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kaffeeelse

Bewertungen

Insgesamt 459 Bewertungen
Bewertung vom 13.11.2022
Töchter Haitis
Vieux-Chauvet, Marie

Töchter Haitis


sehr gut

"Töchter Haitis" von Marie Vieux-Chauvet ist ein interessanter Blick nach Haiti in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ein Blick auf eine Welt, die mir bis dato noch recht unbekannt war.

Mit einem etwas gewöhnungsbedürftigem Hauptcharakter, der jungen und naiven Lotus, die etwas hochnäsig und auch dilettantisch durch ihr aristokratisch-verwöhntes Leben schreitet. Dennoch darf man auch nicht vergessen, dass Lotus ohne Vater aufwächst, ihre Mutter früh verliert, dann von einer Angestellten aufgezogen wird und schließlich auch diese an den Tod verliert, dass Lotus also deutlich bindungsgestört ist. Und dass Lotus mit der Lebensführung der Mutter nicht einverstanden ist, sich deshalb frühzeitig von der Mutter abkapselt und es zu einem eklatanten Mutter-Tochter-Konflikt kommt. Der zu Lebzeiten der Mutter auch nicht mehr behoben werden kann. Der Hauptcharakter Lotus durchläuft in dem Roman "Töchter Haitis" eine Entwicklung, sie wird älter und lernt dazu, neue Bezugspersonen tauchen in ihrem Leben auf und auch wenn einiges in der Handlung als etwas Zuviel wahrgenommen werden kann, möchte ich dennoch sagen, ich habe das Buch "Töchter Haitis" als eine interessante Lektüre wahrgenommen. Die Autorin Marie Vieux-Chauvet lässt in ihrem Buch "Töchter Haitis" ebenso eine unbekannte Welt vor den Augen der Leserschaft entstehen, in der eine deutliche Gesellschaftskritik geschildert wird, in der die Folgen des Kolonialismus deutlich werden. Das Miteinander der verschiedenen Bevölkerungsschichten Haitis wird verdeutlicht, das Miteinander der Mulatten und der ärmeren und dunkelhäutigeren Bevölkerungsschichten, die Kluft zwischen ihnen wird gezeigt und dass eben diese Kluft politisch benutzt wird/politisch ausgenutzt wird. Über das Ausspielen beider Bevölkerungsschichten wird von bestimmten Kreisen des Landes versucht die Macht an sich zu reißen und sich selbst zu stärken. Gerade über das Nachwort wird viel über das politische Bestreben in Haiti erklärt und auch die Stellung der Autorin Marie Vieux-Chauvet in ihrem Land wird in diesem Nachwort deutlich. Ein immens lehrreiches Nachwort, welches diesen Roman deutlich aufwertet. Über die Anmerkungen im Buch erfährt die Leserschaft viel Wissenswertes über Haiti und auch diese Anmerkungen sind ein positiver Teil dieses interessanten Buches.

Bewertung vom 13.11.2022
Ins Unbekannte
Hartmann, Lukas

Ins Unbekannte


ausgezeichnet

Sabina Spielrein und Fritz Platten, zwei reale Charaktere werden hier in dem Roman "Ins Unbekannte" vom Autor Lukas Hartmann der geneigten Leserschaft vorgestellt.

Zwei Charaktere, die eigentlich nichts miteinander zu tun hatten. Schon gesellschaftlich haben Platten und Spielrein nichts miteinander zu tun. Sabina Spielrein entstammt einer besser gestellten russischjüdischen Familie, die aufgrund ihrer Erkrankung bei Carl Gustav Jung in der Schweiz in Behandlung kommt, in eine Beziehung zu ihm gerät und später als Ärztin und Psychoanalytikerin ihren Weg bestreitet, erst in der Schweiz, später wieder in Russland. Fritz Platten kommt aus der Arbeiterklasse und wird Kommunist, rettet Lenin das Leben und emigriert in die Sowjetunion. Nur ihr politisches Denken ähnelt sich etwas, ihre Bereitschaft zu politischem Handeln unterscheidet sich dagegen gravierend. Was sie aber auch verbindet, ist eine größere Bereitschaft, trotz widriger Umstände ihr Leben zu gehen, was sie verbindet, könnte man als eine gewisse Unangepasstheit verstehen, was sie verbindet, könnte man als eine gewisse Dickköpfigkeit, einen gewissen Eigensinn bezeichnen. Sie betreten ständig Neuland, gehen immer wieder ins Ungewisse, ins Unbekannte. Sie sind starke Charaktere!

