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"Das 1984 fürs Internetzeitalter" Zeit online Das Kultbuch jetzt auf Deutsch Leben in der schönen neuen Welt des total transparenten Internets: Mit "Der Circle" hat Dave Eggers einen hellsichtigen, hochspannenden Roman über die Abgründe des gegenwärtigen Vernetzungswahns geschrieben. Ein beklemmender Pageturner, der weltweit Aufsehen erregt. Huxleys "Schöne neue Welt" reloaded: Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim "Circle", einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google,…mehr

Produktbeschreibung
"Das 1984 fürs Internetzeitalter" Zeit online
Das Kultbuch jetzt auf Deutsch
Leben in der schönen neuen Welt des total transparenten Internets: Mit "Der Circle" hat Dave Eggers einen hellsichtigen, hochspannenden Roman über die Abgründe des gegenwärtigen Vernetzungswahns geschrieben. Ein beklemmender Pageturner, der weltweit Aufsehen erregt.
Huxleys "Schöne neue Welt" reloaded: Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim "Circle", einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz, so ein Ziel der "drei Weisen", die den Konzern leiten, wird es keinen Schmutz mehr geben im Internet und auch keine Kriminalität. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterneköche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles
Mit seinem neuen Roman "Der Circle" hat Dave Eggers ein packendes Buch über eine bestürzend nahe Zukunft geschrieben, einen Thriller, der uns ganz neu über die Bedeutung von Privatsphäre, Demokratie und Öffentlichkeit nachdenken und den Wunsch aufkommen lässt, die Welt und das Netz mögen uns bitte manchmal vergessen.

Der Circle von Dave Eggers – Aus der bücher.de Redaktion:


Am 14.August 2014 erscheint Der Circle, der neue Roman von Dave Eggers endlich auch auf Deutsch. Mae Holland, gerade erst ihren Studienabschluss in der Tasche, erhält schon einen Job bei der weltweit größen Tech-Firma „Circle“. Die Devise der Organisation: Das Erreichen völliger Transparenz jedes einzelnen Menschen und die komplette Abschaffung von Privatsphäre. In rasantem Tempo macht Mae Karriere und wird zum Aushängeschild von „Circle“. Natürlich sind nicht alle Menschen begeistert von den Plänen des Unternehmens und stehen diesen skeptisch gegenüber, doch nur wenige erkennen das ganze Ausmaß der Gefahren, die von „Circle“ ausgehen. Um die Firma zu stoppen brauchen deren Gegner allerdings Hilfe aus dem inneren Kreis und wenden sich deshalb hoffnungsvoll an Mae …

In Der Circle zeigt Dave Eggers eine Dystopie auf, die bei genauerer Betrachtung gar nicht so unrealistisch erscheint wie man zunächst denken mag. Die Charaktere spielen in Der Circle eher eine untergeordnete Rolle und dienen vielmehr der Veranschaulichung der unterschiedlichen Sichtweisen denn der Möglichkeit für den Leser sich in diese hineinzuversetzen. Dies tut dem Buch allerdings keinen Abbruch, denn Dave Eggers schafft es einen von der ersten Seite an durch und durch spannenden Roman abzuliefern, der nicht nur gute Unterhaltung bietet, sondern auch zum Nachdenken anregt. – Ein Buch das man gelesen haben sollte.

