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Benutzername: Juti
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Bewertungen

Insgesamt 175 Bewertungen
Bewertung vom 21.03.2019
Der neunzigste Geburtstag
Bruyn, Günter de

Der neunzigste Geburtstag


gut

Der Ost-Motzki

Manchmal frage ich mich, warum ich überhaupt dieses Buch gelesen habe und nicht ein anderes. Mir gefiel wohl die Behandlung aktueller Politik, allerdings aus Ostdeutscher Sicht. Dies muss kein Nachteil sein, aber nach Lektüre des Buches wird doch klar, warum die AFD ein vorwiegend ostdeutsches Problem ist.

Hedwig Leydenfrost feiert am 5.8. 2016 ihren 90. Geburtstag. Ein Jahr vorher beginnen die Planungen, also ob ein Fest gefeiert werden soll oder nicht. Sie selbst ist kinderlos hat aber Fatima, ein bosnisches Flüchtlingskind aufgenommen. Aus ihrem Leben erfahren wir, dass sie in Westdeutschland gelebt, der Friedens- und Umweltbewegung nahe stand und in der zugehörigen Partei war (die Grünen werden nicht genannt). So passt es auch, dass sie mit Aktion neue Heimat Flüchtlingskinder unterstützen will.

Ihr jüngerer Bruder Leo, wir wissen nicht genau wie alt er ist, aber über 80 wird auch er sein, dagegen blieb in der DDR, wollte nicht in die Partei eintreten, lernte seine Frau Maria kennen, die früh starb, hat aber 2 Töchter und einen Sohn, der bei der Stasi arbeitete, trotzdem oder deswegen auch nach der Wende Karriere gemacht hat, aber jeden Kontakt mit den Vater abgebrochen hat.

Während seine Familienbeziehung noch interessant ist, kann ich den vielen Dorfbewohnern, die auch wie bei Hansens „Mittagsstunde“ zeigen, dass sich das Leben auf dem Dorf wandelt, nicht viel abgewinnen. Ich glaube, es ist auch nicht so gedacht, dass alle Personen zu behalten sind.

In einer Szene wird die Zusammenlegung der Friedhöfe behandelt, was mir sehr gut gefallen hat. Weniger gefällt mir die seitenlange Ablehnung einer Gender gerechten Sprache. Die Pfarrerin muss gleich 3 Gemeinde versorgen und wird von Leo ebenfalls kritisiert. Dass sie sich letztlich mit Fatima auf eine lesbische Beziehung einlässt, darf man wohl so lesen.

Die Behandlung der „Willkommenskultur“ bringt substantiell nichts Neues. Einzig dass das Dorf von Flüchtlingskindern, - und damit auch von fremdenfeindlichen Anschlägen verschont bleibt, wie ich beim Lesen schon befürchtet und Streit unter den Dorfbewohnern vermutete, all das kommt nicht, weil gar keine Flüchtlinge ins Dorf wollen. Das ist eine interessante und nicht vorhersehbare Wendung.

Mir ist das Buch zu bieder erzählt. In Menasses „die Hauptstadt“ wird satirisch Auschwitz als Hauptstadt vorgeschlagen. Produktive, neue politische Ideen fehlen hier, nur dem Motzen wird Raum gegeben. Auch der Verlauf der Geburtstagsfeier wird im Grunde vorher schon verraten, von mir aber nicht. Man kann dieses Buch lesen, muss es aber nicht. 3 Sterne.

Bewertung vom 19.03.2019
Fräulein Nettes kurzer Sommer
Duve, Karen

Fräulein Nettes kurzer Sommer


sehr gut

Feminismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Lange habe ich mich gefragt, welches Buch Karen Duve geschrieben hat. Eine Biografie von Annette von Droste-Hülshoff ist es nicht. Vielmehr geht es um das Verhältnis von Göttinger Studenten mit Annette.

