Die einzige Geschichte - Barnes, Julian
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Bewertung von Stanzick aus Ober-Ramstadt

Julian Barnes, Die einzige Geschichte, Kiepenheuer & Witsch 2019, ISBN 978462-05154-4 Julian Barnes neues Buch „Die einzige Geschichte“ ist ein sensibler und kunstvoller …


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7 Kundenbewertungen

Julian Barnes kunstvoller Roman über eine unkonventionelle erste Liebe, die zur lebenslangen Herausforderung wird."Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage." Die erste Liebe hat lebenslange Konsequenzen, aber davon hat Paul im Alter von neunzehn keine Ahnung. Mit neunzehn ist er stolz, dass seine Liebe zur verheirateten, fast 30 Jahre älteren Susan den gesellschaftlichen Konventionen ins Gesicht spuckt. Er ist ganz sicher, in Susan die Frau fürs Leben gefunden zu haben, alles andere ist…mehr

Produktbeschreibung
Julian Barnes kunstvoller Roman über eine unkonventionelle erste Liebe, die zur lebenslangen Herausforderung wird."Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage."
Die erste Liebe hat lebenslange Konsequenzen, aber davon hat Paul im Alter von neunzehn keine Ahnung. Mit neunzehn ist er stolz, dass seine Liebe zur verheirateten, fast 30 Jahre älteren Susan den gesellschaftlichen Konventionen ins Gesicht spuckt. Er ist ganz sicher, in Susan die Frau fürs Leben gefunden zu haben, alles andere ist nebensächlich. Erst mit zunehmendem Alter wird Paul klar, dass die Anforderungen, die diese Liebe an ihn stellt, größer sind, als er es jemals für möglich gehalten hätte.
"Die einzige Geschichte" ist ein tief bewegender Roman über die Liebe. Nach "Der Lärm der Zeit" und "Vom Ende einer Geschichte" beweist Bestseller-Autor und Man Booker Prize-Träger Julian Barnes aufs Neue, dass er ein Meister im Ausloten menschlicher Abgründe ist.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: 14. Februar 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 135mm x 30mm
  • Gewicht: 427g
  • ISBN-13: 9783462051544
  • ISBN-10: 3462051547
  • Artikelnr.: 54468958
Autorenporträt
Julian Barnes, 1946 in Leicester geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen als Lexikograph, dann als Journalist. Von Barnes, der zahlreiche internationale Literaturpreise erhielt, liegt ein umfangreiches erzählerisches und essayistisches Werk vor, darunter »Flauberts Papagei«, »Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln« und »Lebensstufen«. Für seinen Roman »Vom Ende einer Geschichte« wurde er mit dem Man Booker Prize ausgezeichnet. Julian Barnes lebt in London.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Sandra Kegel lässt sich ein auf die Doppelhelix zweier ineinander verstrickter Leben, die Julian Barnes in seinem Roman entwirft. Zu lernen ist daraus für sie allerhand, wenn Barnes retrospektiv und aus doppelter Perspektive eine Liebesgeschichte erzählt, die in den sechziger Jahren beginnt und dann Stück für Stück an Leichtigkeit verliert. Wie die Frage, wohin wir gehen, mit der Frage, woher wir kommen, in Verbindung steht, gehört für sie dazu. Eine reizvolle Lektüre, so Kegel.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 17.03.2019

Es geschieht mit Herz und Kopf zugleich
Julian Barnes' "Die einzige Geschichte"

Als Mann von Mitte dreißig fand der spanische Schriftsteller Javier Marías, Jahrgang 1951, seinen Stil oder das, was man nach seinem Bestseller "Mein Herz so weiß" recht passend den "Marías-Sound" genannt hat. Er fand ihn mit einem kleinen Buch, das sein fünfter Roman war und bis heute sein kürzester geblieben ist: "Der Gefühlsmensch" (1986). Darin wird, wie der Autor im Nachwort schreibt, die Liebe des Helden zu einer verheirateten Frau nicht eigentlich erlebt, sondern aus einem gewissen Abstand imaginiert und erinnert, und das verändert den ganzen Roman. Statt der Schilderung einer Liebesgeschichte lesen wir von ihrer Nachbearbeitung und den Spuren ihrer Ablagerung im Kopf des Protagonisten. Dass es der Kopf ist, nicht das "Herz", ist in diesem Fall eine bewusste Einschränkung; denn der Stil des Ich-Erzählers, eines Operntenors, ist von solch analytischer Kälte, dass man am Ende nur noch Mitleid mit dem betrogenen Ehemann hat.

