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Benutzername: sleepwalker
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Bewertungen

Insgesamt 284 Bewertungen
Bewertung vom 23.07.2021
Meine Amy
James, Tyler

Meine Amy


ausgezeichnet

Zehn Jahre sind seit dem Tod von Amy Winehouse vergangen, jetzt hat sich ihr bester Freund Tyler James mit einem Buch von ihr verabschiedet. „Ein Abschied in Worten” – so lautete der Untertitel des Buchs „Meine Amy” und der Titel ist Programm. Es ist ein bewegendes und berührendes Denkmal, das er der Ausnahmekünstlerin setzt. Obwohl ich absolut kein Fan von Amy Winehouse war und bin, hat das Buch mich tief beeindruckt.
Die Geschichte von Amy Winehouse kennt vermutlich jeder, der ihre Musik schon einmal gehört hat: talentiertes Mädchen, später hochtalentierte junge Frau, überragender und überraschender Erfolg mit dem ersten Album „Frank“, On-Off-Beziehung zu Blake Fielder-Civil, Heirat, Scheidung, Drogen, Alkohol, Bulimie und immer wieder Skandale. Eine abgesagte, eine misslungene Tournee. Und ihr Tod mit nur 27 Jahren. Wer aber der Mensch war, der hinter den Skandalen steckte, beschreibt Tyler James in seinem Buch, das zum zehnten Todestag der Musikerin erscheint.
Er vermischt seine eigene mit der Biografie von Amy Winehouse, denn sie sind einen großen Teil ihres Lebens gemeinsam gegangen. „Sie war zwölf, fast dreizehn, sah aber aus wie neun, knapp eins fünfzig groß mit langem dunklem Haar, ein kleines jüdisches Mädchen aus North-London.“ – so fing ihre Freundschaft an, die bis zu ihrem Tod andauern sollte, wobei der nur ein Jahr ältere James nach und nach eine Beschützer-, ja eine Vaterrolle für Amy übernehmen sollte. „Es war Liebe auf den ersten Ton. Und dann Liebe auf den ersten Blick.“ Und sie waren trotz aller später aufkommenden Probleme Seelenverwandte, ihre Beziehung war allerdings immer nur geschwisterlicher Art.
„Unsere Freundschaft begann in genau diesem Moment, war nicht nur von unserer gemeinsamen Liebe zur Musik getrieben, sondern auch von einer tieferen Gemeinsamkeit: Wir waren zwei abgef**te Teenager und erkannten uns im jeweils anderen wieder. Wir waren depressiv, ängstlich, verunsichert.“ Er kümmerte sich über mehrere Jahre um Amy, „Wenn du dich um jemanden kümmerst, dem es so schlecht geht, dann wirst du selbst krank und verlierst dich selbst. Aber du gibst nicht auf. Es war mir egal, was es mit mir machte. Man darf nicht aufgeben. Und ich habe nie aufgegeben.“ Gemeinsam rutschten sie in die Sucht – nur einer von ihnen kam lebend wieder heraus.
Es ist ein Buch über Amy Winehouse, aber auch über Sucht, Selbstverletzung, Überforderung mit dem plötzlichen Ruhm und dem damit verbundenen Reichtum und natürlich über ihr tragisches Ende. Der Verfasser wertet nicht, er klagt weder Amys Vater Mitch noch das Management an, die ihrem Verfall viel zu lange zugesehen haben. Und er klagt mit keiner Zeile Amy selbst an. Weder für ihr Abrutschen in die Sucht, ihre Selbstzerstörung oder dass sie ihn in alles mit hineingezogen hat. In seinen Augen konnte sie nicht anders und er liebte sie wie eine Schwester, bedingungslos und grenzenlos. Aber eine unterschwellige Kritik an der Gesellschaft kann der Verfasser nicht verbergen: erst Gesellschaft und Medien haben das schüchterne Mädchen, das eigentlich immer nur Songs schreiben, und gar nicht berühmt werden wollte, zu dem gemacht, was sie zum Schluss war: jemand, der Grenzen suchte, aber nicht fand („Amy sagte oft: »Das Gesetz gilt nicht für mich.« Und das meinte sie nicht als Scherz. Es war nicht so, dass sie sich für was Besseres hielt, im Gegenteil. Aber es war einfach wahr. Amy kam mit allem davon.“)
Ich lese sehr viel, auch viele Bücher zu schwierigen Themen. Aber dieses war für mich eines der berührendsten, ein Buch, das mich zutiefst traurig und fassungslos zurückließ. Dabei fand ich es sprachlich nicht einmal besonders gut, denn es ist nicht wirklich ausgefeilt. Aber der Tiefgang, der Schmerz und die bedingungslose Freundschaft zwischen den beiden, all das machte mir schwer zu schaffen. Tyler James hat für mich ein herausragendes Buch geschrieben. Ein Einblick in das Leben des Menschen abseits der Kunstfigur Amy Winehouse und schlicht ein Denkmal für seine beste F

