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Benutzername: helena
Wohnort: Potsdam
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Danksagungen: 19 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 119 Bewertungen
Bewertung vom 07.03.2021
Big Sky Country
Wink, Callan

Big Sky Country


schlecht

Sehr enttäuscht

Diesen Roman, von dem ich viel erwartet hatte und dessen klarer Schreibstil mir so gut gefiel, habe ich enttäuscht und angewidert kurz vor der Hälfte abgebrochen. Achtung Spoiler.
Hier wird eine Mehrfachvergewaltigung einer jungen Frau durch verschiedene junge Männer beschrieben, die ich in dieser Form nicht lesen wollte. Es sollte darum gehen, wie August, der jugendliche Hauptprotagonist seine erste richtige Freundin kennen lernt. Da der Autor sehr bildhaft, fesselnd und atmosphärisch schreibt, war ich sehr nah dran am Geschehen und wurde von der folgenden Vergewaltigung wirklich überrascht und überrumpelt (wer lernt seine zukünftige Freundin schon bei einer Mehrfachvergewaltigung kennen) Ich war so angeekelt, dass ich das Buch an dieser Stelle wirklich beendete. Ich las noch kurz in den Schluss hinein, aber für mich hatte sich die Lektüre damit erledigt. Ich empfand es reißerisch, effekterheischend und unsensibel vom Autor.

Generell geht es manchmal recht rau und brutal zu. Schon die Eingangszene mit den massenhaft getöteten Katzen, die ich etwas überlesen hatte, da ich es nicht ertrug, hätte mich vielleicht warnen können. Andererseits gefiel mir dieser ungeschönte und direkte Blick auch...erstmal.

Ich hatte wirklich große Lust auf diese Sozialstudie des Mittleren Westens sowie Montanas zu Zeiten von George Bush. Ich wollte gern wissen, welches Menschenbild der Autor zeichnet, welche Erfahrungen und Überlegungen er einfließen lässt. Ich war sehr neugierig auf August, der so verschlossen mit dem Strom schwimmt und seinen eigenen Weg nach der Trennung seiner Eltern finden muss. Ich wollte gern wissen, wie August sich entwickelt und wofür er sich entscheidet. Ich war bereit mich auf die Figuren, ihre Gedanken und Gefühle einzulassen, doch nach dieser Vergewaltigungsszene hatte ich jegliches Interesse am Werk und auch am Autoren verloren. Schade.

Bewertung vom 30.10.2020
Dream Big
Nassar, Zeina

Dream Big


sehr gut

Bereichernder Einblick in das Leben und Denken der Amateurboxerin Zeina Nassar

Die 21 jährige Berlinerin Zeina Nassar boxt seit ihrem 13.Lebensjahr sehr erfolgreich im Amateurbereich. Sie gewann 2018 die Deutschen Meisterschaften sowie mehrfach die Berliner Meisterschaften.
In der vorliegenden Autobiographie lässt sie die Leser*innen sehr nahe an ihrem Leben teilhaben, in dem der Boxsport zwar im Mittelpunkt steht, aber auch viele andere Themen angesprochen werden, da sie eine vielseitig interessierte und talentierte junge Frau ist!

Ihre Eltern stammen aus dem Libanon, worüber man auch einige spannende Einblicke durch sie erhält, insbesondere die Fluchtgeschichte der Mutter wirkte sehr nach.
In Zeinas Leben spielt insbesondere der Sport eine große Rolle: Fußball, Basketball – Boxen, sie liebt den Sport generell. Insbesondere das Boxen – die einstige Männerdomäne. Sie berichtet von der entfachten Leidenschaft, von der anfänglichen Skepsis ihrer Eltern, vom Training, von den Wettkämpfen, von Erfolgen und Misserfolgen. Sie und ihre Trainerinnen setzten mit viel Beharrlichkeit durch, dass Frauen mit Hidjab/ Kopftuch, die bislang von Wettkämpfen ausgeschlossen wurden, nun sowohl in Deutschland als auch international starten können.

Das Buch ist aber auf keinen Fall ein reines Sportbuch. Zeina ist beeindruckend vielseitig interessiert und hinterfragt viele Erscheinungen des politischen und sozialen Lebens um sich herum. Sie äußert sich zu Diversität, Feminismus, Religionsfreiheit und mehr. Für diese Werte tritt sie zudem politisch aktiv ein und ist sich vor allem auch außerhalb des Sports ihrer Vorbildfunktion bewusst.

Sie wirkt sehr energetisch, zielstrebig, mutig und zäh. Sportlich und mental absolut fit, musste sie sich das aber auch erarbeiten und viel Zeit und Herzblut investieren. Das ist spannend und gut nachvollziehbar beschrieben. Sie spricht zudem sehr ehrlich von ihren Schwächen und Rückschlägen, über ihre „Sportsucht“. Das gefiel mir sehr gut, da so ein ausgewogenes Bild entstand. Ein wenig fehlte mir dennoch der Einblick, welche Dinge in ihrem Leben wirklich zu kurz kamen und für den Sport „geopfert“ wurden.