Lukas Hartmann spinnt in "Ins Unbekannte" eine Geschichte um diese beiden herausragenden Persönlichkeiten. Eine fesselnde und spannende Geschichte, wenn man den Mut hat sich auf diese beiden ungewöhnlichen Charaktere einzulassen und sie nicht gleich vollkommen abzulehnen. Denn beide sind keine gefälligen und sympathischen Charaktere. Beide sind sperrig, widersprüchlich und zerrissen. Doch sie sind auch mutig, vielleicht manchmal auch verblendet und nicht nachvollziehbar, aber sie sind einzigartig. Und sie zahlen einen Preis für ihre Andersartigkeit. Doch an solche außergewöhnlichen Menschen wird man sich erinnern. Eben durch Literatur oder durch Filme. An den Durchschnittsbürger erinnert sich nur der kleine Kreis der Bekannten, die eigene Familie. Auch wenn jeder von uns irgendwann im Dunkel der Geschichte verschwinden wird. Aber manche Zeitgenossen bleiben eben durch ihre Unangepasstheit in der kollektiven Erinnerung. Eine schöne Geschichte schreibt der Autor Lukas Hartmann hier und ich habe ein Autor mehr, den ich beobachten werde und von dem sicher noch weitere Bücher vor meine Augen wandern werden. Denn dieses hier hat mir sehr gefallen!

Bewertung vom 13.11.2022
Die Meerjungfrau von Black Conch
Roffey, Monique

Die Meerjungfrau von Black Conch


ausgezeichnet

"Die Meerjungfrau von Black Conch" von Monique Roffey war ein interessantes und auch ein außergewöhnliches Buch. Das etwas märchenhafte Thema der Meerjungfrau trifft auf die vorkolumbische Geschichte der Karibik, beides prallt auf die Jetztzeit mit den heutigen Problemen und eine gehörige Prise Feminismus würzt und wertet dieses Buch nochmals auf, so dass für mich keine andere Wertung als 5 satte und volle Sterne möglich erschien. Denn dieses Außergewöhnliche in der Mischung der Thematiken hat etwas durchaus Reizvolles und lässt dieses Buch dadurch bei mir bleiben. Die Taino-Geschichte ließ mich aufhorchen, sind doch die einstigen Bewohner der Amerikas schon lange in meinem Fokus. In der Taino-Thematik das Meerjungfrauen Thema unterzubringen, ist richtig interessant. Denn bisher dachte ich immer, wenn ich von der Meerjungfrau hörte, zuerst an Hans Christian Andersen. Ob sich das jetzt ändert, weiß ich noch nicht. Aber die Geschichte von Monique Roffey transportiert eine ähnliche tiefe und berührende Traurigkeit. Denn auch hier gibt es zwei Liebende, David und Aycayia, und zwei nicht zueinander passende Welten, eigentlich sogar drei nicht zueinander passende Welten, die Taino-Welt, die Meereswelt und die Jetztzeit. Dazu gruppiert sich noch der Rassismus, die menschliche Gier, der Neid, der Hass und das Thema Frauenrechte und fertig ist eine einzigartige Geschichte, die mich vollkommen verzaubert zurücklässt. Diese Thematiken derartig stimmig zusammen zu bringen ist eine gewaltige Leistung in meinen Augen. Denn diese Mischung hätte auch schnell in ein Zuviel abdriften können. Aber genau dieses Zuviel verhindert die 1965 geborene Autorin Monique Roffey aus Trinidad gekonnt und ich bin sehr neugierig, was diese Autorin noch so alles zaubern wird.

Eine Geschichte in der traumhaften Kulisse der Karibik, die absolut nichts von diesem Urlaubsflair hat, welches das reine Nennen des Namens Karibik auslöst. Denn auch die Naturgewalten kommen in "Die Meerjungfrau von Black Conch" zum Tragen und diese Naturgewalten haben es besonders in der Karibik in sich.

