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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: cosmea
Wohnort: Witten
Über mich: Ich lese seit vielen Jahren sehr viel, vor allem Gegenwartsliteratur, aber auch Krimis und Thriller. Als Hobbyrezensentin äußere ich mich gern zu den gelesenen Büchern und gebe meine Tipps an Freunde und Bekannte weiter.
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Bewertungen

Insgesamt 128 Bewertungen
Bewertung vom 02.08.2020
Der letzte Satz
Seethaler, Robert

Der letzte Satz


sehr gut

Ich sollte noch ein bisschen bleiben
In Robert Seethalers neuem Roman “Der letzte Satz“ ist der Komponist und Dirigent Gustav Mahler auf dem Schiff „Amerika“ von New York Richtung Europa unterwegs. Er ist todkrank und weiß selbst, dass dies seine letzte Reise sein wird. Er schaut vom Deck aus über das Meer und lässt Stationen seines Lebens Revue passieren: seine bemerkenswerte Karriere als Dirigent, die ihn in die großen Häuser der ganzen Welt führte und unter anderem in Wien einem disziplinlosen Orchester mit teilweise mittelmäßigen Musikern zu großen Triumphen verhalf. Er erinnert sich an seine kleine Tochter Maria, die etwa zwei Jahre zuvor verstarb, und er denkt über seine Ehe mit der schönen Alma nach, die mit der kleinen Tochter Anna ebenfalls an Bord ist. Alma ist die Liebe seines Lebens. Sie ist dennoch von dieser Ehe enttäuscht und hat sich einem anderen Mann zugewandt, weil sie immer gespürt hat, dass die Musik in Gustav Mahlers Leben die wichtigste Rolle spielt. Sie verlässt ihren Mann jedoch nicht, denn ihm bleibt ohnehin nicht mehr viel Zeit. Rückblickend bedauert Mahler, nicht mehr komponiert zu haben: „Ich sollte noch ein bisschen bleiben.“ (S. 118) Seine Tätigkeit als Dirigent und die vielen Reisen haben zu viel Zeit gekostet.
Seethaler zeichnet in diesem schmalen Bändchen ein faszinierendes Porträt eines großen Künstlers, der trotz antisemitischer Anfeindungen und Widerständen aller Art seinen Weg ging und großes leistete. Auch die lange Krankheit mit vielen unangenehmen Symptomen lässt ihn nicht resignieren. Er weiß: Solange man sich den Tod vorstellen kann, ist er noch nicht da (S. 108). Dem Autor ist ein auch sprachlich beeindruckendes Porträt gelungen, das ich gern empfehle.

Bewertung vom 16.07.2020
Die Marschallin
Buono, Zora del; Buono, Zora del

Die Marschallin


sehr gut

Die Geschichte einer starken Frau
In ihrem Roman „Die Marschallin“ erzählt die Autorin Zora del Buono die Geschichte ihrer gleichnamigen Großmutter und gibt dabei einen detaillierten Einblick in das Zeitgeschehen von 1919 - 1948. In einem auf das Jahr 1980 datierten Epilog berichtet die Großmutter, die inzwischen in einem Pflegeheim in Jugoslawien lebt, aus ihrer Sicht über ihr Leben. Zora del Buono ist eine dominante Frau, die weiß, was sie will. Aufgewachsen mit vier Brüdern und Mutter von drei Söhnen duldet sie keine Rivalinnen. Von daher haben ihre Schwiegertöchter später einen schweren Stand. Zora lernt ihren Mann, den Radiologen Pietro del Buono, bei einem Einsatz im Ersten Weltkrieg kennen. Das Paar heiratet und lebt später in einem von Zora entworfenen Haus in Bari, in dem sich auch die Klinikräume befinden. Sie sind reich, leben ein gutbürgerliches Leben und sind dennoch überzeugte Kommunisten, die den Faschismus bekämpfen, Tito bewundern und aktiv Partisanen unterstützen. Bei diesen Aktivitäten wird Zora in einen Raubmord verwickelt, denn die Gegner des Faschismus brauchen Geld und Waffen für ihren Kampf. Es ist eine Zeit von Kriegen und Gewalt, und die Familie erlebt eine Reihe von tragischen Verlusten, vor allem Autounfälle mit tödlichem Ausgang. Enkelin Zora ist die Tochter des früh verstorbenen jüngsten Sohnes Manfredi und der Schweizerin Marie-Louise.
Der Roman ist besonders interessant, weil er zugleich eine ungewöhnliche, bewegte Familiengeschichte und ein kenntnisreiches Geschichtsbuch ist, was die Lektüre teilweise etwas erschwert. Nach der Lektüre weiß ich jedenfalls, was ich über Slowenien alles nicht wusste. Ein eindrucksvoller und empfehlenswerter Roman.

