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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: cosmea
Wohnort: Witten
Über mich: Ich lese seit vielen Jahren sehr viel, vor allem Gegenwartsliteratur, aber auch Krimis und Thriller. Als Hobbyrezensentin äußere ich mich gern zu den gelesenen Büchern und gebe meine Tipps an Freunde und Bekannte weiter.
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Bewertungen

Insgesamt 51 Bewertungen
Bewertung vom 08.07.2018
Häuser aus Sand
Alyan, Hala

Häuser aus Sand


ausgezeichnet

Man darf nicht vergessen
In ihrem Roman “Häuser aus Sand“ erzählt die palästinensisch-amerikanische Autorin Hala Alyan die Geschichte der Palästinenser-Familie Yacoub über vier Generationen, beginnend im Jahr 1963 mit der Großmutter Salma. Sie lebt seit fünfzehn Jahren in Nablus im Westjordanland, nachdem sie ihre geliebten Orangenhaine in Jaffa aufgeben musste. Sie hat drei Kinder. Der Sohn Mustafa stirbt 1967 im Sechstagekrieg. Die Tochter Alia heiratet Mustafas besten Freund Atef. Alia ist die zentrale Figur dieses Romans, zunächst als Tochter, dann als Mutter, schließlich als Großmutter der vierten Generation. Als die Familie in Nablus nicht mehr sicher ist, gehen Alia und Atef in das ungeliebte glühend heiße Kuweit. Dort lebt auch die älteste Schwester Riham mit ihrem Mann. Salma und zahlreiche Verwandte und Freunde von früher sind nach Amman in Jordanien gezogen, wo Alia sie öfter besucht. Als sie auch Kuweit verlassen müssen, ziehen sie in ihre Wohnungen in Beirut. Ihre Kinder leben in Paris, in den USA und schließlich auch im Libanon.
Erzählt wird diese Familiengeschichte chronologisch mit kapitelweise wechselnder Perspektive von 1963 bis 2014. Ein Stammbaum zu Beginn des Romans hilft dem Leser, nicht die Orientierung zu verlieren. Vertreibung und Entwurzelung sind die großen Themen des Buches. Die Yacoubs verlieren ihr Land und ein Haus nach dem anderen. Nichts ist von Dauer, es gibt keine Garantie, für nichts. Die Autorin durchbricht insofern den Erwartungshorizont des Lesers, als es hier nicht um halbverhungerte, ständig vom Tod bedrohte Lagerbewohner geht, sondern um eine gut situierte Familie der oberen Mittelschicht, die, auch wenn sie immer wieder ihr Haus und ihr Land verliert, über genügend finanzielle Reserven verfügt, um sich anderswo eine neue Existenz aufzubauen. Dennoch bleibt der Verlust der Heimat eine schmerzliche Erfahrung, die sie alle prägt. Sie versuchen, in der Erinnerung zu bewahren, was sie verloren haben. Dabei kann die Sehnsucht nach Vergangenem so zerstörerisch wirken wie eine Krankheit. Die alte Salma gibt ihren Kindern ihre Überzeugung “Man darf nie vergessen.“ (S. 181) mit auf den Weg. Das Leben kümmert sich nicht um das Schicksal des Einzelnen: “Es geht einfach weiter“ (S. 343).
Mir hat dieser auch sprachlich hervorragende Roman gut gefallen. Man kann ihn als Familiensaga lesen oder den Blick auf die traumatische Erfahrung der permanenten Entwurzelung richten. Alyans Roman ist ein beeindruckendes Beispiel von Migrantenliteratur und damit in jeder Hinsicht brandaktuell.

