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Bewertung von Nina aus Sankt Augustin

Es ist nicht alles gut, was glänzt! Mit „Der Circle“ habe ich eins der beeindruckendsten Bücher in diesem Jahr gelesen. Die Idee einer einzigen Internetidentität hat mir …


    Gebundenes Buch

12 Kundenbewertungen

"Das 1984 fürs Internetzeitalter" Zeit online Das Kultbuch jetzt auf Deutsch Leben in der schönen neuen Welt des total transparenten Internets: Mit "Der Circle" hat Dave Eggers einen hellsichtigen, hochspannenden Roman über die Abgründe des gegenwärtigen Vernetzungswahns geschrieben. Ein beklemmender Pageturner, der weltweit Aufsehen erregt. Huxleys "Schöne neue Welt" reloaded: Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim "Circle", einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google,…mehr

Produktbeschreibung
"Das 1984 fürs Internetzeitalter" Zeit online
Das Kultbuch jetzt auf Deutsch
Leben in der schönen neuen Welt des total transparenten Internets: Mit "Der Circle" hat Dave Eggers einen hellsichtigen, hochspannenden Roman über die Abgründe des gegenwärtigen Vernetzungswahns geschrieben. Ein beklemmender Pageturner, der weltweit Aufsehen erregt.
Huxleys "Schöne neue Welt" reloaded: Die 24-jährige Mae Holland ist überglücklich. Sie hat einen Job ergattert in der hippsten Firma der Welt, beim "Circle", einem freundlichen Internetkonzern mit Sitz in Kalifornien, der die Geschäftsfelder von Google, Apple, Facebook und Twitter geschluckt hat, indem er alle Kunden mit einer einzigen Internetidentität ausstattet, über die einfach alles abgewickelt werden kann. Mit dem Wegfall der Anonymität im Netz, so ein Ziel der "drei Weisen", die den Konzern leiten, wird es keinen Schmutz mehr geben im Internet und auch keine Kriminalität. Mae stürzt sich voller Begeisterung in diese schöne neue Welt mit ihren lichtdurchfluteten Büros und High-Class-Restaurants, wo Sterneköche kostenlose Mahlzeiten für die Mitarbeiter kreieren, wo internationale Popstars Gratis-Konzerte geben und fast jeden Abend coole Partys gefeiert werden. Sie wird zur Vorzeigemitarbeiterin und treibt den Wahn, alles müsse transparent sein, auf die Spitze. Doch eine Begegnung mit einem mysteriösen Kollegen ändert alles
Mit seinem neuen Roman "Der Circle" hat Dave Eggers ein packendes Buch über eine bestürzend nahe Zukunft geschrieben, einen Thriller, der uns ganz neu über die Bedeutung von Privatsphäre, Demokratie und Öffentlichkeit nachdenken und den Wunsch aufkommen lässt, die Welt und das Netz mögen uns bitte manchmal vergessen.

Der Circle von Dave Eggers – Aus der bücher.de Redaktion:


Am 14.August 2014 erscheint Der Circle, der neue Roman von Dave Eggers endlich auch auf Deutsch. Mae Holland, gerade erst ihren Studienabschluss in der Tasche, erhält schon einen Job bei der weltweit größen Tech-Firma „Circle“. Die Devise der Organisation: Das Erreichen völliger Transparenz jedes einzelnen Menschen und die komplette Abschaffung von Privatsphäre. In rasantem Tempo macht Mae Karriere und wird zum Aushängeschild von „Circle“. Natürlich sind nicht alle Menschen begeistert von den Plänen des Unternehmens und stehen diesen skeptisch gegenüber, doch nur wenige erkennen das ganze Ausmaß der Gefahren, die von „Circle“ ausgehen. Um die Firma zu stoppen brauchen deren Gegner allerdings Hilfe aus dem inneren Kreis und wenden sich deshalb hoffnungsvoll an Mae …

In Der Circle zeigt Dave Eggers eine Dystopie auf, die bei genauerer Betrachtung gar nicht so unrealistisch erscheint wie man zunächst denken mag. Die Charaktere spielen in Der Circle eher eine untergeordnete Rolle und dienen vielmehr der Veranschaulichung der unterschiedlichen Sichtweisen denn der Möglichkeit für den Leser sich in diese hineinzuversetzen. Dies tut dem Buch allerdings keinen Abbruch, denn Dave Eggers schafft es einen von der ersten Seite an durch und durch spannenden Roman abzuliefern, der nicht nur gute Unterhaltung bietet, sondern auch zum Nachdenken anregt. – Ein Buch das man gelesen haben sollte.