Insgesamt macht Zeina aber immer wieder Mut, inspiriert, gibt Kraft und Stärke: „Ich bin nach Rückschlägen immer wieder aufgestanden, so wie man sich nach einem Unfall wieder ans Steuer setzt, weil man sonst nie wieder fährt. Ich habe es nochmal getan, und es war schlimm, da mache ich niemandem etwas vor. Doch beim zweiten Mal, na gut, da war es auch schlimm. Aber beim dritten Mal war es weniger schlimm und beim zwanzigsten Mal schön."

Beim Lesen fragte ich mich hin und wieder, wie sie wohl 30 Jahre später über ihre Lebenseinstellung denken wird und überhaupt, welchen Lebensweg sie einschlagen wird.

Obwohl ich kein Boxfan bin, las ich das Buch sehr gern und mit Gewinn. Es ist sehr fesselnd und interessant geschrieben, so dass ich es in einem Rutsch las. In einen Interview sagte sie, dass ihr Ghostwriter das Buch geschrieben habe, und an dieser Stelle gern ein Kompliment an ihn oder sie, es liest sich gut! Einfach, klar, sehr emotional, nie trivial, sondern voller kluger Gedanken und vor allem sehr ehrlich.
Auch die Fotos gefielen mir sehr gut, wenngleich mich die stete Werbung für ihren Sponsor etwas nervte. Sie machten aber auf jeden Fall Lust, noch über das Buch hinaus, mehr über Zeina Nassar zu erfahren.

Bewertung vom 30.09.2020
Streulicht
Ohde, Deniz

Streulicht


gut

Chancenungleichheit im Bildungsbereich

Ein junges Mädchen wächst in einem Frankfurter Industrieviertel auf. Ihre Mutter stammt aus der Türkei, ihr Vater aus einer deutschen Arbeiterfamilie.
Aus der Ich-Perspektive erleben die Leser*innen nun die Dysfunktionalität ihrer Familie, nehmen am steinigen Bildungslebenslauf der namenlosen Protagonistin teil und erfahren Alltagsrassismus und Milieudeterminismus in Deutschland.

Die Familiensituation ist für das Mädchen sehr schwierig. Der Vater ist Fabrikarbeiter. In seiner (Nach-)Kriegsgeneration galt die Selbstbeschränkung als Pflicht. Eigene Wünsche lernte er nie zu formulieren. „Das ganze Leben meines Vaters war eine einzige Ersatzhandlung“. So hortet er massenhaft Dinge zu Hause und ist alkoholabhängig. Wenn er betrunken ist, wird er aggressiv und der Mutter gegenüber gewalttätig.

Das Innenleben der Hauptprotagonistin wird sehr nahbar dargestellt, so dass ich ihre Lebenswelt gut nachvollziehen sowie mitfühlen konnte. Sie tat mir oft sehr leid. Keiner hört ihr wirklich zu bzw. interessiert sich für sie. Sie hat keinerlei Unterstützung und wird immer wieder von anderen niedergedrückt. Zum Aufbegehren fehlt ihr die innere Stabilität.
Sie steht sowohl zu Hause ständig unter Anspannung als auch in der Schule. Sie möchte am liebsten unsichtbar sein. Sie wünscht sich weit weg und spürt stets eine „unsichtbare Wand zwischen [ihr] und dem Ort“ in dem sie lebt.
Ihrem Milieu zu entfliehen oder gar sich selbst zu entwickeln wird ihr kaum ermöglicht, wobei sie es dennoch beharrlich versucht. Insbesondere werden ihr von den verschiedensten Lehrer*innen immer wieder Steine in den Weg gelegt. Auch wird sie von der Mittelschicht, dem Bildungsbürgertum weder wirklich angenommen noch akzeptiert.
Zudem sieht sie sich, aufgrund ihres Namens und ihres Aussehens von klein auf, obwohl sie eine Deutsche ist, ständig mit rassistischen Anfeindungen konfrontiert. Zur türkischen Community besteht überhaupt kein Kontakt und auch der Sprache ihrer Mutter ist sie kaum mächtig.

Diese Darstellung des Mädchens, welches zur jungen Frau heranwächst, überzeugte mich sehr, die Darstellung ihrer Familienstruktur jedoch nicht immer. Ich fand es nicht so ganz überzeugend, dass der Vater als langjähriger Alkoholiker dennoch seiner regelmäßiger Arbeit nachgehen konnte. Auch die Mutter wurde einerseits als sehr fleißig, emsig, tätig schaffend dargestellt, andererseits wurde immer wieder vom teils verwahrlosten, staubbeschichteten, überall nach Rauch riechenden Haushalt berichtet. Auch konnte ich die Freundschaften, die hier zwar nicht wirklich tief und gleichrangig, aber dennoch langjährig bestanden, nicht so ganz nachvollziehen, da schienen mir die Herkünfte doch zu unterschiedlich.

Die Chancenungleichheit im Bildungswesen wurde sehr gut herausgearbeitet. An den Lehrer*innen wurde dabei kaum ein gutes Haar gelassen, was mir nach der zigsten Wiederholung dann doch etwas übertrieben vorkam. Überhaupt gab es insgesamt so gut wie keine positiven Aspekte, da die Autorin in negativen Zustandsbeschreibungen verbleibt. Auch dies blieb für mich letztlich unbefriedigend, da mir die beschriebenen Prozesse sehr bekannt sind und mich eher Lösungsorientierungen interessieren.