Bewertung vom 13.11.2022
Die Frau im Musée d'Orsay
Foenkinos, David

Die Frau im Musée d'Orsay


ausgezeichnet

David Foenkinos hat mich schon mit seinem Roman "Charlotte" tief beeindruckt. Auch mit "Die Frau im Musée d'Orsay" gelingt ihm dies ein zweites Mal. Dieses Buch ist ein intensiver Blick auf die Folgen von Traumata. David Foenkinos hat wieder einen sehr berührenden Roman geschrieben und bietet darin einen sehr treffenden Blick auf die Menschen und ihr Tun und Sein.

Völlig unerwartet kündigt Antoine Duris seinen Job als Professor an der Hochschule der Schönen Künste und verschwindet schnell und auch etwas geheimnisvoll aus Lyon nach Paris. Seine ihm nahestehende Schwester Eléonore macht sich große Sorgen und vermutet als Grund hinter dieser überstürzten Flucht die zurückliegende Trennung von seiner Frau und eine darunter entstandene Depression. Sie sucht ihn und findet ihn als einen Museumswärter im Musée d'Orsay und zeigt ihm damit, dass sie da ist. Aber Antoine kann sich noch nicht öffnen. Denn Eléonore hatte mit ihrer Vermutung recht, Antoine hat eine Depression. Erst Mathilde Mattel, die Personalchefin im Musée d'Orsay, nähert sich Antoine Duris an und dringt zu ihm durch. Einerseits schimmert hier im Kennenlernen der beiden ein zartes Pflänzlein Licht und Hoffnung blitzt auf. Nicht nur im Miteinander von Antoine und Mathilde blitzt dieses Pflänzlein Hoffnung, auch in der Betrachtung der Kunst und der Schilderung der Kraft, die in ihr liegt. Aber als der Grund für Antoines überraschende Flucht ans Tageslicht drängt, wird das Licht zur Dunkelheit und David Foenkinos schildert ein grauenvolles menschliches Handeln. Dennoch behält dieses Grauen nicht die Oberhand und David Foenkinos setzt mit der Kraft der Kunst einen raffinierten und wieder hoffnungsvollen Schlussstrich unter diese Geschichte.

David Foenkinos konnte mich schon in "Charlotte" von seiner Sprachgewalt überzeugen und auch hier in "Die Frau im Musée d'Orsay" gelingt ihm dies spielerisch und ich zücke schockiert, aber auch etwas verträumt das 5-Sterne-Schild. Bitte mehr davon! Auch David Foenkinos wird weiter in meinem Fokus verbleiben und ich werde sein Schaffen natürlich weiter beobachten.

Bewertung vom 13.11.2022
Der leere Platz
Karausche, Marion

Der leere Platz


gut

Dieses Buch habe ich schon 2021 in meine Wunschliste aufgenommen, da ich selbst schon viele Jahre in der Psychiatrie arbeite, landen natürlich Bücher mit einem Fokus auf psychiatrische Erkrankungen in meiner Wunschliste. Leider habe ich dieses Buch letztes Jahr wieder aus dem Blick verloren, was im Nachhinein aber wieder gut war, denn letztes Jahr wäre keine gute Zeit für dieses Buch gewesen. Nun erschien mir dieses Buch wieder vor dem Auge im wunderbaren Instagram. Und es zog auch schnell bei mir ein. Ebenso wie die Zeit der Lektüre schnell kam, was ja nicht bei jedem eingezogenen Buch sofort eintritt.

