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Benutzername: ulrikerabe
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Insgesamt 162 Bewertungen
Bewertung vom 07.08.2020
Der letzte Satz
Seethaler, Robert

Der letzte Satz


gut

Ein kranker Mann am Deck der America bei der Überfahrt von New York über den Atlantik. Es ist Gustav Mahler, der Komponist, der Dirigent, der Herr Direktor. Auf seiner letzten Reise, gezeichnet von Krankheit und Schwäche, betreut von einem Schiffsjungen, zieht er Bilanz über sein Leben, sein Schaffen, seine Ehe mit Alma.
Mahlers letzte Reise ist Robert Seethalers „Der letzte Satz“. Es ist ein sehr melancholisches Kurzporträt eines begabten Künstlers, eines gebrochenen, müden Mannes.
Gefangen in einem seit Kindheit kränkelnden Körper, getrieben von seinem musikalischen Ausnahmegenie erinnert sich Mahler an sein Wirken als Direktor der Wiener Hofoper. Wie jung er damals war, als alle dabei sein wollten, man „diesen kleinen, zappeligen Juden sehen (wollte), der es aus unerfindlichen Gründen geschafft hat, das beste und störrischste Orchester der Welt zu disziplinieren.“
Doch das musikalische Werk Mahlers steht nicht im Vordergrund dieses schmalen Büchleins. Seethaler reduziert Mahler auf ein Minimum, auf Schmerzen, Schwäche, Schlaflosigkeit.
„Nein. Man kann über Musik nicht reden. Es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.“
So sinniert Mahler über die Endlichkeit des Lebens und die Unendlichkeit des Meeres. Dieses Motiv der Weite, Kälte, Vielfalt und Tiefe des Meeres kommt immer wieder. Doch die schönen Worte des Bedauerns, die Seethaler dafür findet, erreichen diese Tiefe nicht.
Immer wieder führen Mahlers innere Monologe zu vergangenen Ereignissen, versäumten Gelegenheiten. Der Verlust eines Kindes hat ihn schwer getroffen. Seine Ehe zu Alma besteht nur mehr aus Loyalität.
Erstaunlicherweise erscheint Alma - die nicht nur Mahlers Frau war sondern später auch Muse, Geliebte, Ehefrau anderer namhafter Künstler der Wiener Secession und Bauhauszeit, wie dem „Baumeister“ Hans Gropius, Oskar Kokoschka, Franz Werfel…, war – sehr brav und bieder bis zu dem Moment, als Mahler sich Almas Affäre mit Gropius gemahnt.
Nur flüchtig streift Seethaler am Antisemitismus an, mit dem Mahler konfrontiert war. Bedeutsame Begegnungen mit Auguste Rodin oder Sigmund Freud, sind nur kleine Gedankensplitter. Was von Mahler übrig bleibt, ist ein kleiner, rührseliger, einsamer Mann. Zu mehr hat die Kürze dieses Buches wohl nicht gereicht.