Bewertung vom 08.07.2018
Das weibliche Prinzip
Wolitzer, Meg

Das weibliche Prinzip


ausgezeichnet

Feministinnen
Im Mittelpunkt von Meg Wolitzers neuem Roman “Das Weibliche Prinzip“ steht Greer Kadetzky, die nach dem Schulabschluss ein Studium an der fiktiven Ryland Universität beginnt, während ihr langjähriger Freund Cory nach Princeton geht. Eigentlich war sie in Yale angenommen worden. Daraus wird jedoch nichts, weil ihre trinkenden und kiffenden Hippieeltern die Unterlagen für das Stipendium nicht korrekt bearbeiten. Bald findet die schüchterne Greer in der selbstbewussten Zee Eisenstat eine treue Freundin. Dann passieren zwei Dinge: Greer wird bei einer Party in einem Verbindungshaus Opfer eines sexuellen Übergriffs und trifft bei einem Vortrag die 63jährige Faith Frank, die Ikone der Frauenbewegung. Greer ist schwer beeindruckt von der charismatischen Frau. Nach Abschluss ihres Studiums wird sie sich erfolgreich bei der von Faith geleiteten Non Profit-Organisation bewerben. Greer macht dort einen guten Job, indem sie Frauen in Not eine Stimme verleiht und ihnen zusammen mit der Stiftung hilft. Sie ist glücklich mit ihrem Job und bewundert ihr Idol. Nach einem viel beachteten öffentlichen Auftritt erfährt Greer, dass sie manipuliert worden und genauso wie Faith unwissentlich in einen schändlichen Betrug verwickelt worden ist. Greer muss erkennen, dass niemand unfehlbar ist, auch sie selbst nicht, und orientiert sich neu.
Der Roman beschreibt die Wachablösung der älteren Frauenrechtlerinnen durch eine kämpferische junge Generation von Feministinnen, wie die aktuelle MeToo-Bewegung zeigt. Als Leser hat man den Eindruck, dass wie so oft die Realität die Fiktion bei weitem übertrifft, hat sich doch die Protagonistin als erfolgreiche Bestsellerautorin mit Anfang 30 ziemlich gemütlich in einem bürgerlichen Leben eingerichtet und wirkt so gar nicht militant.
Im Roman geht es jedoch nicht nur um Frauenrechte und den langen Weg zu ihrer Verwirklichung, sondern auch um eine Vielzahl anderer Themen. Es gibt eine Liebesgeschichte, und es geht um Freundschaft und Verrat, berufliche Ambitionen, Kritik an Kapitalismus und allgegenwärtigem Materialismus. Jede Frau – jeder Mensch – muss die Ideale finden, nach denen er oder sie leben will. Wir müssen selbst herausfinden, welche Art Mensch wir sein wollen.
Ich habe dieses gehaltvolle, sprachlich anspruchsvolle Buch gern gelesen – nicht zuletzt wegen seiner unübersehbaren Aktualität - und bin nach “The Wife“ und “Die Stellung“ noch mehr überzeugt, dass Meg Wolitzer eine wichtige Stimme in der amerikanischen Gegenwartsliteratur ist.

