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Benutzername: Lene
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Bewertungen

Insgesamt 69 Bewertungen
Bewertung vom 17.05.2020
Frühstück mit der Drohne
Abu Saif, Atef

Frühstück mit der Drohne


sehr gut

Mir sind Drohnen unheimlich, obwohl ich nur die harmlose Variante kenne: fliegende Kameras.

Der palästinensische Autor beschreibt in seinem Tagebuch die 51 Kriegstage ab dem 7. Juli 2014 im Gazastreifen, in einem Flüchtlingslager mit über 100.000 Menschen.

„Zwei Drohnen machen noch keinen Krieg. In den Nachrichten nennt man das zunehmende Spannungen.“
„Das Surren der Drohne isst mit uns. Der Pilot sitzt irgendwo in Israel, drückt eine Taste und entscheidet über Leben und Tod eines Passanten, ganzer Straßenzüge.“
„In den Fenstern der Klassenzimmer hängt Kleidung. Dieser Anblick erinnert mich an ein berühmtes israelisches Gefängnis, in dem Tausende Palästinenser jahrelang gefangen gehalten wurden, einige über drei Jahrzehnte lang. Ich weiß es, denn ich war einer von ihnen. Jetzt passiert es wieder, nur dass dieses Mal eine ganze Nation eingesperrt ist.“
„Obwohl Gaza eine Küstenstadt ist, wird ihr (von den Israelis) seit 50 Jahren verwehrt, diese Gegebenheit zu genießen.“
„Das Geräusch der Explosionen, das Sirren der Drohnen, das Zischeln der Schiffsgranaten, das Jaulen der Rettungswagen, die Schreie der Menschen unten auf der Straße, die Besorgnis in den Augen meiner Frau und meiner Kinder ...“
„Manchmal denke ich, dass wir alle so von der Zerstörung abgehärtet sind, dass ein weiterer Krieg keinen Unterschied macht. Wir sind daran gewöhnt, alles zu verlieren.“

Diese Zitate sagen mehr als es meine eigenen Worte ausdrücken könnten. Ich bin zutiefst entsetzt, was Menschen anderen Menschen antun.

Bewertung vom 01.05.2020
Über alle Grenzen
Lind, Hera

Über alle Grenzen


weniger gut

Ich mag wahre Geschichten und ich hörte, dass Hera Lind eine gute Autorin sei und bereits viele Titel über einen Verlag veröffentlichte. In diesem Buch geht es um eine bayerische Familie, die aus beruflichen Gründen nach Erfurt zieht. Kurz darauf entsteht die Mauer und sie können nicht mehr zurück in ihre Heimat, die Eltern nicht sehen usw. Der Sohn der Familie ist ein berühmter Geiger, wird aber nach Jahrzehnten der Trennung von einer seiner Schwestern (Erzählerin) völlig verwahrlost und krank gefunden.

Wie es dazu kam, hätte ich gern gewusst, doch die Geschichte ist für meinen Geschmack ungeschickt wie eine schlichte Frauenschmonzette erzählt. Sätze wie „… schlüpfte in frisch gewaschene Kleidung, die nach Weichspüler duftete“, oder „Ich sank auf unseren Küchenkocker und schlürfte das heiße Gebräu“, ließen mich das Buch auf Seite 57 zuklappen. Nun liegt es im Müll.

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Bewertung vom 30.04.2020
In der Fremde sprechen die Bäume arabisch
Al Shamani, Usama

In der Fremde sprechen die Bäume arabisch


sehr gut

Ich bin froh, dieses Buch entdeckt zu haben, denn ich lese am liebsten Romane aus dem Orient, von denen es leider nur sehr wenige gibt. Der Titel und das Bild irritierten mich allerdings, weil weder Bäume noch die Fremde zu sehen sind, dafür das Arabische.

Mich begeisterte die Leseprobe sofort, in dem der Erzähler kein arabisches Wort für Wandern und das Gehen überhaupt seltsam findet. „Es war für mich unbegreiflich zu hören, dass die Leute in der Schweiz einfach so zu Fuß gehen… Ich dachte, sie erzähle uns einen Witz.“ oder: „Mein einziges Paar Schuhe waren sogenannte Freizeitschuhe. Ich wusste zu jenem Zeitpunkt nicht, dass in der Schweiz jedes Paar Schuhe einer Kategorie angehört.“

Die Sehnsucht des Autors nach seiner Heimat, der dort zurückgebliebenen Familie und dem verschwundenen Bruder kann ich gut verstehen. Sie spürt man in jedem Satz. Was ich nicht spürte, war das Entsetzen über die grauenhaften Vorgänge im Land, die Folterungen und Erschießungen. Dies wird alles wie nebenher kurz erwähnt, während ein Baum (es sprechen nicht die Bäume, sondern der Erzähler zu den Bäumen arabisch) oder ein Spaziergang durch den Wald mehrere Seiten füllt. Ich weiß, dass man das wahre Entsetzen und tatsächlich gefühlte eigene Angst nicht in Worte fassen kann – doch für den Leser wären genau diese Worte wichtig (oder man nennt es Biografie, wo kühle Berichte angebracht sind).