Sprachlich ist der Roman reich an Metaphern und Umschreibungen. So gelangen einerseits sehr schöne Bilder und kluge Beobachtungen, andererseits geriet es etwas schwafelnd und zu detailreich an Umgebungsbeschreibungen, die mich schlichtweg langweilten. Insgesamt ist der Spannungsbogen nicht sehr hoch. Der Ton ist sehr ruhig, die Atmosphäre düster, schwermütig, trüb und trist.

Fazit: Ein ruhiger Roman, der durch eine metaphernreiche Sprache auffällt und altbekannte jedoch aktuelle Themen wie die Chancenungleichheit im Bildungssektor sowie Alltagsrassismus nachvollziehbar abbildet. Für Menschen, die sich noch nicht damit auseinandergesetzt haben empfehlenswert sowie für Menschen, denen ähnliches widerfahren ist und sich wiedererkennen

Bewertung vom 27.09.2020
Zugvögel
McConaghy, Charlotte

Zugvögel


sehr gut

Anschaulich erzählter Unterhaltungsroman, der mir etwas zu flach geriet
Im Mittelpunkt steht die psychisch sehr angeschlagene Franny, die wegen Mordes vier Jahre in Haft verbüßt hat. Sie möchte den letzten verbliebenen Küstenseeschwalben in die Antarktis folgen. Ein Fischerboot mit einer Besatzung voll interessanter Persönlichkeiten nimmt sie mit. Innerlich lehnt sie die Fischerbootbesatzung jedoch ab. Aktuell gibt es nämlich kaum noch Tierarten geschweige denn Fischarten auf der Welt. Franny sowie ihr Ehemann Niall, ein Ornithologe und Universitätsprofessor setzten sich vehement für Natur- und Umweltschutz ein. Doch nun sind sie getrennt und Franny muss allein den Küstenschwalben folgen...

Der Roman handelt zum einen auf dem Fischerboot. Stürme und andere Hindernisse müssen bewältigt werden. Die Dynamik zwischen der Besatzung wird gut, wenngleich etwas oberflächlich skizziert und das Leben dieser Seeleute interessant beleuchtet.
Zum anderen gibt es häufige Rückblenden in verschiedene Zeiten. Frannys Kindheit wird erzählt: sie lebte mit ihrer Mutter in Irland, wurde von dieser aber recht früh verlassen und musste zu ihrer Großmutter väterlicherseits nach Australien. Diese Jahre waren ziemlich hart. Sie kehrt zurück nach Irland, dabei stets auf der Suche nach ihrer Mutter und anderen Verwandten. Ihren zukünftigen Ehemann, Niall, lernt sie dabei an der Universität in Galloway kennen und lieben.

Dieser Unterhaltungsroman ist eine Mischung aus Krimi, Abenteuerroman, psychologischem Familienroman, Liebesgeschichte und Dystopie mit Schwerpunkt Tierschutz.

Zu Beginn gibt es viel Spannung, da nur Schritt für Schritt die Ereignisse der Vergangenheit gelüftet werden. Es gibt viele Andeutungen, vieles klingt geheimnisvoll und sehr dramatisch. Die erste Hälfte gefiel mir dementsprechend sehr gut. Doch dann geriet es mir leider zu vorhersehbar. Recht schnell wurde mir klar, worauf alles hinauslief, wobei mich dennoch einige Details überraschen konnten.
Auch geriet mir das Ganze leider insgesamt zu naiv, zu flach und eindimensional. Die Figuren konnten mich nicht mehr gut überzeugen und wirkten zu schablonenhaft. Zudem hatte ich mir erhofft, mehr über die Küstenseeschwalben zu erfahren oder mehr Hintergründe zum Artenschutz, doch blieb es hier bei recht knappen und oberflächlichen Informationen. Beim Anbringen der Peilsender hätte sich z.B.angeboten, die negativen Folgen von Vogelberingungen zu erwähnen....

Der Hauptfokus lag jedoch auf Franny und ihrer zerbrochenen Biographie. Sie ist traumatisiert und hat schwere Verluste erlitten. Sie ist düster, schwermütig, tieftraurig und verzweifelt über sich selbst. Sie hat „sich selbst satt“, kann nirgends lange bleiben, hat „Wanderfüße“ und fällt ihrem „entsetzlichen“ Willen immer wieder zum Opfer. Ihr Leben war „ein Vogelzug ohne Ziel“ und sie ist nun auf dem Weg, sich selbst zu zerstören.
Richtig warm wurde ich allerdings nie mit ihr und auch ihr Ehemann Niall blieb mir sehr fremd, ihn konnte ich am wenigsten verstehen.

Wie kann man frei und sich selbst treu sein, aber dennoch zuverlässig in familiären Bindungen leben? Die Frage stellt sich Franny immer wieder. Und auch die Seeleute leben in diesem Zwiespalt. So meint und betitelt der Roman nicht nur die Küstenseeschwalben als Zugvögel, sondern auch jene Menschen, die diesen „Wanderdrang“ in sich spüren.

Der anschaulich erzählte Roman überzeugte mich nicht so ganz, wird mir aber im Gedächtnis bleiben und gab mir einige Gedankenanstöße sowie einige eindrucksvolle Bilder vom Meer, von Krähenschwärmen, die einem Mädchen folgen sowie von Rettungsaktionen im eisigen Wasser.

