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Insgesamt 1124 Bewertungen
Bewertung vom 16.05.2022
Schreib oder stirb
Fitzek, Sebastian;Beisenherz, Micky

Schreib oder stirb


sehr gut

Großartige Idee, kleine Schwäche – dennoch super Unterhaltung

David Dolla ist Literaturagent und gerät unvermittelt in eine kuriose Situation – ein Häftling bekennt sich der Entführung der kleinen Pia, verrät ihren Aufenthaltsort aber nur dann, wenn Dolla seine Story schreibt und einen ein-Million-Dollar-Vertrag für die Veröffentlichung an Land zieht. Dieser glaubt kein Wort und lehnt dankend ab, doch da wird seine große Liebe überfallen und liegt im Koma. Die Nachricht löst viele unerwartete Ereignisse aus und Dolla landet quasi mitten in der Geschichte, ohne zu wissen, wohin sie führt. Nur eines ist sicher – nichts ist so, wie Dolla dachte!

Ein wenig störend sind die vielen Vergleiche. Gefühlt jeder vierte Satz besteht aus einem solchen. Zwar sind sie bildhaft und schon witzig, aber in dieser inflationären Nutzung lässt es mich innerlich dann doch irgendwann nur noch aufstöhnen.

Dennoch ist „Schreib oder stirb!“ ein amüsanter und zugleich spannender Thriller mit gelungenen Ideen, Twists und Zusammenhängen. So sehr ich mich wundere, dass Fitzek schneller schreibt als andere lesen (ich bin noch immer nicht sicher, ob er tatsächlich eine Einzelperson ist oder eher „Frontmann“!) und ich staune, dass manche Bücher super, andere total daneben sind und ich nie weiß, was mich bei ihm erwartet, diesmal war es keine Zeitverschwendung, sondern – bis auf die Vergleiche – richtig gelungene Unterhaltung.

Ich fand „Der erste letzte Tag“ sehr gelungen und urkomisch, trotz aller Tragik. Deshalb hatte ich etwas Ähnliches erwartet. Hier kommt aber Beisenherz mit seinen Vergleichen zu stark durch. Das ist anfangs lustig, wird aber mit der Zeit anstrengend. Dennoch schlägt Fitzek durch mit seiner Art, Fallstricke zu legen, den Leser zu verwirren, falsche Fährten zu legen und unerwartet alles zu drehen – und das auch noch ziemlich logisch und in sich stimmig.

Ich mag Experimente und ich mag es, wenn jemand aus seiner Schiene herausgeht, sich dabei aber dennoch treu bleibt. Ich mag schrägen Humor und ich mag Thriller. Aber besonders mag ich es, überrascht zu werden. Das ist gerade im Bereich Thriller gar nicht mehr so einfach – irgendwie war immer alles schon mal da. „Schreib oder stirb!“ ist erfrischend anders, wenn auch teils nervig (aber das bin ich selbst auch – passt also bestens). Ich kann deshalb nur einen Stern abziehen und gebe damit vier Sterne. Kleiner Tipp: Einfach mal auf ein Experiment einlassen, alles andere vergessen und sich in die Story fallen lassen. Es lohnt sich!

Bewertung vom 12.05.2022
Eine kurze Liste meiner Probleme (Mutter nicht mitgezählt)
Steinfeld, Mimi

Eine kurze Liste meiner Probleme (Mutter nicht mitgezählt)


ausgezeichnet

Glücksente für alle

Der Therapeut Lindholm versucht, Cressida Catterberg dabei zu helfen, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Oder will Cressi das einfach nur glauben? Auf alle Fälle ist sie ständig pleite und das definitiv hauptsächlich, weil sie die teuren Therapiesitzungen zahlen muss. Noch dazu hat sich der One-Night-Stand ihrer Mitbewohnerin auf ihrer Couch einquartiert und mischt sich ständig in ihr Leben ein, sogar die alte Chinesin vom Imbiss gibt ihr ständig ungefragt Ratschläge. Ganz zu schweigen von ihre Schwestern und Tanten! Und dann stirbt die Mutter und lässt jede Tochter mit einem überraschenden leiblichen Vater und tausend unbeantworteten Fragen zurück. Dafür sollen die Schwestern ihre Asche illegal im Englischen Garten verstreuen und noch dazu Cressi das seit Jahren stillgelegte Bistro übernehmen. Noch mehr Chaos geht ja wohl gar nicht!

