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Benutzername: monerl
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Bewertungen

Insgesamt 165 Bewertungen
Bewertung vom 14.12.2019
Das zeichnerische Werk
Humboldt, Alexander von

Das zeichnerische Werk


ausgezeichnet

Meine Meinung
Das vorliegende Buch ist wahrlich ein echter Schatz! In ihm werden weitere Zeichnungen Humbolds gezeigt, die bisher unveröffentlicht waren.

Durch diese Zeichnungen, Illustrationen und Beschreibungen wird nochmals deutlich, was für ein Genie Humboldt war. Er ist der Inbegriff eines Forschers, ein Multitalent, dessen Interesse auf vielfältigen Sachgebieten lag und uns deshalb, damals wie auch heute noch, durch seine Werke und Publikationen breitgefächerte Informationen übergeben konnte.

Durch eine umfassende Einleitung erfahren wir einiges über Humbolds Reisen und Arbeitsweise. Sehr detailliert wird hier insbesondere auf seine Zeichnungen und Graphiken eingegangen, die man dann in den zahlreichen Beispielen bewundern kann.

“Humboldts Bilder entstanden in einem arbeitsteiligen Herstellungsprozess. Viele Illustrationen beruhen auf seinen eigenen Zeichnungen, die er von Spezialisten ausfertigen, stechen, drucken und kolorieren ließ. [ ] Rund 30 solcher Entwürfe werden im vorliegenden Band nun erstmals im Druck präsentiert und mit den bekannten Stichen vergleichbar gemacht.” (Buch S. 9f)

Das Buch unterteilt Humboldts Zeichnungen in verschiedene Bereiche, die man gespannt entdecken kann: Menschen, Werke, Tiere, Pflanzen, Erde, Karten, Planenten, Figuren, Versuche und Fragen.

Ich bin begeistert, wie detailliert Humboldt seine Zeichnungen und Beschreibungen ausgefertigt hat. Und das zu einer Zeit, in der es keine Fotoapparate gab, mit denen man einen Zustand festhalten und als Vorlage nehmen konnte.

Während seiner Reisen begegneten ihm Planzen- und Tierarten, die auf dem europäischen Kontinent fremd waren. Durch seine Zeichnungen brachte er sie nach Hause.

“Abbildungen sind demnach besonders dafür geeignet, wissenschaftliche Beobachtungen zu vermitteln. Humboldt erkannte aber auch, dass seine empirische Wissenschaft und seine ‘teilnehmende Beobachtung’ in seinen Zeichnungen noch authentischer und evidenter zum Ausdruck kommen als in seinen Texten.” (Buch S. 16)

Sehr beeindruckt haben mich seine Karten, wie z.B. die Infografik, die den Vegetationsgürtel der Anden zeigt also auch die gedruckte Landkarte von Nordamerika, in der Humboldt mit roter Tinte die Stammesgebiete der indigenen Völker markiert hat.

In der Editorischen Notiz ist nachzulesen, dass die Zeichnungen zum Teil vergrößert oder verkleinert wiedergegeben wurden. Zu jedem Bild ist jedoch die Originalgröße in Zentimetern und Millimentern angegeben. Zu Zeichnungen, die als Vorlagen für Illustrationen gedient hatten, findet man im vorliegenden Buch den Vergleich von zeichnerischer Vorarbeit und der veröffentlichten Zeichnung und kann den Weg zum Original verfolgen.

Endnoten und eine ausführliche Zeittafel runden das vorliegende Werk wunderbar ab.


Fazit
Wer sich für Alexander von Humboldt und seine weiteren (bisher nicht veröffentlichten) Werke interessiert, wird sehr große Freude an diesem Buch haben.

Empfehlen würde ich es aber auch wissenschaftlich Interessierten, Leser*innen, die historische Forschungsarbeit entdecken oder vertiefen und die (mehr) über Forschungsreisen im 18. und 19. Jahrhundert wissen wollen.

Bewertung vom 12.12.2019
Wir schenken uns nichts
Lombard, Martine

Wir schenken uns nichts


sehr gut

Meine Meinung
Die Autorin greift in ihrem Romandebüt einige Themen auf, die derzeit leider immer noch aktuell sind.

Martine Lombard hat es sich und ihren Figuren nicht leicht gemacht. Unbequeme Themen, die zu unbequemen Charakteren führen und das Lesen nicht immer leicht machen. Die Probleme, die Johanna hat, sind essentiell und nicht von heute auf morgen lösbar. Sie treten so geballt auf, dass Johanna in großen innerlichen Stress gerät und dabei sich selbst und ihre Wünsche aus den Augen verliert.

Ihr ging es gut. Sie hat es aus dem Osten in den Westen geschafft. Hatte mit Stephan eine relativ gute Partie gemacht und gemeinsam haben sie eine große Firma als Arbeitgeber gefunden. Johanna hat einen Hund, ein Haus und doch ist sie nicht zufrieden, nicht glücklich. Ihr fehlt die Wertschätzung ihres Partners, im Büro, als auch die Anerkennung als Frau, die gerne Mutter wäre.

