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gst
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pirna

Bewertungen

Insgesamt 163 Bewertungen
Bewertung vom 23.05.2022
Wütendes Feuer
Fang, Fang

Wütendes Feuer


ausgezeichnet

China zwischen Tradition und Zukunft

Yingzhi wartet im Gefängnis auf die Vollstreckung ihres Todesurteils. Wie es dazu kam, wird in diesem Roman geschildert, der mich tief eintauchen ließ in ihr erbärmliches Leben.


Früh geschwängert ist sie gezwungen, bei den sie ablehnenden Schwiegereltern zu leben. Während ihr Mann Guiqing sich beim Majong-Spiel vergnügt und das von ihr durch Singen in einer Band verdiente Geld versäuft, soll sie auf der Obstplantage helfen. Doch so ein Leben will sie sich nicht gefallen lassen, sie begehrt auf, was alles noch viel schlimmer macht. Brutal wird versucht, sie in die alten Sitten und Gebräuche zu zwängen.


Die chinesische Autorin Fang Fang (*1955) hat sich in unseren Breiten erst durch das Wuhan Diary, ein Tagebuch über die Ereignisse während der Quarantäne in der am härtesten von der Covid-19-Pandemie betroffenen Millionenmetropole Wuhan einen Namen gemacht. Doch zu schreiben begann sie schon früher. Bis 1982 studierte sie an der Wuhan-Universität chinesische Literatur, arbeitete dann als Redakteurin einer Fernsehstation, schrieb Drehbücher für TV-Serien und veröffentlichte ihren ersten Roman. Eine Erzählung, für die sie 1989 den "Nationalen Preis für herausragende Romane" erhielt, gilt als eines der ersten Werke der damals in China neu aufkommenden Gattung des Neorealismus. 2021 veröffentlichte der Hoffmann und Campe-Verlag den Roman Weiches Begräbnis, übersetzt von Michael Kahn-Ackermann.


Der hat sich nun ein Jahr später auch dem Roman „Wütendes Feuer“ angenommen und ihn mit einem sehr aufschlussreichen Nachwort ausgestattet. Hier erfährt man, dass der Roman 2002 zum ersten Mal veröffentlicht wurde und zeitlich in der ersten Hälfte der neunziger Jahre spielt. Das sind die Jahre eines gigantischen gesellschaftlichen Veränderungsprozesses, der bis in die Gegenwart andauert. Während wir im Westen nur die schnelle wirtschaftliche Entwicklung des Landes zur Kenntnis nehmen, entgeht uns die gesellschaftliche Revolution.


Die wird in diesem Roman thematisiert und hat mich völlig vor den Kopf gestoßen. Yingzhis Leben ist für mich unvorstellbar. Ihre Emanzipationsbestrebungen werden regelrecht niedergeknüppelt und die von ihr angestrengte Scheidung unmöglich gemacht – egal ob von ihrer eigenen Familie oder von der eingeheirateten. Das Buch ist in einer schnörkellosen Sprache geschrieben und teilweise so spannend, dass ich es kaum aus der Hand legen wollte. Auf der anderen Seite kam ich kaum mit dem Kopfschütteln ob der in meinen Augen unvorstellbaren Zustände hinterher.


Fazit: Ein gut lesbarer, erschütternder Roman, der einen guten Einblick in das chinesische Landleben Ende des vergangenen Jahrhunderts gibt. Leseempfehlung!

@gst

Bewertung vom 15.05.2022
Die Molche
Widmann, Volker

Die Molche


sehr gut

Dörfliche Kindheitserinnerungen in der Natur

Wer Naturbeschreibungen liebt, sollte sich dieses Buch unbedingt gönnen. Über weite Strecken war ich entzückt von der buntschillernden Welt, die hier beschrieben wird. Sie trägt die Geschichte von Max, dem elfjährigen Jungen, der in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ins Dorf kam und gleich schlechte Erfahrungen mit der Gruppe um den gewalttätigen Tschernik machen musste: Sein dreizehn Monate jüngerer Bruder bekam einen Stein an den Kopf und starb. Während die Erwachsenen es als Unglück sahen, das sie auf die schwächliche Gesundheit des zartbesaiteten Jungen zurückführten, wussten die Kinder, was wirklich geschehen war.

