Benutzername: cosmea
Wohnort: Witten
Über mich: Ich lese seit vielen Jahren sehr viel, vor allem Gegenwartsliteratur, aber auch Krimis und Thriller. Als Hobbyrezensentin äußere ich mich gern zu den gelesenen Büchern und gebe meine Tipps an Freunde und Bekannte weiter.
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Bewertungen

Insgesamt 29 Bewertungen
Bewertung vom 06.09.2017
Der Preis, den man zahlt
Pérez-Reverte, Arturo

Der Preis, den man zahlt


sehr gut

Der Schein trügt, meistens jedenfalls
Arturo Pérez-Revertes Roman “Der Preis, den man zahlt“ (“Falcó“) spielt im Herbst 1936 nach Beginn des Spanischen Bürgerkriegs. Die Roten –unter ihnen Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten und Separatisten – versuchen, die Republik vor den Nationalen zu retten, deren Führer Franco mit Unterstützung Hitlers und Mussolinis die Alleinherrschaft anstrebt. Beide wollen die Stärkung faschistischer Regime. In Spanien gibt es eine unübersehbare Vielzahl von Gruppierungen, jede mit ihrer eigenen Miliz und einem eigenen Geheimdienst.
Falcó, der Protagonist dieses Romans, hat ein bewegtes Leben hinter sich, wurde u.a. unehrenhaft aus der Marineakademie entlassen und hat überall in der Welt Waffengeschäfte getätigt. Bei einem Deal in Istanbul flog er auf, und nur der Admiral, sein derzeitiger Vorgesetzter, konnte seine Haut retten. Für ihn arbeitet er seitdem als Spion, als Mitglied des für die Falangisten arbeitenden Geheimdienstes SNIO, spezialisiert auf Infiltration, Sabotage und Mord. Aktuell soll Falcó José Antonio Primo de Rivera, den Gründer der Falange, aus der Festung von Alicante befreien, sein bisher gefährlichster Job, denn dazu muss er in den Süden, der noch von den Roten beherrscht wird. Vor Ort operiert ein kleines Team, bestehend aus den Geschwistern Montero und der geheimnisvollen Eva Rengel, zu der er sich sofort hingezogen fühlt.
Falcó ist ein attraktiver Mann, dem sich wenige Frauen entziehen können. Er ist ein Einzelkämpfe, weder Anhänger der Republikaner noch der Faschisten und vertraut niemandem. Für ihn ist die Welt ein großartiges Abenteuer, das er sich nicht entgehen lassen will, sein Leben ein kurzer Moment zwischen zwei Nächten. Er weiß, dass er eines Tages den Preis zahlen muss für alles, was er getan hat. (S. 22). Für den äußersten Notfall trägt er immer eine Zyankalikapsel bei sich. Er ist kein Protagonist, mit dem man sich ohne weiteres identifiziert, zumal er mehrfach in Aktion gezeigt wird. Er foltert und tötet ohne zu zögern und ohne Skrupel.
Pérez-Revertes Roman liefert ein realistisches Bild der Bürgerkriegszeit, zeigt das Chaos und die Grausamkeit dieses Krieges. Er basiert auf realen Ereignissen, ist aber insgesamt fiktiv. Dem Autor ist ein spannender Spionageroman gelungen, der Vorbilder in der Literatur und im Film hat und den ich gern empfehle.

