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Der große europäische Roman Deutscher Buchpreis 2017
In Brüssel laufen die Fäden zusammen - und ein Schwein durch die Straßen.
Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an - die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod…mehr

Produktbeschreibung
Der große europäische Roman Deutscher Buchpreis 2017

In Brüssel laufen die Fäden zusammen - und ein Schwein durch die Straßen.

Fenia Xenopoulou, Beamtin in der Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission, steht vor einer schwierigen Aufgabe. Sie soll das Image der Kommission aufpolieren. Aber wie? Sie beauftragt den Referenten Martin Susman, eine Idee zu entwickeln. Die Idee nimmt Gestalt an - die Gestalt eines Gespensts aus der Geschichte, das für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend dämmert in einem Altenheim gegenüber dem Brüsseler Friedhof seinem Tod entgegen. Als Kind ist er von einem Deportationszug gesprungen, der seine Eltern in den Tod führte. Nun soll er bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Auch Kommissar Brunfaut steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen; zu den Akten legen wäre zu viel gesagt, denn die sind unauffindbar. Und Alois Erhart, Emeritus der Volkswirtschaft,soll in einem Think-Tank der Kommission vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten.
In seinem neuen Roman spannt Robert Menasse einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, dem Unausweichlichen und der Ironie des Schicksals, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen.
Und was macht Brüssel? Es sucht einen Namen - für das Schwein, das durch die Straßen läuft. Und David de Vriend bekommt ein Begräbnis, das stillschweigend zum Begräbnis einer ganzen Epoche wird: der Epoche der Scham.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • 9. Aufl.
  • Seitenzahl: 459
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 459 S. 205 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 128mm x 32mm
  • Gewicht: 530g
  • ISBN-13: 9783518427583
  • ISBN-10: 351842758X
  • Best.Nr.: 48070670
Autorenporträt
Robert Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren. Menasse studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft und promovierte 1980. Von 1981 bis 1988 arbeitete er an der Universität Sao Paulo in Brasilien als Assistent am Institut für Literaturtheorie. Seither ist der Schriftsteller und Essayist als freier Publizist tätig. 1990 wurde Robert Menasse als erster mit dem "Heimito-von-Doderer-Preis" ausgezeichnet. Der Schriftsteller, der auch als Übersetzer aus dem brasilianischen Portugiesisch arbeitet, lebt in Wien und Amsterdam. 2002 wurde er mit dem "Friedrich-Hölderlin-Preis", dem "Marie-Luise-Kaschnitz-Preis" und dem "Lion-Feuchtwanger-Preis" sowie 2003 mit dem "Erich-Fried-Preis" ausgezeichnet. 2012 wurde Robert Menasse der "Donauland-Sachbuchpreis" verliehen und 2013 der "Heinrich-Mann-Preis" für Essayistik. Im Jahr 2014 erhielt er den "Max Frisch-Preis".
Rezensionen
"Das ist ein elegant geschriebener, fabelhaft gebauter, pointen- und gedankenreicher Roman."
Andreas Isenschmid, DIE ZEIT 07.09.2017
Besprechung von 09.09.2017
Er täuschte Begehren vor, sie einen Orgasmus
Im Schweinsgalopp durch Brüssel: Robert Menasses virtuoser Europa-Roman „Die Hauptstadt“
