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Benutzername: monerl
Danksagungen: 21 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 149 Bewertungen
Bewertung vom 23.10.2019
Wunderbare Zeiten / Die Schwestern vom Ku'damm Bd.2
Riebe, Brigitte

Wunderbare Zeiten / Die Schwestern vom Ku'damm Bd.2


sehr gut

Meine Meinung
Stürmisch und rasant wie die 50er – Jahre in Deutschland, so stürmisch und rasant ist dieser zweite Band. Deutschland wird nach und nach aufgebaut, die Menschen finden wieder zu einem einigermaßen geregelten Leben zurück, sie verdienen mehr und wollen somit auch das Schöne wieder in ihr Leben zurückbringen.

Über die USA kommen Mode, Filme und Stars auch ins deutsche Rampenlicht und die Thalheims sind mit dabei. Das Kaufhaus floriert, seine modischen Kreationen sind mächtig angesagt und durch Oskar und Markus ist die Familie beim Theater und Film mit dabei. Die liebe Silvie deckt das Medium Radio ab, zum Leidwesen des Vaters, der sie lieber auch im Familiengeschäft sehen möchte. Sie soll ihre Schwester Rike ein bisschen entlasten, denn die hat mit ihren beiden Kindern viel zu tun und so ohne Mann, Haus und Kind hätte Silvie genug Zeit, Rike mehr zu unterstützen.

Silvie und die Männer, das ist eine Geschichte für sich. So schnell und so heftig, wie Silvie lieben kann, so oberflächlich ist ihre Partnerwahl. Aber auch für so einen Herzensmenschen sollte es doch ein passendes Gegenstück geben.

Deutschland ist geteilt und es scheint, als würde dies so bleiben. West-Berlinern wird die Einreise in die DDR verboten, der Sozialismus wird in der DDR errichtet, die SED kämpft gegen alles und jeden, die sich gegen die Partei stellen, DDR-Privatleben wird sozialisiert und damit die Reisefreiheit der Menschen aus der DDR beschränkt. Die Bundesrepublik tritt der NATO bei, die DDR schließt sich dem “Warschauer Pakt” an und es ist allen klar, dass es keine Wiedervereinigung mehr geben wird. Und trotz alledem bleibt Onkel Carl im Osten, denn dort sieht er die beste Möglichkeit Menschen zu helfen. Die Menschen im Osten benötigen alle Hilfe und Unterstützung, die sie bekommen können.

Brigitte Riebe gelingt es wieder wunderbar in ihrer leichten und lockeren Schreibart Historisches mit Fiktivem zu verbinden und bietet dadurch auch dem größten Geschichtsmuffel das Maximum an Wissen über die deutsche Nachkriegszeit bis kurz vorm Mauerbau.

Vielleicht liegt es an der Zeit, in der der Roman spielt, vielleicht daran, dass ein zweiter Teil die Brücke zur Einführung und dem Abschluss ist, sodass er nicht ganz so tief und eindrücklich auf mich wirkt, wie sein Vorgänger. Auf familiärer Ebene passiert sehr viel: Hochzeiten, Trennungen, Unerwartetes und der Tod, auch interessante Geheimnisse, die sicherlich Auswirkungen auf Band 3 haben werden, sind gelüftet und doch ist alles irgendwie ein bisschen zu rasant und geht nicht ganz so tief. Der Fokus dieses Bandes liegt auf den historischen Begebenheiten, dadurch trat die Familiengeschichte ein bisschen in den Hintergrund. Insgesamt dennoch sehr gelungen aber mit etwas weniger packendem Charme, im Vergleich zu Teil 1.

Doch das ist sicherlich Meckern auf hohem Niveau! Kaum ein*e Autor*in schafft es, so wie Brigitte Riebe, Leser*innen während des Lesens für Geschichte zu interessieren und diese nach dem Lesen zur weiteren Recherche zu animieren. Die wundervolle Zeittafel am Ende des Buches ist dabei eine sehr gute Unterstützung.

Fazit
Ein zweiter Teil, der große Freude auf den Abschluss weckt! Wer sich für Deutsche Geschichte der Nachkriegszeit interessiert, unterhalten werden möchte, Familiensagas liebt und dabei auch noch über die schönen Seiten des damaligen Lebens erfahren möchte, der sollte unbedingt zu dieser 50er – Jahre – Trilogie greifen.

Bewertung vom 11.10.2019
Menschen neben dem Leben
Boschwitz, Ulrich Alexander

Menschen neben dem Leben


gut

Meine Meinung
Dies ist ein Buch, auf das ich sehr gespannt war, da ich “Der Reisende” richtiggehend verschlungen habe. Das vorliegende Buch ist Boschwitz’ erster Roman. Somit lesen wir hier ein Buch eines jüngeren Autoren, mit einem noch anderen Blick auf die Welt.

Es waren die 30er Jahre in Deutschland, die Jahre nach der Weltwirtschaftskrise, nach dem Ersten Großen Krieg und vor dem Zweiten. Die Industrie erkannte den Wert und die Zeitersparnis durch den Einsatz von Maschinen. Die Arbeitslosigkeit wuchs ins Unermessliche. Und die Krise wurde verstärkt, da all die arbeitslosen Menschen kein Geld für Ausgaben hatten, die durch Maschinen billiger und schneller produziert wurden.

