Stella - Würger, Takis
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Es ist 1942. Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: "Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt." Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt: Wird sie, um ihre Familie zu retten, untergetauchte Juden denunzieren? Eine…mehr

Produktbeschreibung
Es ist 1942. Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: "Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt." Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt: Wird sie, um ihre Familie zu retten, untergetauchte Juden denunzieren? Eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht - über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: .505/25993
  • Seitenzahl: 118
  • Erscheinungstermin: Januar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 132mm x 22mm
  • Gewicht: 330g
  • ISBN-13: 9783446259935
  • ISBN-10: 3446259937
  • Artikelnr.: 54355707
Autorenporträt
Würger, Takis
Takis Würger, geboren 1985, hat an der Henri-Nannen-Journalistenschule das Schreiben gelernt und Ideengeschichte in Cambridge studiert. Er arbeitet als Redakteur für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. 2017 erschien sein Debütroman Der Club, der mit dem Debütpreis der lit.Cologne ausgezeichnet wurde und für den aspekte-Literaturpreis nominiert war. Takis Würger lebt in Berlin.
Rezensionen
Besprechung von 13.01.2019
Der Nachleser
Ein antifaschistischer Schweizer trifft eine naziliebende Jüdin: So geht die falsche Lovestory in Takis Würgers neuem Roman "Stella"

Ist es nicht genial? Ein junger Deutscher schreibt ein Buch über das alte Deutschland, die Nazizeit, schreibt über Schuld. Gab es sie eigentlich? Überraschung, der junge Deutsche sagt: Klar, gab es sie. Doch seine besonders schlaue Botschaft geht so: Die Schuld, sie war auch jüdisch.

Aber worum geht es in diesem Buch überhaupt? Um Stella. So heißt die Heldin im zweiten Roman von Takis Würger, und so heißt auch der Roman. Die literarische Stella ähnelt mit Absicht einer realen. Sie hieß Stella Goldschlag und war eine Jüdin, die im Auftrag der Deutschen Juden verraten hat und verhaftet. Das war im Berlin der vierziger Jahre. Tausende Juden lebten mit falschen Papieren untergetaucht in der Stadt, auch Stella und ihre Eltern. Doch die Nazis suchten gründlich nach ihnen. Als die Gestapo die Goldschlags verhaftete, wurde Stella gefoltert, erpresst. Die Mörder machten sie zur Mittäterin. Sie jagte Menschen, um ihre Eltern vor dem Zug nach Auschwitz zu retten. Im Februar 1944 wurden sie trotzdem deportiert. Stella kollaborierte danach noch immer mit der Gestapo. Warum? Hatte sie eine Wahl? Wie kann man ihre Geschichte erzählen? Darf man das überhaupt? Ja, klar. Peter Wyden, er war ein deutsch-amerikanischer Journalist, hat 1992 ein Memoir über Stella geschrieben - vor seiner Flucht aus Deutschland ging er mit ihr auf eine jüdische Schule. Und darf man von ihr erzählen, wenn man kein Jude ist? Ja, klar. Steven Soderbergh hat das 2006 in "The Good German" gemacht, Cate Blanchet spielte seine Stella-Kopie.

Und Takis Würger? Er hat eine gute Idee: Ein Schweizer, Friedrich, reist im Januar 1942 nach Deutschland, um sich das Land im Krieg anzuschauen, und trifft dort Stella, die sich als Kristin vorstellt. Friedrich erzählt in der ersten Person, zuerst von seiner hässlichen Kindheit, die Mutter ist Schlägerin und Antisemitin. Doch man fühlt wenig, während man liest. Das liegt vor allem an der Sprache, die Würger seinem Helden gibt und den anderen Figuren. Immer wieder reden sie wie Charaktere aus diesen Heftchen, die am Kiosk ganz unten ausliegen und von Liebe im Sonnenuntergang und Herzschmerz erzählen. Oder sie sagen gleich langweilige Pseudoklugheiten auf. Wie Friedrichs Vater, er erklärt ernsthaft: "Ich glaube, die Wahrheit ist nirgendwo so sehr in Gefahr wie im Krieg." Er ist es auch, der am Anfang zum Sohn sagt, dass es moralische Schuld gar nicht gibt, doch da geht es noch nicht um die Nazis.

