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Es sind die turbulenten siebziger Jahre und die beiden inzwischen erwachsene Frauen. Lila ist Mutter geworden und hat sich befreit und alles hingeworfen - den Wohlstand, ihre Ehe, ihren neuen Namen - und arbeitet unter entwürdigenden Bedingungen in einer Fabrik. Elena hat ihr altes neapolitanisches Viertel hinter sich gelassen, das Studium beendet und ihren ersten Roman veröffentlicht. Als sie in eine angesehene norditalienische Familie einheiratet und ihrerseits ein Kind bekommt, hält sie ihren gesellschaftlichen Aufstieg für vollendet. Doch schon bald muss sie feststellen, dass sie ständig…mehr

Produktbeschreibung
Es sind die turbulenten siebziger Jahre und die beiden inzwischen erwachsene Frauen. Lila ist Mutter geworden und hat sich befreit und alles hingeworfen - den Wohlstand, ihre Ehe, ihren neuen Namen - und arbeitet unter entwürdigenden Bedingungen in einer Fabrik. Elena hat ihr altes neapolitanisches Viertel hinter sich gelassen, das Studium beendet und ihren ersten Roman veröffentlicht. Als sie in eine angesehene norditalienische Familie einheiratet und ihrerseits ein Kind bekommt, hält sie ihren gesellschaftlichen Aufstieg für vollendet. Doch schon bald muss sie feststellen, dass sie ständig an Grenzen gerät.

Ganze Welten trennen die Freundinnen, doch gerade in diesen schwierigen Jahren sind sie füreinander da, die Nähe, die sie verbindet, scheint unverbrüchlich. Würde da nur nicht die langjährige Konkurrenz um einen bestimmten Mann immer deutlicher zutage treten.
  • Produktdetails
  • Neapolitanische Saga .3
  • Verlag: Suhrkamp
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 540
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 540 S. 213 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 131mm x 38mm
  • Gewicht: 674g
  • ISBN-13: 9783518425756
  • ISBN-10: 3518425757
  • Best.Nr.: 46774728
Autorenporträt
Elena Ferrante hat sich mit dem Erscheinen ihres Debütromans im Jahr 1992 für die Anonymität entschieden. Ihre vierbändige Neapolitanische Saga - bestehend aus Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes - ist ein weltweiter Bestseller. Ab 2018 erscheinen im Suhrkamp Verlag auch Ferrantes jüngster Band Frantumaglia sowie ihre früheren Romane Lästige Liebe, Tage des Verlassenwerdens und Frau im Dunkeln in neuer Übersetzung.
Rezensionen
Besprechung von 26.08.2017
Im Dekor der Zeitgeschichte

Das Schreiblich-Weibliche zieht uns wohin? Der dritte Teil von Elena Ferrantes Neapel-Tetralogie

Mit drei Monaten Verspätung gegenüber der ursprünglichen Ankündigung erscheint heute die deutsche Übersetzung von "Die Geschichte der getrennten Wege", des dritten Teils von Elena Ferrantes Neapolitanischer Saga. Die Fakten vorweg: Der Roman umfasst die Jahre 1969 bis 1976, die Heldinnen Lila und Elena sind am Anfang knapp 25 und am Ende 32 Jahre alt. Nachdem Teil zwei Lilas Eheleben - ihren brutalen Mann Stefano, ihre Affäre mit Nino, die Geburt von Gennaro, die Trennung, ihren Wegzug und die Arbeit in der Wurstfabrik - zum Thema hatte, erzählt Teil drei die Geschichte von Elenas Ehe. Er spiegelt den Vorgänger, sowohl die Erfahrungen als auch den Aufbau betreffend.

An Anfang und Ende von "Die Geschichte der getrennten Wege" stehen - einmal wieder - unerwartete Wiedersehen mit Nino Sarratore: das erste während einer Lesung aus Elenas Erstlingsroman, dessen Erscheinen Band zwei beschlossen hatte, und das zweite über Elenas Ehemann, der Nino an der Universität Florenz trifft. Dazwischen wird die Geschichte von Elenas Ehe mit Pietro Airota erzählt, einem Altphilologen und Spross einer einflussreichen Intellektuellenfamilie. Nach dem Überraschungserfolg ihres Romans erlangt Elena kurzzeitig Ruhm, hält Lesungen, schreibt engagierte Artikel. Nach der Hochzeit wird sie in kurzem Abstand zweimal schwanger und gebiert zwei Mädchen. Die Mutter- und Hausfrauenrolle frisst sie auf und entfremdet sie vom Ehemann; unter dem Einfluss ihrer Schwägerin Mariarosa wird sie Feministin. Am Ende stehen eine kapitale Ehekrise - und eben Nino.

