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Veit Kolbe verbringt ein paar Monate am Mondsee, unter der Drachenwand, und trifft hier zwei junge Frauen. Doch Veit ist Soldat auf Urlaub, in Russland verwundet. Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist seine Hoffnung, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Es ist 1944, der Weltkrieg verloren, doch wie lang dauert er noch? Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, vom "Brasilianer", der von der Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich - und von der Liebe. Ein herausragender Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der…mehr

Produktbeschreibung
Veit Kolbe verbringt ein paar Monate am Mondsee, unter der Drachenwand, und trifft hier zwei junge Frauen. Doch Veit ist Soldat auf Urlaub, in Russland verwundet. Was Margot und Margarete mit ihm teilen, ist seine Hoffnung, dass irgendwann wieder das Leben beginnt. Es ist 1944, der Weltkrieg verloren, doch wie lang dauert er noch? Arno Geiger erzählt von Veits Alpträumen, vom "Brasilianer", der von der Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt, von der seltsamen Normalität in diesem Dorf in Österreich - und von der Liebe. Ein herausragender Roman über den einzelnen Menschen und die Macht der Geschichte, über das Persönlichste und den Krieg, über die Toten und die Überlebenden.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/25812
  • 6. Aufl.
  • Seitenzahl: 480
  • Erscheinungstermin: 8. Januar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 136mm x 35mm
  • Gewicht: 587g
  • ISBN-13: 9783446258129
  • ISBN-10: 3446258124
  • Artikelnr.: 49464978
Autorenporträt
Geiger, Arno
Arno Geiger, 1968 geboren, lebt in Wolfurt und Wien. Sein Werk erscheint bei Hanser, zuletzt Alles über Sally (Roman, 2010), Der alte König in seinem Exil (2011), Grenzgehen (Drei Reden, 2011), Selbstporträt mit Flusspferd (Roman, 2015) und Unter der Drachenwand (Roman, 2018). Er erhielt u. a. den Deutschen Buchpreis (2005), den Hebel-Preis (2008), den Hölderlin-Preis (2011), den Literaturpreis der Adenauer-Stiftung (2011), den Alemannischen Literaturpreis (2017) und den Joseph-Breitbach-Preis (2018).
Rezensionen
Besprechung von 09.01.2018
Keine Hoffnung ohne Horror

Arno Geigers meisterlicher Roman "Unter der Drachenwand" führt ins Weltkriegsjahr 1944 und zeigt das erschreckende Nebeneinander vom Untergang der Gesellschaft und dem Beharrungswillen des Einzelnen.

Wollte man eine Summa der Handlung von Arno Geigers morgen erscheinendem neuen Roman gezogen sehen, so böte sich dafür eine Passage nach drei Vierteln des Buches an: "Bald ein ganzes Jahr trieb ich mich in Mondsee herum, indessen der Krieg kein Ende nahm. Der Jahrestag meiner Verwundung war verstrichen, und ich wunderte mich selbst, dass es mir gelungen war, mir den Krieg so lange vom Leib zu halten. Als ich Ende November aus Wien eine Beorderung bekam, durfte ich mich nicht beklagen, jedenfalls nicht laut, denn in Wahrheit war es mir bisher vergönnt gewesen, einen unauffälligen Mittelweg zu gehen, der lag, sagen wir, zwischen dem allergrößten Glück mancher und dem härtesten Schicksal vieler."

Was ist das für eine Sprache? Einerseits eine formelle ("Beorderung"), andererseits eine altertümliche ("indessen"), schließlich zweifellos eine elaborierte. Es ist die Erzählerstimme eines jungen Mannes namens Veit Kolbe aus "Unter der Drachenwand", einem Roman, dem schon im Titel die Bedrohung eingeschrieben ist, der sich Kolbe ausgesetzt sieht. Diese Drachenwand ist ein tatsächlich existierender Fels im österreichischen Salzkammergut - das unterscheidet Geigers Buch von dem in ähnlich isolierter Umgebung angesiedelten und auch ähnlich intensiv erzählten Roman "Ein ganzes Leben" seines Landsmannes Robert Seethaler, der jedoch bei allen Anklängen an reale Ereignisse bewusst einen fiktiven alpinen Handlungsort zwischen Bergen mit so lebensfeindlich klingenden Namen wie Karleitner, Klufterspitze und Häuslerkamm gewählt hatte.

