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Über Verlust, Überleben und die Kraft der Hoffnung
An einem Sommertag an der Küste Kamtschatkas verschwinden die russischen Schwestern Sofija und Aljona. Das Verbrechen erinnert an einen Vorfall nur Monate zuvor in der indigenen Bevölkerung. Wie eine düstere Wolke hängt der ungelöste Fall fortan über Kamtschatka und beeinflusst das Leben ganz unterschiedlicher Frauen in einer gespaltenen, männerdominierten Gesellschaft. Während das Netz zwischen den Einzelschicksalen dichter wird, hält die Suche nach den Mädchen die ganze Stadt in Aufruhr.
Brillant konstruiert und einfühlsam erzählt,
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Produktbeschreibung
Über Verlust, Überleben und die Kraft der Hoffnung

An einem Sommertag an der Küste Kamtschatkas verschwinden die russischen Schwestern Sofija und Aljona. Das Verbrechen erinnert an einen Vorfall nur Monate zuvor in der indigenen Bevölkerung. Wie eine düstere Wolke hängt der ungelöste Fall fortan über Kamtschatka und beeinflusst das Leben ganz unterschiedlicher Frauen in einer gespaltenen, männerdominierten Gesellschaft. Während das Netz zwischen den Einzelschicksalen dichter wird, hält die Suche nach den Mädchen die ganze Stadt in Aufruhr.

Brillant konstruiert und einfühlsam erzählt, entführt uns der Roman in eine extreme und faszinierende Welt am Rande der Welt: in die graue Stadt Petropawlowsk, die spektakulären Weiten der Tundra und die Schatten schneebedeckter Vulkane.
Autorenporträt
Julia Phillips, geboren 1988, lebt in Brooklyn, New York. >Das Verschwinden der Erde< ist ihr erster Roman. Er stand auf der Shortlist des National Book Award 2019 und erscheint in 25 Ländern.    
Rezensionen
Land der Töchter, Mütter, Schwestern: In ihrem kriminalistisch grundierten Debütroman 'Das Verschwinden der Erde' entwirft die amerikanische Autorin Julia Phillips ein eindrucksvolles ostsibirisches Gesellschaftspanorama. Katharina Granzin taz - Die Tageszeitung 20210526

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Rezensentin Katharina Granzin ist beeindruckt von Julia Phillips "kriminalistisch grundiertem" Debütroman "Das Verschwinden der Erde". Den Ort des literarischen Geschehens, "Kamtschatka" hat die amerikanische Autorin im Rahmen eines Fulbright-Stipendiums für Creative Writing bewohnt und erforscht, weiß Granzin. In ihrer Neuerscheinung erzählt Phillips der Rezensentin zufolge in bemerkenswerter Weise multiperspektivisch von verschiedenen, ausschließlich weiblichen Protagonistinnen und ihren Schicksalen. Was mit dem Verschwinden zweier junger Mädchen, der "ultimativen menschlichen Katastrophe" beginnt, so Granzin, wird mit episodenhaften, teilweise zusammenhängenden Erzählungen fortgesetzt, die alle auch für sich allein stehen könnten. An dem Zusammenspiel aus gesellschaftlichen, feministischen und kriminellen Themen findet die Rezensentin Gefallen. Und auch, dass es in dem Werk nicht primär um die Lösung des Kriminalfalles geht, sei "dezentralistisches Erzählen im besten Sinne" schließt Granzin zufrieden.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.06.2021

Wildnis und Zuhause
Zum 50. Mal: "Schöne Aussichten"

FRANKFURT Kamtschatka? Terra incognita. Niemand auf dem Podium im Frankfurter Literaturhaus wusste mit der nordostsibirischen Halbinsel etwas anzufangen. Dabei ist unter dem Titel "An das Wilde glauben" (Matthes & Seitz) erst vor Kurzem ein Buch der Ethnografin Nastassja Martin über Kamtschatka erschienen und in der F.A.Z. gleich zweimal besprochen worden. Jetzt aber war es ein Roman, den die professionelle Tennisdame und Autorin Andrea Petkovic als Gast der Kritikerrunde "Schöne Aussichten" vorstellte, des "Flaggschiffs" des Literaturhauses, wie Programmchef Hauke Hückstädt zur 50. Ausgabe glücklich hervorhob. Nicht ganz zufällig also hat Petkovics New Yorker Nachbarin Julia Phillips ihren Kriminalroman "Das Verschwinden der Erde" (dtv) genannt. Kamtschatka ist schon verschwunden, jedenfalls aus dem Bewusstsein des Westens.

