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In Brüssel laufen die Fäden zusammen - und ein Schwein durch die Straßen.
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europaischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an - die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das fur Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen,…mehr

Produktbeschreibung
In Brüssel laufen die Fäden zusammen - und ein Schwein durch die Straßen.

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europaischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an - die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das fur Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; "zu den Akten legen" wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft, soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.
In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.
Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen - für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 459
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 459 S. 205 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 128mm x 32mm
  • Gewicht: 530g
  • ISBN-13: 9783518427583
  • ISBN-10: 351842758X
  • Best.Nr.: 48070670
Autorenporträt
Robert Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren. Menasse studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft und promovierte 1980. Von 1981 bis 1988 arbeitete er an der Universität Sao Paulo in Brasilien als Assistent am Institut für Literaturtheorie. Seither ist der Schriftsteller und Essayist als freier Publizist tätig. 1990 wurde Robert Menasse als erster mit dem "Heimito-von-Doderer-Preis" ausgezeichnet. Der Schriftsteller, der auch als Übersetzer aus dem brasilianischen Portugiesisch arbeitet, lebt in Wien und Amsterdam. 2002 wurde er mit dem "Friedrich-Hölderlin-Preis", dem "Marie-Luise-Kaschnitz-Preis" und dem "Lion-Feuchtwanger-Preis" sowie 2003 mit dem "Erich-Fried-Preis" ausgezeichnet. 2012 wurde Robert Menasse der "Donauland-Sachbuchpreis" verliehen und 2013 der "Heinrich-Mann-Preis" für Essayistik. Im Jahr 2014 erhielt er den "Max Frisch-Preis".
Rezensionen
»Robert Menasse ist Erzähler und Polemiker, kühler Geschichtsdenker ebenso wie visionärer Schwärmer, der, bevor er abhebt, sich der Fakten vergewissert. Und er ist ein Verführer, der kraft seiner Sprache Überzeugungsarbeit leistet.« Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten 18.05.2017
Besprechung von 09.09.2017
Er täuschte Begehren vor, sie einen Orgasmus
Im Schweinsgalopp durch Brüssel: Robert Menasses virtuoser Europa-Roman „Die Hauptstadt“
Die Zukunft der Europäischen Union sieht nicht allzu rosig aus. Diesen Eindruck könnte man zumindest gewinnen, ruft man sich zwei zentrale Schauplätze von Robert Menasses großem Europa-Roman „Die Hauptstadt“ ins Gedächtnis. Da wäre einmal ein Brüsseler Friedhof, auf dem sich die Wege einiger Hauptfiguren dieses Buches kreuzen: Der Weg des soeben ins benachbarte Altersheim gezogenen David de Vrients, der des seiner verstorbenen Frau nachtrauernden Professor Erhart, eines Mitglieds der „Reflection Group New Pact for Europe“, und der des Kommissars Émile Brunfaut.
Brunfaut ist da gerade unterwegs zu einem konspirativen Treffen, denn eine Leiche gab es schon, bevor der Friedhof ins Bild rückte. Ein Mann wurde im (real existierenden) Brüsseler Hotel Atlas erschossen, dem Kommissar aber entzog die Staatsanwaltschaft die Ermittlung, alle Spuren des Verbrechens wurden in Windeseile beseitigt, und nun sucht dieser, angesichts seiner körperlichen Konstitution ebenfalls das nahe Ende erwartende Brunfaut eine Erklärung für die seltsamen Vorgänge.