Und dann ist da noch Alma, die Schwester, ganz unscheinbar, ist damals mit Kind sitzengelassen worden, hat keine Ambitionen, keine Karriere, lebt noch im Osten und doch hat sie es irgendwie geschafft Johannas große Liebe Felix an Land zu ziehen. Den Felix, den die Eltern damals nicht akzeptierten und dessen künstlerische Ausbildungsbahn sie zerstört hatten. Den Felix, den sie nicht freiwillig aufgegeben hatte und den sie der Schwester deshalb nicht gönnen will.

Martine Lombard hat kein Buch mit Sympathieträgern geschrieben. Jeder hat sein Päckchen aus Vergangenheit und Gegenwart zu tragen. Waren damalige Entscheidungen richtig? Auch richtig unter den damaligen Prämissen? Wie kann und muss man heute damit umgehen? Was kann man verzeihen, welche Wunden können heilen und welche nie?

Johannas Selbstwertgefühl bröckelt als sie durch den Einblick in ihre Stasi-Akte und durch Gespräche mit ihrem Vater erfährt, dass sie Felix’ Kunst-Studienplatz bekommen hat, obwohl er der künstlerisch Begabtere war. Ist das der Grund, warum sie sich im Job irgendwie abgehängt fühlt? Hat sie jetzt, nachdem sie alles weiß, nicht doch noch ein Recht auf Felix?

Das Buch ist nicht immer leicht zu lesen. Öfters musste ich Pause machen und über das Gelesene nachdenken. Ich erfragte meine Gefühle zu den jeweiligen Charakteren. Der permanente Schmerz, den sie sich untereinander mal wissentlich, mal unwissentlich zuführen, geht nicht so einfach an einem vorbei, denn die Figuren sind einem ziemlich nah. Sie sind nicht überzeichnet oder aus der Welt gegriffen. Sie fühlen sich echt an, sie erinnern an Menschen aus dem näheren und weiteren Umfeld oder auch sogar aus der eigenen Familie. Sie reden und handeln erhrlich, deshalb auch nachvollziebar.

Durch die vielen Themen und Figuren gibt es keinen echten Fokus der Geschichte. Er wandelt sich je nach derzeitigem Schwerpunkt, was ich als kleine Schwäche empfinde. Manche Kapitelwechsel waren mir zu abrupt, da ich nicht auf Anhieb erkennen konnte, an welchem Punkt sich die Geschichte gerade befindet. Wer jetzt denkt, dass der Roman ihm wahrscheinlich zu hochgestochen sein könnte, liegt falsch. In alltäglicher, einfacher Sprache ist er für jede*n sehr gut verständlich geschrieben. Einzig über das Ende denke ich noch nach, denn ich bin mir nicht sicher, wie ich es finden soll.

Fazit
Ein Buch, für das man sich Zeit zum Lesen nehmen sollte, um es umfassend aufnehmen zu können und um sich die Gelegenheit zu geben, über die Fragen und die Geschichte nachzudenken. Ein Buch für Leser*innen, die sich auch an ungewöhnliche, andersartige oder auch ungewohnte Geschichten wagen wollen. Für alle, die nicht unbedingt Sympathieträger brauchen, um Geschichten zu lieben.

Bewertung vom 12.11.2019
Deutschland verdummt
Winterhoff, Michael

Deutschland verdummt


ausgezeichnet

Meine Meinung
Meine beiden Kinder sind aktuell vier und fünf Jahre alt und die Schulzeit ist nicht mehr so weit entfernt. Der Beginn meiner Schulzeit liegt bereits 35 Jahre zurück und mir ist klar, dass sich in dieser Zeit einiges verändert hat. Ein bisschen Pisa-Studie habe ich mitbekommen und auch, dass versucht wird / wurde, die deutsche Schulbildung zu verändern bzw. zu verbessern, wie z.B. G8 statt G9, Schreiben nach Gehör usw. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich jedoch nicht viel mehr, als ich hier aufgezählt habe, da dieses Thema für mich bisher keine Priorität hatte.

Dr. med. Michael Winterhoff ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie für Psychotherapie. Er ist kein Lehrer, wie man zuerst vermuten würde. Er hat aus seiner beruflichen Tätigkeit heraus mit Eltern und Kindern zu tun, die mit Problemen in seine Praxis kommen und sich Rat und Hilfe erhoffen. Aus den vielen Jahren Praxiserfahrung hat er einen Vergleich von Kindern von früher zu heute. Aus diesem Erfahrungsschatz wie auch aus Interviews mit Lehrern, Eltern und Politikern erklärt er die heutige Situation von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Er geht auf die sich darstellenden Probleme ein, benennt Ursachen und gibt Lösungen vor.

Dabei geht er sehr strukturiert vor. Die unwissende Leserschaft klärt er zunächst über die bildungspolitischen Veränderungen auf und welche Konsequenzen das auf die jeweiligen Schüler und Lehrer bis heute noch hat.

Er zeigt auf, wie diese Misstände aussehen und warum sie entstehen. Um das nachvollziehen zu können erklärt Michael Winterhoff die “Psychologie der Erziehung”. Sehr spannend und interessant finde ich dabei, in welchem Alter (Klein)Kinder bestimmte Entwicklungen machen und welche psychischen Schritte ihr Gehirn dabei vollzieht und wann genau das endet, wie z.B. wann Kinder Empathie lernen, wie sie das lernen und ab wann das abgschlossen wird. Verpasst man dieses Zeitfenster ist ein Nachholen nicht mehr möglich.