  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Seitenzahl: 559
  • 2014
  • Ausstattung/Bilder: 2014. 560 S. 205 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 139mm x 40mm
  • Gewicht: 642g
  • ISBN-13: 9783462046755
  • ISBN-10: 3462046756
  • Best.Nr.: 40820846
Autorenporträt
Dave Eggers, geboren 1971, wuchs in der Nähe von Chicago auf und besuchte die Universität von Illinois. Er gründete 1998 einen Verlag, in dem er seine Bücher veröffentlicht, ein vierteljährliches Literaturmagazin und eine Monatszeitschrift. 2012 wurde Dave Eggers mit dem "Albatros", dem Preis der "Grass-Stiftung.
Eggers ist Gründer und Herausgeber von McSweeney's, einem unabhängigen Verlag mit Sitz in San Francisco. 2002 rief er ein gemeinnütziges Schreib- und Förderzentrum für Jugendliche ins Leben, "826 Valencia", das heute Ableger in mehreren amerikanischen Städten hat. Eggers stammt aus Chicago und lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Nordkalifornien.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Ist er nun ein Optimist, der Autor, oder ist er's nicht, fragt sich Andreas Platthaus. Am Ende der Lektüre von Dave Eggers' Roman glaubt der Rezensent doch fast daran, bei aller Verzweiflung, die in der Geschichte um planmäßige Gehirnwäsche und Persönlichkeitsveränderung durch IT-Großkonzerne offenbar wird. Dass der Autor sie immerhin in die Zukunft projiziert, ist für Platthaus der entscheidende Hinweis. Die schonungslose Genauigkeit, mit der Eggers die zukünftige Gesellschaft zeichnet, ist für Platthaus dagegen Ausweis seiner Stärke. Stilistisch und als Handlungskonstrukteur kann und muss ihn der Autor gar nicht überzeugen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 16.08.2014
Der Mann aus dem merkwürdig altmodischen Zeitalter der Zukunft
Dave Eggers verwandelt Wirklichkeit in Literatur und wieder zurück, um die Welt zu verändern: Er demonstriert, wie engagiertes Schreiben heute aussieht

Wenn man diesen Mann trifft, Dave Eggers, 44 Jahre alt, schwarze Wusellocken, kleine Augen, Jeans, helles T-Shirt, Begeisterung, dann will man eigentlich vor allem mitmachen, bei einem seiner Projekte: bei dem von ihm gegründeten Verlag McSweeney's, dem Magazin "The Believer", den Schreibschulen, die er in San Francisco für benachteiligte Kinder mit Lese- und Schreibschwäche gegründet hat und von denen es inzwischen Dependancen in aller Welt gibt, oder bei der Stiftung in Sudan, die auf seinen Roman "Weit gegangen" folgte, die den Bau von Schulen und Flüchtlingshilfen unterstützt, und so weiter. Dave Eggers ist der Mann, der dem Zynismus unserer Zeit, der Tatenlosigkeit, der Totalironie, der wirkungslosen, wohlfeilen Scheinbetroffenheit, der ganzen, großen Egalheit angesichts überwältigender Probleme in der Welt etwas entgegensetzt. Etwas Kleines, Altmodisches, etwas Beschränktes, aus der Zeit Gefallenes: die Literatur.

Dabei hat er überhaupt nichts Guruhaftes an sich. Er redet eher leise, spricht von seinen Zweifeln, seinem Willen zum Optimismus, der ihm meist nicht schwerzufallen scheint. Als ich ihn vor einer Weile traf, um mit ihm über seinen Roman "Der Circle" zu sprechen, da beschrieb er zum Beispiel die Überforderung durch die täglich wachsenden Anforderungen moderner Kommunikationstechnologie, staunte über Menschen, die das scheinbar problemlos bewältigen, und sagte dann: "Vielleicht haben die einfach bessere Gehirne als ich."

Es kann unbedingt sein, dass es jede Menge Leute da draußen gibt, die bessere Gehirne haben als Dave Eggers. Seines aber scheint ein besonders schnelles, unruhiges, buntes zu sein, ein Superhirn, das er nicht nutzt, um Quatsch zu machen oder ästhetische Feinrätselkunst, sondern engagierte Anwendungsliteratur. Dave Eggers verwandelt Wirklichkeit in Literatur, und dann verwandelt er sie wieder zurück. Das heißt, es entsteht aus vielen seiner Bücher eine direkte Wirkungsinstitution, die dann das Anliegen, das der Autor mit seinem Schreiben verfolgte, in der Wirklichkeit weiterverfolgt. Und das bedeutet nicht, dass er der Kraft der Literatur nicht vertraut: Er glaubt nur, dass man die direkten Folgen, die man selbst als notwendig erkannt hat, sich jetzt nicht unbedingt von irgendeinem Leser erhoffen soll, sondern dass man es einfach selbst machen kann. Eggers gibt Anstöße, und dann zieht er aber immer weiter. Die Stiftungen, die er gegründet hat, die Schreibschulen - das läuft längst alles ohne ihn.