Der Autor ist klug und vorsichtig, denn er kennt die Mächte, die seine Landsleute in die Flucht treiben oder sogar foltern und töten. Doch er hält sich zurück, vermutlich deshalb, weil er immer wieder in seine Heimat reisen möchte.
Für mich gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen Flüchtlingen und Vertriebenen, denn ein Flüchtling geht freiwillig und wählt sein Asyl weitgehend selbst. Er hängt normalerweise nicht derart dramatisch an dem, was er verlassen hat wie jemand, den man gegen seinen Willen vertrieb.

Leider waren acht Seiten des Buches stark verknickt, was das Lesen ein wenig erschwerte, doch nichts vom Inhalt wegnahm. Ich freue mich, diesen interessanten Roman in mein Bücherregal einfügen zu dürfen.

Bewertung vom 21.04.2020
Überall bist du
Stoltenberg, Gerhild

Überall bist du


sehr gut

Das Titelbild sagt gar nichts aus und der Titel klingt nach Frauenschmonzette. Doch ich missachtete die Werbung für diesen Roman nicht, sondern klickte die Leseprobe an und die hat mich sofort begeistert.

Eine junge Frau trauert ihrem Freund nach, der sie ohne Erklärung verlassen hatte. Sie sehnt sich nach ihm, wobei ihre Erinnerungen den Leser irritieren, denn der (zumindest ich) kann nicht verstehen, wie man solch einen Menschen vermissen kann.
Am besten gefielen mir die ganz wunderbar beschriebenen Begebenheiten mit drei kleinen Jungs, die die Hauptperson als Kindermädchen betreut. Mich brachten diese Geschichten sehr oft zum Lachen.
Ihre unüberlegte Zugfahrt nach Belgrad ist ebenfalls lesenswert, doch ab ihrer Ankunft in dieser Stadt flachte die Geschichte ab.

Trotzdem halte ich diesen Roman für lesenswert und empfehle ihn gern.

Bewertung vom 10.04.2020
Sieben Jahre
Stamm, Peter

Sieben Jahre


sehr gut

Schon auf der ersten Seite fiel mir unangenehm auf, dass es im Text keine direkte Rede gibt, denn es fehlten die Anführungsstriche. Das machte das Lesen schwierig und störte mich anfangs erheblich.

Die Geschichte selbst ist sehr ungewöhnlich und spannend. Ein Architekt erzählt, dass er als Student eine teilnahmslos wirkende reizlose Polin verführte. Dafür schämt er sich, weil er sie benutzt, obwohl er sie hässlich und abstoßend findet. Trotzdem besucht er sie immer wieder – auch dann, als er sich mit der schönen Sonja verlobt.
Dieser Mann war mir nicht unsympathisch und auf jeden Fall angenehmer als alle anderen Personen in diesem Roman. Sich selbst beschuldigt er als Schwein, doch das ist er keineswegs, denn er hat Andere weit weniger benutzt als sie ihn.

Das etwas düstere Titelbild passt zur Geschichte, die leider für mich etwas unbefriedigend und trotzdem ausgesprochen logisch endete.
Für die o.g. Grammatikfehler gibt es einen Punktabzug, doch insgesamt eine klare Leseempfehlung.

Bewertung vom 29.03.2020
Das Ende einer Affäre
Greene, Graham

Das Ende einer Affäre


ausgezeichnet

Die Frau eines hohen Beamten verliebt sich in ihren derzeitigen Geliebten, ein Autor, der viel Zeit für Stelldicheins hat und von Eifersucht auf frühere und möglicherweise künftige Liebhaber zerfressen ist. Er hasst und liebt diese Frau gleichermaßen. Sie bricht die Beziehung ab. Fünf Jahre später lässt er sie überwachen, um den aktuellen Liebhaber herauszufinden. Der beauftragte Detektiv kann ihr Tagebuch entwenden.
Dieses Tagebuch hat mir die Geschichte verleidet, denn ab dann wird nur noch über Gott, Schuld, Schwüre, Opfer und Glauben geklagt und gejammert. Ich habe trotzdem weitergelesen, denn die Charaktere sind hervorragend beschrieben. Die Geschichte gäbe ein gutes Theaterstück ab, denn sie könnte ohne Kulissenwechsel gespielt werden und käme insgesamt mit nur fünf Darstellern aus.