Max quält sich in diesem Buch durch die Erinnerungen: „Mein Bruder war ein zartes, ratloses, wie aus Gold gesponnenes Geschöpf. Er hatte die großen grünblauen Augen unserer Mutter. Auf seinem blonden Haar glänzte ein rötlicher Schimmer, und er trug es länger als wir übrigen Jungen mit unserem Kahlschnitt, den uns der Dorffriseur alle vier Wochen verpasste.“ Zum Glück findet Max Freunde, mit denen er der Bande um Tschernik das Handwerk zu legen versucht. Als LeserInnen begleiten wir ihn auch durch seine ersten erotischen Erfahrungen, aber vor allem lernen wir die Natur durch seine Augen zu sehen.

„Wir lauschten erschrocken auf ein Rascheln im Dickicht, auf ein Knacken von Ästen jenseits der Anhöhe – waren das Schritte? - und grinsten uns erleichtert an, wenn wir sahen, wie sich eine Blindschleiche, ein Wurm aus schillerndem Kupfer, zwischen Halmen von Schilfgras schlängelte und ein Rehbock in hohen Sprüngen durch den leuchtenden Farn setzte.“
„Zu Füßen des in sich verwundenen Stammes lag das Altwasser wie dunkles Glas, wie geölt, lichtgeädert, darauf schwammen lanzettförmige Weidenblätter, wie mit Bedacht ausgestreut.“
„Die Sträucher und Bäume zu beiden Seiten begleiteten in einem Farbenspiel, das mit olivvioletten Berberitzen und metallisch glänzenden schwarzroten Pflaumen begann, gefolgt von purpurbraunem und satt tiefrotem Ahorn über das kupfrige und bronzene Rot von Buchen und in das flammende, leuchtende Feuerrot von anderen Berberitzen am Ende des Bogens gipfelte und mir den Atem verschlug.“

Solch farbenprächtige Naturbeschreibungen tragen den Roman. Anfangs trafen mich die überbordend bildhaften Sätze mitten ins Herz, doch die Vielzahl erschlug mich im Laufe des Buches. Sie heben sich angenehm von der heute manchmal bis zur Unkenntlichkeit reduzierten Sprache ab; allerdings hätte ihnen ein wenig Reduzierung gut getan. Ausgesprochen misslungen fand ich, das in manchen Kapiteln plötzlich ein anderes Kind erzählt. Es irritiert und durchbricht den Lesefluss, wenn nirgends darauf hingewiesen wird.

Alles in allem ist es Volker Widmann in seinem Erstlingswerk gelungen, die Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg wachzurufen. Er thematisiert die Strenge der Erwachsenen, die mit dem Erlebten durch Schweigen fertig zu werden versuchten, aber auch die Freiheit der Kinder, die oft tun und lassen konnten, was sie wollten.

Fazit: Wer sich in einem Buch viel Handlung und Fortgang wünscht, ist hier fehl am Platze. Wer jedoch das gemächliche Zuschauen genießen kann, wird hier fündig.

Bewertung vom 10.05.2022
Unser Sommer am See
Huppertz, Nikola

Unser Sommer am See


ausgezeichnet

Ferienabenteuer im Bayerischen Wald

Heuer dürfen Agda, Nick und Jula mit ihrem Papa die Ferien verbringen, während die Mama mit ihrer Freundin eine Kulturreise macht. Was sich anfangs nicht so gut anlässt, wird zu einem wahren Abenteuerurlaub, nach dem jedes Familienmitglied mehr als genug zu erzählen hat.

Nikola Huppertz ist ein Jugendbuch gelungen, das nicht nur junge Leser begeistert. Sie lässt die Besonderheiten des Bayerischen Waldes lebendig werden und jedes der drei Kinder zwischen sechs und zwölf altersgerecht auf seine Kosten kommen.

