dem Pseudonym nun ein Mann verbirgt, ein Autorenkollektiv oder doch die Historikerin Marcella Marmo, wie ein findiger Literaturwissenschaftler herausgefunden haben will, wird aber spätestens dann nebensächlich, wenn man die Bücher zur Hand nimmt. Denn ob es sich nun um eine geniale Marketingstrategie handelt oder doch um eine die Öffentlichkeit partout meidende Person, am Ende - it's the book, stupid - dreht sich alles um die Literatur.

Bislang konnten deutsche Leser den Ausschlag des Ferrante-Fiebers an sich selbst nur messen, wenn sie Italienisch beherrschten oder sich mit einer der zahlreichen Übersetzungen in andere Sprachen begnügten. Nun liegt der erste Teil der neapolitanischen Tetralogie endlich auch auf Deutsch vor. "Meine geniale Freundin" ist der Auftakt eines großangelegten Panoramas der italienischen Gesellschaft, das seinen Anfang im Neapel der fünfziger Jahren nimmt und sich in den folgenden drei Teilen, die der Suhrkamp Verlag halbjährlich nachlegen will, bis in die Gegenwart hineinschreibt.

Der Verlag tut gut daran, rasch Stoff nachzuliefern, denn die Erzählung bezieht ihre Spannung aus einem dramaturgischen Kniff, dessen sich dieser Tage vor allem amerikanische Fernsehserien bedienen: Elena Ferrante erzählt horizontal. Was wohl einer der Gründe dafür ist, warum es gerade amerikanische Kritiker waren, die dem Werk der in Italien seit Jahren zwar erfolgreichen, aber keineswegs international reüssierenden Autorin nach der Übersetzung ins Englische zum Welterfolg verhalfen.

Hieß es vor Jahren, als Sender wie HBO in Reihen wie "The Wire" das Erzählformat durchsetzten, die epische Serie sei die Fortsetzung des Romans des neunzehnten Jahrhunderts mit neuen Mitteln, könnte man im Fall Ferrantes sagen: Hier schreibt eine mit den Mitteln der Fernsehserie. Dabei bedeutet horizontales Erzählen ja nichts anderes, als dass es einen Erzählbogen gibt, der über die jeweilige Folge hinausgeht, in dessen Verlauf eine ganze Welt in den Blick genommen wird. In der Literatur sorgt damit auch der norwegische Autor Karl Ove Knausgård mit seinem auf sechs Bände angelegten autobiographischen Projekt für Aufsehen. Natürlich ist heute serielles Erzählen gar nichts anderes als zu jenen Zeiten, als beispielsweise Tageszeitungen Romane von Balzac, Zola oder Dickens in Fortsetzung druckten. Balzac überschrieb die Horizontalität seines Zyklus gleich als "Comédie humaine". Auch Arthur Conan Doyles Geschichten um den Privatdetektiv Sherlock Holmes wurden als Episoden abgedruckt und eignen sich zum Medientransfer, weil sie eine längere Zeit erfassen. Da ist es nur konsequent, dass auch Ferrantes Neapel-Epos derzeit zur Fernsehserie umgearbeitet wird.

Das erste Buch stellt die beiden Frauenfiguren vor, die im Zentrum der gesamten Tetralogie stehen: die Pförtnerstochter und Ich-Erzählerin Elena Greco, die im Viertel Lennucia oder Lenù genannt wird, und ihre beste Freundin Raffaella Cerullo, die alle Lina rufen, nur ihre Freundin sagt zu ihr Lila. Der Namensspielerei, so viel steht fest, kann die Autorin auch in der Literatur nicht widerstehen. Elena, das Alter Ego der Autorenfiktion, ist zu Beginn eine Frau von 66 Jahren. Sie erhält von Lilas Sohn einen Anruf aus Neapel, in dem er berichtet, dass seine Mutter verschwunden sei. Anders als Lila, die ihre Heimatstadt nie verließ, konnte Elena aus der Gedrängtheit und Armut ihres Viertels aus eigener Kraft entkommen. Sie studierte an einer Eliteuniversität in Pisa, wurde eine respektable Schriftstellerin und lebt heute im wohlhabenden Norden Italiens, in Turin. Ihre Kindheitsfreundin dagegen musste, obwohl die Begabtere der beiden, die Schule abbrechen und sich in der Schusterwerkstatt des Vaters verdingen.