Die Zukunft der Europäischen Union sieht nicht allzu rosig aus. Diesen Eindruck könnte man zumindest gewinnen, ruft man sich zwei zentrale Schauplätze von Robert Menasses großem Europa-Roman „Die Hauptstadt“ ins Gedächtnis. Da wäre einmal ein Brüsseler Friedhof, auf dem sich die Wege einiger Hauptfiguren dieses Buches kreuzen: Der Weg des soeben ins benachbarte Altersheim gezogenen David de Vrients, der des seiner verstorbenen Frau nachtrauernden Professor Erhart, eines Mitglieds der „Reflection Group New Pact for Europe“, und der des Kommissars Émile Brunfaut.
Brunfaut ist da gerade unterwegs zu einem konspirativen Treffen, denn eine Leiche gab es schon, bevor der Friedhof ins Bild rückte. Ein Mann wurde im (real existierenden) Brüsseler Hotel Atlas erschossen, dem Kommissar aber entzog die Staatsanwaltschaft die Ermittlung, alle Spuren des Verbrechens wurden in Windeseile beseitigt, und nun sucht dieser, angesichts seiner körperlichen Konstitution ebenfalls das nahe Ende erwartende Brunfaut eine Erklärung für die seltsamen Vorgänge.
Der zweite eher mit einer traurigen Vergangenheit denn mit einer strahlenden Zukunft verbundene Ort, ja der eigentliche Hauptort von „Die Hauptstadt“, heißt – auch wenn fast die gesamte Handlung in Brüssel spielt – Auschwitz. Ein Beamter der Europäischen Kommission, Martin Susman, seines Zeichens – einmal kurz Luft holen – Leiter der Abteilung EAC-C-2 „Programm und Maßnahmen Kultur“ der Direktion C „Kommunikation“ innerhalb der Generaldirektion „Kultur und Bildung“, dieser Martin Susman also fliegt nach Krakau und fährt weiter nach Auschwitz, um an einer Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers teilzunehmen.
Einem Kollegen zeigt er kurz darauf, was er neben einer schlimmen Erkältung aus dem schweinekalten Auschwitz mitgebracht hat, einen Badge mit der Aufschrift „Guest of Honour in Auschwitz“ nämlich. Darauf steht umseitig zu lesen: „Verlieren Sie diese Card nicht. Im Verlustfall haben Sie keine Aufenthaltsberechtigung im Lager“.
Der Kollege kann gar nicht glauben, dass dieser Umhänger echt ist und dass jemand ihn im Ernst mit diesen Worten beschriftet hat. Er glaubt, wie der Leser dieses Romans es zuweilen meint, es mit einer finsterschwarzen Satire zu tun zu haben. Aber das Wesen der Satire ist ja die Überzeichnung, und ob Robert Menasse in „Die Hauptstadt“ die Wirklichkeit tatsächlich sonderlich überzeichnet, ist fraglich.
Seine Darstellung der Machtkämpfe innerhalb der Kommission, ihrer an ein vertracktes Denksportspiel erinnernden Bürokratie, scheint doch immerhin auf intensiver Auseinandersetzung mit dem Gegenstand zu beruhen. Nicht zuletzt in seinem Buch „Der Europäische Landbote“ hat sich der Wiener Schriftsteller mit den Strukturen der Europäischen Union auseinandergesetzt, mit Brüssel und Straßburg und den zweifelhaften Kompetenzen des Europäischen Rates.
Umso erstaunlicher, dass der „Hauptstadt“ alles Thesenhafte fremd ist. Menasse gelingt es, all sein Wissen und all seine Ansichten in die allen Fakten und Meinungen gegenüber skeptische Form des Romans zu überführen. Der engagierte Intellektuelle zeigt sich hier als kompromissloser, ja leidenschaftlicher Erzähler. Als ein Erzähler zudem, der seinen Stoff so souverän handhabt, dass man angesichts der Leichtigkeit die Komplexität der Figurenkonstellation glatt vergisst und nach knapp fünfhundert Seiten bass erstaunt ist, dass dieser Roman schon vorbei sein soll.