Sehr informativ fand ich auch die Aufklärung, welchen Stressfaktoren die Kinder durch die aktuelle Bildungspolitik ausgesetzt sind und warum das dringend geändert werden sollte.

Jedes Thema schließt der Autor mit einem abschließenden Fazit ab, das komprimiert sehr hilfreich ist, den Überblick nicht zu verlieren.

Das Buch ist für ein breites Publikum geschrieben, deshalb wirft der Autor nicht mit Fachbegriffen um sich. Die einfache und verständliche Sprache machen das Buch für Laien wie mich begreifbar.

Dieses Buch löste Entsetzten, Wut, Traurigkeit und viele Fragen in mir aus. Ich möchte glauben, dass es ein Fake ist, doch man muss nur ein paar Begriffe im Internet suchen und findet genug Berichte, die die Ausführungen von Winterhoff leider bestätigen.

Denkt man dann 30 Jahre weiter, sieht die Zukunft tatsächlich beängstigend aus, denn sie könnte aus einer Gesellschaft bestehen, in der erwachsene und oftmals intelligente Menschen in einer Kleinkind-Psyche gefangen und unzufrieden sind. Sie würden wenig bis gar nicht empathiefähig sein, überwiegend ich-bezogen und egoistisch handeln, globalen Anforderungen nicht mehr gewachsen sein oder keine Lösungswege mehr erarbeiten können, sich gestresst und unter Druck gesetzt fühlen und kaum mehr “Biss” aufbringen etwas herrausragendes erreichen zu wollen. Sie würden sich wohl eine Spaßgesellschaft wünschen, die an globalen Problemen nicht interessiert sein würde / könnte. Ob sie sozial und in Frieden würden miteinander leben können bezweifle ich sehr stark.


Fazit
Ein sehr, sehr lesenswertes und Augen öffnendes Buch, das nicht nur lautstark Kritik äußert, sondern Ursachen benennt und Lösungen aufzeigt. Mir, als Mutter von bald zwei schulpflichtigen Kindern, hat dieses Buch sehr geholfen, da ich nun weiß, auf was ich mich einstellen und welche Bereiche und Defizite ich auffangen muss, damit meine Kinder in diesem sie alleine lassenden Bildungssystem nicht untergehen.

Bewertung vom 06.11.2019
Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn
Graf, Danielle; Seide, Katja

Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn


ausgezeichnet

Meine Meinung
Als ich das este Buch der beiden Autorinnen gelesen hatte, war ich so begeistert, sodass ich mir gewünscht hatte, sie würden auch ein Buch schreiben, in dem sie auf das Alter von Kindern von 6 – 12 eingehen würden. Und was soll ich sagen? Mein Wunsch wurde erhört! Das vorliegende Buch begleitet und berät Eltern bei der Kindererziehung und den typischen “Schwierigkeiten”, die sich im Alter von 5 bis 10 ergeben.

Und auch in diesem Buch gelingt Danielle Graf und Katja Seide durch sehr viele Beispiele aus der eigenen Familie wie auch aus Beispielen von Eltern, die sich mit Fragen und Problemen an die beiden Autorinnen gewandt haben, dass Themen greifbar gemacht werden. So findet man theoretische Probleme und ihre Lösungen direkt umgesetzt und kann sie mit eigenen Erfahrungen vergleichen und versuchen anzuwenden.

Wieder wird mir klar, warum gewisse Problemsituationen entstehen. Die Veranschaulichung des kindlichen Gehirns und die Aufgabe(n) des Präfrontalen Cortex werden verständlich erklärt, wie auch die Konsequenzen, die entstehen (können), wenn wir Kinder zu sehr behüten, ihnen alles abnehmen, sie überfordern oder nicht wirklich wahrnehmen. Und diese Erklärungen und Veranschaulichungen sind für mich die Kernkompetenz des Buches.

Ich verstehe nun viel besser den Unterschied zwischen Wünschen und Bedürfnissen und weiß auch, welche Verantwortung ich an meine Kinder übergeben muss, damit sie (ihr Präfrontaler Cortex) lernen und für ihre Zukunft gestärkt werden.

Bei jedem Spruch wie “Wenn du nicht…, dann….” fühle ich mich immer unwohl, weil es an der eigentlichen Situation doch nichts ändert. In diesem Buch habe ich sehr gute Hilfestellung und Lösusungsansätze zur Vermeidung von “Wenn-Dann” erhalten und wie ich erziehen kann, ohne zu strafen. So vieles leuchtet mir ein und ist sehr logisch, weil ich nun die Hintergründe erkenne und verstehe, warum meine Kinder so handeln, wie sie es tun.

Das Buch ist natürlich kein Allheilmittel, dass ab jetzt alles zu 100% mit den Kindern läuft und ohne Konflikte vonstatten gehen wird. Es bietet aber neben Verständnis für Fehler, eigene wie auch die der Kinder, wissenschaftliche Hintergründe, Erfahrungen und Lösungsansätze, die das Zusammenleben einfacher und vor allem fröhlicher machen.