  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Seitenzahl: 559
  • Erscheinungstermin: 14. August 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 139mm x 40mm
  • Gewicht: 642g
  • ISBN-13: 9783462046755
  • ISBN-10: 3462046756
  • Artikelnr.: 40820846
Autorenporträt
Wie ein glühender Komet taucht Dave Eggers im Jahr 2000 am literarischen Firmament auf. Mit seinem vor Witz, Sprachverliebtheit und Stilexperimenten sprühenden Debüt "Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität" landet der 1970 in Chicago geborene Autor aus dem Stegreif einen Weltbestseller. Aufgrund eines ähnlich hysterischen Realismus wird das Buch sogleich mit dem post-modernistischen Aufschrei "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace verglichen. Es erzählt entsprechend fiktionalisiert davon, wie Eggers im Alter von 21 Jahren seine Eltern an Krebs verliert und daraufhin die Vaterrolle für seinen jüngeren Bruder Tophe übernehmen muss. Der Roman wird mit Preisen überhäuft und etabliert den damals 30-jährigen Eggers als einen der wichtigsten Autoren der USA. Die bereits in seinem ersten Buch auffallend starke Präsenz von Wirklichkeit und Tatsachen wird fortan zum Markenzeichen von Eggers, der seinen Erfolg auch dazu nutzt, sich ziviligesellschaftlich zu engagieren. 2002 gründet er "826 Valencia", eine Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche. 2010 nimmt ScholarMatch seine Arbeit auf. Das Projekt bietet Studenten aus armen Familien finanzielle Hilfen. Eggers betreibt zudem mit McSweeney's einen eigenen Verlag und ist Herausgeber der erfolgreichen Zeitschrift "The Believer". 2006 gelingt ihm mit "Weit gegangen" ein weiterer Welterfolg, der die abenteuerliche Flucht eines jungen Sudanesen erzählt. Drei Jahre später folgt die Reportage "Zeitoun", in der Eggers dramatisch-packend die Geschichte eines syrischen Muslims aufbereitet, der 2005 in New Orleans den verheerenden Hurrikan Katrina erlebt. Das Buch wird mit dem American Book Award ausgezeichnet. Neben seinen Romanen schreibt der zweifache Familienvater Kurzgeschichten und Drehbücher wie z. B. zur Verfilmung des Maurice-Sendak-Klassikers "Wo die wilden Kerle wohnen". 2012 erscheint in den USA schließlich Eggers' neuer Roman "Ein Hologramm für den König", der wiederum stürmisch von der Kritik gefeiert wird.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Schaudernd hat Katharina Granzin Dave Eggers Roman aus der schönen neuen Social-Media-Welt gelesen, und er hat ihr ein für allemal "Transparenz" und "soziale Offenheit" verleidet. Die Geschichte der Jungen Mae, die für ihren Aufstieg im hippen Internet-Unternehmen Circle den kompletten Verlust ihrer Privatsphäre in Kauf nimmt, erscheint ihr sehr klarsichtig und in keiner Weise als Science Fiction. "Die fleischgewordene Apokalypse" hat sie in dieser Figur erlebt. Über die literarische Qualitäten des Buches sagt Granzin nichts, aber dass allgegenwärtige und totale Überwachung nicht nur vom Staat ausgeht, sondern auch von den kalifornischen Tech-Unternehmen, weiß die Rezensentin jetzt.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 14.08.2014

