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Benutzername: kaffeeelse
Danksagungen: 8 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 171 Bewertungen
Bewertung vom 26.01.2020
Juni '53 / Max Heller Bd.5
Goldammer, Frank

Juni '53 / Max Heller Bd.5


sehr gut

"Juni 53" gehört in eine Reihe von Kriminalromanen um den Oberkommissar Max Heller, eine Figur, die der Autor Frank Goldammer entworfen hat, um die Geschichte Dresdens zu beleuchten. Das gelingt dem Autor sicherlich, wenn man seine begeisterten Fans hört und liest, "Juni 53" ist allerdings mein erstes Buch von Frank Goldammer und so richtig überzeugt bin ich nicht. Dabei ist dieses Buch ein wirklich spannender Krimi, den man kaum aus der Hand legen kann und der mich am Ende definitiv sehr überraschen konnte.

Ein Toter wird in einem VEB in Dresden gefunden, ein Mann, der einen wirklich grausamen Tod gestorben ist. Im Hintergrund laufen die Geschehnisse des 17. Juni ab. Beides wird vom Autor recht gut miteinander verwoben, es entsteht eine spannende Geschichte mit vielen interessant gestrickten Charakteren und ich denke auch, dass die gesamte Geschichte/also alle Romane um Oberkommissar Max Heller sehr interessant und lesenswert ist/sind. Man kann auch durchaus mit diesem Buch hier in die Reihe einsteigen, dann fehlt dem Leser einiges aus Max Hellers Familiengeschichte. Aber es entsteht auch eine Neugier auf die restlichen Bücher, wie ich finde.

Das Buch ist definitiv ein spannender Krimi mit interessanten Charakteren, aber die wirklich hohe Zahl an Toten hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht, dies wirkt etwas reißerisch in meinen Augen. Ein weiterer klitzekleiner Punkt, den ich nicht perfekt umgesetzt fand, ist die Darstellung der DDR und des damaligen Lebens in diesem Staat, aber gut, dieses Buch ist ein Krimi und kein Roman. Und als Krimi ist dieses Buch recht gut gemacht und wartet mit viel Spannung auf. Denn dieses Meckern von mir hier ist Meckern auf hohem Niveau. Das Buch ist ein gut gemachter Krimi aus der Unterhaltungsliteratur und genau so sollte man es auch bewerten.

Bewertung vom 26.01.2020
Middlemarch
Eliot, George

Middlemarch


sehr gut

Das ist ein Buch, welches mich sehr lange beschäftigt hat. Ich hatte anfänglich so meine Probleme mit "Middlemarch", die aber nicht mit diesem Buch, sondern eher mit mir zu tun hatten. Meine Konzentrationsfähigkeit war nicht so gut im ersten Viertel dieses Buches und dies gepaart mit manchen etwas schwierig zu lesenden Sätzen dieses Buches war eine gewisse Herausforderung. Das besserte sich dann aber nach und nach und ich konnte schließlich zum Genuss dieses Buches kommen. Denn einen Genuss bietet dieses Buch in vielen Sätzen dieser Ausnahmeautorin.

