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Bewertungen

Insgesamt 53 Bewertungen
Bewertung vom 08.09.2017
Homo Deus
Harari, Yuval Noah

Homo Deus


gut

Ein Buch mit viel Licht, aber leider auch viel Schatten.
Mir gefällt, dass der Autor sein Thema logisch mit zahlreichen Beispielen aufbaut, mir missfällt, dass er teilweise unsauber argumentiert. Ein Theologie-Studium täte dem Autor gut.

Der Reihe nach:
Das Buch beginnt mit einem Kapitel zur Unsterblichkeit, wo ich wenig Neues erfahre. Ab S.46 wird es interessant: „Das Recht auf Glück.“ Der Autor zeigt auf S.49 deutlich, wie ungenau die Messung des BIP ist. In Singapur ist das BIP viermal höher als in Costa Rica, doch die Lebenszufriedenheit ist in Costa Rica höher. Ab S.64 geht es wiederum um Zukunftsphantasien und Götter.
Überzeugt hat mich die „kurze Geschichte des Rasens“ ab S.85, der Ausdruck des Reichtums war und nach und nach in die Mittelschicht einsickerte. ein bestes Beispiel von Übrigens-Kultur.
Im folgenden Kapitel über „das Anthropozän“ gibt es kein Wort, dass Erdzeitalter aus der Geologie stammen und Spuren im Erdboden hinterlassen müssen. Klar, die Tierwelt wurde dem Mensch unterworfen und ja, das Christentum spielt dabei mit, weil der Mensch schon zur Zeit des Alten Testaments vom Jäger zum Bauern, also sesshaft wurde.
Der Autor stellt auf S.116 die These „Organismen sind Algorithmen“ auf. Meinetwegen. Darwins Evolutionstheorie in Europa noch zu beweisen, halte ich für überflüssig, aber bitte. Schlimmer wirkt auf mich, dass der Autor behauptet auch der Mensch habe keine Seele.(S.142ff) Der Verfasser vergisst Seele zu definieren. Ich habe den Eindruck, er suche die Seele als Körperteil. Selbst wenn man nichts von der christlichen Theologie hält, so kann es doch etwas nach dem Tod geben, wie der Heidelberger Physiker Markolf Niemz zeigt.
Dann lieber ein Übrigens-Kapitel zur Laborratte oder anderen Tieren, noch spannender das Ende des Ceaucescu-Regimes (S.184ff), das zeigt, dass das besondere des Menschen ist, dass er sich zusammen schließen kann und wem das gelingt, der kann die Macht übernehmen. Neu und interessant für mich waren auch seine Gedanken zur Intersubjektivität. Neben der subjektiven und objektiven Wahrheit existiert auch eine intersubjektive Wahrheit, etwa ein 20 Euro-Schein, der nur solange Menschen sich darauf einigen mehr wert ist als ein Stück Papier.
Und wieder ein Übrigens-Kapitel über den portugiesischen Konsul in Bordeaux, der zur Nazi-Zeit viele Juden rettete.
Kapitel 5 beschäftigt sich dann mit Religion und Wissenschaft, wobei es lange dauert bis der Autor Religion als von Vermittlung von Werten ansieht anstatt von unsinnigen Gesetzen zu sprechen. Die Schlosskirche in Wittenberg „Allerheiligenkirche“ (S.256) zu nennen ist ungewöhnlich, aber nicht falsch, vielleicht auch nur schlecht übersetzt.
„Die Wissenschaft bedarf immer religiöser Unterstützung“ (S.258) und auf S.266 lesen wir erstmals was über Exegese. Immerhin.
Im Kapitel 6 geht es darum, dass unsere Wirtschaft auf Wachstum beruht, selbst wenn Umwelt und Klima darunter leiden. Ist das Neu? Das nächste Kapitel Humanismus lobt den freien Willen, selber denken und keinem anderen Leid antun wie die Bilder auf S.318f zeigen.
Doch Kapitel 8 stellt den freien Wille wieder in Frage, dank modernster Wissenschaft. Interessant ist auch der Unterschied zwischen "erlebtem Ich" und "erinnernden Ich", was an schönen Beispielen erläutert wird.
Danach wird es schwierig. Die Aussage das Computer immer klüger werden, wäre banal und fasst das Kapitel auch nicht zusammen. Der Satz: "Jüngste Studien vermuten, dass eine Partie Schach pro Woche den Beginn der Demenz hinauszögern kann." (S.448) ist etwas aus dem Zusammenhang gerissen.
Das menschliche Auge sieht nur einen kleinen Teil von Frequenzen bei den Lichtwellen, mit dem menschlichen Geist ist es vermutlich ähnlich.
Das Schlusskapitel geht auf die Bedeutung wachsender Datenmengen und die algorithmische Datenverarbeitung ein.
Aber gibt es nicht eine Gegenbewegung der Menschen, die nicht mehr alle Daten preisgeben und nicht bei Facebook sind? Alles in allem 3 Sterne.