Kurz: In Band zwei ging Lilas Ehe vor die Hunde, in Band drei widerfährt Elena das Gleiche; die eine war in Neapel auf brutale Weise gescheitert, die andere tut es gesittet in Florenz. Elenas Erfahrung ist eine sanftere, aber ebenfalls bitter enttäuschende "Erziehung des Herzens": Statt der brutalen Dominanz eines Wurstwarenhändlers lernt sie die Verschlossenheit und Unsinnlichkeit eines Gelehrten kennen. Pietro ist "ein missratener Airota", kein mondäner Linker wie Eltern und Schwester, sondern ein Spezialist, der nur seine Arbeit liebt, durch politisierte Studenten und Kollegen sowie die Unruhe des jungen Haushalts aber davon abgehalten wird. Elena wiederum unterstützt ihren Mann nicht, beklagt seinen Rückzug sowie die häusliche Arbeitslast, die er skrupellos auf sie abwälzt.

Wie gewohnt stellt Lilas Leben den Kontrapunkt, allerdings, wie der Titel "Die Geschichte der getrennten Wege" andeutet, in distanzierter Weise; nach einer kurzen Phase der Annäherung findet der Austausch bevorzugt am Telefon statt. Während Elena zu Beginn auf dem Gipfel steht, schlägt Lila sich mit ihrer entwürdigenden Arbeit in der Wurstfabrik herum; mit ihrem Sohn und dem schweigsamen Arbeiter Enzo lebt sie in einem Wohnsilo. Abends arbeiten die zwei sich per Fernstudium in die Informatik ein, eine berufliche Perspektive, die sie am Ende des Romans in bestbezahlte Positionen katapultiert - mittlerweile sind beide ein Paar geworden. In diesem Moment steht Elena vor dem Scheitern eines zweiten Romans sowie ihrer Ehe; Anlass zu Hoffnung bieten nur Nino und ein feministischer Essay.

Gemein haben die Freundinnen eine Annäherung an die mafiösen Solaras. Dieser Aspekt verweist auf die politisch-historische Ebene: In den sechziger und siebziger Jahren wird Italien von gewalttätigen Konflikten zwischen Links und Rechts zerrissen. Lila, Elena und viele ihrer Freunde stehen den Kommunisten nahe: Lila engagiert sich in der Wurstfabrik für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Elena schreibt Artikel in der Parteizeitung "L'Unità", andere arbeiten für Gewerkschaft und Partei, die Extremsten gehen in den Untergrund. Die Solaras hingegen unterstützen seit jeher die Faschisten und können auf die Sympathien des Rione, Elenas Viertel, zählen: "Die Verbindung zur Vergangenheit war nie wirklich abgerissen, der Rione liebte die Faschisten mit großer Mehrheit und verhätschelte sie, und sie tauchten in ihrer schwarzen Masse überall dort auf, wo eine Schlägerei in der Luft lag." Die Kommunisten in der Wurstfabrik lassen sie verdreschen; der Maurer Pasquale und andere Genossen schlagen zurück. Am Ende gibt es Tote, Franco, Elenas Ex-Freund aus Pisa-Zeiten, wird verkrüppelt. Es ist daher überraschend, dass sich die Freundinnen - Lila mehr, Elena weniger freiwillig - ins Fahrwasser der mittlerweile äußerst wohlhabenden Solara-Familie ziehen lassen, die halb Neapel kontrolliert.

Die politischen Ereignisse gehören zum Spannendsten, was Teil drei zu bieten hat. Leider wird die Dimension nicht umfassender dargestellt, und für die Geschichte der Heldin gilt leicht abgewandelt das, was Franco über Elenas Erstling sagt: "Mit Liebesgeschichten und krampfhaften Versuchen, sozial aufzusteigen, überdeckst du gerade das, was erzählenswert wäre." Das wäre eine konsequente Verknüpfung zwischen Geschichte und intimer Empfindung gewesen, wie Lampedusa oder Morante sie geschaffen hat. Natürlich kann niemand eine Autorin dazu anhalten, eine Epoche zu schildern, man kann wunderbar Hunderte Seiten über Gefühle schreiben - nur deutet Ferrante die historische Dynamik fortwährend an, zeigt ihre Effekte, ja macht sie zur Voraussetzung, ohne sie zu entwickeln.