War sie doch ihrer Zeit deutlich voraus und erschuf hier mit "Middlemarch" eine Gesellschaftsstudie allererster Güte. Eine Studie über das Leben in der Provinz wurde dieses Buch von George Eliot genannt, aber eigentlich geht es fast nur um die höher gestellten Schichten der Provinz und genau das ist es, eine Studie über das Leben der höher gestellten Schichten in der Provinz. Und gleichzeitig in diese Gesellschaftskritik eingebettet ist auch eine wirklich interessante Darstellung weiblicher Verhaltensweisen in damaliger Zeit mittels verschieden dargestellter weiblicher Charaktere und ihrem Umgang mit dem anderen Geschlecht und ihrem Umgang mit den Normen ihrer Zeit. Durch eben diese verschieden dargestellten Charaktere wird hier ein großes Spektrum abgebildet und als Leserin ist man definitiv froh jetzt zu leben, denn diese konservative Zeit lädt nicht zum Verweilen ein. Dabei zeugt die Darstellung der verschiedenen Charaktere von einer perfekten Beobachtungsgabe der Autorin, denn sie beschreibt die menschlichen Eigenschaften ausgezeichnet und psychologisch durchdacht. Und bei vielem Beschriebenem kann der Leser Vergleiche ziehen, weil vieles von dem Verhalten der Menschen im Buch in heutiges Geschehen transferierbar ist. Beurteilen konnte die Autorin dies nicht nur durch Beobachten,. sondern auch durch eigene Erlebnisse, wie im Nachwort deutlich wird, es ist wirklich einiges an biographischen Daten in dieses Buch eingeflossen. Die Autorin hat eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe und präsentiert ihre Erkenntnisse mit einer recht spitzen Zunge, wobei man sich als Leser dann sicher sein kann, dass die Autorin wahrscheinlich in ihrer Zeit mit ihren Ansichten angeeckt sein wird. Hier ist das Nachwort sehr erhellend und es ist nachvollziehbar, warum die Autorin ihr Buch unter einem männlichen Pseudonym herausgebracht hat.

Insgesamt ist "Middlemarch" ein wirklich gutes Buch, dass man lesen sollte, allerdings muss ich den letzten Stern noch zurückhalten, denn richtig angeknipst hat es mich dann doch nicht.

Bewertung vom 26.01.2020
1794 / Winge und Cardell ermitteln Bd.2
Natt och Dag, Niklas

1794 / Winge und Cardell ermitteln Bd.2


ausgezeichnet

Spannend, atmosphärisch, düster, dunkel, roh, brutal, gesellschaftskritisch, dies könnte wieder dieses Buch beschreiben, hinzu kommen äußerst interessant gestrickte Charakterdarstellungen, alt bekannte und lieb gewonnene Charaktere treten auf und vor allem wird eine authentische, etwas verworrene und spannende Geschichte erzählt. Nun war ich nach dem ersten Teil etwas verwirrt, wie soll es denn mit Winge und Cardell ermitteln weitergehen, Cecil Winge ist doch im ersten Teil gestorben. Aber dem Autor fällt eine interessante Lösung ein. Wieder ist dieses Buch nicht nur Krimi, sondern auch Gesellschaftsstudie und wieder ist es ein äußerst brutaler Blick in eine vergangene Zeit. Wieder ist der Leser entsetzt und vom Geschehen abgestoßen. Aber Menschen wie einen Ceton gibt es auch heute, von daher kann man das Brutale nicht auf vergangene Zeiten begrenzen. Sicher war es damals einfacher seine Neigungen auszuleben, aber das Strafmaß der damaligen Zeit war natürlich ebenso drastisch, auch das sollte man nicht vergessen. "1794" hat bei mir nicht mehr eingeschlagen wie eine Bombe, denn im Konzept und Aufbau des Buches ist sich Niklas Natt och Dag treu geblieben und ich als Leser bin natürlich nicht mehr so überrascht. Aber ich bin definitiv wieder begeistert, nur nicht ganz so sehr wie nach Teil 1. Allerdings muss ich sagen, um dieses Buch richtig begreifen zu können, sollte man "1793" unbedingt vorher gelesen haben.

Zum Inhalt: Stockholm im Jahre 1794, Jean Michael Cardell wird von einer Frau aufgesucht und gebeten die Ermittlungen zum grausamen Tod ihrer Tochter Linnea aufzunehmen. Sie wurde in ihrer Hochzeitsnacht auf bestialische Weise umgebracht und ihr Ehemann, Erik Drei Rosen sitzt wegen Mordes im Tollhaus, doch die Mutter Linneas glaubt nicht an dessen Schuld. Jean Michael Cardell, der an dem Verlust von Cecil Winge schwer zu tragen hat, nimmt die Ermittlungen auf und bekommt Hilfe von unerwarteter Seite. In den vier Teilen des Buches, die wieder nach den vier verschiedenen Jahreszeiten des Jahres 1794 benannt sind, werden wieder teilweise recht unterschiedliche und spannende Geschichten erzählt, die nach und nach stimmig werden, wobei es hier aber etwas verworrener zugeht als im ersten Teil, trotzdem aber ein Bild ergeben und den Lesenden in eine andere Zeit entführen. Ich habe mich sehr gefreut, dass auch Anna Stina Knapp wieder auftaucht und gleichzeitig bin ich nach dem Ende des Romans auch neugierig wie es hier weitergehen wird. Denn das Ende ist schon heftig und gleichzeitig wirkt es auch sehr unvollendet, aber es ist auch die Frage ob ein Ende hier realistisch wäre.