Mit Neapel hat Elena abgeschlossen: "Ich sehne mich nicht nach unserer Kindheit zurück, sie war voller Gewalt." Doch meint sie zu wissen, was passiert ist. Ihre Freundin hat das in die Tat umgesetzt, wovon sie seit Jahrzehnten träumte: spurlos zu verschwinden. Weder durch Selbstmord noch durch Flucht. "Sie wollte sich in Luft auflösen, wollte, dass sich jede ihrer Zellen verflüchtigte, nichts von ihr sollte mehr zu finden sein."

Als Elena erfährt, dass Lila auch ihr gesamtes Haus leergeräumt hat, ohne ein persönliches Stück zu hinterlassen, keimt die alte Rivalität wieder auf. Die Mädchen waren seit Kindertagen engste Freundinnen, verbunden aber auch durch Konkurrenz. Weil Lila aus Elenas Sicht nun auch diese Sache maßlos übertreibt, setzt sich die Schriftstellerin schließlich doch an den Computer, um ihre Geschichte aufschreiben. Sie will sehen, wer dieses Mal das letzte Wort behält.

Die folgenden vierhundert Seiten leben von der Kunstfertigkeit der Autorin, den Rione, das Viertel, in dem die Mädchen aufgewachsen sind, sinnlich erfahrbar zu machen. Nicht nur seine Bewohner - die Familien der verrückten Witwe, des dichtenden Eisenbahners oder des bösen Unholds Don Achille - werden in diesem breitwandigen Epos detailliert porträtiert. Es ist die alte Stadt selbst mit ihrem violetten Licht der Höfe, den Ausdünstungen der Fetiendi, den schmutzigen Häusern, dreckigen Straßen und dem Geruch der Armut auf den Treppenabsätzen, die zur wahren Protagonistin des Romans wird.

In diesem randständigen Teil der Welt kann man zu dieser Zeit noch an Krupp sterben, an einer vereiterten Wunde, vor allem aber durch eine Kugel. Denn in den Straßen des Rione herrscht das Gesetz der Camorra, und wer die Gesetze der Familienclans missachtet, wird gnadenlos bestraft. In dieser archaischen, von Männern dominierten Welt wird die Schule für Elena und Lila zum Ort des Aufatmens, an dem allein sie sich sicher fühlen. Weil aber für die höhere Schule den meisten Familien das Geld fehlt, müssen anders als Elena, die sich trotzdem zuhause durchsetzen konnte, viele Kinder die Schule vorzeitig verlassen. Dass auch die begabte Lila, statt mit Elena Griechisch zu büffeln, in der Schusterwerkstatt Sohlen nageln und sich vom Bruder demütigen lassen muss, wirkt auf Elena traumatisch. Denn Lila besitzt die Gabe, die Realität gleichsam zu verstärken und mit Spannung aufzuladen. Das, was Elena alleine tut, kann sie nicht begeistern, nur was Lila antippt, ist wichtig. Wenn Lila sich entfernte, "wurden die Dinge fleckig, staubig".

Elena ist in dieser Konstellation die ewige Zweite, die aber zur heimlichen Doppelgängerin werden muss, um das Leben zu führen, das der Freundin verwehrt bleibt. Zwar versucht auch Lila, sich auf anderen Wegen zu behaupten, indem sie dem Vater vorschlägt, statt Schuhe zu reparieren, selbst welche herzustellen. Doch spätestens als sie die Flucht in die Ehe antritt, mit gerade vierzehn Jahren, begeht sie den biographischen Fehler, von dem sie sich kaum mehr erholen wird.

