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Ein Mann mit Beinprothese, ein Abwesender, ein Witwer, ein Pensionär, ein Literaturliebhaber. Monika Helfer umkreist das Leben ihres Vaters und erzählt von ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Von dem vielen Platz und der Bibliothek im Kriegsopfer-Erholungsheim in den Bergen, von der Armut und den beengten Lebensverhältnissen. Von dem, was sie weiß über ihren Vater, was sie über ihn in Erfahrung bringen kann. Mit großer Wahrhaftigkeit entsteht ein Roman über das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen, eine Suche nach der eigenen Herkunft. Ein Erinnerungsbuch, das sanft von Existenziellem…mehr

Produktbeschreibung
Ein Mann mit Beinprothese, ein Abwesender, ein Witwer, ein Pensionär, ein Literaturliebhaber. Monika Helfer umkreist das Leben ihres Vaters und erzählt von ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Von dem vielen Platz und der Bibliothek im Kriegsopfer-Erholungsheim in den Bergen, von der Armut und den beengten Lebensverhältnissen. Von dem, was sie weiß über ihren Vater, was sie über ihn in Erfahrung bringen kann. Mit großer Wahrhaftigkeit entsteht ein Roman über das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen, eine Suche nach der eigenen Herkunft. Ein Erinnerungsbuch, das sanft von Existenziellem berichtet und schmerzhaft im Erinnern bleibt. »Ja, alles ist gut geworden. Auf eine bösartige Weise ist alles gut geworden.«
Autorenporträt
Monika Helfer, geboren 1947 in Au/Bregenzerwald, lebt als Schriftstellerin mit ihrer Familie in Vorarlberg. Sie hat Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht und wurde u.a. mit dem Robert-Musil-Stipendium und dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur ausgezeichnet. Mit ihrem Roman >Schau mich an, wenn ich mit dir rede< war sie 2017 für den Deutschen Buchpreis nominiert, zuletzt erschien der Roman >Vati<.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Dem Rezensenten Frank Schäfer zufolge hat Monika Helfer ihrem Vater mit diesem Buch sowohl im übertragenen als auch im konkreten Sinn einen letzten Liebesdienst erwiesen: Nicht nur schaut sie voller Verständnis auf seine Person, obwohl er ihr das Leben als Kind bei Weitem nicht immer leicht gemacht hat, sie verewigt den Bibliomanen, der am liebsten in seinen Büchern bebte, auch ganz wörtlich in einem davon, so Schäfer. Ihn hat die Geschichte des eloquenten und intelligenten Mannes, der als Soldat in Russland ein Bein an die Kälte verlor und später nach einer glücklichen Phase die Existenz der Familie aufs Spiel setzte, indem er der Einrichtung, in der er arbeitete, Bücher stahl, in jedem Fall sehr berührt, wozu auch die assoziative Erzählweise beigetragen hat.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 28.01.2021

Schicksal ist nicht das Wort
Monika Helfer schreibt mit "Vati" die Saga ihres Erfolgsromans "Die Bagage" fort - unsentimental, ruhig, packend

"Wir sagten Vati. Er wollte das so. Er meinte, es klinge modern. Er wollte vor uns und durch uns einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste." So beginnt dieser Roman, und die "neue Zeit" beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Vati ist beinahe ein Schreckenswort, hart, ohne Zärtlichkeit, anders als das weiche Papa. Und Vati verlangte, dass die Kinder zu ihrer Mutter, die "aus dem hintersten Wald" stammte, nicht Mama, sondern "Mutti" sagten. Nicht nur das wird ihm nicht gelingen.

Der Knabe, der Monika Helfers Vater sein wird, kam aus dem Lungau, einem Bezirk im österreichischen Bundesland Salzburg: "Die Familie der Ärmsten war besser dran als mein Vater und seine Mutter." Denn die Mutter war die Magd eines Bauern und ledig; der Bauer war der Vater; Mutter und Sohn hausten in einem Schopf neben seinem Haus. Der Sohn, der Josef hieß, war kleiner als die anderen Buben, sie ließen ihn nicht mitspielen. Er sah mit seinem schwarzen Haar und seiner reinen weißen Haut fast "wie ein Mädchen" aus. Dennoch wurde er zur "Respektsperson": "Wer ruhig spricht, dem unterstellt man, er sehe keine Veranlassung zur Aufregung. Das hat man gern. Deshalb hatten alle meinen Vater gern." Auch der reichste Mann in der Gemeinde Mariapfarr, der Baumeister, mochte ihn und gewährte ihm Einlass in seine Bibliothek, in der 1324 Bücher standen. Dort beginnt der spätere Vati, in sein Schulheft Walter Scotts Heldengeschichte "Ivanhoe" abzuschreiben. So werden Bücher zum Kostbarsten für ihn.

