24,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln

    Gebundenes Buch

25 Kundenbewertungen

Adam Gordon geht auf die Topeka-High-School, er steht kurz vorm Abschluss. Seine Mutter Jane ist eine berühmte feministische Autorin, sein Vater Jonathan ein Experte darin, »verlorene Jungs« wieder zum Sprechen zu bringen. Sie beide sind in einer psychiatrischen Einrichtung tätig, in der Therapeuten und Patienten aus der ganzen Welt zusammenkommen. Adam selbst ist ein bekannter Debattierer, alle rechnen damit, dass er die Landesmeisterschaft gewinnt, bevor er auf die Uni geht. Er ist ein beliebter Typ, cool und ausschreitungsbereit, besonders sprachlich, damit keiner auf die Idee kommt, er…mehr

Produktbeschreibung
Adam Gordon geht auf die Topeka-High-School, er steht kurz vorm Abschluss. Seine Mutter Jane ist eine berühmte feministische Autorin, sein Vater Jonathan ein Experte darin, »verlorene Jungs« wieder zum Sprechen zu bringen. Sie beide sind in einer psychiatrischen Einrichtung tätig, in der Therapeuten und Patienten aus der ganzen Welt zusammenkommen. Adam selbst ist ein bekannter Debattierer, alle rechnen damit, dass er die Landesmeisterschaft gewinnt, bevor er auf die Uni geht. Er ist ein beliebter Typ, cool und ausschreitungsbereit, besonders sprachlich, damit keiner auf die Idee kommt, er könnte auch schwach sein. Adam hat ein Herz für Außenseiter, und so freundet er sich mit Darren an - er weiß nicht, dass der einer der Patienten seines Vaters ist -, und führt ihn in seine Kreise ein. Mit desaströsen Folgen ...Die Topeka Schule ist die Geschichte einer Familie um die Jahrtausendwende. Die Geschichte einer Mutter, die sich von einer Missbrauchsgeschichte befreien will; von einem
Vater, der seine Ehe verrät; von einem Sohn, dem die ganzen Rituale von Männlichkeit suspekt werden und der zunehmend verstummt. Eine Geschichte von Konflikten und Kämpfen und versuchten Versöhnungen.In einer an Wundern reichen Sprache erzählt Ben Lerner vom prekären Zusammenhalt einer Familie, von fraglichen Vorbildern und vom drohenden Zusammenbruch privater und öffentlicher Rede. Die Art, wie dabei das Historische und das Persönliche miteinander verwoben werden, stärkt unseren Glauben daran, was Literatur heute zu leisten vermag.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Originaltitel: The Topeka School
  • Seitenzahl: 395
  • Erscheinungstermin: 17. August 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 215mm x 136mm x 33mm
  • Gewicht: 494g
  • ISBN-13: 9783518429495
  • ISBN-10: 3518429493
  • Artikelnr.: 59008137
Autorenporträt
Lerner, Ben§Ben Lerner wurde 1979 in Topeka, Kansas, geboren. Als Schüler war er US-Meister im Debattieren. Lerner ist der Autor von zwei international gefeierten Romanen - Abschied von Atocha und 22:04 -, drei Gedichtbänden, dem Essay Warum hassen wir die Lyrik sowie verschiedenen kollaborativen Arbeiten, u. a. zusammen mit Thomas Demand und Alexander Kluge. Lerner hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, u. a. das Guggenheim Fellowship und das MacArthur Fellowship. Er ist Professor für Literatur am Brooklyn College und lebt mit seiner Frau und den beiden kleinen Töchtern in New York City.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 30.09.2020

Das vergiftete Erbe der Debattierclubs

Woher kommt die große amerikanische Gereiztheit, die heute überall spürbar ist? Ben Lerner verfolgt ihr Stimmengewirr in seinem Roman "Die Topeka Schule" zurück bis in die neunziger Jahre.

Der anschwellende Sphärenklang beim Hochfahren von Windows 95, Lauryn Hills Rapgesang auf dem Fugees-Album "The Score", die erratischen Klick-, Rausch- und Piepgeräusche eines Einwahlmodems: Immer wieder ist man bei der Lektüre des neuen Romans von Ben Lerner verleitet, sich im digitalen Archiv der Gegenwart die Klangwelt der neunziger Jahre noch einmal zu vergegenwärtigen. "Die Topeka Schule" ist nicht zuletzt dies: eine literarische Wayback Machine, die nicht wenigen Lesern vor Augen führen dürfte, dass ihre Jugend endgültig vorbei ist, ja einer anderen Epoche angehört. Und weil dies ohne jede abmildernde Weißt-du-noch-Sentimentalität geschieht, hallt die Lektüre im Leser weit länger nach als die Echoeffekte in so manchem Fugees-Song: "Ready or not, here I come, you can't hide."

