Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: yellowdog
Danksagungen: 54 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 1156 Bewertungen
Bewertung vom 07.06.2021
Fern von hier
Duvanel, Adelheid

Fern von hier


ausgezeichnet

Sämtliche Erzählungen. Das bedeutet fast 800 Seiten, die man selbstverständlich nicht von vorne bis hinten komplett durchliest sondern erst einmal eine Auswahl trifft. Es ist ein Buch für nicht nur ein paar Stunden, durch das man eine originelle Schweizer Autorin kennen lernt. Adelheid Duvanel lebte von 1936 bis 1996.
Das Buch enthält außerdem ein Essays zur Poetik Adelheid Duvanels.

Die Erzählungen sind überaus eigen und originell.
Es sind alles kurze Erzählungen, oft nur eine oder einige Seiten lang. Ist doch einmal eine länger, wie z.B. die letzte Story „Jan“ ist diese in sich noch mehrfach unterteilt.

Schon mit der ersten Geschichte „Der Dichter“ wird eine bildhafte Sprache deutlich. Da spaziert der Protagonist mit seiner Hündin, die auf genau die gleiche weise hinkt wie er, durch die Vorstadt.
Häslein in der Grube zeigt ein 15jährigs Mädchen, das Häslein genannt wird, und so hoppelt sie durch die Straßen.
Ein krankes Mädchen wird Meerschweinchen genannt und trägt tatsächlich gewisse Züge dieses Tieres, wie eine hochgezogene Lippe und Schnüffeln.
Besonders gelungen halte ich die Geschichten, die von Kindern oder jungen Frauen erzählt, die sozial im Abseits stehen (Catalina, Taddea, Sabel, Das Kind, Katja, und andere).

Immer ist der Schmerz der ausgegrenzten Figuren erkennbar und als Leser kann man sich dem nicht entziehen.

Man muss dem Verlag dankbar für diese Leistung mit diesem Buch sein. Es ermöglicht eine große Entdeckung und die Begegnung mit einer außergewöhnlichen Autorin.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 07.06.2021
Der Bewohner
Jackson, David

Der Bewohner


gut

Bei dem Hörbuch handelt es sich um eine gekürzte Version, die 7 Stunden Laufzeit hat. Mir fallen aber keine durch Kürzung entstandene Lücken auf.

Der Bewohner kommt mir vor wie Satire. Dazu trägt zum einen der Untertitel „Ein Serienkiller auf der Flucht. Und er versteckt sich in deinem Haus.“ bei als auch die Tatsache, dass dieser Schizophrene Thomas Brogan die ganze Zeit mit sich selbst spricht. Aber der Autor David Jackson meint seinen Text wohl doch ernst.

Diese ungewöhnliche Erzählart prägt das Buch. Die ganze Zeit beobachtet der Irre die Menschen des Hauses und der Umgebung. Die Gedanken des Mörders sind leider sehr simpel gehalten. Daher werden die anderen Figuren, die er die ganze Zeit beobachtet nicht so lebendig wie es möglich gewesen wäre. Sie bleiben eindimensional.

Begeistert bin ich aber ein weiteres Mal vom Sprecher Peter Lontzek, dessen sonorer Stimme man lange zuhören kann ohne zu ermüden und der das ungewöhnliche Zwiegespräch wirklich umsetzt.

Bewertung vom 05.06.2021
Schicksal, 8 Audio-CD
Shalev, Zeruya

Schicksal, 8 Audio-CD


ausgezeichnet

Interessantes, bewegendes Hörbuch

Das Hörbuch hat 576 Minuten Laufzeit und jede davon ist intensiv!
Maria Schrader und Eva Meckbach lesen je die Abschnitte der Protagonistinnen Rachel und Atara.
Ich schätze an dem Hörbuch, dass beide Handlungsstränge gleich stark und sehr dicht miteinander verbunden sind.

