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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: ulrikerabe
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Bewertungen

Insgesamt 110 Bewertungen
Bewertung vom 01.10.2019
Drei
Mishani, Dror A.

Drei


sehr gut

Drei: ein Titel mit Programm. Drei Frauen in drei Abschnitten tragen diese Geschichte.
Orna, die alleinerziehende Mutter, die sich so verzweifelt bemüht nach der Scheidung Eltern- und Paarebene zu trennen. Über eine Partnervermittlungswebsite für Geschiedene sucht sie nach einem Weg aus ihrer Einsamkeit.
Auch Emilia ist einsam. Die lettische Pflegekraft spricht nur unzureichend hebräisch. Sie sucht nach einem göttlichen Zeichen, um ihrer prekären Situation Sinn zu geben.
Dagegen ist Ella eine toughe Frau, Mutter von drei Kindern und Studentin.
Trotz ihrer unterschiedlichen Lebensmodelle begegnen alle drei Frauen demselben Mann. Schicksalshafte Begegnungen für die Beteiligten.
Der israelische Autor Dror Mishani hat ein sehr gutes Gespür für seine Figuren, für deren Gefühls- und Gedankenwelt. Für ein israelisches Buch ist es erstaunlich unpolitisch, dafür psychologisch ziemlich dicht. Mishanis Erzählweise erzeugt einen starken Sog.
Der Diogenes Verlag bat im Vorfeld des Erscheinens dieses Buches, bei der Rezension nicht allzu viel vom Inhalt zu verraten. So darf es Überraschungen geben, Wendepunkte und Aha-Erlebnisse.
Drei war für mich gelungene Unterhaltungslektüre, ein Genre Mix, ein Blendwerk voller Illusionen und Lügen. Das letzte bisschen „großartig“ fehlte mir zum Schluss.

Bewertung vom 25.09.2019
Der Sprung
Lappert, Simone

Der Sprung


gut

Eine junge Frau steht auf dem Dach eines Wohnhauses. Sie wirft mit Ziegelsteinen, macht auf sich aufmerksam, wirkt aggressiv und unkooperativ. Ihr Aufenthalt auf diesem Dach wird zum Spektakel in der kleinen süddeutschen Stadt Thalheim Die Einsatzkräfte sind mit dieser Situation überfordert. Eine Situation, die bei so einem manchen Bewohner dieser Stadt Ereignisse auslösen wird, mit denen niemand, nicht mal sie selbst, gerechnet hätten.
Thalheim ist ein Mikrokosmos. Jeder schien jeden zu kennen, nur wer die Frau am Dach ist, ist zunächst niemandem ganz klar. Es sind unendlich viele Perspektiven, die Simone Lappert in ihrem Roman „Der Sprung“ aufzeigt. Der Polizist im Einsatz, der Obdachlose, die Politikerin im Wahlkampf, das Ehepaar, das aneinander alt wurde, der enttäuschte Schlachter, die patente Wirtin, die moppelige Schneiderin, das gemobbte Mädchen um nur einige zu nennen.
Die Frau auf dem Dach rückt oft hinaus aus diesen Perspektiven, ist wie der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings, die Ursache, die unerwartete Wirkung zeigt. Kindheitserinnerungen, alte Wunden, neue Abschiede. Der Tag nach dem Spektakel lässt für mache der Beteiligten die Welt anders aussehen. Von manchen Personen hätte ich geren mehr erfahren, manche Geschichten füllten einfach nur die Seiten. Vielleicht hätte es mir besser gefallen, hätte jede Person, jedes Schicksal Raum in einer eigenen Erzählung bekommen.
Das Buch beginnt mit dem Moment des Fallens, den Gefühlen, wie es ist wenn sich der Boden nähert. Diese Einleitung fand ich nahezu ergreifend schön Ich hoffte so sehr auf ein Lesehighligt. Doch wie es so geht, ist gut gemeint oft das Gegenteil von gut gemacht. Und Simone Lappert hat es in meinen Augen zu gut gemeint mit all den Personen, all den Schicksalen und der Extraportion Märchen.

