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Benutzername: Juti
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Bewertungen

Insgesamt 225 Bewertungen
Bewertung vom 22.10.2019
Rückkehr nach Reims
Eribon, Didier

Rückkehr nach Reims


gut

Autobiografie eines Aufsteigers aus dem Arbeitermilieu

Es heißt, die von mir geschätzten Bücher von Annie Ernaux seien nach dem Erscheinen dieses Buches neu ins Deutsche übersetzt worden, deswegen wollte ich es lesen.
In der Tat sind Parallelen zu erkennen. Wie Ernaux steigt Eribon aus der Unterschicht auf, ja er hat sogar Brüder, die die Schule abbrechen, während der Autor es sogar schafft an der Uni ein Stipendium zu bekommen.

Höhepunkt des Buches ist die Analyse wie eigentlich politisch links stehende Arbeiterkinder zu Wählern der Rechtsradikalen werden. Hauptgrund ist die Migration marokkanischer Einwanderer in das alte Arbeiterviertel, so dass auch die Eltern des Autors umziehen müssen.

Einen Stern muss ich abziehen, weil es mir teilweise zu philosophisch wird. Seitenlang beschreibt der Autor, wieso ihm ein Buch von Bourdieu nicht gefällt.

Einen weiteren Stern ziehe ich für das Schlusskapitel über Homosexualität ab. Die Vorurteile sind bekannt und langweilten mich. Das Interessante wurde mir nicht ganz klar. Nach dem Studium findet der Autor keine seinem Abschluss entsprechende Stelle. Dank des Schwulenmilieus lernt er eine Journalistin kennen, die ihn bittet zu schreiben. So kommt er wieder in Kontakt zu vor allem ausländischen Universitäten. Wieso er aber heute Professor für Soziologie ist, habe ich nicht verstanden. Also 3 Sterne.

Bewertung vom 20.10.2019
Grand Tour

Grand Tour


weniger gut

Lyrikband zur EM-Qualifikation

Ich muss mich doch sehr wundern, was in der Produktbeschreibung steht: „Von Albanien bis Zypern“. Dabei zeigt das Inhaltsverzeichnis auf S.5 klar, dass der Leser zu 7 Reisen durch Europa eingeladen wird, die erste beginnt in Polen, endet in Finnland, also nichts von alphabetischer Reihenfolge.

Während die FAZ die Ordnung so hinnimmt, schreibt die SZ von der weit möglichsten Reise. Das wäre in der Tat eine spannende Mathematikaufgabe: Aus den magischen 7mal7 Ländern die weiteste Reise zu machen.

In Wahrheit aber sind die 7 Reisen Qualifikationsgruppen zur Europameisterschaft. Schon das zweite Land Wales ist eigentlich Teil des Vereinigten Königreichs, aber da es schon vor der Gründung der FIFA einen eigenen Verband hatte, Mitglied in der FIFA. Insofern bedarf es auch keiner Erklärung, wieso Israel als UEFA-Mitglied Teil von Europa ist. Zwergstaaten wie San Marino und Liechtenstein fehlen. Aber sie hätten ohnehin keine Chance bei der EM dabei zu sein.

Die Gruppen sind von der Spielstärke ziemlich ausgeglichen. Gruppe 5 mit Belgien, Malta, Litauen, Andorra, Ungarn, Türkei und Serbien erscheint als leichteste (hat auch nur 66 Seiten). Auch Deutschland hatte in Gruppe 7 wieder Losglück (67 Seiten), während die Todesgruppe 3 mit Eng­land, Israel, Dänemark, Österreich, Kroatien, Luxemburg und Russland auf stolze 88 Seiten kommt.

Über den Qualifikationsmodus wird nichts gesagt. Denkbar wäre, dass sich die zwei Gruppenbesten qualifizieren + Titelverteidiger + Gastgeber.
Da aber der Titelverteidiger nur bei der WM qualifiziert ist und die EM 2020 in 12 Städten ausgetragen wird, es also keine Gastgebernation gibt, gehe ich davon aus, dass um auf 16 Ländern zu kommen und in 4 4er Gruppen spielen zu können, sich auch die beiden punktbesten Dritten qualifizieren.