Der zweite eher mit einer traurigen Vergangenheit denn mit einer strahlenden Zukunft verbundene Ort, ja der eigentliche Hauptort von „Die Hauptstadt“, heißt – auch wenn fast die gesamte Handlung in Brüssel spielt – Auschwitz. Ein Beamter der Europäischen Kommission, Martin Susman, seines Zeichens – einmal kurz Luft holen – Leiter der Abteilung EAC-C-2 „Programm und Maßnahmen Kultur“ der Direktion C „Kommunikation“ innerhalb der Generaldirektion „Kultur und Bildung“, dieser Martin Susman also fliegt nach Krakau und fährt weiter nach Auschwitz, um an einer Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers teilzunehmen.
Einem Kollegen zeigt er kurz darauf, was er neben einer schlimmen Erkältung aus dem schweinekalten Auschwitz mitgebracht hat, einen Badge mit der Aufschrift „Guest of Honour in Auschwitz“ nämlich. Darauf steht umseitig zu lesen: „Verlieren Sie diese Card nicht. Im Verlustfall haben Sie keine Aufenthaltsberechtigung im Lager“.
Der Kollege kann gar nicht glauben, dass dieser Umhänger echt ist und dass jemand ihn im Ernst mit diesen Worten beschriftet hat. Er glaubt, wie der Leser dieses Romans es zuweilen meint, es mit einer finsterschwarzen Satire zu tun zu haben. Aber das Wesen der Satire ist ja die Überzeichnung, und ob Robert Menasse in „Die Hauptstadt“ die Wirklichkeit tatsächlich sonderlich überzeichnet, ist fraglich.
Seine Darstellung der Machtkämpfe innerhalb der Kommission, ihrer an ein vertracktes Denksportspiel erinnernden Bürokratie, scheint doch immerhin auf intensiver Auseinandersetzung mit dem Gegenstand zu beruhen. Nicht zuletzt in seinem Buch „Der Europäische Landbote“ hat sich der Wiener Schriftsteller mit den Strukturen der Europäischen Union auseinandergesetzt, mit Brüssel und Straßburg und den zweifelhaften Kompetenzen des Europäischen Rates.
Umso erstaunlicher, dass der „Hauptstadt“ alles Thesenhafte fremd ist. Menasse gelingt es, all sein Wissen und all seine Ansichten in die allen Fakten und Meinungen gegenüber skeptische Form des Romans zu überführen. Der engagierte Intellektuelle zeigt sich hier als kompromissloser, ja leidenschaftlicher Erzähler. Als ein Erzähler zudem, der seinen Stoff so souverän handhabt, dass man angesichts der Leichtigkeit die Komplexität der Figurenkonstellation glatt vergisst und nach knapp fünfhundert Seiten bass erstaunt ist, dass dieser Roman schon vorbei sein soll.
Gekonnt und überaus gewitzt zeigt Menasse überdies immer wieder, wie schnell das Private ins Politische kippen kann, ja, wie politisch das Private selbst ist. Als die Leiterin der Direktion C „Kommunikation“, Fenia Xenopoulou, die direkte Vorgesetzte des Auschwitz-Ehrengastes also, mit ihrem Kollegen Kai-Uwe Frigge von der Generaldirektion für Handel ins Bett steigt, heißt es: „Er täuschte Begehren vor, sie täuschte einen Orgasmus vor. Die Chemie stimmte.“ Das Leben zum allseitigen Vorteil und Nutzen zu gestalten, diese Idee liegt auch durchaus der Europäischen Union zugrunde. Wie schwierig es allerdings außerhalb des Bettes ist, Einigkeit darüber herzustellen, worin Nutzen und Vorteil der EU liegen könnten, zeigt Menasse, indem er das Schwein zum Wappentier seines Romans erhebt.
Einerseits treibt im Laufe der Handlung ein Schwein höchstselbst auf den Straßen von Brüssel sein Unwesen, ja es wird sogar mit dem so sauschnell vertuschten Mord im Hotel Atlas in Verbindung gebracht, andererseits führt die Frage, ob seine weitläufige Verwandtschaft auf dem Weg über die Schlachthäuser Europas ins hungrige China eine europäische Identität erhalten oder ihre jeweils nationale Identität bewahren sollte, zu so manchen Verwerfungen.