Bewertung vom 24.09.2019
Gespräche mit Freunden
Rooney, Sally

Gespräche mit Freunden


gut

Frances und Bobbi waren schon zu Schulzeiten Freundinnen, eigentlich sogar mehr als das. Für kurze Zeit hatten sie miteinander eine Liebesbeziehung. Nun sind beide erwachsen, studieren in Dublin und treten gemeinsam bei Poetry Slam Veranstaltungen auf. Als die beiden das um etwa zehn Jahre ältere Ehepaar Melissa und Nick kennen lernen, verschieben sich die Relationen.
Gespräche mit Freunden ist ein Buch für junge Menschen oder für solche, die sich noch erinnern können, wie es war, als sie noch jung waren. Das Debüt von Sally Rooney kreist inhaltlich um Liebe und Freundschaft, Vertrauen und Treue, Selbstfindung und Zweifel.
Frances stammt aus finanziell bescheidenen Verhältnissen. Die Autorin lässt Frances immer wieder betonen, sie sei Kommunistin. Das fand ich aus mehreren Gründen seltsam, denn Frances will den gut situierten Leuten wie Melissa nahezu gefallen, will sich ihnen angleichen. Sie hat keine Probleme mit den „reichen Leuten“ Zeit zu verbringen, mit ihnen in Frankreich zu urlauben. Auch dass sie sich nicht vorstellen kann für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Obwohl sie ein ihrer Qualifikation entsprechendes Angebot hat, nimmt sie dann doch in einer prekären Situation einen prekären Job an. Ich halte Frances für viel, naiv, unbedarft, unsicher, aber für keine Kommunistin. In vielen Dingen erinnerte mich Frances dann wiederum an mich selber. Vielleicht fiel es mir deswegen schwer, sie zu mögen. Oft wollte ich ihr sagen, du musst nicht andere nachahmen um liebenswert zu sein, verwechsele Verliebtheit nicht mit Liebe, Begehren nicht mit Verbundenheit.
„Gespräche“ finden statt, wirken aber oft aufgesetzt, künstlich, pseudointellektuell, viel gesprochen, wenig gesagt. Aber die digitale Generation neigt auch hier dazu, lieber in schriftlich verkürzter Form zu kommunizieren. „Mit Freunden“ schien mir manchmal zweifelhaft, oft hatte ich den Eindruck, dass sich keiner wirklich leiden kann, auch oder gerade nicht den- oder diejenige, die man sexuell begehrt.
Der Stil ist schlicht und unaufgeregt, selbst die Dialoge kommen ohne Anführungszeichen aus. Alles bleibt verbindlich unverbindlich. Die Handlung lebt von präziser Trivialität, gut ausgeleuchteten Alltäglichkeiten. Diese Analytik beherrscht die Autorin und ließ mich an dem Buch durchhalten.

Bewertung vom 06.09.2019
Dead Lions
Herron, Mick

Dead Lions


ausgezeichnet

Jackson Lamb und seine Slow Horses ermitteln wieder: Slough House ist nach wie vor das Abstellgleis des britischen Geheimdienstes. Datenabfragen, Identitätskontrollen und dergleichen sind die tägliche enervierende Beschäftigung der geschassten Agenten. Doch dann wird ein ehemaliger Agent aus dem „Schnüfflerzoo“ Berlins während des Kalten Krieges tot in einem Bus gefunden. Gleichzeitig werden zwei Slow Horses in den aktiven Dienst rekrutiert, um für einen russischen Oligarchen den Babysitter zu spielen.
Jackson beginnt Lamb zu ermitteln. Damit macht er sich keine Freunde, nicht bei den eigenen Leuten, nicht beim MI5, nicht bei den Russen. Lamb ist das alles egal. Seine Stärke ist sein ordinäres Auftreten, seine körperliche Behäbigkeit und dass ihn alle Welt deswegen unterschätzt.
Tote Löwen, Schwarze Schwäne, Weiße Wale, Lahme Gäule, und ein Lamm dirigiert den Agentenzoo.
Das Cover der deutschsprachigen Fassung wirkt nostalgisch, die Geschichte versetzt den Leser immer wieder in eine Zeit „als Roger Moore noch James Bond spielte“. Das Alte und Neue findet in diesem Agentenroman immer wieder zusammen. Während der Computernerd im Team mit ein paar Klicks im Netz zu Ergebnissen kommt, hat Lamb immer noch ein Netzwerk menschlicher Natur.
Mick Herron hat mit der Fortsetzung seiner Agentenreihe um die Slow Horses beste Leseunterhaltung abgeliefert. Ernstgemeinter Klamauk, Wortspiele (die im englischen Original wahrscheinlich noch viel besser sind), sprühende Dialoge und dabei immer ein spannender, absolut wendungsreicher Agentenroman. Wie es der Autor versteht, innerhalb eines Absatzes die Situation zu drehen, ist nahezu grenzgenial. Das agentische Katz- und Mausspiel endet überraschend und logisch gleichermaßen.
Very British, very amused!

