Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Xirxe
Wohnort: Hannover
Über mich:
Danksagungen: 433 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 660 Bewertungen
Bewertung vom 14.01.2019
nichts, was uns passiert
Wilpert, Bettina

nichts, was uns passiert


ausgezeichnet

Juli 2014: Hannes feiert bei Jonas im Garten seinen Geburtstag. Es herrscht gute Stimmung, wie so häufig wird viel zu viel getrunken. So viel, dass Anna nicht mehr richtig gehen kann und von Hannes und dem ebenfalls sehr betrunkenen Jonas in dessen Bett getragen wird, um dort ihren Rausch auszuschlafen. Als sie aufwacht, registriert sie, immer noch betrunken, dass Jonas ihr die Hose auszieht und trotz ihres Protestes in sie eindringt. Anna schläft danach wieder ein, verschwindet am Morgen lautlos aus der Wohnung und erstattet zwei Monate später gegen Jonas Anzeige wegen Vergewaltigung.
Liest man Annas Geschichte aus ihrer Sicht, scheint die Sache klar zu sein. Doch so einfach macht es sich die Autorin nicht. Sie schiebt eine dritte, unbenannte Person zwischen die Lesenden und die jeweils erzählende Figur, die wie bei einer Reportage die Beteiligten befragt. Nicht nur Anna und Jonas, der eine völlig andere Erinnerung an diese Nacht hat, sondern auch Freunde und Freundinnen, Bekannte, Verwandte usw. Dadurch entwickelt sich aus dem scheinbar klaren Tatvorwurf der Vergewaltigung ein differenziertes Bild, das beim Lesen immer wieder aufs Neue die unterschiedlichsten Gefühle und Überlegungen entstehen lässt. Hier eine eindeutige Schuldzuweisung zu formulieren, gestaltet sich mit zunehmender Seitenzahl zusehends schwieriger.
Auch das Gesetz, das wohl mehr einem Schwarz-Weiß-Denken geschuldet ist (Vergewaltigung = Einsatz von Gewalt und einvernehmlicher Geschlechtsverkehr), kommt bei einem solchen Sachverhalt an seine Grenzen. Die große Grauzone, zu der auch der hier erzählte Vorfall gehört, bleibt davon ausgespart.
Eine einfache Lösung gibt es nicht, denn egal wie Gesetze formuliert werden, es steht Aussage gegen Aussage. Und das Grundproblem, dass Alkohol Schranken fallen lässt, von denen man vorher nicht einmal wusste, dass sie existieren, wäre damit immer noch nicht gelöst.
Ein sachliches, gut zu lesendes Buch, das sehr zum Nachdenken anregt.

Bewertung vom 14.01.2019
Herr Kato spielt Familie
Flasar, Milena Michiko

Herr Kato spielt Familie


sehr gut

Irgendwann ist es soweit: der lang ersehnte Ruhestand! Aber vielleicht ist er doch nicht so sehr ersehnt? Für die namenlose Hauptfigur dieses Buches ist es eine Zäsur, denn von einem Tag auf den anderen ist er ein Niemand. Eine unwichtige Person, die von niemandem gebraucht wird. Seine Frau schickt ihn aus dem Haus, damit er aus dem Weg ist; im Büro ruft er nicht an aus Angst, man könne sich nicht an ihn erinnern. Für die Dinge, die er sich vorgenommen hat (Radio reparieren, Plattensammlung sortieren), fehlt ihm der Elan; vielleicht auch, weil er keinen Sinn darin sieht. Doch am Meisten erschreckt ihn die Beziehungslosigkeit, in der er lebt. Seine Ehe ist schon lange ein Neben- statt ein Miteinander, mit seinen Kindern hat er kaum Umgang, und außer zu einem Obdachlosen in der Nachbarschaft gibt es keine regelmäßigen Kontakte. Doch er sucht die Ursachen dafür nicht bei sich, sondern versucht mit Disziplin eine Regelmäßigkeit in sein Leben zu bringen, das ihm wieder Sinn verleiht - ohne Erfolg. Erst als er der jungen Mei begegnet, die ihm das Angebot macht, in ihrer Agentur als Familienmitglied für Andere kurzzeitig vermittelt zu werden, beginnt sich seine Einstellung und damit auch sein Leben zu ändern.
Es ist eine kleine Geschichte (nicht einmal 160 Seiten), die dennoch einige der Schwierigkeiten, mit denen viele Menschen zu kämpfen haben, überdeutlich macht. Die Konzentration auf die Arbeit (das scheinbar Wichtigste), die keine Zeit lässt, sich noch mit Anderem zu beschäftigen; die daraus entstehende Gleichgültigkeit selbst gegenüber den nächsten KollegInnen (man hat ja keine Zeit); die Problematik, Gefühle zuzulassen, nachdem man selbst schwer verletzt wurde; zu leben ohne dass es immer einen Sinn machen muss, einfach weil es schön ist. Das Buch bietet keine Lösungen an, sondern zeigt in einer liebenswerten Form, wie sich aus kleinsten Veränderungen der Einstellung oder Sichtweise Dinge beginnen, sich anders zu entwickeln als auf die sonst gewohnte Art.
Der Schreibstil der Autorin ist etwas ungewohnt: Der Protagonist erzählt nicht einfach das Geschehene, sondern als Lesende folgt man meist seinen Gedanken, die, wie Gedanken nun mal so sind, nicht immer chronologisch daherkommen, sondern mal hierhin, mal dorthin springen; mal in kurzer, mal in langer Form. Ich habe mich schon nach wenigen Seiten ohne Schwierigkeiten daran gewöhnt und finde diesen Stil im Nachhinein sehr gelungen.
Eine kleine feine Geschichte, die auf gelungene Weise unter anderem so Manches im (vielleicht eigenen?) Leben ganz behutsam in Frage stellt.

