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Irgendwo zwischen Mexiko und Sibirien ... Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr 89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20 Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht. "Günter Grass ging beim gespannten Zuhören die Pfeife aus." - Frankfurter Allgemeine Zeitun…mehr

Produktbeschreibung

Irgendwo zwischen Mexiko und Sibirien ...

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr 89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.

"Günter Grass ging beim gespannten Zuhören die Pfeife aus." - Frankfurter Allgemeine Zeitung
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • Seitenzahl: 432
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 425 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 139mm x 36mm
  • Gewicht: 536g
  • ISBN-13: 9783498057862
  • ISBN-10: 3498057863
  • Best.Nr.: 33428446

Autorenporträt

1954 in Soswa (Ural) geboren,studierte Mathematik an der Humboldt-Universität und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik der Erde. Er war Autor beim DEFA-Studio für Dokumentarfilm, bevor er 1988aus der DDR in den Westen ging. Seit 1989 arbeitet er hauptberuflich fürs Theater und für den Rundfunk als Autor und Übersetzer; er unterrichtete zeitweise an der Berliner UdK. 2009 wurde Eugen Ruge für sein erstes Prosamanuskript In Zeiten des abnehmenden Lichts mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet.
Eugen Ruge

Rezensionen

Besprechung von 02.11.2011
Die Wahrheit erfinden
Nach dem Gewinn des Deutschen Buchpreises: Eugen Ruge liest im Frankfurter Literaturhaus

Er ist schon fast ein Frankfurter Gesicht. Zum fünften Mal innerhalb kurzer Zeit hat sich Eugen Ruge seinen hiesigen Lesern empfohlen. Zuerst war er im Literaturhaus bei der Lesung der Autoren dabei, die für den Deutschen Buchpreis nominiert waren, dann wurde ihm die Auszeichnung im Römer tatsächlich zugesprochen. Während der Buchmesse war er zur Eröffnung des von der Stadt veranstalteten Lesefests "Open Books" eingeladen, bei "Literatur im Römer" stellte er seinen preisgekrönten Roman ebenfalls vor. Nun ist er noch einmal im Literaturhaus aufgetreten. Im Gespräch mit Florian Balke, Redakteur dieser Zeitung, hatte er einen ganzen Abend für sich und seine Leser allein. Und er nutzte ihn, um dem Publikum im ausverkauften Großen Saal des Literaturhauses die Arbeit an seinem Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" zu erläutern. Detailliert entwickelten sich die Gesprächsrunden zwischen den Lesepassagen. Der "unauffällige Neuling", als den Hausherr Hauke Hückstädt zuvor die neue Tonanlage des Literaturhauses vorgestellt hatte, erhöhte die akustische Qualität.

Ruge empfahl sich zunächst als Tiefstapler. "Ein ganz normales Buch" nannte er seinen ersten Roman, den er mit 57 Jahren bei Rowohlt veröffentlicht hat und der mittlerweile in 250 000 gedruckten Exemplaren vorliegt. Es sei ihm weniger um die Kunst gegangen als um das, was e erzähle: die Geschichte einer Familie über vier Generationen in der DDR und der Nachwendezeit, zwischen 1952 und 2001. Auf eine Sprache, die sich zurücknehme, habe er ebenso großen Wert gelegt wie auf eine Konstruktion, die man nicht bemerke. Acht Minuten gönnte Ruge den kommunistischen Großeltern Wilhelm und Charlotte für ihre Rückreisevorbereitungen aus dem mexikanischen Exil in die DDR. Die Perspektive des Enkels Alexander dagegen erweiterte er auf 25 Leseminuten: Es ist in Teilen seine eigene, denn auch der 1954 östlich des Urals geborene Ruge kam als Kind mit seinen Eltern zurück in die DDR.

Man könne es halten wie Jeffrey Eugenides, der vor kurzem erklärte, anstelle autobiographischer Texte, in die sich ohnehin stets Erfindungen einschlichen, sei es für Schriftsteller ehrlicher, gleich Romane zu schreiben. Dem stimme er zu. "Man muss die Wahrheit erfinden." Nur wollte er "kindgemäße Antworten" nicht als Lügen verstanden wissen: Peu à peu habe ihm sein Vater, den er in der Figur des Kurt nachgezeichnet hat, von seiner sowjetischen Lagerhaft erzählt. Sein Roman setze in dem Jahr ein, in dem der Lagerbericht seines Vaters ende. Unter dem Titel "Gelobtes Land - Meine Jahre in Stalins Sowjetunion" wird er ihn im Januar bei Rowohlt neu herausgeben. Anderes aber, etwa den 90. Geburtstag des Großvaters, der im Roman eine bedeutende Rolle spielt, hat er komplett erfunden.