Aber auch die Drachenwand erfüllt vor allem einen metaphorischen Zweck: Ihre Gegenwart wird von Geigers Erzähler über die fast fünfhundert Seiten hinweg immer wieder heraufbeschworen ("die Drachenwand macht im Süden eine breite Brust", "die albtraumhaft hingestellte Drachenwand", "die Drachenwand zeichnete sich deutlich ab", und gleich zweimal ist vom "mächtigen Felsenschädel der Drachenwand" die Rede), doch in diese Wand selbst führt nur eine einzige, dann allerdings auch tödliche Szene. Ansonsten dräut der Fels über der kleinen Ortschaft Mondsee. Doch irgendwie beschützt er sie auch.

Er beschützt sie vor Krieg und Kriegsgeschrei. Geigers Buch deckt das Jahr 1944 ab. Zu dessen Beginn kehrt der aus Wien stammende Veit Kolbe von der Ostfront zurück, eher leicht- als schwerverwundet, und kommt dank privater Beziehungen zur Rekonvaleszenz nach Mondsee. Dort findet er, wie man schon dem Eingangszitat entnehmen kann, eine vergleichsweise friedliche Welt vor, die neben ihm noch zahlreichen anderen Gästen Zuflucht vor den Schrecken des Weltkriegs beschert hat: aufs Land evakuierten Schülerinnen aus Wien, deren Betreuerinnen, einer jungen Mutter aus Darmstadt und dem "Brasilianer", einem gegen seinen Willen aus Südamerika zurückgekehrten Einheimischen aus Mondsee, der mit der NS-Ideologie gar nichts anfangen kann. Doch so abgeschieden er in dieser Ecke des Großdeutschen Reichs auch lebt, kommt der "Brasilianer" mit dieser Haltung nicht einfach durch.

Für Veit Kolbe, der ebenfalls keine Illusionen mehr über Methoden und Erfolgsaussichten der deutschen Kriegsführung hat, ist es leichter: Er schweigt, um nicht aufzufallen, schaut aber umso genauer hin. Da es meist seine Perspektive ist, aus der Geiger erzählt, wird darüber eine literarische Reminiszenz akut, die man bislang mit diesem Autor kaum verbunden hätte: Arno Schmidt. Die Erzählhaltung von dessen 1949 erschienenem Debüt, der in der Endphase des Kriegs spielenden Flüchtlingsgeschichte "Leviathan", erscheint wie eine Blaupause für Geigers Hauptfigur in deren Verschlossenheit und zugleich sezierendem Blick auf den sie umgebenden Mikrokosmos aus Verblendeten und Verzweifelnden. Auch die Flucht aus dem Kriegsalltag, der durch überfliegende Bomberflotten in Mondsee ebenso präsent ist wie auf Schmidts immer wieder stockender Zugfahrt, in die Liebe verbindet beide Bücher. Und wenn es Geiger als 1968 geborenem Autor derart grandios gelingt, das beklemmende Nebeneinander von Untergang der Gesellschaft und Beharrungswillen des Individuums zu beschreiben, dass man sich an den Kriegszeitzeugen Arno Schmidt erinnert fühlt, dann zeigt das einmal mehr, über was für ein literarisches Vermögen dieser Schriftsteller verfügt.

Es gibt zudem eine formale Novität in Geigers Roman, die wie ein Zuzwinkern hin zum in die narrativen Möglichkeiten typographischer Effekte verliebten Schmidt wirkt: den Schrägstrich. Immer wieder, durchschnittlich gewiss einmal pro Seite, wird mitten im Absatz dieses Zeichen gesetzt, ohne dass damit eine andere inhaltliche Funktion verbunden wäre als ein kurzes Innehalten. Es handelt sich also wie auch bei Schmidts entsprechenden Schreibgepflogenheiten um eine Rhythmisierung des Textes, eine rhetorische Funktion, die fürs Vorlesen - wozu der Roman durch seine persönliche Sprache einlädt - ohnehin denkbar gut geeignet ist. Ansonsten scheint es aber im Falle Geigers eher eine Marotte zu sein. Oder eben doch eine subtile Hommage?