Tolles Buch ! Lesen!

Bewertung vom 05.01.2020
Die Wunder von Little No Horse
Erdrich, Louise

Die Wunder von Little No Horse


ausgezeichnet

Dieses Buch habe ich im Rahmen einer Leserunde gelesen und mich hat es restlos begeistert. Hier habe ich mein erstes 5 Sterne Buch von Louise Erdrich gelesen. Es ist ein Buch, welches als Personal mir schon aus einem anderen Erdrich-Buch bekannte Familien der Ojibwa (Chippewa) hat. Dadurch, dass ich dieses Buch erst vor kurzem gelesen habe, fiel es mir nicht schwer Verknüpfungen herzustellen und hatte dadurch ein anderes Wahrnehmen des Buches als meine Mitlesenden in der Runde. Der Schreibstil der Louise Erdrich ist, wie beim "Liebeszauber" auch, etwas abgehackt wirkend, es werden in Kapiteln/Abschnitten Sequenzen aus dem Leben der verschiedenen Protagonisten aus den unterschiedlichsten Zeiten erzählt, wobei der Figurenstammbaum im Text eine sehr gute Hilfe ist. Wobei ich hier nicht sagen möchte, dass die Sprache der Louise Erdrich abgehackt wäre. Denn dies entspräche nun gar nicht der Wahrheit, die Sprache der Erdrich könnte man eher überbordend und sprachgewaltig und betörend nennen. Ebenso sollte man sich für ein besseres Verstehen des Textes bei der Lektüre des Buches auch mit der Geschichte der Ojibwa/Chippewa befassen, ein Begreifen der alten subarktischen indianischen Lebensweise hilft hier, Zusammenhänge des Buches besser begreifen zu können. Wahrscheinlich ergibt sich hier ebenso ein insgesamt stimmigeres Bild, wenn man die Bücher der Louise Erdrich in der Reihenfolge ihres Erscheinens in der USA liest. Das erste Buch mit diesen wiederkehrenden Familien (Kashpaw, Nanapush, Lazarre u a) war für mich der "Liebeszauber" und gleichzeitig ist es auch das erste Buch der Louise Erdrich. Die Lektüre dieses Buches hat mir sehr bei der Lektüre und dem besseren Verstehen der "Wunder" geholfen. In Erdrichs Werk gibt es noch weitere Bücher mit diesen Protagonisten, die ebenfalls alle vor den "Wundern" herausgekommen sind. Man darf ja nicht vergessen, "Die Wunder von Little No Horse" ist ein älteres Werk von Louise Erdrich, es kam in Amerika schon 2000 heraus und bei uns erst jetzt. Ich bin auf jeden Fall sehr neugierig geworden! Denn diese skurrilen Charaktere, das Mystische in Erdrichs Werken machen süchtig. Mich auf jeden Fall! Und da das Indianische mich ja ebenfalls zum Brennen bringt, ebenso wie Elemente des Magischen Realismus mich entzünden können, waren die Wunder genau mein Buch! Love it!!!