Teilen ist Heilen
Dave Eggers’ Überwachungsroman „Der Circle“ wird als neues „1984“ gehandelt. Doch der Autor macht seine Romanfiguren auch selbst zu Marionetten
Großer Vorstellungskraft bedarf es heute nicht mehr, um Science-Fiction zu schreiben. Wir leben zwar noch immer nicht auf dem Mond, warten weiter auf fliegende Autos und wissen weniger denn je, wie sich die Probleme der Menschheit lösen lassen. Doch gleichzeitig treibt uns die Digitalisierung mit jedem Produktzyklus weiter in Bereiche, die eben noch tief im Phantastischen lagen. Für seinen Roman „The Circle“, der jetzt auf Deutsch erscheint, musste Dave Eggers also wenig mehr tun, als sich auszumalen, was wäre, würden die Macht der Datenkonzerne und unsere Bereitschaft, uns ihnen auszuliefern, weiterwachsen wie bisher.
  Eggers hat schon oft sein Gespür für die richtigen Themen zum richtigen Zeitpunkt bewiesen: mit seinem Katrina -Roman „Zeitoun“ etwa oder seiner Kapitalismus-Kritik „Ein Hologramm für den König“. Doch mit „Der Circle“, der noch vor den NSA-Enthüllungen geschrieben wurde, hat er sich selbst übertroffen.
  Eggers hat den „Roman unserer Zeit“, geschrieben, titelte die FAS, die ihm eine ganze Feuilletonausgabe widmete; das „1984“ für 2014, so die Zeit, die das Buch von fünf Autoren begutachten ließ. Vor allem aber ist es ein Roman, der die Sehnsucht nach Eindeutigkeit befriedigt. Eggers macht sich genau von dem Punkt aus auf seinen Weg in die Endzeit, an dem selbst apokalyptisch gestimmte Leitartikler umkehren, um sich nicht unglaubwürdig zu machen. Er scheut sich nicht, unsere kollektiven Zukunftsängste in minutiösem Detail aufzublättern, und über die in allen Grautönen geführte Überwachungsdebatte kippt er einen Eimer Schwarz. Entsprechend gierig verschlingt man dieses Buch, für entsprechend relevant wird es gehalten.
  Mae Holland, 24, ist eine arme Seele aus dem städtischen Gaswerk. Dort kam sie als IT-Frau nach dem College unter. Hoffnungen, Träume? Sie schrumpften mit jedem Tag in ihrem Cubicle weiter zusammen, bis nichts als das Ziel blieb, den Berg Schulden abzuzahlen, den sie mit der Ausbildung für den sinnlosen Job angehäuft hat.
Doch das alles ist Geschichte, als sie dem funkelnden Campus von The Circle entgegenschreitet, der weniger Bürokomplex ist als himmlisches Jerusalem. Der Circle ist das, was herauskäme, wenn Google, Facebook, Twitter und alle anderen Online-Dienste fusionierten. Ein Gigant, der mit erbarmungsloser Freundlichkeit jeden Bereich des Lebens durchdrungen und für sich profitabel gemacht hat. Ihre Überflieger-Freundin Annie ist hier schnell aufgestiegen, nun heuert auch Mae beim „coolsten Unternehmen der Welt“ an.
  Wie cool es wirklich ist, das hatte sich Mae in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Sie flüstert die in Stein gelaserten Losungen nach: „Bringt euch ein“, „Sucht Gemeinschaft“, „Träumt“. Sie bewundert die durch ihre implantierten Netzhautscreens ins Leere starrenden Circler – Zukunftsmenschen!; sie passiert die veganische Cafeteria, die Schlafwaben und das Amphitheater, wo Stars pro bono auftreten: Für die Digitalelite spielen zu dürfen ist Lohn genug. Dass den Circlern jeder diesseitige Komfort zur Verfügung steht, erscheint nur folgerichtig angesichts ihrer harten Arbeit am Jenseits: „Alles, was wir hier machen, hat das Ziel, bisher Unbekanntes zu erkennen.“
  Doch bevor die Novizin sich der Zukunft würdig erweist, muss sie die Gegenwart abarbeiten. Man steckt sie in die „Customer Experience“, wo sie im Akkord E-Mails beantwortet, unterstützt allein von den behavioristischen Belohnungstools – digitalen Glöckchen, Smileys und Rankingsystemen – die die Circler mit regelmäßigen Dopamindosen bei Laune halten.
  Ehe sie es wagt, sich ihre Enttäuschung einzugestehen, kehren ihre Vorgesetzten perfide die Verhältnisse um: „Du bist nicht nur ein Rädchen im Getriebe“, werfen sie ihr vor. „Wir betrachten dich als ein vollständiges erkennbares menschliches Wesen mit grenzenlosem Potenzial.“ Es ist nicht ihre Arbeit, die sie bemängeln, sondern ihren „Egoismus“. Sie ging Kajakfahren, und postete keine Bilder! Ihr Vater liegt im Sterben – und die Community darf nicht Anteil nehmen? Hippie-Formeln und Kapitalismuskritik aus dem 20. Jahrhundert rechtfertigen im 21. eine neue, geistige und emotionale Leibeigenschaft.
  Mae tut eifrig Buße. Bis tief in die Nacht verschickt sie „Zings“, „Smiles“ und „Frowns“, lobt Urlaubsfotos, bewertet Produkte. Weniger aus Überzeugung denn aus einem nie erklärten Mangel an Persönlichkeit liefert sie sich nun dem Transparenzcredo aus.
  Ihre Körperfunktionen kennt die Firma schon: Ein Sensor funkt sie aus ihren Eingeweiden an den schimmernden Armreif, der ihr um das Handgelenk geschlossen wurde. Auch ihre Vorlieben beim Urlaub, beim Schuhkauf lagern auf den Servern. Doch erst als Eamon Bailey selbst, einer der „Drei Weisen“, sie nach einer letzten frevelhaften Flucht ins Private auf die utopische Mission des Circle einschwört, ist ihre Konversion vollkommen.