Doch diese Lektüre hatte es in sich. Eine Mutter kämpft um ihre Familie, kämpft um ihren Sohn, kämpft um ihren kranken Sohn. Dies berührt natürlich das Herz. Dies macht traurig. Ja. Aber nicht nur. Die Geschichte hat mich auch wütend gemacht. Warum? Nun, wie ich schon schrieb, arbeite ich in der Psychiatrie seit einer langen Zeit. Dies ist kein einfacher Job, wie sich viele denken können. Denn es ist auf irgendeiner Seite auch ein ständiger Kampf, ein Überzeugungskampf. Langwierig, zeitintensiv und nervenaufreibend. Man hat mit kranken Menschen zu tun, die sich nachvollziehbarerweise mit der Akzeptanz ihrer Erkrankungen sehr schwertun. Es geht um das Verstehen der eigenen Erkrankungen, um das Herausfinden etwaiger Ursachen und das Verstehen der eigenen Ressourcen. Es geht um das Umgehen mit den Erkrankungen und um das Weiterleben mit diesen Erkrankungen. Es geht um die Medikationen, deren Wirkungen und deren Nebenwirkungen, um das Begreifen um die Wichtigkeit der Einnahme der Medikationen. Es geht um eine aktive und lebenswerte Rückkehr ins Leben. Durch die Nebenwirkungen der Medikationen und auch durch ein fehlendes Verständnis der Erkrankung kommt es immer wieder zu einem Absetzen der Medikationen und dadurch auch zu einer Wiederkehr der Erkrankung. Und der Kreislauf beginnt von neuem. Dieser Kampf ums Leben und für das Leben. Und es kommt natürlich, man muss es leider mal aussprechen, auch zu Suiziden. Suizide, die vermeidbar sind, die aber nur durch ein Verständnis der eigenen Erkrankung und ein selbstständiges Agieren des Patienten und ein damit verbundenes Nichtwiederkehren der Erkrankung vermeidbar sind. Und dieses Erleben macht natürlich auch etwas mit den Therapeuten, es ist keine einfache Arbeit, besonders wenn man mit viel Herz an diese Arbeit herantritt. Was man in meinen Augen sollte, sonst ist man da falsch! Natürlich ist man als Angehöriger in noch einer schlimmeren Position, man liebt und ist gezwungen zuzusehen, kann nichts oder wenig tun, ist auch in seinen Gefühlen und Wünschen, in den eigenen Ängsten gefangen. Aber man hat, wenn man sich auf diesem Gebiet bewegt, wenn man in den Kontakt nach außen tritt, eine Verantwortung auch anderen Kranken gegenüber. Und sollte etwaige Rückschlüsse dieser Erkrankten durchaus in Betracht ziehen. Denn ein etwas lapidarer Umgang mit psychiatrischen Erkrankungen kann menschliches Leben kosten, dies sollte allen hier klar sein. Eine Medikation, ein Verständnis der Erkrankung und eine Veränderung in den persönlichen Lebensumständen können die Waffen gegen psychiatrische Erkrankungen sein. Veränderungen in der Medikation sind mit den behandelnden Ärzten abzusprechen. Familie und Freunde sind das soziale Netz, das Halt gibt, ebenso wie es ein erfülltes und lebenswertes Leben sein kann/sein sollte. Und der Weg zu Gott nach einer Erkrankung und einem darauffolgenden Absetzen einer Medikation ist für mich und meine Berufsrealität und Berufserfahrung eine sehr gefährliche Botschaft. Denn dies kann man interpretieren. Leider! Aber letztlich ist diese Entscheidung die Entscheidung des erkrankten Sohnes Kai. Auch dies sollte man als genau das erkennen. Natürlich ist man als Angehöriger in dieser Situation recht machtlos. Und auch dieses Machtlose der Angehörigen kommt in dem Buch sehr gut zum Vorschein. Ebenso wie die Folgen der Erkrankung für die Familie nachvollziehbar und empathisch und betroffen machend geschildert werden. Und wenn man bei der Familiengeschichte zu dem Schluss kommt, dass eine merkwürdige Häufung psychiatrischer Erkrankungen in dieser Familie auftritt, so ist dieser Schluss nachvollziehbar, aber diese Darlegung ist nicht falsch. Denn genau dies gibt es. Dieses Berichten der Familiengeschichte hat aber auch mit einer realen Sichtweise auf psychiatrisches Geschehen zu tun, denn in unserer Welt wird psychiatrisches Geschehen gern ausgeblendet. Aber eines sollte uns klar sein, eine Welt, die immer nur auf mehr und mehr Gewinn ausgelegt ist, ist eine kranke Welt und gebiert leider kranke Menschen!

Ich habe dieses Buch dennoch sehr gern gelesen, denn es ermöglicht eine Diskussion, ein Nachdenken, ein Überdenken von psychiatrischem Geschehen, von psychiatrischen Erkrankungen, von schweren psychiatrischen Erkrankungen.

