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Benutzername: Aischa
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Bewertungen

Insgesamt 131 Bewertungen
Bewertung vom 14.01.2019
Momentaufnahmen 5
Opiolla, Mayk D.

Momentaufnahmen 5


sehr gut

Das Jahr ist noch jung, aber ich kann jetzt schon sagen, dass der vorliegende fünfte Band von Mayk D. Opiollas "Momentaufnahmen" eines meiner Lesehighlights 2019 ist und bleiben wird.
Das Büchlein kommt recht unscheinbar daher, aber die Texte haben es in sich. Die Grundstimmung ist melancholisch, teils sogar depressiv, erst zum Ende hin wird es wieder etwas versöhnlicher, ja sogar leichter.
Das schlichte Cover nimmt mit der Abbildung der Kirche St. Nikolaus auf Langeoog Bezug auf gleich zwei Inhalte: Der Ich-Erzähler lebt auf der Nordseeinsel und konvertiert zum Katholizismus. Dies bringt große Spannungen für ihn, da er nunmehr damit klar kommen muss, dass er seine Homosexualität nach Lehre der Kirche nicht ausleben darf.
Zudem muss der Erzähler mit einigen Abschieden umgehen: Der Geliebte entscheidet sich für einen anderen, und sein Pflegehund findet ein neues Zuhause, so dass der Erzähler seinen Alltag wieder völlig auf sich allein gestellt bewältigen muss.
Apropos "Alltag": Der Alltag in dieser Erzählung verdient eine besondere Erwähnung. Zwar begleitet der Leser den Protagonisten auf seinem Inselalltag; es passiert nicht ständig etwas Neues, oft dümpeln die Tage eher so vor sich hin. Aber Autor Opiolla versteht es meisterlich, im scheinbar Alltäglichen den besonderen Zauber zu entdecken und für den Leser sichtbar zu machen. Im Alltag findet sich Nicht-Alltägliches, und eben dies wird immer wieder in einer zauberhaften, teils poetisch anmutenden Sprache hervorgehoben.
Besonders angetan haben es mir dabei Naturbeschreibungen. Eine Kostprobe gefällig? Gerne: "Der Herbstwind ... verwebt die leisen Gespräche der Ordensleute mit dem Rauschen der Blätter in den Baumkronen."
Der Autor kann definitiv mit Sprache umgehen, er erzeugt eindringliche Bilder, die auch nach der Lektüre noch nachwirken. Einziger Wermutstropfen: Das (Eigen-)Lektorat hat leider etliche Flüchtigkeitsfehler übersehen. Wer sich an Rechtschreibfehlern nicht stört und sich mit der Suche nach dem Glauben, mit Liebe zu Menschen und zu Gott, mit Abschiednehmen und Tod auseinandersetzen möchte, dem kann ich das Buch uneingeschränkt ans Herz legen. Ich selbst stolpere über sprachliche Unstimmigkeiten leider immer, so dass mein Lesefluss gestört und der Lesegenuss etwas getrübt ist, daher vergebe ich "nur" vier von fünf möglichen Sternen.
Die vier Vorgängerbände sind dennoch bereits bestellt und ich freue mich schon sehr auf die Lektüre!