Dagegen kann man wiederum einwenden, dass der Titel von Ferrantes Tetralogie klar sagt, was sie sein will, eine "Neapolitanische Saga" nämlich. Rein literarisch gesehen, birgt die Gattungswahl Schwächen: Ferrante wählt die intime Perspektive einer tendenziell überforderten Heldin (oft erreicht sie nur "ein fernes Echo" ihrer Zeit) und überfrachtet die Zweierkonstellation Lila/Elena; die Historie wird zum Dekor. Zudem neigt Ferrante zur Übertreibung. Die Abgründigkeit der Freundschaft wird überbetont, das Kippen zwischen Vertrautheit und Konkurrenz vorhersehbar. Ähnliches gilt für die eheliche Dauermisere fast aller jüngeren Figuren und für tendenziell schematische Charaktere. Ein Sonderpunkt sind effekthascherische Erzähltechniken: so der plötzliche Auftritt des Märchenprinzen oder der Abbruch auf dem Höhepunkt der Spannung.

Über diese Schwächen hinaus, die man als gattungsgegeben akzeptieren kann, ist man nach drei Bänden so weit, sich zu fragen, was der Gewinn einer und genauer dieser spezifisch weiblichen Sicht ist. Eingefordert wird sie anlässlich der Helden von 1968: "Und wie in den Kriegsfilmen, in denen es nur Männer gab, war es schwierig, sich dazugehörig zu fühlen, man konnte sie nur lieben, den eigenen Kopf ihren Gedanken anpassen und um ihr Schicksal bangen." Auch Zitate der Feministin Carla Lonzi weisen darauf hin: Ferrante will die Lücke füllen, mittels einer Frauengeschichte, ausgehend von Frauenerfahrungen, konzentriert auf Frauenbeziehungen. Der Haken dabei: Sollte es sich um ein Äquivalent zum Kriegsfilm handeln, dann produziert Ferrante selbst Spartenkunst, diesmal weibliche. Wenn der linksliberale "Nouvel Observateur" seine Besprechung mit der Frage "Warum gefallen die Romane von Elena Ferrante vor allem den Frauen?" übertitelt, ist das ein Indiz dafür, dass der Fall eingetreten ist.

Für Literatur, die per definitionem einen Universalitätsanspruch hat, ist das ein Problem. Für Ferrante auch, denn sie postuliert Allgemeingültigkeit durch den Schauplatz: "Würde sich alles, was ich gerade in der Schule lernte, verflüchtigen, würde der Rione wieder die Oberhand gewinnen, würde sich alles in einem schwärzlichen Schlamm vermischen, Tonfall und Umgangsformen, Anaximander und mein Vater, Folgóre und Don Achille, chemische Wertigkeiten und die Teiche, die Aoristen, Hesiod und die unverschämte, vulgäre Sprache der Solaras, so wie es übrigens um Lauf der Jahrtausende auch mit der zunehmend chaotischen, zunehmend heruntergekommenen Stadt geschehen war?" Dieser Satz setzt Elena zu ihrer Stadt parallel und allegorisiert sie gleichermaßen: Beide sind Frauen und Abstrakta, Zusammensetzungen, bei denen der Rione für eine niedere Herkunft, für das Schmutzig-Sinnliche und drohende Zersetzung steht. Das zeigt den Anspruch, der mit Elenas Perspektive verknüpft ist, den ihre Beschränktheit jedoch laufend dementiert.

Keine Frage, das Lesevergnügen ist da, wenn man sich vom Strom der Ereignisse, der Vielzahl an Schicksalen und der schönen Sprache, von Karin Krieger wunderbar übertragen, mitziehen lässt. Die Geschichte des ebenso erfolgreichen wie desillusionierenden Aufstiegs zweier Frauen ist spannend erzählt. Die Frage der literaturgeschichtlichen Bedeutung hingegen, die einige schon bei Erscheinen von Band eins geklärt sahen, ist offen - bestenfalls.