Und Friedrich? Was sagt er? Wie spricht er? Oft so: "Schweigen wurde meine Art zu weinen." Oder so: "Danke, dass du mir gezeigt hast, was Liebe ist." Oder so: "Wir machten uns schuldig, jeder auf seine Art." Den Satz denkt Friedrich schon im Nazideutschland, doch zur Schuldfrage - dieser kleinen und großen deutschen, aber auch offenbar jüdischen Angelegenheit - später. Erst mal zu Friedrich. Nachdem er sich in Stella als Kristin verliebt hat, verschwindet sie für acht Tage. Mit zerschlagenem Gesicht kommt sie wieder, erzählt vom Gestapokeller, von Folter, von ihren jüdischen Eltern, die jetzt Geiseln sind. Friedrich bleibt bei ihr, denn er ist naiv und ein Antifaschist. Deshalb ist ihm, wenn irgendjemand etwas Nationalsozialistisch-Übles macht oder sagt, wortwörtlich übel: Er übergibt sich. Weniger wortwörtlich ist Friedrich, wenn er von Stella erzählt. Trotzdem sind seine gespaltenen Gefühle zu ihr eindeutig, sind "kalt" oder "warm". Als Opfer liebt er sie, als Täterin nicht. "Ihre Lippen waren kalt", denkt Friedrich zum Beispiel, als er begreift, dass Stella jetzt einen Juden jagt. Und später, als sie ihm das jiddische Wort "Neschume" erklärt, das Seele bedeutet, mag er sie wieder: "Sie war noch einmal warm und weich."

Am Anfang aber - vor der Folter, vor Stellas Mittäterschaft - steht eine unschuldige Liebesgeschichte: Stella schreibt Friedrich Zettel mit Liebessätzen, versteckt sie in seiner Kleidung, sie spazieren durchs dunkle Berlin, küssen sich auf einsamen Brücken. Weiche, schwere Romantik: "Ich betrachtete ihre Grübchen. Ich wusste, was sie dachte."

Zwischen den Zuckerwatteszenen und -sätzen stehen aber auch andere Passagen, die weniger kleben, denn "Stella" ist ein Montageroman. Jedes neue Kapitel beginnt mit einem Monat und einer Jahreszahl, und es wird schnell erzählt, was Goebbels da denkt, Hitler macht oder wie es Heydrichs Gesundheit so geht. Kurz denkt man deshalb an "1913", Florian Illies' literarisches Geschichtspanorama, vergisst das aber sofort, denn es ist falsch, Würger arrangiert und inszeniert nichts wie Illies, er spult einfach Historisches ohne Pointe, ohne Zusammenhang ab.

Wozu diese Nazigeschichte-für-Dummies? Keine Ahnung. Klar dagegen ist etwas anderes, das im Buch auch noch verbaut ist, immer wieder und in Kursiv: Zeugenaussagen gegen Stella Goldschlag, die echte, reale. 1946 gab es einen Prozess gegen sie, das Urteil: zehn Jahre Lager. Man erfährt Orte, an denen Stella gewartet und Menschen gefangen hat und die Namen der Opfer. Es ist echtes Archivmaterial und interessant. Vielleicht weil dieser Nach-wahren-Begebenheiten-Moment immer okay funktioniert. Er ist seit Jahren in Mode, verkauft sich. Und es kommt einem vor, als ob dieses Buch das alles unbedingt auch will: in Mode sein, funktionieren, sich verkaufen. Es ist eine Mischung aus allem, was geht; etwas Illies, etwas Realness und etwas Tarantino kommt auch noch vor. Den Bösewicht in "Stella" nennt man den "Gärtner", und als er seinen Monolog über Juden aufsagt, hört er sich so ingloriousbasterdhaft an, dass im Kopf gleich Christoph Walz ist als Oberst Landa, Tarantinos Oberverbrecher. Und das, obwohl im Kopf vorher schon "Babylon Berlin" laufen musste, die Serie selbstverständlich. In "Stella" gibt es zwar kein "Moka Efti", aber einen "Melodie Club". Und die Szenen dort wirken vollkommen gestellt, wie in der Serie auch. Man merkt, dass alles Kulisse ist, und will dennoch den falschen und wilden Nächten leicht angewidert zusehen; der Kellnerin, die Kokain in Metalldöschen serviert, den Trinkern, den Tänzern, sie tanzen den Charleston, natürlich.

