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Benutzername: SofieWalden
Danksagungen: 6 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 218 Bewertungen
Bewertung vom 24.09.2021
Die Blankenburgs
Berg, Eric

Die Blankenburgs


gut

Familiengeschichte, historisch eingebunden und von sehr lebendigen Menschen getragen

Ein Familienepos, ja, so kann man diesen Roman, der um die Zeit um 1929 seinen Anfang nimmt, nennen, denn hier wird die Geschichte der Familien Blankenburg und Löwenstein erzählt. Aber die damit verbundenen Erwartungen von konservativer Gediegenheit und Schwere, die werden hier zum Teil wunderbar aus den Angeln gehoben.
Das Familienunternehmen Blankenburg steht, in der Zeit des aufblühenden Nationalsozialismus, vor großen Herausforderungen und als sich das Firmenoberhaupt und der Schwiegersohn entschließen, sich der Verantwortung für das Haus auf sehr endgültige Weise zu entziehen, nämlich indem sie den Freitod wählen, da ist dies schon eine hochdramatische Situation. Ein Neuanfang muss her, darüber zumindest ist sich die Familie einig. Wohin wird die nächste Generation das Unternehmen führen, wird man in geschäftlichen Dingen zu einer Einigung kommen, am gleichen Strang ziehen, zum Wohle des Geschäfts. Da prallen sehr unterschiedliche Charaktere aufeinander und die Mithineinnahme der Löwensteins gibt der Geschichte noch mal eine ganz andere, politische Tragweite. Abet es ist eben nicht nur die Historie, die diesen Roman trägt, sondern die agierenden Protagonisten, alle von sehr verschiedener Wesensart und in den meisten Fällen auch durchaus bereit, für das Ausleben ihrer Eigenheiten einzutreten. Was dabei herauskommt, ist sehr lebendig, bunt, emotional und auch berührend und so manch dunkles Geheimnis tritt ebenfalls ans Licht.
Eine Familiengeschichte, die wirklich viel zu bieten hat!

Bewertung vom 21.09.2021
Die vier Winde
Hannah, Kristin

Die vier Winde


ausgezeichnet

Trotzdem eine starke Frau und der Kampf ums Überleben in schwerer Zeit

Es sind die 1920er Jahre. Elsa verlebt ihre Kindheit in einem wohlhabenden Elternhaus, doch ein umsorgtes warmherziges Zuhause ist es nicht. Im Gegenteil, ihre Eltern sind ihr gegenüber absolut gefühlskalt und ohne Achtung vor diesem kleinen Wesen. Elsa fühlt sich minderwertig und als auch ihr Wunsch, zu studieren, so gar nicht in Frage kommt, zieht sie sich endgültig in sich selbst zurück. Die Welt, die ihr bleibt, sind die Bücher. Doch dann findet sich doch eine Möglichkeit, diesem Leben zu entkommen. Sie heiratet den Sohn eines Getreidebauern und gründet so, dort auf der einsam gelegenen Farm in Texas, eine Familie. Ein Sohn und eine Tochter kommen zur Welt und sie gibt ihr Bestes für sie, doch dann kommt die große Dürre, die über Jahre anhält und den Bauern im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser abgräbt und ihnen die Existenzgrundlage nimmt. Und so muss Elsa, zusammen mit ihren Kindern, erneut weiterziehen, nach Kalifornien, in das Land, das für die Hoffnung auf ein besseres Leben steht. Was sie drei dort erwartet, ist allerdings etwas anderes, Abgrenzung, Lohnarbeit zu einem Preis, der nicht einmal zum Überleben reicht und das Campieren in Lagern, bei denen die eigene Menschenwürde vollkommen auf der Strecke bleibt.
Eine Geschichte, die so authentisch den Gegebenheiten dieser Zeit entspricht, so real die gesellschaftlichen Begingungen wiederspiegelt und uns zeigt, dass die (gestörte?) Natur in seinen extremen 'Ausfällen' dem Menschen auch damals schon seine Grenzen aufgezeigt hat. Und die Sprache der Autorin lässt uns das alles erfahren, als würden wir uns selbst, mit den Kindern an der Hand, durchkämpfen, dem Sturm entgegen, mit der prallen Sonne auf der Haut und dem Sand, der über unsere Körper reibt und einem die Sicht nach vorne raubt. Einfach sehr berührend und spannend dazu!
Und die Hoffnung, sie stirbt zuletzt und manchmal funktioniert das tatsächlich.