Bewertung vom 14.01.2019
Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte
Khong, Rachel

Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte


weniger gut

Von einem Tag auf den anderen ist die 30jährige Ruth von ihrem Freund verlassen worden, was ihr natürlich schwer zusetzt. Als sie von ihrer Mutter gefragt wird, ob sie für ein Jahr wieder in ihrem Elternhaus wohnen würde, um sich um ihren demenzkranken Mann, Ruths Vater, zu kümmern, stimmt Ruth zu und schreibt während dieser Zeit Tagebuch.
Der Titel des Buches suggeriert eine in gewissem Sinn humorvolle Auseinandersetzung bzw. Darstellung des Zusammenlebens mit einem demenzkranken Menschen, was die den Klappentexten angefügten Kritikauszüge bestätigen. Doch davon wie auch von der angekündigten gefühlvollen Geschichte ist leider in diesem Buch wenig zu finden (ob ein anderes gemeint war ;-) ?). In den ersten zwei Drittel gibt es mehrere Einträge pro Monat, zeitweise sogar täglich, während ab August nur noch einmal im Monat das Geschehene zusammengefasst wird. Größtenteils ist das Beschriebene derart lapidar, dass man wirklich nur noch quer zu lesen braucht, um der Geschichte zu folgen.
Obwohl Ruth als Ich-Erzählerin noch schwer mit der Trennung von ihrem Freund zu kämpfen hat und ihr auch die Krankheit ihres Vaters nahe geht, wird dies im Text praktisch nicht vermittelt. Er ist fast völlig emotionslos und so sachlich geschrieben, dass es mehr den Eindruck macht, als wäre dies ein Beitrag für ein Fachbuch. Auch die wenigen amüsanten Szenen werden durch die Erzählweise derart nüchtern dargestellt, dass es kaum für einen Schmunzler reicht.
Und zuguterletzt gibt es noch Sätze, die solch gruslige Vergleiche bieten, dass sich mir beinahe die Fußnägel hochrollten ;-) "Meine Angst war wie Bratwurst: Sie machte mich gleich ein bisschen weniger betrunken." Ab und zu gelingen der Autorin zwar einige lesenswerte Formulierungen, doch zu mehr als zwei Sternen reicht das nicht.
Alles in allem eine Lektüre, die sich nicht lohnt. Es gibt Besseres, deutlich Besseres.

