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Benutzername: Juti
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Danksagungen: 4 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 86 Bewertungen
Bewertung vom 24.02.2018
Leere Herzen
Zeh, Juli

Leere Herzen


sehr gut

Selbstmörderorganisation unter einer AFD-Regierung

Eigentlich bin ich kein Sciene-Fiktion Fan. Aber zeitnahe Szenarien lese ich dann doch, wenn mich auch wundert wie kurz das Grundeinkommen, das zum Heckenschneiden verwendet wird, benutzt wird, während andere trotz Grundeinkommen nicht genug Geld haben.

Hauptthema ist aber die Gründung der „Brücke“, einer Organisation die Selbstmördern hilft und wenn der 12-stufige Hilfsplan nicht wirkt weiter vermittelt, damit ihr Selbstmord einen guten Zweck erfüllt. Die Idee, die heutzutage der IS ausführt, der aber an Bedeutung verliert, zeigt wie gnadenlos der Neoliberalismus sein kann, wenn niemand schwachen, einsamen Menschen hilft.
Die Religion, deren Aufgabe es sein sollte, den Menschen einen Sinn im Leben zu geben, wird gegen Ende kurz von den Eltern der Hauptdarstellerin und Leiterin der Brücke Britta thematisiert, die keine Religion brauchen, aber als einzigen Sinn das nette Zusammensein sehen.
In dieser neue Welt, in der es offensichtlich an Menschenrechten fehlt, die UN vor dem Zusammenbruch steht und die AFD als BBB die Regierung übernommen hat, fehlt es an demokratischen Prinzipien. Was Zeh kritisiert, ist die Belanglosigkeit mit der der normale Bürger die Machtübernahme der BBB hinnimmt.

Gegen Ende wird es richtig spannend. Die Brücke wird von den „Empty Hearts“ bedroht, die weniger moralische Grundsätze haben.
Das wirkliche Ende bedarf einer Interpretation. Brittas Putzfimmel steht für die Ordnungsliebe der AFD, die z.B. hier in Heidelberg forderte, man solle den Bahnhofvorplatz von Müll und Obdachlosen säubern. (Wie ist das mit den Menschenrechten vereinbar?) Meiner Meinung nach hat Britta gefallen an der Macht über Menschen gefunden und verteidigt deswegen die bestehende Regierung. Ob die als klug und schön beschriebene Julietta, die eigentlich ihr Leben für den Tierschutz opfern wollte, wirklich denkt mit ihrem Tod etwas für die Demokratie zu tun, bleibt schleierhaft.
Mehr kann ich nicht sagen ohne zu viel zu verraten.

Wenn Juli Zeh so alt ist wie Peter Handke, dann wird man schreiben, dass „Unterleuten“ ein Hauptwerk von ihr war. „Leere Herzen“ ist nur ein Nebenwerk. Die Flucht des Brückenteams ist etwas merkwürdig, in ein Haus, meinetwegen halbfertig, aber warum Trinken aus Bächen 2025 möglich sein soll, erschließt sich mir nicht. 4 Sterne

Bewertung vom 21.02.2018
Das geheime Netzwerk der Natur
Wohlleben, Peter

Das geheime Netzwerk der Natur


ausgezeichnet

Populäre Ökologie eines Eifel-Försters

Nun ist es schon eine Weile her, dass ich „Das geheime Leben ber Bäume“ gelesen habe und es war mir eine große Freude Wohllebens neues Buch zu lesen (Ich bekenne, das Buch „Das Seelenleben der Tiere“ nicht zu kennen).

Anfangs wunderte ich mich, wieso der Eifel-Förster Beispiele aus Amerika bringt, doch scheint Wohlleben auch ein Vielreisender zu sein. Im Laufe des Buches kommt er zu seinem Lieblingsthema zurück, dem Wald. Und das wir in Mitteleuropa von Natur aus nun einmal einen nicht so artenreichen Buchenwald hätten, weshalb Steppentiere wie der Auerhahn hier nicht unbedingt schützen müsste.

Vor wenigen Wochen war bei Scobel auf 3sat eine Sendung über Symbiosen. Wohlleben fehlte. Ich möchte ihn mal in einer Diskussion mit anderen Fachleuten erleben. Wohl möglich ist manch einer neidisch auf seinen Erfolg. Seine These die mittelalterliche kleine Eiszeit auf die Entstehung des Regenwaldes am Amazonas zurückzuführen halte ich für ein wenig abenteuerlich. Widerlegen kann ich sie nicht. Dazu fehlen mir die Mittel.