Ja, Cressi hat es nicht leicht und noch dazu steht sie sich ständig selbst im Weg. Man mag ihr immer wieder auf die Schulter tippen und ihr sagen, dass sie sich einen neuen Therapeuten suchen soll oder noch besser: gar keinen braucht! Sie lässt sich einfach nur immer wieder viel zu viel gefallen und wehrt sich zu selten. So schräg die meisten Entscheidungen von Cressi sind, man mag sie irgendwie und findet sie erstaunlicher Weise nicht halb so nervig, wie sie eigentlich doch ist.

Der Schreibstil ist wunderbar! Cressi erzählt ihre Geschichte selbst und das mit ganz viel Selbstironie und Galgenhumor. Sie ist sich also durchaus bewusst, dass in ihrem Leben immer wieder Dinge geschehen, die absolut unüblich und ungewöhnlich sind. Entsprechend wirkt ihre Erzählweise ein bisschen hektisch und überstürzt, aber es passt genial zu den Geschehnissen.

Die „Randfiguren“ sind einfach wunderbar und ganz vorne steht bei mir Wischnewski – ich habe es bildlich vor Augen, wie er aus dem Keller heraus Eis verkauft. Und es versetzt mich in meine Kindheit zurück, in der es so einen Eisverkauf auch gab. Hach, war das toll! Selbst Cressis wirklich anstrengende Tanten haben etwas Liebenswürdiges. Sie wirken ein bisschen aus der Zeit gefallen, aber anders würde ich sie gar nicht haben wollen!

Die Lektüre hat enorm Spaß gemacht, schon allein, weil Mimi Steinfeld ernste Themen auf eine humorvolle Weise verarbeitet, die nicht respektlos ist. Ein bisschen mehr Cressi würde uns allen gar nicht schaden. Vor allem, wenn eine Lucinda, ein Mika, ein Wischnewski, eine alte Chinesin und ein Hund namens Schröder beteiligt sind. Keine nobelpreisverdächtige Lektüre, aber ein großartiger Lesespaß und deshalb gebe ich die vollen fünf Sterne!

Bewertung vom 10.05.2022
Grünes Gartenwissen. Gemüse anbauen
Whittingham, Jo

Grünes Gartenwissen. Gemüse anbauen


ausgezeichnet

Klein, aber fein – tolles Buch für alle, die gern selbst ziehen, was sie essen

Dies ist ein handliches, kleines Taschenbuch mit enorm viel (Grund-)Wissen. Alle wichtigen Themen werden behandelt. Dabei werden sie oftmals nur angeschnitten, dennoch hat man selbst als Anfänger wichtige Informationen griffbereit und kann sie auch sehr gut nachschlagen. Dass ein Buch in diesem Umfang (knapp über 140 Seiten) nicht ausführlich über alles berichten kann, ist klar. Sich weiterführende Lektüre zuzulegen bleibt also nicht aus. Dennoch finde ich das Buch rundum gelungen und habe viele gute Tipps für mich gefunden.

Wir haben neu gebaut und legen den Garten entsprechend auch ganz neu an. Das ist die Chance, alles von Grund auf anders als bisher zu machen, sich selbst zu verbessern und den Garten am Ende toll gestaltet und sinnvoll genutzt zu haben. Für den kleinen Gemüsegarten-Teil habe ich in diesem Buch wunderbare Anregungen und Ideen gefunden. Nennen möchte ich als Beispiel nur mal die Idee, Schlangengurken an einem selbstgebauten Rankgerüst aus alten Fahrradfelgen (mit Speichen) klettern zu lassen. Das finde ich absolut großartig und genau solche Ideen habe ich gesucht.

Ob für ein Mini-Gemüse-Beet, Hochbeete, das Pflanzen in Gefäßen – hier ist an alles gedacht und für jeden was dabei, bis hin zur kompletten Selbstversorgung, wenn man das möchte und kann. Nach dem Teil mit dem Drumrum gibt es eine ganze Reihe Portraits von Gemüse, Salaten und Kräutern. Die Beschreibungen umfassen von der Aussaat bzw. dem Pflanzen bis zur Ernte alles, was man wissen muss. Pflege, Schädlingsbekämpfung und jede Menge Tipps verhelfen zu einer guten Ernte. So kann man sich seine eigene Auswahl heraussuchen und ausprobieren, was besonders zu einem passt und Erfolg verspricht.

