Benutzername: Juti
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Bewertungen

Insgesamt 62 Bewertungen
Bewertung vom 21.11.2017
Finanzwende
Giegold, Sven; Philipp, Udo; Schick, Gerhard

Finanzwende


sehr gut

Drei Politiker der Grünen stellen ihre Ideen zur Reform der Finanzwirtschaft vor.
Das Buch ist gut lesbar, nicht mit Fachworten überlastet. Die Ideen sind realistisch, etwas schade, dass sie nicht immer schreiben, woran sie gescheitert oder warum sie (noch) nicht umgesetzt sind. Einiges ist seit 2007 geändert worden, auch ist die Lobby der Finanzwirtschaft außergewöhnlich gut ausgestattet und vernetzt.
Ob die weibliche Form *in wirklich sein muss? Ich hätte das nicht gebraucht. Es wird dann auch nicht konsequent durchgehalten.
Der Leser wünscht sich immer noch eine Idee, was er tun kann, außer die Grünen zu wählen. 4 Sterne.

Bewertung vom 20.11.2017
Dann schlaf auch du
Slimani, Leïla

Dann schlaf auch du


ausgezeichnet

Die 3sat Buchzeit hat mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht. Zurecht.

Wenn es normalerweise ein Spoiler ist, zu verraten, wie es ausgeht, so lebt dieses Buch davon. „Das Baby ist tot.“ heißt der erste Satz. So lesen wir das Buch und sind geneigt, die Eltern vor der Nanny zu warnen, die ihre Kinder töten wird.
Erst habe ich gedacht, es ist eine Novelle, aber dann wird mehr und mehr klar, dass die Autorin sich die Mühe macht die gesamte Lebensgeschichte der Kinderfrau zu erzählen. Es wird klar, dass sie einsam ist und unter Geldsorgen leidet.
Dann dachte ich, es handele sich nur um ein Frauenbuch. Aber auch dieser Vorwurf kann entkräftet werden. Denn vor allem bei den Urlaubsreisen wird klar, dass der Mord auch als Rebellion einer aus der vernachlässigten Unterschicht stammenden Frau gegen die Verhältnisse in der Oberschicht gesehen werden kann. Dafür spricht auch, dass die Nanny noch Essen verwendet, dass die Mutter weggeschmissen hat. Die Arbeitsverhältnisse von Nannies sind nicht die besten.
Kurzzeitig überlegte ich auch, ob dieses Buch nicht auch für eine Aufwertung der Mutterrolle steht. Doch glaube ich nicht, dass die Mutter zu kritisieren ist, weil sie die Arbeit in der Kanzlei wieder aufnimmt. Die Frage, ob der wohl freischaffende Vater, in der Musikbranche tätig, mehr zu Erziehung beitragen soll, wird erst gar nicht diskutiert.
Eins der spannendsten Bücher, die ich 2017 gelesen habe. Nicht so lang und groß gedruckt. Viel besser für Erstleser geeignet als Robert Menasse. 5 Sterne.

Bewertung vom 07.11.2017
Endspiel
Sygar, Michail

Endspiel


ausgezeichnet

18 Kapitel über 18 russische Weggefährten, aber eben auch eine chronologische Reise durch die Regierungszeit von Putin, in der als Freund des Westens startete, Blair und Bush bewunderte, dann aber durch die Nato- Osterweiterung und dem geplanten Assoziierungsabkommen der EU mit der Ukraine mehr und mehr vom Westen getäuscht und enttäuscht wurde.
Man empfindet Verständnis für ihn, dass er seine russischen Landsleute auf der Krim und in der Ostukraine nicht im Stich lassen wollte, ja es wird auch so dargestellt, dass er den Mord an Boris Niemzow verabscheut. Seine Liebe zu Schröder und seine Meinungsverschiedenheit mit Merkel kommen auch vor.
Ich habe vor einem Jahr Kasparow „Warum wir Putin stoppen müssen“ gelesen, was deutlich kritischer war als dieses Buch, das auch von einem kritischen Journalisten geschrieben wurde.
Ich habe viel Neues gelernt. Das einzige, was mir fehlt, ist ein Personenverzeichnis. Trotzdem 5 Sterne.