Doch um was geht es in diesem Buch genau: es geht hier um die Lebenswege der Agnes DeWitt, um ihre Wandlungen sozusagen, erst ist sie Schwester Cecilia in einem Kloster, dann eine Farmerin mit Berndt und dann wird sie zu Father Damien Modeste bei den Ojibwa-Indianern im fiktiven Reservat Little No Horse. Und immer ist sie absolut menschlich und hat eine Kraft, die abfärbt. Aber genauso nimmt sie auch ihre Umgebung in sich auf, lässt sich auf ihre Umgebung ein und hier besonders auf die ihr fremde Welt der Indianer, ohne zu missionieren, eher um wahrzunehmen. Und sie geht mit einer großen Akzeptanz und Toleranz zu ihnen und wird mit der gleichen Akzeptanz und Toleranz wahrgenommen, hier wird im Besonderen auch auf die Toleranz der Indianer bei unklaren Geschlechtszugehörigkeiten, oder klaren, je nach dem, wie man es sieht, eingegangen. Und genau das ist auch die Stärke des Buches, der in ihm wohnende Gedanke zur Menschlichkeit, zur Toleranz, zur Akzeptanz und zur Liebe. Fast genauso wichtig wie die Menschlichkeit oder die Liebe zum Leben ist das Brennen für etwas, hier für die Musik. Die Wichtigkeit, die in solchem Tun liegt, wird perfekt an der Figur der Agnes verdeutlicht.

Und trotzdem dieses Buch in Abschnitten gehalten ist, Abschnitten, die auf die unterschiedlichen Personen des Buches eingehen, also etwas abgehackt geschrieben wurde, hat mich dieses Buch am Ende erwischt. Einige der beschriebenen Personen haben sich nach und nach in mein Herz eingeschlichen, hier ist besonders Mary zu erwähnen und genau deshalb bekommt dieses Buch auch fünf Punkte von mir.

Und ich kann wieder einmal nur enthusiastisch rufen: Bitte unbedin

Bewertung vom 05.01.2020
Der Verräter
Beatty, Paul

Der Verräter


sehr gut

Ein eigenwilliges Buch! Absolut interessant und vollkommen außergewöhnlich! Wahrscheinlich ist dieses Buch, nachdem ich kurz vorher "Oreo" von Fran Ross gelesen hatte, genau zur richtigen Zeit gekommen. Denn die beiden Bücher sind sich ähnlich. Nicht umsonst werden im Verräter Bezüge zu Fran Ross hergestellt. Denn in ihrem verqueren Denken, in ihrem unbequem und sperrig sein, in ihrem unangenehme Gedanken äußern haben beide Bücher deutliche Berührungspunkte. Auch der Humor ist ähnlich gelagert. Und ebenso sind beide Bücher unterhaltend, wie auch nachdenklich machend, bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Ich hatte den Verräter schon einmal begonnen und wieder weggelegt, aber jetzt, nach "Oreo", war seine Zeit. Ich empfand es als ein interessantes und unangenehmes Buch, aber jemand, der unsere Moral hinterfragt, sollte meiner Meinung nach durchaus gehört werden. Denn über solche Fragen nachzudenken kann nicht schaden. Ein wirklich lesenswertes Buch!

Paul Beatty blickt in diesem Buch über/mit seinem afroamerikanischen Ich-Erzähler auf die USA, auf die Vergangenheit und auf das Jetzt, auf die Stellung der Afroamerikaner in diesem Land und ist dabei richtig bissig. Dabei unterlegt er seinen bissigen/boshaften/satirischen Blick mit vielen Fakten zum Thema Rassismus und der Stellung der Afroamerikaner in den USA. Der Autor betätigt sich auch als Poetry-Slammer, dies merkt man dem Text durchaus an und deshalb gebührt dem Übersetzer Henning Ahrens wirklich ein tosender Beifall, denn dieses Buch so zu übersetzen war mit Sicherheit nicht einfach. Der Autor blickt auf die Afroamerikaner und ihr Leben in den USA, blickt auf den weiter bestehenden Rassismus und lässt seinen afroamerikanischen Ich-Erzähler zu dem fulminanten und provokativen Schluss kommen, ein Zusammenleben der Rassen funktioniert nur mit dem Rassismus und Rassentrennung und führt diese kurzerhand in seiner fiktiven Heimatstadt Dickens, in SZ-Los Angeles, wieder ein. Hominy Jenkins, ein etwas verrückter ehemaliger Kinderstar der Kleinen Strolche bittet den Ich-Erzähler sogar, ihn wieder als Sklaven zu halten, damit er wieder weiß, wohin er gehört. Dem Wunsch kommt der Ich-Erzähler nach und landet dafür und für die Einführung der Rassentrennung vor einem marihuanageschwängerten Gerichtsverfahren. Und in dieser denkwürdigen Gerichtsverhandlung offenbaren sich die verschiedenen Geisteshaltungen in den USA, denn eigentlich sitzt auch die "political correctness" vor Gericht.

