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Benutzername: gabriele 63
Wohnort: pirna
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Danksagungen: 3 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 69 Bewertungen
Bewertung vom 29.08.2019
Drei
Mishani, Dror A.

Drei


ausgezeichnet

Einsamkeit vermeiden

Die frisch geschiedene Orna treibt sich ebenso wie Gil auf einem Datingportal für Geschiedene herum. Die beiden treffen sich und lassen sie sich auf eine Beziehung ein, ohne völlig voneinander eingenommen zu sein.
Emilia kommt aus Lettland und pflegt den alten Nachum. Nach seinem Tod braucht sie den Rat eines Anwalts und wendet sich vertrauensvoll an Gil.
Emma ist Mutter von drei kleinen Kindern und schreibt in einem Café an ihrer Masterarbeit. Dort lernt sie Gil kennen.

Somit ist der Titel „Drei“ schon mal erklärt. Das Buch erzählt von drei Frauen mit völlig verschiedenen Hintergründen, emotionalen Welten, Träumen, Beziehungen und Schicksalen, wie der Autor in einem Interview sagt. Er sieht es als „unsere Pflicht, die Menschen um uns herum und ihre Leben zu sehen, wahrzunehmen. Es ist vor allem ein Roman über unsere Verantwortung gegenüber den Lebenden und den Toten.“

Dies war meine erstes Buch des 1975 geborenen israelischen Schriftstellers Dror Mishani, der bereits eine in Deutschland veröffentlichte Krimireihe um Inspektor Avi Avraham geschrieben hat. Der Schreibstil hat mich ebenso angesprochen wie der Inhalt dieses Romans, der auch kriminelle Aspekte beleuchtet und viele israelische Lebensgewohnheiten und Bräuche beinhaltet. Vor allem die unerwarteten Wendungen und Entwicklungen ließen mich das Buch kaum aus der Hand legen. Ich bin vollauf begeistert!

Bewertung vom 16.08.2019
Tagebuch eines Buchhändlers
Bythell, Shaun

Tagebuch eines Buchhändlers


gut

Leben im Bookshop

Ich war „so naiv zu glauben, dass man im Universum der gebrauchten Bücher als Antiquar idyllisch in einem Sessel vor einem prasselnden Feuer sitzt, die Füße in Hausschuhen bequem hochgelegt, dabei eine Pfeife pafft und in Gibbons Verfall und Untergang liest, während man von einem Strom charmanter Kunden in anregende Gespräche verwickelt wird, ehe diese sich bereitwillig von Koffern voller Geld trennen“ (Seite 6)

Natürlich verlief Shaun Bythells Leben als Buchhändler völlig anders, wie sein akribisch über ein Jahr geführtes Tagebuch beweist. In den 15 Jahren, in denen er seinen Laden betreibt, besuchte er, statt gemütlich zu lesen, Leute, die ihre Bibliotheken auflösten und nahm kaum das Geld ein, das seine in dieser Zeit nötigen Aushilfen verdienten. Er fasste seinen Frust auf Amazon und Co in Worte und verdeutlichte, wie das Internet den Offline-Verkauf beeinträchtigt. Auch Kindles liebt er nicht, weshalb er in seinem Laden ein erschossenes Gerät an die Wand heftete.

Als Leser kann man hinter die Kulissen von zwei Lese-Festivals schauen und erfährt einiges darüber, woran man einzelne Verlage erkennt und welche Art von Büchern von dort angeboten werden. Schade, dass es sich dabei um englische Verlage handelt, die mir nicht geläufig sind. Auch viele der genannten Titel haben mir nichts gesagt, wodurch mein Lesegenuss gelitten hat. Die vielen erwähnten Alltäglichkeiten interessierten mich nicht besonders – auch wenn sie durch einige humorvolle Begebenheiten untermalt wurden: „Ich habe Bücher schon immer geliebt und werde das auch immer tun. Wäre es gesetzlich möglich, so hätte ich ein Buch geheiratet“, schrieb beispielsweise eine erfolglose Autorin, die im Bookshop arbeiten wollte.