Bewertung vom 18.09.2021
Leo und Lucy 1: Leo und Lucy: Die Sache mit dem dritten L
Elbs, Rebecca

Leo und Lucy 1: Leo und Lucy: Die Sache mit dem dritten L


ausgezeichnet

Das Leben ist gar nicht so einfach und trotzdem eine tolle Sache

Leo ist ein ziemlich netter Kerl und eigentlich ist auch alles ganz in Ordnung in seinem Leben. Er hat eine tolle beste Freundin Lucy, die im selben Hochhaus in Köln-Chorweiler lebt wie er, eine Mutter, mit der man viel Spaß haben kann, nur gerade ist sie irgendwie ein bisschen komisch und eine Menge netter Menschen um sich herum, wo man jede Woche einmal zum Torte essen oder bei Lucys Eltern zum Spaghetti-Bolognese-Tag eingeladen wird. Aber es gibt eben auch die nicht so schönen Dinge, die Leo manchmal ganz schön zusetzen. Da ist sein Problem mit dem Lesen, sein nicht gerade netter Lehrer sagt Legasthenie dazu, aber für ihn fühlt sich das so an, als wenn die Buchstaben einfach nicht still stehen könnten auf dem Papier und dann wird es für Leo schwierig. Und dann gibt es noch die drei Mitschüler, die immer über ihn lästern, auch weil sein Vater nicht bei ihnen lebt und er eben nur in einem Hochhaus wohnt und nicht, wie sie selbst, in Einzelhäusern. Aber mal ganz davon abgesehen ist da noch Leos Traum, statt seines Schrottskateboards ein XWgo zu besitzen, dann die Skateboardmeisterschaft zu gewinnen und mit dem Gewinn Lucy den Sportrollstuhl zu kaufen, den sie dringend braucht. Eigentlich hat er sich das Board zum Geburtstag gewünscht, ist ja nur alle vier Jahre, aber seine Mutter hat es irgendwie nicht kapiert, trotz der vielen Hinweiszettelchen, die er in der Wohnung verteilt hat. Doch jetzt kommt es. Bald soll es einen Vorlesewettbewerb geben und genau dieses Board ist der erste Preis. Also muss Leo dieses Lesen, so unwahrscheinlich das auch erscheint, gewinnen. Und dafür muss er üben, üben, üben und er bekommt dabei ganz viel Hilfe, nicht nur von Lucy, sondern von ganz vielen anderen Menschen und das ist richtig schön.
Dass in dieser klasse Geschichte ordentlich was los ist, das merkt man ja. Da wird einem, Hundeentführungsabenteuer inklusive, nie langweilig. Hier ist jede Menge echtes Leben unterwegs, wobei es Leo dabei durchaus auch einmal zu viel werden kann. Aber dafür hat man ja dann seine Freunde und die sind so toll, dass man sich wünscht, es wären die eigenen. Und weil da auch ein paar Erwachsene mit dabei sind, noch ein kleiner Hinweis am Rande. Die Großen haben es auch nicht immer leicht und die meisten geben sich richtig viel Mühe.
Viel Spaß beim Lesen!

Bewertung vom 14.09.2021
Schach mit dem Tod
Jacobsen, Steffen

Schach mit dem Tod


sehr gut

Das Manhattan-Projekt zur Entwicklung der Atombombe und das Interesse der Anderen