Bewertung vom 11.01.2019
Die Liebenden von Wiesbaden
Konrad, Susanne

Die Liebenden von Wiesbaden


sehr gut

Susanne Konrad kann schreiben, und sie wagt sich mit dieser beeindruckenden Novelle gleich an mehrere Tabuthemen: Sex in hohem Alter, großer Altersunterschied zwischen Ehepartnern, späte Elternschaft und eine sexuelle Beziehung mit dem pflegebedürftigen Partner.
Reichlich Stoff also für gerade mal 190 Seiten. Aber die Autorin schafft es, die Beziehung der beim Kennenlernen 40jährigen Kirsten zum 21 Jahre älteren Ernst sehr glaubhaft zu schildern. Sexualität nimmt in der Freundschaft und Ehe der beiden eine wichtige Rolle ein, und dies ändert sich auch dann nicht, als Ernst nach einem Schlaganfall dauerhaft auf pflegerische Hilfe angewiesen ist und später auch noch an Parkinson erkrankt.
Schonungslos offen lässt Susanne Konrad die Ich-Erzählerin auch von Momenten des Ekels vor dem körperlichen Verfall ihres Mannes berichten. Aber die übergroße Liebe überwindet auch das.
Indirekt erfahren wir, mit welchen Hürden im Alltag das Paar über die Jahrzehnte zu kämpfen hat, da es nicht gerade den gesellschaftlichen Konventionen entspricht. Etwa wenn Daniela, einziges Kind der beiden, sich bei der Einschulung schämt, weil ihre Eltern für ihre Großeltern gehalten werden.
Auch die Beziehung der Erzählerin zu ihrer Mutter nimmt großen Raum ein. Es ist eine sehr enge Beziehung, und doch entscheidet sich Kirsten, die Mutter aufgrund ihrer Demenz in einem Heim unterzubringen, da sie sie selbst ja bereits ihren Mann pflegt.
"Die Liebenden von Wiesbaden" ist ein schmales Büchlein, das unerwartet viel, wirklich sehr viel Stoff zum Nachdenken, Diskutieren und auch zur Selbstreflexion bietet.
Das wunderschöne Cover mit einem Ausschnitt eines Bildes von August Macke ist ein wahrer Augenschmaus. Den einzelnen Kapiteln sind Schwarz-Weiß-Fotos mit Szenen aus Wiesbaden vorangestellt. Eine hübsche Idee, da ein Großteil der Geschichte ja in der hessischen Landeshauptstadt spielt. Leider ist die Druckqualität der Bilder nicht die beste.
Das ist aber auch mein einziger Kritikpunkt, davon abgesehen kann ich das Büchlein nur rundum empfehlen!

Bewertung vom 08.01.2019
Gaddafis Rache
Göldi, Max

Gaddafis Rache


gut

Es ist kaum zu fassen, was Autor Max Göldi passiert ist: Als Mitarbeiter einer schweizer Firmenrepräsentanz in Tripolis wird er unversehens und völlig unschuldig zum politischen Spielball.
Hannibal Gaddafi wird samt Ehefrau in Genf verhaftet, in den Augen seines Vaters und libyschen Diktators ein nicht hinnehmbarer Gesichtsverlust. Als Rache werden mehrere schweizer Firmensitze in Tripolis geschlossen; dort tätige Mitarbeiter mit schweizer Pass werden inhaftiert. Es folgen kafkaeske Schauprozesse, Entführungen im Stil eines Hollywood-Action-Films und ein jahrelanger erzwungener Aufenthalt im goldenen Käfig der schweizer Botschaft.
Ein Plot wie ihn sich Starautoren nicht spannender ausdenken hätten können.
Und dennoch habe ich mich über Dutzende, wenn nicht gar Hunderte Seiten hinweg (sic!) richtiggehend durch die Geschichte gequält, war mehrmals kurz davor, die Lektüre abzubrechen. Dies hatte vor allem zwei Gründe: Zum einen fiel es mir trotz des Personenregisters im Anhang sehr schwer, den Überblick über die handelnden Personen zu behalten. Es ist eine wahre Flut an Namen, die man sich als Leser merken müsste. Und das Register (alphabetisch nach Familiennamen sortier) ist hier nur bedingt eine Hilfe, da der komplette Name oft nur anfangs genannt wird und bei Wiederholungen nur der Vorname aufgeführt ist. Hat man den Nachnamen nicht mehr parat, muss man sich also mühsam durch das Register kämpfen, bis man auf den richtigen Vornamen stößt. Dies hat meinen Lesefluss sehr behindert und den Genuss der Lektüre massiv beeinträchtigt.
Zum anderen beruht das Buch, wie der Untertitel schon vermuten lässt, auf Göldis Tagebuchaufzeichnungen während seiner Geiselschaft. Und dies merkt man für meinen Geschmack zu sehr. Seiten über Seiten wird Belangloses aufgezählt. Nicht für den psychisch ohne Frage extrem unter Druck stehenden Göldi. Ich kann mir gut vorstellen, dass es nach monatelangem unfreiwilligem Aufenthalt in der Botschaft der Höhepunkt des Tages sein kann, wenn der Botschafter aus dem Heimaturlaub Bircher Müsli mitbringt. Aber nach immer und immer wiederkehrenden Wiederholungen langweilt man sich als Leser doch sehr, wenn die Einträge nur daraus bestehen, wer wann mit wem Tischtennis gespielt hat, wer was gekocht und mit wem gegessen hat etc.
Anfang und Ende sind wirklich spannend; im Mittelteil hätte ich mir vom Lektorat mehr Straffung und deutliche Kürzung gewünscht.
Daher nur eine mittlere Leseempfehlung.