Bewertung vom 21.09.2020
Ich an meiner Seite
Birnbacher, Birgit

Ich an meiner Seite


sehr gut

Nach wahren Begebenheiten

Der junge, bis zu seiner Straftat unbescholtene und eher schüchterne Arthur wird aus der österreichischen JVA Gerlitz nach der Verbüßung seiner mehrjährigen Haftstrafe freigelassen.
Jetzt wohnt er für ein Jahr in einem Betreuten Wohnen in Wien. Hier erhält er unter anderem Einzelcoachings von einen Sozialpädagogen, um wieder in das „normale“ freie und selbstverantwortete Leben zu finden. Doch alle Stellen-Bewerbungen verlaufen fruchtlos. Er scheint weder auf dem„Arbeitsmarkt, dem Partnermarkt, dem Wohnungsmarkt“ gute Chancen zu haben. Auch seine früh geschiedenen Eltern wollen keinen Kontakt zu ihm. Allein die alte Dame Grazetta hält zu ihm, die er vor Jahren schon im Hospiz, das seine Mutter in Spanien aufbaute, kennen lernte.

Der schon etwas ältere und sehr schräge Sozialpädagoge Börd, der immer wieder aus der Reihe fällt und vor allem unangenehm auffällt, hält ein Spezialprogramm für ihn bereit. Er soll sich eine „ureigene Originalversion“ seiner selbst vorstellen, so dass er in brenzligen Situationen diese „Rolle“ „spielen“ kann, denn auf diese Weise könne er ein besserer Mensch werden: „Niemand interessiert wer Sie sind. Entscheidend ist, wer Sie vorgeben können zu sein.“ Doch ist das der richtige Weg?

Zugleich erfahren die Leser*innen in eingeschobenen Rückblenden Arthurs bisherige Lebensgeschichte. Neben den Ausführungen, wie es zu der Straftat kam, wird auch seine etwas komplizierte Familiensituation ausgeführt. Seine Eltern trennten sich früh, zu seinem Vater gibt es kaum Kontakt. Seine Mutter wanderte mit ihrem neuem Freund nach Spanien aus und baute dort ein Hospiz auf. Dort wuchs Arthur zum Jugendlichen heran, fand Freunde und eine erste Liebe. Sein älterer Bruder kehrte indes bald nach Deutschland zurück.
Die Einblicke in seine Jugend gerieten spannend, etwas rätselhaft, etwas gruselig und sehr tragisch. Da hier vieles nur angedeutet, nicht ins Kleinste ausgeleuchtet wird, ergibt sich Raum zur Interpretation. Auch Arthur selbst blieb mir etwas fern, distanziert, nicht so ganz greifbar, was durchaus auch etwas in seinem Charakter begründet ist.

Nebenbei erhält man Einblicke in seine Hafterlebnisse, von denen er immer noch traumatisiert ist. Er lebte in einer Vierbettzelle, in der sogenannten „Mehrfachbelegung“. Das wird sehr krass und eindrücklich geschildert. So lernt man auch: „Samstags und Sonntags […] sterben die meisten Häftlinge weltweit“, es „passieren die meisten Gewalttaten und Vergewaltigungen“, da unter anderem weniger Personal an den Wochenendenden Dienst hat.
Alles in allem zweifelt man an der Sinnhaftigkeit von Haft, insbesondere wenn es um minderschwere Straftaten geht.

Der Roman ist zu einem großen Teil sehr frisch und lustig geschrieben, ich habe mich immer wieder amüsiert. Manches wirkte slapstickartig, satirisch und etwas merkwürdig bzw. albern, hier insbesondere alles um die Sozialarbeiter. Aber auch darüber hinaus gab es einige schräge Vögel. So wurde ich etwas eingelullt, um dann brachial mit der Realität und insbesondere dem brutalen Gefängnisalltag konfrontiert zu werden. Diese Gegensätze erwischten mich kalt und rüttelten mich dementsprechend auf. Der Roman konnte insgesamt viele Emotionen in mir hervorrufen und die Lektüre geriet zum Wechselbad der Gefühle.
3,5 Punkte

Longlist Deutscher Buchpreis 2020

Bewertung vom 21.09.2020
Die Topeka Schule
Lerner, Ben

Die Topeka Schule


ausgezeichnet

Ein politisch, psychologisch und soziologisch angelegter Familienroman, der in Topeka, der Hauptstadt des Staates Kansas angesiedelt ist. Es ist Mitte der 90er, kurz vor Bill Clintons Wahl.

Im Mittelpunkt steht eine dreiköpfige Intellektuellenfamilie aus der weißen Mittelschicht (Sohn Adam, Vater Jonathan, Mutter Jane) sowie ein problembelasteter Jugendlicher (Darren), der bei seiner Mutter aufwächst. Je Kapitel liest man monologisch die Perspektive einer der vier Hauptfiguren, die in ihren Denk- und Sprechweisen deutlich voneinander unterscheidbar sind.
Die Figuren reflektieren über verschiedenste Aspekte ihres gesellschaftlichen und privaten Lebens. Deutlich werden ihre Lebenssichten, ihre Lebensprobleme und auch die Konflikte untereinander. Insgesamt ergibt sich so ein recht komplexes Bild der Lebenswelt im amerikanischen Mittelwesten.