Bewertung vom 26.08.2017
Dann schlaf auch du
Slimani, Leïla

Dann schlaf auch du


ausgezeichnet

Keine gute Fee, sondern eine wahnsinnige Mörderin
Leila Slimanis zweiter Roman – „Dann schlaf auch du“ („Chanson douce“) – ist mitnichten ein sanftes Wiegenlied. Gleich auf der ersten Seite erfährt der Leser, dass das Kindermädchen die ihm anvertrauten Kinder getötet hat. Im Roman geht es darum, wie es dazu kommen konnte.
Paul und Myriam, ein typisches Ehepaar der Mittelschicht, haben zwei kleine Kinder, Mila und Adam. Paul arbeitet als Produzent in der Musikbranche, Myriam hat ein glänzendes Jurastudium absolviert, konnte ihren Beruf aber wegen der Kinder bisher nicht ausüben. Als ein ehemaliger Studienkollege ihr einen Job anbietet, beschließt sie, ihr häusliches Gefängnis zu verlassen, weil dieses Leben sie nicht glücklich macht. Zusammen mit ihrem Mann sucht sie ein Kindermädchen. Sie finden die 50jährige Louise, eine Frau mit Erfahrung und besten Referenzen. Schon bald wird Louise auch von dieser Familie hoch geschätzt und macht sich sowohl unsichtbar als auch unentbehrlich. Ihr Einsatz für Kinder und Haushalt übersteigt das normale Maß bei weitem. Sie nistet sich ein, will ein Teil dieser Familie sein. Aus ihrer schlimmen Vorgeschichte wird klar warum. Im Laufe der Zeit mehren sich seltsame Vorfälle, Wutanfälle, Abwesenheit. Von Louises Seite aus ist da nicht nur Liebe, sondern auch viel Neid und Hass. Als das Finanzamt das Ehepaar über Louises Altschulden informiert, macht Pauls und Myriams schroffe Reaktion dem Kindermädchen deutlich, dass sie keineswegs Teil der Familie ist, sondern lediglich eine Angestellte, die Weisungen entgegen zu nehmen hat. Es ist eine Frage des Klassensystems, das einen Umgang auf Augenhöhe unmöglich macht. Die Dinge steuern unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu.
Slimani hat einen Psychothriller geschrieben, der nichts an Spannung einbüßt, auch wenn man das Ende von vornherein kennt. Sie analysiert nüchtern, was mit Louise und der Familie passiert. Die Autorin hat sich von einem realen Ereignis inspirieren lassen und erörtert neben Louises Geschichte auch die Frage, wie gut man einen anderen Menschen kennt, ob es tatsächlich in Ordnung ist, wenn eine Mutter einer wildfremden Frau ihre Kinder anvertraut und sie für sich arbeiten lässt, damit sie selbst ihrem Beruf nachgehen und sich Konsumwünsche erfüllen kann.
Leila Slimani hat mich schon mit ihrem Debütroman „Dans le jardin de l´ogre“ sehr beeindruckt und gilt zu Recht als wichtige Stimme in der französischen Gegenwartsliteratur. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

Bewertung vom 26.08.2017
Töte mich
Nothomb, Amélie

Töte mich


gut

Das Verbrechen des Grafen Neville
In Amélie Nothombs “Töte mich“ (“Le crime du comte Neville“) geht es um den Grafen Henri Neville und seine Familie, bestehend aus seiner Frau Alexandra und den Kindern Oreste, Electre und Sérieuse. Eines Tages verbringt die 17jährige Sérieuse die Nacht im Wald, wo sie von der Wahrsagerin Rosalba Portenduère gefunden wird. Als Graf Henri seine Tochter abholt, muss er sich nicht nur die Vorhaltungen von Madame Portenduèrre anhören, sondern erfährt auch, dass er bei dem in Kürze stattfindenden großen Fest einen Gast ermorden wird. Die Garden Party wird das letzte gesellschaftliche Ereignis sein, bevor der hoch verschuldete Graf sein Schloss Le Pluvier in den belgischen Ardennen verkaufen und in eine einfache Behausung auf dem Grundstück ziehen wird. Serieuse drängt ihren Vater, sie zu töten, weil sie nichts mehr fühlt und des Lebens überdrüssig ist. Graf Henri ringt mit sich, ob er seine Tochter oder einen missliebigen Gast töten soll. Letzteres scheidet aus, weil ein vorsätzlicher Mord an einem Gast ihn ins Gefängnis bringen und das Ansehen seiner Familie für immer zerstören würde. Am Ende kommt alles natürlich anders gedacht.
Amélie Nothomb siedelt ihren Roman in einem dekadenten Milieu an, wo nichts wichtiger ist, als den Schein zu wahren. Das ganze Jahr über wird eisern gespart, um einmal im Jahr alles, was Rang und Namen hat, zu einem glanzvollen Fest einzuladen. So hat es schon Henris Vater Aucassin gehalten, der seine Familie hungern und frieren ließ, so dass Henris geliebte ältere Schwester an Unterernährung starb. Manches ist dem Leser aus früheren Romanen vertraut, zum Beispiel die ausgefallenen Namen, bizarre Charaktere und groteske Elemente im Handlungsverlauf. Es gibt nichts wirklich Neues. Dieser Roman ist sicher nicht ihr bester. Mir haben ihre frühen Romane wesentlich besser gefallen, z.B. “Stupeur et tremblements“.
Einmal mehr ist mir im Übrigen klar geworden, wie viel bei der Übersetzung verloren geht. Als der Vater den Vorschlag der Tochter, sie als Opfer zu wählen, nicht ernst nimmt, sagt sie vermutlich “Je suis sérieuse“ - “Ich meine es ernst.“ (S. 64). Der Doppelsinn “Ich bin Sérieuse“ geht verloren. Die Antwort des Vaters “Und machst auch noch billige Witze“ muss dem deutschen Leser ziemlich rätselhaft vorkommen.
Ich empfehle “Töte mich“ nur bedingt. Wirklich überzeugt hat mich der Roman nicht.