Bewertung vom 05.07.2020
City of Girls
Gilbert, Elizabeth

City of Girls


sehr gut

Die Welt folgt keinem Plan
In „City of Girls“, Elizabeth Gilberts neuem Roman, berichtet Ich-Erzählerin Vivian Morris als fast 90jährige Frau über ihr Leben, indem sie einen Brief an „Angela“ schreibt, über deren Identität der Leser lange nicht Bescheid weiß. Die Geschichte beginnt im Sommer 1940, als die 19jährige Vivian das renommierte Vassar College verlassen muss, weil sie dort die erforderlichen Leistungen nicht erbracht hat. Ihre gut situierten Eltern schicken sie aus der Kleinstadt Clinton nach Manhattan zu ihrer Tante Peg, die dort das heruntergekommene Lily Playhouse leitet. Dort gibt es täglich zwei preiswerte Vorstellungen für die Bewohner des Viertels, in denen Revuegirls auftreten. Vivien lernt ein neues Leben kennen und genießt es in vollen Zügen. Sie findet in Celia Ray eine Freundin, mit der sie jede Nacht durch die Clubs zieht, trinkt, flirtet und sich mit einer Vielzahl von Männern einlässt. Sie verfällt Anthony Roccella, einem Mitglied des Ensembles, und wird irgendwann in einen Skandal verwickelt, der fast ihr Leben ruiniert. Für kurze Zeit flüchtet sie wieder in ihr Elternhaus, bevor sie sich definitiv in New York niederlässt und mit einer Freundin eine Schneiderei für außergewöhnliche Brautkleider betreibt.
Der vielschichtige Roman liefert einerseits ein Porträt des amerikanischen Lebens vor und nach dem Kriegseintritt der USA, andererseits eine Coming-of-Age Geschichte am Beispiel der jungen Vivian und eine Abhandlung über Frauenrechte, genauer gesagt ein Plädoyer dafür, dass auch Frauen ein selbstbestimmtes Leben mit allem, was dazugehört, führen können, ohne dass sie irgendjemand Rechenschaft ablegen oder sich für das schämen müssten, was sie sind und tun. “Die Welt folgt keinem Plan (…) Und Menschen passieren Dinge“ (S. 467). Die Autorin macht Vivian zu ihrem Sprachrohr und zeigt überzeugend, dass die sexuelle Befreiung der Frauen keineswegs eine Erfindung der Blumenkinder war, sondern sehr viel eher begonnen hat. Ich habe den interessanten Roman trotz einiger Längen und handlungsarmer Passagen mit inhaltlichen Wiederholungen gern gelesen.