Der zu dieser Zeit noch sehr junge Autor lebte genau mittedrin im Berlin der Dreißiger Jahre und sah den Frust der arbeitenden bzw. nicht arbeitenden Bevölkerung, bis zu seiner Emigration 1935 nach Schweden. Dies spürt man in jeder Zeile des Buches. Es ist keine erfundene Geschichte, keine Erfundenen Schicksale, die sich Boschwitz vorstellen und ausdenken musste. Er hatte genug Menschen mit eigenen Augen begleiten und “studieren” können, die als Vorlage für sein Buch dienen konnten.

Die Sprache als auch Boschwitz’ Schreibstil liebe ich sehr. Leicht und locker fügen sich die Leben und Ereignisse der Protagonisten ineinander. Jede Figur für sich hätte ein eigenes Buch verdient, so kunstvoll und lebendig werden sie beschrieben.

Einen ganzen Tag lang begleitet man den obdachlosen Bettler Fundholz, den zurückgebliebenen Tönnchen, den Kleinkriminellen Grissmann, Elsi und ihren blinden Ehemann Sonnenberg sowie die Wittwe Fliebusch. Und hier zeigt sich auch die größte Schwäche des Romans: Es sind einfach zu viele Protagonisten. Hinzu kommen noch einige Nebenfiguren, von denen man aber auch sehr viel aus ihrem Leben erfährt. Dies führt, auf wenigen 300 Seiten zu einer zu dichten Informationsflut und einem zu schnellen Orts- als auch Personenwechsel, der mir keine so große Lesefreude bereitet hat.

Auch wenn der Autor diesen fliegenden Wechsel recht geschmeidig hinbekommt, störte ich mich sehr daran. Ich wollte weniger im Gesamten und mehr im Einzelnen. So kam für mich das Ende zu schnell und zu drastisch. Obwohl Boschwitz gekonnt auf den Höhepunkt hinarbeitet, fehlt mir wohl der Blick des Zeitgeistes, um diese intensiven Gefühle, die sich in gefühlten Minuten aufstauen und explodieren, nachvollziehen zu können.

Am Ende bleibt die Traurigkeit kein weiteres Buch des Autors mehr lesen zu können, da es kein weiteres mehr geben kann. Sehr gerne hätte ich die Entwicklung des Autors, die persönliche als auch schriftstellerische, weiter verfolgt. So jedoch bleibt nur meine Vermutung, dass uns viele gute Klassiker entgangen sind.

Ulrich Alexander Boschwitz floh 1935 mit seiner Mutter nach Schweden und es ist sehr tragisch, dass dieser damals noch sehr junge Autor 1942 mit dem Schiff unterging und starb, auf dem er sich auf der Rückreise vom Internierungslager von Australien nach England befand, das von einem deutschen U-Boot torpediert wurde. (Quelle: Wikipedia)

Fazit
Ein besonderes Debüt eines sehr jungen Autors, der mit “Menschen neben dem Leben” wundervoll den damaligen Zeitgeist aufs Papier gebracht hat und uns den Blick auf das Leben und die Verzweiflung des kleinen Mannes der 30er Jahre vor Augen bringt. Empfehlenswert, auch wenn ich ein bisschen mehr erwartet hatte.

Bewertung vom 10.10.2019
Ich bin Circe (eBook, ePUB)
Miller, Madeline

Ich bin Circe (eBook, ePUB)


sehr gut

Meine Meinung
Wer ist Circe? Diese Frage war in meinem Kopf und ich bekam sie beantwortet. Ich folgte Circes Erzählung zu ihrer Geburt, über ihre Kindheit bis zum Ende des Buches.

Madeline Miller nimmt sich viel Zeit, um den Leser*innen das große Ganze episch darzustellen. Gefühlt erliest man jedes Jahr in Circes Leben mit allen Höhen und Tiefen und begegnet dabei vielen bekannten Gottheiten des Olymp wie auch den niederen, aus deren Linie Circe stammt. Sie ist eine Tochter des Sonnengottes Helios unt der Nymphe Perse und die Schwester von Pasiphae, Aietes und Perses.

Wer den Überblick über all die Personen und (Halb)Gottheiten behalten will, der macht sich entweder im eBook hinten ein Lesezeichen bei den handelnden Personen oder ein PostIt im gedruckten Exemplar.

Circe hat es nicht leicht, denn sie entspricht nicht den Vorstellungen eines Kindes eines Gottes. Sie strahlt nicht so sehr, ist nicht so schön, hat scharfkantige Gesichtszüge und eine viel zu menschlich klingende Stimme. Zudem widerstrebt es ihr Intrigen und Ränkspielchen anzuwenden. Circe erscheint als ein geerdeter Charakter, emphatisch und mit einem stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn “gesegnet”, mit dem sie immer aneckt und zur Außenseiterin wird. Ihre Verbannung auf eine einsame Insel, bis an ihr Lebensende, ist der Höhepunkt der Ungerechtigkeit, die ihr aus allen Ecken widerfährt.