Bewertung vom 23.07.2021
Zwischen Du und Ich
Funk, Mirna

Zwischen Du und Ich


weniger gut

Die Mittdreißigerin Nike hat die Chance, für ihren Arbeitgeber DAAD (Deutscher Akadamischer Auslandsdienst) für ein Jahr nach Tel Aviv zu gehen, um von dort aus eine Konferenz vorzubereiten. Damit beginnt Mirna Funks Roman „Zwischen du und ich“. Da sie durch ihre Mutter Jüdin ist, nutzt Nike Chance, sich in Israel einbürgern zu lassen (Alija zu machen), obwohl sie den Glauben nie praktiziert hat. Außerdem möchte sie die Zeit nutzen, um mehr über ihre Familie herauszubekommen, denn ihre Familienverhältnisse in Deutschland sind zu kompliziert, als dass sie dort etwas erfahren könnte. In Tel Aviv trifft sie auf Noam, einen bekannten ehemaligen Zeitungskolumnisten, der ebenfalls aus komplizierten familiären Verhältnissen stammt.
So weit, so interessant. Und vor allem die Passagen, die die Autorin aus Nikes Sicht beschreibt, fand ich im Großen und Ganzen auch wirklich gut. Die Schilderungen ihrer Vergangenheit in einer toxischen und gewaltvollen Beziehung mit einem älteren Mann, ihre komplizierte Familie, in der viel über die anderen geredet wird, aber kaum jemand mit dem anderen zu reden scheint und die mutige Entscheidung zum Umzug nach Tel Aviv – das alles las sich spannend und interessant. Noam hingegen fand ich nicht sehr sympathisch. Zwar hat er es auch nicht leicht im Leben und auch seine Familienverhältnisse sind schwierig, aber er ist für mich ein Macho, dazu ist er egozentrisch, sexistisch, unbeherrscht und rücksichtslos. Frauen scheinen für ihn nur Objekte zu sein, dafür nimmt er sich selbst aber das Recht heraus, eifersüchtig zu sein und auch seinen Vaterpflichten gegenüber seinem Sohn Amit kommt er nicht wirklich nach.
Nachdem Nike ihn getroffen hat (besser gesagt: nachdem er sie erst bei Instragram gestalkt und dann um ein Treffen gebeten hat), interessiert sie sich kaum noch für etwas anderes. Obwohl sie schon eine toxische Beziehung hinter sich hat, lässt sie sich Hals über Kopf auf ihn ein und ihre Arbeit und die Suche nach ihren Wurzeln geraten völlig in den Hintergrund („Ich war die gesamte Woche nicht zum DAAD gegangen, sondern hatte die Tage nur mit Noam verbracht.“). Und so wandelt sich auch die Handlung des Buchs zu einer eher platten Liebesgeschichte zweier traumatisierter Menschen. Die erwarteten Themen Religion, Kultur, jüdisches Leben in Deutschland und Israel, die Unterschiede zwischen „Ost-Juden“ und „West-Juden“ zu DDR-Zeiten finden fast ausschließlich im ersten Teil des Buchs statt und dann wird zugunsten einer hanebüchenen unguten Liebesbeziehung alles über den Haufen geworfen. Und auch das Thema der häuslichen Gewalt und der „vererbten Traumata“ (also Epigenetik) wird zwar erwähnt, aber nicht wirklich ausgeführt. Einzig der Zusammenhang zwischen deutscher Kolonialherrschaft und dem Bürgerkrieg in Ruanda wird ziemlich gut herausgearbeitet.
Schon beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, ich hätte irgendwas verpasst. Ständig wartete ich auf Erleuchtung oder echte Handlung zwischen Sex oder Gewaltbeschreibungen für die ich mir durchaus eine Triggerwarnung gewünscht hätte. Also habe ich zurückgeblättert, noch einmal gelesen – und war doch nicht schlauer. Ich fand das Buch an sich nicht wirklich schlecht, aber ganz sicher auch nicht gut. Sprachlich ist es gut und flüssig zu lesen, die Autorin sagt durch Andeutungen und Rückblicke sehr viel, ohne es wirklich zu sagen. Insgesamt fand ich es stellenweise aber zu derb und zu vulgär.
Für mich war das Buch gewollt und nicht gekonnt, vor allem Ende ließ mich auch nach mehrmaligem Lesen völlig ratlos zurück. Wichtige Themen werden nur angerissen, aber zu wenig verfolgt, die Charaktere waren eher unsympathisch und in ihren Motiven undurchsichtig. Alles in allem fehlte mir im Buch die Tiefe und es kam mir eher wie mit dem Vorschlaghammer erzählt vor, denn einfühlsam. Schade, das Thema hätte eine Menge Potential geboten, aber über jüdisches Leben gibt es sicher weitaus bessere Bücher. Von mir daher für die gute Idee eher ratlose und enttäuschte 2 Sterne.

Bewertung vom 19.07.2021
Der silberne Elefant
Wayne, Jemma

Der silberne Elefant


sehr gut

Drei völlig unterschiedliche Frauen. Drei Schicksale, die alle irgendwie miteinander verflochten sind – und doch kämpft jede für sich allein. Aus dieser Konstellation hat Jemma Wayne ihren Roman „Der silberne Elefant“ gestrickt. Ein gelungenes Werk, das aber auch Kritikpunkte aufwirft.
Emilienne hat als 12Jährige als Mitglied des Stammes der Tutsi den Genozid in Ruanda überlebt. Sie versucht, sich nach ihrer Flucht in London mehr schlecht als recht durchzuschlagen, immer wieder heimgesucht von Flashbacks und Alpräumen. Sie musste im Bürgerkrieg erfahren, wie schnell aus Freunden Feinde werden können und sie plötzlich kein Mensch mehr, sondern nur noch „Langnase, Bohnenstange, Parasit, Kakerlake“ war. Eigentlich arbeitet sie als Reinigungskraft und landet bei der unheilbar an Krebs erkrankten Lynn.
Lynn ist Mitte 50 und hat nicht mehr lang zu leben, durch die Erkrankung hat sie oft starke Schmerzen und hadert mit ihrer Gebrechlichkeit, trauert aber auch den im Leben verpassten Chancen nach. Sie hatte aus eigenem Willen heraus ihre eigene Karriere zugunsten der ihres Mannes aufgegeben, noch bevor sie begonnen hatte. „Erst viele Jahre später ging ihr auf, was für einen schwerwiegenden, folgenreichen Fehler sie damit begangen hatte.“ Ihre Wut darüber lässt sie vor allem an der dritten Protagonistin Vera aus.
Diese ist die Verlobte von Lynns Sohn Luke. Sie hat eine Vergangenheit mit Drogen und Sex und eine (vermeintliche) schwere Schuld auf sich geladen. Luke möchte sie von ihrer Schuld befreien. Er zwingt ihr seinen Glauben auf und will aus dem Partygirl eine brave und gottesfürchtige Ehefrau machen. Allerdings beginnt er im Lauf der Geschichte selbst, mit dem Glauben zu hadern, „denn er konnte das Tempo, in dem sich der Zustand seiner Mutter verschlechterte, nicht beeinflussen, selbst wenn er noch so eifrig die Bibel studierte, noch so viel Geld an wohltätige Einrichtungen spendete, noch sooft betete und auf Alkohol und Sex verzichtete“.