  Unheimlich ist jede Idee, mit der der Circle sich im Leben von Milliarden festgesetzt hat: TruYou etwa, das der Anonymität im Internet ein Ende bereitete und dem Circle zur Alleinherrschaft verhalf. SeeChange, für das die Welt mit Millionen winzigen Kameras bestückt werden soll, um jeden Winkel online sichtbar zu machen. Oder ChildTrack, die Implantation von Chips ins Knochenmark Neugeborener. Sie sind vor Kidnapping sicher – und lebenslange Geiseln des Circles.
  Doch alle diese Programme sind nur Etappen auf dem Weg zur „Vollendung“, den Moment, da es nichts mehr gibt, was den Augen des Circle verborgen bliebe. Mae selbst wird auserwählt, den nächsten Schritt dorthin zu gehen: Sie „wird transparent“, wird 24 Stunden täglich Überwacherin ihrer selbst sein und ihr Leben mit Hunderttausenden Zuschauern teilen.
  Als „awakening“ beschreibt sie diese Opferung ihrer Privatheit (gemeint ist schon Erweckung, nicht „Erwachen“, wie es in der Übersetzung von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann heißt, denen das Gehirngewaschenen-Idiom der Circler im Deutschen oft zu umständlich gerät). Und bestätigt damit, was der Leser schon auf der ersten Seite verstanden hat: „Ich bin im Himmel“, rief Mae dort aus: Die „Drei Weisen“ und die „Vierzigerbande“ haben es weniger auf Umsatzsteigerungen und Marktanteile abgesehen, sondern auf ein irdisches Himmelreich der Moral und der Stabilität. Der Schlüssel dazu ist lückenlose Überwachung. Jeder soll wie Gott alles sehen können, und jeder wird die anderen alles sehenden Götter fürchten.
  „Wenn wir unser bestes Selbst werden, sind die Möglichkeiten endlos. Wir können jedes Problem lösen, jede Krankheit heilen, den Hunger besiegen, alles, weil wir uns nicht mehr von unseren Schwächen behindern lassen, von unseren trivialen Geheimnissen, unserem Horten von Informationen und Wissen“, so Bailey. Mae selbst, die jetzt Postergirl und Apostel des sündenfreien Glücksregimes ist, formuliert dessen Glaubensbekenntnis: „Geheimnisse sind Lügen“, „Heilen ist Teilen“, „Alles Private ist Diebstahl“.
  Eggers’ Strategie ist so naheliegend wie überzeugend: Seit Langem provozieren die realen Gurus aus dem Silicon Valley ja mit ihrer Rhetorik von der „Revolution“ und der „besseren Welt“. Noch die banalste Innovation verknüpfen sie mit dem Versprechen auf Befreiung, Kreativität und Gemeinschaft. Ganz zu schweigen von ihrer Ikonografie, vom angebissenen Apple-Apfel bis zu den neobarocken Firmamenten der Bildschirmschoner. Tut man sie probeweise einmal nicht als bloße PR-Hyperbolik ab, landet man, so scheint es, fast zwangsläufig bei den Erlösungsphantasien von „Der Circle“.
  Sehr subtil verfährt Eggers allerdings nicht bei seiner Utopie-Collage: So wie der Circle alle Konkurrenten geschluckt hat, scheint auch Eggers digitales Himmelreich aus einem Merger der Heilsversprechen von Kommunismus und Katholizismus, Puritanismus und amerikanischer Mythologie hervorgegangen zu sein. Mit dickem Pinsel kleckst Eggers die entsprechenden Referenzen über die Seiten.
  Doch trotz des motivischen Overkills kann Eggers nicht erklären, warum sich die Circler so willig dem Transparenzzwang unterwerfen. Noch weniger leuchtet die kryptopuritanische Agenda der Circle-Eminenzen ein, die der Erzählung erst ihren fiebrigen Grusel verleiht. Man kann den Eric Schmidts, Mark Zuckerbergs und Peter Thiels vieles vorwerfen: Hybris, kulturelle Blindheit, Verächtlichkeit gegen alle, die sich ihrem Fundamentaloptimismus in den Weg stellen. Aber bigotte Moralapostel wie aus der Megachurch sind sie nicht. Interessanter wäre es gewesen zu erfahren, was sie wirklich antreibt.
  Doch Eggers beschäftigen weder deren wahre Motivationen noch die seiner übrigen Charaktere. Dass sie alle wirken wie aus Pappe ausgeschnitten fürs Agitprop-Straßentheater, stört ihn so wenig wie die Tatsache, dass in seinem Buch literarisch nichts passiert. Es schildert die Zukunft mit den erzählerischen Mitteln der Vergangenheit. Wie naheliegend wäre es gewesen, die psychologischen Effekte des Offenheitsterrors zu beschreiben. Oder die wachsende Macht des Circle über das Bewusstsein seiner Angestellten sprachlich erfahrbar zu machen. Seine Figuren hingegen sind Roboter schon vor ihrer Zurichtung durch den Circle. Auch das ist ein Statement, aber wohl kein beabsichtigtes.
  Da sich die Übergriffe der Datenmonster, ob sie nun Google heißen oder NSA, mit nuancierter Kritik nicht stoppen ließen, ist die Zeit reif für gröbere Werkzeuge, sagte sich Eggers. Sein Buch ist ein Plakat, das seine Leser aufrütteln und sie das Fürchten lehren soll. Das ist ihm unzweifelhaft gelungen.
JÖRG HÄNTZSCHEL
Dave Eggers: Der Circle. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 560 Seiten, 22,99 Euro, E-Book 19,99 Euro.
Über die Grautöne unserer
Überwachungsdiskussion kippt
Eggers einen Eimer Schwarz
Eggers’ eher grobe Mittel
des Erzählens kennt man vom
Agitprop-Straßentheater
Autor Dave Eggers, 44, wurde bekannt mit „Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität“ (2000). Außerdem leitet er einen Verlag und eine Literaturinitiative für Kinder. Foto:  oh
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.08.2014