Bewertung vom 13.08.2017
Die Lieferantin
Beck, Zoë

Die Lieferantin


gut

Die Lieferantin liefert nicht mehr
In Zoë Becks neuem Roman "Die Lieferantin" geht es um Drogengeschäfte in England. Die Handlung ist leicht in die Zukunft nach dem Brexit verlegt, Drohnen sind allerdings auch jetzt schon in vielfältiger Weise im Einsatz.
Ellie Johnson war eine sehr erfolgreiche Drogendealerin, bei der man über ihre App Drogen in hervorragender Qualität bestellen konnte, die dann mit Hilfe von Drohnen ausgeliefert wurden, ohne dass irgendjemand die Spur zu ihr zurückverfolgen konnte. Doch dann wird ihr Kontaktmann von drei Drogenbossen umgebracht, weil man ihn für das Verschwinden eines Schutzgelderpressers namens Gonzo alias Gerald Miller verantwortlich macht. Der Leser weiß fast von Anfang an, wer hinter dem Verschwinden von Gonzo steckt. Dieser hat über Jahre in die eigene Tasche gewirtschaftet und Restaurantbesitzer Leigh Sorsby an den Rand des Ruins gebracht.
Es folgt eine Geschichte mit Wendungen und Komplikationen, in der es weitere Tote gibt, und Ellie versucht, ihr Leben zu retten.
Besonders spannend ist dieser Thriller nicht, aber mir gefällt die Einbettung in einen denkbaren zeitgenössischen Kontext: eine gefährliche Zunahme von Rassismus durch das Erstarken der extrem nationalistischen Rotweissblauen und das geplante Referendum Druxit, durch das eine Legalisierung von Drogen unmöglich gemacht und alle Leistungen des National Health Service für Drogenkonsumenten entfallen würden.
Becks für eine deutsche Autorin thematisch und vom Setting her ungewöhnlicher Roman liest sich nicht schlecht, aber meiner Meinung nach ist es nicht ihr bester.

Bewertung vom 13.08.2017
Heimkehren
Gyasi, Yaa

Heimkehren


sehr gut

Nachkommen
Yaa Gyasis Debütroman “Heimkehren“ erzählt die Geschichte der Halbschwestern Effia und Esi und ihrer Nachkommen über sieben Generationen, von der Mitte des 18. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Schwestern begegnen einander nie und dennoch sind sie für kurze Zeit einander räumlich sehr nahe, als Effia den reichen britischen Geschäftsmann und Gouverneur James Collins heiratet und in der Festung Cape Coast Castle lebt und ihre Halbschwester dort im unterirdischen Verlies auf ihre Verschiffung nach Amerika wartet.
Die erst 26jährige aus Ghana stammende Autorin erzählt einmal mehr die Geschichte des Sklavenhandels und seiner Folgen für Sklavenhändler und Versklavte. Neu war für mich, in welchem Maße die Afrikaner selbst an diesem lukrativen Geschäft beteiligt waren. Kriegerische Stämme – hier die Asante und die Fante – hatten einander schon immer erbittert bekämpft. Nun wurden die Gefangenen, aber auch andere missliebige Personen an den Meistbietenden verkauft, in der Regel an die Engländer. Dabei gingen die Schwarzen nicht weniger unmenschlich und grausam mit ihren Landsleuten um als die weißen Händler und Soldaten.
Gyasis wählt eine komplizierte Erzählstruktur für ihren Roman. Kapitelweise wechselnd und immer zur jeweils folgenden Generation springend erzählt sie die Geschichte der Halbschwestern und ihrer Nachkommen, wobei sie immer einen direkten Nachfahren und seine Perspektive in den Mittelpunkt stellt. Das ergibt immer neue Schauplätze und eine Vielzahl von Personen. Ohne den Familienstammbaum am Ende des Buches würde der Leser schnell den Überblick verlieren. Der Verzicht auf eine zentrale Figur und Erzählkontinuität ist auf jeden Fall etwas gewöhnungsbedürftig. Dennoch ist der Autorin ein berührender Roman gelungen, der das unendliche, von der Sklaverei verursachte Leid für den Leser spürbar macht und ihm vor Augen führt, dass die Schwarzen noch heute unter den Folgen leiden. Mich hat der gut recherchierte und hoch interessante Roman überzeugt.