Das Manhattan-Projekt, das 1942 in den USA unter der Führung von Robert Oppenheimer seine Arbeit aufnahm, es gab es wirklich und sein Ziel war die Entwicklung einer Atombombe zum späteren Einsatz in Europa und Japan zur Beendigung des 2. Weltkriegs.
Und dieses Projekt mit seinen führenden Köpfen aus diesem wissenschaftlichen Bereich findet seine fiktionale Umsetzung hier in diesem Buch, zusätzlich umrankt von dem verständlichen Bestreben der zweiten Supermacht zu dieser Zeit, der Sowjetunion.
David Adler ist Elektroingenieur und die verwandtschaftliche Beziehung zu Niels Bohr, deren Assistent er wird, öffnet ihm die Tür zu eben diesem hochgeheimen Manhattan-Projekt. Aus eigenem Bestreben nimmt er nicht daran teil und überzeugt ist er auch nicht davon, dass der vorgegebene Grund die Entwicklung einer solchen Waffe rechtfertigt. Aber darauf kann er keine Rücksicht nehmen, denn für ihn geht es nur um die Rettung seiner Familie, dem Druckmittel der Sowjets, um für diese als Informationsquelle zu fungieren. Was sich daraus ergibt, ist ein absolut spannender, in hohem Maße den tatsächlichen Abläufen nachempfundener Roman, ein Spionagethriller, der diese Thematik aber nicht im Übermaß in den Vordergrund stellt. Denn allein die Abläufe in dem Projekt selbst, die Entwicklung bis hin zu dem Moment, wo man davon sprechen kann, wir können sie einsetzten, diese Waffe, die Millionen von Menschen töten kann, das wird hier sehr faktenreich und durchaus mit wissenschaftlichem Anspruch erzählt. Filmisch umgesetzt wäre hierfür sicherlich der Begriff Doku-Drama zu verwenden, hier in der Welt des geschriebenen Worts macht diese Mischung den, wie vom Autor selbst noch einmal betont, doch weitgehend fiktiven Roman auf jeden Fall extrem packend und es wird einem durchaus schwer ums Herz, denn wir Leser wissen ja, was und das es dann tatsächlich passiert.
Spannung pur und manchmal schon ein bisschen sehr reale Gänsehaut.

Bewertung vom 12.09.2021
Die andere Tochter
Golch, Dinah Marte

Die andere Tochter


sehr gut

Wenn geschenktes Vertrauen zur einer Bedrohung wird

Wenn man durch einen Unfall blind wird und dann das Augenlicht zurückbekommt, dieses Geschenk in Form einer Hornhauttransplantation hat Antonia erahren und sie ist sich sehr bewusst darüber, dass dies nur möglich war, weil ein anderer Mensch gestorben ist. In diesem Fall ist es eine junge Malerin, sehr schön und eingebunden in ein gutes Leben. Antonia würde gerne mehr über diese Frau erfahren, denn seit der Augenoperation hat sie Flashbacks und sie glaubt, das ihr 'ihre Retterin' etwas sagen möchte, etwas sehr wichtiges. Als dann eines Tages ein Brief von deren Mutter bei ihr eintrifft, obwohl ja eine Kontaktaufnahme eigentlich verboten ist, besucht sie diese und bietet ihre Hilfe bei der Auflösung der Wohnung der Tochter an. Dies macht ihre Beziehung zu dieser Familie noch persönlicher und das natürliche Misstrauen anderen gegenüber blockt Antionia hier einfach ab, bei der vorgegebenen Konstellation ja nur zu verständlich. Doch das hat Folgen, Folgen, die auch ihre eigene Familie in höchste Gefahr bringt. Und so wird, schon ein bisschen unerwartet, aus dem anfangs eher als Drama eingeordneten Roman dann auch noch eine richtig heftige Kriminalgeschichte, die es für Antonia notwendig macht, sich dem Geheimnis der eigenen familiären Hintergründe zu stellen.
Ein sehr ungewöhnliches Buch, intensiv, packend in mehr wie einer Beziehung, hochdramatisch und einfach auch sehr spannend, denn wohin die Reise geht, wie sich alles, bis zu einem sehr authentischen Ende hin, auflöst, das kann man wirklich nicht voraussehen. Man ist, sozusagen von der ersten Seite an, mit dabei, wenn einen der sehr flüssige Schreibstil der Autorin, verbunden mit dem Element zweier aber sehr nahe beieinander liegender Zeitebenen, mitnimmt auf diesen auch sehr emotionalen Weg und wir zusehen können, wie sich die junge Frau aus dem Strudel der Geschehnisse 'befreit'.