Die Texte sind kurz und gut verständlich geschrieben. Dazu gibt es reichlich Bilder, die sowohl die Pflanzen, als auch die Arbeiten zeigen. Mir gefällt das Buch rundum sehr gut und ich bin mir sicher, dass ich es viele Jahre im Einsatz haben werde – denn Abwechslung im Garten und auf dem Teller mag ich sehr. Fünf Sterne!

Bewertung vom 09.05.2022
Einsame Entscheidung / Leander Lost Bd.5 (2 MP3-CDs)
Ribeiro, Gil

Einsame Entscheidung / Leander Lost Bd.5 (2 MP3-CDs)


ausgezeichnet

Der Deutsche in Portugal erstaunt mal wieder alle

Leander Lost und Soraia Rosaro genießen die Ruhe, doch der Sturm folgt schneller, als gedacht – ein englischer Tourist liegt tot im Ferienhaus, seine portugiesische Begleiterin ist weg, auf der Flucht. Fast könnte man meinen, der Fall ist klar, doch die Ermittlungen bringen mehr Fragen als Antworten zutage und so ist Lost schnell wieder ganz in seinem Element …

Es ist schwer zu beschreiben – die Bücher rund um Leander Lost sind ganz speziell und sehr unterhaltsam, dennoch mag ich sie sehr. Ich muss aber in der passenden Stimmung und Laune dafür sein. Die Mischung aus Lokalkolorit, Spannung und Humor ist einzigartig und der Besonderheit Losts angemessen. Doch geht es mir ein wenig wie den meisten, die Lost begegnen: er strengt ein wenig an, auch wenn man hinterher merkt, dass er genial ist und trotz aller Eigenheiten super liebenswert. Und selbst im fünften Band lässt all das nicht nach – im Gegenteil, ich finde, Gil Ribeiro ist es gelungen, den Standard immer ein kleines bisschen zu erhöhen.

Trotz aller „Gemütlichkeit“ packt der Autor, der eigentlich Holger Karsten Schmidt heißt, brandheiße Themen in den Fall, die den Leser urplötzlich und kalt erwischen. Dabei sind die Wendungen und Kniffe sehr intelligent gemacht und muten nicht „gewollt“ an, sind also sehr in sich stimmig. Das gefällt und imponiert mir enorm. Diesmal geht es um Nahrungsmittelknappheit, Hunger und Überbevölkerung, illegale Experimente und natürlich das liebe Geld. Die Zusammenhänge sind komplex und logisch – und erschreckend. Man braucht nicht viel Phantasie, um zu glauben, dass dieses Szenario sehr real sein könnte.

Die Entwicklung der Figuren ist stimmig und gelungen. Die Beschreibungen der Gegend, der Genüsse, der Geschehnisse – alles sehr bildhaft, aber nicht langatmig. Man wird nach Fuseta versetzt und kann sich alles sehr gut vorstellen. Leander Lost überrascht an einigen Stellen. Auch das finde ich erfrischend und lobenswert.

Ja, es war wieder wunderbar, Zeit mit „alten Bekannten“ zu verbringen. Und ich freue mich auf die nächste Begegnung, aber auch darüber, dass diese nicht gleich morgen sein wird. Ich gebe deshalb trotz der kleinen Kritikpunkte sehr gerne fünf Sterne.

Bewertung vom 02.05.2022
Violas Versteck / Tom Babylon Bd.4
Raabe, Marc

Violas Versteck / Tom Babylon Bd.4


sehr gut

Was geschah 1998 wirklich?

Tom Babylon gibt seine Suche nicht auf. Obwohl seine Schwester Viola seit mehr als zwanzig Jahren verschwunden ist und man ihre Überreste angeblich identifiziert und beerdigt hat, glaubt er nach wie vor, dass er sie finden wird – lebendig! Als er ein aktuelles Foto von ihr im Keller seines Vaters findet, ist er nicht mehr zu halten, zumal sein Vater bei einem merkwürdigen Unfall ums Leben kommt und Tom sicher ist, das kann kein Zufall sein. Er hält Bruckmann, seinen ehemaligen Mentor, für den Täter, doch der sitzt in einer psychiatrischen Anstalt ein, weit weg in den Bergen.

