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"Hysteria" erzählt die Geschichte von Bergheim, der auf einem Biomarkt merkwürdig unnatürliche Himbeeren entdeckt. Auf der Suche nach dem Rätsel ihrer Beschaffenheit und Herkunft gerät er immer tiefer in eine kulinarische Dystopie, in der das Natürliche nur noch als absolutes Kunstprodukt existiert, weil das Künstliche längst alle Natur ersetzt hat. Aber keiner weiß davon. Nur seine Hypersensibilisierung befähigt Bergheim, die unheimliche Veränderung wahrzunehmen und ihr nachzugehen. Alle Fäden laufen im Kulinarischen Institut zusammen, wo er Charlotte wiedertrifft, seine Studienfreundin und…mehr

Produktbeschreibung
"Hysteria" erzählt die Geschichte von Bergheim, der auf einem Biomarkt merkwürdig unnatürliche Himbeeren entdeckt. Auf der Suche nach dem Rätsel ihrer Beschaffenheit und Herkunft gerät er immer tiefer in eine kulinarische Dystopie, in der das Natürliche nur noch als absolutes Kunstprodukt existiert, weil das Künstliche längst alle Natur ersetzt hat. Aber keiner weiß davon. Nur seine Hypersensibilisierung befähigt Bergheim, die unheimliche Veränderung wahrzunehmen und ihr nachzugehen. Alle Fäden laufen im Kulinarischen Institut zusammen, wo er Charlotte wiedertrifft, seine Studienfreundin und ehemalige Geliebte, die nun als Leiterin an der Spitze der Bewegung des "Spurenlosen Lebens" steht. Allein mit Ansgar, dem dritten im Bunde des ehemaligen Uni-Triumvirats, wird es Bergheim gelingen, etwas dagegen zu tun.
  • Produktdetails
  • Verlag: Piper
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 240
  • Erscheinungstermin: 4. September 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 212mm x 135mm x 28mm
  • Gewicht: 394g
  • ISBN-13: 9783492059244
  • ISBN-10: 3492059244
  • Artikelnr.: 52361073
Autorenporträt
Nickel, Eckhart
Eckhart Nickel, geboren 1966 in Frankfurt/M., studierte Kunstgeschichte und Literatur in Heidelberg und New York. Er gehorte zum popliterarischen Quintett »Tristesse Royale« (1999) und debütierte 2000 mit dem Erzahlband »Was ich davon halte«. Nickel leitete mit Christian Kracht die Literaturzeitschrift Der Freund in Kathmandu. Heute schreibt er vorwiegend für die FAS, die FAZ und ihr Magazin. Bei Piper erschien u.a. die »Gebrauchsanweisung für Portugal«. Beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2017 wurde er für den Beginn von »Hysteria« mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet und war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018.
Rezensionen
Besprechung von 20.09.2018
Das kulinarische Institut hat sich was Leckeres ausgedacht

Theater des Grauens: Eckhart Nickels Roman "Hysteria" überspitzt eine Satire des Bio-Wahns zum ästhetizistischen Horrortrip.

Seit Joris-Karl Huysmans' dekadenter Held Des Esseintes im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert seine Schildkröte mit Edelsteinen besetzte, um das Lebewesen ohne Rücksicht auf dessen Gesundheit künstlich zu verschönern, sind moderne Leser vertraut mit einem Stil-Fanatismus, der größer ist als die Natur. Die literarische Überspitzung mochte schon damals allerdings nur eine Chiffre sein für alles, was der Mensch im Zuge seiner wachsenden technischen Möglichkeiten der Natur angetan hat, um sein eigenes Leben zu verbessern und verschönern.

In Eckhart Nickels Roman "Hysteria" tritt eine Gegenbewegung an, um genau diese Entwicklung wieder rückgängig zu machen: Die sogenannten "Rousseau-Husaren" verfassen ein Manifest des "spurenlosen Lebens", laut dem die Evolution des Menschen ein bedauernswerter Unfall ist und worin die "nutzlose" Spezies sich verpflichtet, allen Raubbau an der Natur zu beenden, wenn möglich Schäden zu beheben und sich fortan nur noch von Pflanzenresten zu ernähren, die keine Verbindung mehr zu ihrem Organismus haben.