Ein halbes Jahr vor der Matura muss er in den Krieg, bald nach Russland, wo ihm ein halbes Bein abfror. Im Lazarett wurde ihm der Unterschenkel amputiert, und dort lernt er Grete Moosbrugger kennen, die ihn pflegt; sie macht ihm den Heiratsantrag und wird die Mutter der Autorin und ihrer Geschwister. Der gemeinsame Weg führt die junge Familie bald auf die Höhe der Tschengla in Vorarlberg, wo die Mutter herkam; dort wird der Vater zum Verwalter eines Kriegsopfer-Erholungsheims. Es beginnt ein Leben unter Versehrten, wie auch er einer ist, beschädigt sind sie alle an Leib und Seele.

In das Haus kommt über das Vermächtnis eines Professors eine veritable Bibliothek, Leidenschaftsort für den Vater, an den er seine Tochter mitnimmt. Vielleicht hat er dort einmal, so rekonstruiert Monika Helfer im Gedächtnis, einen Band herausgeholt, ",Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren' von Charles Darwin. Er würde mir das Buch herunterreichen. ,Leg es auf den Tisch, wir schauen es uns gemeinsam an.'" Das kleine Mädchen begreift, dass sie einen eigenen Weg zum Verständnis der anderen Menschen suchen muss. Der väterliche Moment ist ihre Initiation in die Schrift, ins eigene Schreiben, das sie für sich wählen wird. Für den Vati gerät die begehrte Bibliothek zum weiteren Unglück. Weil er Angst hat, sich eines Bücherdiebstahls schuldig gemacht zu haben, versucht er, sich zu vergiften. Er wird gerettet; doch er hat sich unwiederbringlich von seiner Familie entfernt. Die Distanz verschärft bald darauf der frühe Tod seiner Frau, der Mutter seiner vier Kinder Gretel, Monika, Richard und Renate. Es ist nicht nur sein Selbstentwurf gescheitert.

Mit "Vati" schreibt Monika Helfer ihre Saga fort, die mit dem Roman "Die Bagage" begonnen hat: als eine behutsam eindringliche Wiederherstellung ihrer eigenen Herkunft. Dort ging sie zurück zu ihren Großeltern, ihren Onkeln und Tanten und zu ihrer Mutter Margarethe, die Grete genannt wurde - zu ihren "eigenen Leuten", die als die Ärmsten der Armen am Rande eines Dorfs in Südtirol lebten. "Die Erinnerung muss als ein heilloses Durcheinander gesehen werden", heißt es in der "Bagage" einmal, "erst wenn man ein Drama daraus macht, herrscht Ordnung." Diese Vorgeschichte fließt in das aktuelle Buch ein, das dennoch für sich stehen kann.

Monika Helfer bleibt bei ihrer Methode, Gegenwart und Vergangenheit ständig zu verschränken, ohne einzelne Kapitel dabei durchzuschreiben in einem Erzählfluss, der immer wieder retardiert und vorausweist, Realität und Fiktion zusammenfügt. Als die Mutter so früh stirbt, der Vater abwesend bleibt, handeln die verbliebenen Mitglieder der Bagage. Die Kinder werden in der Sippschaft verteilt, deren Zusammenhalt unverbrüchlich ist. Ohne Scheu ist die Katastrophe registriert, die das für die jungen Geschwister bedeutet, als Selbstrechenschaft ohne die geringste Sentimentalität.