Jula ist die Jüngste, liebt Tiere über alles und ist davon überzeugt, zaubern zu können. Nick, der mittlere, trägt eine Brille und ist anfangs nicht sehr mutig. Doch der gewiefte Felix hilft ihm dabei, immer mutiger zu werden. Das imponiert sogar Agda, die sich von dem Dorfjungen mit dem Pilzhaarschnitt verunsichern lässt. Da der Papa sich gleich zu Beginn verletzt, sind die Kinder mehr oder weniger auf sich gestellt. Wie sich zeigt, führt die nicht ganz ungefährliche Freiheit zu immer mehr Verantwortungsbewusstsein.

Schön ist es zu sehen, wie die Familie zusammenhält, obwohl sie sich gegenseitig auch auf die Nerven gehen und Geheimnisse voreinander haben. Die Autorin erzählt so lebendig, dass man meint, selbst dabei zu sein und am liebsten sofort in den Bayerischen Wald aufbrechen würde.

Bewertung vom 08.05.2022
Eine Frage der Chemie
Garmus, Bonnie

Eine Frage der Chemie


ausgezeichnet

Essen um sechs oder Kochen ist Chemie

Elizabeth Zott wurde in eine Zeit hineingeboren, als es intelligenten Frauen noch schwer gemacht wurde zu zeigen, wozu sie fähig sind. Ihre Passion war die Chemie. Doch 1961 traute man Frauen noch nicht zu, selbstständig zu denken und zu forschen. Männer hatten das Sagen und wollten es sich nicht nehmen lassen. Statt ihre Arbeit anzuerkennen, wurde sie immer wieder zu einer Hilfskraft degradiert. Als Celvin Evans entdeckte, was ihn steckte und sich mit ihr zusammentat, wurde das von den Kollegen misstrauisch beäugt. Nachdem Elizabeth ihren Job verloren hatte, wurde sie in ihrem eigenen Labor ausgenützt. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten erhielt sie die Möglichkeit, in einer Kochsendung im Fernsehen ihr Wissen weiterzugeben …

Die Amerikanerin Bonnie Garmus hat als Debüt einen unterhaltsamen Roman geschrieben, den ich sehr gern konsumiert habe. Obwohl viele entrüstende und traurige Ereignisse diese Gesellschaftskritik prägen, konnte ich des öfteren laut auflachen. Der Schreibstil ist erfreulich leicht, ohne ins Triviale abzugleiten. Die geschilderten Personen - einschließlich des Hundes mit dem ungewöhnlichen Namen Halbsieben - haben sich in mein Herz geschlichen. Einzig der Schluss war vielleicht etwas übertrieben. Aber das lässt sich nach dem Gesamteindruck gut verkraften.

Die Schauspielerin und Synchronsprecherin Luise Helm liest das Buch mit einer so angenehmen Stimme, dass ich jede der 828 Minute genoss und mich im Gegensatz zu anderen Hörbüchern auch mal in Ruhe hinsetzte, um ohne Nebenbeschäftigung einfach nur zuzuhören. Für mich war das eine rundum gelungene Unterhaltungslektüre!

Bewertung vom 22.04.2022
Tell
Schmidt, Joachim B.

Tell


ausgezeichnet

„Durch diese hohle Gasse muss er kommen“
ist ein Zitat, das wohl die meisten Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ zuordnen können. Für mich war es bisher die einzige Stelle, die mir aus diesem Drama geläufig war. Nun bot sich diese moderne Neufassung über die Schweizer Sagenfigur regelrecht an, die Wissenslücke endlich zu schließen.

Ich muss zugeben, dass es eine Weile dauerte, ehe mich der Sog dieses schillernden Kopfkinos mitriss. Die Erzählweise ist ungewöhnlich: Zwanzig verschiedene Protagonisten (das sind viel weniger Mitwirkende als bei Schiller) erzählen in kurzen Sequenzen abwechselnd aus ihrer Sicht, was sich zugetragen hat. Das führt uns Lesende ganz nah an das Geschehen heran, lässt uns mitfiebern und hoffen, dass der Freiheitskämpfer gegen die Obrigkeit siegt.