Die radikale Sekte hat sich zwar noch nicht flächendeckend durchgesetzt, aber immerhin erste Schritte in ihre Richtung hat auch der Staat in der Welt dieses Romans schon eingeleitet, in dem die "neu an die Macht gekommene Naturpartei" regiert. In dieses zwischen heutiger Realität und Satire changierende Biotop wirft der Autor eine Figur, die nur einen Nachnamen trägt: Bergheim, was vielleicht an Kafkas älteren Junggesellen Blumfeld erinnern mag und ein gewisses wahnhaftes Erleben bereits voraussagt.

Bergheim ist Student und bildet mit seinen Kommilitonen Ansgar und Charlotte ein verschworenes Trio, das mitten zwischen universalistischem Wissensdurst und Statusdenken, antiquiert-dandyhaftem Verhalten und Avantgarde-Träumen noch dabei ist herauszufinden, wie es eigentlich leben will. Man frequentiert eine wunderbare Antiquariatsbuchhandlung, in der zum Tee die Weltkultur serviert wird, besucht gemeinsam eine ebenfalls phantastisch anmutende Naturkundevorlesung, die in die Tiefen der Erdgeschichte führt, während nebenan im Öko-Copyshop die Zukunft durchgespielt wird.

In einem dezidierten Retro-Erzählton und mit ästhetizistischer Akribie kostet Eckhart Nickel die märchenhafte Beschreibung dieser Welt aus, die ihren Höhepunkt im Besuch einer Aroma-Bar findet. Dort begibt man sich zur Musik von Kraftwerk oder Jean-Michel Jarre auf duftgeleitete synästhetische Trips, die Aldous Huxleys "Feelies" noch in den Schatten stellen. Dazu nippt man an alkoholfreien Naturcocktails wie dem blutroten "Stokerama", der auf Roter Bete, Blutorange, Lakritz und schwarzer Johannisbeere basiert - garniert mit einer winzigen Prise "Handmined Crushed Tibetan Pink Sundried Single Rock", vulgo: Salz.

Die studentische Phase von Bergheim und seinen Freunden liegt zu Beginn des Romans allerdings schon in der Vergangenheit. Wir begegnen hier dem Protagonisten Jahre später auf einem Bio-Bauernmarkt, und gleich der erste Satz deutet an, dass inzwischen mit der Schöpfung etwas schiefgegangen ist: "Mit den Himbeeren stimmte etwas nicht." Durch diesen Satz besiegelt das Buch zugleich seinen Drang zum phantastischen Horrortrip: Denn nicht nur mit den merkwürdig fadenscheinigen Himbeeren aus einer Kooperative namens "Sommerfrische" stimmt etwas nicht, auch die Tiere auf dem Markt offenbaren wunde Stellen im Fell, unter denen kein Blut, sondern eine gräulich glänzende Fleischmasse zum Vorschein kommt, die "verdorbener Hähnchenbrust in Zellophan ähnelte".

Beim Versuch, der Ursache auf die Spur zu kommen, landet Bergheim in einem sonderbaren kulinarischen Forschungsinstitut, in dem er überraschenderweise seiner früheren Freundin Charlotte wiederbegegnet, die allerdings zombiehafte Züge trägt, später auch Ansgar und einer weiteren Kommilitonin von früher, die schließlich zur Aufklärung einer über Buchlänge spannend gehaltenen Schreckensvermutung über die künstliche Herstellung der Wirklichkeit im Labor beiträgt. Die innerfiktionale Wirklichkeit des Geschilderten, somit auch die des Schrecklichen, wird allerdings durch mehrfache Andeutung von Wahn- und Traumzuständen auch wieder relativiert.