Außergewöhnlich, bissig, böse, sperrig, unbequem = Lesen!!!

Bewertung vom 05.01.2020
Die Kakerlake
McEwan, Ian

Die Kakerlake


sehr gut

Hier rechnet ein mit dem politischen Geschehen in Großbritannien unzufriedener Autor ab und dieses Abrechnen hat mir gefallen. Sehr sogar! Ich habe mich gut unterhalten gefühlt, teilweise hat dieses Buch eine gewisse Nuance Humor, aber es ist ein sehr eigener Humor, denn das Lachen bleibt schnell im Halse stecken. Denn eigentlich zeigt dieses Büchlein sehr viel Reales im schriftstellerischen Gewand. Alles ist etwas auf die Spitze getrieben, aber gerade durch dieses Überzeichnete/diese Satire kommt auch ein gewisser Widersinn des Geschehens zu tage. In meinen Augen kann man das Procedere des Romans auch auf andere Gebiete außerhalb von England anwenden, Das direkte Geschehen des Buches ist natürlich auf England gemünzt, aber das Verhalten der Politik im Buch ist mit vielerlei realem Geschehen vergleichbar. Und wenn McEwans weitere Werke viel dichter sind, bin ich schon sehr auf diese gespannt. Wieder einmal bin ich neugierig gemacht worden!

Dabei ist dieses Abrechnen mit dem momentanen Geschehen in seiner Heimat in eine Geschichte gekleidet, die an kafkaeskes Geschehen erinnert, aber dies nur ganz leicht, denn das Geschehen des Romans verläuft gänzlich anders und mit einer anderen Priorität. Die "Seele" einer Kakerlake schlüpft in einen menschlichen Körper, und zwar nicht in irgendeinen menschlichen Körper, nein, es ist der Körper des Premierministers von Großbritannien, Jim Sams. Und dieser "neue" Jim Sams versucht in seinem Lande die politischen Weichen auf den Reversalismus einzustellen, einem System, in dem derjenige Geld bezahlen muss, der arbeitet und derjenige Geld bekommt, der einkauft, um dann noch mehr zu arbeiten, weil man das Geld wieder loswerden möchte, denn wer in diesem System Geld hat, der wird vom Staat bestraft. Bei seinem Tun bemerkt der Premierminister schnell, dass die meisten anderen Mitwirkenden in der englischen Politik, ebenso wie auch er, ihre seelischen Wurzeln in der Kakerlaken-Welt haben. Die meisten wohlgemerkt, nicht alle, es gibt auch Gegenspieler, wie z. B. den Außenminister. Funktionieren kann dieses System natürlich nur, wenn andere Staaten mitmachen, Verbündete werden also gesucht und beim amerikanischen Präsidenten Tupper gefunden und ebenso wird eine eventuelle Verwandtschaft zwischen Sams und Tupper vermutet. Politische Gegner werden über böse intrigante Machenschaften unter der Hilfe bestimmter Medien ausgeschalten. Was für ein herrliches Spie!?!? Ein Spiel, welches wir kennen?!?!

Die Handlung erinnert sehr an reales Geschehen und verdeutlicht die Meinung des Autors. Nun mag dieses Buch Einigen nicht gefallen, weil Politiker mit Kakerlaken verglichen werden und/oder weil dieser Roman literarisch nicht so ausgefeilt daherkommt. Maybe. Gefallen hat mir dieses Geschehen aber allemal. Denn seicht empfand ich das Geschriebene durchaus nicht, man muss sich schon etwas im politischen Geschehen Englands und der Welt auskennen, um den ganzen Roman begreifen zu können. Und den Vergleich der Politiker mit Kakerlaken, nun gut, schön ist das nicht. Aber was soll man dazu sagen, wenn politisches Geschehen ein Szenario bewirkt, welches das Volk des betreffenden Landes schädigen wird? ...

