Vater unser - Lehner, Angela
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Sie weiß alles, sie kriegt alles, sie durchschaut jeden. Nur sich selbst durchschaut sie nicht: Eine Geistesgestörte, wie es sie noch nicht gegeben hat: hochkomisch und zutiefst manipulativ. Die Polizei hat sie hergebracht, in die psychiatrische Abteilung des alten Wiener Spitals. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie…mehr

Produktbeschreibung
Sie weiß alles, sie kriegt alles, sie durchschaut jeden. Nur sich selbst durchschaut sie nicht: Eine Geistesgestörte, wie es sie noch nicht gegeben hat: hochkomisch und zutiefst manipulativ.
Die Polizei hat sie hergebracht, in die psychiatrische Abteilung des alten Wiener Spitals. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden. In ihrem fulminanten Debüt lässt Angela Lehner eine Geistesgestörte auftreten, wie es sie noch nicht gegeben hat: hochkomisch, besserwisserisch und zutiefst manipulativ.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser Berlin
  • Artikelnr. des Verlages: .516/26259
  • Seitenzahl: 284
  • Erscheinungstermin: 18. Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 134mm x 25mm
  • Gewicht: 366g
  • ISBN-13: 9783446262591
  • ISBN-10: 3446262598
  • Artikelnr.: 54342039
Autorenporträt
Lehner, Angela
Angela Lehner, geboren 1987 in Klagenfurt, aufgewachsen in Osttirol, lebt in Berlin. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien, Maynooth und Erlangen. U.a. nahm sie 2016 an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin und 2017 am Klagenfurter Häschenkurs teil. 2018 war sie Finalistin des Literaturpreises Floriana. "Vater unser" ist ihr erster Roman.
Rezensionen
Besprechung von 19.03.2019
Die Krankenhaustesterin
Beeindruckendes Debüt: Angela Lehners Psychiatrieroman „Vater unser“
Was wäre die deutschsprachige Gegenwartsliteratur seit Peter Henisch und Josef Winkler, was wären vor allem die Debüts der letzten Jahrzehnte ohne die Abrechnung mit dem Vater? Angela Lehners Romanerstling „Vater unser“ steht in dieser Tradition und beschreitet doch eigene Wege, als fiktive Geschichte der Leerstellen und falschen Sicherheiten, als ironisch getönte Milieustudie im psychiatrischen Klinikalltag.
Der Wiener Steinhof (mit Betonung auf der zweiten Silbe) ist ein Schauplatz von literaturgeschichtlicher Bedeutung: Thomas Bernhards autobiografisches Erinnerungsstück „Wittgensteins Neffe“ (1982) spielt dort und in der benachbarten Lungenheilanstalt Baumgartnerhöhe, wo der Erzähler sich von einer Operation erholt, während sein Freund Paul Wittgenstein in der „Irrenanstalt“ Am Steinhof weilt; man trifft einander am Zaun zwischen den Parkanlagen.
Mittlerweile hat die Stadt den kontaminierten Namen in einem Versuch historischer Flurbereinigung durch „Otto Wagner Spital“ ersetzt, nach dem Architekten der Pavillon-Anlage, der Volksmund freilich schickt die Verrückten wie eh und je „nach Steinhof“. Und Angela Lehners Ich-Erzählerin bevorzugt ebenfalls eine unverblümte Ausdrucksweise, wenn sie die gestörte Rundwanderweg- und Schrebergartenidylle nebenan beschreibt: „die Irrenanstalt als Naherholungsgebiet“.
Die junge Frau heißt Eva Gruber und wurde nach einigen öffentlichen Auffälligkeiten von der Polizei ins „OWS“ eingewiesen; dass sie, wie sie behauptet, eine Kindergartengruppe erschossen hat, stimmt freilich nicht. Überhaupt ist kein Verlass auf das, was sie uns und ihrem behandelnden Arzt Dr. Korb erzählt. Hat ihr Vater sich umgebracht, oder lebt er mit seiner neuen Familie in Evas Kindheitshaus? Hat er sie und ihren jüngeren Bruder Bernhard einst wirklich missbraucht, oder dient das nur als Aufputz für ihre Krankengeschichte?