Als Roman ist "Hysteria" selbst ein reichlich seltsames Gebilde, dessen größten Teil die beschriebene Rückblende in die Studentenzeit ausmacht, die allerdings nicht im Plusquamperfekt von der Rahmenerzählung abgesetzt ist, sondern ebenso wie diese im epischen Präteritum steht - da kann man gelegentlich schon mal etwas durcheinanderkommen. Vielleicht kann man sich das Wahrnehmen dieses Gebildes so vorstellen wie den Spaziergang auf dem Rand einer auf die Spitze gestellten Horror-Himbeere, bei dem man plötzlich in deren dunklen Innenraum stürzt, um sich dann mühsam wieder zum Rand hochzuarbeiten.

Eckhart Nickel, der mit Christian Kracht einmal so etwas wie die Heidelberger Zelle der Popliteratur gebildet hat, greift insbesondere in der Universitätsepisode des Buchs die seit Krachts "Faserland" vielverhandelten Themen Dandyismus und Ästhetizismus satirisch wieder auf. Das Heidelberger Leben ist auch in diesem Roman wohl nicht ganz spurenlos geblieben, wie sich an Spielereien wie dem Namen Bergheim zeigt, aber auch anhand einer Buchhandlung namens Weiss, die in der Wirklichkeit leider inzwischen nicht mehr existiert, im Roman dafür zu einem märchenhaften Palast aller verschwundenen oder verschwindenden schönen Dinge emporwächst, in dem die Regale noch höher sind, als es die von Friedrich Gundolf je waren.

Den Hang zum spielerisch ausgekosteten Beschreiben von Kunst- und Modegegenständen, den Nickel als Stilkolumnist, auch in dieser Zeitung, seit längerem pflegt, hat er in seinem Romandebüt auf die Spitze getrieben; er hat dem Buch aber durch den Ausgriff in Phantastik und Science-Fiction noch eine ganz andere Wendung gegeben. Wie er darin grassierende Verschwörungstheorien mit aktuellen Problemen der Nahrungsmittelindustrie zusammenbringt und den Leser immer wieder im Unklaren über die Verlässlichkeit des Erzählten lässt, ist durchaus einnehmend, gerade weil es in so übertriebener, das Genre des Ökothrillers auch wieder parodierende Weise geschieht. Sein Titel "Hysteria" mag zudem an ein umstrittenes Lied von Def Leppard erinnern.

Mit ästhetischen Verweisen und Zitaten ist dieses Buch über und über behängt wie ein gigantischer Fake-Weihnachtsbaum, den man staunend betrachtet, bis er schließlich abgefackelt wird. Aber "ausgezeichnete Elektromusik aus allen überlieferten Epochen, dazu Getränke, die man sonst nirgendwo bekam und die einen fast ausnahmslos ohne Alkohol nach vorne brachten", dazu "eine perfekte quadratische Tanzfläche, über die im Karree ein Lichtband lief" - welcher andere Roman bietet einem das schon?

JAN WIELE.

Eckhart Nickel: "Hysteria". Roman.