Bewertung vom 11.09.2021
Spielst du mit, kleines Schaf?
Zedelius, Miriam

Spielst du mit, kleines Schaf?


ausgezeichnet

Jeder ist wichtig und irgendwann merken das alle

Das Wetter ist gut und so trifft sich eine illustre Schar von Tieren zum Spielen auf der großen Wiese. Da sind Bär, Elefant, Katze, Hund, Maus, Schwein, Rabe und das kleine Schaf. Eigentlich möchte jeder etwas anderes machen, aber dann hat die Katze eine gute Idee, bei der alle genau das tun können, worauf sie Lust haben bzw. was so richtig ihr Ding ist. Sie wollen ein Zirkus sein. Zaubernuss soll er heißen und jeder fängt sofort an zu üben, um etwas zum Vorführen einzustudieren, was zu ihm passt. Der starke Bär hebt ein Gewicht und das Gewicht in der richtig schwere Elefant, die Maus tanzt, die Katze fährt Einrad, der Hund wird zum Clown, der Rabe zum Zauberer, drei vorüberkommende Frösche machen die Kapelle und das Schwein behält den Überblick und gibt den Direktor. Nur dem Schaf ist so gar nicht nach Aktivität und geht deshalb ganz leise nach Hause. Aber als dann alle zur Vorführung bereit sind, merken sie, ein Zuschauer fehlt, ohne macht es einfach keinen Spaß. Und so suchen sie das Schaf und bitten es, das Publikum zu sein. Das Schaf freut sich sehr, jetzt doch noch den genau richtigen Platz in dem Spiel gefunden zu haben und weil Zuschauer ja nie genug da sein können, bringt es gleich seine ganze Familie mit.
Was für eine tolle Geschichte darüber, wie man respektvoll miteinander umgeht, akzeptiert, dass nun mal jeder anders ist und darüber, wie schön es doch ist, Freunde zu haben.
Bei diesem Vorlese-Bilderbuch passt einfach alles und die eine kleine Stelle, wo es mal hakt und man die Bilder braucht, um zu erfahren, wie sie denn nun aussieht, die Idee des Schafs, macht einem dann aber auch nochmal besonders bewusst, wie gelungen diese wunderbar gestalteten Tiergeschöpfe rüberkommen, so richtig zum Liebhaben und Freunde sein.

Bewertung vom 10.09.2021
Das Glashotel
Mandel, Emily St. John

Das Glashotel


sehr gut

Das Leben geht seine eigenen Wege und jeder Mensch hat genau eins davon

Die junge Vincent hat schon früh Entwurzelung erfahren. Ihre Mutter ist beim Kanufahren verschwunden, als sie noch ein Kind war, ob aufgrund eines Unfalls und ob es ein ganz bewusstes 'die Familie verlassen' war, das bleibt ungeklärt. So wächst sie zusamnnen mit ihrem Halbbruder bei einer Tante auf. Ein Gefühl von Zuhause erfährt sie dort nicht. Nun arbeitet sie als Barkeeperin in einem sehr abgeschieden gelegenen Hotel, sozusagen am Ende der Welt. Und hier geschieht es, der Beginn ihres 'ersten' neuen Lebens. Der reiche Investor Jonathan Alkaitis schenkt ihr seine Aufmerksamkeit und den Eintritt in die High Society, in die Gesellschaft der Reichen und Schönen. Vincent schwimmt mit in diesem einst eigentlich unerreichbaren Traum. Doch das Glück, das, wenn sie ehrlich ist, nicht wirklich in ihrem Innerstes Einzug gehalten hat, ist schnell wieder vorbei, denn Jonathan stellt sich als Betrüger heraus, als ein Mann, der viele seiner Anleger um ihre Lebensexistenz gebracht hat und den Rest seines Lebens wohl im Gefängnis verbringen wird. Und so ist Vincent erneut abrupt 'aus ihrem Leben gefallen' und muss sich nun auf die Suche machen, nach finanzieller Existenz, nach Sinn, nach dem Gefühl von Zugehörigkeit und einem Zuhause, wie immer das auch aussehen mag. Und dieser Weg ist beschwerlich und gleichzeitig sehr lebendig, gepflastert von Menschen, von deren Schicksalen, ob von vornherein verwoben mit Vincents eigenem Leben, den Trümmern, die Alkaitis zurückgelassen hat oder einfach aufgetaucht, von irgendwo her.
Das alles ist an sich gar nicht so besonders spektakulär, aber das wie, das macht diese Geschichte, dieses Schicksalsgebilde, zu etwas Einmaligem. Der Schreibstil ist präzise, fein geschliffen und immer sehr nah dran, ohne opulente Bilder, ohne überbordende Gefühlsbeschreibungen. Es ist einfach ein ruhiger Strom, dem wir folgen, und das, in meinem Fall, extrem begeistert bis zu seinem Ende. Und am Schluss ist, überaus kunstvoll, alles an seinem Platz und der Kreis hat sich geschlossen.