Bewertung vom 28.06.2018
Die Unruhigen
Ullmann, Linn

Die Unruhigen


sehr gut

Spurensuche
Die bekannte schwedische Autorin Linn Ullmann ist die Tochter berühmter Eltern: die Mutter ist die norwegische Schauspielerin Liv Ullmann, ihr Vater war der schwedische Regisseur Ingmar Bergman. Bergman hatte neun Kinder von sechs verschiedenen Frauen. Mit Liv Ullmann war er nicht verheiratet. Das Paar trennte sich drei Jahre nach Linns Geburt. Linn wuchs bei der Mutter auf, verbrachte aber die Sommer im Haus ihres Vaters auf der Insel Farö. Die Autorin nennt die drei Hauptpersonen „der Vater“, „die Mutter“, „das Mädchen“, will die Figuren absichtlich fiktionalisieren, obwohl das Buch schon stark autobiografisch geprägt ist. Es enthält viel Wahres, aber auch Erfundenes. “Die Unruhigen“ erzählt nicht chronologisch von schwierigen Familienbeziehungen, enthält Erinnerungen, Zitate und vor allem die Transkription von sechs Tonbandaufnahmen, in denen die erwachsene Linn ihren Vater interviewt. Ursprünglich wollte Bergman ein Buch über das Altern schreiben. Als das nicht mehr möglich war, entwarfen Vater und Tochter das Projekt mit den aufgezeichneten Interviews. Sie ließen sich so viel Zeit mit der Planung, dass es auch dafür fast zu spät war. Als sie wenige Monate vor Bergmans Tod mit den Interviews begannen, verlor der Vater sehr schnell seine Erinnerungen und seine Sprache und konnte sich nicht mehr zusammenhängend äußern. Herausgekommen ist dennoch ein berührendes Dokument einer liebevollen Vater-Tochter-Beziehung und das Porträt eines großen Regisseurs, dem Pünktlichkeit, die Befolgung fester Regeln und stets gleichbleibende geordnete Abläufe überaus wichtig waren. Die ehrgeizige alleinerziehende Mutter kommt weniger gut weg, weil sie nie ihre internationale Karriere aus den Augen verlor. Linn wurde entweder von einer Reihe von Kindermädchen betreut oder zog mit der Mutter um die ganze Welt, was ihr siebzehn Schulwechsel einbrachte. Dennoch hat sie auch die Mutter innig geliebt.
Ullmanns Roman liest sich nicht mühelos, weil es diese unendlich vielen Zeitsprünge und die enorme Themen- und Personenvielfalt gibt und keine stringente Handlung. Dennoch hat mir das Buch gut gefallen. Es ist ein gelungener Roman mehr über Erinnern und Vergessen und den Versuch, Vergangenes zu verstehen und festzuhalten. Sehr empfehlenswert.

Bewertung vom 10.06.2018
Miss Gladys und ihr Astronaut
Barnett, David M.

Miss Gladys und ihr Astronaut


ausgezeichnet

Hilfe aus dem All
In David M. Barnetts Debütroman “Miss Gladys und ihr Astronaut“ springt der 46jährige Chemiker Thomas Major für den plötzlich verstorbenen, eigentlich vorgesehen Astronauten ein und begibt sich auf den ersten bemannten Flug zum Mars – eine Reise ohne Wiederkehr. Er soll auf dem roten Planeten alles für eine spätere Besiedlung vorbereiten. Sein eigentliches Motiv für diese Aktion ist, dass er die Menschen nicht mehr erträgt. Aus dem All ruft er seine Exfrau Janet an und landet bei Gladys Ormerod, einer Großmutter Anfang 70, die unter fortschreitender Demenz leidet. Sie ist offiziell für ihre Enkel Ellie, 15 und James, 10 verantwortlich, seit ihr Sohn Darren eine Haftstrafe verbüßt. Leider hat Gladys versehentlich den Dauerauftrag für die Mietzahlungen gelöscht, das gesamte Geld der Familie einem Betrüger überwiesen und alle Mahnungen ignoriert, so dass die Zwangsräumung unmittelbar bevorsteht. Die einzige Rettung könnte die erfolgreiche Teilnahme des hochbegabten James beim Nationalen Wettbewerb für Junge Wissenschaftlicher sein, für die ein Preisgeld in Höhe der Mietschulden ausgesetzt ist. Bis zu diesem Augenblick hat die junge Ellie unter Vernachlässigung ihrer schulischen Pflichten die gesamte Verantwortung getragen, mit drei Jobs den Lebensunterhalt finanziert und das Auseinanderbrechen der Familie verhindert.
Der Astronaut, den alle nur Major Tom nennen, erfährt in mehreren Gesprächen mit den Ormerods von der Notlage der Familie und will sich zunächst nicht hineinziehen lassen. Seine Einstellung ändert sich jedoch allmählich, weil er sich wegen seines eigenen Verhaltens in der Vergangenheit schuldig fühlt und Wiedergutmachung leisten will. Im Laufe der Geschichte erfährt der Leser also nicht nur alles über die Lebensumstände der Ormerods, sondern auch, warum Thomas Major zum unausstehlichen Griesgram und Menschenfeind geworden ist.
Die Geschichte liest sich trotz einiger unwahrscheinlicher Zufälle sehr gut. Man merkt schnell, dass dies kein Science Fiction-Roman ist, auch kein Buch über David Bowie, dessen Musik jedoch eine große Rolle spielt. Es ist ein Roman über Freundschaft und Menschlichkeit. Der Autor vermittelt die Botschaft, dass man die Hoffnung nie aufgeben darf. Auch der griesgrämige Major Tom begreift, dass nicht alle Menschen schlecht sind und er dem irdischen Leben vielleicht etwas vorschnell den Rücken gekehrt hat. “Miss Gladys…“ ist ein Wohlfühlroman, der mich berührt hat.