Zum Hörbuch
Das Hörbuch, gelesen von Nina West, ist sehr empfehlenswert, wenn man keine Zeit zum Lesen hat. So kann man unterwegs immer mal wieder ein paar Kapitel hören und verinnerlichen. Das Zuhören erlaubt einem die Konzentration auf das Gesagte und den Vergleich mit Situationen, die man mit seinen Kindern so oder so ähnlich erlebt hat.

Später kann man sich die für einen persönlich wichtigen Punkte im gedruckten Buch markieren, das sich wunderbar zum Nachschlagen und Nachlesen eignet. Deshalb empfinde ich Buch + Hörbuch als eine perfekte Kombination!

Fazit
Was man versteht, das kann man nachempfinden und man kann Empathie dafür aufbringen. Und schon geht es beiden Seiten, Kindern wie auch Eltern, gleich viel besser. Wenn das Kind merkt, dass es ernst genommen wird, reagiert es anders als wenn seine Bedürfnisse übergangen werden. Eltern, die zwar an einer Situation nichts ändern können aber verstehen, warum sie sich gerade in einer schwierigen Lage mit dem eigenen Kind befinden, haben weniger Stress diese Situation auszuhalten und zu bewältigen.

Wer mehr verstehen will und bereit ist sich zu reflektieren und an sich zu arbeiten, wird aus diesem Buch sehr viel mitnehmen. Wer autoritär, mit eindeutigen Regeln und Konsequenzen erziehen will, wird mit diesem Buch sehr unzufrieden sein.

Bewertung vom 05.11.2019
Überleben
Zeillinger, Gerhard

Überleben


ausgezeichnet

Meine Meinung
Nachdem ich nun am 27. Oktober 2019 das Buch beendet habe und auf der Suche nach weiteren Informationen zum Autor und dem Zeitzeugen Walter Fantl war, stolperte ich über das Todesdatum von Walter Fantl. Gestorben ist er am 24. Oktober 2019. Das war letzten Donnerstag und das war während ich noch das Buch gelesen habe. Es überkommt mich Gänsehaut! Während ich über die Kindheit und den familiären Verlust von Walter Fantl und all den anderen Juden lese, während ich froh bin, dass er und einige andere den Holocaust in den Konzentrationslagern, wie z. B. Auschwitz, überlebt haben, stirbt Herr Walter Fantl im Alter von 95 Jahren. Und genau gestern in der Früh, das wusste ich gestern noch nicht, wurde er in Wien beerdigt.

Gerhard Zeillinger schreibt über Walter Fantl und berichtet über andere Wiener Juden, wie sie nach und nach entrechtet wurden und wie ihr Weg langsam aber sicher ins Konzentrationslager geführt hat.

Dass Theresienstadt, wo Walter Fantl lange Zeit gelebt hat, ein Juden Ghetto, ein Durchgangslager war, war mir bis zu diesem Buch nicht so richtig klar. Viele prominente Juden aus dem Theater- und Künstler-Milieu waren in Theresienstadt. Daher gab es dort ein ungewöhnliches “kulturelles Leben”, wie in keinem anderen KZ, Lager oder Ghetto. Die Texte, die zu dieser Zeit dort entstanden, berichten über das damalige Leben, über das “Als-ob”-Leben.

“Vieles im Ghetto wird nun anders, zumindest nach außen hin, seit der Besuch der “Kommission” angesagt ist. Schon im Jahr davor haben deutsche Pressevertreter und eine Delegation des Deutschen Roten Kreuzes Theresienstadt besucht und es war icht schwer, ihnen für wenige Stunden eine heile Welt vorzuspielen. Diesesmal sind es Vertreter des Internationalen Komitees und dänische Delegierte, die sich ein Bild vom Leben im Ghetto machen wollten.” (S. 139f)

“Die SS lässt kurz darauf Filmoperateure aus Prag kommen, um das schöne Leben in Theresienstadt zu dokumentieren. Ein “Kulturfilm” wird gedreht, von der Prager Wochenschau-Gesellschaft. Sie filmen einen Alltag, den es nicht gibt, mit Hunterten Häftlingen als Statisten.” (S. 142)

Und immer wieder schwanken meine Gedanken zu der Frage, wie es sein kann, dass all das Grauen heute scheinbar vergessen wurde. Und dann erinnere ich mich, wie Gerhard Zeillinger in der Nachlese des Buches schreibt:

“Im Gegensatz zu den anderen europäischen Regierungen, die sich bemühten, ihre Überlebenden so schnell wie möglich nach Hause zu holen, hatte die österreichische Bundesregierung keinerlei Anstalten zur Repatriierung der österreichischen Juden unternommen.” (S. 227)

“Der österreichische Bundespräsident Karl Renner bekundete im Jahr 1946, dass er einer Wiederansiedlung von Juden in Wien mit allen Mitteln entgegentreten werde.” (S. 230)

“Zwei Jahre später [1963] begannen in Deutschland die Auschwitzprozesse. Aber nur wenige wurden zur Rechenschaft gezogen. Von den SS-Männern der Wachmannschaft in Gleiwitz und den berüchtigten Kapos im Lager wurde kein einziger angeklagt.” (S. 230)