Gekonnt und überaus gewitzt zeigt Menasse überdies immer wieder, wie schnell das Private ins Politische kippen kann, ja, wie politisch das Private selbst ist. Als die Leiterin der Direktion C „Kommunikation“, Fenia Xenopoulou, die direkte Vorgesetzte des Auschwitz-Ehrengastes also, mit ihrem Kollegen Kai-Uwe Frigge von der Generaldirektion für Handel ins Bett steigt, heißt es: „Er täuschte Begehren vor, sie täuschte einen Orgasmus vor. Die Chemie stimmte.“ Das Leben zum allseitigen Vorteil und Nutzen zu gestalten, diese Idee liegt auch durchaus der Europäischen Union zugrunde. Wie schwierig es allerdings außerhalb des Bettes ist, Einigkeit darüber herzustellen, worin Nutzen und Vorteil der EU liegen könnten, zeigt Menasse, indem er das Schwein zum Wappentier seines Romans erhebt.
Einerseits treibt im Laufe der Handlung ein Schwein höchstselbst auf den Straßen von Brüssel sein Unwesen, ja es wird sogar mit dem so sauschnell vertuschten Mord im Hotel Atlas in Verbindung gebracht, andererseits führt die Frage, ob seine weitläufige Verwandtschaft auf dem Weg über die Schlachthäuser Europas ins hungrige China eine europäische Identität erhalten oder ihre jeweils nationale Identität bewahren sollte, zu so manchen Verwerfungen.
Nicht zuletzt der Vorsitzende der „European Pig Producers“, Philip Susman, liegt seinem eigentlich nicht mit Schweinen befassten Bruder Martin mit diesem Thema ständig in den Ohren. Dieser hat auch ganz andere Sorgen. Um das Ansehen der Europäischen Kommission aufzupolieren, soll er nämlich zu ihrem 70. Geburtstag ein „Jubilee Project“ entwerfen.
Dass ihm die entscheidende Idee dafür in Auschwitz kommt, mag daher rühren, dass er die eigentlich extra für die Lagerkälte gekaufte extrawarme deutsche (!) Unterwäsche schon im Flugzeug anzieht, fürchterlich zu schwitzen beginnt, sich erkältet und im Fieber auf die irgendwie geniale, irgendwie aber auch wahnsinnige Idee kommt, Auschwitz als Ursprung und (würde man Professor Erharts Überlegungen in Bezug auf den „New Pact for Europe“ hinzuziehen) gewissermaßen auch Endziel der Europäischen Idee ins Zentrum der Feierlichkeiten zu stellen.
Eine solche Idee zu Fall zu bringen, ist freilich in Fest für jeden Kommissionsprofi, allen voran für Romolo Strozzi, den schillernden Kabinettschef des Kommissionspräsidenten, ein wenn auch mit elegantem Säbelhieb geführtes Schlachtfest: „Xeno konnte ihm nicht in die Parade fahren, weil sie nicht einmal wusste, was eine Parade ist.“ Der Kommissionspräsident selbst, heißt es einmal, sei nichts weiter als eine Marionette, die nach der Pfeife seiner Beamten tanze. Die Figuren dagegen, die Menasse uns auf die Bühne stellt, sind alle aus Fleisch und Blut, keine von ihnen hat etwas Hölzernes an sich. Höchstens hat der Autor selbst etwas von einem Marionettenspieler, geschickt und mit großem Spaß an der Sache, behält er stets alle Fäden in der Hand.
Außer dem Mann im Hotel Atlas, soviel sei verraten, stirbt in „Die Hauptstadt“ übrigens kein Schwein. Man könnte froh sein deshalb und Hoffnung hegen für Brüssel und die ganze EU. Dass jedoch offenbar der falsche Mann erschossen wurde, der Mord deswegen vertuscht werden musste und sich gerade das am Ende, unter der Erde, dort, wo die Toten gemeinhin liegen, rächen wird, macht die Sache allerdings wieder mindestens so vertrackt wie die Brüsseler Bürokratie. Und gerade darum so reizvoll.
TOBIAS LEHMKUHL
Wie ein Marionettenspieler
hält der Autor stets
alle Fäden in der Hand
Robert Menasse.
Foto: Rafaella Proell/wikipedia
Robert Menasse:
Die Hauptstadt. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 462 Seiten, 24 Euro. E-Book 20,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 13.09.2017
Die Leiden des Kulturbeamten Susman