Bewertung vom 03.06.2018
Wahrheit gegen Wahrheit
Cleveland, Karen

Wahrheit gegen Wahrheit


gut

Im Visier der Geheimdienste
In Karen Clevelands Debütroman “Wahrheit gegen Wahrheit“ (“Need to Know“) geht es um die Spionageabwehr-Analystin Vivian Miller, die in der Russlandabteilung der CIA arbeitet und der es gelingt, den Computer eines russischen Agentenführers mit Hilfe des von ihr entwickelten Algorithmus zu hacken. Was sie dabei entdeckt, stellt ihr ganzes bisheriges Leben auf den Kopf. Einer der fünf Schläfer der auf diese Weise entdeckten Zelle ist ihr Ehemann Matt. Wird sie ihn ausliefern und damit ihren vier Kindern den Vater nehmen, oder wird sie um jeden Preis versuchen, ihre Familie zusammenzuhalten? Die Entscheidungen, die sie in der Folge trifft, erweisen sich als Fehler und bringen sie in immer größere Schwierigkeiten. Sie kann nun niemandem mehr trauen, am wenigsten ihrem Ehemann. Vivian lässt Ereignisse, Äußerungen und Verhaltensweisen ihres Mannes in der Vergangenheit Revue passieren und begreift, in welchem Ausmaß sie manipuliert und verraten worden ist. Doch dann ist sie in ihrer Naivität genauso oft wieder bereit, ihm zu vertrauen. Ihr Umgang mit den Problemen wirkt wenig professionell. Sie lässt sich zunächst ausschließlich von ihren Gefühlen leiten und setzt die erworbenen beruflichen Fähigkeiten nicht ein.
“Wahrheit gegen Wahrheit“ ist eine Mischung aus Spionageroman und Beziehungsgeschichte mit einer überraschenden Wendung am Schluss. Der Familienalltag der Millers und die Vorgeschichte des Paares nehmen breiten Raum ein. Auch wenn es kein Thriller ist, fand ich das Buch durchaus spannend und lesbar. Große Literatur ist das allerdings nicht. Es fehlt insgesamt an Tiefgang, und die Charakterisierung der Protagonisten überzeugt nicht. Dafür scheint der Roman eine gute Vorlage für eine Verfilmung zu sein. Da überrascht es nicht, dass die Filmrechte sofort verkauft wurden und eine Verfilmung mit Charlize Theron geplant ist.