Bewertung vom 16.12.2019
Der Pfau
Bogdan, Isabel

Der Pfau


sehr gut

Was für ein richtig schönes Buch! Isabel Bogdan, eine deutsche Autorin, die auch als Übersetzerin für englische Literatur arbeitet, hat hier eine Geschichte geschrieben, die man definitiv einem englischen Autor zuordnen könnte. Dieses Buch ist sooooo very british, wie es eigentlich nur ein Engländer sein kann, aber die langjährige Übersetzung englischer Autoren lässt eventuell einen Blick und einen Sinn für englisches Empfinden entstehen. Ich kann auf jeden Fall nur sagen, gut gemacht Isabel Bogdan!

Auf einem schottischen Landsitz versuchen Lord Hamish McIntosh und Lady Fiona McIntosh etwas Geld in die Kasse zu bekommen, in dem sie dem Landsitz zugehörige Wirtschaftsgebäude und Cottages an Feriengäste vermieten, denn die Instandhaltung des Herrensitzes verschlingt so einiges an Geld. Lord und Lady McIntosh und ihren Angestellten Aileen, der Haushälterin und Ryszard, dem Hausmeister gelingt dies alles gerade so. Gut ist daher, dass sich für das Wochenende das Management der Investmentabteilung einer Londoner Privatbank den Westflügel des Herrenhauses gemietet hat und somit etwas Geld in die Haushaltskasse gespült wird. Anreisen werden die Chefin der Abteilung und vier ihrer Mitarbeiter, samt ihrer Köchin und einer Psychologin, die am Wochenende ein Teambildungsseminar für das Management der Investmentabteilung abhalten will/soll. Schlecht ist dagegen, dass die Haushälterin durch ein Missgeschick einen kleinen Unfall hat, und sich die anfallende Arbeit im Herrenhaus zur Vorbereitung des Westflügels des Hauses jetzt auf weniger Hände verteilt und schlecht ist auch, dass einer der Pfauen des Herrenhauses eine außergewöhnliche Metamorphose durchlebt und plötzlich rasend wird, wenn er die Farbe blau erblickt. Denn natürlich fährt die Chefin der Investmentabteilung einen metallicblauen Flitzer. Hinzu kommen noch einige witterungsbedingte Unbilden und fertig ist eine Melange, die alle Beteiligten im Herrenhaus nie vergessen werden und den Leser sehr schnell den Alltag vergessen lässt und für ein äußerst kurzweiliges Vergnügen sorgt, dass wie schon gesagt, von einem fantastischen britischen Humor getragen wird.

Und ich kann wieder einmal nur enthusiastisch rufen: Bitte unbedingt Lesen!!!

Bewertung vom 12.12.2019
Schuldig
Minato, Kanae

Schuldig


gut

Durch das Vorgängerbuch der japanischen Autorin Kanae Minato, "Geständnisse", hatte ich definitiv eine sehr hohe Erwartungshaltung an das Nachfolgerbuch und es ist sicher sehr schwer an so ein geniales Buch anzuknüpfen. Gesetzt den Fall, man möchte dies auch versuchen, vielleicht wollte Kanae Minato dies aber nicht und "Schuldig" ist ein nur etwas anders aufgebautes Buch. Wer weiß das schon, außer Kanae Minato. Auf jeden Fall hat mich "Schuldig" leider enttäuscht.