Die drei Schicksale, die die Autorin der Leserschaft serviert, sind sehr unterschiedlich und doch in vielem ähnlich. Aber zwei davon sind im weitesten Sinne hausgemacht, denn Lynn hat sich aus freien Stücken für ihr Leben entschieden und auch nach dem Tod ihres Mannes keine Versuche unternommen, etwas zu ändern. Vera hat ebenfalls ihre (im Nachhinein für sie falsche) Entscheidung selbst getroffen. Einzig Emily hatte keine Möglichkeit, in ihr Schicksal einzugreifen. Ihre Wahl (z. B. ob sie eine Therapie beginnt) steht noch an.
Sprachlich fand ich das Buch gut zu lesen, denn es ist flüssig und wortgewaltig geschrieben. Manchmal fand ich die Beschreibungen sogar zu heftig, vor allem bei Emily Erlebnissen hätte ich mir eine Triggerwarnung gewünscht. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, allerdings schwankte ich immer wieder zwischen Sympathie und Unverständnis. Vor allem Vera wollte ich immer mal wieder packen und schütteln und sie fragen, was sie an dem verklemmten Luke eigentlich findet. Und Lynn sollte zügig ihre Gemälde einem Publikum zugänglich machen, damit sie wenigstens noch einen Erfolg im Leben hat.
Können weiße Autor:innen über BIPOC-Themen und Traumata schreiben, die sie nicht wirklich nachvollziehen können?
Jein. Denn es sind Geschichten, die erzählt werden müssen. Aber sie müssen gut erzählt werden und das gelingt der Autorin in diesem Fall so semi-gut. Das Buch ist sicher mit den besten Absichten geschrieben, aber bei der Verflechtung der drei Frauenschicksale wäre weniger vermutlich mehr gewesen. Auch die vielen Themen, die die Autorin aufgreift (Vergebung, Trauma, Schuld, Glaube, Sexualität, Tod und der Bürgerkrieg in Ruanda) wären, ebenso wie die komplexen Charaktere, eigentlich Stoff für mehr als einen Roman.
Das Ende fand ich wegen vieler offener Fragen eher unbefriedigend. Auch mit dem Titel wurde ich nicht warm, denn die Figur spielt im Buch so gut wie keine Rolle. Dennoch: ich fand das Buch gut und in jeder Hinsicht eindrucksvoll. Trotz der Kritikpunkte vergebe

Bewertung vom 14.07.2021
Enna Andersen und der trauernde Enkel
Johannsen, Anna

Enna Andersen und der trauernde Enkel


ausgezeichnet

Hauptkommissarin Enna Andersen habe ich bereits in „Enna Andersen und die Tote im Mai“ kennenlernen dürfen. Jetzt hat Anna Johannsen nachgelegt. „Enna Andersen und der trauernde Enkel“ heißt der dritte Teil der Serie und auch der hat mich schwer begeistert.
Die Abteilung für Cold Cases erwartet dieses Mal ein drei Jahre alter Fall, der ihnen durch Ben, einen Freund der Kollegin Pia Sims, angetragen wird. Bens Großvater, ein wohlhabender Bauunternehmer, war angeblich eines natürlichen Todes gestorben, aber der junge Mann hat Zweifel an dieser Todesursache. Denn sein Großvater war immer gesund gewesen – und er hatte vermutlich Feinde. Nach einigem Hin und Her beschließt das Team um Enna Andersen zu ermitteln und stößt schnell auf Ungereimtheiten und nach und nach kommen auch den Ermittlern Zweifel am „Herzversagen“, an dem der alte Herr gestorben sein soll. Und mit der Zeit gibt es auch eine Reihe von Menschen, die von seinem Tod profitiert haben könnten, allen voran seine eigenen Kinder.
Und schon sieht sich die Leserschaft mitten in einem rasant geschriebenen Krimi rund um das sympathische Ermittler-Team. Die Geschichte ist gekonnt konzipiert, plausibel konstruiert und hervorragend erzählt – und das alles praktisch ohne einen Tropfen vergossenes Blut oder effektvolle Gewaltszenen. Dass da keine Langeweile aufkommt, ist dem erzählerischen Talent der Autorin geschuldet, der es gelingt, eine durchweg packende Atmosphäre zu schaffen. Sie verflicht die Ermittlungen und das Privatleben der Ermittler geschickt miteinander, legt falsche Fährten in alle möglichen Richtungen und liefert damit einen flüssig und in lockerem Stil geschriebenen Krimi, den man gar nicht mehr aus der Hand legen möchte.
Ich konnte mich von dem Buch jedenfalls nur schwer losreißen, ich hatte auch lange keine Ahnung, wo die Geschichte hinführen würde. Die Balance zwischen Ermittlungen und Nebenhandlungen finde ich ausgewogen. Die fast schon schüchternen Liebesgeschichten sind leises Beiwerk und ein gelungener Kontrast zu den hässlichen Ereignissen rund um den Fall. Gefreut habe ich mich über das Wiedersehen Ennas Sohn Elias (sie ist nach dem Unfalltod ihres Mannes Simon alleinerziehend) und mit dem Anwalt Aaron Bernard, den ich schon aus dem Vorgänger-Band kannte. Er arbeitet immer noch an dem Wiederaufnahmeverfahren des Mannes, der vor über 20 Jahren wegen des Mordes an Ennas Eltern verurteilt wurde.
Das Ende des Buchs hat mich allerdings ziemlich überrascht, nicht zuletzt, weil es für mich ein bisschen überstürzt kam. Natürlich ist es schlüssig, aber irgendwie fehlte mir da etwas und ich musste die letzten paar Seiten noch einmal zurückblättern und nachlesen, ob ich irgendetwas verpasst habe. Vor allem der Epilog ist fast schon stichwortartig knapp, als hätte die Autorin noch schnell alle möglichen offenen Fragen abhaken wollen.
Aber alles in allem fand ich das Buch wirklich gut. Die Haupt-Charaktere sind wie gewohnt gut beschrieben und aus den vorherigen Teilen stimmig weiterentwickelt. Natürlich kann man das Buch auch problemlos ohne Vorkenntnisse lesen und verstehen, da die Teile in sich abgeschlossen sind. Allerdings empfehle ich natürlich jedem, auch die Vorgängerbände zu lesen, da diese ebenfalls tolle und spannende Krimis sind. Die Atmosphäre in Enna Andersens Team finde ich immer sehr harmonisch und wenn es doch einmal Unstimmigkeiten gibt, dann werden sie sachlich und konstruktiv besprochen. Auch der neue Kollege im Team, den die Autorin in diesem Band einführt, passt gut dazu, obwohl ich ihn manchmal etwas übertrieben zuvorkommend fand.
Auf jeden Fall freue ich mich jetzt schon auf den nächsten Teil und vergebe für diesen fünf Sterne.