Auch zur Wertung ist nichts überliefert. Für jedes gelungene Gedicht gibt es einen Punkt, dahinter steht die Zahl der anderen Gedichte. Bei Punktegleichheit qualifiziert sich, wer weniger andere Gedichte hat.

Hier die Ergebnisse:
Gruppe 1: 1.Polen 14:25 2.Finnland 11:12 3.Mazedonien 8:3 4.Portugal 8:14
5.Wales 6:4 6.Island 3:9 7.Moldawien 2:1
Gruppe 2: 1.Irland 14:16 2.Niederlande 13:17 3.Norwegen 8:4 4.Frankreich 6:9
5.Belarus 5:5 6.Bosnien und Herzegowina 4:4 7.Zypern 2:0
Gruppe 3: 1.England 18:28 2.Russland 11:10 3.Israel 10:10 4.Kroatien 8:12 5.Dänemark 5:5 6.Österreich 3:6 7.Luxemburg 1:1
Gruppe 4: 1.Italien 12:31 2.Bulgarien 9:8 3.Lettland 9:9 4.Schottland 9:11 5.Tschechien 6:11 6.Georgien 5:2 7.Kosovo 2:1
Gruppe 5: 1.Ungarn 11:14 2.Belgien 8:9 3.Litauen 8:10 4.Serbien 5:4 5.Türkei 3:9 6.Malta 1:4 7.Andorra 0:1
Gruppe 6: 1.Spanien 19:22 2.Rumänien 8:12 3.Estland 7:10 4.Schweiz 5:15 5.Albanien 3:5 6.Montenegro 1:2 7.Slowakei 1:5
Gruppe 7: 1.Slowenien 7:11 2.Deutschland 7:19 3.Ukraine 5:10 4.Nordirland 5:12
5.Griechenland 3:8 6.Schweden 2:7 7.Armenien 1:0
Israel und Lettland sind als beste Drittplatzierte auch qualifiziert. Leider fehlt für die Torschützenliste der Platz.


Diese Buch steht ganz oben auf der Stephen-Hawking Liste. Es macht sich gut im Bücherregal, zieht sich aber für den, der alle Gedichte liest. 2 Sterne, da viele Gedichte einfach nur langweilen.

Aber es war ja nur die Quali, die EM nächstes ja wird hoffentlich besser.

Bewertung vom 13.10.2019
Monte Verita - Sanatorium der Sehnsucht
Schwab, Andreas

Monte Verita - Sanatorium der Sehnsucht


gut

Einzug des Kapitalismus in eine Reformbewegung

Das dritte Buch das ich zum Monte Verità gelesen habe, und das vierte werde ich frühstens im nächsten Jahr lesen.

Zu meinem Glück wollte der Autor in diesem Band den Schwerpunkt auf die wirtschaftlichen Verhältnissen legen, denn im Gegensatz zu anderen Lebensreformbewegungen hielt sich das Sanatorium am Monte Verità immerhin 20 Jahre. Dies konnte aber nur dadurch gelingen, dass Ida Hofmann und Henry Oedenkoven ab 1902 ein Sanatorium im kapitalistischen Sinne betrieben, nachdem sie die anderen Gründungsmitglieder ausbezahlt hatten. Diese lebte in der Nähe naturverbundener als Selbstversorger und waren für den sich bildenden Mythos wichtig.

Im Sanatorium wurde auf neuen „Luxus“ nicht verzichtet, es gab elektrisches Licht und eine Heizung. Einzig die vegetarische Ernährung machte das Besondere einer Kur am Monte Verita aus.
Später kamen noch die Tanzkurse hinzu. Überhaupt konnte, wer wollte, sich frei fühlen und in Reformkleidern rumlaufen oder gleich ganz nackt ein Sonnenbad nehmen. Der Schriftsteller Hesse ist aber auf Bildern immer im Anzug zu sehen.

Damit sei neben der Exotik des Südens eine nächste Besonderheit genannt: Der Monte Verita hatte berühmte Gäste. Dennoch musste das Sanatorium Werbung machen wie andere Hotels auch. Da das Sanatorium verhältnismäßig klein und nie voll ausgelastet war, blieben die Bedingungen schwierig. Es hieße für das gleiche Geld hätte man auch im Mittelklassehotel in Mailand übernachten können.