Auch Stella tanzt. Aber lieber singt sie, will Sängerin werden. Ihr Vater ist Komponist. Sie ist gebildet, liest Erich Maria Remarque und Benjamin Constant, den französischen Staatstheoretiker. Und trotzdem ist sie primitiv. Gießt Kaffee ins Orangensaftglas, isst auf einer Gala Eier mit Händen, trinkt Sekt aus der Flasche, klatscht zum Horst-Wessel-Lied mit oder lässt sich in einer Kneipe ganz gerne von einem besoffenen Nazi anfassen. Es ist so abstoßend wie unglaubhaft und falsch. Warum, bitte, benimmt sich eine junge gebildete Frau wie ein alter russischer Bauer? Es liegt daran, dass Takis Würger nicht nur trivial schreibt, sondern auch ein triviales Bild von Juden hat. Denn es sind Oberklischees, die er seiner literarischen Stella zuordnet, sie so unglaubwürdig und flach macht: die Primitivität der Verbrecherin, die Bildung der Jüdin.

Und jetzt muss man sich Stella auch noch als schöne Jüdin ansehen. Wieder ein altes Klischee, so wie der hässliche Jude. In der Literatur war sie immer da, die Außenseiterin, über die man alles schreiben konnte, was man über Juden so dachte: Gutes. Schlechtes. Philosemitisches. Und Antisemitisches. Denn sie galt oft, weil sexuell anziehend, als zersetzend, zerstörend. "Es geht von ihnen ein Hauch von Massaker und Vergewaltigung aus", schrieb Sartre über die schöne Jüdin und die "besondere sexuelle Bedeutung" der Worte. Im Buch von Takis Würger ist Stella zwar auch eine Sexphantasie, und das doppelt: Sex mit ihr bedeutet für Friedrich Sex mit einem Opfer und Sex mit einem Täter. Doch ist sie keine Zersetzerin, sie zerstört nicht das Leben des Helden. Das ist die gute Nachricht.

Jetzt zu der schlechten: Sie steht im Showdown. Auf einer großen Naziparty hat Stella einen kleinen Auftritt, darf singen. Es ist Dezember 1942, ihre Eltern sind noch in Berlin, sind noch Geiseln. Das Publikum trägt Uniform und Hakenkreuzbinden. Stella singt. Danach Applaus und der Satz: "Stella war in diesem Moment dort, wo sie sein wollte." Warum es unter Nazis am schönsten ist, erfährt man nicht mehr. Stella singt "Stardust", und Friedrich fühlt, dass es vorbei ist, denn "Love is now the stardust of yesterday". Er verlässt die Party, und Stella, steigt in einen Nachtzug ins Ausland. Während der Fahrt findet Friedrich in seinem Smoking einen Zettel von ihr. In diesem Moment weiß er es: "Vater hatte Unrecht. Es gibt Schuld."