Wir erfahren viel über das Leben einer Adelsfamilie mit unzählbar vielen Kindern, so dass wir dankbar auf den Familienstammbaum im Einband zurückgreifen können.
Einer von Ihnen, Onkel August, der wie der Stammbaum zeigt nur 5 Jahre älter als seine Nichte Nette ist, war tatsächlich Student in Göttingen. Als er die Uni verlassen musste, um den elterlichen Bökerhof zu verwalten, kommen seine Kommilitonen dorthin zu Besuch.

Da auch Nette oft die Verwandtschaft besucht, lernt sie den von August am meisten geförderten Dichter Straube kennen, der aber nicht so talentiert ist wie sie. Dennoch darf Nette das nur denken, weil die eigentliche Aufgabe einer Frau ist es, eher schweigend den Männergesprächen zu folgen als eine eigene Meinung zu vertreten. Aber Nette hält sich nicht an die Etikette.
Wir erleben das langweilige Leben der adligen Frauen am Hof mit und da hat Frau Westermann aus dem Quartett recht, zu lange und zu oft.

Als sie mit dem verarmten Protestanten Straube auch noch eine Liebesbeziehung anfängt, ist sie bei der Familie ganz unten durch. Dann will noch Arnstwaldt, eine anderer Student, mit Nette verkehren will, angeblich im Sinne Straubes, um sie auf die Probe zu stellen, sie lehnt ihn aber ab. Als dieser dann noch Straube verrät, er habe das Herz Annettes gewonnen, muss Nette sich schuldig bekennen. Die Beziehung zu den Literaten bricht ganz ab, die zur Verwandtschaft am Bökerhof ruht, aber in den späteren Jahren hat man sich wohl noch versöhnt.

Eigentlich könnte das Buch so auf S.474 enden, aber diese Geschichte wird auserzählt, ja sogar Harry Heine taucht als Göttinger Student noch auf. Ich vermute Karen Duve hat in der Göttinger Uni so viel interessantes Material entdeckt, dass sie uns die zweifellos spannende, aber doch wenig zum Thema passende, Erlebnisse Heines in Göttingen nicht vorenthalten wollte. Im Epilog wird die Geschichte von Personen erzählt, die ich im Laufe der Erzählung bereits vergessen hatte. Und damit meine ich nicht die Gebrüder Grimm, die ich noch nicht genannt habe.

Gut gefällt mir übrigens die Einordnung in die Zeitgeschichte, mit dem Ausbruch eines indonesischen Vulkans 1817, der zu Missernten und nach Hans-Erhard Lessing auch zur Erfindung des Fahrrads führte, die Ermordung Kotzebue und das Erwachen des deutschen Nationalbewusstseins.

Wegen gewisser Längen 4 Sterne.

Lieblingszitat:
Die Religion ist nicht dafür da, zu verdammen, sondern zu befreien. Zu befreien und fröhlich zu machen. (S.391)

Bewertung vom 15.03.2019
Der Widersacher
Carrère, Emmanuel

Der Widersacher


ausgezeichnet

Reale Familientragödie

Dieses Buch hat mich wirklich gefesselt. Ähnlich wie bei Leila Slimani „Dann schlaf auch du“ wird ein realer Fall beschrieben, nur bringt diesmal ein Familienvater seine Familie und seine Eltern um.

Der Autor nimmt am Prozess teil und schreibt eine Biografie über den Mörder.
Sicherlich erfüllt er damit auch einen Wunsch des Täters, doch wird dieser nicht rein gewaschen. Carrere hat zwar viel über den Katholizismus nachgedacht und es lohnt sich auch das Interview zwischen ihm und der Übersetzerin im Anhang zu lesen, doch eine göttliche Bestimmung für Romand, dem Mörder, im Gefängnis sieht er zum Glück nicht. Eine Krankenschwester sieht das so, eine andere Journalistin bedauert dagegen, dass es die Todesstrafe nicht mehr gibt.
Der Autor lässt den Leser klar erkennen, wo und wie er handelt.