Bewertung vom 09.07.2017
Swing Time
Smith, Zadie

Swing Time


sehr gut

Auf der Suche nach der eigenen Identität
In ihrem neuen Roman “Swing Time“ beschreibt Zadie Smith die wechselvolle Freundschaft zweier Mädchen aus gemischtrassigen Beziehungen in London. Sie stammen aus dem gleichen unterprivilegierten Milieu und wohnen in Sozialwohnungen in benachbarten Wohnblocks. Tracey und die namenlose Erzählerin begegnen einander als Kinder und freunden sich sofort an. Beide nehmen am Tanzunterricht in der Gemeinde teil, aber nur Tracey zeigt großes Talent und trainiert von da an intensiv für eine Karriere als Tänzerin. Die Ich-Erzählerin hat Plattfüße und liebt Musik und Gesang sowieso mehr als den Tanz. Sie besuchen schon bald verschiedene Schulen und verlieren sich immer wieder für viele Jahre aus den Augen. Während Tracey tatsächlich eine kurze Karriere als Tänzerin hat, arbeitet die Erzählerin nach dem Studium der Medienwissenschaft und mehreren Aushilfsjobs als Assistentin für den erfolgreichen Popstar Aimee. Da Aimee einen Teil ihres ungeheuren Reichtums zum Aufbau einer Mädchenschule in einem westafrikanischen Land einsetzen will, hält sich die Protagonistin immer wieder in Afrika auf. Die Arbeit für Aimee dauert viele Jahre und lässt ihr keinen Raum, ein eigenes Leben zu führen. Ohnehin wird die Erzählerin als von Natur aus antriebsschwach und orientierungslos gezeichnet. Sie war schon der intriganten, oft grausamen Tracey nie gewachsen. Meist steht sie als Beobachterin am Rand, bleibt passiv. Deshalb ist es auch möglich, dass Aimee sie genauso vereinnahmt, wie es schon die dominante Tracey und die ehrgeizige Mutter der Erzählerin getan haben.
Der Roman hat eine komplizierte Erzähl- und Zeitstruktur. Ein Prolog nimmt einen Endpunkt vorweg. Dann wird in zwei Erzählsträngen kapitelweise wechselnd einerseits in langen Rückblenden über Kindheit, Jugend und mittlere Jahre der Freundinnen, andererseits über die Arbeit für Aimee berichtet. Der ständige Wechsel der Zeitebene, die Personenvielfalt und die ungeheure Detailfülle zwingen den Leser zu aufmerksamem Lesen. Der Roman beschreibt nicht nur die mehrfach unterbrochene Freundschaft der beiden Frauen, sondern behandelt auch eine Vielzahl anderer Themen: Mütter und Töchter, Väter und Töchter, Rasse und Hautfarbe, Herkunft und Identität, die Geschichte der Sklaverei, die hochentwickelten Industrieländer und die Länder der Dritten Welt usw. Beide Mädchen haben auf Grund ihrer haselnussbraunen Hautfarbe schon in der Schule Schwierigkeiten, von denen weiße Mädchen nicht betroffen sind. Das setzt sich fort. Tracey bleibt nicht nur wegen ihres Drogenkonsums und zügellosen Lebens die ganz große Karriere verwehrt, sondern auch weil sie nicht den passenden sozialen und ökonomischen Hintergrund hat. Die Erzählerin dagegen stellt sich immer wieder die Frage nach ihrer Identität, sehnt sich nach Zugehörigkeit. In Afrika erhofft sie sich, bei ihren afrikanischen Schwestern dunkler Hautfarbe eine Heimat gefunden zu haben, muss aber feststellen, dass es keine homogene Masse afrikanischer Frauen gibt, sondern zahllose Stämme mit vielen verschiedenen Sprachen. Ihre bitterste Erkenntnis ist dabei, dass afrikanische Frauen sie als Weiße sehen, als etwas unbedarfte Repräsentantin der 1. Welt. Sie hat einen langen Weg zu gehen, bis sie ihren Platz im Leben findet.
Mir hat der nicht eben mühelos zu lesende Roman gut gefallen, wobei ich die Kapitel über die Freundinnen interessanter fand als die in Afrika spielenden Episoden. Es sieht für mich so aus, als ob Zadie Smith mit ihrem Buch einem Trend folgt: Romane über keinesfalls konfliktfreie Mädchen- und Frauenfreundschaften. Vor einigen Monaten habe ich Emma Clines hervorragenden Debütroman “The Girls“ gelesen, jetzt ist Elena Ferrante mit ihrer Tetralogie in aller Munde, und es gibt zahlreiche andere. Zadie Smith hat jedoch eine Geschichte geschrieben, die mit keiner anderen vergleichbar ist. Ein sehr empfehlenswerter Roman.