Schicksal erzählt eine Familiengeschichte im heutigen Israel, wie man es von Zeruya Shalevs Romanen kennt. Aber es gibt auch eine Spur 70 Jahre zurück und bindet damit ein politisches Thema mit ein und stellt Zusammenhänge dar. Zeruya Shalev gelingt es außerdem meisterhaft, die Beziehungen ihrer Figuren miteinander darzustellen.
Man muss aber auch erwähnen, dass der Roman kein sehr hohes Tempo hat.

Sprachlich ansprechend geschrieben bietet sich der Roman gut als Hörbuch an. Durch die Sprecherinnen kommt der Zuhörer nahe an die zwei Frauen ran, die die Protagonistinnen sind: die 90jährige Rachel, die eine politisch bewegte Vergangenheit hat und die 50jährige Atara, die in zweiter Ehe mit ihren Mann Alex und dem Sohn Eden lebt. Sie ist getrieben vom Schicksal ihres verstorbenen Vaters, der Rachels erster Ehemann war.
Damals waren sie Mitglieder von Lechi und kämpften gegen die britische Besatzung in Palästina. Diese Gruppe war mir bisher unbekannt, daher halte ich das Buch nicht nur für bewegend als auch informativ.

Zeruya Shalevs Büchern haben mich immer stark beschäftigt, gerne auch als Hörbuch und Schicksal gehört zu den besten Büchern der Autorin.

Bewertung vom 02.06.2021
Derborence
Ramuz, Charles Ferdinand

Derborence


ausgezeichnet

Eín gewaltiger Bergsturz

Derborence ist ein Roman, der wie aus der Zeit gefallen wirkt. Und vielleicht kann wirklich nur ein Schweizer Autor aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts so authentisch ein Ereignis darstellen, dass die damalige Gesellschaft erschütterte. Tatsächlich stammt das reale Ereignis aus dem frühen 18.Jahrhundert. Ein Bergunglück, bei dem ein Berg einen Ort auf der Alb Namens Derborence verschüttete und mit ihm einige Männer.
Auch Therese Ehemann Antoine gehört zu den Vermissten. Seien späte Rückkehr erschüttert das Dorf.

Charles Ferdinand Ramuz, der auf dem Autorenfoto so kantig wirkt, vermag sensibel und eindringlich die Auswirkungen zu schildern. Er setzt starke Motive ein.

Das 1934 erstmals erschienen Buch ist ein Ereignis, das auch heute noch große Faszination ausstrahlt. Was für eine großartige Entdeckung!

Bewertung vom 02.06.2021
Krokodile
Volk, Angie

Krokodile


sehr gut

Sonia und Bea

Krokodile von Angie Volk erzählt von der Freundschaft von zwei Frauen um die 30, die sich schon als Kinder und Jugendliche kannten und viel Zeit miteinander verbrachten. Jetzt wollen sie auf einer spanischen Insel gemeinsam Urlaub machen.
Der Roman ist so konzipiert, dass die Handlung mit der Ankunft beginnt und mit der Abreise endet.
Schnell merken die Icherzählerin Sonia und ihre Freundin Bea, dass eine gewisse Entfremdung zwischen ihnen entstanden ist.
Sonia lernt außerdem einen 17jährigen Jungen kennen und verbringt viel Zeit mit ihm und seiner Familie. Das trägt zu Spannungen mit Bea bei.

Sprachlich ist das fein gemacht, mit einem außergewöhnlichen Blick auf die Situation und Umgebung.
Ein lesenswerter Roman mit vielen guten Momenten.

Bewertung vom 31.05.2021
Saint X
Schaitkin, Alexis

Saint X


gut

Die verlorene Schwester

In Saint X geht es um eine 18jährige, die im Urlaub mit ihrer Familie auf einer Insel war und dabei verschwand. Später wurde Alison tot aufgefunden, mutmaßlich ermordet.
Die Polizei konnte die Todesursache nicht ermitteln, es bleibt also unklar, ob es wirklich Mord war. Saint X ist aber kein Thriller im eigentlichen Sinne. Es wird stattdessen hauptsächlich gezeigt, wie auf den Vorfall reagiert wird und was die Folgen sind.