Als Leser*innen folgen wir Circes Entwicklung von einer ängstlichen Figur zu einer, die das durchsetzt und sich das nimmt, was sie will. Aber nie leichtfertig und ungerecht aus der Freude heraus. Ihre Strenge und ihre Strafen sind wohl begründet und Konsequenzen auf echtes Fehlverhalten anderer.

Diese Entwicklung zu verfolgen fand ich sehr spannend und interessant! Durch die Ich-Erzählform erfährt man die maximale Nähe zur Protagonistin und dadurch, dass sie so menschlich denkt und fühlt und sich nicht göttlich-überheblich verhält, konnte ich ihr Handeln sehr gut nachvollziehen.

Mein einziger Kritikpunkt an diesem Buch bezieht sich auf das manchmal ZU epische Erzählen. Streckenweise passiert nicht viel und bringt dem Buch somit unnötige Längen. Das zu überwinden war recht anstrengend.

Fazit
Der Autorin ist ein tolles und unterhaltendes Buch gelungen, in dem man viel über die griechische Mythologie lernt, die aus etwas anderer Sicht erzählt wird. Nach dem Lesen kann man verschiedene Quellen eruieren und die alten Überlieferungen mit dem Buch vergleichen und sich über Millers Sicht amüsieren.
Ob das Buch eher für Mythologie-Kenner oder so Leser*innen wie mich geeignet ist, die sich weniger mit der griechischen Mythologie auskennen, weiß ich letztendlich doch nicht. Das muss wohl jeder für sich selber ausprobieren.

Bewertung vom 09.09.2019
Unter dem Kauribaum (eBook, ePUB)
Maly, Rebecca

Unter dem Kauribaum (eBook, ePUB)


gut

Genre: Roman, historisch

Handlung: Wir begleiten zum einen die junge Meriel, die als Straffällige von Wales aus nach Australien deportiert wird. Eine sehr harte Strafe dafür, dass Meriel nur wegen Wilderei festgenommen worden ist. In Australien blüht dann solchen Frauen wie Meriel ein Leben im Arbeitslager, außer sie schaffen es, sich von dort aus einen Ehemann zu angeln. Meriel hat Glück und findet zufällig in Dylan einen angenehmen Ehemann, doch das Glück währt nicht lange. Dann ist da noch Trevor, der jüngste Sohn des Gutsbesitzers, auf dessen Land Meriel gewildert hat. Trevor und Meriel begegneten sich eines Tages im Wald der Vaughans, wo Meriel wilderte und damit versuchte für ihre schwangere Mutter und ihre Geschwister Essen zu besorgen. Sie verlieben sich, doch wie soll ihre Liebe eine Chance haben? Meriel und Trevor stammen aus zwei verschiedenen Welten, in denen solch eine Verbindung nicht gutgeheißen oder akzeptiert wird.

Charaktere: Beide Protagonisten sind schön ausgearbeitet. Sie sind greifbar, haben Ecken und Kanten. Sind begeisterungsfähig, sympathisch und erfahren eine interssante Entwicklung im Laufe des Buches. Durch den jeweiligen Charakter lernen wir zum einen das Leben in Australien kennen und erfahren, wie und warum Frauen und andere Straffällige dorthin gebracht wurden. Trevor gibt uns Einblicke in das Leben eines höhergestellten Außenseiters, der seinem Vater in nichts gerecht wird und einen Traum vom “Gärtnern” leben möchte. Trevor ist naturverbunden und wissbegierig und träumt davon, exotische Pflanzen rund um den Globus zu sehen und mit nach Europa zu bringen. Trevors Handlungsstrang ist mir dann irgendwann zu glatt gelaufen. Ja, es gab hin und wieder Rückschläge, aber hier wurde zu wenig erzählt Es gibt auch spannende Nebencharaktere, die überwiegend im Handlungsstrang von Meriel auftauchen. Doch leider gibt es da einige Fragen, die für mich unbeantwortet geblieben sind.

Spannung: Zu Beginn ist die Spannung noch sehr groß. Was passiert mit Meriel? Kann sie ihrem Schicksal entkommen und in Australien ein angenehmes Leben führen? Wie wird es Trevor ergehen? Sehr spannend war für mich, wie sich die beiden Handlungsstränge wieder begegnen und vereinen werden. Doch ab der Mitte ungefähr nimmt die Spannung zunehmend ab, da die zeitlichen Sprünge immer größer werden.

Schreibstil & Sprache: Das Erzählerische Element wird durch die großen Zeitsprünge immer weniger. Das störte meinen Lesefluss und brachte größere Distanz zu den Protagonisten wie auch der Gesamtgeschichte. Ich wollte gerne erfahren, was in den kurz und knapp angekündigten z.B. “3 Jahre später” passiert war. Je näher man dem Ende kam, desto größer wurden diese Zeitsprünge. Somit blieb auch eine weitere, nachvollziebare Entwicklung der Figuren auf der Strecke.