Bewertung vom 21.05.2018
NACHTWILD
Phillips, Gin

NACHTWILD


sehr gut

Treibjagd im Zoo
In “Nachtwild“ von Gin Phillips geht es um eine Mutter – Joan -, die wie schon häufig den Zoo mit ihrem vierjährigen Sohn Lincoln besucht. Sie haben ihre Lieblingsplätze besucht und ihre üblichen Rituale absolviert, als plötzlich explosionsartige Geräusche zu hören sind. Joan eilt mit Lincoln Richtung Ausgang, wo sie mehrere Tote am Boden liegen und einen jungen Mann mit einer Waffe sieht. Sie läuft zurück und versteckt sich in einem leeren Gehege, später noch an anderen Stellen, wo sie auf weitere Überlebende trifft. Alle sind gefangen wie sonst nur die Tiere im Zoo.
Im Folgenden geht es um die vielen Entscheidungen, die Joan treffen muss, um ihr Überleben zu ermöglichen. Polizisten tauchen erst am Ende auf. Sie ist auf sich allein gestellt und muss ihren Sohn ständig dazu anhalten, leise zu sein, damit sie sich nicht verraten und darf ihn trotzdem nicht ängstigen, weil seine Reaktionen dann unkalkulierbar werden könnten. Joan muss schließlich ein sicheres Versteck verlassen, um aus den Automaten etwas Essbares zu besorgen, weil bei ihrem Sohn Unterzuckerung droht – mit weiteren unabsehbaren Folgen.
Die Autorin beschreibt einen Zeitraum von etwas über drei Stunden überwiegend aus der Perspektive der Mutter. Sie zeigt, wie eng das Verhältnis zwischen Mutter und Kind ist, wie sie alle Entscheidungen ausschließlich unter dem Gesichtspunkt trifft, dass sie sein Leben retten will. Dabei ist sie sich durchaus der damit verbundenen ethischen Probleme bewusst. Hat sie das Recht, ein Baby nicht zu retten, das ihnen allen durch sein Schreien den Tod bringen könnte?
Der kammerspielartig konstruierte Roman mit der klassischen Einheit von Raum, Zeit und Handlung kommt ohne Gewaltorgien aus, ist aber dennoch packend, wenn auch nicht ganz so spannend, wie in den Werbetexten angekündigt. Die unerwartete Bedrohung durch einen oder mehrere Killer ist kein Produkt der Fantasie von Phillipps, sondern real genug, wie die Schulschießereien – zuletzt in Texas -, die seit dem Massaker an der Columbine High School am 20. April 1999 die USA erschüttern, immer wieder zeigen. “Nachtwild“ macht deutlich, was Mutterschaft und –liebe bedeuten, welche Ängste um ihr Kind eine Mutter von seiner Geburt an umtreiben und zu welchen Opfern sie um seinetwillen bereit ist. Die Autorin charakterisiert ihre Figuren sorgfältig, vor allem Joan und den lebhaften, ungewöhnlich frühreifen vierjährigen Lincoln. Ein lesenswerter, ziemlich ungewöhnlicher Thriller.

Bewertung vom 08.04.2018
Das Eis
Paull, Laline

Das Eis


sehr gut

Interessenkonflikte
“Das Eis“ ist nach ihrem Debütroman “Die Bienen“ Laline Paulls zweiter Roman. Schauplatz der Handlung ist überwiegend die Arktis. Ein Kreuzfahrtschiff mit vielen enttäuschten Passagieren, denen man werbewirksam die Sichtung von Eisbären versprochen hatte, durchqueren eine Passage. Dann sehen sie nicht nur einen riesigen Eisbären, sondern auch einen kalbenden Gletscher, der eine Leiche freigibt. Wie sich herausstellt, handelt es sich um den drei Jahre zuvor verschwundenen Umweltaktivisten Tom Harding. Sein Freund und Geschäftspartner Sean Cawson wird in London telefonisch von seinem Mentor Joe Kingsmith informiert.
Sean Cawson wird in der Folge massiv mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Da gibt es nicht nur seine gescheiterte Ehe, die zerstörte Beziehung zu seiner Tochter Rosie, sondern vor allem die mysteriösen Umstände von Toms Verschwinden und Tod. In zahlreichen Rückblenden wird die Geschichte nachgeholt: wie sich Tom und Sean als Studenten kennenlernten und durch ihre Liebe zur Arktis verbunden eine tiefe Freundschaft entwickelten, wie Sean in die Fänge seines Mentors Joe Kingsmith, eines dubiosen, immens reichen Geschäftsmannes geriet, der auch Sean durch Beratung und geschickte Investitionen reich machte. Während Tom zeitweise Chef von Greenpeace war, findet Sean immer mehr Geschmack an Reichtum und Macht, wodurch ihre Freundschaft nicht gerade konfliktfrei ist. Für ein großes Projekt finden sie dann noch einmal zusammen. Sie entwickeln das Geschäftsmodell einer exklusiven Lodge für betuchte Gäste, das sich gleichzeitig dem Umweltschutz verpflichtet.
In der Erzählgegenwart muss sich Sean als Zeuge einer gerichtlichen Untersuchung stellen, die Klarheit über Toms Tod und Seans mögliche Verstrickung in die Ereignisse bringen soll, denn er war der Letzte, der Tom lebend in einer einstürzenden Eishöhle gesehen hat, aus der er sich lebend retten konnte.
Der von der Zeitstruktur her komplizierte Roman ist zugleich Umweltthriller und Gerichtsdrama. Die globale Erwärmung, die zum Schmelzen der Polkappen und zum Einsturz der Höhle führt, existiert in der Realität. Interessanterweise schrieb Paull das Buch, noch bevor Donald Trump den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen ankündigte und zeigt die Brisanz des Themas. Anfangs nicht frei von Längen gewinnt das Buch zunehmend an Tempo und Spannung, zum Beispiel wenn die Autorin zeigt, wie weit Menschen in ihrer Gier nach Macht und Reichtum zu gehen bereit sind. Laline Paull beschreibt erneut reale, vom Menschen verursachte Entwicklungen, die die Zukunft der Menschheit gefährden. Im ersten Roman war es das verhängnisvolle Bienensterben, im neuen Buch die Klimakatastrophe mit all ihren desaströsen Folgen. Man kann sagen, dass die Autorin die Schwierigkeit, eine fiktive Handlung mit einem ernsten Anliegen zu verknüpfen, recht gut meistert.