Alexis Schaitkin nutzt verschiedene Erzählmethoden und Perspektive, um dieses Familiendrama zu zeigen.
Im Mittelpunkt steht Claire, die zum Zeitpunkt von Alisons Tod erst 7 Jahre alt war. Sie war nur die kleine Schwester, doch das ganze beeinflusste die Familie. Im Erwachsenenalter merkt Claire, die ich jetzt Emily nennt, dass sie das vorgefallene nicht loslässt und sie fängt an, intensiv zu recherchieren.
Für meinen Lesegeschmack war die Schilderungen der vielen Artikel, Filme und Berichten zu viel und an manchen Stellen durchaus zäh zu lesen. Man kann sich auch von der Vielfältigkeit überfordert fühlen und nicht selten fehlte der Zugang. Dennoch wird es nachvollziehbar, welche Folgen das Ereignis auf so einige Menschen hatte.

Sehr gut gefallen haben mir aber die Passagen auf der Insel Sanit X vor Alisons Tod, die auch in der zweiten Romanhälfte noch vorkommen.
Bemerkenswert, dass die Autorin mit Saint X eine ganze karibische Insel erfunden hat.

Bewertung vom 29.05.2021
Zwischen zwei Herzschlägen
Carter, Eva

Zwischen zwei Herzschlägen


sehr gut

Kerry, Tim und Joel

Zwischen zwei Herzschlägen ist ein dickes Buch, aber es hat auch eine große Schrift und einen gut zugänglichen, flüssigen Schreibstil, mit dem man schnell vorankommt.

Die Erzählperspektiven wechseln zwischen den Protagonisten Kerry. Tim und Joel. So eine Erzählweise gibt es natürlich oft, aber hier funktioniert es wirklich gut, denn man ist sofort nahe bei eng verbundenen Figuren und ihren Emotionen. So lernt man sie gut kennen. Und sie haben auch negative Eigenschaften und so einige Probleme.
Joel ist zu überheblich, Kerry hat zu wenig Selbstbewusstsein und Tim wird von inneren Zwängen beherrscht.
Das Leben der drei wird durcheinandergewirbelt, als Joel zusammenbricht und Kerry, die ihn ihn verliebt ist, ihm das Leben rettet. Aber er ist herzkrank und seine hoffnungsvolle Sportkarriere beendet. Damit kommt er nicht klar. Auch Kerry und Tim, die beide Ärzte werden wollen, es aber zunächst nicht schaffen, haben zu kämpfen.
Einige Jahre verfolgt man das Leben der 3 und begleitet sie durch schwierige Situationen. Die Härte der Beschreibungen sind schon ungewöhnlich für dieses Genre und allein deswegen werde ich weiter verfolgen, was Eva Carter zukünftig noch so schreiben wird.

Bewertung vom 29.05.2021
Wie Träume im Sommerwind
Herzog, Katharina

Wie Träume im Sommerwind


sehr gut

Eine Rose namens The Beauty of Claire

Die Schwestern Clara und Emilia sind sehr unterschiedlich veranlagt. Clara ist vernünftig und beständig, während Emilia unbeschwert ist und nach Freiheit dürstet. So verlässt sie Usedum Richtung Paris, während Clara in der Gärtnerei der Familie bleibt.

Jahre später hat Clara einen schweren Unfall und Emielia muss für sie einspringen. Sie kümmert sich um die Kinder Lizzie und Felix. Es ist interessant geschildert, wie sie mit der neuen Rolle zu kämpfen hat, denn Lizzie hat sich sehr zurückgezogen und um den Rosenhof steht es anscheinend nicht so gut.
Zwischendurch gibt es immer wieder Rückblicke mit Clara in Kent. Diese Abschnitte finde ich sehr bereichernd.
Mich überzeugt an Katharina Herzogs sanften Stil die Leichtigkeit ohne je in Oberflächlichkeit abzurutschen. Im Gegenteil gibt es immer wieder sehr überzeugende Beschreibungen von Details.