Als erste Buch über den Monte Verità empfehle ich das Buch nicht, wer aber wissen will, wie Reformbewegungen wirtschaftlich am Leben bleiben können, der sollte das Buch lesen. Da ich mich nicht für 3 oder 4 Sterne entscheiden konnte, gebe ich diesmal wegen der oft falschen Silbentrennung nur 3 Sterne.

Bewertung vom 30.09.2019
Der Zopf meiner Großmutter
Bronsky, Alina

Der Zopf meiner Großmutter


sehr gut

Witzige russlanddeutsche Familiensaga

Mäxchen, von seiner Großmutter anfangs liebevoll Krüppel genannt, Kind und Ich-Erzähler, immigriert mit seinen Großeltern von Russland nach Deutschland. Während die Großmutter eine sehr derbe Sprache, vermutlich viel Russisch und sehr dominierend ist, schweigt der Großvater oft, leiht aber dem Jungen bereitwillig Geld.

Im Migrantenwohnheim lernen sie die zu Depressionen neigende Nina mit Tochter Vera kennen. Und mehr Personen braucht es nicht, außer dass der Großvater und Nina noch ein Kind zeugen.
Aber wider Erwarten führt diese Dreieicksbeziehung zu keinen Problemen, sondern erweitert nur das Personal.

Ein weiteres Thema ist das Judentum, weil Mäxchens Familie nur deshalb nach Deutschland einwandern konnte, da sie sich als Juden ausgab. Dabei ist nur der spät erscheinende rothaarige Vater Mäxchens Jude.

Ernst nehmen kann der Leser die Drohungen der Großmutter gegenüber dem Vater nicht. Das Buch lebt von der Situationskomik und lässt sich als kurzes Sommerbuch ohne viel Nachdenken flüssig lesen. Deswegen folgen noch Zitate. 4 Sterne


Zitate:
„Manchmal denke ich, meine Mutter ist mit deiner Großmutter verheiratet“ flüstert Vera mir ins Ohr. „Nee, die hassen sich doch“ sagte ich, als ob das eine Ehe ausschließen würde. (136f)

[Großmutter:] „Schade, dass das jüdische Mädchen weg ist. Wäre was für dich gewesen, weil sie so in dich vernarrt ist, dass sie dich aufessen könnte. Und hässlich genug, dass sie dir keiner ausspannen kann.“ (163)

Bewertung vom 26.09.2019
14. Juli
Vuillard, Éric

14. Juli


gut

Die Geschichte des kleinen Mannes

Eigentlich mag ich Vuillards Stil. Ein historisches Thema herunter gebrochen auf das Niveau des einfachen Menschen. Leider war die französische Revolution bisher nicht mein Hauptthema. So war mir nicht immer klar, wozu das Thema wichtig ist.

1789 war ein warmer Sommer nach einem kaltem Winter und die Menschen hatten Hunger, saßen in der Bastille, weil sie Schulden hatten. Der Sturm erfolgte dann spontan.

Ich habe das Buch auf der Reise und im Zug gelesen. Man wird häufiger abgelenkt, dennoch lassen die kurzen Kapitel einen immer wieder zurück in den Stoff kommen. 3 Sterne

Bewertung vom 16.09.2019
De amore - Über die Liebe
Andreas Capellanus

De amore - Über die Liebe


gut

Mittelalterliche Moralpredigt

Eigentlich sollte der Leser in diesem Buch fromme, christliche Sprüche erwarten, doch weit gefehlt. Nicht die Ehe als Ort der Liebe steht im Mittelpunkt, sondern wie Mann und Frau gleichen oder unterschiedlichen Standes sich beim ersten Date kennenlernen. Flirten möchten wir heute sagen. Das alles ist kurzweiliger als erwartet, da allgemeine, heute noch wichtige Themen angesprochen werden.

Im zweiten Buch ,gemeint ist Kapitel, werden Regeln der Liebe kurz betrachtet bevor zum Schluss alles in Frage gestellt wird und klar gestellt wird, dass die christlichen Moralvorstellungen Vorrang haben. Sonst wäre dieses Buch wohl verbrannt worden und wir wüssten nichts von ihm.

Insgesamt zwar interessant, aber nicht mitreißend, deswegen nur 3 Sterne.

Zitat: Ich weiß […], daß die Frauen Quellen und Ursprung alles Guten seien (108)

Bewertung vom 15.09.2019
Magnus Carlsen
Sivertsen, Aage G.