NIKLAS BENDER

Elena Ferrante: "Die Geschichte der getrennten Wege". Band 3 der Neapolitanischen Saga (Erwachsenenjahre). Roman.

Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp, Berlin 2017. 542 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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»Es herrscht das Ferrante-Fever!« Bettina Weber, Tages-Anzeiger 31.03.2016
Besprechung von 12.09.2017
Allegro furioso
Große Erzählkunst: „Die Geschichte der getrennten Wege“, der
dritte Band von Elena Ferrantes neapolitanischem Romanzyklus
VON MARTIN EBEL
Die Qualität einer Ware bemisst sich danach, wie gut sie sich verkauft. Dieser Hauptsatz des Kapitalismus gilt in der Literatur nicht. Eine besonders gesinnungsstarke Fraktion der Literaturkritik geht so weit, nur seiner Umkehrung Gültigkeit zu bescheinigen. Was die Masse goutiert, könne nichts taugen; die Qualität eines literarischen Werks erweise sich vielmehr in seiner Schwierigkeit, Unzugänglichkeit, Exklusivität. Nun ist es ein Kennzeichen guter Literatur, dass sie alle Hauptsätze durch ein einziges Gegenbeispiel aushebeln kann – alle Hauptsätze und auch ihre Umkehrungen.
Elena Ferrantes „Die Geschichte der getrennten Wege“, der dritte Band der neapolitanischen Saga um die Freundinnen Elena und Lila, ist direkt nach Erscheinen an die Spitze der Bestsellerliste geschossen, und Band eins und zwei stehen immer noch auf der Liste. Wer nicht das Brett des Umkehrungssatzes vor dem Kopf hat, wird zugeben müssen, dass der neue Band den vorangehenden an literarischer Qualität in nichts nachsteht, im Gegenteil. Wer immer das geschrieben hat – das Gerede und Geraune, wer hinter dem Pseudonym steht, ist nach der Enthüllungsstory, der Empörung darüber und dem Dementi zum Glück verstummt –, gehört zu den besten Wortkünstlern, Menschengestaltern, Geschichtenerzählern unserer Zeit.
Was die breite Leserschaft fasziniert, ist nicht schwer zu erklären. Es ist das komplizierte Frauen-Doppel-Schicksal in einer aufregenden Zeit (diesmal von 1968 bis 1976) voll politischer und krimineller Gewalt, linksterroristischer, faschistischer, Mafia-Gewalt; eingebettet in ein umfangreiches Personen-Tableau und verschiedene farbig ausgemalte Milieus, vom Rione, dem Elendsviertel Neapels, bis zur Verlags- und Universitätsszenerie in Mailand und Florenz.
Elena, Namenscousine des Autorenpseudonyms und Ich-Erzählerin aller vier Bände, stammt wie ihre Freundin Lila aus der Unterschicht, hat aber eine höhere Schulbildung bekommen und konnte in Pisa studieren. Am Ende des zweiten Bandes ist ihr erster Roman erschienen. Jetzt, im dritten, heiratet sie Pietro, einen Altphilologen am Beginn seiner Hochschulkarriere, bewegt sich in besseren Kreisen, wird zweifache Mutter und findet sich im goldenen Käfig eines bürgerlichen Hausfrauendaseins wieder.
Lila wiederum, Tochter des Schumachers, hatte nach der fünften Klasse von der Schule abgehen müssen und einen eigenen Weg aus Enge und Elend gesucht, über das Geld. Mit 16 heiratet sie den gut verdienenden, aber brutalen Stefano Caracci, verlässt diesen wieder, stürzt sich in eine Amour fou mit dem charmanten Windhund Nino, die bald ihr Ende findet. Am Ende von Band zwei ist sie als Arbeiterin in einer Wurstfabrik gelandet, wieder ganz unten. In „Die Geschichte der getrennten Wege“ arbeitet sie sich dort wieder heraus und in die Methoden des Programmierens ein – wir befinden uns in der Computer-Steinzeit. Schließlich wird sie zur Leiterin eines Lochkartenzentrums, angestellt und gut bezahlt ausgerechnet von Michele Solara, dem dämonischen Camorrista der Saga, der nach und nach den ganzen Rione von sich abhängig macht.