Wo soll man anfangen? Marc Raabe liefert hier einen genialen vierten Band um Tom Babylon und seine Suche nach Vi. Ob dies tatsächlich das Ende ist, lässt sogar der Autor offen. Im Nachwort sagt er, dass er noch nicht weiß, ob wir irgendwann noch mal auf Tom treffen werden. Auf alle Fälle findet der rote Faden einen würdigen und bombastischen Abschluss, wobei der Autor allerdings sehr weit ausholt und die eine oder andere Übertreibung und heftige (Gewalt-)Szene einbaut. Nun, es ist eben auch ein Thriller. Da kann man ihm das schlecht verübeln.

Zwischendurch gab es trotz durchgehender Spannung auch Längen und ich hatte das Gefühl, es ist nun gut und das Ende dürfe kommen. Das klingt sehr negativ, das ist mir schon klar. Es ist so viel in der gesamten Story geschehen, dass man irgendwann denkt, eine kleine Kürzung hätte auch nicht geschadet. Dennoch ist da nicht wirklich viel „Füllstoff“ verwendet worden. Schwer zu erklären, muss man lesen.

Auch wenn man nicht zwingend alle drei Vorgängerbände gelesen haben muss, schadet es doch nicht, die Reihenfolge einzuhalten. Man bekommt dann ein besseres Gespür für die Figuren. Selbst ich, die ich alle Bände gelesen habe, konnte mich nicht mehr an alle Zusammenhänge deutlich erinnern, da es doch eine weite Reise vom ersten Band bis jetzt war. Ideal ist es in meinen Augen, wenn man alle vier Bände hintereinander weg lesen kann.

In diesem Band sind die Zeitebenen etwas verschoben. Während wir Tom fast ausschließlich in der Gegenwart begleiten, startet der Faden mit Sita 28 Tage vorher. Zudem sind diese Kapitel durchweg in Kursivschrift gehalten. Mich bremst das im Lesefluss, habe ich festgestellt. Wenn Vi quasi mit Tom spricht in dessen Gedanken, dann liest sich das gut in Kursivschrift, aber ganze Kapitel ist das anstrengend für mich.

Die Entwicklungen der Geschichte selbst, aber auch der Figuren, die sich herauskristallisierenden Zusammenhänge, Drehe, Kniffe und Wendungen sind eine Art literarisches Feuerwerk. An der einen oder anderen Stelle kommen auch Gefühle ins Spiel, die die Lage nicht gerade vereinfachen. Man weiß nie, wer ein falsches Spiel treibt und wem man noch vertrauen kann. Nein, langweilig ist hier nichts, aber vielleicht ist von allem ein bisschen zu viel.

Dennoch – ein absolut lesenswerter vierter Band einer gelungenen Reihe, den ich gern gelesen habe und mit vier Sternen bewerte.

Bewertung vom 01.05.2022
Der Tote aus Zimmer 12
Horowitz, Anthony

Der Tote aus Zimmer 12


sehr gut

Ein verzwicktes, aber schlau eingefädeltes Rätsel

Das kleine Hotel auf Kreta, das Susan Ryeland und ihr Lebensgefährte führen, läuft nicht ganz so gut und glatt, wie man sich das wünschen würde. Noch dazu vermisst Susan doch das Leben in London. Als dann die Trehernes die ehemalige Lektorin bitten, einen Mord in ihrem eigenen Hotel und das Verschwinden ihrer Tochter Cecily aufzuklären, nimmt sie dankbar an – nicht zuletzt, weil ihr die 10.000 Pfund sehr helfen würden, das Hotel zu retten. Dass die Trehernes ausgerechnet sie dafür auswählen, hat einen Grund: Susan hat das Buch, das Cecily kurz vor ihrem Verschwinden gelesen hat und das diese für die Lösung des Mordfalles relevant hielt, seinerzeit lektoriert. Das macht Susan neugierig und sie reist nach London …

Susan mag man einfach super schnell. Sie ist sehr liebenswert, möchte ihren Andreas nicht verletzen, aber auch selbst glücklich sein. Dass sie ihren alten Beruf vermisst, ist verständlich. Man kann auch nachvollziehen, dass es sie reizt, herauszufinden, was das von ihr lektorierte Buch tatsächlich mit den beiden Fällen zu tun hat. Die Art des Autors, reale Begebenheiten zu verwenden, hat ihn zu all seinen anderen Macken nicht sehr sympathisch gemacht. Aber wie er Hinweise versteckt hat, fand Susan interessant – und die Ideen gefallen mir auch sehr gut.