Ende: Mit dem Ende bin ich nicht wirklich zufrieden. Lange Zeit leidet man mit Meriel. Sie macht wirklich einiges durch, sei es als junges Mädchen als auch als Erwachsene Frau in Australien. Nach einer kurzen Glückssträhne geht es wieder bergab und sie muss ihr Schicksal in ihre eigenen Hände nehmen. Und das als Frau in der damaligen Zeit, auf sich alleine gestellt mit einem Kind. So jemandem widerfahren viele unschöne Sachen. Alles läuft ein bestimmtes Ende zu, das man von so einer Geschichte natürlich erwartet. Und dann ist plötzlich das Ende da, für mich war das irgendwie mitten in der Handlung. Es hätte eigentlich noch viel zu erzählen gegeben.

Fazit: Ein Buch, das ganz toll, spannend und interessant begonnen hat und irgendwann zu schnell ein Ende fand, das mir zu offen war. Wer aber mehr über Australien, die anstrengende Überfahrt der Sträflinge dorthin, die Strafkolonie dort und über das harte Leben auf einer Farm wissen will, erfährt hier einiges. Insgesamt ein gutes Buch, das durch die erwähnten Kritikpunte leider nicht mehr als 3 Sterne bekommen kann.

Bewertung vom 05.09.2019
Wiesbaden
Gruber, Sabine; Zade, Ralph

Wiesbaden


ausgezeichnet

Meine Meinung
Wiesbaden ist eine Stadt, die mir sehr am Herzen liegt. Als mich vor fast 13 Jahren mein Weg nach Hessen führte, ließ ich mich etwas tiefer im Taunus nieder, nordöstlich von der Hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. Und seit dieser Zeit führen mich meine Wege immer wieder in diese wunderschöne Stadt, die 1806 Hauptsadt des Herzogtums Nassau geworden ist und das große Glück hatte, den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet zu überstehen.

So kommt es, dass Wiesbaden als alte Kurstadt ihre alten Stadtvillen behalten hat, viel innerstädtisches Grün einschl. Parks aufweisen kann und als “Nizza des Nordens” bezeichnet wird, da Wiesbaden zu den wärmsten deutschen Städten gehört.

Das Kurhaus begrüßte im 19. Jhdt bereits Berühmtheiten wie Dostojewski als auch Goethe und ist auch heute noch einen Besuch wert.

Wer sich lieber etwas die Beine vertreten möchte, der wagt zu Fuß den Weg durch den Wald auf den Neroberg. Der sehr steile Aufstieg lohnt sich allemal, da man, oben angekommen, mit einem traumhaften Blick auf Wiesbaden belohnt wird. Wer nicht mehr so gut zu Fuß ist, begibt sich auf direktem Wege 440 Meter in der Nerobergbahn, der Wasserlast- und Zahnstangen-Standseilbahn, nach oben.

Auch sehr sehenswert ist auf den Neroberg die Griechische Kapelle, die auch Russische Kirche genannt wird, welche Herzog Adolph 1845 zu Ehren seiner russischen Ehefrau Elisaweta Michailowna Romanowa (eine Zarenenkelin) und ihrem gemeinsamen Kind erbauen ließ. Beide starben im Kindbett und wurden in der Kapelle beerdigt.

Wer geschichtsträchtige Mauern begutachten und befühlen möchte, der begibt sich zum Stadtschloss Wiesbaden, wo der heutige Hessische Landtag sitzt.

“Nach dem Anschluss Wiesbadens an Preußen 1866 wurde das Schloss durch König Wilhelm I. von Preußen – ab 1871 deutscher Kaiser – und seinem Enkel Wilhelm II. genutzt. Wilhelm II. liebte Wiesbaden und wohnte teils mehrfach im Jahr bei seinen Besuchen hier. Als die Monarchie endete, zog kurzzeitig ein Arbeiter- und Soldatenrat, dann die französische Besatzungsmacht ein, auf die 1925 die britische folgte. Das Ende der Besetzung Wiesbadens 1930 brachte zivile Nutzungen, und während des Zweiten Weltkriegs zog die Wehrmacht ein, nach dem Krieg das alliierte Oberkommando. Seit 1946 ist der Bau Sitz des Landtags von Hessen, der auch mehrere benachbarte Gebäude nutzt.” (S. 29)

Wer ein Gefühl vom “alten Wiesbaden” bekommen möchte, bevor die Sadt Weltkurstadt wurde, begibt sich in die Wagemannstraße und Grabenstraße (“Altstadtschiffchen”), wo man noch das älteste Haus Wiesbadens (Wagemannstr. 5-7) sehen kann, das aus dem Jahre 1728 stammt.

Kirchenbewunderer und -liebhaber kommen in Wiesbaden auf ihre Kosten. Neben der Marktkirche am Rathaus, gibt es noch die Bonifatiuskirche, eine romanische Saalkirche aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts (die älteste Kirche Wiesbadens), die Ringkirche, die neogotische Dreifaltigkeitskirche, Maria-Hilf Kirche, Bergkirche, Feldkirche und noch einige mehr.

Ob Museen, Landesbibliothek, Theater oder Bäder, Ausflüge, Einkaufen, Restaurants, Glücksspiel, Weißes Haus, Kuckucksuhr oder auch Hafenpromenade … All das ist Wiesbaden. Eine Stadt, die allen und jedem das Geeignete bieten kann!