Bewertung vom 13.11.2022
Galatea
Miller, Madeline

Galatea


ausgezeichnet

Ein perfekter Übergang! Von Margaret Atwood und ihrer Penelopiade kommend, blicke ich nun auf "Galatea" von Madeline Miller. Erschienen ist dieses 80 Seiten starke Büchlein im Eisele-Verlag in einer kunstvollen und optisch wunderschönen Ausgabe. Schon augenscheinlich ist dieses kleine Büchlein, diese Erzählung ein Leckerbissen, ein Kleinod.

Madeline Miller blickt hier auf die Welt von Ovid, genauer auf eine der rund 250 griechischen und römischen Sagen, die der Dichter Publius Ovidius Naso, kurz Ovid genannt, in seinem Werk "Metamorphosen" veröffentlicht hat. Es geht um den Mythos um Pygmalion, den Orpheus besingt, als er seine Eurydike endgültig verliert. Pygmalion, ein hochbegabter Bildhauer der Insel Zypern ist von den Frauen seiner Insel, von ihrem Lebenswandel angewidert und beschließt eine weibliche Statue zu erschaffen, in die er seine Ideale legt und seine nicht ausgesprochenen Wünsche werden schließlich von Venus erhört und zum Leben erweckt. Madeline Miller spinnt diese Geschichte um männliche Wunschvorstellungen und deren Erfüllung weiter, gibt der Frau gewordenen Statue einen Namen, eben den Namen jener titelgebenden Galatea und gibt der Geschichte einen weiblichen Touch, eine weibliche Sicht und erweitert die Geschichte dadurch immens, macht sie fühlbarer und authentischer.

Wenn feministische Sichten und Ideen in diese alte männliche griechisch-römische Welt einziehen, vernichtet diese Veränderung keineswegs diese alten Geschichten und Sichten, sondern macht sie moderner und irgendwie auch wahrer. Ob man dies nun Weiterentwicklung oder Rückbesinnung nennen möchte, bleibt jedem Betrachter selbst überlassen. Aber das eine alte matriarchale Welt von einem patriarchalen Denken überrollt wurde, ist in der Geschichte erkennbar. Und ich stelle mir schon seit längerer Zeit die Frage.: Was wäre mit der Welt geworden, wenn eben nicht die männlich dominierte griechisch-römische Welt in Europa entstanden wäre und die europäische Zivilisation über die minoische Kultur zu ihrer Blüte gekommen wäre? Wie würde dann wohl unsere heutige Welt aussehen? Träumen ist ja wohl gestattet!

Bewertung vom 13.11.2022
Penelope und die zwölf Mägde
Atwood, Margaret

Penelope und die zwölf Mägde


sehr gut

Bereits 2005 erschien „Die Penelopiade“ in einer Übersetzung von Malte Friedrich. Jetzt, 2022, erschien "Penelope und die zwölf Mägde" in einer Übersetzung von Marcus Ingendaay und Sabine Hübner. Beide Bücher sind Übersetzungen des 2005 erschienenen Werkes "The Penelopiad" der großen Margaret Atwood. Und ja, ich verehre diese wunderbare Autorin!

Margaret Atwood beschäftigt sich hier mit Penelope, der Gattin des Odysseus, der spartanischen Königstochter. Die griechische Sagenwelt begeisterte mich schon in früher Zeit. Doch diese meist stillen und im Hintergrund auftretenden menschlichen Frauen und auch die eher zurückhaltenden Göttinnen verwunderten mich sehr. Irgendetwas passte da für mich schon als Kind nicht so richtig. Und dies erging wahrscheinlich einigen Lesern so. Nicht umsonst gibt es auch heutzutage immer wieder Blicke auf dieses Geschehen in den alten griechischen Mythen. Ich nenne hier einmal die Autorinnen Madeline Miller und Jennifer Saint, die in letzter Zeit in ihren Romanen auf die griechische Welt blicken und besonders die weiblichen Rollen moderner betrachten. Auch Margaret Atwood hatte dieses Ansinnen, allerdings schon 2005, einige Jahre eher als Madeline Miller und ihre Nachfolgerin Jennifer Saint.