Man kann auch zu viel Schwein haben: Robert Menasse beschert in seinem Roman "Die Hauptstadt" der Europäischen Kommission ihr literarisches Debüt.

Mit seinem Buch "Die Hauptstadt" begründet der 1954 in Wien geborene Erzähler und Essayist Robert Menasse ein neues Genre der deutschsprachigen Literatur: den Europa-Roman. Deutsche Romane aus europäischem Geist oder mit europäischer Wirkung: Das hat es seit Goethes "Werther" allemal gegeben. Nicht aber ein Erzählen aus dem Inneren der europäischen Institutionen, die als Folge der Römischen Verträge von 1957 immerhin schon sechzig Jahre lang existieren. Ihr Debüt kommt also spät.

Eine Hauptfigur hat "Die Hauptstadt" nicht, dafür eine Reihe relativ gleichrangiger Protagonisten, deren Auftritte an Robert Altmans Kinoklassiker "Short Cuts" erinnern: Sie wechseln sich episodisch ab, begegnen sich bisweilen rein zufällig oder aus beruflicher Notwendigkeit, reichen den Erzählstab dann an eine schon bekannte Person zurück oder geben ihn an eine neue weiter. Einer der Protagonisten heißt Martin Susman, ist Österreicher, etwa Mitte vierzig, wohnhaft in Brüssel. Beruf? "Er war", so stellt ihn der anonyme Erzähler vor, "Beamter der Europäischen Kommission, Generaldirektion ,Kultur und Bildung', zugeteilt der Direktion C ,Kommunikation', und leitete die Abteilung EAC-C-2 ,Programm und Maßnahmen Kultur'." Im Zweifel geht in diesem Roman Genauigkeit vor Seele. Weshalb das Benennen von Susmans Tätigkeit auch nicht pedantisch ist, sondern präzis.

Man muss sich überdies an Abkürzungen gewöhnen wie "DG Agri" (Directorate-General for Agriculture and Rural Development), man muss sich damit abfinden, dass es permanent um "Bullet-Points" geht, also die Stichworte einer Entscheidungsvorlage, des Öfteren auch um den oder das "Badge", die Ansteckplakette für den privilegierten Zugang zu Veranstaltungen, sprich: Events. Erstaunlich dabei: Man gewöhnt sich rasch daran. Die größte Leistung des Romans besteht darin, das Funktionieren eines vielsprachigen und multinationalen Gesamtapparats so zu schildern, dass wir, die Leser, teilnehmendes Interesse an ihm gewinnen. Und das tun wir - auch dank Menasses Gebrauch des Globalidioms.

"Die Hauptstadt" spielt in der unmittelbaren Gegenwart. Dem islamistischen Terroranschlag auf die U-Bahn-Station Maelbeek im März 2016 fallen auch Figuren des Romans zum Opfer, über das Brexit-Votum vom Juni jenes Jahres wird diskutiert. Handwerklich klug ist der Verzicht, die aktuellen Kommissare ebenso wenig beim Namen zu nennen wie den Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, der im Roman als anonyme Allgegenwart über den Brüsseler Wassern schwebt und über dessen Lieblingsbuch man spekulieren darf. Umso plastischer und glaubwürdiger treten die Spitzenbeamten einiger Ressorts und Mitarbeiter als fiktive Charaktere auf, reale Bezüge schließt das nicht aus. In Brüssel könnte es bald zum Dechiffrierspiel werden, wer denn wer sei in Menasses Roman.

Der Teilapparat Kultur, in dem Martin Susman wirkt, gilt als Stiefkind der Kommission. Gleichwohl fühlen sich Susman und seine Kollegen aus Tschechien oder Zypern wie in einer "Arche Noah": Verschonte sind sie auf dem tosenden Meer der Großadministration. Der aktuelle Auftrag, der auf sie zukommt, verspricht zudem unverhofftes Renommee. Es geht um das "Big Jubilee Project". Je nach Gründungsdatum der frühen EWG oder der späteren EG gerechnet, wird "die Kommission in drei Jahren sechzig, im anderen Fall in zwei Jahren fünfzig". Das will gefeiert sein. Aber wie?