Zwei Mädchen, elf und acht Jahre alt, sind nicht mehr aufzufinden. Der Roman löst den Fall. "Ein Kaleidoskop der Persönlichkeiten an einem unbekannten Flecken der Welt", so Petkovic. Wie ein Trauerflor ziehe sich das Verschwinden der Landschaft durch den Text. Mara Delius, Literaturkritikerin der Tageszeitung Die Welt und zum letzten Mal mit dabei, lobte die "verdichtete Atmosphäre" und tadelte die "erklärenden Sätze". Hubert Spiegel, Redakteur im Feuilleton der F.A.Z., hat das Buch gern gelesen, vermisste aber mehr Auskünfte über die Indigenen und die russischen Kolonisten. Da witterte Moderator Alf Mentzer vom Hessischen Rundfunk "kulturelle Aneignung" im Roman. "Nein", rief Delius. Als gebürtige Serbin wies Petkovic noch eigens auf "die Verhältnisse zwischen Mann und Frau in einer postsowjetischen Gesellschaft" hin.

Unter dem Titel "Levys Testament" (Suhrkamp) habe Ulrike Edschmid "drei Romane in einem auf 140 Seiten" verfasst, so Spiegel. Delius stellte das Buch vor mit der Frage, die den Text durchziehe: "Wie kann ein Jude ein Zuhause finden?" Die Mutter des Protagonisten mit seiner geheimen Familien- und öffentlichen Aufstiegsgeschichte in der Opernkunst habe ja auch vorausgesagt: "Du wirst dich nie zu Hause fühlen." Petkovic hätte sich "mehr klassische Erzähltechnik" gewünscht und nannte die Autorin "eine Meisterin des Weglassens". Als die Sportlerin auf ihren Lieblingsverein Tottenham Hotspur zu sprechen kam und Mentzer die Verbindung zu einer Shakespeare-Figur in "Henry IV." zog, hatte Spiegel "einen neuen Lieblingsverein" gefunden. Dennoch wandte er ein, man müsse viel über Zeitgeschichte wissen, um der Autorin folgen zu können.

Dann stellte er Judith Hermanns neuen Roman vor, der unter dem Titel "Daheim" bei S. Fischer erschienen ist: "Auch diese plastischen Figuren haben kein Zuhause." Spiegel wusste vor allem "den Wechsel aus Präzision und Unschärfe" zu schätzen: "Spannend geschrieben und entschlackt. Das tut gut." Delius konstatierte "wenig Affekte", Mentzer sprach von einer Aversion der Autorin gegen psychologische Erklärungen. Petkovic, die Romane mit Psychologie liebt, fand das Buch "zäh", aber als "impressionistisches Gemälde" wusste sie es zu schätzen. Von "trostlosen Verhältnissen" sprach Spiegel, von einer Frau, die nur im Hafenbecken schwimme, weil sie Angst habe vor dem offenen Meer. Ein "atmosphärisches Mobile" zwischen Freiheit und Begrenzung nannte Mentzer den Roman, aber: "Gelungen." "Absolut", kam das Echo von Spiegel.

Auch J. D. Salinger mit seinem pubertierend-fluchenden "Fänger im Roggen" (Kiwi) fand allgemeines Wohlgefallen und bestand damit den "Haltbarkeitstest". Petkovic war "total verliebt" in den Außenseiter Holden Caulfield und hätte ihn am liebsten zu einem brauchbaren Menschen erzogen. Er sei ja auch im Grunde "ein gutherziger Bursche", bestätigte Spiegel und zitierte aus Hesses Rezension von 1954: Das Buch führe "vom Ekel zur Liebe". Mehr könne Dichtung nicht erreichen.