Bewertung vom 26.08.2019
Die Leben der Elena Silber
Osang, Alexander

Die Leben der Elena Silber


ausgezeichnet

Gorbatow, Russland, 1905. Die kleine Jelena muss mit Mutter und Bruder aus der Stadt fliehen, weil der Vater von Anhängern des Zaren erschlagen wurde.
Berlin 2017, der 43-jährige Konstantin Stein, Enkelsohn Jelenas, begibt sich auf die Spuren seiner Familiengeschichte.
Alexander Osang schreibt in Die Leben der Elena Silber nicht nur Familiengeschichte sondern zeichnet auch ein Abbild des 20. Jahrhunderts in Teilen Europas. Jelena ist zwei Jahre alt, als die Erzählung beginnt. Osang erzählt vom zaristischen Russland, vom Entstehen der Sowjetunion, von Flucht und Kriegen, dem Deutschland während der Nazidiktatur, vom Berlin zu DDR-Zeiten und danach. Die Zeit und die Politik prägen Jelena und ihre Familie, ihre Töchter und Enkel.
Jelenas Geschichte ist wandelbar, je nachdem, wer die Geschichte erzählt oder wem die Geschichte erzählt wird. Es sind Mythen und Legenden, die über die Jahrzehnte kolportiert werden. Vom Vater Jelenas, dem Helden der Revolution, der getötet wird. Aber auch von Robert F. Silber, dem deutschen Ehemann Jelenas. Wer war dieser Robert F. Silber, der in den Wirren nach dem Krieg spurlos verschwand. Einer, der mithalf beim Aufbau der Sowjetunion oder doch ein Mitglied der NSDAP, ein Held, ein Verräter, ein Feigling, der sich aus dem Staub machte oder Opfer einer Flucht.
Konstantin Stein, Mittvierziger, Filmemacher, findet sein Thema nicht. Dabei liegt es vor ihm, seine eigene, dysfunktionale Familie. Die Mutter Maria, die mittlere der fünf Silber Töchter, die über alles die Kontrolle bewahren will, hat ihre eigene Sicht der Dinge. Der Vater Claus leidet an Demenz. Konstantins Tanten, jede für sich ein schwieriger Charakter. Nach und nach versucht Konstantin ein Bild seiner Familie zusammenzusetzen. will die weißen Flecken auf der Landkatze seiner Familie füllen. Im Drehpunkt aller Geschichten ist immer seine Großmutter, Baba wie er sie nannte, Jelena, später Elena Silber. Die russische Deutsche, die deutsche Russin. Von den Deutschen in Schlesien nicht gewollt. Von den Russen, die später das Land besetzten auch nicht. Später in Berlin verliert sie nicht nur einen Buchstaben ihres Vornamens, sondern Heimat, Herkunft, Identität. Die deutsche Sprache beherrscht sie nur mäßig, das Russische hat sie beinahe verlernt.
Es fällt nicht immer leicht Jelena zu mögen, sie lässt ihre Töchter bei fremden Leuten in der Obhut, baut opportunistisch auf Beziehungen. Liebe, Zärtlichkeit, Verbundenheit und Zuneigung, verlernt man diese Gefühle im Krieg, auf der Flucht? In dieser Familie jedenfalls.
Die Leben der Elena Silber ist auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019. Ob das Buch diesen literarischen Anspruch hat, mag ich nicht beurteilen. Der Handlungsverlauf ist nicht linear. Osang springt zwischen den Zeiten und Perspektiven. Es sind vor allem drei Zeitebenen, die Vergangenheit vor und während des Krieges, das Berlin der 80er Jahre und heute. Im Aufbau sehr opulent, in der Sprache oft sehr pointiert. Die eigene Familiengeschichte war dem Autor Inspiration zu diesem epochalen Roman.