Ben Lerner, 1979 geboren, ist neben Joshua Cohen und Maggie Nelson einer der ambitioniertesten jüngeren Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur, und dementsprechend will sein Roman viel mehr sein als das selbsthistorisierende Porträt einer vergangenen Dekade. Sein bereits von Barack Obama empfohlenes Buch ist der Versuch, die politischen und gesellschaftlichen Verwerfungen des heutigen Amerikas als Ergebnis einer Entwicklung zu erklären, die in den neunziger Jahren begann. Dazu setzt er vordringlich bei der Sprache an, während die Handlung, die er achronologisch in Szenen, Erinnerungen und Gesprächen entfaltet, weitgehend in den Hintergrund tritt.

Der wesentliche Handlungsort ist das titelgebende Topeka, die Hauptstadt des Bundesstaats Kansas und außerdem Lerners Geburtsort (der Roman teilt nicht wenige Details mit dem Leben des Autors). Sehr viel reicher als an Orten ist das Buch allerdings an sprachlichen Registern, die sich zu einer dissonanten Vielstimmigkeit verbinden: Die geschulte Sprache der Psychoanalyse trifft auf die zynische Rhetorik der Politik, der chauvinistische Slang orientierungsloser junger Männer begegnet dem militanten Furor religiöser Fundamentalisten, und zu alldem "spuckt" Eminem seine wütenden Rap-Tiraden über die Kanäle.

Die meisten Stimmen gehören zu den Figuren des Romans, die zum Teil auch seine Erzähler sind: einmal Adam, der jugendliche Protagonist, der kurz vor seinem Highschool-Abschluss steht; dann seine Eltern, Jane und Jonathan, die gemeinsam in einer Art psychiatrischer Kommune mit Siebziger-Flair tätig sind; und schließlich Darren, ein Patient Jonathans und gleichaltriger Freund Adams, dessen unterprivilegiertes Leben sich hauptsächlich zwischen Armyshop und Burgerladen abspielt.

Adam erscheint in diesem Tableau als ein Kollektivwesen, das sich zeitweise am "Rand des Zusammenbruchs" befindet. Die unterschiedlichsten Stimmen schießen wirr in ihm zusammen: Spuren des elterlichen Psychotalks, Elemente von College-Lektüren, Fragmente eines adoleszenten Jargons der Härte - und so fort. Aber auch im Ganzen ist die vorherrschende Stimmung in der "Topeka Schule" eine große Gereiztheit, die an die letzten Kapitel des "Zauberbergs" denken lässt. Eine Ursache hat sie im Brüchigwerden der alten "Marlboro-Mann-Kultur", das auf Seiten der Männer wütende, dumpfe Akte der Regressivität nach sich zieht.

Die außergewöhnliche Sprachsensibilität des Protagonisten begründet aber zugleich sein Talent als Debattierer. Debattieren, das bedeutet in diesem Buch argumentativ und rhetorisch für eine Position zu kämpfen, bei der völlig irrelevant ist, ob sie der eigenen Überzeugung entspricht oder nicht. Es bedeutet, die Sprache einzig und allein in Hinsicht auf ihre Wirkung zu nutzen: "Dein Pluspunkt ist Kansas", so wird Adam von seinem Trainer auf einen Wettkampf vorbereitet, bei dem es darum geht, eine Rede im republikanischen Stil aufzuführen. "Bring kleine Tautologien, als wären es Sprichwörter. Dinge, die deine Großmutter Rosie immer gesagt hat. Damals auf der Farm. Damals, als Amerika noch Amerika war und nicht der Spielplatz der Eliten an den Küsten."

Beim Debattieren wird der Wirklichkeitsbezug also nur aus taktischen Gründen hergestellt, eine Technik des kalkulierten Sprachbetrugs, die noch unterstützt wird durch die neu aufkommende Praxis des "Schnellsens", der gezielten Überforderung der Zuhörer durch ein extrem hohes Argumentationstempo. Kein Zufall, dass in diesem Zusammenhang beiläufig der Name Paul Manafort erwähnt wird, der zwar über Jahrzehnte hinweg als Berater republikanischer Präsidentschaftskandidaten arbeitete (hier ist es Bob Dole), heute aber vornehmlich mit Donald Trumps Wahlkampf von 2016 in Verbindung gebracht wird. Für Lerner ist der heutige Populismus, verkürzt gesagt, eine Geburt aus dem Geist des Debattierclubs.