Ein wenig kompliziert wird es, als aus der Story heraus das Buch „Atticus unterwegs“ von Alan Conway zur Lektüre wird. Ich habe so sehr nach Parallelen gesucht, dass das für mich anstrengend wurde. Ab und an ein kleiner Abstecher in die Susan-Story hätte gut getan. Einige Gedanken von Susan zum Buch, quasi kleine Hinweise oder eben Erklärungen, wären super gewesen. Die gibt es aber nicht: Da wird das ganze Buch am Stück gelesen.

Die Wendungen und Überraschungen sind schon klasse gemacht. Der Leser tappt immer wieder in die ausgelegten Fallen. Auch gibt es wunderbare Stellen mit dem typischen britischen Humor. Aber auch melancholische, nachdenkliche Momente kommen vor. Das gefällt mir sehr. Das Ende ist weniger „gemütlich“, als die vorangehende Geschichte inklusive des Krimis im Krimi. Hier fährt Horowitz heftige Geschütze auf und überrascht den Leser.

Mir war nicht bewusst, dass dies ein zweiter Band ist. Das habe ich auch bis zum Ende nicht gemerkt. Man kann „Der Tote aus Zimmer 12“ also problemlos ohne Vorkenntnisse lesen und genießen. Es ist nicht mein Jahreshighlight, schon deshalb nicht, weil ich es streckenweise wirklich sehr anstrengend fand. Aber es hat mich sehr gut unterhalten. Deshalb gebe ich vier Sterne.

Bewertung vom 27.04.2022
Gar es ohne Bares!
Maas, Sebastian

Gar es ohne Bares!


sehr gut

Von der Kolumne zum Buch

Auch wenn man nicht jeden Cent zweimal umdrehen muss, findet man hier super leckere Rezepte. Dass die für wenig Geld realisierbar sind, ist ja kein Fehler! Vor allem zeigt das Kochbuch, dass Essen nicht so teuer sein muss, wie manche gerne behaupten oder auch glauben. Selbst wer dauerhaft knapp bei Kasse ist findet hier Anregungen für sättigende Mahlzeiten, die den Gaumen verwöhnen.

Die Idee, das Buch in Anfang (3 bis 2 Euro/Person), Mitte (2 bis 1 Euro/Person) und Ende (unter 1 Euro/Person) des Monats einzuteilen (plus ein Kapitel für besondere Anlässe, aber ebenfalls in diesen Klassen), finde ich richtig gut. Klar – hat man gar nix zu Hause, wird das nicht klappen mit den Preisen, denn kalkuliert wurden die Preise verständlicher Weise auch mit Vorräten (die anteilsmäßig angerechnet wurden). So ist beispielsweise Olivenöl verwendet worden, aber nicht die ganze Flasche berechnet, sondern das, was real verbraucht wurde. Somit ist es also manchmal sinnvoll, erst nachzusehen, was man benötigt oder eben vorrätig hat. Ebenso ist es oft abhängig davon, welche genauen Zutaten man verwendet. Beim Einsatz von Discounter-Käse ist die Rechnung natürlich eine andere, als beim Einsatz von Käse vom Markt.

Nun aber zu den Rezepten! Für mich ist das gegrillte Käsesandwich (hier wird es mit einer Tomatensuppe ergänzt, also noch veredelt) sowieso ein Highlight, das ich mir gerne zubereite. Da erscheinen mir die anvisierten 2,50 Euro pro Portion sogar extrem hoch angesetzt, dennoch zeigt es, dass günstig und lecker Kochen in Kombination tatsächlich möglich ist. Es finden sich für jeden Geschmack Rezepte und zudem wird man angeregt, sich auch mal an Lebensmittel zu trauen, die man als nicht so lecker abgetan hat – da ist das beste Beispiel wohl der Grünkohl!

Zu allen Rezepten steuert Sebastian Maas nicht nur genaue Anleitungen bei, sondern hat auch etwas zu erzählen. Das ist super sympathisch und macht tolle Stimmung. Da hat man gleich das Gefühl, man steht mit einem Freund in der Küche und bereitet ein leckeres Essen gemeinsam zu. Allerdings findet man auf den 235 Seiten neben tollen Bildern und den wirklich interessanten Texten und Informationen, Tipps und Ratschlägen keine dreißig Rezepte. Wer knapp bei Kasse ist und vierzehn Euro für ein Buch hinlegt, könnte das etwas negativ sehen.