Penelope, die ewig duldsame Gattin, die dem Treiben in ihrem Hause tatenlos zusieht, eine ehemalige Königstochter, die nichts machen kann. Die Mägde, die sterben, die getötet werden, wo ich auch damals schon dachte, warum eigentlich. Und anscheinend nicht nur ich. Auch andere weibliche Wesen werden ähnliche Gedanken gehabt haben. Denn unsere Lebenswirklichkeit sah anders aus. Obwohl es auch in dieser Männlichkeiten gab, die ihre patriarchale Rolle sehr ernst nahmen. Zu ernst. Und dafür Reaktionen serviert bekamen. Warum soll dies damals anders gewesen sein? Auch heute unterscheiden sich männliche Betrachtungsweisen oft von weiblichen Sichten. Und auch heute gibt es Schönfärberei. Warum nicht auch damals? Vielleicht gibt es in den alten griechischen Sagen auch einen mahnenden Aspekt, um einer alten matriarchalen Welt die Stirn zu bieten, um Machtpositionen zu wahren. Wer weiß. Möglich ist vieles. Margaret Atwood wirft einen modernen Blick auf Penelope und die Mägde und kleidet die Geschichte in neue Gedanken, berichtet aus der Sicht von Penelope eine etwas andere Geschichte. Eine Geschichte, über die man durchaus nachdenken kann, wenn man dies möchte.

Bewertung vom 13.11.2022
Die Verschwörung der Krähen
Gasser, Markus

Die Verschwörung der Krähen


sehr gut

Mein erstes Buch von Markus Gasser. Ich war neugierig. Sehr!

Und ich wurde nicht enttäuscht. Markus Gasser schreibt mit seinem Buch "Die Verschwörung der Krähen" einen unterhaltsamen und spannenden Blick auf das Leben von Daniel de Foe. Einen Blick auf den Robinson Defoe. Einen interessanten und richtig gut gewürzten Blick!

Denn Markus Gasser beschreibt in seinem Buch ein nebliges und auch ein schauriges London. Er schaut auf die Menschen und ihre Eigenschaften. Er schaut auf eine wahre Geschichte und strickt aus ihr ein fesselndes Buch, dem es auch an Witz nicht fehlt. Die Betrachtung der damaligen Welt bekommt in der Schilderung der politischen Ereignisse und der Beschreibung von Ränke, Dünkel und Klüngel durchaus auch einen erfrischenden Bezug zur heutigen Zeit. Was dem ganzen Buch noch eine weitere Prise Würze verleiht und dieses Buch zu einem richtigen Leckerbissen macht.

Auch die informativen Ergüsse zum Leben des Daniel de Foe fand ich durchaus anregend und ansprechend. Denn Daniel de Foe hat als Unternehmer, Journalist, Kirchengegner, Geheimagent wider Willen und Intimfeind Queen Annes bedeutend mehr zu bieten, als nur der Autor eines "Robinson Crusoe" zu sein. Und in seiner Frau Mary de Foe hat er eine ebenbürtige Mitstreiterin. Ein interessantes Paar der damaligen Zeit!

Markus Gasser erzählt in "Die Verschwörung der Krähen" über Wahrheit und Würde in einer korrupten Welt, über Armut, Seuchen und Krieg, den schmalen Grat zwischen Schuld und Unschuld, über die Entstehung des investigativen Journalismus unter dem Druck von Zensur, Fake News, Populismus und Paranoia ? und über die Liebe in liebloser Zeit. So heißt es im Klappentext und dieser Satz trifft dieses Buch herrlich und haarscharf und muss deshalb auch in dieser Rezension erscheinen. Ein richtig gelungenes Buch, welches historisch interessierte Leser lesen sollten, also historisch und gehaltvoll interessierte Leser natürlich. Denn einfach gestrickt ist dieses Buch nicht. Aber unterhalten kann es durchaus.

Bewertung vom 13.11.2022
Zusammenkunft
Brown, Natasha

Zusammenkunft


sehr gut

Natasha Brown ist mit ihrem Buch "Zusammenkunft" ein intensiver und auch poetischer Blick auf eine Ausgegrenzte und auf die Folgen des Ausgrenzens gelungen. In einem sehr eigenen und auch recht verknappten Schreibstil schildert Natasha Brown ihren Blick auf unsere von der Gier beherrschte Gesellschaft, blickt hier auf Großbritannien. Doch sehe ich dieses Land nur als ein Beispiel an und beziehe dieses Buch auf unsere ganze westliche Welt. Unsere ach so heilige Welt. Unsere scheinheilige Welt.