Nicht zuletzt der Vorsitzende der „European Pig Producers“, Philip Susman, liegt seinem eigentlich nicht mit Schweinen befassten Bruder Martin mit diesem Thema ständig in den Ohren. Dieser hat auch ganz andere Sorgen. Um das Ansehen der Europäischen Kommission aufzupolieren, soll er nämlich zu ihrem 70. Geburtstag ein „Jubilee Project“ entwerfen.
Dass ihm die entscheidende Idee dafür in Auschwitz kommt, mag daher rühren, dass er die eigentlich extra für die Lagerkälte gekaufte extrawarme deutsche (!) Unterwäsche schon im Flugzeug anzieht, fürchterlich zu schwitzen beginnt, sich erkältet und im Fieber auf die irgendwie geniale, irgendwie aber auch wahnsinnige Idee kommt, Auschwitz als Ursprung und (würde man Professor Erharts Überlegungen in Bezug auf den „New Pact for Europe“ hinzuziehen) gewissermaßen auch Endziel der Europäischen Idee ins Zentrum der Feierlichkeiten zu stellen.
Eine solche Idee zu Fall zu bringen, ist freilich in Fest für jeden Kommissionsprofi, allen voran für Romolo Strozzi, den schillernden Kabinettschef des Kommissionspräsidenten, ein wenn auch mit elegantem Säbelhieb geführtes Schlachtfest: „Xeno konnte ihm nicht in die Parade fahren, weil sie nicht einmal wusste, was eine Parade ist.“ Der Kommissionspräsident selbst, heißt es einmal, sei nichts weiter als eine Marionette, die nach der Pfeife seiner Beamten tanze. Die Figuren dagegen, die Menasse uns auf die Bühne stellt, sind alle aus Fleisch und Blut, keine von ihnen hat etwas Hölzernes an sich. Höchstens hat der Autor selbst etwas von einem Marionettenspieler, geschickt und mit großem Spaß an der Sache, behält er stets alle Fäden in der Hand.
Außer dem Mann im Hotel Atlas, soviel sei verraten, stirbt in „Die Hauptstadt“ übrigens kein Schwein. Man könnte froh sein deshalb und Hoffnung hegen für Brüssel und die ganze EU. Dass jedoch offenbar der falsche Mann erschossen wurde, der Mord deswegen vertuscht werden musste und sich gerade das am Ende, unter der Erde, dort, wo die Toten gemeinhin liegen, rächen wird, macht die Sache allerdings wieder mindestens so vertrackt wie die Brüsseler Bürokratie. Und gerade darum so reizvoll.
TOBIAS LEHMKUHL
Wie ein Marionettenspieler
hält der Autor stets
alle Fäden in der Hand
Robert Menasse.
Foto: Rafaella Proell/wikipedia
Robert Menasse:
Die Hauptstadt. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 462 Seiten, 24 Euro. E-Book 20,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Rezensent Harald Jähner ist hocherfreut darüber, dass Robert Menasse mit seinem neuen Roman "Die Hauptstadt" das große Romanpotential entdeckt hat, dass in Brüssel als Europa-Haupstadt und "Ort einsamer Seelen" steckt, in der zehntausende Menschen entwurzelt, nur als Vertreter ihrer Länder leben. Die Handlung spinnt sich um die Organisation einer Feier zum 50. Jubiläum der Europäischen Kommission, der Organisator hatte die Idee, Auschwitz zum Mittelpunkt dieser Feier zu machen, weil nur aus dem Grauen des NS-Regimes die EU überhaupt entstehen konnte, erzählt Jähner. Menasse gelingt es, diesen bürokratischen Klotz, als den sich die Welt Brüssel vorstellt, menschlich erscheinen zu lassen, begeistert sich der Rezensent und siedelt Menasse irgendwo zwischen einem etwas uneleganten Thomas Mann und einem nicht zu theoretischen Alexander Kluge an. Vor allem, so Jähner, ist Menasses Blick auf Brüssel ein melancholischer, der sich der "unterschätzten Langeweile des Friedens" sehr bewusst ist.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 20.09.2017
Realistische Groteske
Robert Menasse in der Frankfurter Romanfabrik