"Mein Vater hieß Josef", steht ziemlich am Anfang: "Es gibt Namen, die haben ein Gewicht. Sie können ein luftiges Gewicht haben oder ein schweres. Meine Schwester Renate hat ihren Sohn Josef genannt. Nach unserem Vater. Und nach unserem Vater mütterlicherseits. Der hieß nämlich auch so. Und dann gab es auch noch den Onkel Josef. Es sei ein Schicksalsname in unserer Familie, er solle nicht aufhören. Ich weiß, was sie damit meint. Ich würde ein anderes Wort verwenden als ,Schicksal'. Aber ich möchte nicht darüber nachdenken, was für eines, es macht mich müde." Das "andere Wort" für Schicksal gibt es nicht mehr im Roman. Doch das Geschehen über die Jahrzehnte und Generationen hin hat etwas Folgerichtiges, nachgerade Biblisches, stigmatisiert bis ins vierte Glied. Als würden all die Verletzungen in der Wunde, die das Bein des Vaters immer bleibt, in der fehlenden Gliedmaße ihr Signum finden. Einmal sitzt die kleine Monika am Fuß der Treppe im Kriegsopfer-Erholungsheim und poliert den Schuh am unteren Ende der Prothese, nachdem sich die Eltern, einander anlächelnd, zu einer Mittagsruhe zurückgezogen hatten.

Wahrhaftigkeit ist das Wort für Monika Helfers Art zu erzählen. Wie alles in der Wirklichkeit war, kann sie gar nicht wissen. Immer wieder hält sie inne, schiebt ein, dass sie es sich so vorstelle, dass es so gewesen sein könne, gar müsse, weil sie es sich so wünscht. Aufrichtigkeit ist das andere gute Wort für diese Anstrengung des Erinnerns. Denn die Erinnerung ist schmerzhaft, manchmal ist sie aber auch freudvoll, leise Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies, zu dem auch der Vater gehörte. Darin liegt die Kunst dieses Schreibens, das in keinem Moment die Haltung eines Vorwurfs einnimmt, im Gegenteil: "Wer sich entschuldigt, ist schuldig", heißt es einmal in "Die Bagage", ein Spruch des scharfsinnigen Mutterbruders Lorenz. Und wer den ersten Stein schmeißt, der macht sich schuldig.

Es bleibt, bei allem Bösen, die versöhnliche Anmutung der sprichwörtlichen verlorenen Liebesmüh'. So passte der "Vati" auf eine seltsam invertierte Weise tatsächlich in die "neue Zeit". "Wir alle haben uns sehr bemüht", lautet der letzte Satz des Romans, er steht da als ein eigener Absatz.

ROSE-MARIA GROPP

Monika Helfer: "Vati". Roman.

Hanser Verlag, München 2021. 176 S., geb., 20,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 26.01.2021