Literarisch ist das Buch nur Mittelmaß, doch die Hintergrundinformationen, Georges Orwells Erfahrungen (aus Erinnerungen an eine Buchhandlung), die jeden Monatsbeginn eingeflochten sind, sowie die Fotos aus dem Laden hielten mich bis zur letzten Seite am Buch fest.

Fazit: Wer das Buch gelesen hat, weiß, wie schwer es Buchhändler und Antiquare im Zeitalter des Internets haben.

Bewertung vom 30.07.2019
Fünf Lieben lang
Aciman, André

Fünf Lieben lang


gut

Gedanken eines Träumers

Paul war bereits mit zwölf zum ersten Mal verliebt. Nach dem Abschluss seines Studium reist er auf die italienische Insel, auf der er früher mit der Familie die Ferien verbrachte. Inzwischen ist das Ferienhaus abgebrannt, doch er will noch einmal sehen, was die frühere Faszination ausmachte. Während seines Inselrundgang erinnert er sich an den Jungen, der er einmal war. Damals wusste er noch wenig von der Liebe, obwohl er sie schon deutlich fühlte.

Im Laufe des Buches erfährt der Leser von weiteren vier Lieben zu Frauen und Männern. Paul weiß nicht so recht, wo er sich hingezogen fühlt. Er träumt mehr von der Liebe, als sie wirklich zu leben. Das nimmt dem Buch im Laufe der Seiten etwas den Reiz.

„Sie kommt mir vor wie die verliebten Frauen in den Filmen aus den 1940er-Jahren, jene Frauen, die allein mit dem Schiff reisen, sich auf kein Buch mehr konzentrieren können und nur eines im Sinn haben: nachts an Deck zu promenieren, bis der geliebte Mann wieder auftaucht und sich anschickt, ihnen Feuer zu geben.“ So beschreibt er auf Seite 116 das Verhalten seiner Freundin Maud.

Empfand ich die Sprache des Autors zu Beginn noch mitreißend und gefühlvoll, langweilte mich der so langgezogene Stoff im letzten Viertel des Buches. Zwar fesselten mich teilweise die tiefen Einblicke in die Gedankenwelt eines bisexuellen Mannes, doch das nie zu einer Entscheidung kommen konnte ich nicht nachvollziehen. Wäre das Buch kürzer gewesen, hätte ich es bestimmt besser bewertet.

Bewertung vom 30.07.2019
Im Wald der Wölfe / Jan Römer Bd.4
Geschke, Linus

Im Wald der Wölfe / Jan Römer Bd.4


gut

Abgestempelt

Jan Römer ist Journalist in Köln. Sein Genre sind ungelöste Mordfälle. Es ist nicht einfach für ihn, immer in der dunklen Materie zu graben. Nach der Trennung von seiner Frau braucht er dringend Urlaub. Dafür sucht er sich eine einsame Hütte im Thüringer Wald. Er genießt die Zeit, bis eines Abends eine blutüberströmte Frau bei ihm anklopft und ihm von einem vor drei Jahren geschehenen Mord erzählt. Die Stirn des Toten hatte einen Wolf eingebrannt. Natürlich kann Römer nicht anders, als seinem Beruf nachzugehen.

Autor Linus Geschke arbeitet als freier Journalist für führende deutsche Magazine. Er verfasst Reisereportagen und weiß, wie es in den Redaktionen zugeht. Dass er Recherchearbeit kennt, wird in diesem Krimi deutlich. Es gelingt ihm, die Vergangenheit vom Frauenwald auferstehen zu lassen. Alte Seilschaften kommen zum Zug und verwirren den Leser, der schon früh den Wolf und seine Gedanken kennenlernt, ohne ihn zuordnen zu können.

Gerade jetzt im Sommer greife ich gerne mal auf Krimis zurück, die sich so gut lesen lassen wie dieser. Er enthält ein wenig Gefühl, ganz viel Freundschaft, entführt in eine schöne Gegend und charakterisiert unterschiedliche Menschen.

Dies ist der vierte Fall von Jan Römer und Stefanie „Mütze“ Schneider. Ich kenne die ersten drei nicht und hatte keine Probleme die Personen und ihr Verhalten zuzuordnen. Man kann dieses Buch also auch ohne Kenntnis der ersten drei lesen.