Auch in "Die einzige Geschichte", dem neuen, von Gertraude Krueger gewohnt klangvoll übersetzten Roman des Engländers Julian Barnes, wird die Liebe vor allem erinnert, gedeutet und im Bewusstsein des Helden nachbearbeitet, und um es sofort zu sagen: Es geschieht mit Herz und Kopf zugleich, obwohl man sich am Ende fragen könnte, was das heißen soll. So zum Beispiel klingt Paul Roberts, neunzehn Jahre alt, Einzelkind, solide Mittelklasse, zu Beginn seiner Liebesgeschichte: "Ich muss Ihnen von ihren Zähnen erzählen. Also, von zweien jedenfalls. Den oberen mittleren Schneidezähnen. Sie nannte sie ihre ,Karnickelzähne', weil sie vielleicht einen Millimeter länger waren, als es dem exakten landesweiten Durchschnitt entsprach; aber dadurch waren sie für mich etwas ganz Besonderes. Ich tippte gern leicht mit dem Mittelfinger daran, um mich zu vergewissern, dass sie noch da und sicher aufgehoben waren, so wie sie auch."

Diese Schilderung steht im ersten von drei Teilen, die man mit Liebe, Verhängnis und Nachspiel überschreiben könnte. Nur dass dieses Liebespaar noch eine andere Besonderheit vorweisen kann: Susan Macleod, die Freundin des Neunzehnjährigen, der noch zu Hause wohnt, ist nicht nur verheiratet, sondern fast dreißig Jahre älter als er.

Julian Barnes macht nur ein Skandälchen daraus. Die beiden Liebenden, früher gemischtes Doppel, werden aus dem örtlichen Tennisklub ausgeschlossen. In einem Mix aus Prosaskizze und kokett ausgestellter Essayistik ("Die Zeit, der Ort, das soziale Milieu? Ich weiß nicht, ob das in Geschichten über die Liebe wichtig ist") huscht der Autor über diese ungewöhnliche Konstellation in einem bürgerlichen Londoner Vorort der sechziger Jahre hinweg, beschreibt kaum die Eltern des Jungen, erledigt auch sein sonstiges Umfeld mit ein paar Strichen ("Alle fanden meine Beziehung zu Susan ganz wunderbar"), und nur aus kleinen, sorgfältig plazierten Andeutungen auf das Kommende lässt sich schließen, dass da noch ein dickes Ende wartet. Teil eins ist clever, pointiert, manchmal etwas blutleer und - die Gefahr guter Essayisten - hin und wieder von gesuchter Witzigkeit.

Die Heldin ergibt unterdessen bestenfalls ein unscharfes Foto. Außer von Susans mittleren Schneidezähnen und ihrem weißen Tennisdress "mit grüner Borte und einer Reihe grüner Knöpfe vorne am Oberteil" erfahren wir über die Frau nämlich so gut wie nichts. Und nicht etwa, weil sie sexuell ahnungslos wäre - was sie in gut britischer Manier der Jahrhundertmitte nun einmal ist, fast so sehr wie ihr junger Freund. Sie wird einfach nicht lebendig, geschweige denn erinnerungswürdig. Komisch, hat sich zumindest dieser Leser gesagt, was für langweilige Leute sich die Liebe so aussucht.