CLAUDIA SCHÜLKE

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 25.01.2021

Schiefes Mosaik
Varianten von Gewalt: Julia Phillips’ Roman „Das Verschwinden der Erde“ verknüpft Liebeskummer mit Sexualverbrechen
„Verschwunden“ kann man nicht steigern. Entweder jemand ist da, oder eben nicht. Aber es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel, wenn eine junge Amerikanerin über verschwundene Mädchen im russischen Kamtschatka schreibt, eine Halbinsel, die nördlich von Japan in den Pazifik hineinragt.
Die Insel ist, obwohl ans Festland angebunden, nur per Schiff oder Flugzeug erreichbar. Wer sie über die Landbrücke erreichen möchte, braucht einen Hundeschlitten und viel Zeit. Lange war die Insel ganz abgeriegelt, denn zu Sowjetzeiten war die Region militärisches Sperrgebiet. Hier zu leben, kommt verschwunden zu sein schon ziemlich nahe. Was bedeutet es also anderes als ein gesteigertes Verschwinden, wenn an diesem Ort zwei kleine Mädchen entführt werden?
Julia Phillips ist Amerikanerin, sie ist in den USA geboren, in New Jersey aufgewachsen, sie hat in New York studiert und lebt in Brooklyn. Das ist wichtig, denn Phillips’ Debütroman „Das Verschwinden der Erde“ spielt nicht in den USA, sondern in einem der entlegensten Winkel Russlands, und alleine das macht ihn schon zu einer Besonderheit.
Denn so großartig die amerikanische Gegenwartsliteratur ist, so selten sieht sie doch über die Grenzen des eigenen Landes und der eigenen Gesellschaft hinaus.
Dabei ist es doch gerade eine der Besonderheiten von Literatur, dass sie mehr als andere Künste erfahrbar und nachvollziehbar machen kann, was es bedeutet, jemand anders zu sein oder auch nur an einem anderen Ort zu leben. Zuletzt ist allerdings gerade dieser Aspekt der Literatur in die Kritik geraten. Über etwas anderes als die eigenen Erfahrungen zu schreiben, sei im Zweifel kulturelle Aneignung, verweigere also denen, über die da geschrieben wird, das Anrecht auf eine eigene Stimme, so die Argumente der Kritiker. Gegen Phillips wurden diese Vorwürfe bisher glücklicherweise nur vorsichtig erhoben.
Die Probleme, über die sie schreibe, seien keine russischen, sondern amerikanische, die abgelegene Halbinsel exotisiere diese und diene vor allem als Kulisse, so manche Kritiker über ihren schon 2019 im englischen Original erschienenen Roman. Sie selbst gab zu, in erster Linie von amerikanischen und englischsprachigen Autorinnen wie Alice Munro beeinflusst zu sein, weniger von der russischen Literatur. Ist das nun ein Problem?
In ihrem Roman variiert Phillips ein typisches Muster amerikanischer Thriller: Ein, oder in ihrem Fall zwei Mädchen werden mutmaßlich entführt, und das Verbrechen wühlt in der Folge eine ganze Gemeinschaft auf. Bei Phillips ist das Verbrechen aber nur noch Rahmenhandlung und lose wiederkehrendes Motiv. Ausgehend von dem Verschwinden erzählt der Roman in 13 kurzen Geschichten – eine für jeden Monat des Jahres und eine zusätzliche für die Silvesternacht – aus dem Leben verschiedener Frauen.
Es gibt eine indigene Studentin, die sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann; es gibt das Wiedersehen zweier Freundinnen; eine Wissenschaftlerin, die ihrem entlaufenen Hund nachtrauert und zusah, wie ein dicker Mann zwei Mädchen in seinem auffällig sauberen Auto mitnahm; eine junge Frau, die mit eben jenem schusseligen Kollegen, der den Hund entkommen ließ, zum Zelten in die Wälder fährt und sich aufregt, dass der neue Freund tatsächlich ausgerechnet das Zelt vergessen hat.