Fazit
Den Autoren Sabine Gruber und Ralph Zade ist mit vorliegendem Buch ein ganz toller Städteführer gelungen, der einerseits informiert und andererseits große Lust macht, die genannten Sehenswürdigkeiten vor Ort zu besuchen.

Obwohl ich Wiesbaden als Stadt bereits recht gut kenne, habe ich viel Historisches gelernt und neue Ecken von Wiesbaden und seinen Vororten entdeckt.

Absolute Leseempfehlung!

Bewertung vom 05.09.2019
52 kleine und große Eskapaden in der Region Rhein-Main
Waltinger, Sarah

52 kleine und große Eskapaden in der Region Rhein-Main


ausgezeichnet

Meine Meinung
Ich komme aus dem Schwärmen und Blättern nicht mehr heraus, denn Sarah Waltinger ist hier ein richtig toller Ausflugs-Kurzreise-Schatz gelungen!

Als Mainzerin und bekannte Reisen-Bloggerin begibt sie sich überwiegend in weit entferntere Gegenden und bloggt darüber auch auf ihrem Reiseblog Itchy Feet. Doch glücklicherweise hat sie auch die nähere Umgebung erkundet – Das Rhein-Main-Gebiet – und hat dabei wahre Ausflugsschätze ausgegraben!

Da ich in Rhein-Main wohne bin ich immer auf der Suche nach interessanten und neuen Ausflugszielen zu jeder Jahreszeit und bevorzugt mit Kindern. Dabei bin ich über dieses Buch gestolpert.

Dieses Buch ist wundervoll übersichtlich, mit vielen Bildern, tollen Tipps und Informationen gespickt.

Die Autorin unterscheidet ihre Eskapaden in drei Kategorien:

- Abstecher für ein paar Stündchen, im Schnitt so ca. 4 Std.
- Tagesausflüge, bei denen man einen Tag mit Aktivitäten ausfüllen kann und
- Miniurlaube, die sehr schöne Wochenenden ausfüllen können.

Wer somit weiß, was er*sie vorhat, kann spontan vorne ins Inhaltsverzeichnis schauen und das Ziel nach freier Zeit wählen und sich von den Tipps verführen lassen oder hinten ins Eskapaden-Register nach Zielen suchen.

Sarah Waltinger berichtet erzählerisch Details über das Ausflugsziel und die Strecke dorthin. Sie überfrachtet nicht mit zu vielen Details und Informationen, damit es übersichtlich bleibt und man selbst entweder vor Ort noch auf eigene Erkundungs- und Faktensuche gehen oder die Vorfreude durch vorherige, eigene Recherche steigern kann.

“1869 von Bürgern für Bürger geschaffen, wurde der Palmengarten immer wieder erweitert und modernisiert – prallel stieg die Zahl der exotischen Pflanzenarten. Unter dem Motto “Pflanzen, Leben, Lultur” kombinierten diverse Veranstaltungen das Pflanzenerlebnis mit Musik, Führungen und Vorträgen. Jährliches Highlight ist das Rosen und Lichterfest im Juni.” (S. 20 zur Eskapade 3 – Picknick im Palmengarten)

Hört sich das nicht toll an? Da möchte man am liebsten weiterlesen und sogleich den Picknickkorb packen!

Sehr gut gefallen mir auch die Informationen darüber, wie man am besten zur Eskapade kommt. Dabei legt die Autorin großen Wert darauf die öffentlichen Verkehrsmittel zu benennen. Ebenso gibt sie Tipps zu welcher (Jahres)zeit diese Eskapade am meisten Spaß macht oder der Natur-Erlebnisfaktor am höchsten ist, wie viel Zeit man mind. einplanen sollte und welche Ausrüstung benögitgt wird.

Auf diese Weise ist die Planung und Vorbereitung ein Kinderspiel und man findet tatsächlich auch Eskapaden für zu Fuß, mit dem Fahrrad und auch mit dem Auto. Das gefällt mir außerordentlich gut. Manchmal möchte man sehr gerne raus, doch das Fahrrad ist kaputt. Dann sucht man sich eben eine Ziel, das zu Fuß oder mit dem Auto erreicht werden kann. Ebenso gibt es Touren für Einzelgänger oder auch solche, die mit Kind und Kegel großen Spaß machen.

Zum Schluss gipt es noch den GPX-Download fürs Smartphone und schöne Übersichtskarten, über die man auch ein Ziel wählen kann.

Fazit
Mit Eskapaden Rhein-Main habe ich eine Reisebuch-Reihe entdeckt, die zu 100% zu mir passt! Einige im Buch vorgestellten Ziele kenne ich bereits und kann sie absolut empfehlen und die, die ich nicht kenne, möchte ich jetzt unbedingt auskundschaften!

Wer Tipps & Tops sucht, die ihn raus bringen, ob in die Natur oder auch in die Stadt, ohne große Schnörkel und tiefes historisches Wissen, hat mit diesem Buch den richtigen Griff gemacht. Auch als Geschenk ein echter Hingucker.