Aus heutiger Sicht kommt deshalb das Gefühl in mir auf, dass damals nicht genug getan wurde. Viel zu viele Nazi-Verbrecher hatten überlebt und durften nach dem Krieg ein neues Leben anfangen, ganz unbescholten und frei. Und wer weiß, wie viele der Nachkommen mit der NS-Ideologie aufgewachsen sind und sie weiter verbreiten konnten. Eventuelle ernten wir gerade, was damals gesät wurde…


Fazit
Dieses und viele andere solcher Bücher sollten m.M.n. als Pflichtlektüre im Unterricht gelesen werden! Bildung bildet und öffnet Augen und auch Herz. Das Wissen über den Holocaust muss weiter verbreitet werden, da die letzten Zeitzeugen demnächst aussterben werden. Viele von ihnen, wie auch Walter Fantl, haben in der Öffentlichkeit und auch in Schulen darüber gesprochen. Wenn sie es nicht mehr können, müssen wir da weitermachen, wo sie aufgehört haben.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 05.11.2019
Open
Agassi, Andre

Open


ausgezeichnet

Meine Meinung
Da ich mich für (Auto)Biografien sehr interessiere, stach mir diese hier sofort ins Auge. Ich bin kein Tennisfan aber als Kind der 80er Jahre ist mir Andre Agassi dennoch bekannt. Ich erinnere mich sehr gut an den damals noch jungen Mann mit den langen Haaren und den bunten Outfits, der damit unvergesslich geworden ist, da er deutlich aus der Masse hervorstach. Auch habe ich hin und wieder mal in sein Spiel hineingeschaut, einfach um ihn ein bisschen zu beobachten.

Ich persönlich mag Sport sehr gerne, betrieb ihn jedoch immer nur als Hobby. Deshalb habe ich mir auch nie wirkliche Gedanken darüber gemacht, wie es Menschen wie Andre Agassi mit einen Sport als Beruf, mit dem man sein Geld und Leben bestreitet, ergeht bzw. erging oder wie sie zu diesem Sport gekommen sind. Andre erzählt in seiner Autobiografie sehr detailliert von seiner Kindheit, dem Drill und seinem Weg zum Ruhm, über das Kennenlernen sowie die Ehe mit Steffi Graf als auch den Schmerzen, die ein so intensiv ausgeübter Sport mit sich bringt. Ebenso nimmt er kein Blatt vor dem Mund und spart nicht an Ehrlichkeit. Der*die interessierte Leser*in erfährt auch von seinen größten Verfehlungen und Fauxpas, die er sich im Laufe der Jahre geleistet hatte.

Andre Agassi lässt uns hinter das Idol blicken und zeigt uns den Menschen Andre, der nie die Chance erhalten hatte etwas anderes zu machen als Tennis zu spielen. Als Kind schon musste er den Traum seines Vaters leben und wahr werden lassen und hasste Tennis zeit seines Lebens.

Und nachdem ich dieses Buch gehört habe, ist mir der Mensch Andre Agassi noch sympathischer, als er eh schon war. Ich hing an seinen Lippen und mochte das Hörbuch kaum weglegen. Ich bewundere diesen Menschen, wie er sich aus jedem Tief wieder aufrappeln konnte und das Glück hatte, mit Steffi Graf eine Seelenverwandte zu finden, die in ihm das Beste hervorholen konnte, im Gegensatz zu Brooke Shields. Er ist immer menschlich geblieben, hat sich seine Empathie gegenüber benachteiligten Kindern erhalten und tut auch noch einiges für sie.

Es ist schön zu wissen, dass solche Promis und Persönlichkeiten, die quasi ein öffentliches Leben hatten und ertragen mussten, es schaffen konnten, nach dem Ende ihrer Tenniskarriere, fast ganz aus der Öffentlichkeit zu verschwinden und glücklich zu werden.


Fazit
Auch wenn dieses Buch nun fast auf den Tag genau 10 Jahre alt ist, ist es absolut empfehlenswert! Auf Englisch sehr verständlich auch für Leser*innen bzw. Hörer*innen, die nicht mehr täglich Englisch sprechen oder hören. Für Tennisfans gleichermaßen interessant wie für Leser*innen, die lediglich mehr wissen wollen über den Menschen hinter dem Tennisprofi oder auch interessiert sind zu erfahren, was “Wunderkinder” auf dem Weg zum selbstbestimmten Leben so alles durchmachen müssen.

Das englische Hörbuch ist im Gegensatz zum deutschen ungekürzt. Das zur Info für alle, die auch so wie ich, fast ausschließlich ungekürzte Hörbücher hören wollen.

Bewertung vom 23.10.2019
Wunderbare Zeiten / Die Schwestern vom Ku'damm Bd.2
Riebe, Brigitte

Wunderbare Zeiten / Die Schwestern vom Ku'damm Bd.2


sehr gut

Meine Meinung
Stürmisch und rasant wie die 50er – Jahre in Deutschland, so stürmisch und rasant ist dieser zweite Band. Deutschland wird nach und nach aufgebaut, die Menschen finden wieder zu einem einigermaßen geregelten Leben zurück, sie verdienen mehr und wollen somit auch das Schöne wieder in ihr Leben zurückbringen.