Dr. Korb scheint letzteres zu argwöhnen. „Ich interpretiere da nichts Sexuelles rein; Missbrauch ist ein ausgelutschtes Thema“, heißt es einmal über das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn. Der ist nämlich auch am Steinhof eingeliefert worden, magersüchtig und lebensüberdrüssig. In einem anderen Pavillon untergebracht, meidet er seine Schwester wie die Pest. Schließlich taucht auch noch die Mutter im Spital auf, als Besucherin zunächst, dann auch als Teilnehmerin an einer Familientherapie, der Eva sich nur unterzieht, um ihren Fluchtplan besser zu tarnen.
Vor allem im ersten der drei Romanteile – „Der Vater“, „Der Sohn“, „Der Heilige Geist“ – präsentiert sich die Erzählerin als unerschrockene Heldin mit manischer Selbstüberschätzung, als manipulative Rebellin, die sich nichts gefallen lässt oder jedenfalls nur so viel, wie unbedingt nötig, und die über das exotische Soziotop der mehr oder minder verstörenden Kranken, der Ärzte, Schwestern und „Schwesteriche“ im Stil einer Krankenhaustesterin berichtet; die dabei wenig respektvoll über ihre Schicksalsgenossen spricht und sich über Dr. Korbs Schweigen in der Therapiesitzung mokiert: „Man würde ja denken, dass so ein Psychiater einmal ein Gespräch anstößt, um die geistige Genesung voranzutreiben. Man würde denken, dass er ein bisschen was in die Vorbereitung investiert.“
Abgesehen von einem unmotiviert ausführlichen Monolog über die entartete Sexualität der Gegenwart, liefert Evas sprödes Kommunikationsverhalten eine erfrischende Persiflage therapeutischer Konventionen.
Daß sich zwischen dem müden Arzt und seiner widerspenstigen Patientin schließlich doch so etwas wie Freundschaft entwickelt, zeigt Lehner diskret allein über deren Dialoge. Die Perspektive der Schelmin, die rotzig und trotzig um ihre Souveränität ringt und ihre Position behauptet, indem sie das Personal das Fürchten lehrt, bewahrt die Autorin vor Krankheitspathos und Larmoyanz und erlaubt ihr, die Spitalstristesse bald mit herzhaftem Dialekt, bald mit bitterem Witz zu würzen: „Morgen ist ein neuer Tag, den man zugrunde richten kann.“
Im zweiten Teil ändert sich der Ton zusehends, die Rückblicke aus dem Präsens der Erzählgegenwart in das Imperfekt einer Kärntner Kindheit häufen sich, der geliebte Bruder rückt in den Mittelpunkt, und die Verletzungen einer scheinbar Starken, die nächtens schreiend aus dem Schlaf schreckt und sich die Beine blutig kratzt, werden sichtbar. Nach einem Streit mit der Mutter erschrickt Eva über ihr Spiegelbild in der Glastür: „Wann habe ich angefangen zu weinen?“
Eine Urszene verfolgt sie, poppt im Text wiederholt auf, ein Hausaltar mit dem Gekreuzigten und einem Portrait von Jörg Haider, gestickte Tischdecke, Räucherstäbchen. In absichtsvoller Undeutlichkeit ersteht das Bild des Vaters als die Parodie eines Familienoberhaupts – ein schwer depressiver Mann, Dauerschläfer und Kettenraucher, der sich in seinem Zimmer einschließt und für seine Kinder unerreichbar bleibt, während die Mutter den Broterwerb übernimmt. „Asche folgte dem Vater, wohin er auch ging. Kam sie nicht von den Räucherstäbchen, dann löste sie sich von den Zigaretten und fiel ihm unbemerkt in den Schoß oder auf die Möbel.“
Kaum vorstellbar erscheint es, dass der Schrecken für Bruder und Schwester allein von diesem tödlichen Ausgebranntsein ausging: „Unser Geschwür ist der Vater. Der Vater wuchert uns unter der Haut, er dringt uns aus den Poren.“ Angela Lehner nennt die Dinge jedoch bewußt nicht beim Namen. Ehe sie ein „ausgelutschtes Thema“ bedient, bleibt sie lieber vage, wie sie überhaupt vor Klischees zurückscheut: Die katholische Erziehung ist zwar als drohendes Kreuzzeichen über einer zerbrechenden Familie geschlagen, doch der Kindheitspfarrer erhält eine freundliche Vignette.