Natürlich steckt bei einem Literaten wie Julian Barnes Kalkül dahinter. Das macht es bei der Lektüre des ersten Teils aber nicht besser, weil auch Paul eine ziemlich graue Nummer ist. Soll ich ihm wirklich glauben, dass er sich nicht daran erinnert, wie der einzige Kurzurlaub mit der Geliebten an einem englischen Badeort verlaufen ist, dass er vergessen haben will, ob sie sich eine Wohnung genommen haben oder ein Hotel? Was ist denn das für ein Typ? Ein Automat ohne Augen? Susan hat immerhin einen saufenden Ehemann, der sie schlägt, und zwei unangenehme Töchter, also eine Art vorzeigbares episches Schicksal. Das merkt man sich. Dennoch. Gutes Erzählen sieht anders aus.

Ich will nicht vorgeben, ich sei nicht gewarnt gewesen. Barnes sagt es ja in den allerersten Sätzen des Romans: "Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage." Mit anderen Worten: Dies wird die Auseinandersetzung eines Erzählers mit sich selbst, der hinter ihm liegenden Liebe und der eigenen Erinnerung. Ein alter Mann schaut auf den jungen Mann zurück, der er war, um zu verstehen, wie alles kam - ob es so kommen musste oder ob es nicht auch andere Wege gegeben hätte.

Die eigentlichen Stärken von Julian Barnes zeigen sich im zweiten Teil des Romans, dann nämlich, wenn die Handlung im Wesentlichen erledigt ist und er sich darauf konzentrieren kann, worauf es ihm ankommt: über seine Figuren nachzudenken. Pensamiento literario hat der Spanier Javier Marías das einmal genannt, literarisches Denken - eine Reflexion, die sich nicht trocken in Gang setzen lässt, weil sie dann Philosophie, Ethik oder Ratgeberprosa wäre, sondern die sich erst durch eine Spielhandlung, gleichsam eine Versuchsanordnung in der Fiktion, auf Betriebstemperatur bringt. Und jetzt, wo über die "Geschichte" eigentlich schon das meiste gesagt ist, nähert sich der sichtlich reifer gewordene Ich-Erzähler der Zeit, als seine Freundin im Alkohol versank.

Hier gelingt Julian Barnes das wohl größte Kunststück des Romans: seinen Helden zu einer permanenten, nicht abschließbaren Selbstbefragung zu treiben, ohne dass es jemals muffelig, verheult oder zynisch klingen würde. Seine Freundin Susan - ein Missbrauchsopfer ihres fürchterlichen Mannes, aber auch ein Spielball ihrer banalen Umstände - entgleitet dem Erzähler, versackt im Suff, wird unerreichbar, und Barnes findet dafür einen großartigen Stil. Er wechselt von der Ich- in die Du-Perspektive, er holt den Leser mit ins Boot, aber nicht aus Gründen der Selbstrechtfertigung, sondern weil er sich die Mechanismen der Menschenseele möglichst genau vor Augen führen will: wer die Trinkerin für sich selbst ist; wer die Trinkerin für ihren Partner ist; wie beide, die Trinkerin und ihr Partner, am Ende versagen, und zwar aneinander, miteinander und gegeneinander. Plötzlich wird Susans Missbrauchsvergangenheit eine Last, die auch ein verzweifelt Liebender nicht mehr tragen kann: "Du erkennst, dass sie, selbst wenn sie so ein freier Geist ist, wie du immer angenommen hast, auch ein beschädigter freier Geist ist. Du begreifst, dass dem ein Gefühl der Scham zugrunde liegt. Der persönlichen Scham und der gesellschaftlichen Scham."

Teil drei des Romans, der kürzeste, handelt vom Lebensrest, der schon mit dreißig beginnt, von einem noch gar nicht so alten Mann, der seine demente Freundin "abgegeben" hat und zu erschöpft ist, sich deswegen Vorwürfe zu machen. Sein "Herz": für immer verhärtet. Zu lernen ist nichts, weil jeder nur ein Leben hat. Eines würde ich Paul vorwerfen: dass er Susans künstlichen Vorderzähnen (weil ihr Mann ihr die "Karnickelzähne" ausgeschlagen hat) keinen Zauber mehr entlocken kann. So einer ist er nun einmal. Ein ziemlich durchschnittlicher Typ, kein Held. Wie so viele von uns. Manche Leser des Romans haben betont, der letzte Teil sei deprimierend, irgendwie zu viel, um sich danach wohl zu fühlen. Ich würde ihn furchtlos nennen.