Bewertung vom 05.11.2017
Zwischen ihnen
Ford, Richard

Zwischen ihnen


ausgezeichnet

Jedes Buch macht etwas mit dem Leser. Mich macht dieses Buch traurig, nicht weil es ein trauriges Buch ist, sondern weil ich mich frage, was von mir nach dem Tod bleibt.
Niemand wird über mich ein Buch schreiben, so wie es Richard Ford über seine Eltern geschrieben hat. Und ja, es sind eigentlich zwei Geschichten, eine über seine Vater, eine über seine Mutter. Wiederholungen sind mir aufgefallen, Widersprüche nicht. Aber da der Autor sie im Nachwort begründet, kann ich deswegen keinen Stern abziehen.
Gut gefällt der Hinweis der SZ auf Tolstoi und sein Satz: „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich.“ Diese Familie ist glücklich und doch ist ein spannendes Buch entstanden. Nicht so lang wie Anna Karenina, aber das ist nur unser Glück. 140 Seiten, die ich schnell und gern gelesen habe.
5 Sterne.

Bewertung vom 03.11.2017
Die Terranauten
Boyle, T. C.

Die Terranauten


gut

Woran denkst du, wenn du GV liest? Doch an Geschlechtsverkehr oder? Und was ist E. für ein Spitzname? Schreiben kann ich E.. Aber wie spreche ich das aus? „Epunkt“ oder einfach nur „E“, also englisch „I“? E. Ist übrigens die Abkürzung für Eos, die Göttin der Moprgenröte. Ist der Name so lang, dass er abgekürzt werden muss?
Abgesehen davon habe ich dieses Buch schnell und gerne gelesen, das Thema fand ich interessant. Doch wieviel darf ein Autor erdichten? In seinem Interview in Druckfrisch sagt Boyle, er dürfe beim Stromausfall als Romancier übertreiben. Einverstanden.
Dass dieses Buch sexlastig ist und dass entgegen der Realität auch ein Kind in der Biosphäre geboren wird, auch noch einverstanden.
Dass aber eine Teilnehmerin nahtlos an der dritten Mission teilnimmt, obwohl vorher klar wird, dass die Vorräte erschöpft sind und weitere Mission nicht ohne Übergangszeit möglich sein wird und dass auch in der Realität es nicht mehr als zwei Durchgänge gab, das hat mich wirklich geärgert.
Das Buch hat etwas von „Big Brother.“ Wegen der genannten Mängel kann ich nicht mehr als 3 Sterne geben, obwohl es viel spannender als das Buch von Frau Roy ist. Roys „Ministerium des äußersten Glücks“ einziger Mangel ist eben die schwierige Lesbarkeit.

Bewertung vom 30.10.2017
Tiere für Fortgeschrittene
Menasse, Eva

Tiere für Fortgeschrittene


sehr gut

8 längere Beziehungskurzgeschichten zu kurzen Tiermeldungen, die es tatsächlich mal in die Medien geschafft haben.
Die Tiermeldungen sind alle interessant, doch deswegen wird sich keiner das Buch kaufen.
Die Kurzgeschichten haben mir unterschiedlich gefallen:
Die erste war mir zu familienlastig, die zweite habe ich gar nicht verstanden, die dritte ganz nett, die vierte wurde mir erst klar, als ich in der Kritik las, dass die Autorin ihr Jahr in der Villa Massimo in Rom beschreibt. Ich habe daraufhin es nochmal gelesen und einiges als Kunstkritik verstanden. Aber ich habe ernste Bedenken, ob man so schreiben darf, dass die Geschichte ohne Hintergrundwissen nicht zu verstehen ist?
Danach gefiel mir das Buch besser. Mir gelang es Bezüge zu den Tiergeschichten herzustellen, etwa bei Opposum, wo in der Tiergeschichte ein Betrunkener ein Opposum wiederbelebt und in der Beziehungsgeschichte ein Ehemann auf einem Pass eine Seitensprung plant, aber dann im Tal ein Reh anfährt und bei ihm bleibt.
Haie handelt von Tieren, die in Gefangenschaft an Sauerstoffmangel sterben, was übertragen wird auf die linksliberale Nora, die ihre Tochter Clara in die Schule ihres Viertels schickt und mitbekommt wie ein Mitschüler u. a. Von ihrer Tochter gemobbt wird. Erinnert vom Milieu her etwas an Dörte Hansens „Altes Land.“
Schlangen brauchen Sicherheit, wenn sie auf Bäume krabbeln, wie der alte Mann Jakob, der seine Ehe aufs Spiel setzte und Kontakt zum jungen Nachbarsehepaar aufnimmt, das den Kontakt zu ihm sucht. Sie erhalten von ihm den einzigen Tisch, den er ohne seine Frau gekauft hat, dem aber ein Bein und damit Sicherheit fehlt.
Enten sind auch im Schlaf wachsam, am Rand mehr als in der Mitte des Schwarms. Wachsam wie die Mutter von Sammy, die ihrem Mann Ben vorwirft nicht so wachsam zu sein, obwohl dieser im Gegensatz zur Familiengeschichte zum ersten im Haushalt mithelfenden Vatergeneration gehört und nicht ein „unbegleiteter Flüchtling“ (wie wir heute sagen) wie sein Vater, da der Großvater Jude war und die Großmutter aus Liebe bei ihm blieb.
Entweder wird dieses Buch gegen Ende besser oder ich habe mich an den Stil der Autorin gewöhnt. 4 Sterne.