Er kennt sich aus in Brüssel. Vier Jahre lang hat Robert Menasse in der belgischen Hauptstadt gelebt. Immer wieder hat er Essays über die Europäische Union und ihre Institutionen verfasst und für eine "Europäische Republik" auf dem Fundament eines Europas der Regionen plädiert. Jetzt hat er in der Frankfurter Romanfabrik endlich auch einen EU-Roman vorgestellt, der unter dem Titel "Die Hauptstadt" bei Suhrkamp erschienen ist. "Eine Groteske", befand Hausherr Michael Hohmann. Aber der Wiener Schriftsteller beharrte auf einem "realistischen Roman". Jedenfalls fand das sich drängende Publikum genug Anlässe, immer wieder laut aufzulachen. Und das nicht nur während des Prologs, in dem ein Schwein die Brüsseler Innenstadt heimsucht und dabei fast der gesamten Personage des Romans über den Weg läuft.

Brüssel, die Hauptstadt der Realsatire. Etwa, wenn "Xeno", die Leiterin eines Jubiläumsprojekts, dem Kabinettschef des Kommissionspräsidenten gegenübersitzt, um ihn von ihren Plänen zu überzeugen. Mit seinem Romulus Strozzi ist Menasse eine wunderbare Karikatur gelungen. Hauptberuflich Nachfahre adliger italienischer Faschisten und Kriegsverbrecher, begrüßt er die griechische Kollegin auf Altgriechisch und mit den ersten Worten des Johannes-Evangeliums. Einst hat er die olympische Bronzemedaille im Säbelfechten gewonnen. Den Finten und Paraden dieses EU-Beamten ist "Xeno" nicht gewachsen. Am Ende will Strozzi die Nationalstaaten in das Projekt einbeziehen, also statt an einem Strang zu ziehen ein ganzes Knäuel von Fäden in die Hand nehmen. Die EU-Kommission als Hüterin der Verträge und der Europäische Rat mit seinen nationalen Interessen - dieses Strukturproblem der Union nimmt Menasse köstlich auf's Korn.

Ein anderes Problem ist das Gewissen einzelner Beamter. Wie das des Patienten im Nadelstreifenpyjama, der keine Reden mehr für den Finanzkommissar schreiben kann, seit er weiß, dass die Selbstmordrate in Griechenland entsprechend der Sparauflagen gestiegen ist. Der Kommunikationsbeamte fühlt sich wie sein versagendes Kommunikationsorgan: "Ich bin sozusagen beruflich eine Milz." Menasse schreibt nicht nur geistreich und witzig, er trug seine sorgsam ausgewählten Passagen auch vor wie ein Kabarettist. Dabei liegt ihm die EU ernsthaft am Herzen und er hat Verständnis für ihre hochqualifizierten Beamten, nur: "Es sind Menschen."

Zurück zum Schwein. Diese "universale Metapher" sollte im Schweinsgalopp alles und alle zusammenführen: als Symbol des Glücks und der Sparsamkeit, aber auch als unreines Tier zweier Monotheismen. "Die europäische Politik besteht nun einmal aus Widersprüchen", sagte Menasse. Zu den Karriereschlüsseln in Brüssel gehöre es übrigens auch, das Lieblingsbuch des Kommissionspräsidenten im Smalltalk erwähnen zu können, in diesem Fall Musils "Der Mann ohne Eigenschaften". Deshalb habe auch er einige musilsche "Duftmarken" gesetzt, fügte er hinzu. Vielleicht gehören sie ja auch zu den Karriereschlüsseln im hiesigen Literaturbetrieb: Menasse steht mit seinem Roman immerhin auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und wird daher neben vier der anderen fünf Shortlist-Autoren am Samstag von 18 Uhr an im Frankfurter Literaturhaus ebenfalls zu Gast sein. Die Lesung ist ausverkauft.

CLAUDIA SCHÜLKE

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