Es ist kein Teufelskreis
Dave Eggers dämonisiert die Konzerne. Das hilft keinem. Was wir brauchen, ist Kritik

Als Luther 1521 die Bibel übersetzt, unterscheidet er nicht zwischen dem einen "diabolus" und den vielen "dæmones" und macht alle zu "Teufeln". Der Begriff "Dämon" taucht in der Lutherbibel nicht mehr auf. Die einzige Übersetzungsvariation, die sich Luther kaum dreimal gestattet, ist ein Wort von simpler, roher Schönheit. Es heißt "Feldteufel", und es ist so selten geworden, dass es nicht einmal mehr im "Lexikon der bedrohten Wörter" auftaucht. Leider. Denn der "Feldteufel" ist die perfekte sprachliche Abbildung dessen, was einen Dämon ausmacht, die Balance nämlich zwischen der Alltäglichkeit und dem absolut Bösen.

Während Dämonen selbst heute kaum eine Rolle mehr spielen, kennt die Kultur- und Medienlandschaft samt der sie fütternden Politik aber eine blitzaktuelle Ableitung: die Dämonisierung. Eigentlich sollte es besser Verfeldteufelung heißen, denn so würde die Medienfigur ihre zwei Hauptfunktionen viel besser erkennen lassen: die Darstellung der Alltäglichkeit oder Allgegenwart und die Hervorhebung des abgrundtief Bösen.