Bewertung vom 08.04.2018
Kleine Feuer überall
Ng, Celeste

Kleine Feuer überall


ausgezeichnet

Familiengeheimnisse
Kleine Feuer überall“ ist Celest Ngs zweiter Roman nach ihrem hochgelobten Debüt. Die Familie Richardson lebt in Shaker Heights, einem Vorort von Cleveland Ohio, wo fast ausschließlich Reiche leben. Auch die Richardsons sind ein gutsituiertes Ehepaar der oberen Mittelschicht. Bill ist Partner in einer Sozietät, Elena schreibt als Journalistin harmlose Artikel für eine kleine lokale Zeitung. Sie haben vier Kinder. Nur Isabelle genannt Izzy, die Jüngste, macht Probleme. Alles scheint perfekt in dieser Siedlung, wo alles geregelt ist, sogar der Fassadenanstrich.. Alles verläuft nach festgelegten Regeln. Elena hat dieses Prinzip verinnerlicht und duldet auch nach außen keine Abweichungen in ihrer scheinbar perfekten Familie.
Eines Tages brennen in ihrem Haus kleine Feuer in sechs Schlafzimmern gleichzeitig. Die meisten Mitglieder waren zum Zeitpunkt des Ausbruchs abwesend. Nur Izzy ist und bleibt verschwunden. Hat die 15jährige die Brände gelegt und wenn ja warum? Oder hat die Mieterin einer Wohnung der Richardsons in ihrem geerbten Haus etwas damit zu tun? Mrs Richardson wollte ein gutes Werk tun, indem sie der mittellosen alleinerziehenden Fotografin Mia Warren und ihrer 15jährigen Tochter Pearl die Wohnung überließ. Mutter und Tochter sind am Vorabend überstürzt ausgezogen.
Ein zweiter Konflikt spaltet seit einiger Zeit die Bewohner von Shaker Heights. Eine mittellose Chinesin hatte ihr Baby in einer extremen Notlage ausgesetzt, ein reiches kinderloses Ehepaar aus dem Freundeskreis der Richardson bemüht sich um die Adoption. Die Mutter, eine Arbeitskollegin von Mia, verlangt ihr Kind zurück. Ein Richter muss entscheiden, wer das Kind bekommt – die leibliche Mutter oder das reiche Ehepaar. Was zählt mehr? Biologie oder die materiellen Gegebenheiten? Mia und Elena stehen auf verschiedenen Seiten. Da Elena Mias Motiven misstraut, beschließt sie, Mias Vergangenheit zu erforschen und ihre Geheimnisse ans Licht zu bringen. Es erfüllt sie mit großem Unbehagen, dass ihre Kinder sich mit Pearl anfreunden und zunehmend unter den Einfluss der Mutter geraten. Sie sieht in Mias gegensätzlichem Lebensentwurf eine wachsende Gefahr für ihre eigene häusliche Idylle.
Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt und enthält zahlreiche Rückblenden. Wie raffiniert die Erzählstruktur ist, zeigt sich, wenn Elena Mias Vergangenheit erforscht. Mias Vorgeschichte und künstlerischer Werdegang werden von einem allwissenden Erzähler in aller Breite dargestellt. Was da berichtet wird, ist nicht das Ergebnis von Elenas Recherchen. Derselbe Erzähler gibt in Vorausdeutungen auch zahlreiche Hinweise auf die Zukunft.
Der sehr gut geschriebene Roman mit sorgfältiger Charakterisierung auch der Nebenfiguren spricht mehrere wichtige Themen an. Es geht um die Bedeutung von Mutterschaft und die Beziehung von Müttern und Töchtern an gleich mehreren Beispielen, um Rasse und Identität, um die Macht von Geheimnissen, die in den Familien ihre zerstörerische Wirkung entfalten, um angepasstes und unkonventionelles Leben.
Sehr gelungen finde ich die im Titel und der Eingangsszene enthaltene Thematik des Feuers. Die realen Feuer werden auf der metaphorischen Ebene mehrfach gespiegelt. Elena war immer überzeugt, dass man die gefährlichen Feuer der Leidenschaft löschen muss, sonst werden sie zum Flächenbrand. Sie hat den Funken der Rebellion und alle weitergehenden Ambitionen frühzeitig in sich erstickt – zugunsten eines angepassten, strikten Regeln gehorchenden Lebens. An Mia Warren sieht sie, welche Chancen sie dadurch verpasst hat. Vor Schaden hat sie dieses Leben nicht bewahrt. Sie selbst hat letztliche das fragile Gebilde ihrer scheinbar perfekten Familie durch ihre skrupellosen Recherchen zum Einsturz gebracht. Mia gibt Izzy ihre Erkenntnis mit auf den Weg, dass man manchmal alles niederbrennen muss, um sich zu befreien und neu anzufangen. Ein bemerkenswerter, auch sprachlich hervorragender Roman.