Bewertung vom 03.09.2017
Unterwegs im Namen des Herrn
Glavinic, Thomas

Unterwegs im Namen des Herrn


sehr gut

„Sechs Uhr früh ist eine Uhrzeit, die ich sonst nur von der anderen Seite kenne.“ Einer der schönsten Sätze mit der ein Buch beginnt. Glavinic beschreibt sehr schön, wie es im Reisebus mit frommen Katholiken aussieht, der zur einer Marienwallfahrt aufbricht. Es wird viel gebetet.
Ich habe es gelesen, während ich mit normalen Katholiken unterwegs war und freute mich, dass meine Reisegruppe nicht so abgefahren war. Der Anfang gefällt bestens, bis der Erzähler mit seinem Freund Ingo die Wallfahrt doch verlassen und sich beim Reiseleiter verabschieden, der sich mit den Worten: „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.“ (S.110) verabschiedet. Danach brechen die beiden Protagonisten nach Split auf, um eine Orgie zu feiern, was wohl in den neuen Büchern Glavinics dazugehört, mir aber nicht gefällt. Erst der Rückflug nach Wien findet wieder wegen seiner überraschenden Wendungen gefallen.
Wegen der Orgie gibt es eine Stern Abzug.

Bewertung vom 02.09.2017
Todesinsel
Makris, Carola

Todesinsel


sehr gut

Normalerweise bin ich nicht der Krimi-Leser, aber da die Autorin aus Heidelberg kommt, fühlte ich mich verpflichtet. Der Ort, die Azoreninsel Fayal, und dann die Historie mit der Telegrafenstation erwecken bei mir Leselust. Die vielen Namen dagegen waren für mich ungewohnt und die Handlung nicht immer nachvollziehbar. Schön ist mitunter der Perspektivwechsel vom Kommissar zu anderen Personen in kursiver Schrift. Auch die Zwischenkapitel zu thematischen Dinge wie Allein sein gefielen.
Das Ende ist etwas kitschig, aber 4 Sterne trifft es ziemlich genau.

Bewertung vom 01.09.2017
Verfahren eingestellt
Magris, Claudio

Verfahren eingestellt


schlecht

Ich habe das Lesen dieses Buches nach 108 Seiten eingestellt, weil es kein echter Roman ist, sondern die Beschreibung eines fiktiven Kriegsmuseum mit einzelnen, meines Erachtens nicht zusammenhängenden Geschichten. Einzig der Sonderteil Luisas Geschichte vermochte ein wenig mehr zu überzeugen, allein kamen bis S.108 erst zwei Teile davon und da hatte ich die Lust bereits verloren.

Bewertung vom 19.08.2017
Der Lärm der Zeit
Barnes, Julian

Der Lärm der Zeit


schlecht

Ich habe dieses Buch nach 100 Seiten im 2. Kapitel weggelegt und nehme die Schuld auf mich.
Es mag ein gutes Buch sein, aber ich habe es nicht verstanden.
Klassische Musik, Stalinzeit, Verfolgung. Das habe ich begriffen.
Aber warum ich dieses Buch weiter lesen sollte, das ist mir nicht klar geworden. Schließlich ist mein Büchertisch voll und besseres wartet bestimmt.