Bewertung vom 21.07.2019
Die Malerin des Nordlichts
Johannson, Lena

Die Malerin des Nordlichts


gut

Über das Leben von Edvard Munchs Nichte

1922 hatten Männer es noch leichter, sich der Kunst hinzugeben. Zwar versuchten viele Frauen ihr Glück in der Malerei, doch wenn sie verheiratet waren, mussten sie sich normalerweise vor allem dem Haushalt und dem Wohl der Familienmitglieder widmen, bevor sie sich ihrer Berufung hingeben konnte. So erging es auch Signe Munch, der Nichte von Edvard Munch. Sie konnte sich erst als 38jährige, nach der Scheidung von ihrem ersten Mann, ihrer künstlerischen Karriere widmen.

„Ihr Leben war eine weiche, lange Linie mit Hügeln und Tälern ohne Spitzen, an denen man sich doch nur verletzte. Nett beschaulich, keine Gefahren, keine Risiken, keinerlei Wunden.“ (Seite 162)

Obwohl ich großes Interesse an Signe Munchs Leben hatte, fiel es mir lange schwer, Kontakt mit diesem Buch aufzunehmen. Die Autorin erzählte trocken; es gelang ihr nicht, Gefühle in mir auszulösen. Dabei sind doch genau die es, die ein Buch zum Lieblingsbuch machen.

Erst nach knapp 200 Seiten machte das Lesen mehr Freude, wurde das Buch emotionaler. „Sie war es gründlich leid, am Bügelbrett statt an ihrer Staffelei zu stehen, einen Kochlöffel in der Hand zu haben statt eines Pinsels.“ (Seite 193). Mehrere Jahre nach der Scheidung von ihrem ersten Mann begegnete ihr Einar, ihre große Liebe. Er und der zweite Weltkrieg, während dem auch Norwegen unter Hitlers Ideologie litt, veränderte ihr Leben grundlegend.

Auch, wenn ich mir von diesem Buch mehr erwartet hatte, gebe ich ihm gerne drei Sterne. Immerhin erfuhr ich einiges über das Leben in Kristiania, wie Oslo damals noch hieß, sowie andere Einzelheiten aus Norwegen und seiner Geschichte. Zum Ende hin wurde das Buch sogar noch spannend. Da hatte die Autorin ihren Schreibfluss gefunden, so dass sie mich mühelos in die Geschichte hineinziehen konnte.

Bewertung vom 13.07.2019
Dunkelsommer
Jackson, Stina

Dunkelsommer


ausgezeichnet

In Schwedens Wäldern

„Wie ein Fieber hatte ihn die Wut gepackt, er konnte ihnen [den Dorfbewohnern] nicht in die Augen sehen. Linas Freunde und deren Eltern, Lehrer und Bekannte, Nachbarn und die Nachbarn der Nachbarn. Alle diese Menschen, die etwas gesehen haben mussten, die etwas wissen mussten. Die unter Umständen sogar etwas damit zu tun hatten. Ganz Glimmersträsk stand unter Verdacht. Bis zu dem Tag, an dem er Lina zurückbekam, würde er jedem Bewohner misstrauen.“ (Seite 103)

Nachdem er vor drei Jahren Lina frühmorgens an der Bushaltestelle abgesetzt hat, ist sie spurlos verschwunden. Seitdem ist ihr Vater dabei verrückt zu werden. Seine Ehe mit Anette ist zerbrochen, seine guten Vorsätze, nicht mehr zu trinken und zu rauchen, sind dahin. In den Sommernächten fährt Lelle auf der Suche nach seiner Tochter immer die wieder die gleiche Strecke ab.

Eines Tages zieht die siebzehnjährige Meja mit ihrer Mutter in die Waldeinsamkeit. Während Silje mit ihrer Sehnsucht nach Liebe jedes Hindernis hinnimmt, ist Meja von dem Neuanfang weniger begeistert. Bis sie sich verliebt und Hoffnung auf ein normales Leben aufkeimt. Doch zur selben Zeit verschwindet wieder ein Mädchen.