Nur wer etwas leistet, bekommt etwas. Und dies tut die Protagonistin. Sie leistet viel. Sie leistet und leistet und leistet. Diese schwarze Frau in unserer weißen Welt. Eine schwarze Frau in unserer patriarchalen Welt. Die Vorzeige-Frau. Die Vorzeige-Schwarze. Einen Freund aus einer der uralten reichen Familien des Landes. Einer weißen reichen Familie. Und sie eine Schwarze. Wen heiratet sie da? Und wen sehen ihre baldigen Familienangehörigen?

Das ganze Buch besteht aus vielen klugen und auch richtigen Gedanken. Doch dennoch wirkt es auch etwas einseitig in seinem negativen Blick. Dies ist sicher so gewollt. Denn diese Gedanken haben ja auch ihre Berechtigung und ihren Sinn. Doch etwas weniger hätte mir hier besser gefallen. Denn dieses etwas einseitige, diese ganzen verschiedenen Thematiken empfand ich insgesamt betrachtet als etwas zu viel des Guten. Und durch dieses zu viel des Guten schleicht sich leider auch ein Hauch von Ungläubigkeit mit ein. Und dies schadet der Thematik und dem Buch in meinen Augen. Das etwas offen gelassene Ende wertet diesen Kanon des Negativen wieder etwas in meinen Augen auf. Und trotz meiner Kritik empfinde ich das Buch ja dennoch als ein gutes und richtiges und wichtiges Buch. Denn Nachdenken lohnt sich ja bekanntlich immer!

Bewertung vom 13.11.2022
Die Mauer
Lanchester, John

Die Mauer


sehr gut

In John Lanchesters Buch "Die Mauer" wird ein Blick auf ein England der Zukunft geworfen. Ein England, welches sich mit einer die Insel umspannenden Mauer schützt. Vor den Anderen. Ein England, welches nach einer Klimakrise nur noch an den Schutz des eigenen Landes, der eigenen Bevölkerung denkt. Und dies trifft natürlich nur auf den Teil der Bevölkerung zu, der nicht Dienst auf der Mauer leistet. Diese Menschen schützen den Staat, aber wenn sie einen Fehler machen, können sie erstens durch die Anderen sterben oder an einen Einfall der Anderen schuldig sein. Und die Strafe dafür ist ein Aussetzen auf dem offenen Meer. Ein hartes Land ist England geworden, ein irgendwie unmenschliches Land.

Während in England der Brexit vorbereitet wird, legt Bestsellerautor John Lanchester diesen brisanten neuen Roman vor. Was für ein Zeichen! Andere Staaten bauen Mauern, wenn man an den Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko denkt, oder an die Zäune in Ceuta und Melilla, oder, oder, oder. Doch was machen diese Zäune/diese Mauern. Schützen sie oder grenzen sie aus. Eine Antwort darauf liefert den aufmerksamen Lesern das Buch "Die Mauer".

Dieses England in dem Roman schützt sich durch eine Mauer. Dieses England, welches an den Veränderungen in der Welt ebenso beteiligt war und ist. Wie auch andere Staaten sich mit einer Mauer schützen. Die ebenso durch ihre Gier an der Veränderung der Erde schuld waren und sind. Und die junge Bevölkerung dieses Englands darf die eigenen Köpfe hinhalten für dieses Land. Ihre Köpfe hinhalten für die Gier der vergangenen Generationen und für ihren eigenen Lebensstandard. Auch dieser Generationenkonflikt wird in "Die Mauer" thematisiert.

Ein spannendes Buch ist dem Autor John Lanchester gelungen, dennoch ist das Buch aber auch irgendwie etwas blutleer. Denn die Geschichte und auch die Charaktere haben schlussendlich nichts so wirklich Einprägsames an sich, wenn man mal die gesamte Aufmache der Geschichte und den treffenden Vergleich mit dem heutigen Geschehen wegnimmt. Dann sind da nur noch ein paar Soldaten, die ihren Weg gehen. Nun, und das klingt dann wieder etwas lahm, oder?