Zwischen dem ersten Satz: „Während Jean-Claude Romand am Samstagmorgen, den 9.Januar 1993, seine Frau und seine Kinder tötete, saß ich mit meinen in der Versammlung der Schule unseres älteren Sohnes.“ und dem letzten: „Dieses Geschichte zu schreiben, dachte ich, kann nur ein Verbrechen sein oder ein Gebet.“ steht die des Doppellebens Romands, der sich als Arzt der WHO ausgibt, aber nur ein Lügenhaus aufbaut, das in einer Tragödie enden musste.

Sehr spannend und nichts zu meckern. 5 Sterne.

Bewertung vom 13.03.2019
Tage ohne Ende
Barry, Sebastian

Tage ohne Ende


weniger gut

Brokeback Mountain II

Vorweg: Ich bin kein Western-Fan.
Aber dieses Buch wurde im Literarischen Quartett so gelobt, dass ich es auch lesen wollte.

Ich verstehe ja, dass Thea Dorn als Autorin von „Mädchenmörder“ dieses Buch gefällt. Ich wundere mich aber wirklich, dass die liebe Frau Westermann diesen Roman auch gerne gelesen hat. Mir enthält das Buch viel zu viele Gewaltszenen. Etwa auf S.52 wo steht, wie die Indianer die Körperteile einzelnd und langsam abschneiden.

Die im Quartett so oft erwähnte rührende Liebesgeschichte zwischen John Cole und dem Ich-Erzähler kommt viel zu kurz. Die Heirat der beiden war für mich nicht weltbewegend. Ist es heute noch witzig, wenn zwei Männer heiraten? Ist es interessant, wenn sie ein Indianerkind aufziehen? Haben wir das nicht so ähnlich schon in Brokeback Mountain gesehen?

Antigewaltsätze wie: „Es ist nicht allzu schwer, für sein Land zu sterben.“ (S.138) sind selten. Am Ende kommt der Ich-Erzähler noch vor Gericht wegen Fahnenflucht, woraus sogar Mord wird.
Das Ende ist aber rührend. Vielleicht passt das nicht zu diesem Buch, aber genau das gefällt mir.

Ich kann also in das Loblied nicht einstimmen und vergebe nur 2 Sterne.

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Bewertung vom 11.03.2019
Die Jahre
Ernaux, Annie

Die Jahre


ausgezeichnet

Milieustudie in der Fünften französischen Republik

Das Haus der Geschichte in Bonn ist ein Museum, das vom Alltagsleben in der Bundesrepublik Deutschland erzählt. Dieses Buch macht das gleiche für Frankreich.

Politik wird nicht ausgespart, kommt aber nur am Rande vor, eben so wie man sich darüber im Alltag unterhält. Wichtiger sind die Fortschritte der Moderne, etwa die Einführung der 35-Stunden-Woche, der Fernseher, der PC oder das Handy.

Dinge, die viele Betreffen beschreibt die Autorin mit „man“, auch wenn etwa nicht alle Mitterrand wählen. So entstehen Lebensweisheiten wie: „Wenn Wahlen etwas verändern würden, wären sie verboten.“ (S.150)

Persönliche Erlebnisse erzählt die Autorin in der dritten Person und ist in erotischen Fragen offen, wie mein Lieblingszitat zeigt: „als sie in Toledo im Hotel Estorial übernachten, wird sie mitten in der Nacht von spitzen Schreien wach […] Mittlerweile ist auch ihr Mann aufgewacht, und sie stellen fest, dass irgendwo eine Frau einen gewaltigen Orgasmus hat, ihre Schreie hallen von den Wänden des Innenhofs wieder und dringen durch die offenen Fenster herein. Ihr Mann schläft schnell wieder ein, während sie neben ihm masturbiert“ (S.148)

Ich habe ihr Buch „Erinnerungen eines Mädchens“ vorher gelesen. Es erstaunt, dass die Lücke in ihrer persönlichen Biographie gut kaschiert ist und nicht auffällt.

Mir gefällt ihre Art zu schreiben, ihr Humor mit echten Witzen („ein anständiges Mädchen geht um acht ins Bett, damit es um zehn zu Hause ist“ (S.15)) und lustigen Vergleichen. 5 Sterne.

