Die Zeuginnen - Atwood, Margaret
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Shortlist The Booker Prize 2019 "Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht." - Als am Ende vom "Report der Magd" die Tür des Lieferwagens und damit auch die Tür von Desfreds "Report" zuschlug, blieb ihr Schicksal für uns Leser ungewiss. Was erwartete sie: Freiheit? Gefängnis? Der Tod? Das Warten hat ein Ende! Mit "Die Zeuginnen" nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead. "Liebe Leserinnen und Leser, die Inspiration zu…mehr

Produktbeschreibung
Shortlist The Booker Prize 2019
"Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht." - Als am Ende vom "Report der Magd" die Tür des Lieferwagens und damit auch die Tür von Desfreds "Report" zuschlug, blieb ihr Schicksal für uns Leser ungewiss. Was erwartete sie: Freiheit? Gefängnis? Der Tod? Das Warten hat ein Ende! Mit "Die Zeuginnen" nimmt Margaret Atwood den Faden der Erzählung fünfzehn Jahre später wieder auf, in Form dreier explosiver Zeugenaussagen von drei Erzählerinnen aus dem totalitären Schreckensstaat Gilead. "Liebe Leserinnen und Leser, die Inspiration zu diesem Buch war all das, was Sie mich zum Staat Gilead und seine Beschaffenheit gefragt haben. Naja, fast jedenfalls.Die andere Inspirationsquelle ist die Welt, in der wir leben."
  • Produktdetails
  • Der Report der Magd / The Handmaid's Tale 2
  • Verlag: Berlin Verlag
  • Seitenzahl: 576
  • Erscheinungstermin: 10. September 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 142mm x 38mm
  • Gewicht: 691g
  • ISBN-13: 9783827014047
  • ISBN-10: 3827014042
  • Artikelnr.: 56008206
Autorenporträt
Margaret Atwood, geboren 1939 in Ottawa, ist eine der wichtigsten Autorinnen Kanadas. Ihre Werke liegen in über 20 Sprachen übersetzt vor und wurden national und international vielfach aus gezeichnet. Neben Romanen verfasst sie auch Essays, Kurzgeschichten und Lyrik. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Booker Prize, dem kanadischen Giller Prize und mit dem Prinz-von- Asturien-Preis (2008) und mit dem Nelly-Sachs-Preis (2009).Sie lebt mit ihrer Familie in Toronto.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.09.2019

Drei Frauen mit Rachemotiven

Inspiriert von der Welt, in der wir leben: Mit ihrem heute weltweit erscheinenden Roman "Die Zeuginnen" setzt Margaret Atwood den Stoff aus "Der Report der Magd" fort.

LONDON, 9. September

Vor 34 Jahren beendete Margaret Atwood ihren inzwischen zum Klassiker gewordenen Roman "Der Report der Magd" mit den aufreizenden Worten: "Gibt es irgendwelche Fragen?" Der ungewisse Ausgang und der mehrdeutige Charakter dieser Zukunftsfabel über ein puritanisches Schreckensregime in den Vereinigten Staaten, das gebärfähige Frauen ihrer Identität beraubt und sie als Leihmütter für unfruchtbare Paare der Herrscherkaste verknechtet, warfen ungezählte Fragen auf, auf die Margaret Atwood lange keine Antworten geben wollte, zumindest nicht in literarischer Form. Nun hat sie sich doch erweichen lassen, eine Fortsetzung zu schreiben, die den Erzählstrang nach dem Cliffhanger von "Der Report der Magd" aufnimmt, fünfzehn Jahre nach dem früheren Geschehen.

"Die Zeuginnen", so teilte die kanadische Schriftstellerin bei der Ankündigung des neuen Romans mit, sei zum einen inspiriert von allem - oder beinahe allem, wie sie mit einer leicht hämischen Einschränkung hinzufügte -, was die Leser je von ihr erfahren wollten über den fiktiven Staat Gilead, zum anderen von der Welt, in der wir leben. Letzteres galt freilich auch für "Der Report der Magd". Atwood hat große Teile des fiktiven Lebensberichts von Desfred, einer jener als "zweibeinige Schöße" missbrauchten Nebenfrauen der Republik Gilead, im Westteil des damals noch geteilten Berlins verfasst, zu einer Zeit, in der niemandem klar war, dass die Sowjetunion kurz vor dem Zusammenbruch stand. Die Unterdrückungsherrschaft, die Margaret Atwood bei ihren Reisen jenseits der Mauer beobachtete, färbte ebenso ab auf ihre Schilderung der brutalen und brutalisierenden Diktatur in Gilead wie die Aids-Krise, Warnungen vor der Umweltverschmutzung, Berichte über sinkende Fruchtbarkeit, über Abtreibungsverbote und Kindesentführungen in Rumänien, über Steinigungen in islamischen Ländern und über fundamentalistische christliche Sekten in den Vereinigten Staaten. Margaret Atwood machte sich zur Regel, den Brüdern von Jakob, die das streng hierarchische Patriarchat von Gilead errichtet haben, nichts anzudichten, was in der Geschichte noch nicht vorgekommen war oder in der Gegenwart geschah.

