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Eines Tages steht das Kind plötzlich da, die Haare feuerrot leuchtend inmitten des Kiefernwaldes, und gehört niemandem. Skalde nimmt es mit zu sich, obwohl sie weiß, dass die anderen, die in der abgelegenen Gegend leben, das nicht dulden werden. Skalde und ihre Mutter Edith gehörten selbst nie richtig zur Gemeinschaft, seit Edith vor mehr als zwei Jahrzehnten plötzlich triefend am Ufer des Flusses stand, von dem die Anderen sich erhofft hatten, er würde sie vor der im Chaos versinkenden Welt beschützen. Mutter und Tochter lieben einander auch, weil ihnen nichts übrig bleibt: Gegen die…mehr

Produktbeschreibung
Eines Tages steht das Kind plötzlich da, die Haare feuerrot leuchtend inmitten des Kiefernwaldes, und gehört niemandem. Skalde nimmt es mit zu sich, obwohl sie weiß, dass die anderen, die in der abgelegenen Gegend leben, das nicht dulden werden.
Skalde und ihre Mutter Edith gehörten selbst nie richtig zur Gemeinschaft, seit Edith vor mehr als zwei Jahrzehnten plötzlich triefend am Ufer des Flusses stand, von dem die Anderen sich erhofft hatten, er würde sie vor der im Chaos versinkenden Welt beschützen. Mutter und Tochter lieben einander auch, weil ihnen nichts übrig bleibt: Gegen die Bedrohung müssen sie zusammenhalten. Vor allem jetzt, da immer klarer wird, dass das Leben des Kindes - und ihr eigenes - in Gefahr ist ...
Helene Bukowski hat einen atemberaubenden Debütroman von so zeitloser Gültigkeit wie brisanter Aktualität geschrieben, einen Bericht aus einer verrohten Welt, die irgendwo auf uns zu warten droht.

"Helene Bukowski hat ein modernes Märchen geschrieben. Warmherzig, doch nicht sentimental. Vertraut und doch geheimnisvoll. Für ein paar Tage lebte ich dort, in diesem alten Haus am Waldrand, mit Skalde, Edith und Meisis und als es vorbei war, musste man mich mit Gewalt vom Türrahmen lösen. Selten sind mir Figuren so ans Herz gewachsen." Philipp Winkler