Magnus Carlsen


sehr gut

Warum Carlsen Schachweltmeister wurde

Das Herz eines Schachspielers schlägt höher, wenn er eine Biographie über den Weltmeister lesen darf. Mir war neu, dass Carlsen in jungen Jahren mit dem Familienbus durch Europa reiste. Als er besser wurde, bekam ich seine Erfolge durch Schachzeitung mit.

Als Schachtrainer interessiert mich natürlich, ob er von seinem Verband gefördert wurde. Die Antwort ist zunächst nein, erst als die Familie Geld brauchte, um Kasparow als Trainer zu bezahlen durfte Magnus für die Schach-Olympiade in Norwegen werben.

Gut gefallen hat mir der Vergleich mit den Polgar-Schwestern aus Ungarn, deren Vater seine drei Töchter zu Großmeisterinnen machen wollte. Bei Carlsen lief und läuft vieles im skandinavischen Stil freiwillig auf spielerischer Basis, ganz anders als die sowjetische, jetzt russische Schachschule, die ein festes Trainingsprogramm vorsah.

Im letzten Kapitel wird Carlsen mit seinen Vorgänger Fischer und Kasparow verglichen. Nicht die Frage wer der beste Schachspieler aller Zeiten ist, hätte im Mittelpunkt stehen sollen, sondern dass Fischer und Kasparow ohne Vater aufgewachsen sind, während Carlsen Vater Henrik als sein Manager stets in seiner Nähe ist. Dieser Gegensatz wird kaum herausgearbeitet.

Mein Herz erfreut hat aber die Berichte aus dem Innenleben der Weltspitze durch Gespräche mit den Spielern der Weltspitze. Die Weltmeisterschaftskämpfe sind immer interessant zu lesen. (Ich erinnere an Glavinic: Carl Haffners Liebe zum Unentschieden), vor allem wenn Insinderwissen aus einem Lager dazu kommen. Der Kampf gegen Karjakin ist ein wenig angeklebt, die beiden Kämpfe gegen Anand dagegen ausführlich.

Schade ist auch, dass das Buch Ende Mai 2015 endet, 2017 erst in Deutsch erschien und erst 2019 von mir gelesen wurde, als Carlsen seinen Titel bereits gegen Caruana verteidigt hatte. 4 Sterne

Lieblingszitat:
Leko war außerdem als Remis-Spezialist bekannt. Es wurde geulkt, man könne ein Buch mit dem Titel „Lekos fünfzig beste“ Remispartien“ veröffentlichen. (S.139f)

Bewertung vom 13.09.2019
Die geheime Mission des Kardinals
Schami, Rafik

Die geheime Mission des Kardinals


gut

Aufklärerischer Syrien-Krimi

300 Seiten braucht es bis das Unerwartete passiert. Ansonsten das im Krimi übliche:
Ein Kommissar der genau aufpasst, stets besserwisserische Kommentare abgibt, allein lebt, weil der Beruf keine Zeit für Beziehungen lässt – in diesem Fall ist die Geliebte gestorben, aus Liebe zu einem Kind krank geworden und kein Interesse hat, innerhalb der Polizei befördert zu werden. Schimanski also, nur höflich wie Derrick.

Die Leiche könnte dem Münsteraner Tatort entspringen, ein Kardinal für die italienische Botschaft in Damaskus in einem Olivenfass angeliefert, leichter Humor würzt dieses Buch. Um die Beziehungen zu Italien nicht zu gefährden bekommt unser Kommissar Barudi Schützenhilfen von Mario Mancini, einem italienischen Kommissar, der auch verdeckt als Journalist arbeitet. Der Geheimdienst hat seine Finger auch im Spiel, aber möglichst wenig, wenn nicht der karrieregeile Chef nicht wäre.

Unklar bleibt für mich das Tagebuch von Barudi. Es wirkt wie ein Steinbruch für Reste, die der Autor sonst nicht in seinem Krimi erzählen könnte. Wer schreibt denn in sein Tagebuch seine Familiengeschichte? Manchmal finden sich dort witzige Kurzgeschichten, wofür ich den Autor auch kenne, aber in diesem Krimi wirkt es fehl am Platze.