Im Fokus steht insbesondere Adam. Er steht kurz vor dem Schulabschluss und ist ein sehr erfolgreicher Debattenredner. Er ist klug und scharfsinnig. Regelmäßig leidet er jedoch unter Migräneattacken, steht unter hoher Anspannung und ist voller Wut, die hin und wieder aus ihm herausbricht. „[D]ieser ständige Druck sich als echter Mann auszugeben, sich erwartungsgemäß zu verhalten...“ macht ihm zu schaffen, ohne dass er sich davon distanzieren kann.
Er durchlebt eine erste Liebe, entdeckt seine Liebe zur Lyrik und verbringt viel Zeit beim Debattentraining oder -wettkampf.
Zum gleichaltrigen Darren hat er nicht viel Kontakt. Sie gingen zusammen in den Kindergarten und Darren versucht immer wieder Anschluss an die Cliquen zu finden. Doch er ist anders, war auch einige Zeit Patient bei Adams Vater, einem Psychotherapeuten. Darren ist die „jämmerliche Gestalt“, die„Provokation“, stetiges Opfer, der irgendwann zum Täter wird. Jahrelang verhöhnt und ausgegrenzt. Seine Kapitel sind sehr kurz gehalten und sie schaffen einen Spannungsbogen, der die übrigen Kapitel zusammenhält.
Jonathan, Adams Vater arbeitet in der Topeka Schule, ein innovatives Projekt der Sozialpsychiatrie. Er reflektiert über diese neuen Ansätze der Milieutherapie sowie über die Jugendlichen, die er therapiert. Auch denkt er über seine Filmprojekte nach und wie er Jane kennenlernte.
Adams Mutter Jane, ebenfalls Psychologin an der Topeka Schule, ist durch ihre feministischen Publikationen bekannt geworden. Aufgrund dessen erhält sie häufig anonyme Drohanrufe von Männern. Sie macht sich viel Gedanken um Adam sowie um ihre Freundin Sima.

Der Autor nutzt eine schöne Sprache, die mir dennoch manchmal etwas zu viel, zu anstrengend geriet. Das Lesen forderte meine volle Konzentration und ich bin mir sicher, nicht alles erfasst zu haben. Der Roman ist sehr dicht erzählt, manchmal etwas verschlüsselt, etwas abschweifend, manchmal leicht surrealistisch, aber stets fesselnd und gefangen nehmend. Er geriet immer wieder auch überraschend komisch in all seiner Ernsthaftigkeit.

Ein zentrales Thema, das alle Teile des Romans durchzieht, sind die vielfältigen Formen des Gebrauchs und der Funktion von Sprache. Sowohl durch den Gebrauch der Sprache durch den Autor selbst, als auch inhaltlich werden Fragen nach Sinn und Unsinn, Macht und Ohnmacht Sprache thematisiert, einschließlich des Schweigens oder auch der Gebärdensprache. Hochspannend in diesem Kontext gelangen die Einblicke in das Debattentraining. Gipfel der Absurdität ist natürlich das „Schnellsen“, welches bedeutet, dass man so schnell spricht, dass kaum einer mehr etwas versteht und der Gegner dadurch verliert, dass er nicht auf alle Argument antworten kann. Hier geht es letztlich nur um Form und Überredungskunst anstatt um politische Inhalte. Alles in allem befremdlich, merkwürdig, gar erschütternd und erschreckend, insbesondere durch die direkte Parallelen zur Politik.
Neben der Sprache sind Männlichkeitsbilder und -konstruktionen das Thema des Romans. So steht bspw. Jonathans „Sanftheit“ vs. der „umgebenden Marlboro-Mann-Kultur“ zur Diskussion. Auch Adam sowie Da

Bewertung vom 14.09.2020
Die verschwindende Hälfte
Bennett, Brit

Die verschwindende Hälfte


sehr gut

Im Mittelpunkt dieses Familienromans stehen die Zwillingsschwestern Desiree und Stella sowie ihre Kinder Jude und Kennedy.
Die eineiigen Zwillinge Desiree und Stella wuchsen in Mallard auf, einem Ort, der es nie auf die öffentlichen Karten geschafft hat. Es ist ein Ort voller Schwarzer, die jedoch im Verlauf der Zeit immer weißer wurden. Je dunkler man ist, umso mehr wird man verachtet.
Den Schwestern reicht diese einengende Kleinstadt irgendwann nicht mehr, sie setzen sich 1954 als 17 jährige nach New Orleans ab. Eine Arbeit zu finden, gestaltet sich schwierig. Stella, die eigentlich gern studieren wollte, gibt sich eines Tages als Weiße aus und erhält so eine Stelle als Sekretärin. Irgendwann verschwindet sie dann einfach. Desiree zieht nach Washington, beginnt eine Tätigkeit beim FBI, heiratet einen Schwarzen und bekommt eine Tochter, die äußerlich sehr nach ihrem Vater kommt.
Einer der Mallard Bewohner denkt, beispielhaft für alle anderen: " [ich] hielt sie beide für ein bisschen verrückt, Desiree vielleicht für die Verrücktere. Sich als Weiße auszugeben, um voran zu kommen, war einfach vernünftig. Aber einen dunkelhäutigen Mann heiraten? Sein blauschwarzes Kind austragen?"
Nach einigen Jahren flüchtet Desiree aufgrund der Gewalttätigkeit ihres Mannes und kehrt zurück an ihren Heimatort zu ihrer Mutter. Von dort verfolgt man nun ihren weiteren Lebensweg, vor allem auch den ihrer Tochter Jude. Jude hatte es in Mallard sehr schwer. Mit einem Stipendium kann sie jedoch aufs College gehen. Sie träumt davon, Ärztin zu werden.
Gleichzeitig verfolgt man auch Stellas Lebensweg, die ebenfalls geheiratet hat und eine Tochter bekam. Ihre Tochter Kennedy möchte gern Schauspielerin werden.