Es dürfte kein Zufall gewesen sein, dass sie ihren Roman im Jahr 1984 zu schreiben begann, in dem George Orwell seine gleichnamige Zukunftsdystopie ansiedelte, die kurz nach Erscheinen Ende der vierziger Jahre auf die junge Margaret Atwood Eindruck gemacht hatte. In einem Aufsatz über die Dreiecksbeziehung zwischen Autor, Leser und der vermittelnden Funktion von Büchern hat sie eine Passage aus Orwells Roman herausgegriffen, die für "Der Report der Magd" und "Die Zeuginnen" von besonderer Bedeutung ist. Sie betrifft das "unbeschriebene Buch im Quartformat mit rotem Rücken und marmornem Einband", das Orwells Hauptfigur Winston Smith im Fenster eines Trödelladens erspäht und das in ihm das "übermächtige Verlangen" weckt, dieses verbotene Objekt zu besitzen. Kaum dass er das Datum der ersten Tagebucheintragung aufs leere Papier geschrieben hat, drängt sich ihm die Frage auf, für wen er dieses Tagebuch schreibe: "Für die Zukunft, für die Ungeborenen . . . Wie konnte man mit der Zukunft in Verbindung treten? Das war ihrer Natur nach unmöglich, entweder die Zukunft ähnelte der Gegenwart, dann würde man ihm nicht zuhören, oder sie war anders beschaffen, und dann wäre seine fatale Situation nicht von Interesse."

Ähnliche Gedanken, die natürlich auch die Kernmotivation aller schriftstellerischen Tätigkeit berühren, gehen Tante Lydia durch den Kopf, einer der drei Zeuginnen, die nun in Margaret Atwoods neuem Roman Bericht erstatten über den Niedergang des heuchlerischen Überwachungsstaates Gilead. Als gefürchtete Oberin der euphemistisch "Tanten" genannten Aufseherinnen, die den Mägden die Ideologie des Staates gewaltsam einpauken, kontrolliert Lydia nach eigenem Bekunden die "weibliche Seite" dieses Unterfangens "mit eiserner Faust im Lederhandschuh im Wollfäustling". In "Der Report der Magd" war Tante Lydias Einfluss auf die versklavten Konkubinen der Kommandanten allgegenwärtig, ohne dass sie selbst groß in Erscheinung getreten wäre. "Ich halte die Dinge in Ordnung: Wie ein Haremseunuch bin ich genau dazu aufgestellt." Im Folgeroman legt sie vor dem Richterstuhl der Nachwelt Rechenschaft ab über ihre Verstrickung mit diesem tausendjährigen Reich, an dem die tückische Manipulatorin, wie sich jetzt herausstellt, seit Jahren kalte Rache übt.

"Die Zeuginnen" stattet Tante Lydia mit einer Vorgeschichte aus. Am Beispiel der ehemaligen Richterin veranschaulicht Margaret Atwood wie bereits bei der Charakterisierung der Magd Desfred im ersten Buch nicht nur, wie gefährlich es ist, wenn man sich "wie auf einen Zauber" darauf verlässt, dass Freiheit, Demokratie und individuelle Rechte ewige Werte seien, sondern auch, welche Kompromisse Menschen zur Selbsterhaltung in einem Gewaltregime schließen. "Was nutzt es, sich aus moralischen Gründen vor eine Dampfwalze zu werfen und plattwalzen zu lassen wie eine Socke ohne den Fuß darin. Dann lieber mit der Menge verschmelzen, der gottesfürchtigen, geschmeidigen, Hass schürenden Menge. Lieber Steine werfen, als mit Steinen beworfen werden. Auf jeden Fall sind da die Überlebenschancen höher", schreibt Tante Lydia in ihrem heimlichen Bericht, den sie in der nur den Tanten zugänglichen Bibliothek in einem ausgehöhlten Exemplar von Kardinal Newmans "Apologia Pro Vita Sua" versteckt - in der Gewissheit, dass niemand einen Blick in diesen Wälzer hineinwagen werde, "wo der Katholizismus hierzulande als ketzerisch gilt, kaum besser als Voodoo-Zauber".