Ich hatte beim Lesen erst einmal eine recht lange Durststrecke, dieses Buch beginnt für mich recht langatmig und es braucht wirklich viele Seiten um Fahrt aufzunehmen, eine Handlung aufzubauen. Für mich dauert das definitiv zu lange. Ich habe mich am Anfang wirklich gelangweilt. Und das ist etwas, was ein Buch absolut nicht erzeugen sollte. Nach dieser für mich anfänglichen Flaute kann Kanae Minato wieder Spannung aufbauen und die dann erzählte Geschichte hat auch wieder etwas Pep. Aber es ist kein tosender Orkan, so wie ich es bei "Geständnisse" empfand, welches sich ja immer weiter aufputscht, bis zu diesem grandiosen Finale. Bei "Schuldig" ist es eher ein Sturm, der sich langsam zusammenbraut. Aber durch die wirklich lange Zeit, bis sich ein Sog entwickelt und auch eine Spannung aufbaut, bin ich schon etwas enttäuscht. Dann entsteht aber wieder eine interessante und auch fesselnde Geschichte. Wäre diese anfängliche Flaute etwas kürzer gewesen, d. h. die Einführungssequenzen des Buches etwas kürzer gehalten gewesen, wäre es definitiv etwas spannender geworden und mein Lesegenuss wäre sicher ein Größerer. Denn schreiben kann Kanae Minato. Und durch diese etwas spät spannend gewordene Geschichte gibt es dann von mir auch drei *** von mir.

Bewertung vom 12.12.2019
Katzenauge
Atwood, Margaret

Katzenauge


sehr gut

Elaine, eine Malerin, reist nach Toronto, in die Stadt ihrer Kindheit. Einst hatte sie sie verlassen, wegen dem darin erlebten Grauen. Nun kommt sie zurück wegen einer Ausstellung über ihr Werk, ein äußerst interessantes Werk, ein bedeutendes Werk einer irgendwie faszinierenden Malerin. Und zurück sind auch die Erinnerungen.


Erzählt wird in zwei Handlungssträngen, einmal wird das Geschehen um die Ausstellungseröffnung geschildert und zum anderen erfolgen Rückblicke in die Vergangenheit.


Eine Vergangenheit, die es in sich hat! Die junge und mit ihren Eltern und ihrem Bruder etwas zurückgezogen lebende Elaine, die Familie fährt im Sommer in die kanadische Wildnis, die Eltern sind Biologen, lernt die etwas ältere und erfahren wirkende Cordelia kennen. Elaine und ihre beiden bisherigen Freundinnen Grace und Carol bilden schnell mit Cordelia eine befreundete Mädchengruppe. Schnell wird klar, dass das keine Freundschaft ist, die manipulative Cordelia beherrscht bald das Geschehen. Cordelia zieht gekonnt alle Strippen und lenkt die drei ihr nicht gewachsenen Mädchen, dabei geht das Ganze in meinen Augen deutlich über Mobbing hinaus, wird zu einem Psychoterror, dessen Opfer jedoch meist Elaine ist. Bis eines Tages der Bogen überspannt wird und das genannte Gefüge auseinanderbricht. Trotzdem wird natürlich klar, dass das Geschehen Folgen für Elaine haben wird, denn die erlittenen Traumata machen etwas mit ihr. Trotzdem sie die Beziehung zu Cordelia mehr oder weniger erst einmal beendet, spukt Cordelia nach wie vor in Elaines Kopf herum und beherrscht eigentlich ihr weiteres Leben.


Ich habe mich etwas schwer getan mit diesem Buch, das Feuer sprang nicht sofort über. Die Sprache klang so anders, so kühl, so emotionslos, so kalt. Aber hier schaut ja Elaine zurück, Elaine spricht und Margaret Atwood legt in ihr Geschriebenes den Charakter der Elaine und das gelingt ihr geradezu meisterhaft. Aber das wurde mir erst sehr spät klar.


Gleichzeitig ist dieses Buch auch ein Blick zurück, ein Blick zurück in vergangene Zeiten und damit verbunden natürlich eine Gesellschaftskritik. Wie könnte es auch anders sein, es ist schließlich ein Atwood-Buch und die Atwood lässt hier selbst Erlebtes mit einfließen, also was den Blick in eine vergangene Zeit betrifft!


Und ich kann wieder einmal nur sagen, lest dieses Buch, einerseits ein absolut gelungenes Psychogramm einer gepeinigten Seele und andererseits ein gelungener Blick in eine vergangene Zeit und eine darin enthaltene interessante Gesellschaftskritik!