Mehrfach ist in Menasses Roman die Rede von Robert Musils Jahrhundertprosa "Der Mann ohne Eigenschaften". Dort - handelnd im Wien des Jahres 1913 - wird ebenfalls ein großes Jubiläum vorbereitet: die siebzigjährige Thronbesteigung des Kaisers Franz Joseph I., die 1918 festlich zu begehen wäre. Gesucht wird nach einer übergreifenden Idee, die, im Brüsseler Jargon von heute, vier "Bullet-Points" zu berücksichtigen hat: "Friedenskaiser, europäischer Markstein, wahres Österreich und Besitz und Bildung". Zudem gilt es, die Superiorität Franz Josephs über den deutschen Kaiser Wilhelm II. zu bekräftigen, der 1918 erst auf eine dreißigjährige Regentschaft würde zurückblicken können. Weshalb denn auch die Wiener Suche nach der Zentralidee unter dem Stichwort "Parallelaktion" firmiert.

Absichtsvoll spielt Menasses "Jubilee Project" mit Musils "Parallelaktion". Das spricht für kühnen Erzählermut, wird aber zur Hybris des Romans. Musils sublime Kunst besteht darin, die große Idee als leere Hülse zu schildern - und die Suche nach ihr in einen Gesellschaftsreigen voller Sentiment und Satire zu verwandeln. Bei Menasse ist es der Kulturbeamte Susman, der die Idee für das nahende Jubiläum findet: "Auschwitz als Geburtsort der Europäischen Kommission", denn: "Nie wieder - das ist Europa!" Deshalb gelte es jetzt, die Überlebenden der Vernichtungslager "ins Zentrum der Feierlichkeit" zu stellen.

In Menasses bis dato fünf Romanen seit 1988, zumal in den beiden besten - "Selige Zeiten, brüchige Welt" (1991) und "Die Vertreibung aus der Hölle" (2001) -, findet sich als Erzählkern die emphatische Verbindung zwischen einer dramatisch ernsten, nicht selten tragisch oder geschichtskatastrophal zugespitzten Handlung und einem eher kolloquialen, ja saloppen Stil, der sich mit Vorliebe situationskomischer Elemente bedient und im Slapstick ganz zu sich selbst kommt. Diese Synthese sucht auch das neue Buch. Die Schilderung des Brüsseler Beamtenmilieus bereitet dabei keine Schwierigkeiten, im Gegenteil: Sie gelingt ungemein.

Um Susmans Idee nicht nur zeithistorisch, sondern auch erzählerisch zu plausibilisieren, entfaltet Menasse eine beeindruckende Konstruktionsenergie. Ein Strang seiner Short Cuts rekapituliert die Geschichte des belgischen Auschwitz-Überlebenden David de Vriend, eines inzwischen hochbetagten Lehrers, der im Seniorenheim unweit der europäischen Institutionen eine letzte Bleibe findet. Einen vollständigen Lebenslauf erhält auch Alois Erhart, das Wiener Kind eines Hitlersoldaten und jetzt ein emeritierter Wirtschaftsprofessor. Er wird gegen Ende des Romans den Mitgliedern des ",New Pact for Europe'-Think-Tanks" die Leviten lesen, dabei das Ende der Nationalstaaten und das Entstehen einer europäischen Republik fordern - und er wird das Areal um das Lager von Auschwitz als Sitz einer neu zu gründenden europäischen Hauptstadt reklamieren.

Man muss mit Menasse nicht darüber rechten, ob Auschwitz, das deutsche Verbrechen, der Ort für das Begründen und Befestigen einer emphatisch europäischen Zukunft sein kann und sein sollte, auch nicht darüber, ob die fast vollständige Gleichsetzung der europäischen Nationalstaaten mit verderblichem Nationalismus haltbar ist. Der Roman postuliert beides und vertritt dabei Menasses geschichtspolitische Sorgen und Wünsche. Kritisch rechten allerdings lässt sich darüber, ob Menasse seine Figuren, zumal Susman und Erhart, nicht mit zu viel Botschaft befrachtet, sie ob ihrer oft seitenlangen Herleitungen und Analysen zu Papiermonstern aufbläst und damit verkleinert. Dass er dies tut, wird zur Hybris der "Hauptstadt".