Tante Lydias mitreißendes Bekenntnis wird verwoben mit den Aussagen von zwei jungen Zeuginnen, die den Zusammenbruch aus entgegengesetzten Perspektiven erleben. Agnes ist als Kommandantentochter aus der privilegierten Schicht von Gilead für die Ehe mit einem Oberen des Regimes bestimmt, ein Schicksal, dem sie entgeht, indem sie sich als Anwärterin im Tanten-Orden aufnehmen lässt. Daisy dagegen wächst in Kanada auf als Inbegriff eines aufsässigen Teenagers. Die beiden Mädchen verbindet mehr als die Entdeckung, dass man sie jeweils über ihre Herkunft belogen hat. Damit macht Atwood, deren Vorliebe für die Grauzonen des Daseins bekannt ist, deutlich, dass Kinder nicht nur in einer Diktatur hinters Licht geführt werden, und lässt umgekehrt Agnes dafür plädieren, den Kindern einer gestürzten Diktatur ein wenig Raum zu gönnen, "um das Gute zu betrauern, das uns verlorengehen wird".

Agnes ist Desfreds Tochter, die der Mutter in "Der Report der Magd" bei deren Fluchtversuch entrissen wurde, bevor sie als Magd versklavt wurde. Im Gegensatz zur Mutter kann Agnes nicht auf Erinnerungen an die Zeit vor Gilead zurückgreifen. In ihrem Bericht erkennt sie, dass sie und ihre Altersgenossinnen "die Nutznießer der Opfer unserer Vorläuferinnen" sind: "Uns hat man keine solche Prüfungen auferlegt." Daisy wiederum erfährt, dass sie Desfreds ins feindliche Ausland geschmuggeltes, von Gilead zur staatlichen Ikone erhobenes "Kind Nicole" ist, über das sie in ihrer kanadischen Schule sogar ein Referat schreiben musste.

"Die Zeuginnen" ist ein ganz anderes, weniger literarisches Buch geworden als "Der Report der Magd". Obwohl es sich der gleichen Form der Zeugnisablage bedient, die Margaret Atwood als Mittel der direkten Kommunikation zwischen Autor und Leser fasziniert, liest es sich mehr wie ein Spionageroman nach der Art von John Le Carré, durchsetzt mit Dickens'scher Satire und Atwoods typischen humoristischen Anstrichen, die mitunter laut auflachen lassen. Der Unterschied liegt zum einen im Wesen der Handlung: Die Sprache der jungen Mädchen ist naturgemäß unbedarfter als die ihrer Mutter. Während "Der Report der Magd" von Andeutungen und den Zwischenräumen, die der Leser selbst zu füllen hat, lebt, ist "Die Zeuginnen" explizit. Hinzu kommen die politischen, gesellschaftlichen und medialen Veränderungen der letzten Jahrzehnte, die sich auch auf die Rezeption von "Der Report der Magd" ausgewirkt haben. Mitte der achtziger Jahre war Margaret Atwood noch nicht die Koryphäe, als die sie heute gefeiert wird. "Der Report der Magd" war ihr sechster Roman, kam aber zunächst nur in Kanada heraus. Deutsche Leser mussten zwei Jahre auf die Übersetzung warten. Heute ist das Buch längst Unterrichtsstoff. Es ist verfilmt, vertont, choreographiert und als feministisches Lehrbuch gefeiert worden. Akademiker verfassen Abhandlungen darüber und halten Symposien nach der Art ab, die Margaret Atwood in den Epilogen zu beiden Romanen witzig persifliert.