Dennoch hebt sich der Autor wohltuend von dem Professorengeschwafel anderer Sachbücher ab und der Mut zu nicht allgemein anerkannten Thesen muss belohnt werden. 5 Sterne.

Bewertung vom 14.02.2018
Die Anatomie der Ungleichheit
Molander, Per

Die Anatomie der Ungleichheit


gut

Der Autor weist darauf hin, dass Ungleichheit mehr oder weniger von selbst entsteht, da eine absolute Gleichheit nicht vorausgesetzt werden kann. Er zeigt mit einem geschichtlichen Rückblick, dass seit der landwirtschaftlichen Revolution auch ungleiches Erbe unterschiedliche Voraussetzungen schafft. Politisch widerlegt er die Ideen des Liberalismus, der glaubt, der Markt würde alles regeln, und des Konservatismus, der die Ungleichheit sogar religiös begründen will. Er setzt auf die Sozialdemokraten, wobei gleiche Bildung die wichtigste Voraussetzung zur Bekämpfung der Ungleichheit ist.

Ich habe das Buch gelesen, weil der Autor Mathematiker ist. Es gibt einige Kurven, ansonsten mehr Geschichte als Mathematik und wirklich Neues habe ich nicht erfahren. 3 Sterne.

Bewertung vom 13.02.2018
Das totale Museum
Welzbacher, Christian

Das totale Museum


sehr gut

Ein Büchlein, das neuere Entwicklungen der Museologie (hieß früher Museumskunde) benennt.

Es fängt an mit einem Museum im bosnischen Jablanica, dass für den Gründungsmythos Jugoslawien stand und mit dem Zerfall des Staates seine Bedeutung verloren hat. Museen sind immer auch der Politik unterworfen. So spiegelt sich der Neoliberalismus gerade bei Kunstmuseen in vielen privaten Sammlungen, die teilweise in Gebäuden der öffentlichen Hand stehen.
Noch interessanter fand ich die Frage gegen Ende des Buches, ob der LKW mit dem der Anschlag auf den Breitscheidplatz in Berlin verübt wurde ins Museum gehört. Ist das der Fall, dann haben wir das totale Museum.

Ganz nett und informativ in 2 Stunden zu lesen. 4 Sterne

Bewertung vom 09.02.2018
Das Floß der Medusa
Franzobel

Das Floß der Medusa


sehr gut

Die Seefahrt ist kein Mädchenpensionat

Und dann darf es, ja muss es auch hart zu gehen. Etwa beim Schiffsjungen Viktor, der in die Besatzung mit makaberen Späßen eingeführt wird. Oder auch auf dem Floß, von dessen 147 Mitfahrern nur 15 gerettet werden. Einem wird vom Hai der Unterleib abgebissen. Nicht schön. Im Buch wird auch die Überwindung deutlich, die notwendig ist, um Menschenfleisch zu essen, wenn es sonst keine andere Überlebensmöglichkeit gibt. Lange ringt Schiffsarzt Savigny mit seinem Gewissen. Auch der immer wiederkehrende Bezug zu Gott bis hin zum Vergleich mit der Eucharistie als Beruhigung liest sich überzeugend.

Aber wollen wir wirklich wissen, dass Savigny auf dem Floß sich impotent fühlt? Franzobel hat eine echte, übertriebene Liebe zu Körpersäften.

Mir gefällt, dass trotz des Einstieg, der Rettung der 15 und der Rückkehr nach Heimkehr Hosea Thomas nach Limoges, die Spannung nicht verloren geht. Das erinnert an den Beginn von Leïla Slimani: „Dann schlaf auch du“.
Der chronologischen Teil von der Abfahrt der Medusa bis zum Beginn des Strandens auf der Sandbank ist der schwächste Teil des Buches. Zweifellos muss die historisch belegte misslungene Rettungsaktion beim Mann über Bord erzählt werden. Ist aber auch das tödliche Auspeitschen wegen Fluchens historisch belegt? Hier zieht es sich ein wenig.

Die letzten 200 Seiten sind spannend wie selten. Und nichts bleibt unerwähnt. Weder die Zurückgebliebene auf der Medusa noch die durch die Wüste wandernden noch die spätere Gerichtsverhandlung gegen den Kapitän. Das Floß steht natürlich im Mittelpunkt. Die Rahmengeschichte von Viktor Aisen gehört zu einem guten Roman dazu.
Heute drängen sich Vergleiche auf: mit dem unfähigen Kapitän der Costa Concordia, mit den Flüchtlingen aus Afrika, die nun in Gegenrichtung versuchen Europa zu erreichen und von uns, vorsichtig gesagt, nicht immer menschlich behandelt werden. Thea Dorn sieht sogar eine Beschreibung des Präsidenten Trump, der als unfähiger Kapitän sein Land navigiert, während die fähigen Offiziere nur zuschauen, aber nicht eingreifen, um die kommende Katastrophe zu verhindern.