Bewertung vom 29.08.2019
DuMont True Tales 18 Tage im Sinai
Obert, Michael

DuMont True Tales 18 Tage im Sinai


ausgezeichnet

Meine Meinung

Triggerwarnung: Folter / Misshandlung

Der Sinai in Ägypten, bekannt als Urlaubsparadies für Sonnenanbeter und Taucher. Im Süden genießt man im Norden wird gefoltert. Die zwei Seiten der ägyptischen Halbinsel, die östlich an Israel grenzt.

Der Journalist und Autor Michael Obert berichtet über die vielen Foltercamps der Beduinen, in denen afrikanische Flüchtlinge verschleppt werden, um damit von ihren Angehörigen Lösegeld zu erpressen. Zusätzlich geht man auch von organisiertem Organhandel aus, der dort mit den Flüchtlingen betrieben wird.

In einem kleinen Café im Süden von Tel Aviv trifft Michael Obert Selomon. Er ist so ein Flüchtling, der die Folter überlebt hat und glücklicherweise von seiner Schwester freigekauft werden konnte. Nun sitzt er mit dem Autor zusammen und erzählt ihm seine Foltergeschichte. Er hat keine Finger mehr. Seine Hände sind verstümmelt. Selomon ist Eriträer, war in den Sudan geflohen und dort aus einem Flüchtlingscamp gekidnappt und nach Ägypten ins Folgercamp gebracht worden.

In diesem kleinen Buch erzählt der Autor von den Foltercamps. Er hat sich vor Ort begeben und suchte nach Kontakt zu den Beduinenstämmen. Er traf auf Scheich Ibrahim Al-Manei, der scheinbar zu den Beduinenführer gehört, die den Menschenhandel ablehnen und den afrikanischen Flüchtingen helfen, sie versorgen und sie nach Kairo den verschiedenen Hilfsorganisationen übergeben. Al-Manei bestreitet, dass es den Organhandel gibt, obwohl ausgehölte Leichen ohne Organe gefunden wurden.

In der nördlichen Region des Sinai gibt es nichts und die Menschen haben keine Perspektiven. Die Diktaturen haben sie eingeschränkt und so den Hass geschürt. Jetzt helfen sich die Stämme selber, indem sie Menschen foltern und damit Geld verdienen. Diese fehlende Empathie und Moral ist wirklich ekelerregend! Wenn sogar ein 15jähriger Beduinenjunge auf die Frage, was er nach der Schule machen möchte, antowortet:

»Afrikaner foltern«, sagt der Junge plötzlich. Wir steigen nicht darauf ein. Vielleicht hat er gehört, dass wir an dem Thema interessiert sind, und will uns imponieren. Aber Abu geht mit leuchtenden Augen ins Detail: »Ihnen glühende Nägel durch die Hände schlagen, sie mit kochendem Wasser übergießen« – die Kleinen kreischen vor Vergnügen – »30 000 Dollar Lösegeld kassieren und sie dann für 5000 Dollar weiterverkaufen.« (S. 47)


Dieser Bericht, auch wenn er recht kurz ist, ist nichts für schwache Gemüter. Kurz, knapp aber trefflich beschreibt Michael Obert, was vielen afrikanischen Flüchtlingen widerfahren ist.

Selomon hat am Ende noch großes Glück. Heute lebt und arbeitet er in München und kann seine Hände, vielen Operationen und Spendern sei Dank, wieder benutzen, schreiben, sich selbst versorgen und ein eigenständiges Leben führen.


Fazit
Ein schmerzhafter aber informativer Einblick in die Zustände des Menschenhandels auf dem Sinai. Trotz dem, dass wir im 21. Jahrhundert leben, überdecken solche Zustände und Machenschaften unser scheinbar so fortschrittliches Leben. Wer mehr über die Welt wissen will, liest auch dieses Buch aus der Reihe “True Tales”.

Bewertung vom 28.08.2019
Dreissig Tage
Verbeke, Annelies

Dreissig Tage


gut

Meine Meinung
Wir lernen Alphonse kennen, einen Mann mit senegalesischen Wurzeln, der im Alltag mit seiner Freundin Kat aufgrund seiner dunklen Hautfarbe oft rassistisch angegangen wird. Er kennt es, er erduldet es stoisch aber es lässt sein Blut kochen und in wütend werden. Auch in dem kleinen Dorf, in das sie vor Kurzem gezogen sind, gehört Rassismus in verschiedenen Formen und Ausprägungen zu seinem Alltag. Doch seit der großen Flüchtlingswelle, die sich auch auf Syrer ausgeweitet hat, ist die Ablehnung größer geworden. Jeder ausländisch aussehende Mensch ist ein potentieller Flüchtling. So wird Alphonse häufig erst auf Englisch angesprochen oder die Menschen wechseln im Laufe des Gesprächs mit ihm immer wieder ins Englische, er erhält Auftragsabsagen sobald klar ist, dass er schwarz ist oder die Leute verstummen, wenn er eine Bar / ein Restaurant betritt.