Abwechselnd wird aus den Perspektiven der vier Frauen erzählt. Es gibt dabei immer wieder größere Zeitsprünge sowie Rückblenden. Die erzählte Zeit umfasst ca.1950 - Anfang der 90er Jahre.
Die Sprache ist einfach, der Aufbau klar überschaubar. Der Roman unterhielt und fesselte mich zumeist, auch in Anbetracht einiger Längen. Die anschauliche und einfühlsame Beschreibung der der Frauen berührte mich sehr. Sie sind so nahbar gezeichnet, dass ich mich gut hineinversetzen und mitfühlen konnte. Ihre Anliegen wurden mir sehr nahe gebracht, konnte allerdings einige Handlungen nicht ganz nachvollziehen.
Das Problem der „richtigen“ Hautfarbe wurde jedoch deutlich spürbar, regelrecht erfahrbar und schmerzhaft nachvollziehbar. Der stete Rassismus, die Diskriminierung, Unterdrückung und gar Tötung allgegenwärtig. Und nicht nur das, auch aufgrund ihrer Rolle als Frau waren ihnen manche Wege versperrt.
Völlig überrascht und positiv beeindruckt hat mich in diesem Kontext die Einführung der transsexuellen Figur Reese mit all der Identitätsproblematik. Zudem wurde die Beziehungsdynamik zwischen Reese und Jude fein gezeichnet und interessierte mich insgesamt am meisten. Diese Abschnitte las ich sehr aufmerksam und genau, da mir die Thematik zwar nicht fremd, aber doch auch nicht allzu nah ist. Hier hätte ich mir sogar gern noch mehr Details und Tiefe gewünscht.

Der Roman zeigt, welch katastrophale Auswirkungen Rassismus und einseitiges, binäres Schubladendenken haben können und wie wenig der Mensch als hochkomplexes Wesen in diese engen Schemata eigentlich passt. Er zeigt, wie verlogen die Gesellschaft und wie destruktiv die gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenzuschreibungen sein können. Und zeigt doch auch, wie Liebe, Verständnis, Respekt und Versöhnung immer wieder möglich sind.

Fazit: Ein niveauvoller, etwas provokanter Unterhaltungsroman mit einigen Längen, der das Leben von vier schwarzen Frauen nachzeichnet, dabei ihre Entscheidungen und Beziehungen betrachtet. Wichtige moderne und essentielle Themen (Hautfarbe, Rassismus, Feminismus, Transsexualität, Identität) werden angesprochen und schmerzhafte Aspekte der Geschichte der USA beleuchtet.

Bewertung vom 13.09.2020
Du musst nicht perfekt sein, Mama!
Stamm, Margrit

Du musst nicht perfekt sein, Mama!


sehr gut

Die Professorin für Erziehungswissenschaften stellt fest, dass sich im Verlauf der letzten 20 Jahre, besonders innerhalb der westlichen Kulturen, das Ideal der perfekten „Super-Mama“ etabliert hat, einhergehend mit der Forderung nach einer „intensiven Mutterschaft“.
Sie fragt nach den Quellen dieses gesellschaftliche Konstrukts, und zeichnet nach, wie dieses Ideal entstand. Sie weist auf Vorzüge dieses Verhaltensmodells hin, zeigt aber besonders die schwerwiegenden Nachteile auf. Sie konstatiert, dass in den Medien die „intensive Mutterschaft“ weitgehend positiv bewertet und propagiert wird, aber insgesamt kaum kritisch diskutiert wird. Abschließend formuliert sie individuell zu nutzende wie auch gesellschaftlich zu realisierende Alternativen.