Bewertung vom 04.10.2017
Das Ministerium des äußersten Glücks
Roy, Arundhati

Das Ministerium des äußersten Glücks


gut

Indien, ein Land der Gegensätze.
Das hat mich ans Buch gefesselt. Gelungen fand ich auch den Beginn mit Anjum, einer Hija, ein Mittelding zwischen Mann und Frau.
Lange, für mich zu lange werden dann die Grausamkeiten des Kashmir-Konflikts beschrieben und ich habe auch ein wenig den roten Faden verloren. Bis zum Ende gelesen habe ich das Buch dennoch.

Bewertung vom 22.09.2017
Ein fauler Gott
Lohse, Stephan

Ein fauler Gott


sehr gut

Eindrucksvoll beginnt das Buch mit der Beerdigung von Jonas, Bens Bruder. Bei einigen Ritualen versteht ein Kind nicht alles.
Mutter und Bruder leiden sehr. Der Vater lebt mit neuer Frau in Frankfurt, was wie der Tod von Jonas erst nach und nach klar wird. Übrigens ist es die Mutter, die keine Obduktion wollte (S.102).
Anfangs ist alles plausibel und trotz des traurigen Themas wegen der der kindlichen Perspektive auch amüsant.
Überraschend ist der Kurverlauf von Ben im Schwarzwald, der hier nicht verraten wird. Mutter Ruth war verliebt während der Nazi-Zeit in Kurt Malchow, dessen Tante mit ihr von Frankfurt nach Zermatt fuhr (S.241). Kurz vor Zermatt in Täsch versucht auf S.316 Ruth sich und Ben durch CO zu vergiften, was Ben verhindert.
Ein wenig schade ist, dass das Thema Theodizee, was allein schon zum Titel gut gepasst hätte im Buch zu kurz und wenn, dann nur aus kindlicher Perspektive behandelt wird. Dennoch 4 Sterne.

Bewertung vom 22.09.2017
Was auf dem Spiel steht
Blom, Philipp

Was auf dem Spiel steht


gut

Einige Bücher sind wie ein langer Zeitungsartikel, auch dieses Buch.
Dann stellt sich die Frage, was an diesem Buch für mich neu ist. Nicht viel.
Was aber gelungen ist, ist der Gegensatz zwischen dem Glauben an den Markt wie es der Westen in der Nachkriegszeit als relative kurze Epoche in der Geschichte dank Wirtschaftswachstum erlebte.
Ob die Prognosen am Ende des Buches so eintreffen wird natürlich die Zukunft zeigen. Da er zwischen Länder differenziert und keine Namen nennt, wird wohl manches Wirklichkeit werden.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 08.09.2017
Homo Deus
Harari, Yuval Noah

Homo Deus


gut

Ein Buch mit viel Licht, aber leider auch viel Schatten.
Mir gefällt, dass der Autor sein Thema logisch mit zahlreichen Beispielen aufbaut, mir missfällt, dass er teilweise unsauber argumentiert. Ein Theologie-Studium täte dem Autor gut.