In meinen Augen ein famoser Schachzug des Autors, der aus der Schweiz stammt und heute in Reykjavik lebt. Dies ist nach "Kalmann" das zweite Buch, das ich von dem 1981 geborenen Joachim B. Schmidt gelesen habe. Beide Bücher zeigen mir, dass er viel Potential mitbringt. Auch wenn er bisher (noch?) nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern gehört, werde ich ihn weiterhin im Auge behalten.

Bewertung vom 14.04.2022
Das Leben eines Anderen
Hirano, Keiichir_

Das Leben eines Anderen


gut

Identitätswäsche

Kann man ein anderes Leben als sein eigenes leben? Kann man seine Identität verändern? Ja, man kann. Zumindest in diesem Roman. Wie es dazu kommt, wie es geht und was es für Auswirkungen hat, wird in diesem Tätigkeitsbericht eines Anwalts ausführlich erläutert.

Rie hatte nicht viel Glück in ihrem Leben. Nach dem viel zu frühen Tod ihres Sohnes zerbrach die Ehe und dann starb auch noch ihr Vater. Erst als ihr Daisuke begegnete, begann ihr Leben glücklich zu werden. Nach drei Jahren und neun Monaten verlor sie ihn durch einen Arbeitsunfall und ein Jahr später musste sie erfahren, dass er nicht derjenige war, für den er sich ausgegeben hatte. Warum hatte er ihr nicht die Wahrheit gesagt? Wie soll sie herausfinden, wer nun eigentlich gestorben ist? In ihrer Not wendet sie sich an den Anwalt, der ihre erste Ehe geschieden hat.

Kido beginnt zu recherchieren und vertieft sich in das Detektivspiel. Als Leser erfährt man viel über die japanische Kultur, über Familienregister und Fremdenfeindlichkeit gegenüber Koreanern. Wir reisen mit dem Anwalt quer durchs Land und lernen unterschiedliche Lebensläufe kennen. Das ist interessant und spannend.

Es gibt auch einige nachdenkenswerte Episoden. Kido macht sich beispielsweise klar, wie ihn seine Suche nach der Wahrheit von seinem eigenen Leben ablenkt. „Es ist so, … , als würde ich einen Roman lesen und beim Lesen meinem eigenen Schmerz begegnen.“ (Seite 263). An einer anderen Stelle wird deutlich, wie wenig Menschen, die täglich zusammen leben, voneinander wissen und welche Erleichterung es bedeutet, wenn sie mehr voneinander erfahren.

Trotzdem hat mir das Buch nicht gefallen. Vor allem zu Beginn ist es geschrieben wie ein distanzierter Bericht, in dem viele Erklärungen nötig waren. Bei mir wurden keine Gefühle lebendig, ich schaute nur von außen zu. Die vielen japanischen Städte- und Personennamen erschwerten mir zudem den Lesefluss. Manche Sätze musste ich zweimal lesen, um sie überhaupt zu verstehen. Deshalb vergebe ich nur 3 Sterne.

Bewertung vom 09.04.2022
Singe ich, tanzen die Berge
Solà, Irene

Singe ich, tanzen die Berge


sehr gut

Gewöhnungsbedürftige Lektüre

In diesem ungewöhnlichen Buch verleiht die Autorin der Natur eine Stimme. Da erzählen die Wolken, dass sie den Hagel lieben, Tiere erläutern ihre Gedanken und Geister kommen zur Welt. Natürlich geht es auch um Menschen. Menschen die Nöte haben, Menschen voller Widersprüche.
Das ganze Buch ist dem Werden und Vergehen gewidmet. Aufgebaut wie eine Kurzgeschichtensammlung lässt sich der Faden erst nach und nach entdecken. Man muss sich auf jedes Kapitel neu einlassen und geduldig darauf warten, dass es erzählt, worauf es hinaus will. Wer Überraschungen liebt, wird dieses Buch mögen. Wer lieber eine stringente Handlung verfolgt, wird mit diesem Experiment nicht viel anfangen können.
In diesem Buch kann man Gedichte entdecken und eine Bildergeschichte über die Entstehung der Pyrenäen. Nahe der spanisch-französichen Grenze wird das Leben eines Dorfes und seiner Umgebung in der Vergangenheit und der Gegenwart in sehr poetischer Sprache lebendig.