Alphonse hat eine sehr offene und angenehme Art, sodass die Menschen, für die er Maler- oder auch handwerkliche Arbeiten im Hause ausführt, ihn als Kummerkasten benutzen und ihm viel Privates anvertrauen. Dieses Wissen verwicklt ihn manchmal in unangenehme Situationen, wenn er dann zufällig beim Einkaufen auf Kunden trifft, von denen er z.B. weiß, dass sie Fremdgehen.

Dreißig Tage im Count-down begleiten wir so Alphonse durch seinen Alltag und sein Leben. Dabei lernen wir seinen alten Nachbarn Willem kennen, der alles über den Ersten Weltkrieg und auch senegalesische Soldaten und Friedhöfe in Flandern weiß und Alphonse und Kat darüber aufklärt. Wir sind dabei, wenn seine alte Freundschaft zu seinem Freund Amadou wieder auflebt und auch, wenn die Ärztin Brigitte und ihr Sohn Hadrianus ihn zum inoffiziellen Flüchtlingslager am Rande des Dorfes begleiten, den Flüchtlingen medizinisch helfen, sie aber auch mit Lebensmitteln versorgen. Sie sind hier nur auf Zwischenstopp. Ihr großes Ziel ist es mit einem LKW von Calais nach Großbritannien zu gelangen, doch diese Überfahrt ist lebensgefährlich. Erwünscht sind sie nirgendwo, auch nicht hier in Belgien. Einige Dorfbewohner stehen ihnen feindlich gegenüber.

Annelies Verbeke hat mit ihrem Roman ein Potpourri an Figuren und Situationen erschaffen, dessen Verbindung Alphons ist, dem sein einst einfaches und ruhiges Dorfleben, psychisch irgendwie über den Kopf wächst und er sich so langsam ausgelaugt fühlt. Der Wunsch hier wieder wegzuziehen festigt sich.

Auch wenn das Ende nicht überraschend ist, traf es mich dennoch, weil es so traurig und tragisch zugleich ist. Intensiv wird man in die letzten Zeilen des Buches gezogen.

Obwohl mir das Buch, das durch eine schöne und etwas gehobenere Sprache besticht, mir sehr gut gefallen hat, fühlte ich mich nicht ganz abgeholt. Die Autorin schaffte es nicht die Distanz zwischen mir als Leserin und Alphonse sowie den anderen Figuren zu überwinden. Ich fühlte mich das ganze Buch über als Zuschauerin am Rande und nicht mit dabei. Ich staunte über viel Skurriles, das mich auch lächeln ließ, mir jedoch bei den wichtigen Punkten nicht genug Empathie hervorlocken konnte. Dafür war ich zu sehr außen vor.

Für meinen persönlichen Geschmack hatte dieser Gegenwartsroman zu viele Situationen, die sich im Schlafzimmer abspielten und Zustände sowie Positionen von Geschlechtsorganen beschrieb. Zudem hätte ich auf die erotische Kurzgeschichte der Autorin im Buch sehr gut verzichten können. Das gehört zu den Themen, die mich bei zu vielen Wiederholungen, anfangen zu langweilen.


Fazit
Ein ganz toller Roman, den ich trotz meiner Kritikpunkte weiterempfehle. Der Aufbau der Geschichte ist gut gewählt, die Figuren interessant und nicht abgedroschen. Annelies Verbeke gelingt es, das Thema (Alltags-)Rassismus so leicht und intensiv zugleich darzustellen, ohne dass es aufdringlich wirkt. Und dann kommt zum Ende hin ganz schleichend der Schlag, den man zwar kommen sieht, aber nicht so und auch nicht in dieser Art. Ein aktuelles Buch, das leider wohl noch lange Zeit sehr aktuell bleiben wird.

Bewertung vom 16.08.2019
Lady Africa
McLain, Paula

Lady Africa


sehr gut

Stichworte:
Romanbiografie, fiktionale Biografie, starke Frau, Kenia, Birtisch-Ostafrika

Handlung 4 - Beryls Leben nur bis zur Überquerung des Atlantik
Sprache & Stil 5 - schön und spannend zu lesen, tolle landschaftl. Beschreibungen
Charaktere 5 - Personen aus Beryls Leben
Spannung & Abenteuer 4 - spannend mit kleinen Längen
Ende 3 - passend zum Prolog, dennoch recht abrupt

Gesamtwertung
4,2 / 5

Fazit:
Von der Mutter ver- und in Kenia dem Vater überlassen, wuchs Beryl ganz frei und glücklich auf einer Pferdefarm auf. Das änderte sich, als sie in die Pubertät kam und eine Anstandsdame eingestellt wurde, die Beryl auf das Leben einer britischen Frau vorbereiten sollte. Doch Beryl ließ sich nur bedingt etwas aufzwingen und rebellierte ihr Leben lang. Sie kämpfte für ihr Recht für die Selbstbestimmung über ihr eigenes Leben, was im 20. Jahrhundert nicht gern gesehen und verurteilt wurde.

In diesem Roman bringt die Autorin den Leser*innen die starke und selbstbewuste Frau näher, die später als die Frau in die Geschichtsbücher eingeht, die als erste Frau den Atlantik in Ost-West-Richtung überflogen hat. Doch dies ist kein “Fliegerbuch”, denn das Buch endet genau damit.