Der Reihe nach:
Das Buch beginnt mit einem Kapitel zur Unsterblichkeit, wo ich wenig Neues erfahre. Ab S.46 wird es interessant: „Das Recht auf Glück.“ Der Autor zeigt auf S.49 deutlich, wie ungenau die Messung des BIP ist. In Singapur ist das BIP viermal höher als in Costa Rica, doch die Lebenszufriedenheit ist in Costa Rica höher. Ab S.64 geht es wiederum um Zukunftsphantasien und Götter.
Überzeugt hat mich die „kurze Geschichte des Rasens“ ab S.85, der Ausdruck des Reichtums war und nach und nach in die Mittelschicht einsickerte. ein bestes Beispiel von Übrigens-Kultur.
Im folgenden Kapitel über „das Anthropozän“ gibt es kein Wort, dass Erdzeitalter aus der Geologie stammen und Spuren im Erdboden hinterlassen müssen. Klar, die Tierwelt wurde dem Mensch unterworfen und ja, das Christentum spielt dabei mit, weil der Mensch schon zur Zeit des Alten Testaments vom Jäger zum Bauern, also sesshaft wurde.
Der Autor stellt auf S.116 die These „Organismen sind Algorithmen“ auf. Meinetwegen. Darwins Evolutionstheorie in Europa noch zu beweisen, halte ich für überflüssig, aber bitte. Schlimmer wirkt auf mich, dass der Autor behauptet auch der Mensch habe keine Seele.(S.142ff) Der Verfasser vergisst Seele zu definieren. Ich habe den Eindruck, er suche die Seele als Körperteil. Selbst wenn man nichts von der christlichen Theologie hält, so kann es doch etwas nach dem Tod geben, wie der Heidelberger Physiker Markolf Niemz zeigt.
Dann lieber ein Übrigens-Kapitel zur Laborratte oder anderen Tieren, noch spannender das Ende des Ceaucescu-Regimes (S.184ff), das zeigt, dass das besondere des Menschen ist, dass er sich zusammen schließen kann und wem das gelingt, der kann die Macht übernehmen. Neu und interessant für mich waren auch seine Gedanken zur Intersubjektivität. Neben der subjektiven und objektiven Wahrheit existiert auch eine intersubjektive Wahrheit, etwa ein 20 Euro-Schein, der nur solange Menschen sich darauf einigen mehr wert ist als ein Stück Papier.
Und wieder ein Übrigens-Kapitel über den portugiesischen Konsul in Bordeaux, der zur Nazi-Zeit viele Juden rettete.
Kapitel 5 beschäftigt sich dann mit Religion und Wissenschaft, wobei es lange dauert bis der Autor Religion als von Vermittlung von Werten ansieht anstatt von unsinnigen Gesetzen zu sprechen. Die Schlosskirche in Wittenberg „Allerheiligenkirche“ (S.256) zu nennen ist ungewöhnlich, aber nicht falsch, vielleicht auch nur schlecht übersetzt.
„Die Wissenschaft bedarf immer religiöser Unterstützung“ (S.258) und auf S.266 lesen wir erstmals was über Exegese. Immerhin.
Im Kapitel 6 geht es darum, dass unsere Wirtschaft auf Wachstum beruht, selbst wenn Umwelt und Klima darunter leiden. Ist das Neu? Das nächste Kapitel Humanismus lobt den freien Willen, selber denken und keinem anderen Leid antun wie die Bilder auf S.318f zeigen.
Doch Kapitel 8 stellt den freien Wille wieder in Frage, dank modernster Wissenschaft. Interessant ist auch der Unterschied zwischen "erlebtem Ich" und "erinnernden Ich", was an schönen Beispielen erläutert wird.
Danach wird es schwierig. Die Aussage das Computer immer klüger werden, wäre banal und fasst das Kapitel auch nicht zusammen. Der Satz: "Jüngste Studien vermuten, dass eine Partie Schach pro Woche den Beginn der Demenz hinauszögern kann." (S.448) ist etwas aus dem Zusammenhang gerissen.
Das menschliche Auge sieht nur einen kleinen Teil von Frequenzen bei den Lichtwellen, mit dem menschlichen Geist ist es vermutlich ähnlich.
Das Schlusskapitel geht auf die Bedeutung wachsender Datenmengen und die algorithmische Datenverarbeitung ein.
Aber gibt es nicht eine Gegenbewegung der Menschen, die nicht mehr alle Daten preisgeben und nicht bei Facebook sind? Alles in allem 3 Sterne.