Bewertung vom 06.03.2019
Gott der Barbaren
Thome, Stephan

Gott der Barbaren


ausgezeichnet

China, Mission, Opiumkrieg und Taiping-Rebellion

711 Seiten, mein erster dicker Schinken 2019 und es lohnt sich.
Philipp Johann Neumann heißt der fiktive Ich-Erzähler, der als historisches Vorbild den deutschen Missionar Karl Gützlaff hat. Dieser wird im Buch auch genannt, aber er stirbt bereits 1851, als der zweite Opiumkrieg und der Höhepunkt der Taiping-Rebellion noch in weiter Ferne lag.
Der Autor sorgt dafür, dass unser Protagonist die Eigenschaften Gützlaffs übernimmt und nach Nanking reist, der Hauptstadt des Himmlischen Reiches, wie sich das Gebiet der Taiping-Rebellion nennt.
Unterwegs wird er mit seinem Kompagnon Alonzo Potter überfallen, den es auch gab, aber nicht in China, und verliert seine linke Hand.
Das geschieht auf dem Gebiet der Hainan-Armee, die im Bürgerkrieg auf Seiten des Kaisers kämpft. Ihr General Zeng Guofan traut sich nicht die beiden Ausländer zu töten, sondern pflegt den Verletzten dank des Mädchens Huang Shuhua, dessen Schicksal wir im weiteren Verlauf in ihrem Tagebuch miterleben.

An dieser Stelle sollten man vielleicht sagen, dass das Buch aus 25 Hauptkapitel besteht, die von Philipp Johann Neumann, Lord Elgin, dem britischen Sonderbotschafter im Zweiten Opiumkrieg, und General Zeng Guofan handeln. Das Tagebuchs des Mädchens kommt nur in Zwischenkapiteln vor, die sonst auch Briefe, Zeitungsberichte oder Parlamentsdebatten enthalten. Anders als bei Laetitia Colombani „Der Zopf“ finde ich hier die Einschübe sinnvoll.

Der Roman bringt uns die chinesische Geschichte nahe, denn unser Ich-Erzähler erreicht Shanghai, wo die Europäer Handel treiben wollen. Wer hätte gewusst, dass die Chinesen im Ersten Opiumkrieg erst eine Vereinbarung unterschrieben, sie dann aber nicht erfüllten, so dass Lord Elgin zwei Jahre später zurückkommen musste. Aber auch die Briten sind keine Unschuldslämmer.

Einerseits gefällt mir auch die Verbindung von Opiumkrieg mit Taiping-Rebellion, andererseits wird dadurch das Buch so lang, wie es ist. Außer dem Tod von Lord Elgin in Indien fällt mir aber wenig ein, was wirklich unwichtig ist.

Im Gegenteil nach Shanghai kommt unser „Missionar“ nach Nanking und die Herrschaft einer christlichen Sekte dort ist wirklich das absurdeste, was ich seit langem gelesen habe (und es ist historisch gesichert…). Witzig ist schon der Brief über die Fragen zum Christentum auf S.162ff und die wohl ernst gemeinte Antwort auf S.192.

Mir ist bewusst, dass die Inhaltsangabe nicht vollständig ist, etwa fehlt die Beschreibung der Kampfhandlungen in Peking und auch das Ende wird nicht verraten.

Für mich hätte es etwas spannender sein können, aber da ich viel, sehr viel gelernt habe, vergebe ich 5 Sterne.

Zitat:
Gewissheit bekommt man nicht geschenkt, man muss sie sich verdienen. (Robert Blum S.142)

Bewertung vom 28.02.2019
Die Himmelsscheibe von Nebra
Meller, Harald; Michel, Kai

Die Himmelsscheibe von Nebra


gut

die Guten und die Bösen

Ein Stern für den Krimi zur Sicherung der Scheibe, ein Stern für die wissenschaftliche Beschreibung der Scheibe, ein Stern für die Einführung in die Vorgeschichte, macht 3 Sterne.