Bewertung vom 04.01.2019
HUMBOLDT to go
Humboldt, Alexander von

HUMBOLDT to go


gut

Als Biologin war ich sehr gespannt auf die Gedanken des großen deutschen Naturforschers.
Konnte dieses kleine Büchlein dem über siebzig Jahre andauernden Wirken des Weltreisenden gerecht werden? Hält die Verlagsankündigung "ein Best of Alexander von Humboldt" was sie verspricht? In meinen Augen nicht ganz.
Wohl deckt die Zitatensammlung sowohl einen großen Zeitraum wie auch ein breites Spektrum an Themen ab. Der Leser wird mit Humboldts Gedanken zu Natur und Mensch und zur deutschen und europäischen Geschichte konfrontiert. Die Zitate geben Auskunft über den Naturwissenschaftler selbst wie auch seine Expeditionen in ferne Länder. Und doch bleibt Vieles im Dunkeln.
Ich hätte mir zumindest eine kurze Biografie Humboldt als Einführung gewünscht, auch ein Personenverzeichnis wäre sehr hilfreich gewesen. Nicht jeder ist geschichtlich so versiert, dass er die Empfänger von Humboldts Briefen einzuordnen weiß.
In meinen Augen ein großes Manko ist das Layout: In jedem Zitat wurden Passagen durch Majuskeln hervorgehoben. Dies ergibt eine Betonung, die für mich teils willkürlich scheint und mich beim Lesen sehr gestört hat.
Womit das Büchlein dennoch punkten kann sind ein angemessener Preis und das handliche Format, wodurch die Sammlung gut geeignet ist, Wartezeiten im Alltag kurzweilig zu gestalten.

Bewertung vom 04.01.2019
Zauberhafte Küche ...
Beaupommier, Aurélia

Zauberhafte Küche ...