Bewertung vom 02.08.2020
American Spy
Wilkinson, Lauren

American Spy


ausgezeichnet

Marie Mitchell lebt mit ihren vierjährigen Zwillingssöhnen in einer unbedeutenden Kleinstadt in Connecticut. Eines Nachts versucht ein Eindringling, sie in ihrem Haus zu umzubringen. Marie kann sich erfolgreich zu Wehr setzen und tötet den Angreifer. Mit gefälschten Papieren flüchte sie mit ihren Kindern nach Martinique zu ihrer Mutter Agathe. Dort beginnt Marie ein umfangreiches Tagebuch zu schreiben, über ihre Kindheit in den 1960ern, ihre Schwester Helene, die unbedingt zum Geheimdienst wollte und bei einem dubiosen Unfall ums Leben kam, über ihre eigene Tätigkeit als FBI Agentin bis hin zu ihrem Undercovereinsatz, bei dem sie den kommunistischen Anführer von Burkina Faso ausspionieren soll. Ein Einsatz, der ihr Leben für immer auf den Kopf stellt.
„American Spy“ ist der Debütroman der afroamerikanischen Autorin Lauren Wilkinson. Es ist ein brillant und stürmisch erzähltes Spionagestück, ein Stück Zeitgeschichte, eine Mischung aus Fakten und der Fiktion einer Romanze zwischen der jungen schwarzen Protagonistin Marie Mitchell und Thomas Sankara, dem Präsidenten von Burkina Faso.
In den 1980ern, in denen der Großteil der Geschichte angesiedelt ist, ist der Kalte Krieg in Amerika noch omnipräsent.
„Reagan hatte sich außenpolitische Ziele auf die Fahnen geschrieben, die zu dem Zeitpunkt so unmöglich klangen, dass sie kaum jemand ernstnahm: Er wollte nicht nur dafür sorgen, dass die USA im Kalten Krieg die Oberhand hatten, er wollte ihn gewinnen.“
Die Bedrohung durch die Sowjetunion und aller anderen kommunistischen Staaten beschäftigt Bevölkerung wie Geheimdienste.
„Ich hielt Kommunismus für gefährlich….Reaganomics war nicht gerade eine menschenfreundliche Philosophie, und in Verbindung mit dem Hang unseres Landes zur Bestrafung bot sie den perfekten Nährboden für Rücksichtslosigkeit und Unbarmherzigkeit. Die Alternative war jedoch noch schlimmer.“
Die junge schwarze Marie Mitchell, die beim FBI mit der Rekrutierung von Informanten befasst ist, tritt beruflich auf der Stelle. Es ist ihr Geschlecht und ihre Hautfarbe die sich nicht vorwärts bringt- Als sie eine Suspendierung provoziert, wendet sich plötzlich die CIA an sie. Sie soll das Vertrauen von Thomas Sankara erschleichen, ihn diskreditieren, während der Geheimdienst einen amerikafreundlichen Gegenkandidaten zum Präsidenten von Burkina Faso etablieren will.
Der westafrikanische Staat Burkina Faso wurde von 1983 bis 1987 von Thomas Sankara regiert. Dies entspricht den Tatsachen. Sankara sah sich selbst als sozialistischen Revolutionär. Seine Devise lautete: „Vaterland oder Tod, wir werden siegen“ Seine Begegnung mit Marie mit allen Konsequenzen entstammt der dichterischen Freiheit der Autorin. Burkina Faso bedeutet übersetzt „das Land der aufrechten Menschen“. Marie erkennt in Sankara einen aufrechten Menschen, beginnt die Sinnhaftigkeit ihrer Mission zu hinterfragen.
„Man kann einen Revolutionär umbringen, aber man kann nie die Revolution umbringen.“
Der Roman enthält alle Elemente eines spannenden Spionageromans. Allein der Beginn des Buchs, als ein Unbekannter in Maries Haus einbricht, um sie zu eliminieren katapultiert den Leser mitten ins Geschehen. Aber es ist weit mehr als ein Thriller. Alles was nach dem Attentat auf Marie geschrieben steht, ist ihr Tagebuch, die Aufarbeitung ihrer Familiengeschichte, ihrer Rolle als schwarze Frau in einem Rechtssystem, das Menschen ihrer Hautfarbe (und das bis in die heutige Zeit) diskriminiert und ein Vermächtnis an ihre Söhne, schwarze amerikanische Jungs, für die es noch lange keine Sicherheit bedeutet, zur Mittelschicht zu gehören.

Vielleicht ist dieses Buch kein Thriller. Das muss es auch nicht, um großartig, komplex, vielschichtig und spannend zu sein.

Bewertung vom 01.08.2020
Alter Hund, neue Tricks / Sean Duffy Bd.8 (eBook, ePUB)
McKinty, Adrian