Bewertung vom 03.09.2021
Wie man einen Tiger fängt
Keller, Tae

Wie man einen Tiger fängt


ausgezeichnet

Eine Geschichte über Familie und über das Abschiednehmen, voller Magie

Es war einmal, so fangen viele Geschichten an, ein paar Mal auch hier in diesem Buch. Aber eigentlich geht es um die junge Lilly und ihre koreanische Großmutter, ihre Halmoni. Als Lilly noch ganz klein war, hat diese ihre Schwester Sam und sie oft besucht und ihnen dann wunderbare Geschichten, magische Geschichten erzählt, von einem Tigermädchen, das sowohl Mensch wie auch Tiger in sich trägt, davon dass zwei kleine Mädchen in den Himmel hinaufklettern und dann zu Mond und Sonne werden und von einem Gott, der etwas verspricht, es aber dann vergisst. Doch nun ist es umgekehrt und anders. Diesmal fahren ihre Mutter, Lilly und Sam zu ihrer Halmoni in ihr herrlich verwinkeltes gemütliches Haus nach Kalifornien, um zu bleiben. Warum, bleibt erstmal ein Geheimnis, aber bald merkt Lilly, dass ihre Großmutter sehr krank ist und ihre Mutter, also deren Tochter, will einfach für sie da sein. Lilly macht das große Angst und sie möchte alles tun, damit ihre geliebte Halmoni wieder gesund wird. Und dann passiert es, ihr erscheint ein Tiger bzw. eine Tigerin, die verspricht, das alles wieder gut wird, wenn Lilly ihr die einst von ihrer Großmutter in Flaschen 'eingesperrten Geschichten' zurückgibt, damit sie wieder an ihrem Platz als Himmelssterne leuchten können. Soll Lilly der Tigerdame glauben oder belügt sie sie nur. Lilly muss sich entscheiden. Fragen kann sie niemanden, denn nur sie sieht diese magischen Dinge. Anscheinend ist sie mit den selben 'Fähigkeiten wie ihre Halmoni beschenkt.
Dieses Buch ist wahrlich außergewöhnlich, mit einer Magie, getragen von der Fremdheit und der Mystik Koreas und durchströmt von den Menschenwesen ihrer, Lillys Familie, die sie über die Generationen hinweg, erst noch ergründen muss, genau wie die Autorin selbst dies getan hat. Und trotzdem befindet sich diese Geschichte vollkommen im hier und jetzt, mitten in diesem Leben, das sich verändert und man kann nichts dagegen tun. Und dazu gehört auch das Abschiednehmen, das einem so viel abverlangt, so viel Mut und zu so viel Erkenntnis führt, für all die, die noch auf dem Weg sind, es einfach zuzulassen, sie selbst zu sein.
Und ganz zum Schluß soll noch einmal die Autorin dieses 'Schatzes' ihr Wort an uns Leser richten dürfen, denn besser kann man das, als was dieses Buch bei einem ankommt nicht beschreiben.

„Dieses Buch hat einen weiten Weg hinter sich , und nun hat es zu euch gefunden. Danke, dass ihr ihm ein Zuhause gebt. Diese Geschichte ist jetzt eure.''