Und als Leser weiß man dann nicht mehr weiter. Dass es Schuld gibt, die Friedrich zuerst Ferdinand-von-Schirach-mäßig bezweifelt, erkennt er zum Schluss ausgerechnet durch eine Jüdin, durch die jüdische Menschenjägerin, Verräterin, Lügnerin Stella. Dass Nazis sie zur Verbrecherin machten, dass also die Schuld deutsch ist, nicht jüdisch, so explizit sagt Friedrich und schreibt Takis Würger es nicht. Und ja, das ist die kleine, große Opfer-Täter-Gleichmacherei. Ja, sie macht das echte Leben von denen, die keine Lust mehr auf Vergangenheitsbewältigung haben, viel leichter. Und ja, seit Jahren ist sie in Mode. Doch warum steht sie auf einmal in diesem Buch? Liest der deutsche Leser von heute lieber Bücher über schlechte Juden als über gute? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch nur eine böse, bösartige Unterstellung. Denn Kunst muss nicht moralisch sein, nicht politisch korrekt. Aber sie muss immer gut sein, das heißt nie erwartbar, nie flach. Dann schafft sie es, sogar das Abstoßendste zu erzählen, zu zeigen, ohne selbst abstoßend zu sein.

Und es gibt Literatur, die mit merkwürdigen, dubiosen, aufregenden Motiven der Schuld und Schuldlosigkeit das Ungeheuerlichste sagt. Imre Kertész zum Beispiel lässt im "Roman eines Schicksallosen" seinen jüdischen Helden Verständnis für Auschwitz-Wachleute haben und zerstört so die verlogene Aura um das Wort Auschwitz endgültig.

Aber auch die leichteren, falschen Vergangenheitsträumereien, mit denen die deutsche Literatur vollgestellt ist, können funktionieren, literarisch interessant sein, so wie "Der Vorleser" von Bernhard Schlink. Klar, kein großes und tiefes Buch. Doch die Lovestory um die Auschwitz-Aufseherin, die angeblich nicht so superschuldig war wie die anderen, ist handwerklich gut, teuflisch-ambivalent, so dass sie einen kurz seltsamerweise berührt, was die Lovestory von Friedrich und Stella nie kann.

Warum? Das Problem von "Stella" ist, dass dieser Roman zuerst literarisch versagt und dadurch dann erst moralisch. Stellas sinnlose, deprimierende, düstere Schuld bleibt Druckerschwärze auf weißem Papier. Ihre wahre Geschichte ist zu groß für den Autor. Ihm fehlt die Vorstellung, Dinge zu sehen, die mehr sind als kalt und als warm, als schöne Täterin und als böse Geliebte. Und die sadistische Nazi-Helferin Stella Goldschlag wird deshalb doch Opfer, im Jetzt denunziert, verraten von schriftstellerischer Unfähigkeit.

ANNA PRIZKAU.