Im "Mann ohne Eigenschaften" gibt es luzide Kapitel über den Prostituiertenmörder und Psychiatriehäftling Moosbrugger. Menasses Parallelgeschichte dazu handelt vom polnischen Profikiller Oswiecki und seinem Gegenspieler, dem Brüsseler Kommissar Brunfaut. Gestrickt wird daraus eine Verschwörungsfama, in die sich unter Führung des Vatikans die Geheimdienste des Westens verstricken. Bei aller Fabulierfreude, die sich in diesen Passagen findet: Das kann Dan Brown besser, also ein bisschen weniger haarsträubend.

Bleibt der Slapstick. Dafür zuständig ist im neuen Roman zuallererst ein Schwein, "ein verdrecktes, aber eindeutig rosa Hausschwein". Im Prolog rennt es irrlichternd durch Brüssels Zentrum. Das hat skurrilen Witz, zudem ermöglicht es dem Erzähler, wie nebenbei einige für das weitere Geschehen wichtige Figuren vorzustellen. Aber das rastlose Vieh hetzt munter weiter bis ans Ende des Epilogs. Es gibt zu viel Schwein in diesem Roman - zum rennenden Brüssel-Gag gesellen sich "der größte österreichische Schweineproduktionsbetrieb", "das Schwein als Querschnittsmaterie" und schier endlose Schweinefleisch-Verhandlungen mit China.

Im Essay "Der Europäische Landbote" von 2012, einem fulminanten Plädoyer für die Kompetenz und die Vernunft der wohlfeil "vielgeschmähten EU-Bürokratie", hat sich Robert Menasse die Frage gestellt, ob die Europäische Kommission überhaupt "romanfähig" sei. Seine Antwort, ein entschiedenes Ja, ist der Roman "Die Hauptstadt". Den Reichtum, die Energie und den Furor des Buches respektvoll rühmend, bleibt, aufs Ganze gelesen, am Ende aber doch ein entschiedenes Jein. Susmans Idee für das "Jubilee Project" versickert übrigens in den Intrigen der Kommission.

JOCHEN HIEBER

Robert Menasse: "Die Hauptstadt". Roman.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 458 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Rezensent Harald Jähner ist hocherfreut darüber, dass Robert Menasse mit seinem neuen Roman "Die Hauptstadt" das große Romanpotential entdeckt hat, dass in Brüssel als Europa-Haupstadt und "Ort einsamer Seelen" steckt, in der zehntausende Menschen entwurzelt, nur als Vertreter ihrer Länder leben. Die Handlung spinnt sich um die Organisation einer Feier zum 50. Jubiläum der Europäischen Kommission, der Organisator hatte die Idee, Auschwitz zum Mittelpunkt dieser Feier zu machen, weil nur aus dem Grauen des NS-Regimes die EU überhaupt entstehen konnte, erzählt Jähner. Menasse gelingt es, diesen bürokratischen Klotz, als den sich die Welt Brüssel vorstellt, menschlich erscheinen zu lassen, begeistert sich der Rezensent und siedelt Menasse irgendwo zwischen einem etwas uneleganten Thomas Mann und einem nicht zu theoretischen Alexander Kluge an. Vor allem, so Jähner, ist Menasses Blick auf Brüssel ein melancholischer, der sich der "unterschätzten Langeweile des Friedens" sehr bewusst ist.

© Perlentaucher Medien GmbH
»Ein grosses Jubilee Project soll das fünfzigjährige Bestehen der EU-Kommission feiern. Rund um die Vorbereitungen entwickelt Menasse seine raffiniert gebaute Geschichte, in der nichts dem Zufall überlassen ist.«
Paul Jandl, Neue Zürcher Zeitung 09.09.2017