sehr gut

Fans von Harry Potter, die Chroniken von Narnia oder Herr der Ringe werden dieses ungewöhnliche Kochbuch lieben. Aber auch wer in den Zauberwelten nicht zu Hause ist, sondern nur mal etwas Abwechslung in den heimischen Speiseplan bringen will oder etwas besonderes für das Buffet der Halloween-Party sucht, der wird hier fündig werden.
Zu Beginn stellt Autorin Beaupommier alle im Buch vertretenen Zauberer und Hexen kurz vor, von A wie Aladin bis Z wie Zelda tragen die Magier Rezepte bei.
Diese sind unterteilt in "Zauberhafte Speisen für jeden Tag", "Köstlichkeiten für besondere Tage", "Sagenhafte Süßigkeiten" und "Betörende Tränke".
Die Aufmachung des Buches ist sehr ansprechend. Ein praktisches Lesebändchen und das hübsche Layout mit magischen Zeichnungen und passender Schrift sind liebevolle Details. Die Hintergrundfarben sind meist dunkel gewählt und wirken mystisch, die hochwertige Bindung lässt das Buch aufgeschlagen gut liegen.
Die Rezepte decken eine große Bandbreite an Schwierigkeitsgraden ab. Es gibt einfache und dennoch effektvolle Gerichte ("Dracheneier") genauso wie Anspruchsvolleres (sieben Stunden lang gegarte Lammkeule).
Besonders begeistert hat mich der magische Sprachwitz, mit dem einige der Rezepte verfasst wurden: "Entfacht einen Wirbelsturm in der Schüssel (oder nehmt einen Mixer oder "Spinat vom Staub des Basars reinigen" - so macht Kochen gleich doppelt Spaß!
Ebenso ungewöhlich für ein Kochbuch ist die ausführliche Bibilografie am Ende, die nebst den Büchern rund um Zauberer, Hexen und Co. auch Filme und Spiele zum Thema auflistet.
Einen Punkt Abzug gibt es, für die Verwendung teils doch recht schwer (oder nur übers Internet) zu beschaffender Zutaten: Pain d´épice (ein französisches Gewürzbrot), Totentrompete, Brik-Teig, Knallzucker, Seehasen-Rogen oder auch die lila Kartoffel Vitelotte. Leider sind nicht alle Rezepte mit Fotos illustriert; auch hätte ich mir Angaben zum Schwierigkeitsgrad und den Nährwerten gewünscht.
Die Zubereitung ist hingegen gut beschrieben, wir hatten viel Spaß mit Gundel Gaukeleys Glückstalern und dem Butterbier aus dem Potter-Universum.
Von mir eine klare Empfehlung für dieses gleichermaßen ungewöhnliche wie hochwertige Kochbuch.

Bewertung vom 14.12.2018
Fit & stark mit Sophia
Thiel, Sophia

Fit & stark mit Sophia


ausgezeichnet

Sophia Thiel ist wohl so etwas wie ein weiblicher Fitness-Guru. Als bekennender Sportmuffel hatte ich bislang ehrlich gesagt noch nie von ihr gehört.
Aber sie scheint ihr Metier zu beherrschen. Zumindest hat sie es geschafft, mit ihrem Buch einen Plan vorzulegen, der sogar mich runter von der Couch und rauf auf die Trainingsmatte bewegt hat.
Thiels Buch folgt der bewährten KISS-Regel: "Keep it short and simpel."
Die Übungen sind einfach, kurz und knackig beschrieben, zahlreiche Fotos verdeutlichen Körperhaltung und Bewegungsabläufe. Man benötigt für Sophias Training weder spezielle Geräte, noch viel Zeit. Die meisten Übungen kommen ganz ohne Equipment aus, manchmal braucht man ein Handtuch, einen Stuhl oder zwei Wasserflaschen. So sind die Übungen nicht nur einfach, sondern auch günstig, denn außer dem Kaufpreis für das Buch entstehen keine weiteren Kosten.
Auch der zeitliche Aufwand ist sehr überschaubar: fünf Tage pro Woche jeweils 30 Minuten Training - das ist für jeden machbar, der ernsthaft körperlich an sich arbeiten möchte.
Es fehlt an der nötigen Motivation? Auch darauf geht die Autorin ein, erfrischend klar und ohne Platitüden. Nach kurzen allgemeinen Infos zu Muskelaufbau und optimalen Trainingsbedingungen geht im Hauptteil an die einzelnen Übungen. Fast jede kann in drei verschiedenen Schwierigkeitsgraden ausgeführt werden, dies stellt sicher, dass sowohl Anfänger gut klarkommen als auch bereits gut Trainierte noch gefordert werden.
Die Übungen sind nach Körperpartien geordnet, die damit trainiert werden, außerdem gibt es Kapitel fürs Aufwärmen, zur gezielten Fettverbrennung und das Cool-Down mit Dehnungen zum Abschluss.
Das Beste in "Fit und stark" kommt für mich im letzten Abschnitt: Hier hat Sophia einen vierwöchigen Trainingsplan erstellt, der nahezu alle vorgestellten Übungen auf abwechslungsreiche Weise kombiniert. So bleibt das Workout ausgewogen und wird nicht langweilig.
Die Ausführung des Buchs ist hervorragend, das Hardcover ist schwer und bleibt auf jeder Seite aufgeschlagen gut liegen. Lediglich ein Lesebändchen wäre praktisch gewesen, wenn man zwischen Trainingsplan und Übungsteil hin- und herblättert.
Ich bin jetzt seit knapp zwei Wochen dabei und habe noch keine Einheit ausgelassen. Unbedingte Empfehlung!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 13.12.2018
Reicher Pöbel
Vedder, Björn