Nichts wird, wie es war
Monika Helfers autofiktionaler Familienroman „Die Bagage“ war im vergangenen Jahr ein großer literarischer und kommerzieller Erfolg.
Nun folgt die Fortsetzung „Vati“, die auf intensive und zugleich zurückhaltende Weise mindestens ebenso gut ist
VON CATHRIN KAHLWEIT
Vati“ ist ein spröder, ein fast abweisender Titel für 172 Seiten Zartheit und Liebe. Man kann das neue Buch der österreichischen Schriftstellerin Monika Helfer als Ergänzung zu ihrem jüngsten Bestseller, „Die Bagage“, lesen – und doch steht es in seiner ganzen Lakonie und Schönheit allein wie ein monolithischer Fels in Helfers Heimat Vorarlberg.
Helfer ist 72 Jahre alt, sie lebt mit ihrem Mann, dem Autor Michael Köhlmeier, in Hohenems und in Wien und hat eine ganze Reihe erfolgreicher Romane verfasst; keiner war so erfolgreich wie zuletzt die Geschichte ihrer Großeltern und ihrer Mutter, die der Dorfgemeinschaft als „Bagage“ galten – arm, ausgestoßen, ewig fremd. Ihre Mutter Grete spielt darin eine tragische Rolle, weil der Großvater sie als Kuckucksei, als Kind eines anderen Mannes, ansieht und zeitlebens missachtet.
Nun hat sie sich, nach der Mutter, dem Vater zugewandt, einem stillen, vom Krieg schwer traumatisierten Mann. Im Lungau als uneheliches Kind einer armen Magd geboren, schafft er es dank der Unterstützung eines Honoratioren auf das Gymnasium. Er wird, wie so viele junge Männer, vor dem Abitur eingezogen und als Soldat in den Osten geschickt; aus Russland kommt er mit nur einem Bein wieder zurück. Er hatte Naturwissenschaften, vielleicht Chemie studieren wollen, aber dazu war in den Wirren nach 1945 keine Gelegenheit, so wird er – passenderweise – Verwalter in einem Kriegsopferversehrtenheim. Für die Kinder bedeutet das Idyll und Isolation zugleich.
Die Zeit überschrieb einen Hausbesuch bei Helfer im äußersten Westen Österreichs im vergangenen Sommer mit „Na endlich!“, weil die Schriftstellerin mit ihrem letzten Roman, der im vergangenen Jahr Aufsehen erregte, endlich den verdienten internationalen Erfolg hatte. Der dürfte sich nun mit „Vati“ fortsetzen. Helfer erzählt ihre Familiengeschichte weiter und doch neu; der Vater steht vor allem als Büchermensch im Mittelpunkt, der keine Monografie aufschlagen kann, ohne daran zu riechen, über den Einband zu streichen, die Papierqualität zu prüfen, der Bücher hütet wie andere Menschen Schätze.
Seine Liebe zu Büchern ist umfassend, existenziell – eine zehrende Zuneigung, die er an die Tochter weitergegeben hat und die, auf völlig unterschiedliche Weise, beider Leben bestimmt. Er lebt mit seiner Bibliothek und für seine Bibliothek, in der genau 1324 Werke standen, ledergebunden, wertvoll; er hat sie gezählt.
Und er lebt viele, überwiegend glückliche Jahre lang, in dem Versehrtenheim auf 1200 Metern Höhe, das er mit seiner Frau, Verwandten und Personal führt und in dem auch die vier Kinder, darunter Tochter Monika, bis zum frühen Tod der Mutter aufwachsen. In einem Standard-Interview sagt Helfer über ihn, je mehr ihr Vater versucht habe, die Kriegszeit zu verkraften und sein Nachkriegstrauma zu verdrängen, desto mehr sei ihm bewusst geworden, „dass ihn diese Zeit einholt. Er konnte nur mit Lesen überleben“.
Vor dem Küchenfenster eine Eberesche, auf der sich Vögel tummelten, auf den Wiesen Enzian, den die Kinder der Mutter als Blumengruß ins Haus tragen, und am Waldrand Rehe, die der Mutter aus der Hand fressen. Allabendlich kommen die Gäste zusammen, Kriegsversehrte, Traumatisierte, und doch wird viel gelacht und musiziert. Es ist eine nur scheinbar heile, in Wahrheit aber fragile, brüchige Nachkriegswelt, die Helfer in ihrer sparsamen, eleganten Sprache hintupft, geprägt von verdeckter Armut, Sprachlosigkeit, stiller Eifersucht, Überforderung.
Die Mutter, eine stille, lebensfremde, von Haushalt und Alltag oft überforderte Frau, die sich lange Stunden in ihr Zimmer zurückzieht, überlässt die Kinder sich selbst – oder Verwandten. Das wird hingenommen; es sind ja immer genug Menschen da, aber eine unausgesprochene Sehnsucht schwebt dennoch über Helfers Roman, denn diese Leerstelle, die auf dem Berg schon spürbar ist, wird später umso entscheidender werden.
Das Bergidyll zerbricht mit einem Knall und endet mit einem Drama. Der Vater kämpft um seine Bücher und damit letztlich um seine eigene Legende; er wird schließlich fast irre an einer Fehleinschätzung, einem Missverständnis eigentlich, das die Familie schwer belastet, bevor es sie endgültig zerreißt. Es folgen, im übertragenen wie im Wortsinne, der Umzug ins Tal und die Mühen der Ebene. Vaterlosigkeit, Mutterlosigkeit, Heimatlosigkeit.
„Ohne Mutti ist ohne Würde. Sie konnte nicht kochen, aber sie war unsere Würde“, schreibt Helfer, und sieht als kleines Mädchen die eigene Zukunft wie die der drei Geschwister voraus: „Man wird fragen: Zu wem gehört die? Und man wird sagen: Ist das nicht egal? Hauptsache, sie kann sich irgendwo hinlegen und kriegt irgendetwas zu essen und benimmt sich in der Schule, später irgendwann werden sie ja wieder zusammenfinden. Heikel sind die ja nicht.“
Schritt um Schritt gelingt das Zusammensetzen der Bruchstücke, der Erinnerungen, der Gegenwart. Nichts wird, wie es war. Aber, wie Monika Helfer in ihrem – nur scheinbar mysteriösen, an den Schlussakt ihres großartigen Buches wie angeklebt wirkenden – letzten Satz sagt: „Wir alle haben uns sehr bemüht.“
In die Lebensgeschichte ihres Vaters, ihrer Familie flicht Helfer, in klug eingebetteten Rückblicken und Exkursen, Puzzlestücke aus der jüngeren Gegenwart ein, wie sie das in früheren, fiktionalen Büchern getan hat, die immer auch autobiografische Elemente enthielten. Wiederkehrender Moment ist der Tod ihrer Tochter Paula, die bei einem Bergunfall zu Tode kam. Monika Helfer tagträumt in „Vati“, sieht die Farben des Bergs rund um das Kriegsopferversehrtenheim vor sich, das Lilienweiß, das Enzianblau, das Erdbeerrot. Der Tochter hat sie viel davon erzählt.
„Mama, erzähl mir von wo du klein warst“, hatte diese als Kind immer gesagt, und wie im Roman über ihre Familie, die „Bagage“ , aber auch in „Bevor ich schlafen kann“ von 2012 tut sie das auf intensive und zugleich zurückhaltende Weise.
Was sie über die Erinnerung an ihre Tochter Paula schreibt, gilt für ihre ganze berührende, fast lyrische Prosa: „Ich kann mir Idylle nicht anschauen. Ich kann sie nicht einmal denken. Ich will es nicht. Immer ist es, als ob sie gleich zerbricht.“ Sie könne Schönheit nicht ertragen. Nicht die Eberesche oben vor dem alten Haus am Berg, in dem sie mit Vati und Mutti lebte, nicht die Eberesche unten im Tal, wo die Erinnerung an ihre Tochter lebendig ist.
Durch die Fiktion, erklärt Helfer dazu im Standard, „erreiche ich eine Vergrößerung, in die ich meine Wahrheit stecken kann“. Vielleicht ist es das, was diesem schmalen Band, wie auch zahlreichen anderen Büchern dieser in ihrer Heimat mittlerweile gefeierten, in Deutschland nicht ausreichend gewürdigten Autorin, seine besondere Aura gibt: wie sie eigenes Erleben und ihre Fantasie verknüpft, ohne dass diese Verknüpfungen ihren Texten eine Schwere aufbürden, ohne dass die Konstruktion darunter zerbrechen würde. Wenn sie erzählt, bleibt deshalb auch die Trauer auf eine seltsame, fast bescheidene Weise leicht.
Man müsse, sagt auch die Ich-Erzählerin in ihrem neuen Roman, „nicht alles wissen, und wenn man nicht alles weiß, kann man es beim Erzählen schöner machen, als es war“. Schön ist es nicht, was sie weiß, aber es ist schön, wie sie es erzählt.
Der Erfolg des
Vorgängers dürfte
sich fortsetzen
Wenn sie erzählt,
wird die
Trauer leicht
Monika Helfer:
Vati. Roman.
Hanser Verlag,
München 2021.
172 Seiten, 20 Euro.
„Wenn man nicht alles weiß, kann man es beim Erzählen schöner machen, als es war“: die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer.
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"Helfer lädt mit dieser sinnlichen und stimmig-bruchstückhaften Montage aus Erinnerungen und Reflexionen, Vergangenheit und Gegenwart zum echten Eintauchen ein." Paula Pfoser, ORF Sommerbuchempfehlungen, 15.06.21