Takis Würger: "Stella". Hanser, 224 Seiten, 22 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 11.01.2019
Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen
In seinem zweiten Roman bedient sich Takis Würger der historischen Geschichte der Stella Goldschlag, die als „Greiferin“ für die Gestapo tätig war.
Der Stoff könnte etwas aussagen über die Lügen deutscher Vergangenheitsbewältigung. Aber Würger macht es sich im Klischee bequem
VON FABIAN WOLFF
Manchmal braucht es gar nicht viel für einen Verrat an Geschichte und Erinnerung. Ein einziges Bild des KZ-Dramas „Kapo“ reichte 1960 dem damals noch vor allem als Filmkritiker tätigen Jacques Rivette – eine womöglich unangemessen ästhetisierte Einstellung der ausgestreckten Hand von Emmanuelle Riva, tot im Elektrozaun eines namenlosen Nazi-Lagers hängend – um dem Regisseur Gillo Pontecorvo seine voyeuristische und pornografische Darstellung des Undarstellbaren vorzuwerfen.
Takis Würger, der hauptberuflich Reporter des Spiegel ist und mit seinem Debütroman „Der Club“ viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, nimmt sich mit seinem zweiten Roman „Stella“, laut Klappentexter Daniel Kehlmann, nun genau dieses „Aberwitzige vor: das Unerzählbare erzählen.“ Das ist nur die halbe Wahrheit. Es ist kein Buch, das kühn Grenzen überschreitet, auch keins, das alle Gefahren geschickt umschifft, um ins „Unerzählbare“ vorzustoßen. Es scheint vielmehr einfach ohne jedes Problembewusstsein für Literatur, Literarisierung und Geschichte geschrieben worden zu sein.
Hintergrund ist ein historischer Fall, der durch Berichte und Erinnerungen von Überlebenden spukt und bereits in den sonst so verschwiegenen Fünfzigern der BRD medial ausgeschlachtet wurde. Die Frau, die golden vom Cover lächelt, ist Stella Kübler, geborene Goldschlag, Tochter gutbürgerlicher deutsch-jüdischer Eltern, die in den Jahren des Zweiten Weltkriegs und der Deportationen in Berlin für die Gestapo als „Greiferin“ tätig ist und versteckte Juden denunziert und so in den Tod schickt. Nach Kriegsende wird sie erkannt und von einem Sowjet-Militärtribunal zu 10 Jahren Haft verurteilt, die sie in diversen Speziallagern und Gefängnissen in der SBZ und dann der DDR verbringt. Danach kommt es in Westberlin zu einem weiteren Prozess, der jedoch nicht zu einer weiteren Haftstrafe führt.
Hauptfigur und Erzähler in Takis Würgers Roman hingegen, wie könnte es anders sein, ist ein junger Mann, der sich in Stella verliebt. Mit John-Irving’scher Aufdringlichkeit entwirft Würger die Kinder- und Jugendjahre seines Protagonisten, der in der Nähe von Genf im Schatten allerlei familienpathologischer und soziopolitischer Ominösitäten aufwächst. Sein Vater ist Schweizer Importunternehmer mit kosmopolitischen Anwandlungen, seine Mutter deutsche Trinkerin mit stärker werdenden antisemitischen Tendenzen und künstlerischer Ader. Die freundliche jüdische Köchin der Familie ist namenlos, aber dick. Als Kind bewirft Friedrich einen fremden Reisenden mit einem Schneeball und gibt es, weil er nicht weiß, was eine Lüge ist, anschließend zu. Der Fremde reißt ihm mit einem Ambosshorn die Wange auf, der junge Friedrich ist danach absolut farbenblind – sic!, wenn nicht das ganze Buch ein einziges sic! wäre.
Friedrich erzählt in der Rückschau, in betont simpler Sprache, aber mit aufdringlich genauem Blick für, zum Beispiel, die Beschaffenheit von Türknäufen oder den Wortlaut von Werbeplakaten. Als aus dem naiven Kind ein naiver junger Mann geworden ist und genug Motive und Symbole eingeführt sind, um die Existenz eines poetischen Konzepts behaupten zu können, geht er 1942 nach Berlin.