Und aus dem "Circle"? Was könnte aus diesem Roman erwachsen, der die totalitäre Herrschaft eines Technologiekonzerns schildert, in einer Zeit, die in nicht allzu ferner Zukunft liegt? Was ist das Dave-Eggers-Projekt, das sich aus dieser Gegenwartsanalyse und Zukunftshorrorvision ergeben wird, frage ich ihn. Da zögert er eine Weile, schaut in die Luft und sagt: "Wir werden sehen. Es könnte ein Projekt da draußen geben, das helfen würde. Ich hatte einige Ideen in den letzten Jahren, wie man einigen dieser Gefahren begegnen könnte, ganz konkret. Aber für den Moment, dachte ich, ist die Literatur der beste Weg." Mehr lässt er sich leider nicht entlocken. Die Literatur ist der Weg, aber nicht die letzte Station. Gerade geht es ihm darum, ein Bewusstsein zu schaffen für die Gefahren, die er sieht.

"Die Versprechungen der Technologiekonzerne, die Erfindungen der Techniker sind so gigantisch, herrlich, strahlend und toll, dass die Gefahren heute einfach derart winzig erscheinen, dass nur wenige Menschen sie ernst nehmen", sagt Eggers. Und dass er sich manchmal fühle wie ein Mensch aus einem lächerlichen, irrelevanten, alten Jahrhundert. Ihm selbst gefällt diese Rolle auch nicht gerade sehr: der Mahner und Warner vor unsichtbaren Gefahren zu sein, der den Leuten ihre Freude an kostenlosen Super-Apps mit seinen Zweifeln trübt. Und er erzählt vom Besuch bei einem Freund in Los Angeles, der ihm ganz stolz eine Verkehrs-App präsentierte, mit deren Hilfe man sich an jedem Verkehrsstau vorbei durch die Stadt bewegen kann, durch Hinterhöfe, über Sportplätze, private Gärten, Scheinsackgassen hindurch, rasend durch die überfüllte Stadt. Eggers fragte ihn: "Was kostet die?" "Nichts, ist umsonst, keine Anzeigen, nichts." Und als Eggers ihn fragte, was er glaube, wie das funktioniert, sagte der Freund: "Na ja, offensichtlich sammeln die meine Daten und machen sie zu Geld. Keine Ahnung. Hat mir natürlich keiner erklärt, wie die das machen."

Eggers erklärt es in seinem Roman. Also nicht diese Los-Angeles-App, sondern die Gefahren, die am Anfang noch lächerlich erscheinen, fast unsichtbar, den Alltag gar nicht einschränken. Viele haben sein Buch mit George Orwells "1984" verglichen. Und "Der Circle" hat wirklich viel von der suggestiven, überwältigenden Kraft von Orwells Buch. Eggers sagt: "Als ich fertig geschrieben hatte, habe ich ,1984' noch einmal gelesen. Es war eine ganze Weile her, dass ich es zuletzt gelesen hatte. Ich wollte nur sichergehen, dass es keine großen Überschneidungen gibt. Dabei fiel mir auf - was ich ganz vergessen hatte -, dass auf der ersten Seite des Buchs das Unglück ja schon vollkommen ist. Jeder hat längst alle Hoffnung aufgegeben. Es ist eine schreckliche Welt, in der es keinen freien Willen mehr gibt, jeder wird ständig beobachtet. Man sieht gar nicht, wie es dazu kam. Man rutscht nicht langsam in das Unglück hinein, es ist einfach da. Ich war froh, dass ich in meinem Buch einen anderen Weg gegangen war."

Den Weg um den Kreis herum, in den Kreis hinein, bis er schließlich ganz geschlossen ist. Eggers schwankt im Gespräch immer wieder zwischen - bei ihm ganz ungewohnten - Pessimismus und entschlossenem Optimismus. Er sagt, dass ihm die Proteste und die Prozesse, die es in Deutschland gibt, um die Macht der Internetkonzerne einzudämmen, Hoffnung machen. Er sagt, dass die Proteste ein plastisches warnendes Beispiel brauchten (ein "poster child" nennt er es), um ihnen eine breitere Basis zu verschaffen. Und bis es so eines in der Wirklichkeit gebe, sei die Literatur das beste Mittel, um es zu erreichen. Eine sehr altmodische Methode, der Dave Eggers alle Kraft zur Umgestaltung der Zukunft zutraut.