Alter Hund, neue Tricks / Sean Duffy Bd.8 (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Nordirland 1992. Detective Inspector Sean Duffy arbeitet nur mehr als Teilzeitpolizist für die Royal Ulster Constabulary und verbringt sonst seine Zeit in Schottland mit Frau und Kind. Eigentlich will er nur mehr einen ruhigen Job machen bis zur Pensionierung: Doch als Quentin Townes, ein Kunstmaler, ermordet aufgefunden wird, sieht der Fall zunächst einfacher aus als er ist. Denn der vermeintlich misslungenen Raubüberfall wird zum Stich in das Wespennest örtlicher IRA-Terroristen. Duffy will noch einmal beweisen, dass der alte Hund, fähig ist neue Tricks zu erlernen und gerät dabei mitten in die Schusslinie.
„Das hier ist ein klassischer Sean Duffy, der einsame Wolf.“
„Alter Hund, neue Tricks“ ist der achte Band der Reihe um DI Sean Duffy des nordirischen Krimiautors Adrian McKinty. Auch wenn ich die Vorgängerbände nicht kannte (warum eigentlich?), war ich gleich mitten im Geschehen. Es ist eine großartige, spannende Zeitreise in das Nordirland der beginnenden 1990er.
„In den vergangen Jahren war der kalte Krieg zu Ende gegangen, Thatcher war abgetreten, Reagan war abgetreten, die Berliner Mauer war gefallen, Nirvana hatte Michael Jackson von den oberen Rängen der Charts verdrängt, doch hier in Irland spielten die Männer der Gewalt weiter lustig ihr Spielchen.“
Mittendrin in diesem Spiel der Gewalt steht Sean Duffy, gerecht, unbeirrbar, originell in seinen Methoden. Dieser alte Hund ist kein Rudeltier. Ein Einzelgänger, der Lyrik und Musik liebt, feinsinnig und knallhart zugleich. Adrian McKinty lakonische Art zu erzählen, macht großen Spaß, auch wenn das Thema diese Kriminalromans ein politisch sehr ernstes ist.
Die Troubles, wie der Nordirlandkonflikt fast schon euphemistisch genannt wird beherrschten nahezu 30 Jahre das Leben in Nordirland. Bürgerkriegsartige Zustände, Autobomben, bewaffnete Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung. Anfang der 1990er beginnt das politische Gefüge sich zu verändern.
„Und jetzt kommt kein Milchmann mehr?“ – „Nein, nie wieder, sagte sie.“ – „Und die Flaschen?“ – „Flaschen gibt es auch nicht mehr, glaube ich. Jetzt gibt es nur noch Milch im Karton.“ – „Und was nehmen die Kinder dann für die Molotow-Cocktails?“
Tough, tougher, Duffy: Ich hoffe Adrian McKinty hat für diesen alten Hund noch einige Tricks auf Lager.

Bewertung vom 25.07.2020
Ich bleibe hier
Balzano, Marco

Ich bleibe hier


ausgezeichnet

Graun, ein kleines Bergdorf im Vinschgau. Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges gehört Südtirol zu Italien. Nach der Machtergreifung Mussolinis wird die deutschsprachige Bevölkerung zwangsitalienisiert. Trina, die so wie ihre Freundinnen Barbara und Maja, Lehrerin werden wollte, bekommt nun keine Anstellung, doch im Untergrund unterrichtet sie weiter die Dorfkinder in Deutsch. Trina heiratet Erich Hauser und zieht auf seinen kargen Bauernhof. Die Hausers führen fortan ein Leben im Widerstand: gegen Mussolinis faschistische Schwarzhemden, gegen Hitler, gegen den Bau des gewaltigen Staudamms, der den Untergang für das Dorf bedeutet.
In Trinas und Erichs Leben wird eine große Wunde gerissen, es ist ein Verlust an dem die Familie zu zerbrechen droht.
Der italienische Autor Marco Balzano schreibt in seinem Roman „Ich bleibe hier“ wider das Schweigen. Trina glaubt an das Wort als Mittel des Widerstands. In Graun sind die Menschen hart arbeitende Bauern und Handwerker. Trinas Mutter war eine sehr kategorische Frau, die die Welt mühelos in Schwarz und Weiß einteilen konnte.
„Sie hielt alle, die eine Schulbildung hatten, für unnötig schwierige Menschen. Faulpelze, Besserwisser und Haarspalter. Ich dagegen glaubte, das größte Wissen liege im Wort, besonders für eine Frau….Ich glaubte, sie könnten mich retten, die Wörter.“
Worte können alles sein, Trost oder Waffe, sie können Berge versetzen, wenn alles verloren scheint. Worte bedeuten Freiheit, können Brücken schlagen. Manchmal bleiben aber auch nur Worte, um zu verarbeiten, was das Leben mit einem gemacht hat.
Und so lässt Marco Balzano Trina erzählen, von der Zeit als die Dorfbewohner die italienischen Faschisten hassten und ein Rettung durch Hitlers Nazideutschland herbeisehnten. Sie erzählt vom Widerstand, von Flucht, von Trennung und Verlust. Balzanos Sprache ist schnörkellos, mitfühlend und bar jeglicher Sentimentalität.
Der Kirchturm von Reschen, der aus dem Wasser des Stausees hervorschaut, ist heute eine Touristenattraktion. Auch Marco Balzano hat diesen Kirchturm gesehen. Die Geschichte der Gegend und des Staudamms motivierte ihn „eine private und persönliche Geschichte anzusiedeln, in der sich die historischen Abläufe spiegeln und die (ihm) die Möglichkeit bot, ganz allgemein über Verantwortungslosigkeit, über Grenzen, über Machtmissbrauch und die Bedeutung des Wortes zu sprechen.“
Was bleibt, wenn einem zunächst die Muttersprache, dann das Zuhause, die Landschaft, die Existenz, die Heimat genommen wird? „Vorwärts gehen….das ist die einzige Richtung, die erlaubt ist. Sonst hätte Gott uns die Augen seitlich gemacht. Wie den Fischen.“