Bewertung vom 09.07.2017
Liebe wird überschätzt
Parrella, Valeria

Liebe wird überschätzt


ausgezeichnet

Facetten der Liebe
Die Italienerin Valeria Parrella war mir als preisgekrönte Autorin von Romanen und Erzählungen sowie einem Drehbuch bisher unbekannt. Umso mehr habe ich Gefallen an den acht Erzählungen in „Liebe wird überschätzt“ gefunden. Sie beschreibt unterschiedliche Ausprägungen von Liebe und ihre Begleiterscheinungen wie Untreue und Verlust. Am besten haben mir die Titelgeschichte und „Die Ausgesetzten“ gefallen. In „Liebe wird überschätzt“ zerstört die Todesnachricht vom Geliebten der Mutter die Lebenslüge und macht der Geheimniskrämerei und Heuchelei ein Ende. Die Tochter, die immer von dem Verhältnis der Mutter zu einem anderen Mann gewusst hat, rechnet mit den Eltern wegen ihrer Unaufrichtigkeit gnadenlos ab. In „Die Ausgesetzten“ verlässt eine Nonne das Kloster, um die Mutter eines verlassenen Säuglings zu werden, der im Kloster vor ihren Augen unter Mithilfe eines befreundeten Arztes zur Welt kommt. Genauso eindrucksvoll ist die grenzenlose Liebe von Eltern zu ihrem behinderten Sohn oder die einfühlsame Beschreibung der unvorstellbaren Dauer des Urteils „lebenslänglich“ für den Gefangenen.
Mir haben diese Geschichten sehr gut gefallen und meine Überzeugung bestätigt, dass es ganz hervorragende Autoren in der italienischen Gegenwartsliteratur gibt. Den Namen Valeria Parrella muss man sich jedenfalls merken.