In Nihilismus verfällt der Roman aber trotz allem nicht. In einer der komischsten Szenen fordert Jane, die als Verfasserin eines feministischen Bestsellers ins Visier der Frauenhasser geraten ist, ihre grunzenden Drohanrufer dazu auf, doch bitte lauter zu sprechen - woraufhin die Verdutzten meist rasch auflegen. Zumindest auf die Scham war in den Neunzigern also noch Verlass, aber Lerner bezieht auch ihren zukünftigen Konkurs mit in die Betrachtung ein: Das von Adam aus der Gegenwartsperspektive erzählte Schlusskapitel hat für das "Pussy-Grabbing" bereits einen festen Begriff. Musste es erst so weit kommen, bevor sich eine Wende zum Guten und Gesitteten überhaupt denken lässt? Dies zumindest legt der Roman in den letzten Sätzen nahe: Bei einer Demonstration gegen die Einwanderungspraktiken der Trump-Administration stimmt Adam, nachdem er den ersten Peinlichkeitsreflex überwunden hat, ins gemeinsame Skandieren ein und fühlt sich dabei als Teil einer Öffentlichkeit, die "langsam wieder zu reden" lernt. Ein hoffnungsvoller, erbaulicher Ausblick, der vielleicht tatsächlich, und sei es nur für den Moment der Lektüre, "die Welt ein bisschen heller" (Barack Obama) wirken lässt.

Das noch größere Verdienst Lerners besteht allerdings darin, die Literatur und die ihr eigenen Erkenntnismöglichkeiten für seine Analyse der amerikanischen Zustände genutzt zu haben: erzählerischen Multiperspektivismus, sprachliche Versatilität, komplexe Figurenzeichnungen und eine diskrete Form der Autofiktion. Umgekehrt verzichtet der Roman völlig darauf, sich unterwürfig an die Erklärungsmodelle der Soziologie oder der Politik heranzuhängen, deren abgegriffene Kategorien der "Polarisierung", "Zerrissenheit" und "Spaltung" einem ohnehin aus allen Medien entgegenschallen (und dabei notgedrungen verstärken, was sie eigentlich nur bezeichnen wollen). "Die Topeka Schule" ist keine Sekundärliteratur, die sich ihre vermeintliche Relevanz von anderen Disziplinen borgen muss, sondern ein Primärwerk im klügsten, aufklärerischsten und oft sehr witzigen Sinne. Der politischen Literatur unserer Tage könnte es ein Licht aufstecken.

KAI SINA

Ben Lerner: "Die Topeka Schule". Roman.

Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 395 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur FAS-Rezension

Rezensent Harald Staun entdeckt im neuen Roman von Ben Lerner das Bewusstsein einer critical whiteness, die die eigenen Erfahrungen nicht mehr für universell hält. Die im Buch fortgeführte Geschichte von Adam, den Staun bereits aus Lerners Vorgängerroman kennt, scheint dem Rezensenten recht eindeutig an der des Autors orientiert. Das Leben eines 30-40-jährigen weißen Brillenträgers aus Brooklyn mit einem Faible für Sprache in allen erdenklichen Ausdrucksformen (vom Vortrag im Debattierclub bis zum Oralsex) erzählt der Autor laut Staun allerdings so fein ironisch-distanziert, dass der Leser diese Nähe schnell vergisst und es eine Freude ist.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 19.08.2020