Bewertung vom 14.07.2021
In all seinen Farben
Lester, George

In all seinen Farben


sehr gut

Robin Cooper, der offen homosexuelle fast 18jährige Protagonist in George Lesters Jugendroman „In all seinen Farben“, steht kurz vor dem Schulabschluss. Sein größter Traum ist es, an der LAPA, der renommierten britischen Schauspielschule London Academy of Performing Arts (sie existiert übrigens nicht mehr) zu studieren. Als dieser Traum in Form einer Absage platzt, muss sich der junge Mann neu orientieren und findet in der Londoner Drag-Szene eine neue Möglichkeit. Und damit ist die bunte Geschichte über Homosexualität, Erwachsenwerden, Selbstfindung und Träume auch leider im Klappentext schon fast komplett fertig erzählt. Noch dazu zeigt der englische Titel „Boy Queen“ sehr deutlich, wo die Reise für Robin hingehen wird. Noch ein Hauch Liebesgeschichte und eine Gewalterfahrung (die aber länger zurückliegt und von der nur rückblickend erzählt wird) – fertig ist der bunte LGBTQ+-Roman und ein lesenswertes und unterhaltsames Buch mit ein paar (aus meiner Erwachsenen-Sicht) Schwachpunkten.
Das Buch wird aus Robins Sicht in der „Ich“-Perspektive erzählt und die Leserschaft erlebt alles auch nur aus seiner zum Teil sehr subjektiv-eingeschränkten Sicht auf die Dinge. So kommt er einerseits als sehr zielstrebiger und fordernder junger Mann rüber, andererseits wirkt er aber auch oft verletzlich und unsicher. Die Absage der Schauspielschule wirft ihn zuerst völlig aus der Bahn, außerdem hat er Liebeskummer, da sein Freund Connor ungeoutet ist und in der Öffentlichkeit nicht zu ihm steht. Allerdings hat er auch sehr großes Glück im Leben und scheint sich dessen nicht immer wirklich bewusst zu sein. Das ist mein großer Kritikpunkt an der Geschichte, wobei es natürlich perfekt zum „Coming-of-Age“-Genre passt: Robin legt viel pubertäres Verhalten an den Tag, in seinem Egoismus und seiner Egozentrik stößt er seine Freunde vor den Kopf, denn als er Drag für sich entdeckt, interessiert er sich für nichts anderes mehr.
Das belastet auch das sonst sehr gute Verhältnis zu seiner Mutter enorm. Seine Mutter steht voll hinter ihm, unterstützt ihn in allem und arbeitet hart, um den Lebensunterhalt finanzieren zu können („»Was glaubst du wohl, warum ich nicht hier bin, Robin?«, schreit sie. »Ich bin nicht hier, weil ich mir den Ar* aufreiße, um dir ein gutes Leben zu ermöglichen. Ich mache das komplett allein. Ich bezahle deinen Tanzunterricht, ich bezahle deine Gesangsstunden, ich sorge dafür, dass dir alle Möglichkeiten offenstehen, und du merkst das nicht mal!«“) Oft scheint er es nicht wirklich zu schätzen, schwänzt Tanzunterricht und Schule und setzt alles bislang Erreichte aufs Spiel. Trotz aller Zielstrebigkeit ist er halt ein echter Teenager und manchmal wollte ich ihn einfach nur schütteln und anbrüllen, er möge ein bisschen mehr Respekt und Dankbarkeit zeigen. Aber dann habe ich mir die Zielgruppe ins Gedächtnis gerufen, dann passte es wieder. Auch der Schreibstil ist der Zielgruppe angemessen, locker aus der Hüfte, leicht zu lesen, wenn auch mit einem ernsten Unterton in den Zwischenzeilen. Die Haupt-Charaktere sind gut ausgearbeitet, die Nebencharaktere (darunter auch Robins Freund Connor) bleiben allerdings eher schemenhaft und blass, da wäre noch etwas Luft nach oben gewesen.
Und bei den vielen Klischees, die der Autor bedient (angefangen vom Dramadramadrama des Protagonisten bis hin zum ungeouteten Freund, der sich in homophoben Kreisen bewegt) muss man sich als Leser:in über eines klar sein: nicht jeder hat es so gut wie Robin. Sein Outing verlief wohl sehr entspannt, seine Mutter steht voll hinter ihm, egal, was er macht – das erleben auch im Jahr 2021 nicht alle. Schade, ist aber so. Da zeichnet das Buch für mich ein etwas zu konstruiert-rosarotes Bild.
Aber sonst fand ich es wirklich gut, es gab mir Einblicke in die Drag-Welt (der Autor tritt selbst als Drag Queen auf, kennt die Szene also genau), die ich so nicht kannte und es war auch sonst sehr flott zu lesen. Von mir daher vier Sterne.