Über die USA kommen Mode, Filme und Stars auch ins deutsche Rampenlicht und die Thalheims sind mit dabei. Das Kaufhaus floriert, seine modischen Kreationen sind mächtig angesagt und durch Oskar und Markus ist die Familie beim Theater und Film mit dabei. Die liebe Silvie deckt das Medium Radio ab, zum Leidwesen des Vaters, der sie lieber auch im Familiengeschäft sehen möchte. Sie soll ihre Schwester Rike ein bisschen entlasten, denn die hat mit ihren beiden Kindern viel zu tun und so ohne Mann, Haus und Kind hätte Silvie genug Zeit, Rike mehr zu unterstützen.

Silvie und die Männer, das ist eine Geschichte für sich. So schnell und so heftig, wie Silvie lieben kann, so oberflächlich ist ihre Partnerwahl. Aber auch für so einen Herzensmenschen sollte es doch ein passendes Gegenstück geben.

Deutschland ist geteilt und es scheint, als würde dies so bleiben. West-Berlinern wird die Einreise in die DDR verboten, der Sozialismus wird in der DDR errichtet, die SED kämpft gegen alles und jeden, die sich gegen die Partei stellen, DDR-Privatleben wird sozialisiert und damit die Reisefreiheit der Menschen aus der DDR beschränkt. Die Bundesrepublik tritt der NATO bei, die DDR schließt sich dem “Warschauer Pakt” an und es ist allen klar, dass es keine Wiedervereinigung mehr geben wird. Und trotz alledem bleibt Onkel Carl im Osten, denn dort sieht er die beste Möglichkeit Menschen zu helfen. Die Menschen im Osten benötigen alle Hilfe und Unterstützung, die sie bekommen können.

Brigitte Riebe gelingt es wieder wunderbar in ihrer leichten und lockeren Schreibart Historisches mit Fiktivem zu verbinden und bietet dadurch auch dem größten Geschichtsmuffel das Maximum an Wissen über die deutsche Nachkriegszeit bis kurz vorm Mauerbau.

Vielleicht liegt es an der Zeit, in der der Roman spielt, vielleicht daran, dass ein zweiter Teil die Brücke zur Einführung und dem Abschluss ist, sodass er nicht ganz so tief und eindrücklich auf mich wirkt, wie sein Vorgänger. Auf familiärer Ebene passiert sehr viel: Hochzeiten, Trennungen, Unerwartetes und der Tod, auch interessante Geheimnisse, die sicherlich Auswirkungen auf Band 3 haben werden, sind gelüftet und doch ist alles irgendwie ein bisschen zu rasant und geht nicht ganz so tief. Der Fokus dieses Bandes liegt auf den historischen Begebenheiten, dadurch trat die Familiengeschichte ein bisschen in den Hintergrund. Insgesamt dennoch sehr gelungen aber mit etwas weniger packendem Charme, im Vergleich zu Teil 1.

Doch das ist sicherlich Meckern auf hohem Niveau! Kaum ein*e Autor*in schafft es, so wie Brigitte Riebe, Leser*innen während des Lesens für Geschichte zu interessieren und diese nach dem Lesen zur weiteren Recherche zu animieren. Die wundervolle Zeittafel am Ende des Buches ist dabei eine sehr gute Unterstützung.

Fazit
Ein zweiter Teil, der große Freude auf den Abschluss weckt! Wer sich für Deutsche Geschichte der Nachkriegszeit interessiert, unterhalten werden möchte, Familiensagas liebt und dabei auch noch über die schönen Seiten des damaligen Lebens erfahren möchte, der sollte unbedingt zu dieser 50er – Jahre – Trilogie greifen.

Bewertung vom 11.10.2019
Menschen neben dem Leben
Boschwitz, Ulrich Alexander

Menschen neben dem Leben


gut

Meine Meinung
Dies ist ein Buch, auf das ich sehr gespannt war, da ich “Der Reisende” richtiggehend verschlungen habe. Das vorliegende Buch ist Boschwitz’ erster Roman. Somit lesen wir hier ein Buch eines jüngeren Autoren, mit einem noch anderen Blick auf die Welt.

Es waren die 30er Jahre in Deutschland, die Jahre nach der Weltwirtschaftskrise, nach dem Ersten Großen Krieg und vor dem Zweiten. Die Industrie erkannte den Wert und die Zeitersparnis durch den Einsatz von Maschinen. Die Arbeitslosigkeit wuchs ins Unermessliche. Und die Krise wurde verstärkt, da all die arbeitslosen Menschen kein Geld für Ausgaben hatten, die durch Maschinen billiger und schneller produziert wurden.

Der zu dieser Zeit noch sehr junge Autor lebte genau mittedrin im Berlin der Dreißiger Jahre und sah den Frust der arbeitenden bzw. nicht arbeitenden Bevölkerung, bis zu seiner Emigration 1935 nach Schweden. Dies spürt man in jeder Zeile des Buches. Es ist keine erfundene Geschichte, keine Erfundenen Schicksale, die sich Boschwitz vorstellen und ausdenken musste. Er hatte genug Menschen mit eigenen Augen begleiten und “studieren” können, die als Vorlage für sein Buch dienen konnten.