Nicht einer dieser
Männer werden
Ben Lerners Roman „Die Topeka-Schule“ über die
großen Symptome der amerikanischen Gegenwart
VON FELIX STEPHAN
Wenn die Zeiten unübersichtlich sind, wird oft die Sehnsucht nach einer great american novel spürbar, dem definitiven Roman, der die vergangenen Jahrzehnte erzählerisch sortiert und wenigstens im Rückblick folgerichtig und plausibel erscheinen lässt. Andererseits tauchen solche Romane gern dann auf, wenn gerade keiner hinsieht. Auf die Bücher, mit denen etwa die spätjugendlichen Freunde Jonathan Franzen und David Foster Wallace um 2000 eine neue Literatursprache aus dem Geist des Vorabendfernsehens erfanden, hat damals niemand gewartet. Und nicht selten kommt es vor, dass die Zeitgenossen ihre Meisterwerke auch ganz verpassen. Als Herman Melville im Oktober 1891 starb, veröffentlichte die New York Times ein paar Tage später einen Nachruf, der so begann: „In dieser Stadt ist in dieser Woche und in hohem Alter ein Mann gestorben und zu Grabe getragen worden, der der Generation, die heute im Saft des Lebens steht, selbst namentlich so unbekannt ist, dass nur eine Zeitung einen Nachruf auf ihn veröffentlichte, und der war nur drei oder vier Zeilen lang.“ In diesem Jahr wies vieles darauf hin, dass Ben Lerners Roman „Die Topeka Schule“ dieser Roman sein könnte, der die Antwort auf die Frage parat hat, wie es zu all dem hier kommen konnte. In den USA war er ein Bestseller und wurde in sämtlichen maßgeblichen Medien ausführlich gedeutet.
Der Roman erzählt von der Jugend von Adam Gordon, einem weißen Amerikaner aus dem Mittleren Westen, der 1997 die Highschool abgeschlossen hat, nach einem Ivy-League-Studium heute mit Frau und zwei Töchtern in Brooklyn lebt, und hauptberuflich Bücher schreibt. Der größte Teil des Buches spielt während seines letzten Schuljahres und als er zwanzig Jahre später für eine Lesung in seine Heimatstadt zurückkehrt, trägt sein ehemaliger Mitschüler Darren Eberheart plötzlich ein rotes Basecap, das Erkennungszeichen der Trump-Gemeinde. Von der Frage, wie diese rote Kappe dort hingelangt ist, handelt der ganze Roman.
Dass Ben Lerner seinen Protagonisten als Prototypen entworfen hat, offenbart gleich die Auftaktszene. Nach einem kleinen Ausflug mit dem Ruderboot, auf dem ihm seine Freundin abhanden gekommen ist, kehrt der 17-jährige Adam mitten in der Nacht in das Haus ihrer Eltern zurück. Ohne Licht zu machen, betritt er vorsichtig das Haus, schleicht in die erste Etage, steht schließlich im Türrahmen ihres Zimmers, schaut ihr beruhigt beim Schlafen zu, betrachtet ihren gleichmäßigen Atem unter der Bettdecke und stellt erst dann albtraumartig fest, dass er sich im falschen Haus befindet. Die Grundrisse der Einfamilienhäuser in diesem Vorort sind allesamt identisch und die Grundrisse des Bewusstseins ihrer Bewohner sind es auch.
Bis zum Ende der Highschool waren Adam Gordon und Darren Eberheart denselben kulturellen Kräften ausgesetzt, weshalb der Grund für ihre Entfremdung womöglich hier verborgen liegt: in einer männlichen Adoleszenz in Topeka, Kansas. Adam wächst als Sohn zweier Psychotherapeuten auf, die bei der „Foundation“ arbeiten, einer psychotherapeutischen Forschungseinrichtung von Weltrang, die aus unerklärlichen Gründen nicht in New York oder Los Angeles angesiedelt ist, sondern im Mittleren Westen. Sein Vater hat sich auf die Behandlung weißer Jungs aus bürgerlichen Verhältnissen spezialisiert, die in schwere Krisen geraten, obwohl sie augenscheinlich alles haben. Und die Mutter forscht über den Zusammenhang von Psychotherapie und Feminismus.
Adam wächst also in einer Konstellation auf, in der Familienangelegenheiten nicht diskutiert werden, sondern „bearbeitet“. Er ist ein frühreifer Debattier-Champion und Lyriker, was in Kansas nicht unbedingt ideal ist: „In der Highschool bestand das Problem für ihn darin, dass das Debattieren einen zum Nerd und die Lyrik einen zur Pussy machte – auch wenn beides dazu beitragen konnte, einen in die undeutlich imaginierte Stadt an der Ostküste zu bringen, von der aus man mit großer Ironie über seine Erfahrungen in Topeka berichten konnte.“