Bewertung vom 22.07.2020
Pandatage
Gould-Bourn, James

Pandatage


ausgezeichnet

Danny Malooley ist alleinerziehender Vater, nachdem seine Frau Liz vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Der elfjährige Will hat seither kein Wort mehr gesprochen. Als Danny seinen Job am Bau verliert und der Vermieter mit dem Rausschmiss droht, kauft Danny mit seinem letzten Geld, ein altes Pandakostüm, um damit als Tanzbär Geld in die Haushaltskasse zu bringen. Problematisch ist allerdings, dass Danny auch nicht tanzen kann - und er keinesfalls möchte, dass Will etwas von seinem neuen „Beruf“ als Straßenkünstler erfährt. Als er zufällig die Bekanntschaft von Krystal, einer Clubtänzerin macht, gibt sie ihm, wenn auch widerwillig Tanzunterricht. Dann beobachtet Danny, wie sein Sohn von größeren Schülern drangsaliert wird und hilft ihm aus dieser Situation. Gut getarnt im Pandakostüm erkennt Will seinen Vater nicht und beginnt zu sprechen.
Der britische Schriftsteller James Gould-Bourn hat mit seinem Debütroman „Pandatage“ ein liebenswertes Märchen geschrieben, eine wunderbare Geschichte über das Trauern und die Kraft der Freundschaft. Diese Geschichte steckt voller berührender Momente und Situationskomik.
Auch wenn manche Szenen etwas zu überzeichnet sind, werden Danny und Will sehr authentisch in ihrer Art miteinander umzugehen gezeigt. Danny ist überfordert, mit seiner eigenen Trauer, seinen Geldsorgen und der Situation, dass Will nicht sprechen möchte. So rackert sich Danny zwar Tag für Tag am Bau ab, verschließt sich aber vor seinem Sohn. Der Tod von Liz hat eine große Lücke im Leben beider hinterlassen, aber auch eine Lücke zwischen Vater und Sohn entstehen lassen.
„Liz war in vielerlei Hinsicht die Brücke gewesen, die sie miteinander verbunden hatte, und seit dem Tag, an dem die Brücke eingestürzt war, hatten sie auf verschiedenen Seiten desselben Abgrunds gelebt, hatten einander aus der Ferne betrachtet, während der Abstand zwischen ihnen immer größer wurde.“
Mit dem Pandakostüm kann Danny plötzlich eine Brücke zu Will schlagen. So erfährt er von den Gefühlen seines Sohnes, seinen Wünschen und Ängsten. Aber das Pandakostüm ist auch eine Brücke zu neuen Freundschaften. Danny steht nicht mehr allein da, er findet Unterstützung bei seinem ehemaligen Arbeitskollegen Ivan, einem ukrainischen Schwergewicht, bei Tim, einem anderen Straßenkünstler (ein kleines bisschen ein Bob-der-Streuner-Duplikat) und Krystal, die hinter ihrem losen Mundwerk und ihrer rauen Schale einen weichen Kern hat.
»Wusstest du, dass man eine Gruppe von Pandas tatsächlich eine Verwirrung nennt? Habe ich heute erfahren. Eine Verwirrung von Pandas.«»Nicht Gruppe«, sagte Ivan. Er zeigte auf Danny. »Einer ist Verwirrter. Gruppe ist schlimmer als verwirrt. Ist tragisch. Ist wie Tschernobyl von Pandas.«
Pandatage ist ein typisch britisches Feelgoodstück, eine skurril anrührende Parabel auf das Leben und eine kleine Garantie dafür, dass das Licht am Ende des Tunnels nicht immer von der auf dich zurasenden Lokomotive stammt.