PAUL INGENDAAY

Julian Barnes: "Die einzige Geschichte". Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten, 22 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 06.03.2019

Englisches
Schweigen
Die Liebe im Gestus tragischer Festlichkeit:
Julian Barnes’ Roman „Die einzige Geschichte“
VON ALEXANDER MENDEN
Paul ist in den Sechzigerjahren auf Semesterferien bei seinen Eltern im „Börsenmaklergürtel“ südlich Londons, einer gut situierten, Tory-wählenden Gegend. Um der Langeweile zu entrinnen, folgt er dem Vorschlag seiner Mutter, dem örtlichen Tennisclub beizutreten. Dort trifft er die Endvierzigerin Susan Macleod, die seine Doppelpartnerin und kurz darauf seine Geliebte wird. In dieser Ausgangssituation steckt das Potenzial für eine Sozialsatire, oder für eine Geschichte vom Erwachsenwerden, die den jungen Erzähler mithilfe einer erfahrenen älteren Frau zum Mann reifen lässt. Aber Julian Barnes wäre nicht Julian Barnes, wenn er es dem Protagonisten seines jüngsten Romans, dem Leser oder sich selbst derart leicht machen würde.
Mit neunzehn weiß Paul, „dass die Liebe unvergänglich ist, dass die Zeit ihr nichts anhaben und kein Schatten sie trüben kann“. Der ältere Paul jedoch, der auf seine erste und tiefste Liebesbeziehung zurückschaut, weiß mittlerweile, dass alles viel komplizierter ist. Er weiß aber auch, dass nur die naive Kompromisslosigkeit, mit der sein jüngeres Selbst einst in die Beziehung mit der Jahrzehnte älteren, verheirateten Susan eintrat und an ihr festhielt, sie zu der lebensbestimmenden Geschichte machte, die er nun erzählt. Es ist, wie der Titel von Barnes jüngstem Roman versichert, „Die einzige Geschichte“, die es sich für Paul zu erzählen lohnt. Paul ist einer jener Barnes’schen gealterten Mittelschichtmänner, die mit unterschiedlichen Graden der Verbitterung eine Existenz resümieren, die so viel mehr zu versprechen schien, als sie letztlich zu halten in der Lage war. Christopher, der sich in „Metroland“, Barnes Debütroman von 1980, in einer mittelprächtigen Ehe einrichtet, war so ein Mann, ebenso wie Tony, der Ich-Erzähler mit dem unzuverlässigen Gedächtnis in Barnes’ Booker-Preis-Gewinner „Vom Ende einer Geschichte“ (2011). Doch wo Tony sorglos war (und sorglos mit seinen Erinnerungen umging), ist Paul jetzt nur unbesorgt. Den Unterschied zwischen beiden Haltungen (im Original: „careless“ und „carefree“) zieht er ausdrücklich selbst. Diese Unbesorgtheit lässt ihn nie daran zweifeln, dass er mit Susan zusammen sein muss. Begleitende Faktoren sind die eigene „Schwanzvitalität“, an die der gealterte Erzähler geradezu bewundernd zurückdenkt, sowie der Mangel an erotischen Vergleichsgrößen.
Susan ist zwar älter, aber wenig erfahrener als Paul. Ihr Mann Gordon, der als groteske, rülpsende und Frühlingszwiebeln kauende Figur beschrieben wird, war als Ehekandidat zweite Wahl – der, den sie eigentlich heiraten wollte, starb früh. Paul ist, sehr zum Missfallen seiner Eltern, regelmäßig bei Susan zu Besuch, die Dynamik zwischen ihm, ihrem Mann und ihren beiden Töchtern ist verklemmt. Doch Pauls Sorge, er könne den anderen Menschen in ihrem Leben etwas von dem nach seiner Vorstellung begrenzten Vorrat an Liebe wegnehmen, vertreibt Susan leichthin: „Liebe ist dehnbar. Da wird nichts verwässert. Sie fügt hinzu. Sie nimmt nichts weg.“