Bewertung vom 21.06.2020
Schwarzer August / Leander Lost Bd.4
Ribeiro, Gil

Schwarzer August / Leander Lost Bd.4


sehr gut

Bomben in Fuseta
“Schwarzer August“ von Gil Ribeiro alias Holger Karsten Schmidt ist der vierte Band der Reihe um Leander Lost. Der deutsche Austauschkommissar mit Asperger-Syndrom hat inzwischen eine feste Anstellung in Fuseta und ist als Teil des Teams um die Chefin Cristina Sobral und die Kollegen Miguel Duarte, Carlos Esteves und Graciana Roseado nicht mehr wegzudenken. Leander ist in Soraia, die Schwester seiner Kollegin Graciana verliebt, und sie zieht zu ihm in die Villa Elias. Ihr Glück bleibt nicht lange ungetrübt, denn eine Serie von Anschlägen mit rätselhaften Bekennerbriefen erschüttert die Region. Erst werden die Schließfächer einer Bank, dann zwei Tage später drei Fischerboote einer japanischen Firma gesprengt, die Thunfischfang im großen Stil betreibt. Die Briefe mit kunstvollen Palindromen, die nur Lost sofort entschlüsseln kann, erhält der Journalist Julio Moreno, der sich nicht erklären kann, wieso er ins Visier des unbekannten Täters geraten ist. Es folgen weitere Aktionen, bei denen es auch Verletzte gibt. Es wird deutlich, dass es um einen Protest gegen Auswüchse des Kapitalismus, Überfischung und Umweltprobleme geht.
Der Roman wird ruhig erzählt – eine Krimihandlung durchzogen von Liebesgeschichten und professionellen Rangeleien. Ich habe das Buch mit seinem portugiesischen Ambiente und den witzigen Passagen um den Aspie Lost gern gelesen, auch wenn ich es nicht besonders spannend finde. Sorgfältige Charakterisierung und eine stimmige Atmosphäre sind mir auf jeden Fall lieber als eine blutrünstige Handlung. Von daher kann ich den Roman durchaus empfehlen.

Bewertung vom 14.06.2020
Kostbare Tage
Haruf, Kent

Kostbare Tage


gut

Die Geschichte eines langen Abschieds
Auch Kent Harufs nunmehr in deutscher Übersetzung vorliegender Roman „Kostbare Tage“ spielt in der fiktiven Kleinstadt Holt in den Great Plains in Colorado. Im Mittelpunkt stehen der Eisenwarenhändler „Dad“ Lewis, seine Frau Mary und Tochter Lorraine. Dad hat Krebs im Endstadium und nur noch kurze Zeit zu leben. Seine Familie umsorgt ihn, begleitet ihn liebevoll in dieser letzten Phase, aber auch die Nachbarn kümmern sich und unterstützen die Familie. Nur einer fehlt: Frank, der Sohn und Bruder. Der homosexuelle Frank hatte schon als junger Mann das Elternhaus im Streit verlassen. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist nicht bekannt. In Holt kennt jeder jeden, weiß alles über alle anderen. Da sind Menschen, die anders sind, nicht wohl gelitten. Das bekommt auch Reverend Lyle, der neue Pastor, zu spüren, der schon seine letzte Gemeinde in Denver unter unschönen Umständen verlassen musste. Seine auf der Bergpredigt basierende Auslegung der Aufforderung, seine Feinde zu lieben, legen die meisten Gemeindemitglieder voller Zorn und Ablehnung zu seinem Nachteil aus und beschimpfen ihn als Terroristenfreund. Es gibt einen enormen Zusammenhalt und mitmenschliches Verhalten in dem kleinen Ort, aber sofortige Ausgrenzung, wenn jemand sich nicht anpasst. Auch Lyles Familie wird zum Problem.
In Harufs Roman gibt es keine spektakuläre Handlung. Es geht um die Darstellung des ganz normalen Alltags in einer typischen amerikanischen Kleinstadt. Gleichzeitig liefert der Autor ein berührendes Porträt des Sterbenden, der sich an wichtige Begebenheiten in seinem Lieben erinnert, harte Entscheidungen in der Vergangenheit bereut, die er teilweise durch aktive Hilfe mildern konnte, wobei allein das Zerwürfnis mit seinem Sohn nicht durch Verzeihen und Aussöhnung aus der Welt geschafft werden kann. An seinem Sterbebett erscheinen die Geister der Vergangenheit, aber nicht alles lässt sich zum Abschluss bringen. Harufs Roman berührt, allerdings präsentiert er keine sensationell neuen Erkenntnisse, sondern so manches Klischee. Es menschelt ein bisschen zu sehr, und zum Ende hin wird die Geschichte zunehmend melodramatisch. “Unsere Seelen bei Nacht“ und “Lied der Weite“ haben mir besser gefallen.