Bewertung vom 26.08.2019
Geblendet / Jenny Aaron Bd.3
Pflüger, Andreas

Geblendet / Jenny Aaron Bd.3


gut

Jenny Aaron ist zurück. Und sie steht vor der vielleicht wichtigsten Entscheidung ihres Lebens. Denn eine Therapie könnte ihre Sehfähigkeit wieder herstellen. Doch die „Abteilung“ braucht sie dringender denn je.
Mit „Geblendet“ schließt Andreas Pflüger seine Trilogie um die blinde Polizistin Jenny Aaron ab. Es empfiehlt sich jedenfalls die beiden vorangehenden Bücher Endgültig und Niemals zu kennen. Für mich ist dieser letzte Band der bedächtigste der Reihe. Das hört sich vielleicht seltsam an, denn gefühlt sterben hier die meisten Personen. Doch der Zwiespalt, in dem Jenny Aron steckt wird mit so einer Feinheit und fast zärtlich herausgearbeitet. Lange ist der Leser nur mit Jenny und ihren Überlegungen zusammen. Sie hadert, ist verletzlich mit sich selbst nicht im Reinen. Aber man rückt auch den anderen Mitglieder der Abteilung, dieser speziellen Einheit, näher, sieht die Menschen unter der gepanzerten Kampfausrüstung. Es ist diesmal nicht nur „Jungsquatsch“, wie es oft so treffend für die ersten beiden Teile heißt. Die starke Frau, Jenny, bekommt in Geblendet mit Malin eine ebenbürtige Gegnerin. Der Autor spielt mit Bildern und Spiegeln, Spiegelbildern.
Sprachlich ist dieser Thriller wieder ein Hochgenuss. Philosophisch, tiefgründig und dann wieder kurz und bündig. Es gibt vieles, was ich an Andraes Pflügers Art zu schreiben mag. Diese kleinen Aufzählungen, die fast schon ein Markenzeichen sind, gibt es hier natürlich auch wieder. Mit dieser Reihe hebt sich Pflüger so wohltuend vom Einheitsbrei am Thrillermarkt ab, dafür gibt es ein ganz großes Lob und Dankeschön von mir.