Bewertung vom 09.07.2021
Wut
Martenstein, Harald

Wut


sehr gut

„Ich bin in der Wohnung meiner Mutter, morgen kommen Möbelpacker. Sie ist jetzt im Heim und versteht nicht mehr, was um sie herum geschieht.“ Mit diesen Worten beginnt Harald Martensteins Roman „Wut“, ein Buch über eine gewaltvolle Mutter-Kind-Beziehung. Der Autor sagt selbst: „Und dies ist ein Roman, keine Biographie und keine Reportage. Ein Anderer als ich könnte ihn nicht schreiben, denn ich arbeite, wie jeder Romanautor, im Steinbruch meiner Erinnerungen, eigne mir dieses an, verwerfe jenes, erfinde dazu und vergesse. Ich habe mir alle Freiheiten genommen, die das Genre Roman gestattet.” Diese Aussage lässt vermuten, dass autobiographische Elemente verarbeitet sind.⠀
Martensteins Ich-Erzähler Frank leidet von frühster Kindheit an unter den unvorhersehbaren Wutausbrüchen der Mutter (die er nur „Maria“ nennt), die nicht selten in wahren Prügel-Orgien gipfelten. („Ich habe gemerkt, wie sie immer hin- und hergerissen war zwischen Liebe und Hass. Sie war kein Mensch, der Gefühle unterdrücken kann, das konnte sie überhaupt nicht, und so wechselte das eben manchmal innerhalb weniger Minuten, Küsse, Schläge, dann wieder Küsse.“) Das Leben der Mutter war nicht einfach. Das weiß auch Frank, der für ihr Verhalten Erklärungen findet, es aber nicht entschuldigen kann. („Es gibt Dinge, die ich ihr nicht verzeihen kann, obwohl ich sie verstehe.“) Sie kannte als Kind selbst kaum Liebe, vor allem nicht von der eigenen Mutter, die sie mit 18 Jahren zur Welt brachte. Nach dem Krieg fand sie Unterschlupf in einem Bordell und landete dann auf einer Klosterschule. Durch ihre Intelligenz standen ihr trotz ihrer rebellischen Art alle Wege offen – letztendlich verließ sie die Schule kurz vor dem Abitur ohne Abschluss. Sie heiratete und bekam nach zahllosen Abtreibungen, die ihr Schwiegervater, ein Tierarzt, illegalerweise durchführt, ein Kind.
„Als sie sehr jung Mutter wurde, war ich wohl so etwas Ähnliches wie jetzt die Krankheit, etwas, das sie daran hinderte, frei zu sein.“ - Die Mutter hatte zwar noch Ziele und Träume, verwirklichte aber nichts. Im Endeffekt macht ihren Sohn für ihr verpfuschtes Leben verantwortlich. Und er sie für seines, denn auch er ist ein getriebener und weitgehend bindungsunfähiger Mensch. Frank bricht den Kontakt zur Mutter ab und lange Zeit verbindet ihn mit der Frau, die ihn geboren hat, nur eines: eine tiefe innere Wut, die auch ihn nicht loslässt. „Maria sagte immer, dass ich alles ihr verdanke, dass ich nur ihre Kreatur bin, mein Talent, mein Geld, der Erfolg, alles ihr Erbe, ihre harte Schule, und in gewisser Weise hat sie damit recht. Ich verdanke ihr alles, was ich bin, im Guten und Schlechten.“
Soweit konnte ich dem Buch folgen. Ich fand die Erzählung bedrückend, aber realistisch und nachvollziehbar. Doch dann scheint Frank Zweifel an seinen bruchstückhaften Erinnerungen zu bekommen und die Geschichte rutschte für mich ins Philosophisch-Hypothetische ab. „Niemals weiß ich, ob mir meine Erinnerung nicht einen Streich spielt. War es denn wirklich so?“ Zwar habe er nichts aus seiner Vergangenheit verdrängt, er erinnere sich schlicht nicht an Dinge, die nicht wichtig sind, um im Leben zurecht zu kommen. Nicht nur schlimme Erinnerungen sind weg, sein „Gehirn speichert auch angenehme Erinnerungen nicht.“ Und nach und nach wurde das Buch für zunehmend wirr und undurchsichtig.
Sprachlich fand ich das Buch ansprechend und wegen der vielen oft völlig unvorhersehbaren Handlungen, teilweise sogar spannend. Es ist ein bemerkenswertes, schwer zu verdauendes Werk. Enttäuschend fand ich aber den Schluss. Nach viel psychologischem Tiefgang, einem Mäandern zwischen Mitleid, Verständnis, Wut und Hoffnung, fand ich ihn verworren und verwirrend. Was bleibt, ist die Frage, wie wir zu dem werden, was wir sind, mit dem Fazit: „„Und irgendwann muss man sowieso damit aufhören, den Eltern die Schuld an dem fehlerhaften Menschen zu geben, der man ist.“ Für ein tiefgründiges Buch aus dem ich viel mitnehmen konnte von mir vier Ster