Insgesamt ziehe ich aber doch einen Stern ab, da manche Gewaltszenen auch mir zu selbstverliebt beschrieben werden. 100 Seiten weniger und wir hätten ein Meisterwerk.

Bewertung vom 05.02.2018
Die Geschichte der Bienen
Lunde, Maja

Die Geschichte der Bienen


weniger gut

Dem meist verkauften Buch 2017 kann ich nur 2 Sterne geben.

Inhaltlich ist alles gesagt, also gleich in die Bewertung.
Die Geschichte mit Tao fängt interessant an, dann passiert das Unglück. Und dass im Jahre 2098 Teile Pekings nicht bewohnbar sein sollen, klingt für mich doch eher unwahrscheinlich. Es gibt ein Buch, dass diese Geschichte mit den anderen verbindet. Aber muss man nicht von der Rückkehr der Killerbienen sprechen?
Die Geschichte mit George verwundert mich noch mehr. Hier geht es um einen Familienvater, der unbedingt will, dass sein Sohn seinen Hof übernehmen will. Reich-Ranicki sagte mal, er könne kein Buch lesen in dem der Hauptdarsteller ein Dummkopf ist. Das trifft auch hier zu. Außerdem erfolgt das Problem, das plötzliche Verschwinden der Bienen, erst auf Seite 318.
William, der Erfinder eines Bienenstocks, der aber für sein Patent zu spät kommt, gefällt mir noch am besten. Es wird dargestellt, wie er aus einer Depression erwacht und seinen Sohn als Nachfolger sich wünscht, obwohl seine Tochter Charlotte viel klüger ist. Das mag man noch mit der Zeit des 19. Jahrhunderts erklären.
Weiterhin will ich der Autorin zu Gute halten, dass sie sich mit einem wichtigen Thema beschäftigt. Sprachlich merkt man ihr ihre Vergangenheit als Kinderbuchautorin an.

Bewertung vom 01.02.2018
Wiener Straße
Regener, Sven

Wiener Straße


sehr gut

Ein „Heimatroman aus dem alten Kreuzberg“ (SZ) und das trifft den Nagel auf den Kopf.

Dieses Buch verbreitet die Stimmung, die Nicht-Berliner von Berlin-Kreuzberg erwarten. Pro Kapitel werden bis auf das letzte immer zwei Geschichten erzählt. Eine im Cafe Einfall in der Wiener Straße und eine andere von einem Protagonisten, im ersten Kapitel zum Beispiel wie H.R. eine Motorsäge im Baumarkt kauft.
Das alles wird mit viel Humor geschildert, teilweise schräg. Spannung kommt kaum auf und Erotik fehlt im Grunde auch, selbst wenn ein Name P. Immel ist.

Ich glaube, es wäre nicht schwer mitten im Buch anzufangen. Das Niveau entspricht eben der Kreuzberger Szene. Longlist ist o.k. Sollte aber Sven Regener mit seinen "Herrn-Lehmann-Romanen" tatsächlich mal den Deutschen Buchpreis gewinnen, müssten wir wohl von einem Krisenjahr der deutschen Literatur sprechen. 4 Sterne

Bewertung vom 30.01.2018
Utopien für Realisten
Bregman, Rutger

Utopien für Realisten


sehr gut

Kluge Ideen in verständlicher Sprache

Da staunt ihr deutschen Professoren! Ein Niederländer, 1988 geboren, zeigt, dass ein Sachbuch keine Fachsprache benötigt. Gut verständlich beschreibt der Autor, dass der Kapitalismus uns immer reicher gemacht hat. Selbst in Afrika ist die Lebenserwartung heute höher als in Europa um 1800. Auch die Zahl der Kriege und die Gefahr Opfer eines Verbrechens zu werden nimmt prozentual ab (wobei der Autor nicht auf die gestiegene Weltbevölkerung eingeht).
Dank dieses Reichtums gebe es genug Geld für ein Grundeinkommen. Der Autor führt Beispiele aus den USA an, wo Präsident Nixon dieses in den 60er Jahren fast eingeführt hätte. Auch in Kanada und im englischen Speenhamland gab es schon im 20.Jahrhundert Modellversuche, die aber falsch ausgewertet wurden.