Bewertung vom 14.01.2019
Töchter
Fricke, Lucy

Töchter


sehr gut

Was an diesem Buch 'Zum Brüllen komisch' (Spiegel online) ist bzw. einem 'Lachtränen in die Augen treiben konnte' (Denis Scheck), ist mir trotz konzentriertem Lesen nicht aufgefallen. Ja, ganz sicher gibt es immer wieder Gründe zum Grinsen und sich amüsieren, aber lauthals lachen? Mir blieb das eher im Halse stecken.
Zwei Frauen Anfang 40, Betty, die Icherzählerin und Martha, ihre beste Freundin, machen sich auf eine Reise, um Marthas Vater sterben zu lassen. Er ist todkrank und möchte in der Schweiz Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Doch unterwegs stellt sich heraus, dass er ihnen nicht alles erzählt hat und so gibt es eine Änderung im Reiseplan.
Betty ist von ihrem Leben desillusioniert und lebt eigentlich nur, weil sie nicht sterben möchte. Doch immer wieder gibt es Momente, die sie als lohnenswert empfindet und so erzählt sie die Geschichte nicht in einem jammervollen, klagenden Tonfall, sondern hat sich ihren ganz eigenen Humor bewahrt, der sie vermutlich davor schützt, in ein allzu tiefes schwarzes Loch zu fallen. Und damit den Leserinnen und Lesern tieftraurige Einsichten präsentiert, die häufig ungewohnt amüsant daherkommen. Beispielsweise Kurts Rechtfertigung der Lüge: "Zum Sterben fährst du mich, aber zum Lieben hättest du mich niemals gefahren!". Oder als Betty allein unterwegs ist: "Hier allein zu sein, war unmöglich. Mich machte diese Präsenz zunehmend nervös, ich verschwand hier nicht, ich schlug ein wie eine Bombe. Niemand wollte Leute um sich wissen, wenn er versuchte, sich selbst zu finden."
Trotz der vielen humorvollen Szenen und absurden Wendungen, die dieses Buch hat, ist es im Grunde genommen eine Geschichte um eine, wenn nicht sogar zwei unglaublich traurige Frauen. Während die Eine versucht, noch ein Glück zu finden, hat die Andere schon längst resigniert. Obwohl - ein kleiner Funken Hoffnung scheint noch zu glimmen.
Viele schöne, kluge, aber traurige Sätze - und Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Bewertung vom 14.01.2019
Gott der Barbaren
Thome, Stephan

Gott der Barbaren


ausgezeichnet

In der heutigen Zeit scheint China allgegenwärtig zu sein, ein Land, das alle kennen. Doch was weiß man von seiner Geschichte? Mir zumindest waren die Geschehnisse der Taiping-Revolution, von denen dieses Buch berichtet, unbekannt.
In den Jahren 1851 bis 1864 versuchten die Taiping-Rebellen die Qing-Dynastie zu stürzen, die von den Mandschu, die allgemein als grausam und korrupt galten, begründet worden war. Die Ideologie dieser neuen Bewegung gründete sich neben anderen zu großen Teilen auf christlichen Idealen, die der Gründer Hong Xiuquan vermutlich durch einen Missionar vermittelt bekam.
Stephan Thomes Roman setzt mit dem Jahr 1858 ein, wobei die einzelnen Kapitel zumindest zu Beginn nicht chronologisch aufeinander aufbauen. Ein junger Deutscher, Philipp Johann Neukamp, der sich in den Staaten des Deutschen Bundes 1848 an den bürgerlich-revolutionären Erhebungen beteiligte, flieht über die Niederlande nach China, um dort im Auftrag einer Mission den christlichen Glauben zu verbreiten. In Hongkong, wo er die ersten Jahre lebt, hört er vom Aufstand der Taiping-Rebellen, mit dem er aufgrund seiner Einstellungen sympathisiert. Als einer seiner Kollegen, ein konvertierter Chinese, die Mission verlässt um sich den Rebellen anzuschließen, folgt er ihm einige Zeit später nach.
Dies ist nur einer der drei Protagonisten, aus deren Sicht die damaligen Geschehnisse berichtet werden. Die herrschende Qing-Dynastie wird vertreten durch Zeng Guofan, den Oberbefehlshaber der Hunan Armee, die gegen die Rebellen kämpft. Lord Elgin, Sonderbotschafter der Britischen Krone, steht für die westliche Welt, die China mit allen Mitteln für den britischen Markt öffnen möchte, was auch unter dem Deckmantel 'Zivilisierung der Barbaren' gerechtfertigt wird. Daneben gibt es immer wieder Berichte einzelner Personen, die die jeweiligen Geschehnisse aus ihrer Sicht erzählen, sodass sich ein umfassendes Porträt dieser Zeit herausbildet.
Wer nun tatsächlich 'Die Barbaren' sind, die auch im Buchtitel stehen, bleibt nach dem Lesen dieses dicken Wälzers (über 700 Seiten) unklar. Die Qing-Dynastie, die rücksichtslos ihre Gegner massakriert? Die Rebellen, die grausam die Ungehorsamen und Ungläubigen niedermetzeln? Die Briten, die sich unbarmherzig ihr scheinbares Recht auf einen freien Handel erkämpfen? Oder die Missionare, die selbstherrlich ihren Glauben verbreiten und denen es egal ist, welche Folgen das nach sich zieht?
Untypisch sind die Führer der beiden großen Armeen und sich darin ähnlicher als sie ahnen, Zeng Guofan und Lord Elgin. Beide traten ihre Aufgaben mehr aus Pflichtgefühl als aus Überzeugung an und hadern den Großteil der Zeit mit dem, was ihnen aufgetragen wurde: Krieg zu führen. Man kann sie durchaus als Brüder im Geiste bezeichnen und hätten sie sich jemals getroffen und verständigen können, wären sie vermutlich sogar Freunde geworden. Auch der Dritte im Bunde, Philipp Johann Neukamp, der sich zumindest zu Beginn voller Idealismus und Begeisterung der Sache der Rebellen verschrieben hat, beginnt zu zweifeln. Wenn Etwas am Ende dieses Buches deutlich wird, dann: Nichts rechtfertigt einen Krieg, keine noch so gute Sache.
Man sollte sich schon etwas Zeit nehmen für diesen Wälzer, auch wenn die Sprache meist gut verständlich ist (nur gegen Ende hin, wenn die Protagonisten zu ihrem Lebensende hin zu philosphieren beginnen, wird es etwas schwieriger). Manche bemängeln, das Werk sei zu klischeebehaftet - doch man sollte nie vergessen, dass Klischees sich aus der Realität herausbilden. Stephan Thome beschreibt das Leben einer vergangene Epoche eines Landes, die einzelnen Figuren hingegen sind aber alles andere als klischeehaft.
Es ist eine Geschichte über eine Zeit in einem Land, von der mit Sicherheit nur die Allerwenigsten jemals etwas gehört haben. Ein Buch, mit dem man seinen Horizont erweitern kann und in dem einem eindrucksvoll dargestellt wird, wie überflüssig Kriege sind!