Bewertung vom 19.07.2020
City of Girls
Gilbert, Elizabeth

City of Girls


gut

„Im Sommer 1940, als ich neunzehn Jahre alt und ein Dummkopf war, schickten meine Eltern mich zu Tante Peg, der eine Theaterkompanie in New York City gehörte.“
Vivian Morris ist eine lebenslustige unbedarfte junge Frau aus gutem Elternhaus. Der Vater ist Unternehmer, die Mutter eine Pferdefrau ohne großes Interesse an ihrer Tochter, ihr Bruder Walter studiert in Princeton. Vom renommierten College Vassar wird Vivian wegen nicht vorhandener Leistungen rausgeschmissen. Ihre Eltern schicken sie kurzerhand nach New York zu ihrer Tante Peg, Mit zwei riesigen Koffern und einer Nähmaschine landet Vivian im Lily Playhouse, dem kleinen Theater, das Peg gemeinsam mit ihrer Partnerin Olive in Midtown Manhattan betreibt. Für Vivian beginnt ein Leben, das sie bislang noch nicht kannte - Showgirls, Alkohol und durchgetanzte Nächte. Bis sie eines Tages in einen veritablen Skandal verwickelt wird und New York verlässt, um nach Hause zurückzukehren.
Elizabeth Gilberts Roman „City of Girls” hat ganz schön viele Vorschusslorbeeren kassiert. Von den Medien als „betörender Mix aus Charme und Witz“ gefeiert, entpuppt sich der Roman eher als seichte Lektüre mit einem allerdings recht interessanten Aufbau. Denn der gesamte Roman ist ein Brief, den die mittlerweile 90-jährige Vivian schreibt, ein Antwortschreiben an Angela, eine Frau von der man lange nicht weiß, wie sie in Vivians Geschichte passt. Wer Vivian für ihren Vater war, möchte Angela zu Beginn des Buches wissen.
„Tja. Was war ich denn für ihren Vater? Nur er hätte diese Frage beantworten können. Und da er sich entschieden hatte, nie mit seiner Tochter über mich zu sprechen, steht es mir nicht zu, Angela zu erzählen, was ich für ihn war. Ich kann ihr allerdings erzählen, was er für mich war.“
Und dann legt Vivian los. Da ist dieses Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden, „verbannt“ nach New York – welchen Sinn dies aus Sicht der Eltern macht, kann nicht ergründet werden - die sich in das fremde, pralle Leben wirft. Geplapper, die bizarrste Entjungferungsszene, die ich jemals gelesen hab, Eskapaden, modischer Firlefanz – hier habe ich bald quer zu lesen begonnen. Interessanter wird die Geschichte erst viel später im Verlauf, als Amerika dem Zweiten Weltkrieg beitritt, Vivian älter wird und die Geschichte nicht mehr ganz so ausschweifend schillernd ist.
Der Cosmopolitan nannte City of Girls eine “Sensation”. Vielleicht war Vivian zu ihrer Zeit tatsächlich eine Sensation. Aber der Roman selbst ist nicht mehr als eine belanglose Unterhaltung.

Bewertung vom 17.07.2020
Kostbare Tage
Haruf, Kent

Kostbare Tage


ausgezeichnet

Holt, Colorado: Dad Lewis liegt im Sterben. Unheilbar an Krebs erkrankt bleibt ihm nicht mehr viel Zeit. Seine Frau Mary kümmert sich in seinen letzten Tagen rührend um ihn. Auch seine Tochter Lorraine reist an, um der Mutter beizustehen und vom Vater Abschied zu nehmen. Nach und nach kommen Nachbarn, Freunde, seine Angestellten vorbei, um ein letztes Mal nach Dad zu sehen. Auch Reverend Lyle, der neue Gemeindepfarrer stattet ihm einen Besuch ab. Lyle hat selbst mit eigenen Problemen zu kämpfen, seine Familie droht auseinanderzubrechen, seine Ansichten werden nicht von jedem gut geheißen. Währenddessen lebt sich die achtjährige Alice in der Gemeinschaft ein. Das Mädchen wohnt seit dem Tod ihrer Mutter bei ihrer Großmutter Bertha May. Das Mädchen wird von Lorraine und den Johnson Frauen, die verwitwete Willa und ihre Tochter Alene, ins Herz geschlossen.
Schon zum vierten Mal entführt Kent Haruf den werten Leser nach Holt, Colorado. Es sind „Kostbare Tage“ von denen der 2014 verstorbene amerikanische Autor erzählt. Holt ist eine fiktive Kleinstadt, nicht unbedingt ein Wohlfühlort, kein Ort, an den es einen hinzieht. Dort leben bodenständige Menschen mit ganz alltäglichen Sorgen, Wünschen, Träumen, Freuden und Kummer. In dem Kent Haruf die Menschen genau beobachtet, ihnen größte Achtsamkeit und Respekt entgegenbringt, lässt er den Leser eine tiefgehende Bindung zu seinem Personal eingehen.
„Im Schatten der Bäume blieb er vor den Häusern stehen, warf einen Blick durch die Fenster, die in den Sommernächten geöffnet waren, und beobachtete die die Leute. Die kleinen Dramen, die tägliche Routine.“
Genauso wie Reverend Lyle durch die Straßen von Holt geht, in die Häuser der Menschen schaut, so schaut Kent mit fotografischem Realismus hin.
Mit den Geschichten aus Holt spiegelt er wohl einen guten Querschnitt der amerikanischen Bevölkerung in ländlichen Kleinstädten. Es gibt dort gute Menschen und weniger gute. Doch noch nie bin ich einem von Kent Harufs Protagonisten so ambivalent gegenüber gestanden wie Dad Lewis.
Dad Lewis ist für mich nicht „der gute Mensch von Holt“, wie es zunächst scheinen mag. Dad hat sich ein gutes Leben in Holt aufgebaut. Er hat einen kleinen gut gehenden Eisenwarenladen ein gutes Auskommen. Seine Frau Mary ist ihm, anders kann man es nicht ausdrücken, treu ergeben. Seine Tochter Lorraine liebt und achtet ihn. Doch es gibt dunkle Flecken in Dads Leben. Es gibt Entscheidungen, die er getroffen hat und die gar nicht mal so sehr sein Leben beeinträchtigt haben als das anderer Menschen.