Dennoch – ich finde das Buch sehr gelungen, es regt zum Umdenken an und hilft, nachhaltiger einzukaufen und zu kochen. Vor allem ist es auch ein Geschenktipp. Und für mich ist es eins der Kochbücher, die „anders“ sind und deshalb Einzug in meine Kochbuchsammlung fand. Und wenn ein Buch aus einer Kolumne entstanden ist, kann es gar nicht schlecht sein! Gut gemacht! Vier Sterne!

Bewertung vom 12.04.2022
Schallplattensommer
Bronsky, Alina

Schallplattensommer


ausgezeichnet

Schicksalhafte Begegnungen

Als einziges Mädchen weit und breit und noch dazu mit dem ausgefallenen Namen Maserati lebt es sich mit einer dementen Großmutter, die den Lebensunterhalt mit einer kleinen Gaststätte betreibt, recht stressig. Kurz vor ihrem 17. Geburtstag tauchen Theo und Caspar auf, Söhne reicher Eltern, die von Maseratis Problemen keine Ahnung haben. Und da ist Georg, der taubstumme ehemalige Klassenkamerad, der für Maserati immer schon der Retter in der Not war. Aber da sind auch Geheimnisse, die so geheim gar nicht sind. Und Maserati will einfach nur schnell volljährig werden, bevor doch noch alles schiefgeht …

Dieses Buch ist unendlich traurig und zugleich wunderschön! Man kann so oft schmunzeln und breit grinsen, weiß aber genau, dass das eine Art Galgenhumor ist. Immer wieder wird das Herz schwer und man möchte in die Geschichte springen und helfen. Maserati ist ein Mädchen, dem die Kindheit in gewisser Weise gestohlen wurde. Aber sie weiß auch, wer es gut mit ihr meint und wen sie schützen muss – und das mit allen Mitteln! Neben all ihren Pflichten, die sie sich selbst auferlegt hat, schafft sie sich kleine Inseln für sich allein. Sie könnte so schön unterm Radar fliegen, wenn da nicht das Leben einen Joker ausspielen würde und ihr in Form von neuen Nachbarn einen Streich spielte. Wird dadurch alles schlimmer? Oder doch besser? Oder einfach nur anders?

Die Story ist durchweg wie mit einem Nebel durchzogen. Das meiste bleibt im Verborgenen, vieles wird nur angedeutet und so hat der Leser jede Menge Raum für Kopfkino und eigene Schlüsse. Doch gerade das Ungesagte wiegt schwer und spricht für sich. Das hat Alina Bronsky unbeschreiblich gut hinbekommen und damit ein Buch geschaffen, das das Zeug zum Highlight hat.

Auf so wenigen Seiten so viel zu sagen, so viele Themen unterzubringen, so viel Mut zu machen, das ist eine ganz besondere Leistung. Die Pubertät, die (erste) Liebe, Drogen, Vernachlässigung, Demenz, Schulabbruch, die Macht der Medien - das sind nur einige der angeschnittenen Themen. Da ist jede Menge Stoff für Diskussionen und Gelegenheit, Dinge mal von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten.

Ich mag Maserati sehr – sie ist ein starkes Mädchen, dem ich gern helfen möchte, dem ich aber auch zutraue, das alles ohne Zusammenbruch (auch nicht in späteren Jahren) zu meistern. Ich mag auch Theo und Caspar, auch wenn die beiden immer wieder jedes auch noch so kleine (aber gern auch die ganz großen) Fettnäpfchen treffen. Ich mag Georg, der ein herzensguter Mensch ist, aber auch Fehler hat und macht. Ich mag die Oma, die ganz eigene Ansichten hat, aber auch ein großes Herz – und nicht gerade wenig ertragen musste. Ich mag sogar Annabelle, auch wenn sie in ihrer Hilflosigkeit gern mal das Falsche tut und sagt.

Ich habe mit diesem Buch einen Feriensommer erleben dürfen, war Gast bei Maserati und ihrer Oma, habe die Luft und den See gerochen und gespürt und bin wieder nach Hause gefahren. Ich hoffe, wenn ich wieder mal Urlaub da mache, existiert die kleine Gaststätte noch und ich erfahre, was die Zeit den beiden noch brachte. Bis dahin lasse ich fünf Sterne hier!