Stina Jackson, Jahrgang 1983 stammt aus Nordschweden. So fiel es ihr nicht allzu schwer, in ihrem Debütroman die unheimliche Stimmung in den tiefen Wäldern ihrer Heimat einzufangen. Sie legte mehrere Fährten, so dass ihre spannenden Zeilen bei mir einen regelrechten Lesesog entfachten, so dass ich das Buch kaum noch aus der Hand legen konnte.

Bewertung vom 25.05.2019
Der Zopf meiner Großmutter
Bronsky, Alina

Der Zopf meiner Großmutter


sehr gut

Die Helikopteroma
Max ist der Enkel eines russischen Aussiedlerpaares. Durch seine Augen lernen wir die ziemlich übergriffige Großmutter kennen, die einen an manchen Stellen die Haare zu Berge stehen lässt. Da bäckt sie für den Enkel eine Geburtstagstorte und lässt ihn nur daran schnuppern, denn ihrer Meinung nach verträgt er die Buttercreme genauso wenig wie Nudeln…

Doch es kommt noch viel schlimmer: Der Opa verliebt sich in die Nachbarin, die eine Tochter in Mäxchens Alter hat. Max nimmt das alles mit stoischer Ruhe hin und hilft dem Großvater, die Misere vor der Oma zu vertuschen.

Obwohl die Großmutter ihrem Enkel gar nichts zutraut, entpuppt er sich als cleveres Kerlchen. Immerhin ist er in kürzester Zeit der deutschen Sprache mächtig und versucht, die zwischen Lehrerin und Oma vorhandene Sprachbarriere aufzuheben.

Als Leser begleiten wir Max durch seine Kindheit und Jugend und erleben auch eine anfangs nicht für möglich gehaltene Veränderung der Großmutter.

Alina Bronsky hat ein Buch geschrieben, dessen Seiten nur so dahinfliegen. Allerdings ist sie auch eine Meisterin des Weglassens. Da sie nicht alles haarklein erklärt, bleibt viel Raum für Spekulationen. Dieses Buch lässt sich nicht gut lesen, sondern klingt durch die offen gebliebenen Fragen noch länger nach.

Bewertung vom 14.05.2019
Die Lotosblüte
Sok-Yong, Hwang

Die Lotosblüte


sehr gut

„Der Weg, den sie bisher genommen hatte, schien wie ein Traum, dessen Spuren nach und nach verblassten, je weiter sie ihm folgte. Die Morgensonne verwischte die klare Linie des Horizonts, und das Schiff segelte einer ungewissen Zukunft entgegen. Wieder stand ein Neuanfang bevor.“ (Seite 426)

Chong wuchs im 19. Jahrhundert bei ihrem blinden Vater in Korea auf, nachdem die Mutter bei ihrer Geburt verstorben war. Von ihm wurde sie bettelnd ernährt und von der Stiefmutter noch vor der Geschlechtsreife verkauft. Nach einem verwirrenden Ritual erreichte sie ihre neue Heimat und diente als Zweitfrau einem 80jährigen als Jungbrunnen. Sein Tod ließ nicht lange auf sich warten und die nächste Station wurde ein Freudenhaus. Statt sich, wie einige ihrer Mitarbeiterinnen jammend dem Schicksal hinzugeben, verstand sie es, die Hoffnung auf ein besseres Leben nie aufzugeben und trotz der vielen Stolpersteine bewusst dafür zu kämpfen.

Wir Leser dürfen Chongs langes, wechselvolles Leben begleiten. Vor allem ihre jüngeren Jahre hat der Autor sehr ausführlich in gut lesbare Worte gekleidet. Bildhaft beschreibt er die unterschiedlichen Gegenden, in denen „Lotosblüte“ lebte, macht uns mit verschiedensten Charakteren vertraut und lässt auch fremde Traditionen nicht aus. Sein historischer Roman enthält erotische Anteile ebenso wie politische Hintergründe.

Teilweise dachte ich, noch nie etwas ähnliches gelesen zu haben. Doch die letzten zirka 100 Seiten, in denen große Teile der japanischen Geschichte aufgearbeitet wurden, erinnerten mich an James Clavells Roman „Shogun“, der vor Jahrzehnten auf den Bestsellerlisten stand.