VOLKER WEIDERMANN

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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»Wir müssen uns davor verbeugen und froh sein, dass es das Buch gibt. Jeder muss es lesen.«
Besprechung von 14.08.2014
Teilen ist Heilen
Dave Eggers’ Überwachungsroman „Der Circle“ wird als neues „1984“ gehandelt. Doch der Autor macht seine Romanfiguren auch selbst zu Marionetten
Großer Vorstellungskraft bedarf es heute nicht mehr, um Science-Fiction zu schreiben. Wir leben zwar noch immer nicht auf dem Mond, warten weiter auf fliegende Autos und wissen weniger denn je, wie sich die Probleme der Menschheit lösen lassen. Doch gleichzeitig treibt uns die Digitalisierung mit jedem Produktzyklus weiter in Bereiche, die eben noch tief im Phantastischen lagen. Für seinen Roman „The Circle“, der jetzt auf Deutsch erscheint, musste Dave Eggers also wenig mehr tun, als sich auszumalen, was wäre, würden die Macht der Datenkonzerne und unsere Bereitschaft, uns ihnen auszuliefern, weiterwachsen wie bisher.
  Eggers hat schon oft sein Gespür für die richtigen Themen zum richtigen Zeitpunkt bewiesen: mit seinem Katrina -Roman „Zeitoun“ etwa oder seiner Kapitalismus-Kritik „Ein Hologramm für den König“. Doch mit „Der Circle“, der noch vor den NSA-Enthüllungen geschrieben wurde, hat er sich selbst übertroffen.
  Eggers hat den „Roman unserer Zeit“, geschrieben, titelte die FAS, die ihm eine ganze Feuilletonausgabe widmete; das „1984“ für 2014, so die Zeit, die das Buch von fünf Autoren begutachten ließ. Vor allem aber ist es ein Roman, der die Sehnsucht nach Eindeutigkeit befriedigt. Eggers macht sich genau von dem Punkt aus auf seinen Weg in die Endzeit, an dem selbst apokalyptisch gestimmte Leitartikler umkehren, um sich nicht unglaubwürdig zu machen. Er scheut sich nicht, unsere kollektiven Zukunftsängste in minutiösem Detail aufzublättern, und über die in allen Grautönen geführte Überwachungsdebatte kippt er einen Eimer Schwarz. Entsprechend gierig verschlingt man dieses Buch, für entsprechend relevant wird es gehalten.
  Mae Holland, 24, ist eine arme Seele aus dem städtischen Gaswerk. Dort kam sie als IT-Frau nach dem College unter. Hoffnungen, Träume? Sie schrumpften mit jedem Tag in ihrem Cubicle weiter zusammen, bis nichts als das Ziel blieb, den Berg Schulden abzuzahlen, den sie mit der Ausbildung für den sinnlosen Job angehäuft hat.
Doch das alles ist Geschichte, als sie dem funkelnden Campus von The Circle entgegenschreitet, der weniger Bürokomplex ist als himmlisches Jerusalem. Der Circle ist das, was herauskäme, wenn Google, Facebook, Twitter und alle anderen Online-Dienste fusionierten. Ein Gigant, der mit erbarmungsloser Freundlichkeit jeden Bereich des Lebens durchdrungen und für sich profitabel gemacht hat. Ihre Überflieger-Freundin Annie ist hier schnell aufgestiegen, nun heuert auch Mae beim „coolsten Unternehmen der Welt“ an.
  Wie cool es wirklich ist, das hatte sich Mae in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Sie flüstert die in Stein gelaserten Losungen nach: „Bringt euch ein“, „Sucht Gemeinschaft“, „Träumt“. Sie bewundert die durch ihre implantierten Netzhautscreens ins Leere starrenden Circler – Zukunftsmenschen!; sie passiert die veganische Cafeteria, die Schlafwaben und das Amphitheater, wo Stars pro bono auftreten: Für die Digitalelite spielen zu dürfen ist Lohn genug. Dass den Circlern jeder diesseitige Komfort zur Verfügung steht, erscheint nur folgerichtig angesichts ihrer harten Arbeit am Jenseits: „Alles, was wir hier machen, hat das Ziel, bisher Unbekanntes zu erkennen.“