"Ein Roman wie ein Wachtraum aus der verbotenen Zone. Wer sich hinein begibt, verliert sich darin. Und wird mit einem Finale belohnt, das zu Tränen rührt." Thomas Klupp
  • Produktdetails
  • Verlag: Aufbau-Verlag; Blumenbar
  • Artikelnr. des Verlages: .641/15068, 641/15068
  • Seitenzahl: 222
  • Erscheinungstermin: 15. März 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 141mm x 22mm
  • Gewicht: 359g
  • ISBN-13: 9783351050689
  • ISBN-10: 3351050682
  • Artikelnr.: 54578879
Autorenporträt
Bukowski, Helene
Helene Bukowski, geboren 1993 in Berlin, studiert zurzeit Literarisches Schreiben und Lektorieren in Hildesheim. Sie ist Co-Autorin des Dokumentarfilms »Zehn Wochen Sommer«, der 2015 den Grimme Sonderpreis Kultur erhalten hat, und war 2016 zur Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin eingeladen. Ihre Texte erschienen in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien und sie war Mitherausgeberin der »BELLA triste«.»Milchzähne« ist ihr erster Roman.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Sehr beeindruckt zeigt sich Jutta Person von Helene Bukowskis Debütroman "Milchzähne". Angesiedelt in einer nicht näher spezifizierten dünn besiedelten Landschaft, unweit vom Meer und unter großer Hitze leidend, geht es um eine weitgehend abgeschottete Dorfgemeinschaft und darin um eine wiederum von den anderen weitgehend isolierte Mutter-Tochter-Gemeinschaft, fasst die Rezensentin zusammen. Eigentlich eine Art Robinsonade also, meint Person, wobei die Abgeschnittenheit von der Außenwelt absichtsvoll und dem Misstrauen gegen alles Fremde geschuldet ist. Bewegung kommt in dieses karge Anti-Idyll, als ein rothaariges Mädchen auftaucht und von der Tochter ins Haus aufgenommen wird, worauf die Dorfgemeinschaft mit Hass und Ablehnung reagiert, referiert die Rezensentin, der angesichts der sich entfaltenden "brutalen Mechanismen der Klaustro-Gemeinschaft" Referenzen wie Marlen Haushofers "Die Wand" oder amerikanische Apokalyptiker von Cormac McCarthys "Die Straße" bis zu Denis Johnsons "Fiskadoro" in den Sinn kommen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 29.04.2019
Heißzeit
Helene Bukowski erfindet eine Trutzgemeinschaft
Bringen karge Landschaften auch karge Menschen hervor und mit ihnen karge Sprech- und Denkweisen? Wer, sagen wir, die Toskana mit Nordwestmecklenburg vergleicht, könnte versucht sein, psychogeografische Zusammenhänge zwischen eher üppigen und eher ruppigen Oberflächen herzustellen. Auf so einer stilistisch-geografischen Skala zwischen Lieblichkeit und Rauheit läge Helene Bukowskis Roman „Milchzähne“ ganz klar am nicht lieblichen Pol, auch wenn gar nicht sicher ist, wo genau diese kunstvoll verknappte Mutter-Tochter-Geschichte spielt.
Das Wichtigste allerdings wird angedeutet: ein nördlicher Landstrich, der früher nebelverhangen war und jetzt unter großer Hitze leidet, nicht weit vom Meer entfernt, dünn besiedelt von Menschen, die Eggert und Pesolt heißen, Gösta und Len, Levaii und Nuuel. Es gibt trockene Kiefernwälder und Brombeerhecken, dazu kommen verrostete Pick-ups und überwachsene Plattenbauten – fertig ist die Dystopie. Wir befinden uns in einer kleinen, misstrauischen Zweckgemeinschaft, die sich aggressiv gegen alles von außen Kommende wehrt.
Skalde, die Ich-Erzählerin, lebt mit ihrer Mutter Edith in einem verkommenen Haus, das in besseren Zeiten einen Pool im Garten hatte; sie bauen Kartoffeln an und stellen Brennnesseljauche her, die sie mit den Nachbarn gegen Lebensmittel tauschen. Dieses Selbstversorgerdasein, das von einer rudimentären Tauschökonomie ergänzt wird, ist das Gegenteil romantischer Idylle – formal gesehen eine Robinsonade, bei der sich allerdings eine ganze Gegend absichtlich von der Außenwelt abgeschnitten hat. Mutter und Tochter gelten hier als Außenseiterinnen und sind bloß geduldet; noch dazu verstehen sich die beiden Frauen auch untereinander nicht.
Edith, eine der wenigen, die von anderswo kam, lebt in ihrer eigenen Welt und verhält sich seltsam abweisend; manchmal verkriecht sie sich in einen Schrank, der innen mit Fotos vom Meer tapeziert ist. Ihre vernachlässigte Tochter, die als Kind den Radius von Haus und Garten nie verlassen durfte, zimmert sich einen eigenen Kosmos zurecht.
Als dann ein fremdes Mädchen auftaucht und von Skalde ins Haus aufgenommen wird, verändert sich die enge Welt erneut – zunächst zum Schlechten. Die Nachbarn fühlen sich bedroht von dem „Wechselbalg“, so nennen sie das Kind mit den roten Haaren, und verlangen seine Auslieferung. Edith, die sich anfangs gegen das Mädchen wehrt, schlägt vor, zu dritt zu flüchten. Es ist, als ob sie sich vage an ein früheres Leben erinnert und an die Möglichkeit, woanders neu anzufangen.
Spätestens hier beginnt die Identität der Ich-Erzählerin zu bröckeln. Einerseits fühlt sie sich der Landschaft zugehörig, andererseits treten die brutalen Mechanismen der Klaustro-Gemeinschaft zutage. „Milchzähne“ heißt der Roman übrigens, weil mit ihrem Ausfallen die Ablösung von der Mutter beginnt – und weil ein Wechselbalg, so die Bewohner, die Milchzähne nicht verliert. Beim Rückfall in den Mythos haben Rothaarige und andere Außenseiter schlechte Karten.
„Ich werde nicht von hier weggehen, genauso wenig wie das Kind“, hält Skalde der Mutter entgegen. „‚Wusstest du, dass sich die andere Seite des Flusses nicht von dieser unterscheidet?‘, fragte sie und griff nach dem Lenkrad. ,Mich interessiert die andere Seite nicht‘, sagte ich.“
Den rauen Ton, der zwischen Mutter und Tochter herrscht, treibt Helene Bukowski, Jahrgang 1993, nach und nach auf die Spitze. Und noch etwas gelingt ihr mit ihrem Debütroman: Mit sparsam dosierten Andeutungen, die nur gelegentlich etwas zu traumverloren geraten sind („dunkel stand der Wald“), entsteht eine unwirkliche, unheimliche Atmosphäre. Das Wetter erweist sich als entscheidender Faktor: Dass die klimatischen Veränderungen ohne postatomares Gudrun-Pausewang-Tremolo festgehalten werden, verstärkt den Effekt.
Literarisch gesehen bewegt sich der Roman in gleich zwei klassischen Traditionen: Marlen Haushofers solipsistischer Weltabkapselungsroman „Die Wand“ klingt ebenso an wie die amerikanischen Apokalyptiker, von Cormac McCarthys „Die Straße“ bis zu Denis Johnsons „Fiskadoro“. Gesellschaften bilden sich bei nicht näher beschriebenen Umwälzungen zu vorzivilisatorischen Trutzgemeinschaften zurück.
„Milchzähne“ beginnt mit einem Motto von Joan Didion: „Don’t you think people are formed by the landscape they grow up in?“ – ob Menschen durch die Landschaft geprägt werden, in der sie aufwachsen. Diese zweischneidige Frage setzt der Roman mit seiner Geschichte der Verknappung in Szene. Zum Glück, könnte man sagen, sind Menschen keine Bäume und Landschaften kein Schicksal – man kann sie im Zweifel verlassen.
JUTTA PERSON
Helene Bukowski: Milchzähne. Roman. Blumenbar Verlag, Berlin 2019. 222 Seiten, 20 Euro.
Mit sparsam dosierten
Andeutungen ersteht eine
unheimliche Atmosphäre
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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"Den rauen Ton treibt Helene Bukowski nach und nach auf die Spitze." Süddeutsche Zeitung 20190429
»In ihrem eindrucksvollen Debütroman »Milchzähne« sucht die 25-jährige Autorin Helene Bukowski nach einer Sprache für eine Welt voller Horror-Mütter und anderer Grausamkeiten.«