Denn Dad ist ein Vater, der auch einen Sohn hat. Einen Sohn, den er nie erwähnt, von dem er nie erzählt. Der homosexuelle Frank verließ die Familie mit 19, ohne Schulabschluss. Einen Sohn, den Dad sogar in seinen Todesfantasien nur als Versager sehen kann.
Auch in einem anderen Fall plagten ihn Schuldgefühle, die er mit finanzieller Zuwendung bereinigen konnte. Ob Dad nur aus schlechtem Gewissen, Anstand, moralischem Imperativ oder reiner Nächstenliebe gehandelt hat, beliebt der Interpretation des Lesers vorbehalten.
Was hätte ich anders tun können, ist wohl eine Frage, die sich viele Sterbende stellen. Es sind nicht nur die letzten Tage des Abschiednehmens „kostbare Tage“, Tage der Danksagung. Jeder Tag ist kostbar und man sollte keine Zeit damit vergeuden, Menschen, an denen einem etwas liegt, zu missachten. Warte nicht darauf, etwas später zu erledigen. Sag denen, die du liebst, dass du sie liebst. Lass dich nicht durch Stolz, gesellschaftliche Konventionen, falschen Glauben davon abhalten, andere Menschen anzunehmen, wie sie sind. Revidiere deine Entscheidungen, wenn du erkennst, dass sie falsch waren. Jeder Tag ist kostbar.

„Kostbare Tage“ ist ein vielschichtiger Roman, ein Aufruf zur Versöhnung, ein unglaublich achtsamer Bericht über Sterbebegleitung, ein Plädoyer für das Leben. Kent Haruf hat dieses Buch kurz vor seinem Tod geschrieben. Seine raue Prosa reibt und kratzt wie ein alter Lieblingspullover.