"Das Buch berührt tief und weckt Verständnis für eine Generation, die oftmals unverstanden geblieben ist. Damit füllt 'Vati' auf empathische und sehr kluge Weise eine Leerstelle." Barbara Geschwinde, WDR5 Bücher, 20.03.21

"Ein letzter anrührender Liebesdienst. ... Helfers unaufgeregtes, unprätentiöses, von Austriazismen geerdetes Plauderparlando ist ein absolut äquates Medium für diese wechselvolle Lebensgeschichte." Frank Schäfer, taz am Wochenende, 13.03.21

"Ein ganz warmer Erzählton ... Das hat eine ganz eigene Kraft." Annemarie Stoltenberg, NDR Kultur, 02.03.21

"Kurz, lapidar, ein bisschen sprunghaft, aber immer wieder nah an diesem Versuch, den Vater zu verstehen. ... Diese Aufrichtigkeit hat etwas hoch Charmantes." Rainer Moritz, NDR Kultur, 02.03.21

"Dieses Sammelsurium eines selten leichten Lebens erzählt Helfer in einer glasklaren Sprache, die subkutanen Witz, Esprit und Lebensweisheit birgt. ... Ach, man könnte ein ganzes Buch lang von diesem Buch schwärmen. So viel Wärme, Ehrlichkeit und Schwere war selten." Peer Teuwsen, NZZ am Sonntag, 28.02.21