Bewertung vom 10.04.2022
Bornholmer Flucht (MP3-Download)
Peters, Katharina

Bornholmer Flucht (MP3-Download)


gut

Deutsch-Dänische Verwicklungen

Eigentlich wollte Sarah Pirohl auf Bornholm zurückgezogen leben und ihr Dasein als ehemalige Polizistin vergessen. Doch bei ihrer Rückkehr aus Deutschland ist Frederik verschwunden. Alle Spuren deuten darauf hin, dass er ermordet wurde. Doch dann bekommt Sarah eine Nachricht …

Dass dies der dritte Band ist, fällt kaum ins Gewicht. Man hat nicht das Gefühl, wichtige Informationen würden fehlen. Dennoch wurde ich nicht warm mit den Protagonisten und auch nicht mit dem Fall an sich. Es ist, als würde nichts so wirklich zusammenpassen und selbst die Emotionen der Figuren, die doch an der einen oder anderen Stelle sehr stark sein und auf den Leser überspringen müssten, bleiben für mich flach.

Es ist deshalb schwer, Spannung zu empfinden. Mir fehlt der Bezug zu den Figuren. Ihre Motivationen, Handlungen und selbst die Wendungen sind für mich sehr oft enorm unlogisch. Sarah Pirohl stößt auf Erkenntnisse, die sie dann wieder verwirft. Die Situationen, die entstehen, entbehren für mich völlig dem, was einen Krimi ausmacht. Oftmals tritt die Story arg auf der Stelle oder fällt sogar zurück.

Möglicherweise sprechen mich die Themen einfach nicht an. Ich habe jedenfalls keinerlei Interesse, die ersten beiden Bände nachzuholen. Die Begeisterung über die Reihe kann ich leider nicht nachvollziehen und der Fall, die Figuren und die Ermittlung sind mir jetzt, direkt nach Beenden des Krimis, schon nicht mehr wirklich präsent. Da bleibt nicht viel hängen. Schade!

Mit viel gutem Willen gebe ich gerade noch drei Sterne für den Krimi zwischendurch, leichte Kost.

Bewertung vom 08.04.2022
Tod im Trödelladen (MP3-Download)
Grue, Anna

Tod im Trödelladen (MP3-Download)


sehr gut

Odsherred – gar nicht so verschlafen, wie es scheint!

Das ehrenamtliche Personal des örtlichen Trödelladens wird erschreckend stark dezimiert – doch die allesamt älteren Leute sterben nicht auf natürliche Art, da ist sich Anne-Mej Mortensen absolut sicher. Nur die Polizei will ihr das nicht glauben, und so beginnt die rüstige ältere Dame, einfach die Sache selbst in die Hand zu nehmen und auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei hat sie doch so schon so viel um die Ohren!

Es ist ein Cozy Crime in Reinkultur. Sehr gemütlich, sehr ruhig – aber das will nicht heißen, dass der Krimi nicht auch unterhaltsam ist! Es fehlt ihm auf gewisse Weise an Spannung, aber nicht an Unterhaltsamkeit. Man kann nicht unbedingt laut lachen, ist aber immer am Schmunzeln. In gewisser Weise ist die Story einfach nur absolut lebensnah und damit realistisch. Ja, irgendwie ist es im Leben genau so, wie in dieser Geschichte!

Ein wenig sind die „älteren Semester“ momentan gerade in bei Krimis, besonders bei Cozy Crime. Das finde ich auch sehr ansprechend und gefällt mir. Vor allem, weil hier noch dänischer Lebensflair einfließt und die Figuren recht schrullig und außergewöhnlich sind.

Es wird sehr viel von Anne-Maj und ihrem Leben erzählt. Da rückt der eigentliche Kriminalfall teilweise schon weit nach hinten. Da geht es um Diäten und Hundeerziehung, um Beziehungen zu Kindern und Enkeln, Familienessen und Gartenarbeit. Ganz schön viel für eine Vorruheständlerin! Doch am Ende gibt es tatsächlich eine Art Show-Down, der Schwung in das kleine, vermeintlich verschlafene Nest bringt! Sehr schön gemacht!

Mir wäre das alles dann für einen Einzelband ein wenig zu geruhsam und zu viel drum herum, aber da es der Auftakt einer Serie ist, sind all diese zusätzlichen „Baustellen“ schon relativ wichtig. Das Highlight des Jahres wird dies nicht, aber in besonders stressigen Zeiten, wenn man sich nur ein wenig berieseln lassen möchte und es nicht allzu nervenaufreibend sein soll, da passt es prima. Ich gebe vier Sterne.