Bewertung vom 07.07.2021
Die Verlorenen
Beckett, Simon

Die Verlorenen


ausgezeichnet

Zwei Jahre hat Simon Beckett seine Leserschaft nach „Die ewig Toten“ warten lassen. Jetzt hat er endlich nachgelegt. „Die Verlorenen“ heißt sein neuestes Werk und er stellt auch mit Jonah Colley einen neuen Protagonisten vor.
Jonah Colley ist Scharfschütze und arbeitet bei der Londoner Polizei. Als ihn sein ehemaliger bester Freund telefonisch um Hilfe bittet, zögert er kurz, dann siegt aber seine Loyalität und er fährt zum Slaughter Kay, einer eher heruntergekommenen Gegend Londons. Als er vier in Plastikfolie eingewickelte und mit Brandkalk bedeckte Leichen findet, beginnt für ihn ein Alptraum – und für den Leser eine wilde und spannende Achterbahnfahrt durch Ermittlungen und private Probleme. Und das Buch kommt wirklich einer Achterbahn gleich: so viele Verdächtigungen, so viele Wendungen und so viel Hin und Her und Auf und Ab. Ein atemberaubend schneller Thriller eben.
Bei Beckett passt halt einfach alles: Setting, Wortwahl und auch die Geschichte ist überwiegend stimmig. Sprachlich ist das Buch eher schlicht, dafür sehr flüssig zu lesen. Schon der Anfang fesselte mich enorm. Die bedrückende nächtliche Stimmung, der Name „Slaughter Quay“, als Schlachterkai und dann noch die Menschen in Plastikfolien-Kokons, von denen einer noch am Leben ist – ich konnte das Buch schlicht nicht mehr aus der Hand legen. Der Spannungsbogen ist konstant hoch, nur wenige Nebenhandlungen erlauben dem Lese-Publikum kurze (aber dringend benötigte) Atempausen. Denn Simon Beckett spart in üblicher Manier nicht mit grausamen Beschreibungen und spickt alles mit ein bisschen Privatleben und einem in der Vergangenheit liegenden Schicksalsschlag, der seinen Protagonisten nachhaltig geprägt hat.
Mit Jonah Colley hat der Autor einen interessanten und sehr vielschichtigen, impulsiven und nicht immer sympathischen Charakter eingeführt, der die Geschichte absolut beherrscht. Neben ihm gibt es zwar eine Menge anderer Figuren, aber niemand ist so dominant wie er. Er ist in der Hauptsache ein getriebener Mensch. Jonahs Aktionen sind nicht immer logisch, meistens eher impulsiv und unüberlegt, oft aber menschlich nachvollziehbar. Getrieben wird er von der Frage, was mit seinem vor zehn Jahren verschwundenen Sohn Theo passiert ist, dessen Verlust nicht nur seine Ehe vollends zerstört, sondern auch sein Leben nachhaltig verändert hat. Seine Schuldgefühle lähmen ihn immer noch, sein Leben dreht sich fast nur um seinen Beruf und die immer wiederkehrende Frage nach dem Schicksal des Vierjährigen. So verläuft ein Teil der Geschichte in zwei Zeit-Ebenen, dem Hier und Jetzt und der Zeit vor zehn Jahren.
Gut, der Schluss ist eventuell ein bisschen sehr konstruiert und auch zwischendrin ist nicht alles ganz logisch und es sind ein oder zwei Fehler in der Übersetzung, aber alles in allem fand ich das Buch einen echten Pageturner und mit seinen rund 300 Seiten fast ein bisschen kurz. Von mir daher für einen durchgehend spannenden, fesselnden und schlicht hervorragenden Thriller klare fünf Sterne. Wer David Hunter mag, wird Jonah Colley vermutlich ebenfalls mögen.