Die Homogenität der Erzählstimme wird in "Unter der Drachenwand" dreimal dreifach gebrochen: durch Erlebnisschilderungen anderer unfreiwilliger Kriegsteilnehmer. Da ist einmal die in Darmstadt verbliebene Mutter der ins Salzkammergut zur Erholung nach der Geburt ihres Kindes gereisten jungen Frau. Aus ihren Briefen an die Tochter erfahren wir, was die über Mondsee hinwegfliegenden Bomber in den Städten anrichten. Aus Wien wiederum schreibt ein siebzehnjähriger Junge an seine mit ihrer Schulklasse evakuierte Freundin über die eigenen Gefühle und Erlebnisse in der Heimatstadt. Und ein anderer Wiener, ein jüdischer Zahntechniker, der den älteren Sohn mit einem Kindertransport nach Großbritannien hat retten können, aber selbst mit Frau und anderem Sohn zurückbleiben musste, berichtet seiner in einem neutralen Staat lebenden Cousine von den immer aussichtsloseren Versuchen, erst in Österreich und dann in Ungarn zu überleben. Diese Stimmen bringen den Krieg mitten ins scheinidyllische Leben.

Wie sie allerdings überhaupt im Kontext des Romans erklingen können, wie also diese jeweils schriftlich fixierten Zeugnisse, die zudem im Laufe des Buchs ihren Charakter ändern - das landverschickte Mädchen verschwindet spurlos, kommt also als Adressatin der Briefe ihres Freundes nicht mehr in Frage; der schließlich von den Deutschen erhaschte Zahntechniker wechselt als Zwangsarbeiter zu heimlichen Aufzeichnungen -, die Zeiten überdauert haben, das lässt Geiger teilweise bewusst offen. Es tut aber auch nichts zur Sache, denn selbst die personell gar nicht an die Haupthandlung angebundenen Berichte des jüdischen Wieners sind erzählerisch organisch eingepasst - weil sie eine Facette des Jahres 1944 offenbaren, die für unser Verständnis des Stoffs wichtig ist. Erst das Nebeneinander von Hoffnung und Horror, von erfolgreicher und erfolgloser Zuflucht, schafft die ebenso bedrückende wie beglückende Stimmung dieses Romans.

Es ist ein großartiges Buch, das Arno Geiger, einen der erfolg- und wandlungsreichsten deutschsprachigen Schriftsteller des letzten Jahrzehnts, von einer wieder einmal ganz neuen Seite zeigt: diesmal als historischen Chronisten, auf den Spuren eben von Seethaler, Arno Schmidt oder auch Christoph Ransmayr, dem in "Morbus Kitahara" ein ähnliches Stimmungskunststück geglückt ist. Aber anders als diesen dreien gelingt Geiger mit einem letzten Kapitel aus eigener Perspektive der Geniestreich, das vorherige Geschehen nicht nur zu Ende zu erzählen, sondern dabei die Grenzen zwischen Fiktion und etwaig realer Quellenbasis so subtil zu verwischen, dass man sich nach der Lektüre in dieselbe unsichere Geborgenheit versetzt sieht, von der gerade noch erzählt wurde. War all das, was doch nicht wahr zu sein schien, am Ende tatsächlich wahr? Die Literatur ist ja auf ihre Weise wahrhaftig. Diese ist es allemal.

ANDREAS PLATTHAUS.

Arno Geiger: "Unter der Drachenwand". Roman.