Der Wahlsieg von Donald Trump, unter dessen Präsidentschaft seine Kritiker ein neues Gilead aufkeimen sehen, und die preisgekrönte Fensehserien-Adaption, die Atwoods Dystopie mit Bezügen zur Gegenwart ausgeschmückt und durch allerlei Veränderungen die vom Zeitgeist gehuldigte "Relevanz" verliehen hat, haben dem "Report der Magd" frischen Aufwind verschafft. Daraus schlägt der Literaturbetrieb Kapital - mit der Folge, dass die Veröffentlichung der Fortsetzung inszeniert worden ist als internationales Buchereignis des Jahres. In Margaret Atwood hat man dabei eine willige Mitspielerin gefunden. Als Mitproduzentin der Fernsehserie hat sie nun den "Zeuginnen" etliche Elemente daraus einverleibt, woraus zu schließen ist, dass ihre eigene Kooperation mit den Drehbuchautoren noch enger ist als ohnehin schon vermutet. Insofern schlägt das Buch auch ein neues Kapitel der Literaturgeschichte ein. Das ändert jedoch nichts daran, dass Margaret Atwood ein weiteres Mal das Schlaglicht auf die Grausamkeit von Menschen gegenüber Menschen gerichtet hat. Aber auch auf ihr unveränderliches Wesen, im Guten wie im Bösen.

GINA THOMAS

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Dlf Kultur-Rezension

Einen "Pageturner" nennt Rezensentin Edelgard Abenstein Margarets Atwoods Fortsetzung ihres Bestsellers "Der Report der Magd". Die Handlung setzt 16 Jahre nach dem Ende des ersten Romans ein und wird aus drei Perspektiven erzählt. Die Verbindungen der verschiedenen Erzählerinnen zueinander wird nur langsam, Stück für Stück enthüllt. Diesem raffinierten Aufbau, sowie den darin verbauten Thrillerelementen verdankt Atwoods Dystopie ihre Spannung, erklärt Abenstein. Die besondere Bedrohlichkeit entsteht für die Rezensentin jedoch vor allem durch die Nähe des Beschriebenen zu den Erfahrungen und dem historischen Wissen des Lesers. Grund für diese Nähe ist Atwoods spezielles Verfahren in diesem Roman, so die Rezensentin: Nichts sei reine Fantasie, alles der Geschichte entnommen - Nazi-Deutschland, Pinochets Diktatur, der Islamische Staat. Der neue Roman ist im Unterschied zum "Report der Magd" von düsterem Humor geprägt und das Ende macht Hoffnung. Ob das zum Klassiker reicht, bezweifelt die Rezensentin, die den Hype etwas übertrieben zu finden scheint.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 14.09.2019