Bewertung vom 05.07.2021
Das Gewicht von Schnee
Guay-Poliquin, Christian

Das Gewicht von Schnee


ausgezeichnet

„Das Gewicht von Schnee“ von Christian Guay-Poliquin ist für mich ein ganz besonderes Buch. Die düster-dystopische Stimmung und das Setting des Romans im tiefsten Winter in der kanadischen Einöde mit enormen Schneemassen, waren ein enormer Kontrast zum strahlenden Sommerwetter, in dem ich ihn gelesen habe.
Aber von vorn: Ein junger Mann kommt bei einem Autounfall fast ums Leben. Da dieser Unfall in der Nähe seines Heimatdorfes passiert, kennt man ihn und versucht, ihm zu helfen. Allerdings werden alle durch den strengen Winter mit viel Schneefall und einen schon lange vor dem Winter eingetretenen Stromausfall auf eine harte Probe gestellt. Lebensmittel, Medikamente, Benzin – alles ist knapp und droht auszugehen. Nach der Versorgung durch die Tierärztin, beschließen die Dorfbewohner, die Pflege des Verletzten könnte ein anderer „Gestrandeter“ übernehmen, ein Fremder namens Matthias. Die beiden bekommen Lebensmittel aus dem Dorf, ab und zu kommen Menschen vorbei, aber im Großen und Ganzen sind sie sich selbst überlassen. Probleme, die das Eingesperrtsein auf kleinstem Raum mit sich bringt, sind vorprogrammiert. „Lagerkoller“ macht sich breit. Und das nicht nur in der Enge der kleinen Hütte, auch im Dorf schlägt die Stimmung nach und nach um.
Die Geschichte ist eher ruhig aber sehr tiefgründig, erzählt vom namenlosen Verletzten aus der Ich-Perspektive. Das Buch war für mich voller auf den Punkt genau passend gewählter Bilder, die weit über die Parallelen zur (öfter zitierten) griechischen Mythologie hinausgingen. Eigentlich ist eine Schneeflocke ja etwas, das fast nichts wiegt, flauschig ist, schön und romantisch. Aber die Masse an Schnee, über die der Autor schreibt, ist im wahrsten Sinne des Wortes erdrückend. Analog zum zunehmenden Druck der Schneemassen auf die Dächer, steigt der Druck auf den Gemütern der Leute. Die Stimmung unter den Menschen ist psychologisch hochinteressant und sicher sehr realistisch. Sie schlägt nach und nach von Gemeinschaftssinn und Nächstenliebe in Egoismus, Neid und sogar Hass um. Mehr und mehr wird sich jeder selbst der Nächste. Passend zum lateinischen Satz „Homo homini lupus est“ berichtet der Erzähler: „Es gibt nur noch wenige kleine Gruppen, die auf der Suche nach Benzin und Nahrung umherziehen. Rudel magerer, misstrauischer Kojoten.“.
Die Sprache ist ebenso reduziert wie alles andere im Buch, sie scheint so monochrom wie die dunkle Landschaft, die unter dem weißen Schnee eingesperrt ist. Es gibt keine Anführungszeichen bei direkter Rede, in den Sätzen ist kein Wort zu viel. Insgesamt steht in diesem Buch mindestens so viel zwischen den Zeilen wie darin. Auch kommen im Buch nur wenige Charaktere vor, diese sind aber hervorragend und bildhaft gezeichnet. Allerdings sind die Personen außer dem Erzähler und Matthias mehr Mittel zum Zweck, sie tragen nur als Lebensmittel-Lieferanten, und Verbindung zum Rest der Welt zur Geschichte bei. So können die beiden den Zerfall der Gesellschaft am Rande miterleben, während ihre Zwangsgemeinschaft enger zusammenwächst.
Gegliedert ist der Roman nicht in fortlaufend nummerierte Kapitel. Die Überschrift ist eine Zentimeter-Zahl, die aktuelle Höhe des Schnees, beginnend bei 38 und nach und nach ansteigend bis weit über 200, womit schon die Überschrift eine gewissen Spannung und Unbehagen erzeugt. Die Mischung aus Resignation („Egal wie sinnvoll eine einzelne Geste zu sein scheint, die Summe unserer Handlungen, das große Ganze, ist vollkommen sinnlos.“) und einer gewissen Aufbruchsstimmung, weil es anderswo besser sein könnte, prägt das Buch voller brisanter Gegensätze und mit vielen Emotionen.
Erinnerungen an Stromausfälle hat sicher jeder, die Isolation, die viele durch Corona erlebt haben, ist auch stets präsent. Bislang kam der Strom hier immer wieder, aber was, wenn nicht? Für mich ein wirkliches literarisches Highlight und ein echter Lese-Genuss, der ein unbehagliches Gefühl unterschwelliger Angst hinterlässt. Fünf Sterne.

Bewertung vom 30.06.2021
Tiefer Fjord
Lillegraven, Ruth

Tiefer Fjord


ausgezeichnet

„Tiefer Fjord“ heißt Ruth Lillegravens bereits 2018 erschienener Thriller, der im Original „Alt er mitt“, also „Alles gehört mir“ heißt. Mit diesem Buch hat die Autorin, die bis dato eher mit Gedichtbänden von sich reden gemacht hat, einen Krimi der Spitzenklasse vorgelegt. Der Untertitel der dänischen Fassung lautet „kennst du eigentlich deine Liebsten” und der fasst das Buch für mich sehr gekonnt zusammen. Denn tatsächlich haben die meisten Charaktere große dunkle Geheimnisse, von denen niemand etwas ahnt.
Clara und Haavard sind ein gut situiertes Ehepaar, das mit seinen beiden Söhnen in einer Villa in einem der besseren Osloer Viertel lebt. Während Haavard als Kinderarzt in einem Krankenhaus arbeitet, ist Clara im Justizministerium tätig. Obwohl sie eigentlich Verwaltungsangestellte ist, hat sie politische Ambitionen. Eine ihrer Herzensangelegenheiten ist ein neues Gesetz gegen Kindesmisshandlung, an dessen Entwurf sie arbeitet. Wie wichtig das Gesetz ist, wird auch Haavard klar, als ein Mann mit Migrationshintergrund seinen vierjährigen Sohn ins Krankenhaus bringt. Der kleine Faisal sei vom Baum gefallen, so die Aussage des Vaters, doch die Verletzungen sprechen eine andere Sprache und deuten auf Misshandlung hin. Der Junge überlebt die Verletzungen nicht, der Vater wird kurz darauf erschossen auf dem Klinikgelände gefunden. Haavard recherchiert in Krankenakten nach weiteren jungen Misshandlungsopfern, die immer wieder wegen Verletzungen behandelt werden und wird fündig. Er legt eine Liste der „Stammgäste“ und der mutmaßlichen Täter an und wenig später wird eine weitere Leiche gefunden, die ebenfalls als Mutter eines misshandelten Kindes auf Haavards Liste stand. Irgendjemand scheint die Kinder rächen zu wollen und Selbstjustiz auszuüben. Und mit Haavard, seiner Frau Clara und seiner Kollegin Sabiya findet sich der Leser unverhofft und plötzlich in einem rasanten Strudel der Ereignisse wieder.
Der Thriller greift viele gesellschaftliche Themen aufgreift: Kindesmisshandlung, Probleme von Menschen mit Migrationshintergrund, Rassismus, eheliche (Un)Treue und Gefühlskälte sind nur einige der Pfeiler, auf der die Autorin ihre Geschichte aufbaut. Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet und bildhaft beschrieben. Ich schwankte als Leser bei fast allen immer wieder zwischen Sympathie und Antipathie, denn tatsächlich haben fast alle Personen hinter einer netten und harmlosen Fassade dunkle und sehr hässliche Geheimnisse.
Die Geschichte an sich ist gut konstruiert und flott geschrieben. Schön finde ich, dass die Autorin auf Umgangssprache und Schimpfworte verzichtet, noch dazu hat der Übersetzer wirklich gute Arbeit geleistet. Die Aufteilung in fünf Teile, die ihrerseits in Unterkapitel gegliedert sind, finde ich sehr gut, zumal jedes Unterkapitel mit dem Namen der Person überschrieben ist, aus deren Perspektive die Passage erzählt wird. Und nicht nur, dass die Geschichte aus der Sicht verschiedener Personen erzählt wird, sie spielt auch in zwei Zeitebenen, 1988 und 2015 – ein wirklicher Kunstgriff der Autorin, der der Leserschaft durch die Wechsel der Handlungsstränge einerseits nötige Hintergrundinformationen liefert, andererseits eben dadurch auch enorme Spannung (und etwas Verwirrung) aufbaut. Ich konnte das Buch jedenfalls kaum aus der Hand legen, so gespannt war ich darauf, zu erfahren, wie es weitergeht.
Die Geschichte hat einen verhältnismäßig konstanten Spannungsbogen, vor allem ab etwa der Hälfte nimmt die Handlung mächtig Fahrt auf. Obwohl nach einigen falschen Fährten sehr schnell klar ist, wer hinter den Morden steckt, hat mich der Schluss völlig überrascht und mit dem Cliffhanger legt die Autorin die Latte für den nächsten Band sehr hoch. Für mich eine klare Lese-Empfehlung für alle, die gerne richtig gut geschriebene Thriller mit gesellschaftskritischem Bezug lesen. Fünf Sterne.