Bewertung vom 14.01.2019
Die irrste Katze der Welt
Bachelet, Gilles

Die irrste Katze der Welt


ausgezeichnet

Gilles Bachelet hat wie viele Menschen ein Haustier, eine Katze. Seine aber ist so ungewöhnlich, dass er ein Buch über sie gemacht hat: wie sie frisst, schläft, sich putzt usw. Alles nichts Besonderes, wenn diese Katze nicht riesig wäre und einen großen Rüssel hätte.
Das ganze Buch ist ein wunderbares Gedankenspiel 'Was wäre wenn ...". Kinder werden sicher keine Schwierigkeiten haben, sich darüber köstlich zu amüsieren ebenso wie Erwachsene, die sich auf dieses Spiel einlassen. Die Illustrationen sind ungemein liebevoll und witzig, insbesondere wenn diese riesige graue Katze versucht, sich in ihren Schlafplatz zu kuscheln oder genau ins Katzenklo zu treffen.
Ein wunderschönes Bilderbuch, dass man immer wieder gerne durchliest.

Bewertung vom 14.01.2019
Schneesturm und Mandelduft, 2 Audio-CDs
Läckberg, Camilla

Schneesturm und Mandelduft, 2 Audio-CDs


gut

Kommissar Martin Molin kommt eher widerwillig mit seiner neuen Freundin zum Weihnachtsfest ihrer Familie mit. Schon bald ist klar, die einzelnen Mitglieder dieser Familie sind sich alles andere als einander zugetan. Das betagte Oberhaupt Ruben möchte sein Erbe regeln, verachtet aber bis auf einen Enkel seine Verwandten. Als er während des Essens stirbt, ist schnell klar: Es war Mord. Und es kann nur jemand aus der Familie gewesen sein.
Die Geschichte ist nett erzählt, aber schwer klischeebeladen. Jede und jeder hat seine Geheimnisse, die nun nach und nach ans Licht kommen und letztendlich gibt es wohl niemanden bis auf einen, die/der kein Motiv hatte, den Mord zu begehen. Keine allzu überraschenden Wendungen, irgendwie hat man diese Geschichte auf die ein oder andere Art schon mehrfach gesehen/gehört/gelesen. Und wäre da nicht das Ende, wäre es ein absolut durchschnittlicher Krimi, wie es ihn zu Dutzenden gibt. So aber reißt das Finale dann doch Einiges wieder raus, auch wenn es schon ein bisschen konstruiert wirkt.
Nina Petri ist eine souveräne und angenehme Vorleserin, sodass es insgesamt eine leichte zweieinhalbstündige Zwischendurchunterhaltung ist, für die jedoch als Hörbuch der normale Preis definitiv zu hoch ausfällt.