  Doch bevor die Novizin sich der Zukunft würdig erweist, muss sie die Gegenwart abarbeiten. Man steckt sie in die „Customer Experience“, wo sie im Akkord E-Mails beantwortet, unterstützt allein von den behavioristischen Belohnungstools – digitalen Glöckchen, Smileys und Rankingsystemen – die die Circler mit regelmäßigen Dopamindosen bei Laune halten.
  Ehe sie es wagt, sich ihre Enttäuschung einzugestehen, kehren ihre Vorgesetzten perfide die Verhältnisse um: „Du bist nicht nur ein Rädchen im Getriebe“, werfen sie ihr vor. „Wir betrachten dich als ein vollständiges erkennbares menschliches Wesen mit grenzenlosem Potenzial.“ Es ist nicht ihre Arbeit, die sie bemängeln, sondern ihren „Egoismus“. Sie ging Kajakfahren, und postete keine Bilder! Ihr Vater liegt im Sterben – und die Community darf nicht Anteil nehmen? Hippie-Formeln und Kapitalismuskritik aus dem 20. Jahrhundert rechtfertigen im 21. eine neue, geistige und emotionale Leibeigenschaft.
  Mae tut eifrig Buße. Bis tief in die Nacht verschickt sie „Zings“, „Smiles“ und „Frowns“, lobt Urlaubsfotos, bewertet Produkte. Weniger aus Überzeugung denn aus einem nie erklärten Mangel an Persönlichkeit liefert sie sich nun dem Transparenzcredo aus.
  Ihre Körperfunktionen kennt die Firma schon: Ein Sensor funkt sie aus ihren Eingeweiden an den schimmernden Armreif, der ihr um das Handgelenk geschlossen wurde. Auch ihre Vorlieben beim Urlaub, beim Schuhkauf lagern auf den Servern. Doch erst als Eamon Bailey selbst, einer der „Drei Weisen“, sie nach einer letzten frevelhaften Flucht ins Private auf die utopische Mission des Circle einschwört, ist ihre Konversion vollkommen.
  Unheimlich ist jede Idee, mit der der Circle sich im Leben von Milliarden festgesetzt hat: TruYou etwa, das der Anonymität im Internet ein Ende bereitete und dem Circle zur Alleinherrschaft verhalf. SeeChange, für das die Welt mit Millionen winzigen Kameras bestückt werden soll, um jeden Winkel online sichtbar zu machen. Oder ChildTrack, die Implantation von Chips ins Knochenmark Neugeborener. Sie sind vor Kidnapping sicher – und lebenslange Geiseln des Circles.
  Doch alle diese Programme sind nur Etappen auf dem Weg zur „Vollendung“, den Moment, da es nichts mehr gibt, was den Augen des Circle verborgen bliebe. Mae selbst wird auserwählt, den nächsten Schritt dorthin zu gehen: Sie „wird transparent“, wird 24 Stunden täglich Überwacherin ihrer selbst sein und ihr Leben mit Hunderttausenden Zuschauern teilen.
  Als „awakening“ beschreibt sie diese Opferung ihrer Privatheit (gemeint ist schon Erweckung, nicht „Erwachen“, wie es in der Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann heißt, denen das Gehirngewaschenen-Idiom der Circler im Deutschen oft zu umständlich gerät). Und bestätigt damit, was der Leser schon auf der ersten Seite verstanden hat: „Ich bin im Himmel“, rief Mae dort aus: Die „Drei Weisen“ und die „Vierzigerbande“ haben es weniger auf Umsatzsteigerungen und Marktanteile abgesehen, sondern auf ein irdisches Himmelreich der Moral und der Stabilität. Der Schlüssel dazu ist lückenlose Überwachung. Jeder soll wie Gott alles sehen können, und jeder wird die anderen alles sehenden Götter fürchten.