Paula McLain schreibt über Beryls Kindheit und ihren Weg als erste lizenzierte Trainerin für Rennpferde bis zur Fliegerei. Sehr spannend und sehr intensiv begleitet man die Protagonistin auf ihrem steinigen und oftmals sehr schmerzhaften Weg. Ich habe einiges über die Zeit der britischen Protektorate und Kronkolonien gelernt. Zudem bringt die Autorin den Leser*innen Kenia durch die wundervollen landschaftlichen Beschreibungen näher.

Ich dachte jedoch, ich würde mehr über die Flugpionierin erfahren und war in dieser Hinsicht etwas enttäuscht. Zudem hätte ich mir auch mehr Informationen über die Politik und auch mehr Landschaftsbeschreibungen gewünscht.

Nach der Lektüre informierte ich mich deshalb weiter und intensiver über Beryl Markham, ihr weiteres Leben und die britische Kolonialzeit. Insgesamt aber dennoch ein sehr lesenswertes Buch!

Bewertung vom 13.08.2019
Mamsi und ich
Sucher, C. Bernd

Mamsi und ich


ausgezeichnet

Meine Meinung
Ein unfassbar offenes, schweres und unsäglich trauriges Buch, denn es handelt von einer Frau und Mutter, der Unbeschreibliches während des 2. Weltkrieges widerfahren ist, von einem Vater, der es ein Leben lang nicht schaffte Zugang zu seiner Frau zu finden, von einem Sohn, der psychisch und physisch unter seinen Eltern gelitten hatte und durch die Zwänge der Mutter nie einen eigenständigen Lebensweg gehen konnte.

Bernd C. Sucher erzählt von der Kindheit seiner Mutter, der Deportation nach Auschwitz und was ihr dort passiert war. Er schreibt aber auch über sein Leben. Ein Leben, das sicherlich anders gewesen wäre, hätten das Naziregime und der Krieg die Jüdin Margot Artmann nicht gebrochen und ihr ihre Zukunft genommen. Eine Zukunft, die sie dann um jeden Preis über ihren Sohn Bernd erreichen wollte.

Ich habe mir sehr schwer getan mit Margot Sucher, geb. Artmann. Glücklicherweise habe ich keinen Krieg erlebt, bin jedoch Mutter und es fällt mir sehr schwer Sympathie für sie zu finden. Ihre Nüchternheit, Kühle als auch Distanz zum Sohn erschreckten mich von Seite zu Seite immer mehr. Der Autor war ein Leben lang auf der Suche nach Mutters Liebe, Zuneigung und Anerkennung. Und es erstaunt und überrascht mich sehr, wie aus so einem psychisch wie auch physisch misshandelten Kind dennoch ein so freier und intelligenter Geist und Mensch Bernd C. Sucher werden konnte!

“Diese Kümmerer, die weiblichen und die männlichen, waren für mich ein Ersatz. Sie gaben mir das Gefühl, um meiner selbst willen gemocht oder, sogar das, geliebt zu werden. Sie wollten wirklich nur mich! Sie gaben mir die Nähe und den Schutz, den meine Mutter mir verwehrte.” (S. 143)

“War ich immer ein kleiner Erwachsener? Missachtet und geschlagen. Hatte ich je ein gesundes Selbstwertgefühl besessen? Hatte ich je meine eigenen Gefühle gelebt oder nicht immer die Gefühle vorgetäuscht, die meine Mutter an mir wahrnehmen wollte? Was meine Mutter als sehr junge Frau nicht hatte bekommen können, wollte sie nun bei mir finden.” (S. 170)

Bernd C. Sucher legt sein Leben offen. Durch eigene Tagebucheinträge und Briefe der Mutter, die sie ihm hinterlassen hat aber auch durch die Briefe, die sich Mutter und Sohn geschrieben haben, werden wir Zeugen einer ungesunden Mutter-Sohn-Beziehung, die den Autor bis ins hohe Alter verfolgt und aus der er sich durch dieses Buch versucht zu befreien.

Der Autor ist ein rastloser Getriebener, der an jedem neuen Höhepunkt seiner Karriere mit der Unsicherheit zu kämpfen hatte, ob er das Erreichte genießen darf. Ich hätte ihm gewünscht, dass er an irgendeinem Punkt seiner Erfolge endlich die verdiente Anerkennung der Mutter erhalten hätte.

Sehr froh bin ich, dass Bernd C. Sucher sich wenigstens noch vor dem Tode seines Vaters mit ihm aussöhnen konnte. Seine Beichte und die Bitte um Vergebung für all die körperlichen Züchtigungen waren aus mir verständlichen Gründen sehr wichtig für den Autor.


Fazit
Ich ziehe meinen Hut vor dieser öffentlichen Aufarbeitung seines Lebens! Emotional und schonungslos gibt er Familien- und persönliche Geheimnisse preis und lässt die Leser*innen am Befreiungsprozess teilnehmen.

Eine der schrecklichsten und verstörendsten Autobiografien, die ich gelesen habe. Schmerzhaft, tiefgreifend, absolut lesenswert!