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Benutzername: Aischa
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Bewertungen

Insgesamt 149 Bewertungen
Bewertung vom 20.03.2019
Die Farben des Feuers
Lemaitre, Pierre

Die Farben des Feuers


ausgezeichnet

Zugegeben, es gibt ein paar Kritikpunkte an diesem französischen Gesellschaftsroman, der in den 1920er und 30er Jahren spielt:
Die Figuren sind teils stark überzeichnet, der Plot wirkt manchmal arg konstruiert und manche Sachverhalte sind widersprüchlich.
Und dennoch sehe ich über diese Mängel großzügig hinweg und vergebe fünf Sterne. Wieso?
Weil mich der Roman von Anfang an gepackt und bis zum Ende nicht losgelassen hat. Weil die Charakterisierung der Personen vielschichtig ist: Auch die Fieslinge zeigen gute Seiten und so manche sympathisch wirkende Figur entwickelt sich unerwartet zum Bösewicht. Weil ich den schwarzen Humor Lemaitres schätze, der noch in den schlimmsten Situationen eine gewisse Skurrilität zu Tage fördert.
Der Roman rund um eine angesehene Bankiersfamilie ist auch ein Sittengemälde der damaligen Zeit. Der Leser bekommt Einblick in Politik, Zeitungswesen und Bankgeschäfte. Die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft ist ebenso Thema wie Sexualität in verschiedensten Spielarten, das Erstarken des Naziregimes im benachbarten Deutschland oder Verbrauchertäuschung durch Werbung. Es geht um die Gier nach Macht und Geld, um Aufstieg und Fall und es geht vor allem um Rache.
Man kann die Geschichte als eine gelungene Mischung aus der Fernsehserie "Dallas" und dem Klassiker "Der Graf von Monte Christo" sehen.
Von mir eine unbedingte Leseempfehlung!

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Bewertung vom 19.03.2019
Vom Glück zu reisen - Ein Reisehandbuch
Philipp, Laage

Vom Glück zu reisen - Ein Reisehandbuch


sehr gut

Reisen gehört zu meinen liebsten Hobbies, daher sprach mich das vorliegende Handbuch sofort an.
Der Einband des Hardcovers kommt eher unscheinbar daher, der Inhalt ist umso überraschender: Journalist Philipp Laage teilt mit dem Leser seine klugen Betrachtungen zu den unterschiedlichsten Aspekten heutigen Reisens. Neben diesen oft theoretischen Reflexionen, gibt er Einblick in seine persönlichen Erlebnisse, die er in rund 70 Ländern sammeln durfte.
Laage identifiziert Neugier, Anstrengung und Mut als das wichtigste Rüstzeug für gutes Reisen. Er stellt fest, dass eine gute Reise nicht zwingend ein hohes Budget erfordert und macht die Faszination des Reisens zu einem großen Teil an Gegensätzen zum Alltag fest. Ich habe einiges über aktuelle Begleiterscheinungen des Tourismus gelernt, wie Digitale Nomaden, Fakelore oder Overtourism.
Sehr angenehm ist die durchgängige Verwendung von Fußnoten; dies erspart das nervige Hin- und Herblättern zu Anhängen.
Bemängeln muss ich hingegen, dass von den zahlreichen englischsprachigen Zitaten manche nicht übersetzt wurden. Ich selbst habe damit kein Verständnisproblem, dennoch heiße ich es nicht gut, dadurch Leser auszugrenzen, die nicht oder nicht gut genug Englisch sprechen.
Die Gestaltung des Buchs ist sehr schön, das Hardcover fasst sich gut an, das rote Lesebändchen ist ein hübsches praktisches Detail. Das Papier ist sehr griffig, allerdings dadurch auch recht schwer - auf Reisen würde ich das Buch daher nicht mitnehmen. Hervorragend gefallen haben mir die Fotos, die jedem Kapitel vorangestellt sind und durch farbige Verfremdung eines Motivs eine surreale Wirkung hervorrufen. Geografische Karten erleichtern die Orientierung bei den beschriebenen Reiserouten.
Alles in allem wirklich schlaue Gedanken, die helfen, das eigene Reiseverhalten zu überdenken, sehr empfehlenswert für alle, die weiter als bis nach "Balkonien" kommen!