Meine Bewertung wäre ungerecht, denn sonst zähle ich die Mängel auf für die ich die Sterne abziehe.
Also: So spannend das Buch beginnt, so langweilig endet es. Fast jedes Kapitel beginnt mit Spekulationen und was für Briefe dem Museum zur Himmelsscheibe gesendet werden. Ein Kapitel Spekulationen, Rest Wissenschaft wäre schöner. Das letzte Kapitel ist ein Romanversuch, der absolut misslingt und die Lehren der Himmelsscheibe sind reine Wiederholung.

Was mir noch mehr missfällt, ist die fehlende Demut und die wissenschaftliche Arroganz. „Die Suche geht weiter. Wir können nicht anders.“ sind die letzten beiden Sätze des Buches.

Wer hat denn die Himmelsscheibe 1999 gefunden? Raubgräber sagen die Autoren, Hobbyarchäologen sage ich. Selbst wenn man der DDR keine archäologischen Grabungen zutraut, hätte Sachsen-Anhalt 9 Jahre Zeit gehabt die Scheibe zu finden. Sie lag nicht einfach in einem Acker sondern innerhalb eines Ringwalls. Man sollte also den Raubgräbern dankbar sein, dass sie die Scheibe gefunden haben und den Hehlern dankbar, dass sie nicht nach Amerika verkauft wurde.
Ich vermute, dass die folgende juristische Auseinandersetzung das Klima zwischen den beiden Parteien so vergiftet hat, dass normale Kommunikation nicht mehr möglich ist.
Schätze suchen bleibt aber ein merkwürdiges Hobby, denn es ist doch bekannt, dass in Ländern mit Schatzregal man nichts behalten darf. Ich nehme an, dass die Himmelsscheibe eine solche Magie auf Finder und Hehler ausübte, dass sie den Fund öffentlich machen wollten. Die rechtliche Situation war Ihnen egal.

Erst als der Schatz in sicheren Händen war, wurden keine Kosten und Mühe gescheut, um die Aunjetitz-Kultur zu erforschen. Und wer weiß, was die Menschen in 100 Jahren zu diesen Forschungen sagen werden. Es bleibt bei 3 Sternen.

Bewertung vom 23.02.2019
Hysteria
Nickel, Eckhart

Hysteria


sehr gut

studentische Öko-Dystopie

Vorweg möchte ich sagen, dass ich kein Science-Fiction-Fan bin. Das Problem bei dieser Gattung liegt darin, dass geschilderte Probleme meist erst satirisch überhöht werden, um dann in unbefriedigender Art aufgelöst zu werden. So auch hier.

„Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ lautet der erste Satz und er zeichnet das Problem der Nahrungserzeugung. Gegen Ende wird klar, dass in der zukünftige Welt die landwirtschaftliche nutzbare Fläche wegen Naturkatastrophen abgenommen hat (vermutlich wegen des Klimawandels, aber das wird nicht genannt). So erklärt sich, dass Nahrung künstlich hergestellt wird, obwohl eine Naturpartei an der Regierung ist.

Ein Seitenhieb auf die heutigen Grünen wird gleich mitgeliefert. Es gibt ja das Gerücht, die Grünen würden alles verbieten, was Spaß macht und deswegen ist unter der Naturparteiregierung erst Alkohol und dann Kaffee verboten worden.

Das ist aber nur der Rahmen. Bergheim ist der Protagonist, der auf dem Markt die Veränderungen bemerkt und auf der Suche nach den Ursachen in einem Geschmacksinstitut landet.
Dort trifft er seine Studentenfreunde Charlotte und später auch Ansgar mit denen er Kulinarik studiert und sich immer in einer Buchhandlung getroffen hat, die nach zwei Unglücksfällen - einmal wurde das Schaufenster ausgeraubt, dann die Frau des Buchhändlers ermordet – schließen musste. Verdächtig wird die „spurenlose Bewegung“, die jegliche Spuren des Menschen aus der Natur tilgen will. Es könnte aber sein, dass diese Bewegung nur eine Person ist.

Dazu kommt noch ein Dreiecksgeschichte, die während der Studentenzeit noch glaubwürdig ist, gegen Ende aber etwas daher geholt erscheint, aber das waren ja meine Anfangsworte.