In Details greifen diese Geschichten sanft ineinander, könnten aber jede auch für sich stehen, als Schnappschüsse aus dem Leben in einer Region, von der die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass sie existiert. Die Geschichten formen gemeinsam ein Mosaik, das kein Reiseführer sein, sondern, wie Phillips der amerikanischen Literaturzeitschrift The Paris Review sagte, Variationen von Gewalt gegen Frauen darstellen soll, von denen eine Entführung nur der Extremfall sei.
Nun kann man einwenden, dass ein entlaufener Hund, ein unaufmerksamer Freund, ein Arztbesuch oder ein langweiliger Ehemann ganz andere Probleme sind, die auch nicht unbedingt mit Gewalt zu tun haben, als der Schmerz einer Ärztin, die schon zwei geliebte Männer verloren hat, oder das Leben einer jungen Frau, die in Russland ihre Homosexualität nur versteckt und unter großer Gefahr ausleben kann. Der Roman suggeriert hier wegen der Verbindungen über Figurenkonstellationen und der strengen Form der Kalendererzählung eine Gleichwertigkeit der Geschichten und Schicksale, die manchmal besser für sich stünden, anstatt die tragische, letztlich aber harmlose Zerrissenheit einer Studentin zwischen zwei Männern unbedingt irgendwie in Beziehung zu einem möglichen Sexualverbrechen setzen zu müssen.
Dieses etwas schiefe Mosaik schmälert aber nicht die Geschichten und die Welt von Kamtschatka, von der sie erzählen und die neben dem feministischen Leitmotiv einen eigenen Sog entwickelt: Von der Trauer mancher über den verblassten Glanz der Sowjetzeit, von den indigenen Traditionen, von der wilden Natur, die nur wenige Autominuten außerhalb der Stadt mit Vulkanen und tiefen Wäldern eine urzeitliche Kulisse für die grundsätzlichen menschlichen Konflikte liefert, die Phillips in ihren Geschichten anreißt.
Die Region ist ihr nicht fremd, neben Auslandssemestern in Moskau verbrachte sie ein Jahr auf Kamtschatka, reiste in abgelegene Orte, fuhr mit Hundeschlitten durch die Tundra und kehrte noch einmal für Recherchen dorthin zurück, als das Romanprojekt konkret wurde.
Die Sprache, in der sie nun von dieser versteckten Welt erzählt, ist klar und präzise, aber nie kalt. Die Kompositionen der Szenen ist meist auffallend gekonnt und ausbalanciert.
Die deutsche Übersetzung kommt dem nahe, auch wenn sie in Einzelfällen etwas schief ist, zum Beispiel, wenn die Polizei in einer abgelegenen Stadt angeblich eine „Filiale“ betreibt und nicht etwa eine Außendienststelle.
Anders gesagt: Julia Philipps Debütroman ist eine kleine comédie humaine, oder viellicht eher: eine comédie feminine, also ein Panorama einer kleinen, abgeschlossenen Welt, in der die Fremdheit, die diese Insel aus einer amerikanischen Perspektive hat, alle Probleme nur noch deutlicher hervortreten lässt.
Als sei es der Autorin gelungen, zu steigern, was sich doch eigentlich nicht steigern lässt.
NICOLAS FREUND
Die Gegenwartsliteratur
Amerikas geht selten über die
Landesgrenzen hinaus
Julia Philips:
Das Verschwinden der Erde. Roman. Aus dem Englischen von Pociao
und Roberto de Hollanda.
Dtv, München 2021.
376 Seiten, 22 Euro.
Sieht Russland in Amerika und umgekehrt: die amerikanische Schriftstellerin Julia Phillips.
Foto: Nina Subin / DPA, Reuters
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