Neben Fachliteratur und Studienergebnissen liegt insbesondere eine eigens durchgeführte Studie zugrunde. Hier wurden 300 Mütter aus Familien mit beiden Elternteilen nach ihrer Mutterschaft befragt, vornehmlich aus der Mittel- und Oberschicht, wohnhaft in der Schweiz und Süddeutschland. Eine große Anzahl von ihnen hat regelmäßig Schuldgefühle in Bezug auf ihre Mutterrolle und sagt „eigentlich müsste ich doch glücklich sein...“.
Die Autorin führt das auf das Ideal der „Super-Mama“ zurück. Mütter sollen intensiv und professionell sein. Feinfühlig sollen sie stets die Bedürfnisse des Kindes erfüllen, die Kinder bestmöglich fördern und „optimieren“. Erkenntnisse aus der Bindungstheorie und Hirnforschung sind hier bestimmend. Das Kindeswohl steht über allem, das Kind selbst ist der Mittelpunkt des Lebens. Sowohl Qualität als auch Quantität der verbrachten Zeit mit dem Kind sind die Wertmaßstäbe dieses Ideals der „intensiven Mutterschaft“.
Daraus resultiert aber bei den so geforderten Müttern Stress, Druck, ein schlechtes Gewissen, Burn- Out Symptome und ein allgemein schlechter Gesundheitszustand. Zudem ist eine
Berufstätigkeit mit dieser „professionellen Mutterschaft“ sehr schwer vereinbar – von den Müttern wird Verzicht und Selbstlosigkeit erwartet, was letztlich auch bedeutet, dass eben immer noch keine gesellschaftliche Gleichstellung der Geschlechter gelingt.
„Intensive Mutterschaft“ sei zudem nicht geeignet, postuliert und schlussfolgert die Autorin, die Kinder auf das Leben vorzubereiten, der intensive und „überbehütende“ Erziehungs- und Bindungsstil führe zur Abhängigkeit des Kindes, verhindere Selbständigkeit, die Kinder wachsen unfrei und eher ungesund auf.

Die Autorin stellt dem Ideal der „perfekten Mutter“ die Alternative der „hinreichend guten Mutter“ nach Donald Winnicott gegenüber. Sie fordert dementsprechend die „intensive Mutterschaft“ durch eine „extensive Mutterschaft“ abzulösen. Diese erklärt sie genauer. Doch nicht nur auf privater Ebene müssen Änderungen vollzogen werden, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. Hierzu gibt sie einige Ideen.

Mir erschienen die Darlegungen zwar manchmal etwas redundant, aber ich konnte mich in einigen Teilen durchaus wiederfinden sowie Beobachtungen bestätigen, so dass ich von einer guten Zustandsbeschreibung sprechen möchte.
Die Autorin benannte klar, dass sich die Situation bei Alleinerziehenden oder auch Familien in der „Unterschicht“ noch ein wenig anders darstelle, das hätte mich unbedingt genauer interessiert. Zudem wünschte ich mir eine etwas umfänglichere Beschreibung der Nachteile der „intensiven Mutterschaft“ für das Kind. (Sie verweist hierbei auf ein bereits früher veröffentlichtes Buch von ihr.) Auch der Einbezug von nichtwestlichen Kulturen hätte mich sehr interessiert, da hier die Rolle der Mutter nochmal ganz anders betrachtet wird, woraus man wichtige Erkenntnisse ableiten könnte.
Ihre Analyse hat mich in jedem Fall etwas wachgerüttelt, mir bestimmte Prozesse verstehbar gemacht, mich sehr zum Nachdenken angeregt und viele neue Fragen aufgeworfen. Dafür bin ich sehr dankbar..:)

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 11.09.2020
Sei kein Mann
Bola, JJ

Sei kein Mann


ausgezeichnet

Patriarchalische Strukturen + destruktive Männlichkeitsbilder erkennen und verändern

Ich wollte nur kurz hineinschauen und habe mich so festgelesen, dass ich das vorliegende Buch fast in einem Rutsch las.

Der Schriftsteller und ehemalige Sozialpädagoge stellt unser allgegenwärtiges patriarchalisches System dar, untersucht das Konstrukt „Männlichkeit“ und zeigt Auswege aus diesen destruktiven Strukturen auf gesellschaftlicher sowie auf individueller Ebene.

Er beginnt mit einer kritischen Bestandsaufnahme, in der er sehr faktenreich das Patriarchat darstellt, wobei es für bereits sensibilisierte Leser*innen vielleicht nicht viel Neues gibt. (Die nebenbei gegebenen Einblicke in die kongolesische Kultur sowie die persönlichen Erfahrungen des Autors in England fand ich sehr spannend.) Er erklärt die Strukturen und Dynamiken und zeigt, wie die Rechte der Männer gegenüber den Rechten der Frauen geschützt und priorisiert werden. Er geht auf die me- too Debatte ein, „Privilegiert zu sein bedeutet, nicht verurteilt zu werden!“ Zudem thematisiert er Diskriminierungen, aufgrund von Hautfarbe und Sexualität. (Super spannend empfand ich die kurzen, etwas später folgenden Ausführungen über Geschlechterfluidität in vorkolonialer Zeit!)

Darauf aufbauend untersucht er die bestehenden Männlichkeitskonstrukte. Er beschreibt, wie gesellschaftlich gesehen „ein echter Mann“ sein soll. Als ein wesentliches Merkmal benennt er das Unterdrücken von Gefühlen, das Nichtzeigen dürfen. Den Männern werde beigebracht, eine Maske zu tragen, welche „die wahren Gefühle und Probleme verdeckt“. So lautet auch der englische Originaltitel „Mask off“, den ich insgesamt etwas passender finde. Dass Gefühle kaum mehr gezeigt oder besprochen werden sollen, habe für viele Männer katastrophale Folgen, es kommt zu Entfremdung und Depression.
Einen weiteren sehr kritischen Hauptpunkt sieht er darin, dass Gewalt als ein oft priorisierter Weg gesehen wird, Konflikte zu lösen. Er fragt sich: „Wie kann es sein, dass wir als Gesellschaft männliche Gewalt eher akzeptieren als männliche Liebe?“
Deutlich zeigt er die Toxizität dieser Männlichkeitskonstrukte, die nicht nur für Frauen zerstörerisch sei, sondern auch in großem Maße für Männer, denn: „Nur ein kleiner elitärer Kreis, die Oberschicht der Männer, profitiert wirklich vom Patriarchat.“