Lieblingsziele der medialen Dämonisierung sind, von politischen Teufeln abgesehen, Internetkonzerne im Allgemeinen und Google und Amazon im Besonderen. In der "Zeit" erschien im Sommer 2012 eine Schmähschrift über Amazon, die das Wort "Teufel" in den ersten drei Absätzen sagenhafte 15 Mal unterzubringen schaffte. Das ergibt rekordverdächtige 0,6 Teufel je Zeile. Auf den Tag zwei Jahre später nehmen 19 Autoren aus aller Welt wiederum in der "Zeit" Stellung zu Amazon. Außer Kathrin Passig äußern sich alle mehr oder weniger skeptisch bis hasserfüllt, in verstörender Einmütigkeit. Gäbe es überhaupt ein einziges anderes Thema, wo 18 von 19 Großintellektuellen beinahe einer Meinung wären? Schärfer wird nur noch Google dämonisiert, die Töne der laufenden Debatte werden zunehmend schrill. Erzkapitalisten fordern Zerschlagung, Enteignung oder Rückbesinnung auf genau die Werte, die ihnen bei den eigenen Konzernentscheidungen noch vor kurzem schnurz waren.

Die Dämonisierung der Internetunternehmen hat nun - endlich! - ein eigenes Standardwerk bekommen, einen Deutungsroman der Netzära: "The Circle" von Dave Eggers. Im "Spiegel" wurde Eggers als "Profi für gegenwartsgesättigte Reportageromane" bezeichnet, professionell ist auch sein Gespür für das, was Hardcoverbuchkäufer der westlichen Welt interessiert. Das Buch handelt vordergründig von einer jungen Frau, die für den Digitalmoloch "The Circle" arbeitet, eine fiktive Firma mit den Inhaltsstoffen 55 Prozent Google, 30 Prozent Facebook und 15 Prozent Apple. In Wahrheit ist das Unternehmen Hauptfigur des Romans und lässt immer mehr die Maske runterrutschen. Bis - seit Seite fünf erwartbar - eine digitaltotalitäre Fratze zum Vorschein kommt.

Das Buch ist trotz einer gewissen Plätscherigkeit clever konstruiert und unterhaltsam erzählt, man fällt gern auf sein unüberraschendes Manipulationsziel herein. Es besteht in der Printausgabe aus edlem Papier. Auf dem Cover ein Signet, ein orange ausgestanztes Muster im silbernen Kreis. In einer Mischung aus Mandala und Netzwerk prangt mittig ein "C"; ein Hakenkreuz kann man aber beim besten Willen nicht entdecken.

Diese gestalterischen Komponenten sind heraushebenswert, weil das ganze Buch in Wort und Form perfekt die Ästhetik der Dämonisierung durchdekliniert. Buch und Umschlag sehen bereits aus wie ein Schrein, in dem Verblendete ihre durchtriebenen Pläne zur Weltherrschaft aufbewahren. Dave Eggers hat keinen Roman verfasst, sondern ein Werk geschaffen, um es den digitalen Feldteufeln entgegenzusetzen. Von der äußeren Anmutung über die ständig wiederholten Mantras bis zur plakativen Inszenierung des Unternehmens als seelenfressende Tech-Sekte, die doch nur Gutes tun will - ein buchgewordener Kassandraruf. Mit dem feinen Unterschied, dass die Rufe zwar auch diesmal vergeblich sein mögen. Aber weltweit hochwillkommen sind.

Deshalb ist das Buch zwar ein programmierter Bestseller. In seiner Wirkung aber ist es im besten Fall egal, im wahrscheinlichsten Fall kontraproduktiv und im schlechtesten Fall vielleicht gefährlich. Denn diese Form der Dämonisierung, die "The Circle" meisterhaft den Internetkonzernen überstülpt und mit der Kraft der Erzählung noch in den letzten Intellektuellenkopf hineinpressen möchte, ist ungefähr das Letzte, was die Debatte um die digitale Welt gebrauchen kann.

Und das liegt gewiss nicht an der Harmlosigkeit von Google und Co. Die digitale Welt wird in der Tat beherrscht von wenigen ebenso mächtigen wie rücksichtslosen Konzernen, deren Entscheidungen faktisch mit Gesetzesschwere über Institutionen, Firmen, Menschen hereinbrechen können. Aber die größten Probleme liegen nicht dort, wo am lautesten Jehova gerufen wird, ungefähr wie auf einem Schlachtfeld gerade nicht die Sterbenden schreien, sondern die Leichtverletzten. Dabei ist sogar unwichtig, ob man speziell Google als gut oder böse empfinden mag; Google ist zu groß, um gut zu sein. Andererseits möchte man lieber nicht herausfinden, was etwa der Axel-Springer-Verlag anstellen würde mit nur einem Zehntel von Googles Macht.