Hanser Verlag, München 2018. 480 S., geb., 26,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 10.01.2018
In der Schutzblase
Mondsee, 1944: In seinem neuen Roman „Unter der Drachenwand“ erzählt der österreichische
Schriftsteller Arno Geiger von Leben, Leid und Lieben eines jungen Kriegsversehrten
VON MEIKE FESSMANN
Eine Atempause im Krieg ist der Handlungsraum im neuen Roman von Arno Geiger, der eine Enklave mit gleichermaßen realen wie fantastischen Koordinaten entwirft. An den Ufern des Mondsees, über dem die Drachenwand thront, neben sich den schon seines Namens wegen freundlicher wirkenden Schafsberg, kommt ein Häufchen vom Krieg Versprengter zusammen. Veit Kolbe, der im Februar 1944 seinen vierundzwanzigsten Geburtstag feiern wird, wurde an der Ostfront verwundet. Bei den Eltern in Wien, die noch immer Durchhalteparolen von sich geben, hält er es nicht aus, so erinnert er sich an den Ratschlag eines Hauptmanns im Lazarett, er solle, wenn es irgendwie möglich ist, aufs Land gehen. Sein Onkel ist Postenkommandant in Mondsee, dem gleichnamigen Ort, eine halbe Stunde von Salzburg entfernt. Er ist bereit, ihm eine Unterkunft zu besorgen.
Veit Kolbe zieht in das schäbige Zimmer einer bösartigen Vermieterin und richtet sich allmählich ein. Die erbärmlich stinkende Matratze wird durch einen frischen Strohsack ersetzt, ein Kohleofen eingebaut. Die Jahre des Kriegsdiensts haben ihm einen beachtlichen Sold beschert. Allerdings auch Angstzustände, die man heute posttraumatische Belastungsstörung nennen würde. Er wird von Panikattacken überrollt, Bilder stürmen auf ihn ein, er zittert, bekommt Schweißausbrüche, kann sich nicht bewegen. Der Gemeindearzt verschreibt ihm das Beruhigungsmittel Pervitin. Er schläft zwölf Stunden in der Nacht, tagsüber schreibt er Tagebuch und gelegentlich Briefe. Schreiben sei eine besondere Art, Angst zu haben, sagte Arno Geiger einmal und auch, dass er erzählend die Leerstellen seiner Existenz auffülle.
Geiger schätzt die jungen Erwachsenenjahre als ein Alter, in dem sich erste Lebensentscheidungen mit Unsicherheit paaren und mit der ständigen Erkundung, wer man ist und werden möchte. Auch Julian, der Held seines Romans „Selbstporträt mit Flusspferd“ ist in diesem Alter. Ihn warf allerdings nur eine unglückliche Liebe aus der Bahn. Veit Kolbe dagegen hat es mit dem Krieg zu tun. Er hat alles gesehen, „was niemand sehen will“. Und er hofft, der Genesungsurlaub möge ihm lange genug Aufschub gewähren, um nicht an die Front zurückzumüssen.
Arno Geiger gewährt seinem Ich-Erzähler, der später von weiteren Erzählstimmen ergänzt wird, die Ruhe, nach der er sich an der Front sehnte, wo Leerlauf und Lebensgefahr zermürbend ineinandergriffen. Er fasst langsam Fuß in der relativen Normalität des Landlebens, seine Oberschenkelwunde hört auf zu eitern, das Strumpfband, das ihm die Mutter lieh, um den rutschenden Verband zu halten, kann bald nach Wien zurückgeschickt werden. Es ist ganz nebenbei auch ein symbolisches Band, das „Unter der Drachenwand“ mit dem Eheroman „Alles über Sally“ verbindet. Auch Sallys Stützstrumpf tragender Gatte ist ein hingebungsvoller Tagebuchschreiber, der seine Männlichkeit nicht allzu ernst nimmt.
Man kann es nicht anders als eine bedrohte Idylle nennen, die Geiger im Schatten der Drachenwand entstehen lässt. Veit, der dem Tod von der Schippe gesprungen ist, empfindet es als „unbeschreibliches, mit nichts zu vergleichendes Gefühl“, überlebt zu haben, auch wenn es mit Ängsten, Depressionen und Schmerzen einhergeht. Nicht allein durchs Schreiben heitert sich sein Gemüt allmählich auf.