Ich hätte das Buch vermutlich nicht gelesen, wenn es nicht auf der Bestsellerliste stehen würde und wenn es nicht, wie der Titel schon klar macht, um Religion ginge.
Leider ist die ganze aufgeklärte Kriminalpolizei dem Wunderglaube der Bevölkerung so abgeneigt, dass dieser stets als Aberglaube dargestellt wird. Selbst der Kardinal, der durch Hand auflegen des Bergpredigers Arabisch gelernt haben soll, konnte schon vorher Arabisch. Das aber wäre spätestens bei seiner Rückkehr aufgefallen. Ich wünsche mir zu diesem Thema mal eine Diskussion zwischen Schami und Andreas Englisch, dem Maschinengewehr Gottes. Herr Lanz, laden Sie mal beide in eine Sendung!

Ein Zitat des Buches ist: „Die Liebe vereint die Menschen, die Religion trennt sie.“ Das stimmt, wenn man Religion so definiert wie der Autor es macht. Aufgeklärte Menschen sind stets Atheisten. Allein im Vatikan gibt es Kardinäle, die die Wunder skeptisch sehen.


Am besten gefällt mir, dass dieses Buch in einer Art Länderstudie aus Syrien 2010 zeigt, wie eine korrupte Diktatur, die nur eine Konfession unterstütze in einen Bürgerkrieg schlittert, der gegen den Islamismus inoffiziell schon begonnen hatte. Selbst ein Islamist und warum er es geworden ist, kommt zu Wort. So gerade noch 3 Sterne.

Bewertung vom 25.08.2019
Schäfchen im Trockenen
Stelling, Anke

Schäfchen im Trockenen


ausgezeichnet

Jammern auf hohem Niveau

„Berlin-Roman“ schreibt die SZ. Kreuzberg-Friedrichshain-Roman wäre besser, weil es ums grün-alternative Milieu geht. Reiche Jugendfreunde aus dem Schwabenland, mittlerweile verheiratet und Mutter oder Vater gründen in Berlin, genauer am Prenzlauer Berg eine WG, allerdings nicht als Mieter, sondern als Eigentum, da das Studentenleben vorbei ist und man Geld, viel Geld verdient.

So viel Geld, dass Ingmar sich erlauben kann, der Künstlerin und Ich-Erzählerin Resi Geld für die Erdgeschosswohnung zu leihen, aber Resi lehnt ab. Immerhin zieht sie mit ihrem Mann Sven und 4 Kindern in die alte Mietwohnung von Frank, der aber später seine Wohnung kündigt, weil Resi einen Essay über die WG veröffentlicht hat und Geheimnisse verraten hat.
Das war bereits die Handlung, die aus der Sicht von Resi erzählt wird, die ihre älteste Tochter Bea warnen will, dass es ihr später nicht so ergeht, wie die Ich-Erzählerin es erleben muss.

Auch aus Heidelberg kenne ich das grün-alternative Milieu, gehöre vielleicht selbst dazu, aber endlich schreibt jemand, dass die Toleranz in diesem Milieu nur Fassade ist. Welche Werte oder ob es überhaupt Werte gibt, bleibt auf der Strecke. Jedenfalls dass Resi über die Wohnsituation, über einen begehbaren Kleiderschrank, über Reichtum schreibt, ohne vorher darüber zu reden, das geht nicht.

Das alternative Milieu scheint die Ideologie des Neoliberalismus aufgesogen zu haben. „Selberschuldschicksale“ (S.147) sagt das aus. Jeder kann alles erreichen, wenn er nur genug leistet. Dass aber die Ausgangssituation schon unterschiedlich ist, erkennen gerade die Kinder aus reichem Elternhaus nicht. Schon die Mutter der Ich-Erzählerin musste erleben, dass ihre Beziehung zu Werner aus dem Pastorenhaushalt scheiterte, weil sie die Etikette nicht kannte.

Ist die Ich-Erzählerin auch wütend auf ihre Mutter? Ein wenig vielleicht, weil sie von ihr nicht vor den Gefahren des Lebens gewarnt wurde, aber die Welt ändert sich. Die Mutter glaubte noch, dass man mit Bildung alles erreichen kann und ermöglichte Resi als erste in der Familie das Studium, während die Reichen ihr Küchenpersonal entlassen mussten.