Bewertung vom 25.05.2017
Als wir unbesiegbar waren
Adams, Alice

Als wir unbesiegbar waren


sehr gut

Das Hohelied der Freundschaft
“Als wir unbesiegbar waren“ ("Invincible Summer") ist der Debütroman von Alice Adams. Die Handlung setzt im Sommer 1995 ein, als die Freunde Eva, Benedict und Sylvie ihr erstes Studienjahr in Bristol beendet haben. Eva studiert wie Benedict Physik, die talentierte Zeichnerin Sylvie will Künstlerin werden. Zu der Gruppe gehört auch Sylvies Bruder Lucien, der nicht studiert, sondern als Party Promoter und mit dubiosen Geschäften seinen Lebensunterhalt verdient. Zwei Jahre später trennen sich ihre Wege vorläufig. Benedict wird auf seinem Spezialgebiet Teilchenphysik promovieren, Eva wird Bankerin bei Morton Brothers in den Docklands. Im Jahr 2000 wandern die Vier noch einmal zusammen auf dem Pilgerpfad nach Santiago de Compostela. Ansonsten lebt jeder sein Leben, ohne dass der Kontakt abreißt.
Der Roman zeichnet 20 Jahre im Leben der Freunde nach (1995-2015) und zeigt dabei, wie Träume zerplatzen, Pläne scheitern. Jeder und jede von ihnen erlebt berufliche Fehlschläge und das Scheitern von Beziehungen. Nach den hohen Erwartungen kommt für alle der tiefe Fall, aber ihre Freundschaft überlebt alle Krisen. In der schlimmsten Not sind sie füreinander da. Für den gerührten Leser wird so deutlich: Freundschaft, Liebe und Loyalität sind das Wichtigste im Leben.
Eva ist in diesem Roman die Protagonistin. Sie ist jahrelang in den Womanizer Lucien verliebt. Benedict hingegen liebt Eva lange Zeit ohne Hoffnung, ist in den entscheidenden Momenten nicht in der Lage, ihr seine Gefühle zu offenbaren. Die Figur der Eva basiert im Übrigen auf den Erfahrungen der Autorin, die ebenfalls zeitweise in der City tätig war. Diese Tatsache erklärt das Fachchinesisch einzelner Passagen, z.B. S. 130: “Ein Kind zu bekommen war, als würde man mit Menschheits-Futures long gehen, mit einer Position, die man ständig überwachen musste und weder hedgen noch gleichstellen konnte.“ Alles klar?
Ansonsten ist “Als wir unbesiegbar waren“ ein schöner, gut lesbarer Roman, nicht unkonventionell oder innovativ, dafür gefühlvoll ohne Kitsch, mit einem Schluss, der Hoffnung vermittelt. Durchaus empfehlenswert.

Bewertung vom 30.04.2017
Die Geschichte der Bienen
Lunde, Maja

Die Geschichte der Bienen


gut

Von Bienen und Menschen
Maja Lunde hat mit “Die Geschichte der Bienen“ zum ersten Mal einen Roman für Erwachsene geschrieben. Der Titel lässt den Leser an ein Sachbuch denken. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen fiktionalen Text, bestehend aus drei Erzählsträngen mit drei Protagonisten und ihren Familien. Die Autorin erzählt ihre Familiengeschichten aus der Perspektive von William, George und Tao und ordnet ihnen drei Kontinente und drei verschiedene Epochen zu. William lebt in England. Er ist gescheiterter Wissenschaftler, inzwischen Samenhändler und durchlebt 1852 eine akute Krise, die ihn ans Bett fesselt. Er hat seine Forschungen aufgeben müssen, um seine 10köpfige Familie zu ernähren und muss sich von Rahm, seinem ehemaligen Mentor, deshalb verspotten lassen. Er schöpft neue Hoffnung, als er einen neuartigen Bienenstock entwickelt, bis Rahm ihm mitteilt, dass es so etwas längst gibt. George lebt 2007 in Ohio mit Ehefrau Emma und Sohn Tom. Sein Hof samt Imkerei bringt nicht viel ein. Sein Sohn soll den Hof übernehmen, hat aber eigene Pläne. Dann passiert das Unfassbare: wie in anderen Regionen weiter südlich verschwinden auch in Ohio eines Tages die Bienen, und George verliert die Mehrzahl seiner Bienenvölker. Die Geschichte von Tao spielt in China im Jahr 2098. Bienen sind inzwischen ausgestorben. Riesige Obstplantagen werden von Arbeitern von Hand bestäubt. Es ist Schwerstarbeit, für die ein Schulbesuch bis zum achten Lebensjahr ausreicht. Die Bevölkerung ist drastisch geschrumpft, Armut und Hunger bestimmen den Alltag, die Städte verfallen. Die Katastrophe bricht über Tao und ihren Mann herein, als ihr kleiner Sohn Wei-Wen eines Tages bei einem Ausflug ins Koma fällt und an einen unbekannten Ort gebracht wird.
Die Autorin zeigt, wie das Leben dieser Menschen mit den Bienen zusammenhängt, wie eine Krise die familiären Bindungen und die Partnerbeziehung zerstört. Vor allem die Ehepartner entfernen sich voneinander und können nicht über die Dinge sprechen, die sie belasten. Lunde erzählt ihre Geschichte in sehr kurzen Kapiteln und führt die drei Erzählstränge am Ende zusammen. Sie macht deutlich, dass menschliches Leben, so wie wir es kennen, vom Wohlergehen der Bienen abhängt, dass die katastrophale Entwicklung, die sie aufzeigt, schon angefangen hat, denn die Ursachen – der Einsatz von Pestiziden, Monokulturen und Klimawandel mit extremen Wetterlagen – vernichten bereits heute Bienenvölker in aller Welt. Nur ein anderer, vernünftiger Umgang mit der Natur kann uns vielleicht noch retten.
Lundes zweites großes Thema ist das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, von Müttern zu Söhnen, im Fall von William und George auch von Vätern zu ihren Söhnen. Überzogene Erwartungen und fehlende Kommunikation sorgen für gewaltige Probleme in diesen Familien.
Lundes Roman liest sich trotz einiger Längen gut und regt zum Nachdenken an, weil er Zusammenhänge aufzeigt, die so vielleicht nicht jedem bewusst sind. Eine durchaus empfehlenswerte Lektüre.