Bildstark schildert Ferrante die ausufernde Hochzeit, Höhepunkt des Jahres im Rione und zugleich Schlusspunkt der Kindheit und Jugend ihrer Heldinnen, die metaphorisch das Pendant zu einer Puppenszene am Anfang des Textes darstellt. Gekonnt lässt Ferrante da alle Fäden der Handlung zusammenlaufen, Frauen und Männer, Mütter und Kinder, Schuhe und Camorra werden miteinander zu einem spannungsgeladenen Cliffhanger verknüpft. Es ist deshalb müßig, "Meine geniale Freundin" mit Ikonen der Weltliteratur zu vergleichen. Damit belastet man das Werk mit einer überflüssigen literaturhistorischen Hypothek. Elena Ferrante beherrscht eine elegante, schwerelose Sprache, dramaturgisch hat sie ihren Stoff jederzeit im Griff. Das ist sehr gut gemacht, bisweilen grandios - genau wie die Übersetzung durch Karin Krieger. Man möchte wissen, wie es weitergeht. Wie aus dieser symbiotischen Beziehung ein Zugriff auf die ganze Welt wird.

SANDRA KEGEL

Elena Ferrante:

"Meine geniale Freundin". Roman.

Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 425 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr
Besprechung von 29.11.2016
Ich sehne mich nicht
nach unserer Kindheit
Lang genug ist darüber gesprochen worden, wer hinter dem Pseudonym Elena Ferrante stecken könnte, ob man es der Verfasserin der neapolitanischen Saga gestatten wolle, anonym zu bleiben, nun kann man sich wieder dem Interessanten zuwenden: ihren Büchern. „Meine geniale Freundin“ handelt von zwei Mädchen, die am Rande Neapels aufwachsen. Elena, eine Frau in den Sechzigern, erhält einen Anruf, dass ihre Freundin Lila verschwunden sei. Sie hatte Neapel nie verlassen, aber nun ist sie fort. Also beginnt Elena, ihre Geschichte niederzuschreiben, nicht aus Nostalgie, sondern auf der Suche nach Gewissheit: „Ich sehne mich nicht nach unserer Kindheit zurück, sie war voller Gewalt“."
  Zwanglos dagegen, leicht, fast unbeschwert ist der Ton der Erzählerin. Und wenn sie ihre Geschichten über Freundschaft, über Wettstreit, ja Konkurrenz der Freundinnen, über das Viertel Rione und die versunkene Welt der Fünfzigerjahre ursprünglich auf Deutsch vor sich hin gesprochen hätte, dann hätte dies sich wohl angehört wie diese Lesung von Eva Mattes. Oder doch so anhören müssen. Eva Mattes bändigt die Erinnerungsfluten, die realistischen Details und träumerischen Beschreibungen im Gleichmaß einer sanften, aber doch energischen Hinwendung zur Welt, zu den Menschen mit ihren skurrilen, Furcht einflößenden, lächerlichen und liebenswerten Eigenschaften. Eine Lesung, bestens geeignet für eine Autofahrt in die geschundene, schöne Stadt Neapel.  
JBY
Elena Ferrante: Meine geniale Freundin. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Gelesen von Eva Mattes. Der Hörverlag, München 2016. 1 mp3-CD, ca. 11h 43 min, 22,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Über Elena Ferrantes Berühmtheit kann Franz Haas nur staunen. Den ersten Teil von Ferrantes zyklischer Geschichte zweier konkurrierender Frauenleben in einem von der Camorra regierten Armenviertel Neapels findet er solide gemacht, aber konventionell. Als Zeitpanorama überzeugt ihn das Buch durchaus, und Ferrantes Figurenpsychologie erscheint ihm subtil genug. Kindheit und Jugend schildert ihm die Autorin zwar ohne erzählerische Experimente, aber im Vertrauen auf die Erzählbarkeit der Welt. Statt die Herkömmlichkeit des Erzählens zu bemängeln und "Kitsch" zu rufen, sucht Haas lieber nach Vorbildern. Elsa Morante fällt ihm ein und Anna Maria Ortese. Meisterliche Beschreibungen oder Gestaltungen von Nebenfiguren überzeugen Haas letztlich von diesem Roman.

© Perlentaucher Medien GmbH
»Ein grandioses Zeitpanorama!«
Franz Haas, Neue Zürcher Zeitung Online 01.04.2016