Reicher Pöbel


sehr gut

Der Philosoph Björn Vedder legt mit "Reicher Pöbel" eine aktuelle Gesellschaftskritik vor.
Das Ganze ist - zumindest ohne größere Vorkenntnisse in Philosophie - recht anspruchsvoll, um nicht zu sagen: schwierig zu lesen. Die Abhandlung ist keine leichte Kost, nichts zum Abschalten, im Gegenteil. Vedder fordert die volle Aufmerksamkeit seiner Leser.
Wer dazu bereit ist, wer gegebenenfalls auch mal etwas nachschlägt, der wird mit zahlreichen Denkanstößen und erfrischend neuen Betrachtungsweisen belohnt.
Am Anfang steht eine Analyse der westlichen reichen Gesellschaften. Vedder zeigt recht anschaulich auf, wie sich das Bild der Reichen in den letzten Jahren gewandelt hat. Dazu finden sich immer wieder Hinweise auf Fotos, Film, Musik und Literatur. Die unterschiedlichen Strömungen in der Portraitfotografie von Reichen sind zwar sehr gut beschrieben, jedoch hätte ich mir hier ein paar Abbildungen gewünscht, auch wenn dies vermutlich die Herstellungskosten erhöht hätte.
Eine Kernthese lautet sinngemäß:
Der reiche Pöbel und der brave Bürger sind dem Wesen nach gleich, beide verhalten sich habgierig, lediglich die Möglichkeiten dazu sind verschieden. Auch Komfort und Luxus sind im Grunde gleich, nur im Ausmaß verschieden. Ja, da könnte was dran sein.
Wenn der Homo oeconomicus nur dann sittlich ist, wenn er dazu gezwungen ist, dann frage ich mich allerdings, wieso es Superreiche gibt, die einen Großteil ihres Vermögens spenden, wie etwa Warren Buffet. Wie konnte dann die Bewegung "Giving Pledge" entstehen?
Alles in allem sehr interessante Thesen, wenn ich auch nicht alles verstehe bzw. teile. An mancher Stelle für meinen Geschmack fast schon zu sehr Fachbuch und zu wenig Sachbuch. Daher vier von fünf Punkten und klare Leseempfehlung.