Bewertung vom 26.08.2019
Der Gesang der Flusskrebse
Owens, Delia

Der Gesang der Flusskrebse


ausgezeichnet

Es ist 1969, als Case Andrews tot im Marschland aufgefunden wird. Unfall, Selbstmord, Fremdverschulden? Der Tod des jungen Mannes gibt Rätsel auf. Wie kam der Ehemann, Frauenheld, Footballstar, Erbe des örtlichen Autohauses ums Leben.
So beginnt das Buch „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens und doch ist das Buch kein Kriminalroman. Denn nach dem Prolog befinden wir uns Jahre zuvor im Marschland rund um den kleine fiktiven Küstenort Barkley Cove. Die kleine Kya Clark ist sechs Jahre alt, als ihre Mutter die Familie verlässt. Nach und nach gehen auch die größeren Geschwister, lassen die jüngste bei einem Vater zurück, der trinkt und gewalttätig ist. Als der Kriegsveteran eines Tages auch nicht mehr heimkehrt, ist Kay nur mehr sich selbst überlassen. Das Mädchen wird zur Überlebenskämpferin. Aufgewachsen in der Abgeschiedenheit der Salzwiesen und Marschen, ohne Schulbildung und Auskommen, kennt Kya das Land um die ärmliche Hütte, in der sie wohnt. Sie ist lebt von dem, was ihr die Natur abgibt, Fische, Muscheln. Der schwarze Jumpin und dessen Frau Mabel greifen Kya immer wieder unter die Arme. Aber von den Menschen in Ort, den Kya meidet, wird sie nur geringschätzig das „Marschmädchen“ genannt. Bis zwei junge Männer, Tate Walker, und später Chase Andrews in Kyas Leben treten.
Der Gesang der Flusskrebse ist sprachlich hinreißend. Die Protagonistin Kya, ihre Liebe zur Natur, ihr starker Wille öffneten mir beim Lesen das Herz. Es war so einfach mit Kya mitzufühlen. Delia Owens erzählt aber nicht nur von einer Art Robinsonade. Sie erzählt auch vom Hochmut und er Arroganz, der Menschen, die sich als etwas Größeres erachten, nur weil Jahrzehnte lang andere vor ihnen knieten. Die Protagonistin wandelt sich im Verlauf dieses Romans von der kleinen verlassen Kya zu einer unabhängigen Frau, die den Titel „Marschmädchen“ mit Stolz zu tragen weiß. Mit der Veränderung Kyas ändert sich auch die Handlung, von einer „Ode an die Natur“ zu einem mitreißenden Gerichtsdrama.
Kyas Geschichte berührt ohne kitschig zu sein. Kya ist ein Charakter, der man alles im Leben wünscht und alles verzeiht. Es ist eine großartige Geschichte über das Erwachsenwerden, eine Liebesgeschichte, oft traurig, aber nicht trostlos. Dieses Buch ist für mich ein Herzensbuch und eine wahrhaftige Leseempfehlung.

Bewertung vom 07.08.2019
Dunkelsommer
Jackson, Stina

Dunkelsommer


ausgezeichnet

Vor drei Jahren verschwand die damals 17-jährige Lena an einer Bushaltestelle spurlos. Seither ist ihr Vater Lelle auf der Suche nach dem Mädchen. Seine Ehe mit Anette ging in die Brüche. Er selbst verfällt immer mehr dem Alkohol. Dann zieht Meja mit ihrer Mutter in das Dorf im schwedischen Norden. Lelles und Mejas Lebenswege kreuzen sich.
Stina Jackson hat für ihren Roman „Dunkelsommer“ die Auszeichnung als bester schwedischer Spannungsroman erhalten. Und das zu recht! Dunkelsommer ist eine grandios erzählte Geschichte über Verlust und Obsession, über die dunklen Seiten im Menschen.
In den hellen schwedischen Mittsommernächten liegt viel im Verborgenen. Seit Lenas Verschwinden traut Lelle niemandem. Die Suche nach seiner Tochter hält ihn aufrecht. Zwar gibt er beinahe sich selber auf, aber niemals die Liebe zu seiner Tochter. Genauso verzweifelt wie Lelle sich nach einer intakten Familie sehnt, strebt die junge Meja nach Beständigkeit und einem Ausbruch aus der CO-Abhängigkeit zu ihrer psychisch labilen und alkoholkranken Mutter. Je mehr in diese Geschichte eintaucht umso mehr ahnt man, in welche Richtung sich die Ereignisse entwickeln. Man hofft so sehr für Lena und für Meja, dass man falsch liegt.
Stina Jackson konstruiert den Handlungsverlauf sehr geschickt. Nach knappen zwei Dritteln erfährt die Handlung eine Zäsur, ab da verläuft de4r Handlungsbogen geradewegs nach oben.
Mir gefiel, dass dieses Buch nicht als Thriller sondern als (Spannungs)roman geführt wird. Die stark melancholische Stimmung, die Innenschau der Protagonisten, ihre Trauer, Hoffnung und Ziele, die Abgründe und vermeintlichen Idyllen machen einen Großteil dieses Buches aus.
Eine vielversprechende Autorin, eine gelungenes Debüt. Bemerkenswert!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 05.08.2019
R.I.P. / Kommissar Huldar Bd.3
Sigurdardóttir, Yrsa