Über Hwang Sok-yong erfährt man bei Wikipedia: Geboren am 4. Januar 1943 in Xinjung, damaliges Mandschukuo in der heutigen Volksrepublik China. Er ist einer der bekanntesten Autoren Südkoreas und zugleich einer derjenigen, die sich realistisch und kritisch mit der Vergangenheit und sozialen Wirklichkeit Südkoreas befassen. Er hat den Koreakrieg erlebt und war als Soldat im Vietnamkrieg im Einsatz. Danach begann seine Karriere als Schriftsteller. Zentrales Thema seiner Texte ist der Konflikt zwischen Tradition und Moderne.

Bewertung vom 08.05.2019
Bell und Harry
Gardam, Jane

Bell und Harry


sehr gut

Bell ist acht Jahre alt, als sein Vater das leerstehende Farmhaus an eine Familie aus London als Ferienquartier verpachtet. Das schreibende Familienoberhaupt erhofft sich Ruhe auf dem Land. Doch die gerade stattfindende Heuernte macht seine Hoffnung zunichte. Beinahe hätte er sein Vorhaben wieder aufgegeben. Doch glücklicherweise kommt es anders. Sein sechsjähriger Sohn Harry freundet sich mit dem Bauernjungen an und die beiden erleben abenteuerliche Dinge. Das Leben auf dem Land ist ganz anders als in London und Harry blüht regelrecht auf.

Das Buch beinhaltet neun Kapitel, jedes in sich abgeschlossen. Als Leser lernen wir die unterschiedlichsten Typen kennen und begleiten die Freunde auf ihren wahrlich nicht ungefährlichen Abenteuern. Wie sehr die gemeinsamen Erlebnisse sommers wie winters die beiden geprägt haben, zeigt sich vor allem im letzten Kapitel.

Ich habe das Buch sehr gern gelesen. Es hat mich verzaubert und in eine weitgehend heile Welt entführt.

Bewertung vom 31.03.2019
Die Angehörigen
Dion, Katharine

Die Angehörigen


gut

Auf dem Buchrücken steht: „Dieses klug durchdachte Familiendrama ist ein Juwel.“ Das macht schon mal neugierig. Doch leider scheint nach einigen Seiten die Luft raus zu sein. Beschrieben wird das eigentlich langweilige Leben eines Rentners nach dem plötzlichen Tod seiner Frau, mit der er 49 Jahre verheiratet war. Während er versucht, einen Nachruf für die Trauerfeier zu verfassen, holen Gene zahlreiche Erinnerungen ein, die er nicht in Worte zu fassen vermag. Seine Tochter Dary ist da um einiges tatkräftiger. Sie versucht ihren Vater wieder in die Spur zu bringen.


„Er wusste noch immer nicht, wie er den Nachruf formulieren sollte. Einerseits waren da seine wirren persönlichen Gefühle, andererseits war der Nachruf für die Öffentlichkeit gedacht und verlangte die kluge Raffung eines ganzen Lebens, als eine Kohärenz, die seinen Gefühlen nicht entsprach.“ (Seite 78).


Das Buch ist in drei Teile gegliedert: Im ersten kämpft Gene um Eingebungen für die Trauerfeier, im zweiten Teil erfahren wir von seinem Leben danach und wie er glaubt, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Erst im dritten Teil verarbeitet er seinen Verlust und findet wieder zu sich selbst. Dieser dritte Teil gefiel mir am besten, weil er Ruhe ausstrahlt. Gene ist zwar allein, kommt mir aber nicht einsam vor. Auf sich selbst zurückgeworfen liest er Tolstois Anna Karenina und denkt über sein Leben mit Maida nach.


„Er war jemand, der für sein Leben etwas ersehnt hatte, das er nicht verstand. Er verstand die Liebe nicht. Er hatte zeitlebens versucht, sich anständig und korrekt zu verhalten, dies in dem Glauben, man würde ihn dafür lieben.“


Auch wenn mich der Anfang des Buches nicht sonderlich ansprach, war ich froh, bis zum Ende durchgehalten zu haben. Denn der noch jungen Autorin ist es erstaunlich gut gelungen, in ihrem Debutroman die Gedanken eines alternden Mannes in Worte zu fassen.