Bewertung vom 15.03.2019
Libertys Lächeln
Kollender, Andreas

Libertys Lächeln


gut

Ich gestehe: Carl Schurz, Protagonist des vorliegenden Romans, war mir bislang kein Begriff. Und dies, obwohl er als Revolutionär der deutschen Märzrevolution 1849 aktiv war und er nach seiner Auswanderung in die Vereinigten Staaten von Amerika eine beachtliche politische Karriere machte, bis hin zum Innenminister.
Autor Andreas Kollender hat mit "Libertys Lächeln" einen intelligenten, fundiert recherchierten Plot geschaffen, der dem Leser quasi nebenbei zahlreiche historische Fakten rund um das Leben seines Romanhelden liefert, zum Sezessionskrieg, der amerikanischen Innen- und Außenpolitik u.v.m.
Dies ist durchaus interessant, und dennoch bin ich enttäuscht. Denn die Geschichte hätte so viel mehr sein können: Schurz führte ein spannendes, abenteuerliches, faszinierendes Leben. Er ging - wortwörtlich - bei den Präsidenten von Lincoln bis Hayes ein und aus, Schriftsteller Mark Twain zählte zu seinen engen Freunden. Auch Schurzs Ehefrau Margarethe war eine Persönlichkeit mit großem Einfluss, so gründete sie etwa Amerikas ersten Kindergarten.
Viel Stoff also für einen großartigen Roman.
Ein solcher ist es allerdings - in meinen Augen - nicht geworden: Fesseln konnten mich nur einzelne Abschnitte, die Figuren bleiben meist blass, skizzenhaft, der Funke sprang für mich nicht über. Ich empfand über weite Strecken beim Lesen kaum mehr Emotionen als ein entsprechender Lexikon-Eintrag über die jeweilige Person bei mir hervorruft.
Dies liegt vor allem an der Sprache Kollenders. Sie ist sehr einfach, kommt mit wenig Adjektiven und Nebensätzen aus. Vor allem in der direkten Rede gibt es viele Zwei-Wort-Sätze. Das wirkt auf mich abgehackt, zu reduziert und (etwa im Fall von Mark Twain) nicht immer zu den Personen passend.
Sehr gut hingegen gefällt mir die Aufmachung des hochwertigen Hardcovers. Das hochwertige Umschlagpapier fühlt sich edel an, das Layout des Covers ist sehr gelungen, die Schriftgröße des Fließtexts ist angenehm. Ein farblich abgestimmtes Lesebändchen rundet die fabelhafte Gestaltung ab.
Fazit: Ein ungewöhnlicher, anspruchsvoller Historienroman, sprachlich leider nicht mein Fall. Dies ist aber eine sehr persönliche Einschätzung, ich empfehle bei Interesse, sich die Leseprobe anzusehen.

Bewertung vom 11.03.2019
Der Gesang der Bienen
Dorweiler, Ralf H.

Der Gesang der Bienen


ausgezeichnet

So muss ein guter Historienroman sein: ausführliche Recherche, ein extrem spannender Plot, Protagonisten, die verschiedene Facetten aufweisen und keine Stereotype bedienen. Nach dem "Geheimnis des Glasbläsers" ist dies mein zweiter Roman von Ralf H. Dorweiler gewesen, und er entwickelt sich definitiv zu einem meiner Lieblingsschriftsteller in diesem Genre.

Ich wurde durch die Abenteuer des Zeidlers Seyfried hervorragend unterhalten, die Geschichte hat mich dermaßen gefesselt, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen wollte. Überdies, quasi nebenbei, habe ich so einiges gelernt: über den mittelalterlichen Beruf des Zeidlers, über das Leben der Bienen und ihre Bedeutung für den Menschen, über die historische Figur der Hildegard von Bingen und über das Klosterleben zu ihrer Zeit. Wenn nur mein Geschichtsunterricht an der Schule halb so interessant gewesen wäre ...!

Dorweilers Sprache ist lebhaft, anschaulich und der Duktus eine gute Mischung aus Anlehnung ans Altertümliche und doch neuzeitlich verständlicher Ausdrucksweise. Er charakterisiert seine Protagonisten umfassend, es gibt wenig Schwarz-Weiß-Malerei, dafür viele überraschende Wendungen.