Bewertung vom 16.12.2018
Herbststurm / Kommissär Reitmeyer Bd.3
Felenda, Angelika

Herbststurm / Kommissär Reitmeyer Bd.3


gut

Auch der dritte Teil um den Münchner Kommissar Reitmeyer spielt in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Wie überall in Deutschland ist nach dem Krieg die Armut groß und die Arbeitslosigkeit hoch. Und gerade in München machen sich dies rechte Kreise zu Nutze, um AnhängerInnen für ihre kruden Ideen zu sammeln. Als zwei Mitglieder eines Freikorps ermordet werden und eine immense Dollarsumme gefunden wird, besteht schnell der Verdacht auf interne Streitigkeiten. Doch auch die Suche nach einer verschwundenen jungen russischen Frau könnte damit in Verbindung stehen, denn einer der Toten arbeitete als Detektiv. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig, denn der Freicorps hat Beziehungen bis in die obersten Ebenen.
Neben den bereits genannten Handlungsfäden gibt es noch einige weitere, die zwar im privaten Bereich beginnen, sich im Laufe der Geschichte aber als Bestandteil des Kriminalfalles heraussstellen. Mir waren dies jedoch zu viele lose Fäden, die sich durch den Großteil des Buches ziehen. Die verschwundene Russin scheint zwar von Anfang an eine wichtige Rolle zu spielen, wird jedoch immer mehr zu einer Randfigur, bei der ich mich fragte, was sie mit dem Ganzen überhaupt zu tun hat. Oder diverse einzelne Personen des Freicorps, die einen mehr oder weniger großen Auftritt erhalten, um dann wieder zu verschwinden. Oder dass Menschen sterben, offenbar eines gewaltsamen Todes, und Alles nach zwei, drei Seiten vergessen scheint. Einige Handlungsstränge weniger hätten zwar keine 430 Seiten mehr ergeben, es hätte der ganzen Geschichte vermutlich aber sehr gut getan.
Wirklich richtig gut ist in diesem Buch der geschichtliche Hintergrund, der hier nicht nur als Kulisse dient. Angelika Felenda kennt sich aus mit dem, was sie schreibt (zumindest liest es sich so. Und sie hat auch Geschichte studiert ;-)). Die damaligen Verhältnisse spiegeln sich in sämtlichen Ereignissen wider, egal ob in der Kriminalbehörde, im Nachtleben oder in den familiären Beziehungen. Ich habe wieder (wie bereits in den beiden Vorgängerbänden) eine Menge über diese Zeit der Zwanziger Jahre in München erfahren.

Bewertung vom 06.12.2018
Vom Ende der Einsamkeit
Wells, Benedict

Vom Ende der Einsamkeit


ausgezeichnet

Nach einem schweren Motorradunfall wacht Jules, der Ich-Erzähler, im Krankenhaus auf und erinnert sich an sein Leben, beginnend mit dem Zeitpunkt, als seine Kindheit ihre Unbeschwertheit verlor. Als er, 11 Jahre alt und seine Geschwister Marty, 14 und Liz, 15 Jahre, durch einen Autounfall ihre Eltern verlieren. Sie kommen in ein Internat, wo sie getrennt voneinander aufwachsen und jede/r auf ihre/seine Art versucht, damit klar zu kommen.
Es ist eine melancholische Geschichte, in der die Trauer um die Eltern sowie der indirekte Verlust der Geschwister und die damit verbundene Einsamkeit beinahe durchgängig zu spüren ist. Dennoch ist es kein deprimierendes Buch, denn immer wieder gibt es glückliche Momente, die so wunderbar beschrieben sind, dass sie das Leid der vorhergehenden Seiten fast vergessen machen. Zwar sind sie nicht von Dauer (zumindest nicht bei Jules), doch auch die dunklen Abschnitte im Leben halten nicht ewig an. Stets aufs Neue gelingt es den Geschwistern, sich aus ihren jeweiligen schwierigen Lebensphasen zu lösen und einen neuen Versuch zu wagen.
Benedict Wells schreibt dies auf eine derart eingängige und leicht zu lesende Weise, dass ich das Gefühl hatte, als stünde er neben mir und erzähle mir das Ganze wortwörtlich. Und so ganz nebenbei werden auch die großen Fragen des Lebens aufgegriffen, ohne dass es jedoch in einen philosophischen Exkurs ausartet: Was ist Zeit? Realität? Das wahre Leben? Überhaupt natürlich: der Sinn des Lebens.
Ein wundervolles Buch, das ich mit Tränen in den Augen und dennoch beglückt gelesen habe.