Bewertung vom 01.09.2021
Das Mädchen mit der lauternen Stimme
Daré, Abi

Das Mädchen mit der lauternen Stimme


sehr gut

Ein nigerianisches Mädchen und seine große Sehnsucht nach Wissen und einer Chance

Die vierzehnjährige Adunni lebt in Nigeria. Als ihre Mutter noch lebte, wollte diese ihr die Möglichkeit geben, es einmal besser zu haben und sich nicht dem Schicksal nigerianischer Frauen ergeben zu müssen. Sie sollte zur Schule gehen, lernen und so einen anderen Weg gehen können. Das Versprechen, dass dies auch so geschieht, hatte sie ihrem Mann auf dem Sterbebett abgenommen, aber er entscheidet sich anders, vielleicht aus der eigenen Not heraus, vielleicht aber auch einfach, weil es in Nigeria für Frauen nun einmal so 'vorbestimmt' ist. Er verkauft seine Tochter als Drittfrau an einen Taxifahrer, der dafür seine Schulden begleicht. Und eigentlich wäre das schon das Ende der Geschichte, aber die junge Adunni gibt nicht auf. Sie kämpft darum, die Hoffnung nicht zu verlieren und nach einer Zeit voller Gewalt und Demütigung gelingt ihr die Flucht nach Lagos, in die große Stadt. Dort soll es anders werden, besser. Aber auch hier wird sie ausgenutzt und 'misshandelt'. Doch Adunni, das Mädchen mit dem starken Willen und dem Wunsch, Chancen und mehr Gerechtigkeit für den weiblichen Anteil der Bevölkerung in ihrem Land mit voranzutreiben, macht einfach weiter und es gibt auch gute Menschen auf ihrem Weg. Der Funke auf ein besseres Leben bleibt.
Dieser Roman ist die Geschichte einer bemerkenswerten jungen Frau und wir als Leser sind dabei ganz nah dran. Adunni erzählt, immer im gerade jetzt, so wie sie gerade in diesem Augenblick denkt und fühlt und ihre Sprache drückt das auch aus. Und Adunni verändert sich und ihr Sprechen wird erwachsener, erfahrener und irgendwann auch 'gebildeter'. Sie auf diese Weise so intensiv erleben zu dürfen, das hebt dieses Buch heraus. Und mit ihrer Geschichte erleben wir auch ihr Land Nigeria, das so noch nicht so wirklich in meinen Focus getreten ist, hier jetzt aber umso mehr.
Dieses Werk zu entdecken und es bekannt werden zu lassen, ist sicherlich nicht so einfach, aber ich hoffe, es bekommt die nötige Aufmerksamkeit, immer noch ein bisschen mehr. Und als kleiner Randeffekt, wie wertvoll Bildung ist und was manche Menschen bereit sind, dafür zu tun, dass sollte die Generation, die es betrifft, dazu bewegen, deren Selbstverständlichkeit in 'unserer Welt' etwas mehr wertzuschätzen.
Ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.

Bewertung vom 27.08.2021
Der Kolibri - Premio Strega 2020
Veronesi, Sandro

Der Kolibri - Premio Strega 2020


sehr gut

Ein Mann, sein Leben und eine Familiengeschichte drumherum

Man öffnet dieses Buch und stürzt mitten hinein in das Leben, das Leben des Augenarztes Marco Carrera. Gerade hat er erfahren, dass ihn seine Frau, eine Stewardess, verlassen wird und zwar nicht von dieser selbst, sondern von ihrem Psychoanalytiker. Das ist schon eine doppelte Schmach und setzt eine Menge Emotionen bei diesem frei. Und dann geht das Leben einfach weiter. Da warten einige heftige Schicksalsschläge auf diesen Mann und auch die Mitglieder seiner Familie müssen harte Zeiten durchstehen. Die Geschichte blickt aber auch verstärkt zurück und erzählt von dem Weg des späteren Arztes, beginnend bei den Problemen in seiner Kindheit. Und der Name des Kolibris als Symbol eines unendlich zartknochigen aber trotzdem geradezu vibrierenden Geschöpfs hat ihn schon damals begleitet.
Irgendwie ist bei dieser Geschichte alles im Fluss, obwohl man sie nicht in chronologischem Ablauf erzählt bekommt. Ständig wird zwischen den Zeiten gewechselt und was man erfährt, wird teilweise aus Briefen bestückt und durch sehr kunstvolle aber manchmal auch aberwitzig konstruierte Dialoge befüllt. Dies so anzunehmen und es als absoluten Gewinn für diesen Roman zu sehen, dafür braucht es 'Eingewöhnung', aber dann wird 'dieser Kolibri' einfach zu einem ganz wunderbaren Leseerlebnis.
Und die Auszeichnung "Premio Strega 2020" steht, absolut verdient, genau dafür.