Bewertung vom 14.08.2017
Die Getriebenen
Alexander, Robin

Die Getriebenen


ausgezeichnet

Selten habe ich ein Buch von fast 300 Seiten so schnell gelesen.
Selten hat mich ein Thema auch so gefesselt.
Es geht um die Bundeskanzlerin Merkel während der „Flüchtlingskrise.“ Ich sehe nicht, wie die SZ, dass der Autor Wut hat auf Frau Merkel, es geht ihm nur darum aufzuzeigen, was sie hätte besser machen können. Und er kritisiert gar nicht so sehr die Grenzöffnung, nein aus humanitären Gründen war das vertretbar (nebenbei bemerkt das Argument hätte 6 Monate später auch für Idomeni gelten können, aber da gab es die Willkommenskultur nicht mehr) , er kritisiert vielmehr, dass eine Woche später die Grenzschließung vorbereitet wurde, aber keiner den Mut hatte, die Verantwortung für die Durchführung zu übernehmen.
Aus diesem Buch habe ich gelernt, dass das Bundespresseamt für die Bundesregierung Umfragen in Auftrag gibt, deren Ergebnisse nicht alle veröffentlicht werden und mit denen Angela Merkel regiert. Und im Herbst 2015 hätte sie nur gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung die Grenze schließen können und das wollte sie nicht.
Dass sich spätestens nach der Kölner Sylvesternacht die Stimmung änderte und sie trotzdem noch erzählte, Grenzen könne man im 21. Jahrhundert nicht schließen, erst das verärgert den Autor.
Mit dem Autor denkt Horst Seehofer, die einzige Opposition gegen die Flüchtlingspoltik neben der AfD. Und Schäuble, auch das lernen wir, ist der Erfinder des Türkei-Deals, der zwar gar nicht funktioniert, der aber für die Kanzlerin wichtig war, um ihr Gesicht waren zu können.
Eigentlicher Held, der den Zuzug nach Europa beendete und de facto die Balkanroute schloss, ist der junge österreichische Außenminister Sebastian Kurz, der die Bilder von Idomeni für unvermeidlich hält. Frau Merkel wird das anders sehen und ihren Türkei-Deal loben.
Vielleicht ist das wie bei Kohl, dass wer zu lange regiert, den Blick für die Realität verliert. Aber dieser letzter Satz ist von mir.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 13.08.2017
Ein treuer Freund
Gaarder, Jostein

Ein treuer Freund


ausgezeichnet

Nein, die Nordistik hat mich nicht gestört. Im Gegenteil. Als ich in meiner Jugend „Sofies Welt“ gelesen hatte, war ich von Philosophie begeistert und habe die Geschichte des Buches vergessen.
Ja, wie Gaarder die „Erbwörter“ einführt, macht Lust auf mehr gemeinsame Wortstämme.
Und die Hauptfigur, ein „Beerdigungsjunkie“ (FAZ), war spannend, auch wenn ich anfangs dachte, die Beerdigungen müssen nicht so ausführlich erzählt werden. Doch da jeder Tote anders ist, geht es eben nicht nur um Nordistik, sondern auch um vergleichende Religionswissenschaft, Astronomie, Klimawandel und Theologie.
Aber bevor ich die Hauptfigur wieder vergesse, es geht um einen einsamen, geschiedenen Gymnasiallehrer, der seine Zeit auf Beerdigungen verbringt, von denen er zum Teil nur die Todesanzeige gelesen hat und sich dann mit Hilfe von Google eine Geschichte überlegt, wieso er den Toten kannte, was erst richtig auffliegt als er mit Grethe Cecile eine anstrengende Wanderung unternimmt, was diese aber nicht konnte, wobei ich den Grund nicht verraten möchte.
Danach lernen wir den treuen Freund kennen: Pelle, die Handpuppe des Gymnasiallehrers und der Scheidungsgrund. Pelle wird von Agnes geliebt, die Adressatin des Briefes ist.
Denn der Roman ist eigentlich ein Brief von Jakob Jacobsen an Agnes, aber erst auf den letzten Seiten erfahren wir, dass es wohl doch ein Buch ist, denn es erschließt sich nicht, warum Jakob auch das schreibt, was Agnes schon weiß, etwa die Biografie des Lehrers.
Im zweiten, deutlich kürzeren Teil des Buches treffen sich beide auf den Lofoten natürlich nach einer Beerdigung wieder und es entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen den zweien oder dreien, wenn wir Pelle mitzählen.
Insgesamt ein sehr schönes Buch, am Anfang etwas mühsam, in der Form nicht ganz stimmig. Da ich aber keine 4,5 Sterne vergeben kann, runde ich auf.