Lila hasst Michele. Dieser ist scharf auf sie, seit sie einst, noch ein spilleriges Mädchen, seinem großen Bruder Marcello ein Schustermesser an die Kehle gesetzt und keinen Zweifel daran gelassen hatte, dass sie es auch gebrauchen würde. Natürlich würde er Lila auch gern ficken (wie es in der unverblümten Rione-Diktion heißt), so wie die 122 anderen Geliebten, derer er sich sogar vor seiner Frau rühmt. Aber Michele hat begriffen, was in Lila steckt: Sie hat „wie niemand sonst etwas Lebendiges im Kopf, etwas Starkes, das hin und her springt“. Sie begreift schneller als jeder andere, kombiniert besser, denkt eigenständiger und kompromissloser. Sie, die Schulabbrecherin, hatte Elena beim Lernen geholfen, hatte sie gepusht, immer schon viel weiter in Gedanken als die disziplinierte, konventionelle, brave Freundin. Doch Lilas Begabung, ihre Genialität – das Attribut legitimiert sich vom Obertitel der ganzen Saga – ist auch ihr Fluch.
Sie verursacht eine tiefe Unzufriedenheit und quält sie bis zum Zerbrechen: Ihr Kopf droht zu platzen, sie fühlt sich „wie ein Rohr, wenn das Eis gefriert“. Vor allem kollidiert sie mit den Verhältnissen, geprägt von struktureller und buchstäblicher Gewalt, von der Macht der Patrone, der Männer, der Mafia, die sich letztlich als stärker erweisen als Intellekt, Fantasie und Aggressivität, ihre Waffen. Indem sie Micheles Werben nachgibt, der ihre Begabung „kaufen will wie Perlen oder Diamanten“, geht sie einen Teufelspakt ein, allerdings einen, bei dem sich der Leser gespannt fragt, wer der Teufel und wer die arme Seele ist.
Lila ist der Glutkern der Saga, ihre kreative und destruktive Kraft ordnet das Personentableau wie Späne in einem Magnetfeld um sie herum an. Und diese Kraft springt auf die Leser über. Immer wenn diese kurz davor sind, sich ein bisschen zu langweilen mit der Ich-Erzählerin Elena, ihren Status- und Rollenproblemen, ihrem Hadern mit dem eigenen Wert und Können, taucht Lila auf, mit dramatischen Trompetenstößen, und zieht den Roman aus dem geruhsamen Andante cantabile in ein wütendes allegro furioso e tempestuoso, geht es nicht mehr um Anerkennung oder die kleinen Unterschiede, sondern um alles oder nichts.
Das komplexe Verhältnis der beiden Freundinnen bildet das psychologische Zentrum der Romane, und es ist verblüffend festzustellen, dass es in seiner Ambivalenz auch nach drei Bänden noch lange nicht ausgeleuchtet ist. Sie sind voneinander abhängig, ineinander verkeilt und rivalisieren miteinander, seit Lila Elenas Puppe in ein dunkles Kellerloch geworfen hat. Anziehung und Abstoßung funktionieren wie ein Magnet (noch einmal!), der ständig seine Pole wechselt.
Elena, die gesellschaftliche Erfolge aufeinander häuft, fühlt sich dennoch der Freundin unterlegen, weswegen sie sich immer wieder radikal von ihr abwendet, um herauszufinden, wer sie selbst ist. Auch feindseligen Gefühlen lässt sie in ihrer Erzählung freien Lauf, bis hin zum Wunsch, die Unüberwindliche möge tot sein. Lila wiederum projiziert die Möglichkeiten, die sie nicht hat, auf den Aufstieg der Freundin, unterstützend, fordernd, wütend, wenn Elena sich hängen lässt: „Wer bin ich, wenn du nicht gut bist?“ Ein „wunderschönes Leben“ soll die Freundin führen, „auch für mich“.