Besonderes Lob verdient die für ein Paperback außergewöhnlich liebevolle Gestaltung: Auf den Umschlaginnenseiten finden sich eine historische Karte, die die geschilderten Reisen gut nachvollziehen lässt und ein Rezept aus Hildegard von Bingens Physica. Im Text rahmen kleine Bienchen die Kapitelüberschriften ein, und dem jeweiligen Abschnitt sind passende Zitate mit Bezug zu den fleißigen Insekten vorangestellt. Ein Personenregister im Anhang hilft, den Überblick über die handelnden Akteure nicht zu verlieren.

Ein klitzekleiner Kritikpunkt ist die Häufung glücklicher Umstände gegen Ende der Geschichte. Doch da die Protagonisten im Vorfeld reichlich Schicksalsschläge hinnehmen müssen, sei dies verziehen.

Fazit: Der Roman hat mein Wissen erweitert und mir aufregende Lesestunden beschert, in denen ich völlig in die Geschichte eintauchen konnte. Ralf H. Dorweiler ist ein leidenschaftlicher Schriftsteller, und diese Leidenschaft ist in jedem Absatz spürbar. Klare Leseempfehlung von mir!

Bewertung vom 11.03.2019
Auf dem Wasser treiben
Prammer, Theresa

Auf dem Wasser treiben


ausgezeichnet

So muss gute Gegenwartsliteratur sein: Fesselnd ohne reißerisch zu sein, berührend, ohne rührselig zu wirken, voller direkter Sprache und dennoch mit Raum für Interpretation zwischen den Zeilen.
Theresa Prammer, bislang vor allem Krimifans ein Begriff, hat sich diesmal an einem für sie neuen Genre versucht. Und dies mit Erfolg - "Auf dem Wasser treiben" ist ein äußerst gelungenes Psychogramm einer Familie, die das Schicksal stark gebeutelt hat. Einfühlsam und voller Überraschungen skizziert die Autorin ihre gänzlich verschiedenen Protagonisten, die anfangs vor allem eins gemeinsam haben: dass sie nicht über ihre wahren Gefühle sprechen können.
Sowohl die Rahmenhandlung wie auch die Entwicklung der Charaktere bauen so viel Spannung auf, dass das Buch zu einem wahren Pageturner gerät, den ich kaum aus der Hand legen konnte.
Wer auf der Suche nach anspruchsvoller Literatur ist, wer sich gerne mit den Auswirkungen der Kindheit auf das Erwachsenenleben beschäftigt, dem sei dieses Buch herzlich empfohlen!

Bewertung vom 08.03.2019
Das Pergament
Brommund, Katja

Das Pergament


sehr gut

Journalistin und Landschaftsplanerin Katja Brommund hat mit "Das Pergament" ihr Romandebüt gegeben. Das merkt man der Geschichte jedoch keineswegs an: Über mehrere Jahre intensive Recherche und zahlreiche Besuche an Originalschauplätzen haben einen intelligenten Historienroman hervorgebracht.
Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt:
Im Fokus steht die keltische Kultur zu Zeiten des gallischen Krieges, Protagonistin Meduana ist eine gallische Kriegerin, die der Leser auf spannenden Abenteuern bis nach Rom begleiten darf. Die Kapitel, die in der Gegenwart spielen, drehen sich um Davina Martin, eine Keltologin, die den sensationellen archäologischen Fund eines 2000 Jahre alten keltischen Pergaments übersetzen soll. Davina träumt von der Verfasserin des Schriftstücks, hat Visionen, spirituellen Kontakt zur Vergangenheit.
Die Sprache ist fesselnd, bildhaft, abwechslungsreich. Die Geschichte fordert den Leser, gerade wer - wie ich - nur wenig historisches Wissen zum gallischen Krieg mitbringt, wird einiges recherchieren müssen, um der Handlung immer folgen zu können.
Die Aufmachung des Buches ist gut, ein solides Hardcover, die Gallienkarte mit Stämmen und Orten auf dem Vorsatz erleichtert die Orientierung sehr. Das umfangreiche Glossar ist ebenfalls hilfreich, jedoch ist die Aufteilung in mehrere Verzeichnisse (Eigennamen und Begriffe, Flüsse und Gewässer, Gebirge, Städte, Regionen und Orte, Personen) sehr umständlich, ich hätte eine Gesamtauflistung bevorzugt, das erleichtert das Nachschlagen.
Eine weitere gute Ergänzung bietet die historische Zeittafel im Anhang.
Fazit: Der Roman hat mich gut unterhalten und zugleich umfangreiches historisches und kulturelles Wissen vermittelt. Der Plot ist intelligent angelegt, lediglich die Rahmenhandlung konnte mich nicht so fesseln. Dort nimmt Spiritualität einen großen Raum ein, und ich persönlich kann mit Seelenwanderung, Zeitreisen etc. nicht so viel anfangen. Dennoch eine klare Leseempfehlung!