Warum genau, abgesehen von vagem Hunger nach Exotik, es ihn ausgerechnet nach Berlin zieht, ist nicht klar, warum er sich dort für einen Zeichenkurs anmeldet (Mutter, Trauma) hingegen schon. Er verguckt sich in das schöne blonde Aktmodell, das sich ihm als „Kristin“ vorstellt, aber „Pünktchen“ genannt werden will (vielleicht, weil er so ein Anton ist) und sich natürlich irgendwann als Stella entpuppt. Sie erleben wunderschöne Tage im Klischee, der schneidige SS-Mann Tristan von Appen, der heimlich jüdische Jazz-Platten hört und Käse aus Paris isst, rundet die Jules-et-Jim-Triade ab, bis sie jäh gestört wird: „Ich wollte nicht, dass mein Freund Tristan in der SS ist. Ich wollte nicht, dass Kristin für ein Ministerium arbeitet. Ich wollte, dass wir drei weiter tanzen.“
Für den Stella-Strang hakt sich Würger bei Peter Wyden unter, dessen Sachbuch aus den Neunzigern über den Fall ebenfalls „Stella“ heißt. Wyden, geboren in Berlin als Weidenreich, verstorben 1998, kannte Goldschlag noch aus Schulzeiten. Beide besuchten die 1935 gründete Privatschule für jüdische Kinder von Leonore Goldschmidt. Wyden war in die gleichaltrige Goldschlag stark verknallt. Während er mit seiner Familie 1937 in die USA emigrieren konnte, blieben die Goldschlags in Berlin. Stellas Vater Gerhard war Komponist und einer jener tragischen patriotischen Juden, die glaubten, dass ihre Liebe zu Goethe und Schubert und ihr Frontdienst im Ersten Weltkrieg sie beschützen würden – und dass die Gewalt und Ausgrenzung der Nazis, das beschreibt Wyden unumwunden, doch eigentlich nur für die Ostjuden bestimmt sei, die sie als Deutsche mosaischen Glaubens fast genauso skeptisch beäugen wie ihre arischen Nachbarn.
Nach dem Fall der Mauer machte sich Wyden daran, die Geschichte seiner Beinah-Jugendliebe zu erforschen, und die Erfahrungen seiner Emigranten-Generation gleich mit. Das Ergebnis steht in einer Reihe journalistischer Sachbücher, in denen sich jüdische Journalisten aus den USA in den Neunzigern mit angemessen kritischem Blick dem neuen Deutschland näherten, wie „Unter Deutschen“ von Jane Kramer, „Explaining Hitler“ von Ron Rosenbaum oder „Bist du der König der Juden?“ von James Schapiro über die Passionsspiele in Oberammergau.
Wydens Thema sind weniger die Widersprüche und Lügen deutscher Vergangenheitsbewältigung. Er will wissen, wie aus seiner Klassenkameradin das „blonde Gespenst“ werde konnte, das auch in den Berichten der Philosophiehistorikerin Marie Jalowicz Simon und in den Erinnerungen des Widerstandkämpfers Gad Beck auftaucht. Beck nennt sie in „Und Gad ging zu David“ ein „zur Kollaboration gezwungenes Opfer“ – sie will ihre Eltern retten, vergeblich – aus der bald „eine gnadenlose Täterin“ wird, „die mit zunehmendem Ehrgeiz Illegale aufspürte und verhaftete, meist von ihrem jüdischen Greiferkollegen Rolf Isaaksohn begleitet“. Ihr Gestapo-Kontakt Walter Dobberke wird Isaaksohn und Goldschlag sogar anweisen, zu heiraten.
All das passiert lange nach Ende der Handlung von Takis Würgers Roman, der 1942 spielt – nominell, weil die Beziehung von Friedrich und Stella auserzählt und sein Versuch Stellas Eltern zu retten gescheitert ist, de facto aber, weil die brutale Realität der Verhaftungen das Coming-of-Age dieses Erzählers zu sehr in die Tiefe ziehen würde und seine Stella so Wunscherfüllung bleiben kann. Weil aber doch jüdischer Verrat und Deportationen versprochen wurden, baut Würger ziemlich unvermittelt authentische Auszüge aus Akten des Sowjetmilitärtribunals ein, in denen das Schicksal der Opfer von Goldschlag dargelegt wird. Das ist vielleicht der aufrichtige, aber hilflose Versuch, immer wieder die Ermordeten in den Fokus zu rücken – oder das opportunistische Greifen nach dem Schock des Realen, wenn die eigentliche Erzählung alle paar Seiten zu hinken beginnt. So oder so ist es die Selbstentblößung eines letztlich überforderten Autors. Bitterer, obszöner Tiefpunkt des Romans ist eine Folterszene, in der Würger den Gestapomann Dobberke phonetisches Bairisch sprechen lässt.