Bewertung vom 25.06.2021
Die vierte Schwester / Jackson Brodie Bd.1 (eBook, ePUB)
Atkinson, Kate

Die vierte Schwester / Jackson Brodie Bd.1 (eBook, ePUB)


gut

„Die vierte Schwester“ von Kate Atkinson ist ein Buch, das mir in mehrerlei Hinsicht zu schaffen gemacht hat. Einerseits ist es ein ziemlich geradliniger Roman (allerdings gibt es mehrere Handlungsstränge, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben), andererseits ein Psychogramm gestörter und zerstörter Familien. Durch diese Vielschichtigkeit fand ich das Buch stellenweise sehr gut und locker, manchmal sogar amüsant zu lesen, andere Passagen fand ich wiederum sehr schwierig und zäh. Und für mich war das Buch nur teilweise ein Krimi, ich finde den Klappentext und das zugewiesene Genre etwas irreführend.
Aber worum geht es?
Familie Land hat vier Töchter und die Mutter ist erneut schwanger. Mutterliebe empfindet diese nur gegenüber der jüngsten Tochter Olivia, dem „Nachzügler“. In einer heißen Sommernacht verschwindet sie aus dem Garten spurlos. Die Familie zerbricht an diesem Verlust und nach dem Tod des Vaters finden die älteren Schwestern das Lieblingskuscheltier der Jüngsten beim Ausräumen von dessen Schreibtisch. Um 30 Jahre später Olivias Verschwinden aufzuklären, engagieren die Schwestern den Privatdetektiv Jackson Brodie.
Der arbeitet parallel aber noch an anderen Fällen: der ehemalige Anwalt Theo sucht nach zehn Jahren immer noch den Mörder seiner Tochter und Shirley sucht ihre verschwundene Nichte. Brodie selbst kämpft zudem noch mit seiner ex-Frau, die mit der gemeinsamen Tochter nach Neuseeland ziehen will, weil ihr neuer Lebensgefährte dort ein Jobangebot angenommen hat. Diese verschiedenen Handlungsstränge verknüpft die Autorin mehr oder weniger gekonnt durch eine einzige Tatsache: sie laufen bei ein und demselben Ermittler zusammen. Mir kam es manchmal eher so vor, als müsse sie verzweifelt einen gemeinsamen Nenner für die nicht zusammenpassenden Fälle konstruieren, was nicht passte, wurde passend gemacht.
Und diese Tatsache machte es mir schwer, das Buch als einen einheitlichen Roman und nicht als eine Zusammenstellung von Kurzgeschichten zu sehen. In den Kapiteln wechseln sich die Fälle ab, mal in der Vergangenheit, mal in der Gegenwart, was ich eher kompliziert fand, als einen cleveren schriftstellerischen Kunstgriff. Vor allem hat das Buch für mich weder eine einheitliche Linie oder einen roten Faden oder gar einen Spannungsbogen. Falls innerhalb eines Kapitels mal so etwas wie Spannung aufgebaut wird, dann endet diese abrupt am Ende des Kapitels – nicht mit einem Cliffhanger sondern sie verpufft irgendwie und wird nicht wieder aufgegriffen.
Sprachlich fand ich das Buch gut und leicht zu lesen, wenn auch die ausschweifende Art der Autorin mir manchmal auf die Nerven ging und ich mich fragte, ob und wie sie bei so vielen beschriebenen Nebensächlichkeiten jemals wieder zum Thema zurückfinden würde. Die Atmosphäre des Buchs ist hingegen sehr bedrückend und nicht leicht zu verdauen. Kaputte Familien, ungeliebte Kinder, denen geliebte Kinder im krassen Kontrast gegenüberstehen - keine der Familien brauchte ein Unglück, um zu zerbrechen, die waren alle vorher schon völlig kaputt. Das fand ich thematisch wirklich schwere Kost, aber nicht zwingend krimitauglich. Die vielen hervorragend beschriebenen Charaktere sind so vielschichtig, vielseitig, skurril und undurchsichtig.
Ich fand das Buch nicht schlecht aber auch nicht wirklich gut. Ich brauchte einige Zeit, mich mit dem Stil der Autorin anzufreunden und bei den Zeitsprüngen und den Handlungssträngen den Durchblick zu finden. Und auch den Titel fand ich nicht gut gewählt, denn die Geschichte rund um die „vierte Schwester“ macht ja nur einen Bruchteil der Handlung aus. Daher vergebe ich drei Sterne.