Die Sprache als auch Boschwitz’ Schreibstil liebe ich sehr. Leicht und locker fügen sich die Leben und Ereignisse der Protagonisten ineinander. Jede Figur für sich hätte ein eigenes Buch verdient, so kunstvoll und lebendig werden sie beschrieben.

Einen ganzen Tag lang begleitet man den obdachlosen Bettler Fundholz, den zurückgebliebenen Tönnchen, den Kleinkriminellen Grissmann, Elsi und ihren blinden Ehemann Sonnenberg sowie die Wittwe Fliebusch. Und hier zeigt sich auch die größte Schwäche des Romans: Es sind einfach zu viele Protagonisten. Hinzu kommen noch einige Nebenfiguren, von denen man aber auch sehr viel aus ihrem Leben erfährt. Dies führt, auf wenigen 300 Seiten zu einer zu dichten Informationsflut und einem zu schnellen Orts- als auch Personenwechsel, der mir keine so große Lesefreude bereitet hat.

Auch wenn der Autor diesen fliegenden Wechsel recht geschmeidig hinbekommt, störte ich mich sehr daran. Ich wollte weniger im Gesamten und mehr im Einzelnen. So kam für mich das Ende zu schnell und zu drastisch. Obwohl Boschwitz gekonnt auf den Höhepunkt hinarbeitet, fehlt mir wohl der Blick des Zeitgeistes, um diese intensiven Gefühle, die sich in gefühlten Minuten aufstauen und explodieren, nachvollziehen zu können.

Am Ende bleibt die Traurigkeit kein weiteres Buch des Autors mehr lesen zu können, da es kein weiteres mehr geben kann. Sehr gerne hätte ich die Entwicklung des Autors, die persönliche als auch schriftstellerische, weiter verfolgt. So jedoch bleibt nur meine Vermutung, dass uns viele gute Klassiker entgangen sind.

Ulrich Alexander Boschwitz floh 1935 mit seiner Mutter nach Schweden und es ist sehr tragisch, dass dieser damals noch sehr junge Autor 1942 mit dem Schiff unterging und starb, auf dem er sich auf der Rückreise vom Internierungslager von Australien nach England befand, das von einem deutschen U-Boot torpediert wurde. (Quelle: Wikipedia)

Fazit
Ein besonderes Debüt eines sehr jungen Autors, der mit “Menschen neben dem Leben” wundervoll den damaligen Zeitgeist aufs Papier gebracht hat und uns den Blick auf das Leben und die Verzweiflung des kleinen Mannes der 30er Jahre vor Augen bringt. Empfehlenswert, auch wenn ich ein bisschen mehr erwartet hatte.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 10.10.2019
Ich bin Circe (eBook, ePUB)
Miller, Madeline

Ich bin Circe (eBook, ePUB)


sehr gut

Meine Meinung
Wer ist Circe? Diese Frage war in meinem Kopf und ich bekam sie beantwortet. Ich folgte Circes Erzählung zu ihrer Geburt, über ihre Kindheit bis zum Ende des Buches.

Madeline Miller nimmt sich viel Zeit, um den Leser*innen das große Ganze episch darzustellen. Gefühlt erliest man jedes Jahr in Circes Leben mit allen Höhen und Tiefen und begegnet dabei vielen bekannten Gottheiten des Olymp wie auch den niederen, aus deren Linie Circe stammt. Sie ist eine Tochter des Sonnengottes Helios unt der Nymphe Perse und die Schwester von Pasiphae, Aietes und Perses.

Wer den Überblick über all die Personen und (Halb)Gottheiten behalten will, der macht sich entweder im eBook hinten ein Lesezeichen bei den handelnden Personen oder ein PostIt im gedruckten Exemplar.

Circe hat es nicht leicht, denn sie entspricht nicht den Vorstellungen eines Kindes eines Gottes. Sie strahlt nicht so sehr, ist nicht so schön, hat scharfkantige Gesichtszüge und eine viel zu menschlich klingende Stimme. Zudem widerstrebt es ihr Intrigen und Ränkspielchen anzuwenden. Circe erscheint als ein geerdeter Charakter, emphatisch und mit einem stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn “gesegnet”, mit dem sie immer aneckt und zur Außenseiterin wird. Ihre Verbannung auf eine einsame Insel, bis an ihr Lebensende, ist der Höhepunkt der Ungerechtigkeit, die ihr aus allen Ecken widerfährt.

Als Leser*innen folgen wir Circes Entwicklung von einer ängstlichen Figur zu einer, die das durchsetzt und sich das nimmt, was sie will. Aber nie leichtfertig und ungerecht aus der Freude heraus. Ihre Strenge und ihre Strafen sind wohl begründet und Konsequenzen auf echtes Fehlverhalten anderer.

Diese Entwicklung zu verfolgen fand ich sehr spannend und interessant! Durch die Ich-Erzählform erfährt man die maximale Nähe zur Protagonistin und dadurch, dass sie so menschlich denkt und fühlt und sich nicht göttlich-überheblich verhält, konnte ich ihr Handeln sehr gut nachvollziehen.

Mein einziger Kritikpunkt an diesem Buch bezieht sich auf das manchmal ZU epische Erzählen. Streckenweise passiert nicht viel und bringt dem Buch somit unnötige Längen. Das zu überwinden war recht anstrengend.