Der Autor diskutiert nun, wie auf gesellschaftlicher Ebene ein Wandel zur wirklichen Geschlechtergleichheit gelingen kann. Er verweist auf die Wirkmächtigkeit von sozialen Medien, die Wirkkraft von Vorbildern wie Musikern und Sportlern. Er fordert einen anderen Umgang mit psychischen Erkrankungen, fordert die Thematik der Einvernehmlichkeit unbedingt in den Sexualkundeunterricht mitaufzunehmen und vieles mehr. Zudem erklärt er Feminismus und äußert sich zur Frage, ob auch Männer Feministen sein können.

Schlussendlich zeigt er ganz praxisnah in zehn Handlungsanweisungen, was Jungen bzw. heranwachsende Männer für sich und andere tun können, um sich aus den toxischen und destruktiven Männlichkeitskonstrukten befreien zu können. Ein sehr großartiges und überzeugendes Ende, welches mich aufgrund seiner Konkretheit sehr positiv überrascht hat!

Dieses humanistische Essay liest sich unterhaltsam, humorvoll und nachvollziehbar. Es zeugt von klaren Gedanken, einer feinen Beobachtungsgabe und viel Empathie. Die Sprache ist einfach, klar und manchmal recht locker,dabei aber stets seriös gehalten. Das Einbringen von Statistiken, kurzen Interviewausschnitten sowie ein Quellenverzeichnis runden das Ganze ab.

Hauptansprechpartner sind vor allem heranwachsende Männer und Frauen. Ihnen kann das Werk eine wesentliche Hilfe sein, sich selbst und bestehende Strukturen besser zu verstehen, Problemlösungen zu entdecken und eine bewusste Haltung zu entwickeln. Meinen Kindern werde ich dieses Werk auf jeden Fall in die Hand drücken!
Davon abgesehen ist das Werk für alle anderen ebenso geeignet und sehr empfehlenswert!

Bewertung vom 05.09.2020
Adresse unbekannt
Nielsen, Susin

Adresse unbekannt


ausgezeichnet

Sehr empfehlenswertes Kinder- und Jugendbuch!

Schon seit vier Monaten wohnt Felix mit seiner Mutter Astrid in einem Minibus in Vancouver. Seine Mutter findet keinen Job, und wenn sie einen findet, verliert sie ihn schnell wieder. Sie haben daher kein Geld für die Mietzahlungen.
Felix geht nach dem Sommer auf eine neue Schule, in der er seinen alten Freund Dylan wieder trifft. Zu den beiden gesellt sich schon bald die schlaue, aber auch recht wenig beliebte Winni aus ihrer Französischklasse. Die drei schreiben Artikel für den französischen Teil der ansonsten englischsprachigen Schülerzeitung. Winni nervt zwar, aber eigentlich ist sie auch ganz nett...ziemlich nett sogar..:)
Felix Lage spitzt sich allerdings immer mehr zu, da er manchmal nichts zu essen hat und auch nicht regelmäßig duschen kann.

Man erfährt alles aus der Perspektive von Felix. Anfangs berichtet er auf dem Polizeirevier seine Geschichte, wie es dazu kam, dass seine Mutter und er in einem Minibus wohnen. Was mit seiner Großmutter geschah, wer eigentlich sein Vater ist, wie sie zu dem Bus gekommen sind und wie sich das Leben im Bus anfühlt (auf Dauer nicht so gut). Aber - Felix hat nun ein wenig Hoffnung auf einen Geldgewinn, da er sich bei einer Junior Fernseh- Quiz Show angemeldet hat....

Die Geschichte hat mir wirklich wunderbar gefallen. Sie ist rund erzählt, spannend, fesselnd und witzig. Abenteuerlich, träumerisch und auch sehr liebenswürdig. Es gibt Unglücks- und auch Glücksmomente, die Begebenheiten sind überwiegend recht realistisch. Ich wurde oft berührt und konnte das Buch nicht mehr zur Seite legen.
Die drei Freunde Felix, Dylan und Winni sind mir ans Herz gewachsen (wenn sie mich auch etwas an das Harry Potter Trio erinnerten..:))

Es geht um Freundschaft, Familie, Werte, Ehrlichkeit, Geldsorgen, Obdachlosigkeit und den ganz normalen Alltag von fast Dreizehnjährigen. Es geht aber auch um eine psychisch labile Mutter. Das bereitete mir Bauchschmerzen, da dies letztlich nur hingenommen wurde, aber langfristig keine Veränderung/ Verbesserung angenommen werden kann. Diesbezüglich tat mir Felix leid und ich fand seine Situation insgesamt vielleicht etwas zu optimistisch dargestellt. Wenn gleich die Dynamik zwischen ihm und seiner Mutter sehr realistisch gezeichnet wurde.

Das Buch wird ab 10 Jahren empfohlen, ich werde es meinen erst mit 13 geben, da sie dann etwas mehr verstehen und mehr damit anfangen können.
Der Roman bereitete auch mir als Erwachsene ein großes Lesevergnügen..:)