Deswegen nur 4 Sterne. Ich empfehle dieses Buch aber allen, die gerne über Zukunftsvisionen lesen.

Bewertung vom 19.02.2019
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
Stamm, Peter

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt


sehr gut

Möglichkeiten und Erinnerung

„Lola rennt“ zeigte, was alles möglich ist, in einer kurzen Lebenssequenz.
Peter Stamm beschreibt die Möglichkeit, dass ein Leben sich wiederholt.
Der Schriftsteller Christoph hat nach seiner Trennung von Magdalena ein Paar gefunden, das 15 Jahre jünger genauso lebt, wie er zu damaliger Zeit. Sein Glauben, dass es so sei, bespricht er mit Lena, Chris Freundin, das sind die beiden jüngeren.
Erinnerungen können irren. Chris hat Christoph gezeigt, dass er kein Buch geschrieben, doch noch unterschiedlicher sind die Liebesgeschichten. Chris heiratet Lena, während Christoph und Magdalena nie geheiratet haben. Magdalena soll heute einen Mann haben, dessen Beschreibung auf Christoph zutrifft. Kompliziert.

Im letzten Kapitel blendet Christoph noch einmal in seine Jugend zurück, wo er ein alten Mann aufhilft, der in einem Altersheim für alleinstehende Männer lebt. Er fürchtet wohl so zu enden.
Gerade im Liebesleben sind die Chancen zahlreich, die Trennungen aber leider auch.

Mir hat der lakonische Stil des Autors gut gefallen. Ebenso die kurzen Kapitel, die viel Zeit zum Nachdenken lassen. Wenn ein Buchpreis dazu anregt, dass auch Wenigleser mal ein Buch in die Hand nehmen, dann ist es dem Schweizer Buchpreis besser gelungen als dem Deutschen.

4 Sterne, da die Handlung zu verschachtelt ist. Für 5 Sterne fehlt mir auch das Gefühl, das dieses Buch unbedingt zu lesen ist. Aber eher 5 Sterne als 3.

Bewertung vom 17.02.2019
Armageddon im Orient
Lüders, Michael

Armageddon im Orient


sehr gut

Alle gegen Teheran

Michael Lüders gehört zu den Autoren, deren neue Bücher ich immer lese. Das bleibt auch so. Während mich in seinem Syrien-Buch manchmal seine Erkenntnisse wunderten, liegt dieses Buch auf meiner Linie.
Saudi-Arabien wird von den USA hofiert und der Iran gehört, was auch immer er tut, zur Achse des Bösen. Ihm wird nicht vorgeworfen das Atomabkommen nicht einzuhalten, weil Amerika weiß, dass das nicht stimmt, ihm wird vorgeworfen dessen Geist nicht einzuhalten.

Am Anfang bringt Lüders eine kurze geschichtliche Einordnung von Arabien, die mit der lange in die Antike reichende Geschichte Persiens nicht mithalten kann. Aus Iran kommt Schach, Saudi-Arabien dagegen spielt Monopoly (vgl. S. 70).

Neu für mich, dass die Bewohner Irans ihr Land selbst so nennen und dass sie Farsi anstatt Persisch sprechen. Ansonsten führt Lüders noch andere Fachworte ein, vor allem für Arabien, die man aber schlecht behalten kann, da es weder ein Register noch ein Glossar gibt.

Im politischen Teil fehlt das Überraschende, das wirklich Neue. Trump ist alles zuzutrauen, Saudi-Arabien auch. Immerhin die Quatar-Krise und der Jemen-Krieg sind mir nun klarer. Auch der schwindende Reichtum Saudi-Arabiens, von dem schon Dirk Müller geschrieben hat, kommt vor.

Ich hätte mir noch ein Wort über die große Zahl iranischer Flüchtlinge gewünscht, die heute in Deutschland leben. Wer sind sie und warum sind sie hier?

Gerade der Mittelteil war spannend, Syrien bekannt und was der einzelne in der Außenpolitik tun kann ist nicht viel. 4 Sterne.