Bewertung vom 13.12.2018
Wunderwaffe Wertschätzung
Niedernolte, Tim

Wunderwaffe Wertschätzung


weniger gut

Moderator und Journalist Tim Niedernolte hat sein erstes Buch veröffentlicht.
Er zeigt in seinem Ratgeber auf, wie man mit Wertschätzung den Mitmenschen gegenüber den leider vielen negativen Trends im Alltag etwas Positives entgegensetzen kann. Zumindest hatte ich das nach Lektüre des Klappentextes und der Leseprobe erwartet.
Doch meine Erwartung wurde leider nur zum Teil erfüllt: Vorwort und Einleitung sind eine tolle Einstimmung aufs Thema, und Niedernolte kann mit Worten umgehen, keine Frage.
Es gibt Alltagstipps, wie wir mit kleinen Aufmerksamkeiten großes bewirken können. Etwa indem wir Kollegen, oder gerne auch mal dem Chef, ein ebenso ernst gemeintes wie unerwartetes Kompliment machen. Wenn wir im Wartebereich einer Behörde zwei Nummern ziehen und sobald wir aufgerufen werden die zweite Nummer weiter verschenken. Oder indem wir uns täglich zehn Minuten Zeit nehmen, um all der Dinge, Umstände und Menschen dankbar zu gedenken, die unser Leben schön machen.
Aber leider verlor sich dieser positive Grundgedanke teilweise in Allgemeinplätzen. Ja, ich bin auch der Meinung, dass wir in unserer Gesellschaft weder alten Menschen noch denjenigen die sie pflegen ausreichend Anerkennung zukommen lassen. Aber die Missstände in der Pflege anzuprangern, das ist mir hier einfach zu billig, das wurde schon tausendfach beschrieben. Was wir brauchen sind Lösungen, oder zumindest Lösungsansätze, und die habe ich in vielerlei Hinsicht vermisst. Was soll ich tun, damit Altenpfleger besser bezahlt werden, und was ist nötig, damit die Pflege nicht zuallererst rentabel sein muss, sondern auch hier wieder mehr Menschlichkeit einzieht?
Desweiteren beschreibt Niedernolte etwa eine Werbeagentur, die besondere Wertschätzung ihren Mitarbeitern gegenüber zeigt. Etwa indem der Chef nach 10 Jahren Betriebszugehörigkeit einen Monat bezahlten Urlaub gewährt. Aber mal ehrlich: Bringt mich das im Alltag weiter? Nein.
Gut hingegen fand ich die Kritik an den Sozialen Medien, den Aufruf, dem ganzen Hass und der Häme auf Facebook & co. etwas Positives entgegen zu setzen. Auch dem Kapitel mit Christian Rach konnte ich etwas Gutes abgewinnen, schön zu sehen, wie Teambildung auch über Kulturgrenzen hinweg funktionieren kann.
Aber mit dem Ende kam ich gar nicht klar: Tolle Bar da im Berliner Ritz-Carlton, wirklich kreative Idee, Cocktails nach den bevorzugten Düften der Gäste zu mischen. Und ja, natürlich ist es schön, dass der Autor sich bei seinen vier "Mitwertschätzern" bedankt. Aber muss ich dies in aller Detailverliebtheit lesen? Nein. Genauso wenig wie zehn Seiten Dank am Ende des Buches. Sorry, aber das ist mir einfach zu viel. Ich kam mir beim Lesen ein wenig vor wie bei der Fernsehübertragung der Oscar-Verleihung, wenn die Preisträger auf der Bühne minutenlang danken ("dem Regisseur, dem Beleuchter, dem Kabelträger und ... und ... und ... und meinen Eltern"). Natürlich ist das für die Betreffenden wertschätzend, aber für mich ehrlich gesagt irgendwann nur noch langweilig.
Ich bleibe also nach dieser Lektüre mit unerwartet gemischten Gefühlen zurück. Den Einstieg fand ich wirklich klasse, es gibt ein paar gute Anregungen, wie man den eigenen Alltag ohne viel Aufwand so gestalten kann, dass man den Mitmenschen wertschätzender begegnet. Aber im Verlauf des Buchs habe ich mich immer öfter gefragt, was ich konkret aus dem Text ziehen kann, und es war leider weniger als erwartet. Schade.