Bewertung vom 02.06.2020
Schwestern im Tod / Commandant Martin Servaz Bd.5
Minier, Bernard

Schwestern im Tod / Commandant Martin Servaz Bd.5


gut

Ein Idol und seine Fans
Mit „Schwestern im Tod“ legt Bernard Minier den 5. Band einer Serie um Kommissar Martin Servaz vor. Als Berufsanfänger hatte Servaz mit dem Fall der ermordeten Mädchen Ambre, 16 und Alice, 15 zu tun, die an Bäume gefesselt und in Kommunionkleidern im Wald bei Toulouse gefunden wurden. Die Inszenierung erinnert an den Erfolgsroman „Die Kommunikantin“ des Autors Erik Lang, der daraufhin unter Verdacht geriet. Er wurde durch das Geständnis eines anderen Mannes entlastet, der Selbstmord beging. Die beiden jungen Mädchen waren Fans des Autors, schrieben ihm glühende Briefe voller Anzüglichkeiten und trafen sich mit ihm. 25 Jahre später wird Amalia, Langs Ehefrau, tot in seinem Haus aufgefunden, ebenfalls in einem Kommunionkleid. Sie starb am Gift der gefährlichsten Schlangen der Welt, die der Autor in Terrarien hielt. Lang gerät sofort unter Verdacht. Für Servaz und seine Kollegen stellt sich erneut die Frage nach dem Mörder der Schwestern Oesterman 25 Jahre zuvor.
Der Autor erzählt eine Geschichte mit unendlich vielen Komplikationen und überraschenden Wendungen, die keine schlüssige Handlung ergeben. Auch die Auflösung hat mich nicht überzeugt. Der nicht besonders spannende Roman wirkt auf mich einfach nur ziemlich wirr. Für mich war es der erste Roman von Minier. Die anderen vier zu lesen hat sich erledigt, da der Autor wiederholt explizit auf die Vorgänger Bezug nimmt und man die wesentlichen Fakten schon kennt. Ich finde allenfalls die Auseinandersetzung mit der Situation eines Erfolgsautors interessant, dessen Fans geradezu besessen von ihm sind und bereit sind, sehr weit zu gehen, um ihrem Idol ihre grenzenlose Verehrung zu beweisen. Insgesamt bin ich von dem Buch enttäuscht.

Bewertung vom 17.05.2020
Die Mitte ist ein guter Anfang
Bloom, Franka

Die Mitte ist ein guter Anfang


gut

Es ist nie zu spät für alles
In Franka Blooms Roman „Die Mitte ist ein guter Anfang“ geht es um Liebe und Beziehungskrisen. Eva hat in Spanien mit ihrer Freundin Carla ausgelassen ihren 49. Geburtstag gefeiert und heftig mit einem gutaussehenden Fremden geflirtet, als Carla ihr ein Päckchen von Evas Partner Arne überreicht. Arne ist seit über 20 Jahren Evas Lebensgefährte und Vater ihrer gemeinsamen Tochter Frida. Jetzt schickt er ihr einen schriftlichen Heiratsantrag und einen wunderschönen Verlobungsring. Eva empfindet nicht unbändige Freude, sondern fragt sich, warum jetzt? Warum überhaupt? Später wird sich herausstellen, dass Arne seine Familie absichern will, bevor er seinen neuen Job in Kiew antritt. Bei Eva löst der Antrag eine Fülle von Fragen und Zweifeln aus. Die Beziehung hat sich im Lauf der Jahre verändert, und sie fragt sich vor allem, wo sie selbst an diesem Punkt ihres Lebens steht. Hat sie das Leben geführt, das sie sich gewünscht hat, und was erwartet sie von der Zukunft?
Die Autorin beschreibt nicht nur die große Krise in der Beziehung von Eva und Arne, sondern parallel dazu auch die Eheprobleme einiger befreundeter Paare und ihrer Eltern. Fast alle wollen sich plötzlich scheiden lassen, und die schwierige 15jährige Frida erlebt ihren ersten Liebeskummer. Trotz aller Probleme laufen die Hochzeitsvorbereitungen auf Hochtouren und werden in allen Einzelheiten dargestellt, inklusive Wahl des Hochzeitskleids, der Location, des Termins, der Gästeliste usw. Das ist nicht besonders spannend. Spannend ist eigentlich nur die Frage, ob die Hochzeit stattfindet oder ob es im Fall von Eva und Arne und von Evas Eltern zu einer neuen Partnerwahl kommt. Ohnehin ist ein Roman über in dieser Breite dargestellte Beziehungsprobleme nicht meine erste Wahl. Diese Art von Frauenroman muss man mögen.