Fazit
Der Autorin ist ein tolles und unterhaltendes Buch gelungen, in dem man viel über die griechische Mythologie lernt, die aus etwas anderer Sicht erzählt wird. Nach dem Lesen kann man verschiedene Quellen eruieren und die alten Überlieferungen mit dem Buch vergleichen und sich über Millers Sicht amüsieren.
Ob das Buch eher für Mythologie-Kenner oder so Leser*innen wie mich geeignet ist, die sich weniger mit der griechischen Mythologie auskennen, weiß ich letztendlich doch nicht. Das muss wohl jeder für sich selber ausprobieren.

Bewertung vom 09.09.2019
Unter dem Kauribaum (eBook, ePUB)
Maly, Rebecca

Unter dem Kauribaum (eBook, ePUB)


gut

Genre: Roman, historisch

Handlung: Wir begleiten zum einen die junge Meriel, die als Straffällige von Wales aus nach Australien deportiert wird. Eine sehr harte Strafe dafür, dass Meriel nur wegen Wilderei festgenommen worden ist. In Australien blüht dann solchen Frauen wie Meriel ein Leben im Arbeitslager, außer sie schaffen es, sich von dort aus einen Ehemann zu angeln. Meriel hat Glück und findet zufällig in Dylan einen angenehmen Ehemann, doch das Glück währt nicht lange. Dann ist da noch Trevor, der jüngste Sohn des Gutsbesitzers, auf dessen Land Meriel gewildert hat. Trevor und Meriel begegneten sich eines Tages im Wald der Vaughans, wo Meriel wilderte und damit versuchte für ihre schwangere Mutter und ihre Geschwister Essen zu besorgen. Sie verlieben sich, doch wie soll ihre Liebe eine Chance haben? Meriel und Trevor stammen aus zwei verschiedenen Welten, in denen solch eine Verbindung nicht gutgeheißen oder akzeptiert wird.

Charaktere: Beide Protagonisten sind schön ausgearbeitet. Sie sind greifbar, haben Ecken und Kanten. Sind begeisterungsfähig, sympathisch und erfahren eine interssante Entwicklung im Laufe des Buches. Durch den jeweiligen Charakter lernen wir zum einen das Leben in Australien kennen und erfahren, wie und warum Frauen und andere Straffällige dorthin gebracht wurden. Trevor gibt uns Einblicke in das Leben eines höhergestellten Außenseiters, der seinem Vater in nichts gerecht wird und einen Traum vom “Gärtnern” leben möchte. Trevor ist naturverbunden und wissbegierig und träumt davon, exotische Pflanzen rund um den Globus zu sehen und mit nach Europa zu bringen. Trevors Handlungsstrang ist mir dann irgendwann zu glatt gelaufen. Ja, es gab hin und wieder Rückschläge, aber hier wurde zu wenig erzählt Es gibt auch spannende Nebencharaktere, die überwiegend im Handlungsstrang von Meriel auftauchen. Doch leider gibt es da einige Fragen, die für mich unbeantwortet geblieben sind.

Spannung: Zu Beginn ist die Spannung noch sehr groß. Was passiert mit Meriel? Kann sie ihrem Schicksal entkommen und in Australien ein angenehmes Leben führen? Wie wird es Trevor ergehen? Sehr spannend war für mich, wie sich die beiden Handlungsstränge wieder begegnen und vereinen werden. Doch ab der Mitte ungefähr nimmt die Spannung zunehmend ab, da die zeitlichen Sprünge immer größer werden.

Schreibstil & Sprache: Das Erzählerische Element wird durch die großen Zeitsprünge immer weniger. Das störte meinen Lesefluss und brachte größere Distanz zu den Protagonisten wie auch der Gesamtgeschichte. Ich wollte gerne erfahren, was in den kurz und knapp angekündigten z.B. “3 Jahre später” passiert war. Je näher man dem Ende kam, desto größer wurden diese Zeitsprünge. Somit blieb auch eine weitere, nachvollziebare Entwicklung der Figuren auf der Strecke.

Ende: Mit dem Ende bin ich nicht wirklich zufrieden. Lange Zeit leidet man mit Meriel. Sie macht wirklich einiges durch, sei es als junges Mädchen als auch als Erwachsene Frau in Australien. Nach einer kurzen Glückssträhne geht es wieder bergab und sie muss ihr Schicksal in ihre eigenen Hände nehmen. Und das als Frau in der damaligen Zeit, auf sich alleine gestellt mit einem Kind. So jemandem widerfahren viele unschöne Sachen. Alles läuft ein bestimmtes Ende zu, das man von so einer Geschichte natürlich erwartet. Und dann ist plötzlich das Ende da, für mich war das irgendwie mitten in der Handlung. Es hätte eigentlich noch viel zu erzählen gegeben.

Fazit: Ein Buch, das ganz toll, spannend und interessant begonnen hat und irgendwann zu schnell ein Ende fand, das mir zu offen war. Wer aber mehr über Australien, die anstrengende Überfahrt der Sträflinge dorthin, die Strafkolonie dort und über das harte Leben auf einer Farm wissen will, erfährt hier einiges. Insgesamt ein gutes Buch, das durch die erwähnten Kritikpunte leider nicht mehr als 3 Sterne bekommen kann.