Bewertung vom 28.02.2019
Wer erzieht hier eigentlich wen?
Beger, Gernot

Wer erzieht hier eigentlich wen?


gut

Hundeliteratur gibt es ja wie Sand am Meer, vor allem jedoch Sachbücher rund um den "treusten Freund des Menschen". Das vorliegende Buch von Gernot Beger ist keinesfalls diesem Genre zuzuordnen, auch wenn Titel und Coverfoto an einen Ratgeber zur Hundehaltung erinnern.
Nein, "Wer erzieht hier eigentlich wen?" ist viel mehr humorvolle Unterhaltungsliteratur. Das Besondere: Die Geschichten sind allesamt aus Sicht der Protagonistin Chaka geschrieben, einer gelinde gesagt äußerst temperamentvollen Rhodesian Rigdeback-Hündin. Nun ist zugegebenermaßen auch die Idee, ein Haustier zur zentrale Figur eines Romans zu machen, spätestens seit dem Katzenkrimis Felidea mit Detektiv-Kater Francis auch nicht mehr wirklich innovativ.
Dennoch haben mich Gernot Begers Geschichten gut unterhalten. Beger erzählt humorvoll und kurzweilig, ich musste beim Lesen oft schmunzeln, bisweilen sogar lauthals lachen. So etwa wenn Hündin Chaka die Welt nicht mehr versteht, weil regelmäßig (Müll-)Männer in Uniform kommen und Nahrungsmittelreserven aus der Tonne vor dem Haus ungefragt entwenden - aus ihrer Sicht ein klarer Fall von Mundraub.
Schon bei der Auflistung der Akteure zeigt Beger Witz und Kreativität: der intelligente Mischlingsrüde heißt Einstein, auch bei Staatsanwalt Klagehorst gilt wohl "Nomen est omen".
Besonders gefallen hat mir, dass der Autor durchaus Mut zur Selbstironie zeigt. Das Lektorat hätte ein wenig mehr Sorgfalt walten lassen können, es haben sich doch einige kleine Rechtschreib- und Trennfehler eingeschlichen.
Alles in allem ist es kein literarisches Meisterwerk, aber diesen Anspruch erhebt das Buch ja auch gar nicht. Was man erwarten darf sind lustige Mensch-Hund-Geschichten, die mit Augenzwinkern (und sabbernden Lefzen) erzählt werden und neben guter Unterhaltung durchaus auch mehr Verständnis für die Canidae beim Leser wecken.

Bewertung vom 22.02.2019
Das geheime Glück
Cohen, Julie

Das geheime Glück


sehr gut

Eigentlich gehören Liebesromane nicht zu meinen bevorzugten Genres, diesen jedoch konnte ich fast nicht mehr aus der Hand legen.
Julie Cohen ist mit diesem Buch Ungewöhnliches gelungen, und zwar sowohl die Form als auch den Inhalt betreffend.
Beginnen wir mit der Form: Der Verlauf der Erzählung ist rückwärts gerichtet, das erste Kapitel zeigt das dramatische Ende der Beziehung, dann geht es Abschnitt für Abschnitt weiter zurück in die Vergangenheit. Wirklich bemerkenswert ist dabei, wie es die Autorin schafft, die ganze Zeit über die Spannung aufrecht zu erhalten, obwohl man ja eigentlich schon weiß, wie die Geschichte endet. Handwerklich eine Meisterleistung, sprachlich hervorragend!
Am Inhalt werden sich sicher die Geister scheiden. Es ist nicht einfach, hierüber zu schreiben ohne zu spoilern, denn der Plot beinhaltet gleich zwei große Geheimnisse. Es sei an dieser Stelle daher nur eins verraten: Der Roman behandelt auch ein großes Tabu und stellt somit die Frage "Darf Liebe alles?" Auch wenn ich die Antwort Julie Cohens nicht teile, so schätze ich doch den Tiefgang, der mit dieser Frage aufgeworfen wird.
Einzig die Häufung an Zufälligkeiten, die es zur Konstruktion der besonderen Lebensgeschichten brauchte, hat mich gestört.