Im selben Haus, nur durch eine dünne Wand getrennt, wohnt eine junge Mutter mit ihrem Säugling. Während er sich zunächst in eine Lehrerin verliebt, die Mädchen in der Kinderlandverschickung betreut und ihn ziemlich schroff abblitzen lässt, entsteht zwischen ihm und seiner Wandgenossin eine ruhige, ernsthafte Liebe. Und da es, anders als mit ihrem Mann, auch im Bett „klappt“, wollen sie nach dem Krieg zusammenbleiben.
Mit der gleichen Geduld, mit der er Veit und die aus Darmstadt stammende Margot aufeinander zustreben lässt, entwickelt Arno Geiger das Geflecht der Figuren. Die Mädchen, die im Lager Schwarzindien – die Gegend gibt es wirklich am Ufer des Mondsees – vor dem Krieg in Sicherheit gebracht werden sollen, stromern in ihrer Grazie und Jugend durch den Roman. Eines der Mädchen, beinahe eine Mignon-Figur, hilft Veit bei einer Panik-Attacke. Ausgerechnet sie, die aufmüpfig liebestrunkene Nanni Schaller, deren Liebe zu ihrem Cousin die Mutter unterbinden will, verschwindet eines Tages spurlos.
Während Flugzeuge im Überflug an den Krieg erinnern und das Radio den Frontverlauf wiedergibt, ist das Gewächshaus eines Brasilien-Heimkehrers ein kleines Stück Utopia. Der Reformbiologe ist der friedfertige Bruder der überaus garstigen, mit Nazi-Parolen um sich werfendenden Vermieterin. Bevorzugt bei Nacht erzählt er Veit von seinen Erlebnissen in Brasilien, von der Freude, der Sinnlichkeit, der Heiterkeit und Wärme. Seine ins Dunkel gesprochenen Bruchstücke ähneln „Phantasiegebilden“ und haben doch reale Erlebnisse zur Grundlage. Eines Tages wird er verhaftet und weiß nach sechsmonatiger Haft, dass man „ein politisches System mit den Augen der Toten betrachten“ muss. Veit und seine Geliebte haben sich währenddessen um das Gewächshaus gekümmert, ein Selbstversorgeridyll, das Geld abwirft.
In seiner materiellen, von Utopien durchpulsten Gegenwärtigkeit ist es das wohl klarste Sinnbild für den „ängstlichen Schwebezustand“, in dem sich das Paar befindet. Und wohl auch für das Projekt, das man in diesem Roman sehen darf. Arno Geiger entwirft eine Schutzblase mit durchlässiger Membran. Sie lässt Botschaften des andauernden Krieges durch und ist doch für die Dauer, in der Veit Kolbe „nicht verwendungsfähig“ ist, eine verwickelte Form des Aufschubs. Der Wunsch nach dem Stillstand der Zeit im Inneren der Blase steht im schroffen Gegensatz zu der Hoffnung, der Krieg möge möglichst rasch enden. Der sinnlich konkrete und zugleich metaphorische Titel des Romans „Unter der Drachenwand“ könnte in abstrakter Version auch „Krieg und Zeit“ heißen.
Veits Erzählstimme wird vorwiegend durch drei weitere Stimmen ergänzt. Durch die von Margots Mutter, in deren gehetztem Stakkato sich der Überdruss über die in Kriegszeiten exaltiert wirkenden Wünsche der beiden Töchter, denen sie mal dieses, mal jenes schicken soll, niederschlägt. Nach der Bombardierung Darmstadts wird es immer verzweifelter und gibt einen Eindruck vom Leid der städtischen Zivilbevölkerung. Nannis Cousin erleben wir in Liebesbriefen, die ohne Antwort bleiben, und als junger Rekrut, der sich einen männlichen Schutzpanzer zulegt, um mit seiner ersten Liebesverletzung fertig zu werden. Der wichtigste Erzähler neben Veit Kolbe ist Oskar Meyer, ein jüdischer Zahntechniker, der mit seiner Familie aus Wien flieht, in Budapest landet und schließlich als Zwangsarbeiter in einer Zufallsbegegnung auf Veit trifft, nur noch erkennbar am bunten Seidentuch seiner verschollenen Frau, das er Tag und Nacht am geschundenen Körper trägt.