Bewertung vom 28.06.2020
flüchtig
Achleitner, Hubert

flüchtig


weniger gut

Maria und Herwig, seit mehr als dreißig Jahren sind sie verheiratet. Sie hat einen guten Job bei der Bank und hält sich mit Sport fit. Er ist Lehrer, progressiv, Musikliebhaber, raucht heimlich den einen oder anderen Joint und ist verliebt in eine junge Kollegin Nora. Doch eines Tages kündigt Maria ihren Job, nimmt ihre Ersparnisse, das Auto und verlässt Herwig. Ohne Worte des Abschieds und ohne Hinweise auf ihren Verbleib.
Hubert Achleitner schreibt in „flüchtig“ über die Löslichkeit langjähriger Beziehungen. Besser bekannt ist der Autor als Hubert von Goisern, stilübergreifender Musiker und großartiger Liedermacher. Seine musikalische Affinität spiegelt sich in seinem Debütroman wieder. „Heast as net“ war einer seiner größten Erfolge, wo ganz wenige Worten ganz große Stimmung erzeugen. Mit diesem Buch ging es mir ganz anders. Die Protagonistin ist Mitte fünfzig, steht am Wendepunkt ihres Lebens, trifft die Entscheidung für einen Neuanfang. Diese Frau könnte mir so nahestehen, doch ich konnte nicht hören, was sie zu sagen hatte.
Eva Maria Magdalena, wie die Protagonistin mit vollem Namen heißt - diese religiöse Dreifaltigkeit des Namens ist nicht zufällig - macht sich auf die Suche. Weg aus dem Alltag, der belanglosen Gewohnheit, weg von einem Mann, der einer anderen seine Liebe gesteht. Ihre Reise führt sie bis nach Griechenland, wo sie Ioannis kennenlernt, letztlich wieder bei einem Mann landet.
„…inzwischen habe ich die Wohnung schon zweimal aufgeräumt, gekehrt, gewischt, die Terrasse und die Fenster geputzt, die ganze Wäsche gewaschen, gebügelt…Ich habe alles repariert, was kaputt war…..und alles entsorgt, was sich nicht mehr reparieren ließ. Aber Ordnung ist flüchtig. Ich muss mich also beeilen mit dem Schreiben, bevor sich von neuem Staub über die Dinge legt und sie nach mir zu rufen beginnen.“
Es ist nicht nur Maria, die sich in diesem Roman auf die Suche macht. Da sind Nora, die Tramperin Lisa (die auch einleitende als Ich-Erzählerin fungiert, bis der Autor später zu einer neutralen Erzählform wechselt), der Grieche Ioannis mit seinem Großvater, der Mönch, Hereigs Vater. Und natürlich Herwig, der in meinen Augen das Abziehbild eines „man after midlife“ schlechthin ist.
Die Personen, die direkt oder indirekt Marias Weg kreuzen, sind alle von etwas getrieben, haben Wünsche und Sehnsüchte. Haben ihre eigene Geschichte und hier gerät Hubert Achleitner beim Erzählen sehr gerne vom Hundertsten ins Tausende. Er ergeht sich in geschichtliche, religiöse, mystische, musikalische Betrachtungen. Vom zweiten Weltkrieg, verschollenen Großvätern, griechischem Widerstand, dem Schicksal sudetendeutscher Flüchtlinge. Von einer Geburt in einer Gondel bei Talfahrt und dem Berg Athos als Ende einer Reise. Von samischen Klängen über Leonard Cohen, André Heller bis zu Mikis Theodorakis. Und immer wieder Glaube, göttlicher Ruf und Berufung.
Ein Wunsch und eine Sehnsucht war es lange Zeit für den Musiker auch einen Roman zu verfassen. Diesen Wunsch hat sich Hubert Achleitner mit dem Roman „flüchtig“ erfüllen können. Musikalisch ist Hubert von Goisern einer, der innovativ Grenzen überschreitet. Hubert Achleitner hat auch literarisch sehr viele gute Ideen. Doch wenn gute Ideen wie Murmeln sind in einem Glas, das umfällt: Sie rollen in alle Richtungen davon und lassen sich nur mühsam wieder aufklauben.