Was hätten sie tun sollen
Margaret Atwood erzählt in „Die Zeuginnen“, wie es in der misogynen Diktatur weitergeht, die sie
vor 34 Jahren erfunden hat. Eines fehlt heute in diesem Szenario: ernst zu nehmende Männer
VON MEREDITH HAAF
Die Zeuginnen“ von Margaret Atwood wird zugeklebt geliefert, was erst mal wie eine Art makabrer Gag wirkt. Schließlich ist in der misogynen Diktatur Gilead, dem Schauplatz des Romans, fast allen Frauen das Lesen untersagt. Spielt der Berlin-Verlag im Zuge der internationalen Megakampagne für das Buch mit dieser schrecklichen Vorstellung, die nebenbei bemerkt dem Buchmarkt den Tod bringen würde? Aber nein, der Aufkleber ersetzt umweltfreundlich die früher übliche Plastikverpackung des Buches und ist mit Werbung bedruckt: „The Handmaid’s Tale – Staffel 3. Jetzt nur bei Magenta TV“. Es geht um die Fernsehserie, die aus Atwoods Klassiker entstand, dessen Fortsetzung der neue Roman ist. Die Information ist vielleicht nicht irrelevant, denn „Die Zeuginnen“ ist doppelt so dick wie „Der Report der Magd“. Zwei Abende Binge-Watching einer hochwertigen Serie könnten da für manche Leserin zur interessanten Übersprungshandlung werden.
Was den Zeitvertreib angeht, kann das Buch es allerdings mit jeder Fernsehproduktion aufnehmen: „Die Zeuginnen“ übertrifft den Vorgänger in Tempo, Handlungsreichtum und Dialog, es ist flotter geschrieben, stringenter gebaut, und es lässt keine Fragen offen. Und ist aus all diesen Gründen die weniger interessante Lektüre und die im politischen und intellektuellen Sinn weniger wichtige.
„Die Zeuginnen“ schließt – jedoch nicht nahtlos – an den „Report der Magd“ an. Beide Romane sind vermeintlich in Form historischer Dokumente überliefert, und schließen ab mit dem fiktiven Vortrag eines Historikers des 22. Jahrhunderts, der sich auf die „Gilead-Ära“ spezialisiert hat. Gilead ist der Name eines Regimes, das sich nach ökologischen Katastrophen in Nordamerika etabliert hat, und auch als Folge gesellschaftlicher Liberalisierung und einer Geschlechtergleichberechtigung, die auch die menschliche Fortpflanzung zum Erliegen brachte. Männer herrschen in diesem System über Frauen, die in dienende Kasten eingeteilt sind. Eine davon sind die Mägde, die in mächtigen Familien rituell vergewaltigt und zur Leihmutterschaft gezwungen werden. Das Leben eines Säuglings ist da immer mehr wert als das Leben einer Mutter, und wer Mutter sein darf, entscheiden Männer.
Als „Der Report der Magd“ im Jahr 1985 erschien, wurde der Roman als überzogen, unrealistisch und gelegentlich auch als langatmig kritisiert. Er machte zunächst eine langsame Karriere und erlebte dann eine rasante kulturelle Aufwertung im Zusammenhang mit der Wahl eines erklärten Grapschers zum US-Präsidenten. „Der Report der Magd“ ist – auch im verglichen mit der Serie – ein eher verhaltenes Buch. Es enthält viele luftarme Beschreibungen von Vorhängen, Stoffen und weich gekochten Eiern und Dialogszenen, in denen praktisch nichts gesagt wird. Die Action lässt auf sich warten. Doch aus dieser Spärlichkeit zieht der Roman die Wirkung, die er auf Generationen von Leserinnen ausgeübt hat. Denn das Leben der Ich-Erzählerin Desfred ist arm an Luft und Handlungsoptionen. Es gibt nur schwanger werden oder sterben. Und Reue, Leere und den Verlust des eigenen Kindes, Partners, Namens und der eigenen Kleidung. Desfred darf weder lesen, noch Nachrichten hören, sie darf nicht kochen oder putzen, nicht einmal Körperpflege betreiben und ihre wenigen Beziehungen zu anderen Menschen, sind von Macht, Missbrauch und Paranoia geprägt. Als sie endlich gefragt wird, was sie will, hat sie nur zwei Wünsche: Eine Handlotion und „wissen, was los ist.“ Hinzu kommt, dass Desfred als Person nur insofern außergewöhnlich ist, als dass es ihr gelingt, mit dem richtigen Mann eine heimliche Liaison anzufangen; ansonsten hat sie sich für den Weg des geringsten Übels entschieden, nämlich der Unterwerfung. Was hätte sie sonst tun sollen? Ihr Schicksal bleibt offen, der Roman endet mit einer Auslieferungsszene.
In „Die Zeuginnen“ nun lässt Atwood Agnes erzählen, eine junge Frau die nichts kennt als Unterdrückung. Sie wächst in einem Kommandantenhaushalt auf und lernt als Kind, dass ihr Körper eine „kostbare Blume“ ist, die Männer in Raserei versetze, schon auf dem Spielplatz: „Wegen unserer Röcke, die vom Wind hätten hochgeweht und Einblick hätten gewähren können, durften wir an Schaukeln nicht einmal denken. Nur Jungen durften sich diese Freiheiten leisten“. Außerdem spricht die sechzehnjährige Daisy, die sich im neutralen Kanada an Demos gegen Gilead beteiligt: „In der Schule hatten wir das Thema Gilead schon dreimal durchgenommen: Eine ganz schreckliche Welt war das, wo Frauen nicht arbeiten und nicht Autofahren durften, und wo Mägde gezwungen wurden, schwanger zu werden – wie Kühe, nur dass Kühe ein deutlich besseres Leben hatten. Was waren das nur für Menschen, die Gilead in Schutz nahmen? Vor allem die weiblichen darunter?“