"Man reist in diesem schmalen Roman lesend durch all das, wozu man sonst viele Bücher braucht. Durch die Sehnsucht zur Sentimentalität, auf die schrille Heiterkeit und tiefe Traurigkeit folgt. Man lernt aus der Lektüre, dass die Verzerrungen und Verschiebungen des Alltäglichen vielleicht das Geheimnis des Erinnerns sind - und dass die Weigerung, sich allein an Tatsachen festzuhalten, die Eleganz von Monika Helfers Erzählen ausmacht." Wolfgang Paterno, Profil, 24.01.21

"Fraglos gehört Monika Helfers Familienroman zu den berührendsten und bewegendsten Publikationen dieser literarischen Saison. Er fasziniert sowohl sprachlich als auch in punkto Stoffwahl. Die Verfasserin sollte dafür endlich mit dem Deutschen Buchpreis geehrt werden, der ihr 2017 entging." Ulf Heise, MDR Kultur, Februar 2021

"Helfers Tonfall ist unsentimental, ohne Gejammer und Anklage, kurz: bezaubernd. Keine Bitterkeit wird verschwiegen, nichts geschönt, aber auch nichts über Gebühr ausgemalt oder zu Tode analysiert. Das Ganze liest sich leicht, gelingt selten so wie hier und wärmt das Herz." Gisela Trahms, Welt, 20.02.21

"So viel Tod, aber auch so viel Leben - wer Monika Helfers Bücher liest, begegnet dem Erdendasein in seiner ganzen Wucht, und doch steigt man aus ihren Romanen nie mit einem deprimierenden Gefühl aus." Meike Schnitzler, Brigitte, 03.02.21

"Mit 'Vati' zeigt die Autorin erneut, dass sie eine wahre Wortzauberin ist." Meike Schnitzler, Brigitte, 03.02.21

"Ein vielschichtiges Gemälde einer Familie, einer Zeit und einer Generation. ... Es sind knappe Sätze, die sich dem Vater, seiner Schweigsamkeit und seinem Fehlen annähern. Fragen bleiben offen und geben den Blick frei in Abgründe. Eine Fortsetzung der Helfer'schen Familiengeschichte ist - erfreulicherweise - schon in Planung." Stefanie Panzenböck, Falter, 03.02.21

"Mit 'Vati' schreibt Monika Helfer ihre Saga fort, die mit dem Roman 'Die Bagage' begonnen hat: als eine behutsam eindringliche Wiederherstellung ihrer eigenen Herkunft." Rose-Maria Gropp, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.21

"'Vati' ist kein Buch, das Wahrheiten verkündet, sondern eines, das nach den Zwischentönen und Schicksalspunkten von Biografien sucht. Das gelingt Monika Helfer darum so gut, weil sie Sensibilität mit Diskretion verbindet." Christoph Schröder, Zeit Online, 26.01.21

"Wie schon 'Die Bagage' ist auch 'Vati' keine voyeuristische Nabelschau, sondern gelungene Literatur, in der das Schreiben, das auf Erinnerung setzt, immer auch kritisch beäugt wird." Carsten Otte, SWR2 Lesenswert Magazin, 24.01.21

"Was die Meisterin der Kürze schafft, ist bewunderungswürdig: das angefochtene Leben eines Menschen so verschwommen schön und kristallklar aufzumalen, dass man alles sieht und nichts davon nachzeichnen könnte, das Taumeln zwischen Himmel und Hölle, das Taumeln auf der Erde." Alexander Solloch, NDR Kultur, 24.01.21

"Ein so bedrückendes wie berührendes Erinnerungsbuch. ... Die Autorin ist eine äußerst versierte Dramaturgin ihres biografischen Materials, das zwar von guten und schrecklichen Erlebnissen, von lustigen und aberwitzigen Familiengeschichten lebt, vor allem aber von der literarischen Kunst, die Geschichte eines Menschen angemessen zu verdichten." Carsten Otte, Tagesspiegel, 24.01.21

"172 Seiten Zartheit und Liebe. Man kann das neue Buch der österreichischen Schriftstellerin Monika Helfer als Ergänzung zu ihrem jüngsten Bestseller, 'Die Bagage', lesen - und doch steht es in seiner ganzen Lakonie und Schönheit allein wie ein monolithischer Fels in Helfers Heimat Vorarlberg." Cathrin Kahlweit, Süddeutsche Zeitung, 26.01.21
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