Bewertung vom 21.06.2020
Das wirkliche Leben
Dieudonné, Adeline

Das wirkliche Leben


ausgezeichnet

„Gilles war in jenem Sommer sechs, ich war zehn.“

Eine kleine Reihenhaussiedlung am Waldrand. Alles hat seine Ordnung. Im schönsten und größten Haus wohnt die namenlose Erzählerin mit ihrem kleine Bruder Gilles und den Eltern. Doch es ist keine liebevolle Familie. Der Vater ist ein brutaler Mann. Wenn er nicht gerade die Mutter misshandelt, trinkt er, hängt vor dem Fernseher ab oder geht seinem grotesken Faible für die Jagd nach. Die Mutter hat sich aufgegeben, ihr Dasein gleicht einer „Amöbe“. Die beiden Kinder entgehen dem tristen Alltag beim Spielen auf einem nahegelegenen Schrottplatz und Streifzügen durch den benachbarten Wald. Es ist Gilles‘ magisches Lachen, das „alle Wunden heilen kann“. Doch eines Tages werden die Kinder Zeugen eines tragischen Unfalls. Völlig alleingelassen mit der Verarbeitung dieses traumatischen Ereignissen, treibt es die Familie auf eine Katastrophe zu.
Die belgische Autorin Adeline Dieudonné schreibt in ihrem Debütroman über „Das wirkliche Leben“, und das tut sie mit einer messerscharfen, bildhaften Sprache. Ihre sehr junge Icherzählerin hinterlässt trotz der Distanziertheit der Erzählung einen tiefgehenden Eindruck bei mir. Es ist ein Buch über das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie, über eine Kindheit und Jugend geprägt von einem toxischen Weltbild des Vaters. Es ist geht um Kinder, die ohnehin schon schwer zu verkraftendes Leben haben, die aber durch ein schreckliches Ereignis völlig auf sich gestellt aus der Bahn geworfen sind.
„Geschichten sind dazu da, alles hineinzupacken was uns Angst macht. Denn so können wir uns sicher sein, dass es nicht im wirklichen Leben passiert.“
So versucht das Mädchen ihren kleinen Bruder immer zu beruhigen. Bis sie es eines Tages nicht mehr schafft, ihn zu erreichen, sein wunderbares Lachen verstummt. Es beginnt eine Zeit, in der die Magie (der Kindheit) nicht mehr wirkt, wo nur mehr Wissenschaft zu helfen scheint. Und das Mädchen stürzt sich in einen Eifer des Lernens. Nur das hält sie aufrecht, bestärkt sie darin, Vergangenes wieder gut machen zu können.
Das wirkliche Leben dieser Kinder ist ein Leben mit Gewalt, Misshandlung, Einsamkeit ohne einen wirklichen Ausweg. Wenn die Personen, die dich eigentlich lieben und beschützen sollten, die dich aber physisch, psychisch, verbal und brachial quälen und im Stich lassen, wird dieses Leben wirklich, wird es zu einer Normalität. Wer von den Eltern keinen Schutz zu erwarten hat, was kann man dann von Fremden erwarten?
„Kinder brauchen bis zu acht Anläufe, bevor ein Erwachsener ihnen glaubt.“ , hört man von ExpertInnen, die im Kinderschutz tätig sind. Manche geben schon früher auf. Während der Praxis des Wegschauens dreht sich die Spirale der Gewalt weiter.
Der Schluss des Buches trifft mitten ins Herz und beinhaltet bei aller Wirklichkeit ein kleines bisschen Magie.

Bewertung vom 20.06.2020
Das Dorf der toten Seelen
Sten, Camilla

Das Dorf der toten Seelen


weniger gut

Silvertjärn war ein kleiner abgelegener Grubenort im schwedischen Norrland. Nur eine Straße durch den Wald und eine wenig frequentierte Bahnlinie ließ diese Stadt erreichen. Die Leute dort waren eine kleine, gottesfürchtige Gemeinschaft, abhängig vom Grubenstandort, jeder kannte jeden. Doch vor 60 Jahren geschah dort Unerklärliches. Alle Bewohner des Ortes verschwanden spurlos, zurück blieb nur eine geschändete Tote und ein Neugeborenes.
Diese Geschichte soll die junge Filmschaffende Alice Lindstedt beruflichen Erfolg bringen. Mit einer kleinen Crew begibt sie sich an den geheimnisvollen Ort, um eine Dokumentation zu drehen. Doch Alice hat auch ganz persönliches Interesse an dem Ort. Denn Alices Großmutter hat kurz vor den tragischen Ereignissen ihren Geburtsort Silvertjärn verlassen.
„Das Dorf der toten Seelen“ ist der Debütroman von Camilla Sten, der Tochter der schwedischen Bestseller-Autorin Viveca Sten. Der Plot dieses Mystery-Thrillers hat alle Anlagen für einen spannenden Roman mit Gänsehautfaktor. Aber leider ist die Geschichte derart an den Haaren herbeigezogen, sehr wackelig konstruiert und unglaubwürdig.
„Das Dorf der toten Seelen soll meine Fahrkarte in ein anderes Leben sein.“ Dieser Zug scheint allerdings abgefahren.
Schon allein Alices Sorgen um den Geldgeber für ihre Dokumentation, in Zeiten wo True Crime, Lost Places und Mystery Crime nur so boomen, sind nahezu unverständlich. Das Team inklusive der Leiterin ist absolut unvorbereitet für diese Projekt, stapfen unmotiviert von Schauplatz zu Schauplatz und erschrecken vor ihren eigenen Schatten. Hinweise auf das vor 60 Jahren begangene Verbrechen an Gitta liegen so vor ihrer Nase. So ist es absolut unbegreiflich, dass die damaligen Ermittler diese nicht gefunden haben. Die Auflösung des ganzen Rätsel ist letztlich einzig ein haarsträubender Unsinn.
Der bekannte Name der Mutter der Autorin verleitet, auch von der Tochter gewohnt Solides zu erwarten. Hier wurde ich leider enttäuscht. Der jungen Autorin muss man zu Gute halten, dass sie einen flotten Schreibstil beherrscht. So ist man wenigstens schnell durch mit diesem Ärgernis.