Bewertung vom 15.05.2020
Der restliche Sommer
Scharnigg, Max

Der restliche Sommer


sehr gut

Nicht immer alles aufschieben
In Max Scharniggs Roman „Der restliche Sommer“ stehen vier Protagonisten im Mittelpunkt, die ihrem Leben eine neue Richtung geben müssen. Paartherapeutin Sonja Wilms hat sich einige Zeit zuvor von ihrem Mann Paul Neulich scheiden lassen und sucht im Schreiben ein neues Betätigungsfeld. Paul Neulich alias August Sternberg hat viele Jahre als Benimmpabst eine Kolumne für eine Zeitung geschrieben, in der er antiquierte Ratschläge für das Binden eines Windsorknotens oder den Gebrauch von Kragenstäbchen gab. Seine Zeit ist jedoch abgelaufen. Der Unmut der Leser über seine als reaktionär empfundenen Ansichten wächst. Zu diesem Zeitpunkt befindet er sich seit fast einem Jahr auf Reisen mit Sara Almeida, seiner neuen Liebe. Sara war als Schülerin eine alles überstrahlende Persönlichkeit, der man eine große Karriere voraussagte. Tatsächlich ist sie als Künstlerin gescheitert und hat lediglich einen enormen Verschleiß an Männern aufzuweisen. Das Paar hält sich an der portugiesischen Atlantikküste auf. Dann wird Paul in Ufernähe von einem giftigen Fisch gebissen, während Sara ohnehin bereits ein neues Leben ohne ihn plant. Der von Sara verlassene Partner Martin Hasenglock genannt Tin liegt derweil im Krankenhaus, wo die bei einem Bombenanschlag in der Abfertigungshalle des Flughafens erlittenen Verletzungen behandelt werden oder auch nicht. Die Ärzte sprechen von einer Darmkrebsoperation und von einer Rettung in letzter Minute. Im Krankenhaus lernt er die 19jährige Tove Boll kennen, die in einer angesagten Bio-Bäckerei bei der Arbeit mit einer veralteten Brotschneidemaschine zwei Finger verloren hat oder auch nicht. Tin, ein Weltmeister im Liegen und einer antriebslosen Lebensführung entwickelt neuen Schwung und trifft noch im Krankenhaus Entscheidungen für sein weiteres Leben.
Scharnigg hat eine ungewöhnliche, auch sprachlich hervorragende Geschichte über Lebensplanung und immer wieder hinausgeschobene Entscheidungen geschrieben. Er zeigt, dass wir nicht davon ausgehen können, dass immer noch genug Zeit bleibt, sondern dass wir hier und jetzt etwas ändern müssen, wenn unser Leben nicht an uns vorbeilaufen soll. Ein fesselnder Roman, der mich positiv überrascht hat.