Was mir nicht gefällt ist der kitschige Titel „Wie Träume im Sommerwind“. Schlimmer geht es nicht. Das hat der Roman nicht verdient. Das ansprechend gemalte Cover hingegen ist okay.

Ich mochte schon Katharia Herzogs letzten Roman „Wo die Sterne tanzen“ und dieser neue Roman ist sogar noch eine Steigerung.

Bewertung vom 29.05.2021
Nora Joyce und die Liebe zu den Büchern
O'Connor, Nuala

Nora Joyce und die Liebe zu den Büchern


sehr gut

James Joyce Meisterwerk Ulysses machte auch Nora, das Vorbild der Molly Bloom, bekannt. Dieser Roman wird aus ihrer Sicht erzählt und bildet ein vielschichtigeres Porträt der Frau.
1884 wurde Nora in Irland geboren, wo sie bis zum Alter von 20 lebte. Schon als junge Frau ist sie sehr in Jim (James Joyce) verliebt.
1904 setzt dann die Handlung ein. Gemeinsam verlassen sie Irland Richtung Europa. Triest, Rom und Zürich werden wichtige Stationen.
Es ist eine wilde Ehe, die auch Bestand hat, als sie Kinder bekommen.
Aber es ist auch keine einfache Beziehung. Jims Trinkerei, seine Augenprobleme, wenig Geld und viel Streitigkeiten.

Nuala O’Connor schafft wirklich eine Erzählstimme für ihre Protagonistin, bei der man immer nah dran ist und alle Stimmungen und Emotionen nachvollziehen kann. Dadurch wird es mehr als nur eine typische Romanbiografie, wie es sie zur Zeit viele gibt.

Ich denke schon, dass man auch ein wenig von James Joyce kennen sollte, um viel von dem Buch zu haben. Aber grundsätzlich funktioniert die Geschichte auch ohne Vorkenntnisse, denn die Gefühle beim Auswandern und der Liebe sind wahrscheinlich universal.

Bewertung vom 26.05.2021
Ein anderes Land, 3 MP3-CD
Baldwin, James

Ein anderes Land, 3 MP3-CD


ausgezeichnet

James Baldwins bestes Buch

Es ist sehr erfreulich, dass die Bücher von James Baldwin wieder neu aufgelegt werden, gerade als Hörbücher ein Gewinn. Schon „Beale Street Blues“ und „Nach der Flut das Feuer „waren große Entdeckungen für mich und dieses ungekürzte Hörbuch Ein anderes Land ist das komplexeste. Nicht umsonst hat es eine Laufdauer von über 17 Stunden.

Am Anfang steht der schwarze Jazzmusiker Rufus Scott im Mittelpunkt.
Auch seine Schwester Ida und sein Kumpel Vivaldo sowie weitere Freunde wie Cass und ihr Mann Richard spielen eine Rolle.
Es geht um den Alltag und um gesellschaftliche Probleme in New York der späten fünfziger Jahre, Rassenkonflikte, Liebe und Gewalt sowie Suizid.

Es liest der begnadete Christian Brückner und er bestimmt das Hörbuch deutlich mit, insbesondere bei den Dialogen gibt er den Figuren viel. Manche sind verstört, andere lässig oder nachdenklich. Natürlich sind Dialoge sowieso eine große Stärke von James Baldwin, gleichrangig mit den Beschreibungen der inneren Gedanken der Protagonisten, durch die die Emotionen spürbar werden.

Es ist ein sehr starker Roman, der als Hörbuch besonders intensiv wirkt.