Das Titelbild gefällt mir – leider passt es nicht zum Inhalt des Buches (ich hatte eine andere Ausgabe von 1998)

Bewertung vom 23.02.2020
Zeit der Kastanienblüte
Binchy, Maeve

Zeit der Kastanienblüte


gut

Die Idee der Autorin, Familiengeschichten in einer Dubliner Straße zu erzählen, gefiel mir sofort. Allesamt sind interessant wie das wahre Leben, in den meisten verlassen untreue Männer ihre Familien, erwachsene Kinder pflegen ihre Eltern oder nutzen sie aus, fühlen sich als Single einsam … Die Geschichten enden offen wie im normalen Leben auch.
Einige Texte halte ich für genial gut geschrieben, andere eher ungeschickt bis schlecht.

Der Titel passt ebenso wenig wie das Titelbild zum Inhalt, obwohl mir beides für sich gesehen gefällt. Wer Kurzgeschichten mag, kommt auf jeden Fall mit diesem Buch (fester
Einband, Lesebändchen) auf seine Kosten. Vielleicht kaufe ich „Ein Cottage am Meer“, das ebenso aufgebaut ist, also verschiedene Familiengeschichten erzählt, aber nicht miteinander verbunden sind.

Bewertung vom 01.02.2020
Kleine Feste (eBook, ePUB)
Serra, Michele

Kleine Feste (eBook, ePUB)


weniger gut

Der Klappentext („… beobachtet seine Nachbarn in den Hügeln der Emilia Romagna: zum Beispiel einen Mann, der einen atheistischen Ritus an einem Fluss zelebriert. … erweist sich Michele Serra als feinsinniger Betrachter der Gegenwart.“) wirkte auf mich so interessant, dass ich LEIDER auf eine Leseprobe verzichtete.

In den ersten drei Geschichten beschreibt der Autor recht verwirrend seltsame Menschen, ihr Aussehen, ihre Kleidung, ihre Wirkung auf das Umfeld. Abgesehen davon, dass sie auf mich unsympathisch wirkten, gab es außer der Beschreibung keine für mich erkennbare Geschichte, weshalb ich auf Seite 57 das Warten auf eine Handlung aufgab.

Bücher mit festem Einband entsorge ich nur sehr ungern, doch in mein Regal stelle ich sie noch weniger gern.

Bewertung vom 29.01.2020
Sieh mich an
Krügel, Mareike

Sieh mich an


sehr gut

Bei dem Titelbild glaubte ich, es handle sich um ein Kinderbuch für Vorschulkinder. Doch der Roman wurde mir empfohlen, also öffnete ich die Leseprobe und war vom ersten Satz an begeistert vom lockeren Erzählstil der Autorin.

Lebensecht berichtet sie von ihrem chaotischen Alltag mit ihren Kindern und Nachbarn, der Sehnsucht nach ihrem Mann und ihrem kürzlich entdeckten „Etwas“ in ihrer Brust, ohne in alberne Blödeleien abzusinken. Geschickt webt sie Gedanken und Erinnerungen ihrer Hauptperson ein, wodurch sich der Leser ihr Leben gut vorstellen kann.

„Mareike Krügel ist eine geniale Erzählerin. Ihr Roman ist große Kunst: Denn er ist klug, bestürzend, zupackend und humorvoll.“ (Kristof Magnusson)

Bewertung vom 17.01.2020
Das Orangenmädchen
Gaarder, Jostein

Das Orangenmädchen


gut

Ich kaufte das Buch, weil ich Geschichten aus Skandinavien mag und bereits „Die Frau mit dem roten Tuch“ vom gleichen Autor besitze. Außerdem gefiel mir das Titelbild (fester Einband), das zum Titel passt. Allerdings passt der Titel auch zur Geschichte, die wohl für 13-jährige Mädchen besser geeignet ist als für gestandene Erwachsene.

Klappentext-Auszug: Georgs Vater starb, als Georg vier war. Elf Jahre später ist da ein Brief, den der Vater an den „großen Sohn“ geschrieben hat.

Mir war der Text mit seinen unzähligen Wiederholungen und Zweifel am Sinn des Lebens schnell langweilig. Trotzdem las ich bis zum Schluss und werde das Buch in mein Bücherregal stellen, obwohl es nur knapp drei Sterne verdient.