Adam versucht, zum Mann zu werden, weiß aber gleichzeitig nicht, was das genau beinhaltet und navigiert durch eine uneindeutige Indizienlage: In der Highschool geht es um Härte, Dominanz und Unantastbarkeit. Zuhause aber hat er es mit einer Mutter zu tun, die Theweleit-artige Bücher über die Gewalt schreibt, die einem konservativen Männlichkeitsbild stets inhärent sei. Eines dieser Bücher ist Jahre zuvor zum Bestseller avanciert, was zur Folge hatte, dass seine Mutter monatelang anonyme Anrufe von Männern erhielt, in denen ihr Mord und Vergewaltigung angedroht wurden. Obwohl Adam da noch ein kleiner Junge war, hat er es natürlich trotzdem mitbekommen. Mehr als einmal war er derjenige, der am Festnetztelefon der Familie den Hörer abhob.
Wenig später sitzen die Eltern auf dem Sofa und lassen den Tag ausklingen, als der kleine Adam auftaucht und erklärt, ihm sei „ein Kaugummi aus dem Mund gefallen“. Tatsächlich aber hatte er mit dem Kaugummi seinen Penis eingewickelt. „Ich meine“, so erzählt es die Mutter im Buch, „du musst ihn gekaut, flachgedrückt und dich dann gezielt damit eingepackt haben. Es war nichts mehr entblößt.“ Die Episode wird umgehend als Kastration gedeutet, als „ein Versuch, kein Junge mehr zu sein, kein Mann, keiner von den Männern“.
Wie Lerner diese Bedrohungslage gegen die Mutterfigur mit einem kleinen, psychoanalytisch aber bedeutsamen Zwischenfall verschränkt, ist exemplarisch für seine Erzählweise. Später ist Adam der einzige Junge in seiner Abschlussklasse, der sich in die Kunst des Cunnilingus einliest, weil er sich seiner Freundin „als Dichter, Protofeminist und demnächst an einer Elite-Uni studierende Alternative zu den Typen“ der Schule präsentieren will.
Auf diese Weise hängt in diesem Roman auf der Ebene des inneren Erlebens alles mit allem zusammen. Als seine Mutter auf der Straße einmal von Vertretern einer christlichen Sekte beleidigt wird, stellt sich Adam vor sie und beleidigt mit heftigen, misogynen Worten zurück, was seine Mutter mit Scham erfüllt, weil sie zum ersten Mal ihren Sohn als einen der „Männer“ erlebt, die sie einst bedroht haben. Und als Adam einmal Angst hat, ins Ferienlager zu gehen, werden die Eltern von einem befreundeten deutschen Analytiker und Holocaust-Überlebenden aufgefordert, über sämtliche Resonanzen des Wortes „Lager“ nachzudenken.
Diese freudianische Erzählweise, in der alles Erleben in erster Linie ein Symptom ist, ein Widerhall eines weitergegebenen Traumas, hat einen interessanten Effekt. Einerseits ist Ben Lerners Literatur autofiktional. Die Biografien von Adam Gordon und Ben Lerner gleichen sich aufs Haar. Auch Lerner ist in Topeka aufgewachsen, auch seine Eltern sind bekannte Psychotherapeuten, auch er war US-Meister im Debattieren und selbst die Bestseller seiner Mutter Harriet Lerner sind nach wie vor lieferbar. Weil aber die Figuren in dieser Autofiktion streng freudianisch motiviert sind, löst sich das erzählende Selbst weitgehend auf. Alle Figuren sind in erster Linie Koordinaten in einer Art neuronalem Netzwerk, das aus Echos, Konstellationen und intergenerationellen Bezüge besteht. „Welche Stimmen in einen gelangten, eingepflanzt wurden, lag nicht auf der Hand“, heißt es an einer Stelle, „es folgte keiner Hierarchie oder Nähe; man hatte es nicht unter Kontrolle.“
Um die Gesellschaft zu ändern, muss man folglich zuallererst die Sprache ändern, damit folgende Generationen nicht mehr unter dem Sprachregime der Dominanz und Überwältigung aufwachsen, in dem noch Adams Generation aufgewachsen ist. Dass „Die Topeka Schule“ so explizit auf diese These hinausläuft, nimmt ihm einiges von seinem Zauber. Wenn der Roman en detail von der fundamentalen Orientierungslosigkeit erzählt, die weiße, privilegierte Jungs in den Neunzigern in abgrundtiefe Krisen stößt, ist er nichts Geringeres als ein literarisches Phänomen. Wenn er aber ins Dozieren gerät, wird sein Selbstwiderspruch offenbar: In seiner raumgreifenden Eloquenz ähnelt er fatal der Sprechweise, die er überwinden will.
Auf der Ebene des inneren
Erlebens hängt in diesem Roman
alles mit allem zusammen
Ben Lerner:
Die Topeka-Schule. Roman. Aus dem Englischen
von Nikolaus Stingl.
Suhrkamp, Berlin 2020.
395 Seiten, 24 Euro.
Ben Lerner, 1977 in Topeka, Kansas, geboren, veröffentlichte 2011 seinen Debütroman „Leaving the Atocha Station“. Für den neuesten Roman wurde er in den USA zum talentiertesten Autor seiner Generation erklärt.
Foto: F. Gattoni/Leemage/imago
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
»Eine Art Schall und Wahn des 21. Jahrhunderts, ein kaleidoskopisches Porträt, das in virtuoser Weise die Traumata einer Familie an eine größere kulturelle Dysfunktion zurückbindet. Lerners Roman erschließt uns, wie es so weit gekommen ist und wo es hingehen könnte.«
The New Yorker 13.08.2020