Bewertung vom 10.12.2018
Mythos
Fry, Stephen

Mythos


ausgezeichnet

Wer denkt, die klassischen Sagen des griechischen Altertums seien dröge, kompliziert, verstaubt und höchstens für verschrobene Altphilologen von Interesse, nun, der hat meines Erachtens einfach noch nichts von Stephen Fry gelesen.
Denn Fry präsentiert die griechisch-römischen Mythen in neuem Gewand: frech, in moderner, leicht verständlicher Sprache und mit feinstem britischem Humor á la Monty Python. Dabei deutet er die Geschichten nicht, es geht ihm vielmehr in erster Linie darum, sie neu zu erzählen. Wohl aber zeigt er den großen Einfluss der klassischen Mythologie auf unsere Kultur, er skizziert gemeinsame Motive in Märchen, Theaterstücken, ja selbst zu aktuellen Filmen und Romanen finden sich zahlreiche Querverweise. So vereint das Sachbuch Altbekanntes und überraschend Neues.
Ein weiterer Leckerbissen findet sich in der Buchmitte: Farbige Abbildungen von Kunstwerken, die einige der beschriebenen Szenen bildlich darstellen. Mit Frys humorvollen Geschichten werde ich beim nächsten Besuch in Münchens alter Pinakothek oder der Glyptothek sicher mit einem breiten Grinsen vor dem ein oder anderen Ausstellungsstück stehen ...
Lediglich ein Namensregister und einen Stammbaum der doch sehr verzweigten göttlichen Verwandtschaften hätte ich mir zur besseren Übersicht gewünscht. Im Nachwort verweist Fry hierzu immerhin auf eine hilfreiche Website.
Unterm Strich ziehe ich den Hut vor Frys Leistung. Er hat es geschafft, mein Interesse für die griechischen Mythen zu wecken, mir einige extrem unterhaltsame Lesestunden beschert und mir - quasi nebenbei - noch einiges beigebracht. Denn durch seine humorvolle Sprache bleiben mir die Geschichten sicher lange im Gedächtnis. Und ich freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung: "Heroes", bislang nur im englischen Original erschienen.

Bewertung vom 06.12.2018
Emotionale Stresskompetenz
Kundermann, Michaele

Emotionale Stresskompetenz


gut

Eins gleich vorneweg: Ich stehe als Naturwissenschaftlerin Esoterik, Homöopathie und anderen Parawissenschaften recht skeptisch gegenüber.
Leser, die sich in diesen Bereichen wohl fühlen, werden Kundermanns Ratgeber daher wahrscheinlich noch hilfreicher finden als ich.
Die Thematik an sich ist sehr interessant. Die meisten von uns kennen entweder stressige Phasen oder sind sogar dauerhaft "unter Strom". Doch kaum jemand von uns lernt, wie man mit Gefühlen, die negativen Stress hervorrufen, so umgeht, dass sie einem nicht schaden.
Hier verspricht das Buch Abhilfe. Und dies bleibt kein leeres Versprechen: Neben den physiologischen Grundlagen zur Stressentstehung und den Auswirkungen auf unseren Körper enthält der Ratgeber zahlreiche Praxistipps und Übungen, wie man entspannter durch Leben kommt.
Der Text ist angenehm zu lesen, lediglich das mangelhafte Lektorat hat mich etwas geärgert: Zahlreiche Fehler haben meinen Lesefluss immer wieder gehemmt. Dafür ist die Sprache meist gut verständlich und viele Fallbeispiele veranschaulichen die geschilderten Sachverhalte. Gestört hat mich persönlich, dass das Buch insgesamt einen sehr wissenschaftlichen Eindruck vermittelt, dennoch leider einige Behauptungen wie Tatsachen in den Raum gestellt werden, ohne dass sie wirklich untermauert werden. (Stichworte: Herzenergie, Herzkohärenz)
Dennoch: Wer bereit ist, sich auf Neues einzulassen und die Zeit für kritische Selbstreflexion mitbringt, der wird diesen Ratgeber sicher schätzen. Aber auch hier gilt: Übung macht den Meister. Man muss schon etwas Zeit investieren, wenn man wirklich lernen möchte, beruhigter durch den Alltag zu kommen.

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