Bewertung vom 05.12.2019
Oreo
Ross, Fran

Oreo


ausgezeichnet

Wenn ein Buch polarisiert, dann wohl dieses! Ich habe es in einer Leserunde lesen dürfen und die Reaktionen der Mitlesenden fand ich spektakulär. Um es vorweg zu nehmen, ich gehöre zu denen, die dieses Buch begeistern konnte. Sehr sogar! Nicht gleich von Anfang an. Nein, das nicht. Am Anfang dachte ich nur, wo bin ich denn hier hingeraten. Was soll denn das sein??? Aber nachdem ich mich an den Stil der Fran Ross gewöhnt hatte und auch der Schreibstil etwas ausführlicher wurde, mehr ein Erzählstrang erschien, begann sich mein Eindruck zu verändern, deutlich zu verbessern.

Hier muss ich nun etwas ausholen, um diese Geschichte meiner Meinung nach vollkommen begreifen zu können, sollte man sich mit dieser Ausnahmeautorin Fran Ross befassen. Man muss sich mal auf der Zunge zergehen lassen, diese Frau wurde 1935 geboren. Die Tochter eines jüdischen Schweißers und einer afroamerikanischen Verkäuferin war ein recht helles Köpfchen und studierte an der Temple University of Philadelphia und graduierte dort 1956 als Bachelor of Science of Communications, Journalism and Theatre. 1974 hat sie Oreo herausgebracht. Sie hat für Essence, Titters und Playboy geschrieben und für die The-Richard-Pryor-Show gearbeitet. Ein zweites Buch hat sie leider aus finanziellen Gründen nicht mehr herausbringen können. 1985 starb sie dann an Krebs. Mit diesem Wissen wird klar, dass dieses Buch einen recht großen autobiographischen Anteil hat, Fran Ross ist das Kind eines Juden und einer Afroamerikanerin und sie graduierte 1956 als Afroamerikanerin an der Uni von Philadelphia. Ich denke sie wird schon früh die negativen Seiten ihrer Mitmenschen kennengelernt haben! Und auch aus diesen Erfahrungen heraus ist die Schärfe von "Oreo" erklärbar. Es ist auch in meinen Augen kein Wunder, dass sie keine Geldgeber für ein zweites Buch fand. Sie war ihrer Zeit weit voraus und ich hoffe sehr, dass wir zumindest heute anerkennen können, was Fran Ross damals geschafft hat!

Sie scheint eine mehr als außergewöhnliche Frau gewesen zu sein. Ihr Schreibstil ist auf jeden Fall sehr gewöhnungsbedürftig, aber dabei absolut interessant. Ich überlege sehr, an was mich diese Art der Schreibe erinnert. Als erstes ist da dieser so eigene Humor, einerseits Satire und auch Groteske, aber auch der blanke Spaß am Humor und auch am verqueren Schreiben/Denken und damit einhergehend blitzt hier eine höchst eindringliche Gesellschaftskritik durch, die richtig weh tut, die richtig schmerzt und die Ross kann Menschen sehr gut beobachten und ihr Handeln wiedergeben. Aber genau dies macht ja auch einen guten Autor aus. Und diese Melange dann in das Theseus Thema zu kleiden. Wahnsinn! Klar wird das nicht jedem gefallen! Ihr Stil tut weh! Aber genau das will sie auch in meinen Augen und das hat sie geschafft. Sie konstruiert für die Gesellschaft einen Spiegel, in den man nicht schauen möchte und sie schafft Strukturen, die nur von einem mythologischen Superhelden zerschlagen werden können. Dieser Spiegel passt auf das Damals, aber auch auf das Heute. Dieses Buch ist durch seine Struktur und auch sein Thema im Gesamtpaket etwas Einzigartiges! Und ich bin dementsprechend beeindruckt und spende tosenden Applaus!

Unbedingt lesen kann ich hier nicht rufen, denn man sollte sich erstmal informieren, was dieses Buch ist und wie es aufgebaut ist. Aber wer weiß? Vielleicht ist dies auch nicht richtig, ich habe nicht so richtig gewusst, auf was ich mich hier einlasse. Hätte ich das getan, wenn ich gewusst hätte, was mich hier erwartet? Dann also doch, bitte unbedingt Lesen!!!