Bewertung vom 06.12.2018
Archipel
Mahlke, Inger-Maria

Archipel


sehr gut

Es scheint einen neuen Trend in der Literatur zu geben: Statt einer durchgehend chronologischen Familiensaga präsentiert man den Lesenden die handelnden Personen in etwas größeren Häppchen. In einzelnen Abschnitten werden vergleichsweise kurze Zeitspannen dargestellt, die mehrere Jahre, teils auch Jahrzehnte auseinanderliegen. Beispiele dafür sind 'Häuser aus Sand' von Hala Alyan (2018), 'Heimkehren' von Yaa Gyasi (2017) und auch 'Archipel' von Inger-Maria Mahlke, das ebenso aufgebaut ist.
Zu Beginn des Buches steht die Familie um Ana und Felipe im Mittelpunkt. Er stammt aus einer ehemals einflussreichen, alteingesessenen und noch immer reichen Familie, die zu Francos Herrschaft zahlreiche Privilegien genoss. Anas Eltern hingegen waren die Leidtragenden zu jener Zeit, verloren Familienmitglieder und ihren Besitz. Die Autorin bezieht in ihren Roman auch das Umfeld der beiden Familien mit ein: die Dienstmädchen, Freunde der Familie, Geliebte usw. und entwirft so ein umfassendes Panorama der damaligen Gesellschaft Teneriffas.
Die Geschichte, die vollständig auf Teneriffa spielt, umfasst die Jahre 2015 bis 1919, das Jahr, indem einer der Protagonisten geboren wird. Weshalb die Geschehnisse von der Gegenwart ausgehend rückwärts erzählt werden, kann ich auch nach dem Ende des Buches nicht nachvollziehen. Denn statt mit den Figuren ihre jeweilige Entwicklung mitzuerleben und zu erleiden ;-) betrachtete ich sie so eher von außen. Ich kam ihnen nicht nahe und hatte mehr damit zu tun, jeweils einzuordnen, um wen es sich im Einzelfall handelte. Im Nachhinein würde ich Interessierten empfehlen, das Buch lieber rückwärts zu lesen.
Womit ich ebenfalls zu kämpfen hatte, war der Sprachstil der Autorin. Sie nutzt häufig kurze Sätze, teils ohne Verb oder Subjekt und längere, die wie eine Art Aufzählung wirken. Auf mich wirkte es stellenweise so nüchtern wie eine Bedienungsanleitung - vielleicht hadere ich auch deshalb etwas mit diesem Buch.
Was ich als überaus bereichernd empfand, war, dass ich das Buch während eines Teneriffaurlaubes gelesen habe. Inger-Maria Mahlke beschreibt die Insel so exakt wie anschaulich, dass ich beim Lesen stets genau wusste, wo sich die einzelnen Figuren jeweils aufhielten. Zudem erfuhr ich praktisch nebenbei eine Menge über Teneriffas (und auch Spaniens) Geschichte und Traditionen, die so nicht im Reiseführer stehen. Oder wem ist San Borondón geläufig, die sagenumwobene achte Kanareninsel? Hat man die Stadtpläne von La Laguna, Santa Cruz oder Puerta de la Cruz neben sich liegen, kann man Felipe, Ana, Julio und den andern Straße für Straße folgen.
3,5 Sterne hätte ich gerne gegeben, doch aus gegebenem Anlass ;-) werden es nun halt 4. Alles in allem eine interessante Lektüre, die sich nicht so nebenbei lesen lässt.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.