Bewertung vom 10.08.2017
Die große Regression

Die große Regression


ausgezeichnet

Brexit, dann Trumps Wahlsieg. Im Suhrkamp-Verlag denkt man, dass etwas zu tun ist.
Und man fragt große Denker von Indien bis Amerika, ob sie nicht einen Artikel schreiben wollen. 20 Seiten in etwa einer halben Stunde gut zu lesen.
Herauskommt ein Buch für Mehr Demokratie gegen den Populismus, gegen Austeritätspoltik, gegen Neoliberalismus superaktuell, bei Zizek schon veraltet, aber trotzdem sehr lesenswert.
Anfangs habe ich nicht bemerkt, dass die Autoren alphabetisch geordnet sind, sonst hätte ich vermutlich hinten angefangen.
Wir stehen an einer Zeitenwende. Selbst wenn Merkel in Deutschland wieder gewählt wird. Aber die letzte Bemerkung ist von mir und nicht im Buch. 5 Sterne.

Bewertung vom 02.08.2017
Was ist deutsch?
Borchmeyer, Dieter

Was ist deutsch?


weniger gut

„Zu spät“ gekommen (S.201). Dieses Zitat, das sich im Buch auf das Werden der deutschen Nation bezieht, möchte ich dem Autor zurufen. Denn: Es gibt ein besseres Buch und heißt „Die deutsche Seele“ von Thea Dorn und Richard Wagner.
Dort wird alles behandelt, was man mit deutsch in Verbindung bringt, auch Gartenzwerge und Fußball. Hier geht es nur um ein paar Literaten, aber was will man von einem Heidelberger Literaturprofessor auch anderes erwarten.
Selbstverständlich kennt er oben genanntes Buch, er hat zumindest das Inhaltsverzeichnis gelesen (S.317), aber er schafft es nicht sein Elfenbeinturmwissen auf andere Gebiete zu übertragen.
Sein Vorteil wäre, dass dieses Buch 6 Jahre jünger ist und Dorn und Wagner deswegen nicht zu Flüchtlingen und Willkommenskultur Stellung nehmen konnte, aber was Borchmeyer S.236ff ist so nichtssagend, dass jedes Zitat eines zu viel wäre.
In seiner Einleitung schreibt er „Was ist jetzt deutsch?“ (S.31) müsste es eigentlich heißen. Gut erkannt, aber nicht wirklich bearbeitet. Er bleibt lieber bei Goethe, Heine, Wagner, Nietzsche…
Was mir gut gefallen hat, ist das Kapitel über die Nationalhymne. Dort habe ich auch das ein oder andere Neue erfahren.
Dennoch tun mir die Heidelberger Studenten leid, die dieses Buch ausführlich bearbeiten müssen. Es ist nämlich zu allem Überfluss auch noch entsetzlich dick.

Bewertung vom 24.07.2017
Unsere Revolution
Sanders, Bernie

Unsere Revolution


sehr gut

Im kürzeren ersten Teil erhalten wir eine Biographie von Bernie Sanders.
Den zweite Teil habe ich als eine Art Wahlprogramm gelesen. Dabei wurde ich überrascht, wie schlecht die Verhältnisse in den USA teilweise sind. Ich hätte nicht gewusst, ein Teil der Amerikaner ihre Studienkredite nicht zurückzahlen können und deswegen Rentenkürzungen bekommen. Auch der Niedergang der Autoindustrie in Flint war mir so nicht bekannt.
Andere Themen wusste ich sehr wohl. Manches ist so detailliert, dass es den europäischen Leser nicht interessieren muss, weswegen ich in der Bewertung einen * abziehe (obwohl das ja eigentlich das Problem des Lesers ist).
Dieses Buch inspiriert mich, ein Buch über die deutsche Politik zu lesen, denn eine Veränderung des Finanz- und Steuersystems kann auch in Deutschland erfolgen.