Piper Verlag, München 2018. 240 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Mögen Kritiker diesen Roman auch für dekadent oder reaktionär halten, es wird ihn nicht anfechten können, ist sich Christoph Schröder sicher. Unangreifbar machen ihn in den Augen des Rezensenten die sprachliche Eleganz, die Anklänge an Stifter, Raabe und Ernst Jünger sowie die Kunstfertigkeit, mit der "Hysteria" ein Grundgefühl von Überspanntheit und Bedrohlichkeit erzeuge. Wie das geht? Eckart Nickel, einst "Tempo"-Autor und Teil des popkulturellen Quintetts Tristesse Royale, erzählt in seinem tatsächlich ersten Roman von einem Mann, der in seiner hypernervösen Übersensibilität erkennt, dass mit den Himbeeren auf dem Bio-Markt etwas nicht stimmt. Rezensent Schröder sieht in der Folge ein System aus Wahn und Hysterie, Paranoia und Verschwörungstheorie entworfen, das zwischen Archaik und Dystopie schwebt und unerklärlich bleibt. Ironie? Für Schröder spielt diese Kategorie keine Rolle mehr.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 04.09.2018
Die Tentakel der Himbeere
Eckhart Nickels Roman „Hysteria“ über eine Ökopartei an der Macht und einen hypersensiblen Mann in einer verfallenden Welt
Etwas sehr Kleines trifft mit ungeheurer Geschwindigkeit Bergheims Auge. Und sofort gerät er in Panik, schüttelt den Kopf, schlägt um sich, lässt niemanden an sich heran, bis Charlotte ein Machtwort spricht, Bergheim zur Besinnung bringt und das an seinem Lid zappelnde Insekt mit spitzen Fingern entfernt. Charlotte gibt Entwarnung: „Musca domestica“. Doch Ansgar, Bergheims alter Studienfreund, merkt an, dass Bergheim die gemeine Stubenfliege schon immer gehasst habe: „Ich war zu Studienzeiten selbst Zeuge einiger subtiler Jagden in seinem für Mücken aller Art verbotenem Zimmer.“
Es ist einer der Augenblicke in Eckhart Nickels Roman „Hysteria“, in dem die zahlreichen Erzählschichten sich kurz berühren – das hypernervöse und überempfindliche Sensorium seines Protagonisten Bergheim, dessen überschießende Reaktionen, die mikroskopische Betrachtung von Natur oder dem, was man dafür hält, die literarischen Anspielungsebenen – bevor all das wieder auseinanderdriftet. Die Pointe dieses Romans dürfte unter anderem darin bestehen, dass man einen Zusammenhang seiner luzide arrangierten Ebenen erkennen möchte, den es möglicherweise gar nicht gibt.
Eckhart Nickel ist eine schwer zu fassende Figur. Er hat für das Magazin Tempo geschrieben, hat als Mitglied des popkulturellen Quintetts unter anderem mit Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht in einem Kaminzimmer des Hotel Adlon versucht, einen champagnerumwölkten Schnappschuss der Gegenwart am Ende des 20. Jahrhunderts festzuhalten, hat gemeinsam mit eben jenem Christian Kracht vom Redaktionssitz Kathmandu aus die Literaturzeitschrift Der Freund herausgegeben und ist nun mit seinem tatsächlich ersten (veröffentlichten) Roman auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Und wie bei fast jeder öffentlichen Äußerung Nickels stellt sich auch hier die Fragen: Was ist ironisch gemeint? Ist die Kategorie der Ironie überhaupt noch eine, die einen Erkenntniswert hat? Und ist das, was man an Lesarten angeboten bekommt, ungemein reich oder bereits beliebig?
„Hysteria“ beginnt mit einem Einkauf auf einem Bio-Wochenmarkt. Bergheim kauft eine Schale Himbeeren: „mit den Himbeeren stimmte etwas nicht.“ Man muss sich gleich zu Beginn der Lektüre auf einen Systemwechsel einlassen. Das System dieses Romans heißt Wahn, heißt Paranoia, Überzeichnung und Verschwörungstheorie. Es ist das System Bergheim, dem ein so genauer wie nach konventionellen Maßstäben verschobener Wahrnehmungsapparat zugrunde liegt.
Die Himbeeren also, das Produkt einer Kooperative namens „Sommerfrische“, deren Name auf das Obstkörbchen aufgedruckt ist, selbstverständlich in Frakturschrift, sehen für alle aus wie gewöhnliche Himbeeren. Nur nicht für Bergheim, der sich in einer hyperrealistischen Perspektive an die Einzelhimbeere heranzoomt, bis die aus den Fruchtwaben herausragenden Härchen zu Tentakeln und die Fruchtzellen zu gräulichen Spinnenköpfen werden, die in Bergheim den Genussreiz durch blanke Furcht ersetzen. Das Verfahren, sich die Dinge in einem mikroskopischen Verfahren so nahe heranzuholen, bis sie zur Unkenntlichkeit entstellt sind, ist eines der ästhetischen Prinzipien von „Hysteria“, das wiederum anschlussfähig ist an die nicht ohne Grund zitierten subtilen Jagden des Käfersammlers Ernst Jünger.