Irene Solá, 1990 in Malla, einem Dorf mit ein paar hundert Einwohnern geboren, studierte in Barcelona. 2012 veröffentlichte sie einen Gedichtband und 2017 ihren ersten Roman. „Singe ich, tanzen die Berge“ ist ihr zweiter Roman. Mit ihm gewann sie 2020 den Europäischen Literaturpreis.

Ich habe diese nicht alltägliche Lektüre anfangs sehr skeptisch, aber nach und nach immer faszinierter entdeckt.

Bewertung vom 06.04.2022
Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit
Jovanovic, Gianni;Alashe, Oyindamola

Ich, ein Kind der kleinen Mehrheit


ausgezeichnet

Der Weg in die Freiheit

Bisher hatte ich noch nie von Gianni Jovanovic gehört. Erst eine begeisterte Rezension seines Buches hat mich auf ihn aufmerksam gemacht. Nach dem Hören seiner Geschichte hat er sich in mein Gehirn eingebrannt. Jedesmal, wenn mir nun ein Rom oder Sinti begegnet, werde ich daran denken, welche Regeln in diesen Bevölkerungsgruppen herrschen, wie sie ausgegrenzt werden und welchen Traditionen sie unterworfen sind.
Eigentlich habe ich mich für einen toleranten Menschen gehalten. Doch dieses Buch hat mir klar gemacht, dass auch ich in Vorurteilen feststecke. Diese Sprüche „nehmt die Wäsche von der Leine, die Zigeuner kommen“ waren in meiner Kindheit gang und gäbe. Manchmal kam ein Wanderzirkus in unser Dorf und die Kinder gingen ein paar Tage zu uns in die Schule. Ich fand es schön, wenn sie im Unterricht von ihrem Leben erzählten und wir sie nachmittags bei ihren Kunststücken im Zirkus bewundern konnten. Doch was wussten wir von dem Leben der Fahrenden?

Seit ich dieses Buch gehört habe, weiß ich, dass es nicht ungewöhnlich ist, dass 14jährige verheiratet werden, dass 16jährige schon Kinder haben. So wie Gianni Jovanovic, dessen Eltern aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen sind. Er selbst wurde 1978 in Rüsselsheim geboren und hatte mit 17 schon zwei Kinder. Dass er schwul war, hat niemanden interessiert. Mit 20 begann er sich zu outen. Inzwischen ist er glücklich mit einem Mann verheiratet und kämpft intensiv für die Rechte der Roma und Sinti. Meine Achtung für seinen Einsatz steigerte sich von Stunde zu Stunde des Zuhörens.

„Deutschland tut oft verdammt weh“, sagt der Mann, der zurecht stolz auf seine Leistung ist. Er hat es von der Sonderschule bis zum Bachelor geschafft. Als Ziel hat er sich die Inklusion von „Persons of Colour“ in die Gesellschaft gesetzt. In seinem gut gegliederten Buch, das er zusammen mit der Journalistin Oyindamola Alashe geschrieben und selbst sehr emotional eingelesen hat, erzählt er von den Schönheiten und Problemen seiner Kindheit, von seiner Persönlichkeitsentwicklung, vom Familienzusammenhalt und von seiner sexuellen Ausgrenzung.

Unvoreingenommen zuzuhören fällt nicht immer leicht. Denn es tut weh, wenn sich unerwartet die eigenen Vorurteile melden.

Fazit: Ein Buch, dem man viele Leser und Hörer wünscht, damit jeder einmal darüber nachdenkt, wie sich die Zukunft für die Randgruppen der Gesellschaft verbessern ließe.

Bewertung vom 06.04.2022
Die rothaarige Frau
Pamuk, Orhan

Die rothaarige Frau


ausgezeichnet

Wenn Legenden Realität werden

Was für ein Buch! In drei Teilen erzählt der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk eine unglaubliche Geschichte. Die Handlung spielt im Großraum Istanbul in den 1980er Jahren und reicht bis die Gegenwart. Der Autor verknüpft die in der modernen Türkei angesiedelte Handlung mit der griechischen Ödipus-Sage sowie der Legende von Rostam und Sohrab aus dem persischen Nationalepos Schahname.