  „Wenn wir unser bestes Selbst werden, sind die Möglichkeiten endlos. Wir können jedes Problem lösen, jede Krankheit heilen, den Hunger besiegen, alles, weil wir uns nicht mehr von unseren Schwächen behindern lassen, von unseren trivialen Geheimnissen, unserem Horten von Informationen und Wissen“, so Bailey. Mae selbst, die jetzt Postergirl und Apostel des sündenfreien Glücksregimes ist, formuliert dessen Glaubensbekenntnis: „Geheimnisse sind Lügen“, „Heilen ist Teilen“, „Alles Private ist Diebstahl“.
  Eggers’ Strategie ist so naheliegend wie überzeugend: Seit Langem provozieren die realen Gurus aus dem Silicon Valley ja mit ihrer Rhetorik von der „Revolution“ und der „besseren Welt“. Noch die banalste Innovation verknüpfen sie mit dem Versprechen auf Befreiung, Kreativität und Gemeinschaft. Ganz zu schweigen von ihrer Ikonografie, vom angebissenen Apple-Apfel bis zu den neobarocken Firmamenten der Bildschirmschoner. Tut man sie probeweise einmal nicht als bloße PR-Hyperbolik ab, landet man, so scheint es, fast zwangsläufig bei den Erlösungsphantasien von „Der Circle“.
  Sehr subtil verfährt Eggers allerdings nicht bei seiner Utopie-Collage: So wie der Circle alle Konkurrenten geschluckt hat, scheint auch Eggers digitales Himmelreich aus einem Merger der Heilsversprechen von Kommunismus und Katholizismus, Puritanismus und amerikanischer Mythologie hervorgegangen zu sein. Mit dickem Pinsel kleckst Eggers die entsprechenden Referenzen über die Seiten.
  Doch trotz des motivischen Overkills kann Eggers nicht erklären, warum sich die Circler so willig dem Transparenzzwang unterwerfen. Noch weniger leuchtet die kryptopuritanische Agenda der Circle-Eminenzen ein, die der Erzählung erst ihren fiebrigen Grusel verleiht. Man kann den Eric Schmidts, Mark Zuckerbergs und Peter Thiels vieles vorwerfen: Hybris, kulturelle Blindheit, Verächtlichkeit gegen alle, die sich ihrem Fundamentaloptimismus in den Weg stellen. Aber bigotte Moralapostel wie aus der Megachurch sind sie nicht. Interessanter wäre es gewesen zu erfahren, was sie wirklich antreibt.
  Doch Eggers beschäftigen weder deren wahre Motivationen noch die seiner übrigen Charaktere. Dass sie alle wirken wie aus Pappe ausgeschnitten fürs Agitprop-Straßentheater, stört ihn so wenig wie die Tatsache, dass in seinem Buch literarisch nichts passiert. Es schildert die Zukunft mit den erzählerischen Mitteln der Vergangenheit. Wie naheliegend wäre es gewesen, die psychologischen Effekte des Offenheitsterrors zu beschreiben. Oder die wachsende Macht des Circle über das Bewusstsein seiner Angestellten sprachlich erfahrbar zu machen. Seine Figuren hingegen sind Roboter schon vor ihrer Zurichtung durch den Circle. Auch das ist ein Statement, aber wohl kein beabsichtigtes.
  Da sich die Übergriffe der Datenmonster, ob sie nun Google heißen oder NSA, mit nuancierter Kritik nicht stoppen ließen, ist die Zeit reif für gröbere Werkzeuge, sagte sich Eggers. Sein Buch ist ein Plakat, das seine Leser aufrütteln und sie das Fürchten lehren soll. Das ist ihm unzweifelhaft gelungen.
JÖRG HÄNTZSCHEL
Dave Eggers: Der Circle. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 560 Seiten, 22,99 Euro, E-Book 19,99 Euro.
Über die Grautöne unserer
Überwachungsdiskussion kippt
Eggers einen Eimer Schwarz
Eggers’ eher grobe Mittel
des Erzählens kennt man vom
Agitprop-Straßentheater
Autor Dave Eggers, 44, wurde bekannt mit „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ (2000). Außerdem leitet er einen Verlag und eine Literaturinitiative für Kinder. Foto:  oh
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