Bewertung vom 30.03.2018
Krokodilwächter
Engberg, Katrine

Krokodilwächter


sehr gut

Wenn Realität und Fiktion sich berühren
“Krokodilwächter“ ist Katrine Engbergs Thrillerdebüt. Der Roman schaffte es gleich auf die dänische Bestsellerliste - völlig zu Recht.
Esther de Laurenti, Professorin im Ruhestand, genießt ihr Leben. Sie feiert mit Freunden, nimmt Gesangsstunden bei ihrem jungen Freund Kristoffer und schreibt an einem Kriminalroman. Sie lebt im obersten Stock ihres Hauses in der Kopenhagener Innenstadt. Die anderen Etagen sind vermietet. Eines Tages passiert etwas Unvorstellbares: Ihr alter Mieter Gregers sieht durch die geöffnete Wohnungstür die Leiche einer jungen Frau und erleidet einen Herzanfall. Esther erfährt erst durch die Ermittler Jeppe Korner und seine Kollegin Anette Werner, dass eine Mieterin in ihrem Haus grausam ermordet worden ist. Das Makabre an der Sache ist, dass der Tathergang stark an eine Szene aus dem Manuskript ihres Kriminalromans erinnert. Dadurch gerät sie selbst unter Verdacht.
Im Folgenden gehen die Ermittler einer Vielzahl von Spuren nach – über lange Zeit ohne Ergebnis. Es werden zahlreiche falsche Fährten gelegt. Erraten kann man die Auflösung nicht wirklich, nur ahnen, welche Ereignisse in der Vergangenheit zu diesem und weiteren Verbrechen geführt haben. Engberg ist ein spannender Thriller mit sorgfältig gezeichneten Charakteren gelungen. Das sympathische Polizistengespann Jeppe Korner und Anette Werner macht neugierig auf die angekündigten Folgebände, wobei der physisch und psychisch angegriffene Jeppe deutlich in der Tradition der beschädigten Ermittlerpersönlichkeiten von Mankells Wallander und Co. steht. Ich habe diesen Roman gern gelesen und empfehle ihn ohne Einschränkung.