Wie kommt ein 1968 geborener österreichischer Schriftsteller dazu, diese Geschichte zu erzählen? Vor allem, wie kommt er dazu, sie so zu erzählen, nämlich als vollständige Mimikry an den Geist und den Ton der Zeit? Alles, was wir heute wissen, lässt er weg. Es gibt nur die Hoffnung und die Ahnung, dass der Krieg zu Ende geht, nicht aber das historische Wissen, dass sich die militärische Niederlage des Deutschen Reiches seit 1942 abzeichnete und spätestens nach Stalingrad unabwendbar war. Arno Geiger ist gewiss der empathischste Schriftsteller seiner Generation. Und doch geht er in seinem neuen Roman noch einen Schritt weiter als sonst.
„Unter der Drachenwand“ ist nicht die Geschichte seines 1926 geborenen Vaters, von dessen Leben und Alzheimer-Erkrankung er in „Der alte König in seinem Exil“ erzählt. Aber Arno Geiger wird gewusst haben wollen, wie es sich anfühlt: als junger Mann in einem Lazarett, einer „Hintertür des Krieges“, zu liegen und nicht zu wissen, wie das Leben weitergeht. August Geiger war damals neunzehn. Sein Sohn erfindet nun, in seinem fünfzigsten Lebensjahr, eine Dokumentarfiktion, in der er mit Haut und Haar in einen Kriegsversehrten schlüpft.
Dieser Roman, der ein wenig zottelig daherkommt und jede Art von Perfektion programmatisch ablehnt, ist mit Sorgfalt konstruiert. Doch sind seine Kunstmittel versteckt. Was zunächst nach einem altertümlichen, an Wolfgang Borchert und Heinrich Böll erinnernden Stil klingt, verdankt sich der Beschränkung auf die Gegenstände und den Erlebnishorizont der Zeit. Der eigentliche Kunstgriff aber besteht im intimen Ton des in der Vergangenheitsform erzählten Romans. Man kennt diesen Ton, an dessen Nachdenklichkeit noch die Nähe des Erlebens hängt, sonst nur aus Tagebüchern und Briefen. Wenn Arno Geiger seinen fiktiven Figuren in einer Nachbemerkung eine scheinbar reale Biografie verleiht, dann verstärkt er diesen Effekt.
Das (erfundene) Leben beglaubigt, was uns die Archive erzählen: dass der Krieg nur aus der Ferne eine interessante Angelegenheit ist, aus der Nähe aber aus Schmutz, Angst und Tod besteht. „Unter der Drachenwand“ ist ein großer Schritt im Werk Arno Geigers und eine gültige Meditation über die Absurdität des Krieges: „seltsam, man nimmt geduldig an einem Ereignis teil, das einen töten will“. Kein Wunder, dass so viele davor fliehen.
Man kann es nicht anders als eine
bedrohte Idylle nennen, die
Geiger erzählend entwickelt
Man kennt den Ton, in
dem hier erzählt wird, sonst
nur aus Tagebüchern und Briefen
Schauplatz eines Romans, der das letzte Kriegsjahr 1944 so erzählt, als gäbe es keine Zukunft: Kreuzstein im Mondsee.
Foto: Mauritius images
Arno Geiger: Unter der Drachenwand. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2018. 480 Seiten, 26 Euro.
E-Book 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Paul Jandl führt den Chor der Hymnen zu Arno Geigers neuem Roman an: Geiger ist auf der Höhe seines Schreibens angekommen, jubelt er. Auf "Zehenspitzen" folgt er dem Autor durch die Hölle der letzten Kriegsmonate, erlebt, wie Geiger seinen Helden Veit im oberösterreichischen Mondsee mit Pervitin genesen lässt und diesen hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl der Angst vor der Rückkehr an die Front und der Hoffnung auf das Kriegsende seine Umgebung präzise wahrnehmen lässt. Vor allem aber bewundert Jandl, wie Geiger seine Figuren in einer gekonnten Mischung aus Distanz und Empathie abstrahiert, auf Pädagogik verzichtet und dem Erzählten bei aller stofflichen Fülle genügend Luft zum Atmen lässt.