Auch die Kindheit der Ich-Erzählerin im Schwabenland, im Ferienlager der christlichen Jugend erzeugte ein Gefühl der Solidarität, während später Skiurlaube in der Schweiz die unterschiedliche soziale Lage verdeutlichten. Mit dem Umzug nach Berlin verlieren die Jugendfreunde auch ihre Bindung zur Religion.

Ich frage mich, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn die Ich-Erzählerin im Schwabenland geblieben wäre. Hätte sie dann auch Schriftstellerin werden können? Vermutlich hätte sie einen bürgerlichen Beruf ausgeübt, Auto und Eigenheim angeschafft und wäre zur biederen CDU-Wählerin mutiert.

Das ist bereits Spekulation. Meines Erachtens richtet sich die Wut der Ich-Erzählerin gegen die Auswüchse des Neoliberalismus und fehlende Solidarität in der Gesellschaft. Reiche Menschen geben zwar gern für wohltätige Zwecke, bestimmen dann aber auch die Regeln. Zu Kohls Zeiten mussten sie noch mehr Steuern zahlen und der Staat konnte für Gleichheit sorgen und auch die Meinungsfreiheit sichern.
Anfangs vielleicht ein wenig mühsam, da man nicht weiß, wohin die Reise geht, trotzdem 5 Sterne, da mehr als nur Unterhaltung.

Lieblingszitat (einziger Limerick):
War einst ein Pärchen aus Biberach/ das ging im VW der Liebe nach/ Und sie waren sehr froh/ denn es ging ja auch so/ Aber hinterher klemmte das Schiebedach. (142)

Bewertung vom 20.08.2019
Eine Odyssee
Mendelsohn, Daniel

Eine Odyssee


gut

Königs Erläuterungen

In meiner Schulzeit - und wohl auch heute noch – gab es für die deutsche Pflichtlektüre die Königs Erläuterungen. Aber nicht für die Odyssee, da bei Fremdsprache die Übersetzung wichtiger als die Interpretation ist. Dieses Buch leistet das und noch mehr.

Selbst über Friedrich August Wolf wird berichtet. Aus dem heutigen Sachsen-Anhalt stammend gilt er als Gründer der Philologie. Er glaubte als erster, dass die Odyssee erst Jahrhunderte lang mündlich gesungen wurde bevor sie aufgeschrieben wurde. Weiter lernen wir noch Johann Karl Simon Morgenstern kennen, der den Begriff „Bildungsroman“ prägte. Außerdem hören wir, dass die Odyssee als eine Ringkomposition komponiert wurde.

Der Autor ist ein guter Erklärer und Hochschuldozent, der im Seminar mit seinen Schülern über die Interpretation der Gesänge der Odyssee diskutiert. Auch sein alter Vater nimmt teil.
Gelungen fand ich, dass die beiden nach dem Seminar eine Kreuzfahrt zu den Orten der Odyssee unternehmen, auch wenn Ithaka wegen eines Streiks in Griechenland nicht besucht wird.


Einen Stern abziehen muss ich aber, weil die Diskussionsführrung zu lehrerzentriert wirkt, zustimmende Bewertungen mich nicht interessieren und Unsinn ohnehin nicht ins Buch gehört. Außerdem langweilten mich die Bemerkungen, wie sich der Autor, der wohl als Ich-Erzähler auftritt, die Namen seiner Schüler merkt.

Einen weiteren Stern muss ich abziehen, weil die Familiengeschichte des Autors viel zu lang erzählt wird. Zweifellos ist die Odyssee auch eine Vater-Sohn Beziehung, insofern müsste es passen. Wenn aber noch über die Großeltern erzählt wird oder wir lesen, dass das Auto auf die Auffahrt fährt, nein, das ist nicht wichtig.
Das Seminar ist 50 Seiten vor dem Schluss des Buches beendet. Was noch erzählt wird, ist die Krankengeschichte des Vaters in epischer Länge mit allen medizinischen Details.

Mendelsohn ist als fiktiver Erzähler bisher nicht bekannt und das merkt man auch. Bleiben also 3 Sterne.


Zitat: Spöttisch fragte Locke, […] warum ein Arbeiter Latein lernen müsse. Wolfs Antwort: Weil es um den Menschen geht. (S.50)