Bewertung vom 14.03.2018
Höllenjazz in New Orleans
Celestin, Ray

Höllenjazz in New Orleans


ausgezeichnet

Ein Serienkiller als Jazzliebhaber?
“Höllenjazz in New Orleans“ (Original: “The Axeman´ s Jazz“) von Ray Celestin ist der Auftakt einer vierteiligen Krimiserie. Er basiert zum Teil auf tatsächlichen Ereignissen und enthält real existierende Personen, z.B. Louis Armstrong und andere bekannte Jazzmusiker. Von 1918-1919 ermordete ein unbekannter Serienkiller eine Reihe von italienischen Ladenbesitzern. Es waren blutige Axtmorde, und der Killer hinterließ jedes Mal einige Tarotkarten am Tatort oder sogar in den Wunden der Opfer. Dann kündigt er in einem Brief an die Lokalzeitung weitere Morde an und fordert die Menschen auf, an einem bestimmten Tag um 0.15 Jazz in ihren Häusern erklingen zu lassen, andernfalls würden sie die nächsten Opfer sein. In New Orleans breitet sich Panik aus. Die Polizei tappt im Dunkeln.
Detective Lieutenant Michael Talbot arbeitet hart an dem Fall, kann aber bisher keine Ergebnisse vorweisen. Er hat sowieso einen schweren Stand, seit er seinen früheren Mentor Luca d´Andrea wegen Korruption angezeigt hat. Außerdem verbreitet sich in der extrem rassistischen Stadt das Gerücht, dass er mit einer Farbigen zusammenlebt.
In diesem zwar sehr umfangreichen, aber außerordentlich spannenden Krimi gibt es nicht einen, sondern drei Ermittler. Außer dem Polizisten Talbot versucht auch Luca d´Andrea nach seiner Entlassung aus 6jähriger Haft im Auftrag der Mafia den Mörder zu identifizieren, der es durch die Wahl seiner Opfer offensichtlich darauf anlegt, die Mafia zu diskreditieren. Luca hat als Vollwaise frühzeitig den Schutz seiner Landsleute gesucht und kann sich auch jetzt nicht aus den Fängen des Matranga-Clans befreien. Die 19jährige Ida Davis, Angestellte der Pinkerton Detetektivagentur, ermittelt zusammen mit ihrem Freund Louis Armstrong. Sie ist die langweilige Büroarbeit leid und hat Hinweise, dass ihr Chef John Lefebvre irgendwie in die Sache verwickelt ist. Alle drei Ermittler haben Informanten und gehen wichtigen Spuren nach. Alle drei geraten in Lebensgefahr wie auch einige andere, die dem Axeman zu nahe kommen. Jeder von ihnen bekommt einen Zipfel der Wahrheit zu packen, aber nur der Leser weiß am Ende, was genau passiert ist und warum.
Der Krimi besticht jedoch nicht nur durch seine raffinierte Struktur, sondern auch durch seine Themenvielfalt. Der Autor zeichnet mit viel Lokalkolorit und Detailgenauigkeit das Bild einer chaotischen, aber auch sehr lebendigen Stadt, wo Rassentrennung, das unselige Wirken der mächtigen Mafia-Clans, Korruption bis in die Spitzen der Politik und Gewalt das Leben bestimmen, das zusätzlich immer wieder durch schwere Stürme und Überschwemmungen bedroht wird. Der Roman ist für einen Krimi überdurchschnittlich gehaltvoll und dennoch sehr lesbar und sprachlich überzeugend. Mir hat der Roman hervorragend gefallen.