Die Welt, die Nickel weniger beschreibt als neu entwirft, ist in einem Schwebezustand zwischen Archaik und unheilvollem Zukunftsszenario. Es stimmt nicht nur etwas mit den Himbeeren nicht; die ganze Welt scheint sich in einem Kippmoment zu befinden, den allerdings nur Bergheim („Merkten die anderen Marktbesucher denn nicht, was hier gerade geschah?“) in seiner ganzen Bedeutung zu erfassen in der Lage ist. Er steht für eine Epoche des Verfalls, der sich ganz offensichtlich darin manifestiert, dass die Natur durch Künstlichkeit ersetzt, aber eben in dieser Künstlichkeit in einen Zustand des Ursprünglichen zurückversetzt werden soll.
Bergheim folgt der Spur der Bio-Himbeeren aus der Stadt hinaus zu der Kooperative „Sommerfrische“ und gerät schließlich, über Umwege, in das Gebäude und die labyrinthischen Gänge eines kulinarischen Instituts, in dem er sowohl Charlotte, seine Ex-Freundin aus Studienzeiten, als auch seinen ehemaligen Freund Ansgar wiedertrifft.
In jenem Institut entdeckt er ein Gerät, das seinen Benutzer mithilfe elektronischer Impulse in einen tranceähnlichen Zustand versetzt und gedanklich in die Vergangenheit transportiert. Die Erzählebenen wechseln zwischen den Erinnerungen Bergheims an seine Studienzeit und der Gegenwartsebene. Beides ist vielfach miteinander verzahnt, unter anderem durch eine Gruppe von Studierenden, die nicht nur dem Raubbau an der Natur, sondern gleichzeitig auch in einer halbironischen Wendung den zunehmend rigiden Vorschriften „der neu an die Macht gekommenen Ökopartei“ ein aus zehn Punkten bestehendes Manifest entgegensetzen. In „Hysteria“ ist der Fleischverzehr mittlerweile an allen Wochentagen, die kein oder nur ein N in ihrem Namen führen, verboten.
Nickels Roman ist wie seine Sprache manieristisch, aber nicht manieriert. Er ist raffiniert anschlussfähig an die Literaturgeschichte: Von Kafka hat er das unerklärbar Absurde, von Stifter die Beschreibungsausführlichkeit, von Raabe die Gewissheit, dass die Welt zum Unheil verurteilt ist, obwohl sie noch heil aussieht, und von Jünger den Gestus der heroischen Unterwerfung der Natur, die Bezwingung der Phänomene zugunsten einer Ästhetisierung und eines souveränen Arrangements. Man mag eine solche Schreibweise dekadent nennen und auch reaktionär, aber all diese Zuschreibungen prallen an dem Text ebenso ab wie der Versuch, einen Aktualitätsbezug in ihn hineinlesen zu wollen. Und doch ist „Hysteria“ in seiner sprachlichen Eleganz so unanfechtbar wie beunruhigend durch die Erzeugung eines überspannten Grundgefühls von Bedrohung.
In einer wohlgesetzte Schlusspointe, die im Detail nicht verraten werden soll, zersprengt ein sich Bahn brechender menschlicher Affekt Charlottes alle Bemühungen von Kultivierung und durchstößt die sorgsam hergestellte Oberfläche des Artifiziellen. Die immer wieder beschworene Renaturalisierung zeigt hier nicht ihre idyllische, sondern ihre rohe Seite. Und man meint, den Autor hinter den Kulissen zufrieden, aber auch ein wenig irre kichern zu hören.
CHRISTOPH SCHRÖDER
Eckhart Nickel: Hysteria. Roman. Piper Verlag, München 2018. 240 Seiten, 22 Euro.
Fleischverzehr ist an allen
Wochentagen, die kein oder nur
ein N im Namen tragen, verboten
Auch das Appetitliche wird unheimlich, wenn man ihm zu nahe kommt, zeigt Eckhart Nickels für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman.
Foto: dpa/Inga Kjer
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"(Das ist) allerbeste literarische Feinkost - ein kulinarischer Pop-Roman. Man könnte auch von 'Beluga-Literatur' sprechen.", Deutschlandfunk Kultur, 09.01.2019
»Virtuos und Anspielungsreich kombiniert der Autor hochliterarische Referenzen mit Elementen der Alltags- und Popkultur. Ein wilder, ironischer Ritt durch die existentiellen Nöte und Befindlichkeiten der Postmoderne.«, Vogue