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Bewertung vom 21.04.2017
Der Freund der Toten
Kidd, Jess

Der Freund der Toten


gut

Die Lebenden und die Toten
Jess Kidds Debütroman “Der Freund der Toten“ (“Himself“) spielt im fiktiven Ort Mulderrig in der Grafschaft Mayo im Westen der Republik Irland. Der Roman beginnt im Jahr 1950 mit dem grausamen Mord an einer jungen ledigen Mutter. Ihr Sohn Mahony alias Francis Sweeney fährt 26 Jahre später nach Mulderrig, um herauszufinden, was damals mit seiner Mutter Orla geschah. Er kann nicht länger glauben, was man ihm im Heim in Dublin erzählt hat: dass seine Mutter eine Hure war, die kein Interesse an ihm hatte. Er hat einen Brief erhalten, der einen ganz anderen Hintergrund andeutet. Mahony ist ein sehr attraktiver, charmanter, aber sehr ungepflegt wirkender junger Mann, der mit seinem Charme jeden, vor allem Frauen, für sich einnimmt. Er ist jedoch keineswegs bei allen willkommen. Der Fremde soll die Vergangenheit ruhen lassen, vor allem keinen Mörder entlarven. In seiner Unterkunft Rathmore House findet er Verbündete: Shauna, die das Haus leitet, vor allem aber die exzentrische alte Schauspielerin Merle Cauley. Mrs Cauley bringt jedes Jahr im Gemeindesaal ein Stück zur Aufführung. Mahony soll die Hauptrolle in J.M Synges Playboy der westlichen Welt übernehmen. Beim Vorsprechen fragen sie die Dorfbewohner nach Orla und ihrem rätselhaften Verschwinden aus. Aber nicht nur die Lebenden liefern Informationen und Puzzleteilchen zu den damaligen Ereignissen. Auch die Toten sind eine wichtige Informationsquelle. Wie sich nämlich herausstellt, hat Mahoney von seiner Mutter übersinnliche Fähigkeiten geerbt und kann – genauso wie Mrs Cauley – die Toten sehen und sogar mit ihnen kommunizieren. Das ermordete Kind Ida führt ihn zu wichtigen Erkenntnissen und Orten. Für Mahony ist es ein langer und gefährlicher Weg.
Jess Kidds Roman ist ein merkwürdiger Genre-Mix aus Kriminalroman und magischem Realismus. Das ist eine problematische Mischung, die zwar sehr poetische und atmosphärisch dichte Beschreibungen erlaubt, aber auch die Spannung mindert, zumal der Leser auf der ersten Seite über den Mord informiert wird und den Täter lange vor dem Ende errät. Mich stört, dass auf nahezu jeder Seite etwas Paranormales passiert, dass die Toten ständig durch Wände und andere feste Hindernisse gleiten, dass es Invasionen von allen möglichen Tieren, z.B. Ratten, Spinnen, Fledermäusen, Maulwürfen, Dachsen usw. gibt, Unmengen von Ruß in die Häuser dringt, im Pfarrhaus plötzlich eine heilige Quelle sprudelt, schwere Stürme den Ort heimsuchen usw. Das ist des Guten zu viel und geht zu Lasten einer schlüssigen Handlung und von Sorgfalt bei der Charakterisierung. Es ist ein ungeheuer düsterer Roman mit vielen Toten bis hin zum Showdown, den auch der Protagonist nur knapp überlebt. Die detailliert beschriebene Brutalität gegenüber Mensch und Tier wäre unerträglich, gäbe es nicht auch viele Episoden von grotesker Komik. “Der Freund der Toten“ ist ganz unterhaltsam, aber für mich nicht frei von deutlichen Mängeln.