Im Buch finden sich so viele kluge, hellsichtige Passagen, dass man sich leicht dazu verleiten lässt, der dämonisierenden Grundthese zu glauben, es ginge um nichts weniger als alles. Eggers ist ein guter Erzähler; wenn man das Buch unvorbereitet liest, wird man danach ängstlich schlottern und überall Anzeichen dafür entdecken, dass es schon morgen so weit ist mit dem digitalen Weltuntergang.

Die wirklichen Bedrohungen durch digitale Multimonopolisten sind aber nicht die, die sich im Rahmen einer Dämonisierung am eindrucksvollsten in Romanform inszenieren lassen. Sie resultieren nämlich eher aus der Rücksichtslosigkeit der Netzkonzerne als aus einem faschistoiden Weltbild, wie "The Circle" unterstellt. Es handelt sich deshalb viel eher um seit langem bekannte Gefahren des Kapitalismus als um Gefahren mit einem einzelnen, angeblich besonders bösartigen Konzern.

Die tatsächliche Gefahr ist, dass die Konzerne die derzeitige Entwicklung der digitalen Sphäre mit großem Vorsprung am besten verstehen. Und weil die gesamte Ökonomie sich in eine fast alles umfassende Datenwirtschaft verwandelt, ist dieser Vorsprung für fast alle Branchen ausschlaggebend. Denn dass die kapitalistische Effizienzradikalität durch die digitale Vernetzung noch einmal gesteigert werden kann, steht außer Frage. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass in zehn Jahren Google und Apple die Automobilbranche beherrschen, weil sie die Betriebssysteme kontrollieren. Mercedes, VW, BMW wären dann bloß noch nokiahafte Hardwarehersteller, die Regeln des Automarktes würden in Kalifornien gemacht. Vielleicht eine Horrorvision, aber eben eine, hinter der klügere Digitalkapitalisten stehen und nicht dämonische Totalitäre. Die aus dieser ungeheuren Intelligenz resultierende Macht einzelner Konzerne muss dringend begrenzt werden, und dafür sind auch politische Mittel wie eine präzise Regulierung notwendig. Vor allem aber braucht es technologische Alternativen, und die entstehen nicht in einem Klima der Dämonisierung.

In den kommenden Jahren wird eine essentielle Debatte geführt werden, die das exakte Gegenteil der Dämonisierung braucht, um produktiv zu sein: Differenzierung. Die größte Gefahr für Netzskeptiker wie für Internetoptimisten ist dabei, am eigenen Wunschdenken entlangzudiskutieren. So wird eine Gefühlsgemengelage aus privatem Gerechtigkeitsempfinden, Sympathien und Antipathien eher bedient als funktionierende Lösungsansätze. Man kann nicht nur in Schönheit, sondern auch in Selbstgerechtigkeit sterben.

Wenn man nur minimal an die politische Kraft der Debatte glaubt, und sei es aus schierer Verzweiflung, dann wird das zusammendiskutierte Ergebnis darüber mitbestimmen, was für eine Gesellschaft die digitale Gesellschaft werden wird. Die schlechteste Voraussetzung dafür ist, aus einer Position hoffnungsloser, angsterfüllter Unterlegenheit zu agieren. Genau das aber passiert bei einer Dämonisierung, die immer auch ein Eingeständnis der eigenen Schwäche ist, plus Vereinfachung der Verantwortlichkeiten. Nicht etwa eigene, bekämpfbare Unzulänglichkeit ist Schuld an der Misere, sondern der furchterregende Dämon, gewaltig, gewalttätig und böse. Dave Eggers liefert phantastisches, lesenswertes Futter für diese schädliche Dämonisierung. Ja, es gibt fiktionale Werke, die Gesellschaften prägen und so die Welt verändern können. Die Lutherbibel gehört fraglos dazu. "The Circle" sollte nicht dazugehören.

SASCHA LOBO

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"Wir müssen uns davor verbeugen und froh sein, dass es das Buch gibt. Jeder muss es lesen." Juli Zeh 20140813