Zur Bekämpfung von Kinderarmut sei es am besten, den Familien einfach mehr Geld zu geben. Armut macht nämlich dümmer. Auch gegen Obdachlosigkeit würde mehr Geld am besten helfen. Unser Reichtum ist immer ungleicher verteilt (das hat aber schon Piketty gezeigt).
Unsere Gesellschaft beruht auf der „falsche[n] Vorstellung, die wir vor 40 Jahren beinahe überwunden hätten: auf den Trugschluss, ein Leben ohne Armut sei kein Recht, auf das alle Menschen Anspruch hätten, sondern ein Privileg, für das man arbeiten müsse.“ (S.100)

Überhaupt scheint es schwierig, wie man den Fortschritt ermitteln kann. Die wichtigsten Indikatoren BSP und BIP messen nämlich nicht den Wohlstand. Eigentlich müssten wir weniger arbeiten, dank unserem Wohlstand, aber eine 15-Studen-Woche scheitert am wachsenden Konsum, der uns eingeredet wird. Z.B. die Banken: „Anstatt Wohlstand zu schaffen, dienen diese Tätigkeiten im Wesentlichen dazu ihn zu verschieben.“ (S.155) Der Autor folgert zurecht: „Wenn wir wollen, dass in diesem Jahrhundert alle Menschen reicher werden, müssen wir das Dogma über Bord werfen, jede Arbeit sei sinnvoll.“ (S.171)

Natürlich verändert auch der Computer und die Digitalisierung die Arbeitswelt. Gut gefallen hat mir folgender Witz: „Auf die Frage, welche Strategie er in einer Partie gegen einen Computer verfolgen würde, antwortete [der niederländische Großmeister Hein Donner] ohne zu zögern: "Ich würde einen Hammer mitnehmen." (S.195) Ein PC braucht 30 Jahre bis sich seine Wirkung voll entfaltet. Deswegen wird die Wirkung der Digitalisierung heute noch unterschätzt.

Ein wenig zu einfach fand ich das Kapitel über die offenen Grenzen. „Offene Grenzen würden Wohlstand verdoppeln“ meint der Autor und versucht auf 30 Seiten das Flüchtlingsproblem zu lösen, für das z.B. Boris Palmer ein ganzes Buch gebraucht hat.

Im Nachwort gefällt mir der Gedanke, dass Krise ein entscheidender Augenblick ist und von griechisch trennen, scheiden kommt. Auf die Gegenwart passt besser das Wort Koma, was so viel wie tiefer traumloser Schlaf bedeutet.
Ein sehr gut zu lesendes Buch, was manchmal etwas zu stark vereinfacht. Daher 4 Sterne.

Bewertung vom 29.01.2018
Unterleuten
Zeh, Juli

Unterleuten


ausgezeichnet

Interessant, wie Juli Zeh die Wirklichkeit aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Man denkt eine Episode sei abgeschlossen, dann wird sie später, mitunter deutlich später aus der anderen Sicht weiter erzählt. Es geht nicht nur um den Streit um einen Windpark, nein, der Streit ist schon vorher da. Alte Geschichten noch aus der DDR- und Wendezeit. Das Buch beschreibt viele starke Frauen, während die Männer mitunter echte Deppen sind und der alte Macher begeht am Ende Selbstmord.
Und wer denkt, der arrogante Wessi baut am Ende den Windpark, der irrt auch, insofern eine interessante Wendung. Sehr lesenswert!

Bewertung vom 27.01.2018
Regentonnenvariationen
Wagner, Jan

Regentonnenvariationen


gut

Ich will nicht verhehlen, dass es mir schwer fällt Lyrik-Bände zu bewerten. Und bei diesem Buch fällt es mir besonders schwer.
Ein herausragendes Gedicht, das sich lohnte auswendig zu lernen, gibt es nicht. Viele Gedichte erzeugen Bilder im Kopf und wenn das Ziel ist, dann ist viel erreicht. So spüre ich beim ersten Gedicht „giersch“, wie die Pflanze in den Garten wuchert.
Es wundert aber schon, dass in der modernen Lyrik ein Reim nicht am Wortende, sondern auch Wörter getrennt werden können. Daneben gibt es eine Vielzahl von Halbreimen und überhaupt keinen Reim.
Das dem Buch namensgebende Stück „regentonnenvariationen“ habe ich überhaupt nicht verstanden und dass Dachshund ein Synonym für Dackel ist musste ich auch erst in Wikipedia nachschlagen. Zwei Preise hat das Buch bekommen. Wohl von Leute, die klüger sind als ich.
3 Sterne.