Damit hat Nicole die Arbeitsfrage des Romans gestellt, die vor allem „Tante Lydia“ beantworten soll. Aus dem ersten Roman und der Serie kennt man die brutale Oberbefehlshaberin über das Leben der Frauen. Jetzt erzählt sie von dem „Leben – sage ich mir immer – das ich notgedrungen habe führen müssen.“ Lydia leitet das „Haus Ardua“, in dem die Frauenzurichtungsmiliz der „Tanten“ ausgebildet wird. Diese Kapo-Einheit des Regimes hat sie mitgegründet, nachdem sie Folter überstanden und sich an einer Massenhinrichtung beteiligt hat. Doch Lydia ist fest entschlossen, zumindest zum Teil das Heftes in der Hand zu behalten, in diesem Fall ist es vollgeschrieben mit belastenden Informationen über die Gilead-Elite. Atwood buchstabiert mit Lydia – wie vorher mit Desfred – aus, wie wenig individuelle Verantwortung einem Individuum in Gefangenschaft bleibt. Und wie viel aus dem bisschen zu machen ist. Die „Was hätte sie sonst tun sollen“-Frage wird zugleich bestätigt und ad absurdum geführt, eine feine Übung in Ambiguitätstoleranz.
Der neuen Roman ist aber vor allem eine Befreiungsgeschichte. Die drei Protagonistinnen sind verbunden über „die kleine Nicole“, ein Baby, das von seiner Mutter, einer Magd 15 Jahre zuvor über die Grenze nach Kanada gebracht worden ist. Trotz – oder gerade wegen – Atwoods zwanghaftem Einsatz von Vorahnungen, „wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß“, wird jede, die den „Report“ gelesen hat, bald verstehen, wer „die kleine Nicole“ ist. Tante Lydia, die ein geheimes genealogisches Archiv betreibt, weiß auch, wie Gilead Nicole zurück bekommen kann. Der Roman besteht dann aus Geheimnissen, die Kapitel für Kapitel gelüftet werden, Undercover-Manövern, spektakulären Fluchten und dem ein oder anderen Blutopfer. Am Ende bleibt so gut wie nichts ungeklärt. Manche Atwood-Freaks werden das als Genugtuung empfinden. Literarisch hat hier ein Verlustgeschäft stattgefunden, denn eine spannendes Lektüre ist eben nicht das selbe wie eine aufwühlende Lektüre. Die Lücken im „Report“ machten nicht nur erzählerisch Sinn, weil Desfred eben nicht weiß, „was los ist“; die Detailüberfrachtung in „Die Zeuginnen“ ist durch Lydias Allwissen begründbar, hat aber mehr mit einem entfesseltem Nerdvortrag gemein als mit einer guten Geschichte.
Auch die wuchernde Handmaid-Fanfiction-Gemeinde mag sich um ihr Material gebracht fühlen. Wobei es da doch noch eins zu klären gäbe: Was das eigentlich für Männer sind, die in Gilead herrschen, dienen und sexuell auf eine andere Weise unterdrückt werden. „Der Report der Magd“ enthält relativ differenziert beschriebene männliche Protagonisten, „Die Zeuginnen“ schildert eine reine Frauenwelt, in der Männer nur als Superschurken, indifferente Handlanger oder kanadische Frauen-Unterstützer vorkommen. Damit spiegelt Atwood den konventionellen feministischen Diskurs auf bestürzende und etwas öde Art. Im „Report“ war es formal und erzählerisch konsequent, das Leid einer Frau zur Frauenerzählung zu machen.In „The Testaments“ fällt die fehlende Dimension der Welt Gileads plötzlich stark auf. Was hält diese Herrschaft am Laufen? Wie funktioniert Misogynie? Was ist mit dem Sohn, der seine Mutter vermisst, was mit dem Mann, der sich verliebt? Das wären mindestens so interessante Geschichten, wie die der Einzelnen, die nur mutig und verschlagen genug sein müssen, um die Welt zu ändern. Aber wer weiß: Die Unterdrückung von Frauen wird so schnell nicht aus der Mode kommen, und auch der Wunsch, darüber mehr zu erfahren nicht. Vielleicht hat Margaret Atwood nach der Aufregung um „Die Zeuginnen“ noch Zeit für einen Teil Drei.
Margaret Atwood: Die Zeuginnen. Roman. Aus dem Englischen von Monika Baark. Berlin Verlag, Berlin 2019. 575 Seiten, 24 Euro.
„In der Schule hatten
wir das Thema Gilead schon
dreimal durchgenommen.“
Am Ende bleibt nichts ungeklärt.
Manche Atwood-Freaks werden
das als Genugtuung empfinden
Die Kostüme der unterjochten Frauen, wie sie die Fernsehserie nach Atwoods „Der Report der Magd“ darstellte, wurden zur Ikone der Frauenbewegung.
Foto: Hulu
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"ein Spionageroman nach der Art von John Le Carré, durchsetzt mit Dickens'scher Satire und Atwoods typischen humoristischen Anstrichen", FAZ, Gina Thomas, 10.09.2019