Dass die Liaison mit einer weit älteren Frau eine Provokation darstellt, nimmt Paul nicht nur in Kauf, er zieht eine jugendliche Befriedigung daraus. Bei einem Treffen in der Cafeteria der Royal Festival Hall vertreibt er zum Beispiel eine Frau, die sich ungefragt mit an den Tisch setzt, und „die meine Beziehung zu Susan garantiert missbilligen würde“, indem er laut um Susans Hand anhält. „Sie wird rot, hält sich die Ohren zu und beißt sich auf die Unterlippe. Ein Knall, ein Stoß, ein Stampfen, und der Eindringling nimmt die Tasse und marschiert zu einem anderen Tisch.“
Aber natürlich leiden andere doch, wenn zwei Menschen einander in derart beharrlichem, exklusivem Dauerflirt verfallen. Susan zieht mit Paul nach London, nachdem ihr Mann ihr im Suff aus Eifersucht zwei Zähne ausgeschlagen hat. Das könnte das Ende sein – eine Zäsur, welche die Möglichkeit eines glücklichen Zusammenlebens weitab jedes Konventionsdrucks zumindest offenlässt. Doch Paul erzählt mit der Draufsicht aufs Ganze, und so vollzieht er – einhergehend mit einer veränderten, distanzierenden Erzählperspektive, erst in der zweiten, dann der dritten Person – den langsamen Verfall Susans und seiner Beziehung zu ihr nach: Susan trinkt, wird paranoid, ihre fröhliche Ironie wirkt immer mehr wie ein Schutzwall.
Grundproblem der zerfallenden Verbindung sei, konstatiert Paul selbst, dass beiden die Fähigkeit und das Vokabular fehlten, über sie zu sprechen. Aber es herrscht auch, was Barnes als „englisches Schweigen“ bezeichnet – „ein Schweigen, bei dem beide Seiten die unausgesprochenen Worte sehr wohl verstehen“. Dass er dieses Verständnis voraussetzt, statt es zu erforschen, ist womöglich Pauls größter Fehler. „Die Liebe an sich war in der Regel einfach nur Liebe“ beteuert Paul, vor allem sich selber, „selbst wenn sie manche Leute zu einem Verhalten trieb, das den Verdacht nahelegte, dass es da keine Liebe mehr gab und vielleicht nie gegeben hatte.“ Diese Erkenntnis wird sein gesamtes weiteres Leben überschatten – ein Leben, das unerforscht bleibt, unerfüllt, und das in säuerlicher Tristesse mündet, weil er an seiner ersten bedeutenden Erfahrung festhält, die irgendwann „zu einem Gemisch aus Mitleid und Zorn geronnen“ ist.
Für diese Erkenntnis ist er klarsichtig genug – zugleich aber unfähig, weiteren Erfahrungen Raum zu lassen. „Man hatte eine Pflicht gegenüber der Liebe“, konstatiert er, „umso mehr, als sie jetzt das wesentliche Glaubenssystem darstellte. Und die Liebe brachte viele Pflichten mit sich. Daher konnte die scheinbar so leichtgewichtige Liebe eine schwere Last und eine starke Fessel sein.“ So beschleicht einen das Gefühl, dass Pauls Geschichte vielleicht doch nicht die einzige ist, die es sich zu erzählen lohnte, sondern schlicht die einzige, die ihm zu erzählen bleibt.
„Liebe ist dehnbar. Da wird
nichts verwässert. Sie fügt hinzu,
sie nimmt nichts weg.“
 
 
 
 
 Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Roman. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 304 Seiten, 22 Euro.
Englisches Schweigen sei, wenn alle das Unausgesprochene sehr wohl verstehen: Julian Barnes.
Foto: ulf andersen / getty 
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