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Ein Glanzstück der Gegenwartsliteratur." Dirk Knipphals, Tageszeitung, 14.03.18 "Ein bemerkenswerter Roman, der Fakten und Fiktion ineinanderfließen lässt." Sandra Kegel, 3Sat Buchzeit, 11.03.18 "Dieses Buch ist ein Ereignis und eine der wichtigen deutschsprachigen Neuerscheinungen dieses noch jungen Jahrs ... Ein Meisterwerk über die Verheerungen des Krieges." Manfred Papst, NZZ am Sonntag, 04.02.18 "Geigers Roman rekonstruiert einfühlsam die Gemütslage am Ende des Zweiten Weltkrieges ... Im liebevollen Auspinseln kriegsabgewandter Winzigkeiten wie dem abendlichen Bier nach der anstrengenden Gartenarbeit, den Nächten am Plattenspieler im Gewächshaus am Mondsee und vielen anderen vermeintlichen Banalitäten liegt die Stärke des Romans. Und es sind solche 'safe places' des Alltäglichen, die eine Teilantwort auf die Frage nach dem seelischen Überleben in Zeiten des Krieges enthalten." Iris Radisch, Die Zeit, 11.01.18 "Ein großer Schritt im Werk Arno Geigers und eine gültige Meditation über die Absurdität des Krieges: 'seltsam, man nimmt geduldig an einem Ereignis teil, das einen töten will.'" Meike Fessmann, Süddeutsche Zeitung, 10.01.18 "Ein großartiges Buch, das Arno Geiger, einen der erfolg- und wandlungsreichsten deutschsprachigen Schriftsteller des letzten Jahrzehnts, von einer wieder einmal ganz neuen Seite zeigt: diesmal als historischen Chronisten, auf den Spuren eben von Seethaler, Arno Schmidt oder auch Christoph Ransmayr, dem in 'Morbus Kitahara' ein ähnliches Stimmungskunststück geglückt ist." Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.01.18 "Arno Geiger hat aus der historischen Wirklichkeit, gerade aus der kleinen, nicht in den Geschichtsbüchern zu findenden, ein bemerkenswertes Stück Literatur gemacht." Gerrit Bartels, Der Tagesspiegel, 09.01.10 "Arno Geiger hat einen berührenden, klugen Roman über die zerstörerische Kraft des Krieges geschrieben ... Dieses Buch, das auf historisches Material zurückgreift, hat geradezu schmerzliche Aktualität." Heide Soltau, NDR, 08.01.18 "Ein Virtuosenstück über ein Thema, über das man im Prinzip keine Virtuosenstücke lesen möchte. Geigers noch nie so weit getriebene Meisterschaft kann aber selbst diesen Eindruck mit dem wirklich ungeheuren Sog der Geschichte abdrängen." Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau, 08.01.18 "Die Eindringlichkeit, die diesen Roman so faszinierend und zugleich beklemmend macht, bewirkt Geiger nicht nur durch wechselnde Ich-Perspektiven und eine Handlung voll erschreckender sowie bewegender Momente, sondern auch durch den Duktus ... Packend wie literarisch gelungen." Klaus Zeyringer, Der Standard, 07.01.18 "Empathisch, außerordentich authentisch und berührend erzählt Arno Geiger von der Menschlichkeit im Krieg ... Mit 'Unter der Drachenwand' beweist sich Arno Geiger als einer der versiertesten deutschsprachigen Autoren." Mareike Ilsemann, WDR5, 06.01.18 "Außerordentlich schön und ein grandioser literarischer Jahresauftakt ... Ein Liebesroman, der nicht versäumt, das zeitgeschichtliche Panorama mitzuerzählen ... Sehr warmherzig, sehr tiefgründig ... Ein wunderbares, wirklich warmes, eindrucksvolles Buch." Jörg Magenau, Deutschlandfunk, 06.01.18 "Arno Geiger hat sich mit seinem neuen Roman 'Unter der Drachenwand' in einen Themenkreis der Hölle gewagt, den er wie auf Zehenspitzen durchschreitet ... Was bei dieser Erkundung der späten Kriegsmonate herauskommt, ist eine beeindruckend genaue und hellhörige Erzählung über dramatische Verluste und über verlorene Jahre." Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung, 06.01.18 "Arno Geiger ist immer anders. Manchmal sehr gut, manchmal noch besser. Jetzt der bisher beste ... Man will das Buch nicht vorzeitig weglegen, auch wenn's drei in der Früh ist." Peter Pisa, Kurier, 05.01.18 "Ein großartiger und in jeder Zeile überzeugender Roman." Kristina Pfoser, Ö1, 05.01.18…mehr