R.I.P. / Kommissar Huldar Bd.3


sehr gut

Die 16-jährige Stella wird in dem Kino, in dem sie jobbt, brutal überfallen, geschlagen und entführt. All das passiert vor den Augen der Öffentlichkeit, denn der Täter schickt per Snap Chat Beiträgen Stellas Kontakte. Vor laufender Kamera muss sich Stella entschuldigen. Wofür, wir wissen es noch nicht. Bei der Befragung von Stellas Freundinnen stellt sich heraus, dass Stelle – „leader of the pack“ – nicht nur das allseits nette beliebte Mädchen war, sondern ganz massiv Mobbing gegen eine Mitschülerin betrieben hat. Nach dem Verschwinden eines weiteren Jugendlichen werden die Zusammenhänge für die ermittelnden Polzisten klarer.
R.I.P. ist nun schon der dritte Band um den isländischen Kommissar Huldar und die Kinderpsychologin Freyja Und wieder wartet die Autorin Yrsa Sigurdardottir mit einem brutalen und atmosphärischen Island-Thriller auf. Mit Mobbing in all seinen Facetten widmet sie sich einem aktuellen Thema und bleibt ihrer Linie treu, Vergeltung üben zu lassen. Auch die privaten und beruflichen Querelen zwischen Huldar und Freyja oder seiner Vorgesetzten Erla nehmen wie gewohnt viel Raum ein, auch wenn sie mit den eigentlichen Ermittlungen wenig zu tun haben. Alles in allem ist R.I.P. professionelle Thrillerunterhaltung. Aufgrund einiger Einschübe weiß der Leser mehr als die Ermittler und es dauert eine Weile, bis alle Stränge zusammengeführt wurden. Die Auflösung fand ich nachvollziehbar. Der offengehaltene Schluss sorgte bis zum Schluss für Spannung.

Bewertung vom 24.07.2019
Harz
Riel, Ane

Harz


ausgezeichnet

Eine kleine dänische Insel, eigentlich ein wunderbarer Ort zum Leben. Der „Kopf“ der Insel ist durch eine schmale Nehrung, dem „Hals“ mit dem Rest der Insel verbunden. Dort am Kopf, in dieser Abgeschiedenheit wächst Jens Haarder mit seinem älteren Bruder Mogens und den Eltern Silas und Else auf. Den frühen Tod des Vaters verwindet der sensible und eigenbrötlerische Junge kaum. Später gründet Jens mit Maria, der Pflegerin seiner Mutter seine eigene kleine Familie. Doch es ist wieder ein schwerer Verlust, der Jens vollkommen aus der Bahn wirft.
Nicht jeder Thriller braucht reißerische Effekte. In Ane Riels Thriller „Harz“ reicht der kleine private Wahnsinn eines Mannes, der in seiner selbst gewählten Isolation immer mehr in seiner eigenen verkehrten Welt lebt und alle mitnimmt, die er liebt.
„Nein, er konnte nichts entbehren. Was ihn verließ, kam nicht zurück. Und darum verließ ihn nichts.“

Es ist eine obsessive, fehlgeleitete Liebe, die Jens Haarder die Grenzen zwischen Freund und Feind, zwischen Normalität und Wahn nicht mehr erkennen lässt. Hier wird eine Besessenheit beschrieben, die durchaus im Bereich des Möglichen liegt, was viel stärker auf mich wirkt als haarsträubende Killerstorys.
Die Autorin erzählt die Geschichte teilweise aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Kindheit und Jungend von Jens wird von einem durchaus neutralen und beobachtenden Erzähler geschildert. Aber auch die sechsjährige Tochter Liv berichtet aus ihrer kindlich naiven Sicht, eine Perspektive die das ständig ansteigende Grauen noch mehr vorantreibt. Was uns Liv nicht erzählen kann, wird oft durch Briefe der Mutter an das Kind ergänzt.
„Harz“ ist ein Thriller, der eine ganze Palette an Gefühlen erzeugt, man wünscht und hofft ganz stark, dass Liv, dieses kleine Leben, gerettet werden kann. Es ist unglaublich in seiner Eindringlichkeit. Die Grausamkeiten Mensch und Tier gegenüber sind verstörend und trotzdem führt einen die Autorin auf seltsam behutsame Weise durch diese beklemmende Tragödie.