Spätestens hier hätte jemand – irgendjemand – einschreiten, dem Autor die Hand auf die Schulter legen und einen Essayband von W.G. Sebald in die Hand drücken können. In einem Interview auf die „unsichtbare Präsenz der Welt der Konzentrationslager“ in seinen Texten angesprochen, antwortete Sebald einst, dass es darum gehe, „den Lesern zu versichern, dass ich diese Dinge immer im Hinterkopf behalte“, nicht nur als ästhetische Strategie, sondern aus moralischer Verantwortung. Würger hingegen, der so schludrig mit den Namen, den Leben und den Schicksalen der Opfer umgeht, kann die Leser kaum davon überzeugen, dass er allzu sehr über jeden gerade geschriebenen Absatz nachgedacht hat.
Mit seinem zweiten Buch ist Würger vom kleinen Schweizer Verlag Kein & Aber zum Publikumsverlag Hanser gegangen, der es heftig bewirbt. Nazisex und Judenfetisch (und umgekehrt) gibt es darin nicht, der Roman bleibt geradezu keusch. Am Willen zur Ausbeutung der Vergangenheit fehlt es nicht, aber Würger geht wie ein Vampir vor, der die Halsschlagader nicht trifft. Bestsellerkompatibel scheint allein der plätschernde Tonfall zu sein, der sich wie das Voice-Over eines Nazidramas mit Veronica Ferres liest: „,Verlass mich nicht‘, sagte sie in mein Ohr. Ich schüttelte den Kopf und küsste ihre Tränen.“
In einem Beitrag zur Menasse-Debatte hat Patrick Bahners in der FAZ geschrieben, Auschwitz sei „in den Theorien des historischen Wissens und der literarischen Fiktion wie im öffentlichen moralischen Bewusstsein der Inbegriff der Tatsache, mit der man nicht spielt“. Das ist ein paar Stufen zurückhaltender als das Dogma der Undarstellbarkeit, das in der Geschichte der Nachkriegsliteratur oft genug von deutschen Kritikern angeführt wurde, um Überlebenden den Mund zu verbieten: Holthusen gegen Celan, Raddatz gegen Hilsenrath, bei allem Respekt auch Sebald gegen Jurek Becker. Die Frage ist sowieso, wo Auschwitz anfängt, ob bei der Gaskammer, der Rampe, dem Tor, der Zugfahrt, der Deportation, der Verhaftung – von den anderen Vernichtungs- und Konzentrationslagern, den Erschießungsaktionen und Hunger- und Seuchentoten im Ghetto ganz zu schweigen.
Je nach Antwort ist Würgers „Stella“ ein Ärgernis, eine Beleidigung oder ein richtiges Vergehen – und das Symbol einer Branche, die jeden ethischen oder ästhetischen Maßstab verloren zu haben scheint, wenn sie ein solches Buch auch noch als wertvollen Beitrag zur Erinnerung an die Schoah verkaufen will. Selbst Stella Goldschlag hat diesen Roman nicht verdient.
Die brutale Realität würde
das Coming-of-Age des Erzählers
zu sehr in die Tiefe ziehen
Am Willen zur Ausbeutung der
Vergangenheit fehlt es nicht,
Würger geht wie ein Vampir vor
Takis Würger: Stella. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2019. 224 Seiten, 22 Euro.
Im Jahr 1957 steht Stella Goldschlag in West-Berlin vor Gericht, rechts ihr Verteidiger. Der Tochter deutsch-jüdischer Eltern wird vorgeworfen, in den Jahren 1943/44 Juden der Gestapo ausgeliefert zu haben.
Foto: imago/ZUMA/Keystone
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Perlentaucher-Notiz zur Dlf Kultur-Rezension

Durchaus wohlwollend bespricht Rezensent Gerrit Bartels Takis Würgers Roman "Stella". Wie sich der Spiegel-Reporter der jüdischen Sängerin und "Greiferin" Stella Goldschlag nähert, nämlich konzentriert auf das Jahr 1942, als Goldschlag selbst untertauchen musste und über eine Erzählfigur, die sich mit einem Urteil Stella gegenüber zurückhält, findet der Kritiker klug. Abgesehen von ein paar überflüssigen "Effekten" erscheint ihm die Geschichte angenehm "knapp und knackig" erzählt.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Takis Würger hat jetzt historische Dokumente über eine reale Person mit einer fiktiven Geschichte verquickt, um sich selbst und seine Leser der Unerträglichkeit jener fernen Realität des Holocaust mit aller Wucht auszusetzen. ... Ein rasanter Text." Ulrike Sárkány, NDR Kultur, 11.01.2019

"Eine rauschhafte Geschichte." Meike Schnitzler, Brigitte, 02.01.19