Bewertung vom 07.05.2020
Wie uns die Liebe fand
Stihlé, Claire

Wie uns die Liebe fand


ausgezeichnet

Die Liebe stellt keine Fragen, sie passiert einfach
In Claire Stihlés Debütroman „Wie uns die Liebe fand“ blickt die 92jährige Madame Nanon auf ihr Leben im fiktiven Ort Bois-de-Val im Elsass zurück. Nach dem frühen Tod ihres geliebten Mannes Bernard hat sie ihre vier Töchter allein aufgezogen. Als Ich-Erzählerin berichtet sie schwerpunktmäßig über eine Phase 40 Jahre zuvor, also über das Jahr 1979, als ihre Töchter Coraline, Chloé, Anne und Marie 10-20 Jahre alt waren. Die Älteste hat in dem Algerier Malou ihre große Liebe gefunden, die jüngere Tochter Anne kommt wenig später mit Jérôme zusammen. Dann passieren große Veränderungen im Leben der Familie. Der Nachbar Monsieur Boberschram überlässt ihnen seinen heruntergekommenen Lebensmittelladen, und Malou stellt mit Marie zusammen Liebesbomben her, die zu einem großen Verkaufserfolg werden und das Leben der Dorfbewohner entscheidend verändern. Madame Nan hat sich in ihren Nachbarn verliebt, der sich ihr gegenüber jedoch sehr distanziert zeigt. Als sie es mit den Liebesbomben versucht, passiert eine Panne. Zwischen ihnen stehen jedoch auch Ereignisse aus der Vergangenheit, die Monsieur Boberschram sein Leben lang belastet haben. Erst als er sich ihr offenbart, kann sich etwas ändern.
Die Autorin erzählt eine interessante, berührende Geschichte, in der sie den Leser immer wieder direkt anspricht (…, „das kann ich Ihnen sagen“ oder „Das hätten Sie mal sehen sollen“). Der Roman besticht durch die Darstellung des familiären Zusammenhalts ebenso wie durch das elsässische Ambiente mit Dialektausdrücken und Rezepten aus der regionalen Küche. Die Autorin lässt aber auch die wechselvolle Geschichte des Elsass nicht aus – gehörte dieser Landstrich doch abwechselnd zu Frankreich und zu Deutschland, erlebte die Besatzungszeit und die nachfolgenden gegen Kollaborateure gerichteten Säuberungsaktionen. Ein schönes, einfühlsam erzähltes Buch.

Bewertung vom 03.05.2020
Die Herren der Zeit / Inspector Ayala ermittelt Bd.3
Garcia Saenz, Eva

Die Herren der Zeit / Inspector Ayala ermittelt Bd.3


ausgezeichnet

Die Gier nach Geld und Besitz
Mit „Die Herren der Zeit“ legt Eva García Sáenz den dritten Band ihrer Trilogie um Inspector Unai López de Ayala, genannt Kraken und seine Kollegin Inspectora Estíbaliz Ruiz de Gauna, genannt Esti sowie ihre Chefin Subcomisaria Alba Díaz de Salvatierra, die zugleich Unais Lebensgefährtin und Mutter ihrer Tochter Deba ist. Genau an dem Abend, an dem der Roman eines unbekannten Autors vorgestellt wird, der den Titel des vorliegenden trägt, geschieht am Veranstaltungsort der erste Mord. Eine Serie wird folgen, ohne dass die Polizei dies verhindern kann. Alle Morde passieren nach dem Muster der Romanvorlage, aber was verbindet die Taten und die Opfer? Der Profiler Kraken und die Viktimologin Esti tappen lange im Dunkeln und geraten während der Ermittlung selbst in Gefahr. Der Inspektor klärt am Ende nicht nur die Morde auf, sondern findet auch heraus, dass er als ein López de Ayala ein Nachfahre eines der erwähnten Adelsgeschlechter ist.
Der gut recherchierte, detailreiche Roman, der zugleich Thriller und historischer Roman ist, macht den Leser mit den Geschehnissen im 12. Jahrhundert bekannt. Er zeigt die Kämpfe zwischen verfeindeten Königshäusern, die Rivalität adliger Familien um vom König verliehene Privilegien und die Lebensbedingungen der kleinen Leute, denen unter der Last der Abgaben kaum genug zum Leben bleibt. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht die verlustreiche Belagerung Vitorias. Es zeigt sich, dass das verbindende Element zwischen beiden Handlungssträngen die Gier nach Geld und Besitz ist.
Mir hat auch der dritte Roman gut gefallen, obwohl er sich wegen seiner Detailfülle und der Vielzahl von Personen und Schauplätzen nicht ganz leicht lesen lässt. Die Struktur des Buches ist mit dem Roman im Roman ungewöhnlich raffiniert und gelungen. Einen dermaßen anspruchsvollen Thriller habe ich noch nicht gelesen. Sehr empfehlenswert.