Fazit: Ein echter Pageturner, selten habe ich einen Liebesroman gelesen, der so viel Spannung aufbaut und bis zum Schluss aufrecht erhält. Der Inhalt polarisiert sicher, bietet dafür umso mehr Stoff für intensive Diskussionen!

Bewertung vom 22.02.2019
Unter den Menschen
Deen, Mathijs

Unter den Menschen


sehr gut

"Zusammen ist man weniger allein" - dieser Titel eines französischen Liebesfilms fiel mir beim Lesen immer wieder ein.
Seltsamerweise, denn die beiden Protagonisten in Mathijs Deens Roman scheinen so gar nicht in trauter Zweisamkeit aufzugehen. Jan ist ein eigenbrötlerischer Bauer, der seit dem Tod seiner Eltern den Hof alleine führt und oft wochenlang mit keiner Menschenseele spricht. Wil, die Jan durch eine Zeitungsannonce kennenlernt, scheint mehr an dessen Haus mit Meerblick als an ihm selbst interessiert zu sein.
Die beiden sind nicht gerade füreinander geschaffen, jeder scheint mehr als genug Probleme mit sich herumzuschleppen, es gibt gegenseitige Verletzungen und unausgesprochene Erwartungen. Überhaupt: Unausgesprochenes spielt eine große Rolle. Man schweigt viel, auch miteinander.
Deens Sprache ist recht eigen, wie der Plot an sich und passt daher hervorragend. Die Sätze sind kurz, Adjektive rar, und dennoch (oder gerade dadurch?) baut sich beim Lesen eine besondere Stimmung auf. Sowohl die weite Küstenlandschaft wie auch die schrägen Charaktere erscheinen treten bildlich hervor. Gut gefallen hat mir, dass hier scheinbar Grundsätzliches für eine Paarbeziehung hinterfragt wird. Kann man auch ohne Liebe zum Partner glücklich werden? Muss man über alles reden? Darf man mit einer Lüge beginnen?
Die Geschichte hat Tiefgang und tragisch-komische Momente. Manches ist jedoch zu slapstick-artig überzeichnet, das fand ich teils zu übertrieben.
Das Buch ist 1977 zum ersten Mal erschienen und spielt auch erkennbar in dieser Zeit (Gulden, Videokassetten ...), ist also eine kleine Reise in die jüngere Vergangenheit: Bekanntschaftsannonce statt Tinder oder Parship.
Insgesamt eine sehr ungewöhnliche Geschichte mit großartigen Sprachbildern, auf jedenfall lesenswert und viel Stoff für Diskussionen.

Bewertung vom 20.02.2019
Wallace
Oelze, Anselm

Wallace


ausgezeichnet

Gleich mit seinem Debütroman hat Anselm Oelze eine Geschichte ganz nach meinem Geschmack geschrieben:
Der Wissenschaftsroman erzählt in zwei Zeitebenen, zum einen Mitte des 19. Jahrhunderts vom britischen Forschungsreisenden Alfred Foster Wallace, zum anderen von einem Nachtwächter in einem Naturkundemuseum, in nicht genauer bezifferter Jetztzeit.
Wallace formulierte im Roman wie im wahren Leben eine Abhandlung über eine neue Idee zur Entstehung der Arten. Er stand dazu im Briefwechsel mit Charles Darwin, der darauf hin seine eigene, praktisch identische Evolutionstheorie publizierte und seither als Vater ebendieser gilt.
Oelze hat die Geschichte nicht nur fundiert recherchiert, sondern daraus einen intelligent und witzig erzählten Plot entwickelt, der etliche g rundlegende Fragen des Lebens aufwirft. So zum Beispiel, was die Wahrheit ist, wann wir etwas für wahr halten, wie Forschung und Ruhm verknüpft sind und was im Leben (oder auch danach) zählt.
Oelzes Sprache ist sehr abwechslungsreich und fordert den Leser durchaus. Da kann sich ein Schachtelsatz mit zahlreichen Einschüben und Nebensätzen schon mal über zehn oder mehr Zeilen erstrecken. Gelungen ist in der historische Duktus in den Kapiteln, die in der Vergangenheit spielen. Hier vermittelt die gewählte Sprache Authentizität.

Schlaue Unterhaltung mit viel Diskussionsstoff, unbedingt lesen!