Dass die Autorin der neapolitanischen Saga eine Frau sein dürfte (was ja auch angezweifelt wurde), zeigt sich nicht zuletzt in den Passagen, in denen es um Körperwahrnehmung und Sexualität geht. Wenn die Freundinnen ihre sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit der „elenden Vögelei“ und der Möglichkeit, selbst Lust zu erleben, austauschen oder Elena ihre Schwangerschaften erlebt bis hin zur panischen Angst, aus ihr kröche statt eines süßen Babys ihre verabscheute Mutter heraus, mit ihrer Engherzigkeit, ihrem Neid, ihrem Hinken. Und Elena Ferrante gibt diesem Komplex seinen zeithistorischen Hintergrund. In den Jahren der „Geschichte der getrennten Wege“ ist die Pille noch nicht zugelassen (Elena und Lila besorgen sie sich illegal), die panische Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft Begleiterin jeder sexuellen Begegnung und der Mann in jeder Beziehung an der Macht.
Auch kulturell. Elena merkt, dass ihr Minderwertigkeitsgefühl, ihr zwanghaftes Bedürfnis, zu gefallen und sich anzupassen, etwas damit zu tun haben, dass sie eine Frau ist. Sie liest sich in feministische Literatur ein und entdeckt, dass „die Kultur“ eine männliche Kultur ist; das wird das Thema ihres zweiten Buches sein. Lila ist aber auch hier schon viel weiter und radikaler; ihre ernüchternden Erfahrungen in der Fabrik haben sie darin bestärkt, dass „alles Schwindel ist“, von der Kultur bis zum Kommunismus, dass nur die Macht und das Geld regieren und jeder für sich schauen muss, wie er zurechtkommt. Schwindel ist übrigens auch körperlich zu verstehen; immer wieder erlebt Lila, wie schon in den vorausgehenden Bänden, Momente, in denen sie sich aufzulösen droht, sie gehören stilistisch zu den dunkel leuchtenden Höhepunkten des Buches.
Das Verhältnis der beiden Freundinnen, die selbst manchmal nicht wissen, wo die eine aufhört und die andere beginnt, hat aber noch eine weitere Dimension. Sie berührt die Geheimnisse literarischer Perspektivierung. Es ist ja Elena, die hier erzählt, ausschließlich ihre Stimme hören wir. Eine Stimme der Rekonstruktion, denn Lila ist von der Bildfläche verschwunden, ohne irgendwelche Spuren zu hinterlassen, und Elena, die sich ohne Lila wie ein Nichts fühlt, will sie wieder zurückholen – schreibend. Wir sind also, um uns ein Bild von Lila zu machen, allein auf Elenas Erinnerungen angewiesen, ergänzt durch Notizen der Freundin, die aber auch wieder von Elena ausgewertet, angereichert, ausfabuliert sind. Wie kommt es dann, dass der Glutkern Lila die konventionelle Hülle Elena immer wieder grandios durchstößt, zum Leuchten bringt, in Flammen setzt? Wenn Lila eine Schöpfung Elenas ist, wie kann dann Elena so mittelmäßig sein, wie sie beständig behauptet? Sie ist es doch, die uns diese Doppelgeschichte auf so brillante und intrikate Weise erzählt. Sollten also Lila und Elena ein und dieselbe Person sein, in zwei Körpern und Köpfen, aber auf einer höheren Ebene immer vereint?
So präsentiert der dritte Band der „Neapolitanischen Saga“ die Erlebnisse zweier sehr real anmutender Personen in einer dramatischen Phase Italiens. Aber diese beiden Personen sind mit jedem Band zugleich plastischer und flirrender geworden, kommen uns näher und werden uns fremder zugleich. Was ist Identität? Diese Frage bleibt im Raum stehen, wenn wir das Buch zuklappen. Ihre Antwort, so ist zu vermuten, wird auch der Abschlussband nicht geben. Wir warten dennoch mit Ungeduld auf sein Erscheinen im kommenden Februar. Wieder in der wunderbaren Übersetzung von Karin Krieger.
Lilas Begabung, ihre Genialität,
ist auch ihr Fluch, sie verursacht
eine tiefe Unzufriedenheit
Elena liest feministische
Literatur und entdeckt,
dass „die Kultur“ männlich ist
Die Freundinnen werden
mit jedem Band plastischer
und zugleich flirrender
Die Schrift und die Stadt: Die dritte Hauptfigur neben Lila und Elena ist die Stadt Neapel.
Foto:  Johannes Simon
Elena Ferrante: Die Geschichte der getrennten Wege. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp, Berlin 2017. 540 Seiten, 24 Euro.
E-Book 20,99 Euro.
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