Als Kind liebte Cem seinen Vater abgöttisch. Als der eines Tages verschwand, zog der Jugendliche mit seiner Mutter zu Verwandten. Um sein angestrebtes Studium finanzieren zu können, nahm er eine Arbeit bei einem Brunnenbauer an. Sein Meister wurde für ihn zum Ersatzvater. Zu dieser Zeit verliebte sich der 16jährige in eine 20 Jahre ältere, rothaarige Schauspielerin, die ihn schließlich in die körperliche Liebe einführte. Nach einem Unfall kehrt Cem fluchtartig zu seiner Mutter zurück.
Im zweiten Teil des Buches begleiten wir Cem durch sein Erwachsenenleben. Gemeinsam mit seiner Ehefrau baut er ein regelrechtes Imperium auf. Das wird zu ihrem gemeinsamen Kind, nachdem ihnen der Wunsch nach lebenden Nachkommen unerfüllt bleibt. Grundstückskäufe führen Cem zurück zu seiner ehemalige Wirkungsstätte, wo sich zeigt, dass Legenden oft einen Kern Wahrheit in sich tragen.

Im dritten Teil kommt schließlich die rothaarige Frau zu Wort und klärt die letzten Fragen auf.


Orhan Pamuk wurde am 7. Juni 1952 in Istanbul geboren. Er gilt als einer der international bekanntesten Autoren seines Landes und wurde 2006 als erster türkischer Schriftsteller mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet.


Mich hat das Buch so für sich eingenommen, dass ich es innerhalb weniger Tage ausgelesen hatte. Fasziniert beobachtete ich, wie sehr sich der Autor an den beiden obengenannten Legenden entlanghangelte. Dabei stellte er die Gefühle des Ich-Erzählers deutlich spürbar in den Mittelpunkt. Die Aufführung des „Legenden- und Moraltheaters“ verstand Cem als Jugendlicher zwar nicht, doch im Nachhinein wurde klar, wie sehr sie ihn in seinem weiteren Leben prägte. Jahrelange Schuldgefühle versuchte er mit der Literatur zu verarbeiten. (Wohl ebenso wie viele Leser, die in der Literatur Lebenshilfe finden.)

Bewertung vom 05.04.2022
Wo die Wölfe sind
McConaghy, Charlotte

Wo die Wölfe sind


ausgezeichnet

Ein großartiges, naturnahes Buch

In diesem Buch begleiten wir Inti und ihre MitarbeiterInnen bei der Umsiedelung eines Wolfsrudels nach Schottland. Eine Angelegenheit, die der dortigen Bevölkerung nicht gefällt, weil sie Angst um ihre Weidetiere hat.
Die Autorin lässt uns tief eintauchen in das Leben von Inti, die sich neben den Wölfen auch um ihre stumme, irgendwie behinderte Zwillingsschwester Aggi kümmert.
Beide Erzählstränge sind sehr intensiv und mitreißend. Ich habe bei der Angst um die Wölfe ebenso mitgefiebert wie ich die Vergangenheit der Schwestern aufgenommen habe.
Auch wenn ich nicht so unmittelbar wie Inti die Schmerzen von anderen Lebewesen fühlen kann, so hat es die Autorin geschafft, mich mitten ins Geschehen zu ziehen.
Charlotte McConaghy, Jahrgang 1988, war mir schon aus ihrem Buch „Zugvögel“ bekannt. Sie hat irisch-schottische Wurzeln und wuchs in Australien auf. In meinen Augen hat sie sich in diesem - ihren zweiten - Buch noch einmal gesteigert. Nicht nur hat sie uns die schottische Landschaft und Lebensart nahe gebracht, sondern auch ihre Liebe zur Tierwelt deutlich herausgearbeitet.
Ein dickes Lob an die Sprecherin, der es mit ruhiger Stimme gelungen ist, unwahrscheinlich viele Emotionen zu transportiert.