Im dritten Teil bricht die Erzählung noch aus der geschlossenen Anstalt in ein Roadmovie aus, das der Rettung des Bruders gilt, aber jedenfalls die psychotische Realitätstrübung der Erzählerin bloßlegt. Ein angeblich Lebender ist lange tot, ein angeblich Toter lebt. Der Leser bleibt mit den eigenen Sinnestäuschungen zurück, ein bißchen verstört, ein bißchen ratlos und ziemlich beeindruckt.
DANIELA STRIGL
Aus dem Soziotop der
Kranken, der Ärzte, Schwestern
und „Schwesteriche“
„Der Vater wuchert uns
unter der Haut, er dringt uns
aus den Poren.“
Angela Lehner:
Vater unser. Roman.
Carl Hanser Verlag,
München 2019,
284 Seiten, 22 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Die Verunsicherung, die entsteht, wenn die einzige verfügbare Perspektive, jene einer Verrückten ist, macht den Roman äußerst reizvoll. Dass es sich um ein Debüt handelt, merkt man dem Text nicht an. Lehner spielt gekonnt mit literarischen Traditionen, Genres und Motiven." Veronika Schuchter, Deutschlandfunk, 09.04.19 "Als Leser kann man sich nur schwer von Eva Grubers Perspektive lösen - und das ist das Glück dieses Debüts. Man kann ... "Vater Unser" allerdings schnell auch ein zweites Mal lesen. Beim zweiten Mal wäre es - und das schaffen nicht viele Bücher - womöglich ein anderes." Julia Friese, Spiegel Online, 05.04.19 "'Vater unser' ... beschreibtet eigene Wege, als fiktive Geschichte der Leerstellen und falschen Sicherheiten, als ironisch getönte Milieustudie im psychiatrischen Klinikalltag. ... Der Leser bleibt mit den eigenen Sinnestäuschungen zurück, ein bißchen verstört, ein bisschen ratlos und ziemlich beeindruckt." Daniela Strigl, Süddeutsche Zeitung, 18.03.19 "'Vater unser' hat etwas, das andere Romane nicht zusammenbringen: er verweht nicht nach der letzten Seite. Die Unsicherheit, die er auslöst, bleibt im Kopf, Eva Gruber - um die 25 Jahre alt, hochintelligent - bleibt im Kopf." Peter Pisa, Kurier, 23.02.19 "Ein Roman, der lakonisch kommentiert ohne dabei sein Feingefühl für Figuren und Konfliktlinien zu verlieren. Ein Debüt, das berührt und unterhält und wie man es gern öfter lesen würde." Miriam Zeh, SWR2 Lesenswert, 22.02.19 "Es ist beängstigend, wie sehr sich Angela Lehner in den Kopf einer potenziellen Amokläuferin versetzen kann. Konsequent aus der Perspektive der Protagonistin erzählt, ist man als Leser live dabei, wie sich Wirklichkeit und Fantasie, Zärtlichkeit und Aggression in ihr zu einer multiplen Persönlichkeit vermengen." Harald Klauhs, Die Presse 16.02.19…mehr