Und die mexikanische Rahmengeschichte? Sieben Minuten gehörten zuletzt Alexander, der nach einer Krebsdiagnose spontan nach Mexiko, in die rückwärtsgewandte Utopie der Großmutter, aufbricht und sich dort einen Hut kauft, um damit gegen seine ihm anerzogenen Prinzipien, ja gegen sein ganzes Leben zu verstoßen. In Zeiten abnehmender Utopien braucht sich hier niemand mehr zu opfern wie einst die Azteken, damit die blendende Sonne wiederkehrt, der sich die Großeltern zugewandt hatten.

CLAUDIA SCHÜLKE

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 04.11.2011
Die Johannisnacht
Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, das wusste schon Goethe. Eugen Ruge fasziniert diese Dualität. Sein Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ erzählt die eigene Familiengeschichte und die der untergehenden DDR.
Von Lothar Müller
Im Sozialismus leuchtete die Zukunft. Denn das Licht war mit dem Fortschritt verbunden. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit. Brüder zum Lichte empor“, sang die deutsche Arbeiterbewegung, und die russischen Futuristen riefen in ihren Bühnenspektakeln gar den Sieg über die Sonne aus. Der Roman, in dem Arthur Koestler 1940 mit dem Stalinismus abrechnete, hieß im englischen Original „Darkness at Noon“ und auf Deutsch: „Sonnenfinsternis“.
In einem der vielen Interviews, die Eugen Ruge zu absolvieren hatte, nachdem er mit seinem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ den Deutschen Buchpreis 2011 gewonnen hatte, wurde er gefragt, was das für ein Licht sei, das im Titel des Romans abnimmt. Nun, sagte er, es ist die Geschichte vom Verlöschen einer Ordnung, eines Landes, einer Idee. Dann aber fügte er hinzu: „Eigentlich aber ist die Zeit des abnehmenden Lichts jene Zeit im Jahr, an dem die Tage wieder kürzer werden, nach der Johannisnacht. Ich bin selbst am 24. Juni geboren, genau in der Johannisnacht. Die Tatsache, dass nach meinem Geburtstag die Tage kürzer werden, dass das Licht abnimmt, das hat mich immer beschäftigt.“
Jede Johannisnacht wandert über den Globus. Und überall ist ihr Licht anders. Man dar vermuten, dass nicht nur der Zeitpunkt, sondern auch der Ort seiner Geburt Eugen Ruge immer beschäftigt hat: Sosswa am nördlichen Ural, 24. Juni 1954. Dort waren seine Eltern interniert. Der Vater, Wolfgang Ruge, war als Jugendlicher, noch keine 16 Jahre alt, mit seiner kommunistischen Familie 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland in die Sowjetunion geflohen, hatte in Moskau Geschichte studiert und war mit seiner russischen Frau interniert worden, nachdem Deutschland im Sommer 1941 die Sowjetunion überfallen hatte.
Drei Jahre lang hat Eugen Ruge an seinem Roman geschrieben, 2009 hat er mit einem Auszug aus dem Manuskript den Alfred-Döblin-Preis gewonnen. Ein bekannter Schriftsteller war er da noch nicht, es war sein erster Roman. Bekannter war sein Vater, der 1956 nach Deutschland zurückgekehrt und ein renommierter Historiker in der DDR geworden war und 2006 gestorben ist. Dieser schrieb vor allem über seine Kindheitswelt, die Politik in der Weimarer Republik.  
Der Sohn, Eugen Ruge, hat Mathematik an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und kam danach ans geophysikalische Institut in Potsdam. Dort wurden Modelle für die Vorhersage von Erdbeben entwickelt, aber auch Risikoanalysen für geplante Kernkraftwerke. Mathematisch-statistische Unbedenklichkeitsbescheinigungen mochte Eugen Ruge nicht ausstellen. Als er 1986 das Institut verließ, war dies der erste Schritt zur Autorschaft. Er arbeitete unter anderem für die Defa-Dokumentarfilmstudios, ehe er 1988 die DDR verließ und fortan in der Bundesrepublik Theatertexte und Hörspiele schrieb, Dramen von Tschechow übersetzte. Zwanzig Jahre nach dem Ende der DDR ist er in seinem Roman in das Land, in dem er aufwuchs und erwachsen wurde, zurückgekehrt.  
Es ist der „Roman einer Familie“, aber seine Form ist nicht gemächlich-genealogisch. Er wandert über den Globus wie die Johannisnacht, über Mexiko, Moskau, Ostberlin und fünf Jahrzehnte hinweg, sieht seine Figuren aus der Distanz, holt sie nahe heran, spart die Komik des Zerfalls nicht aus. Wenn er schildert, wie am 1. Oktober 1989 der 90. Geburtstag des stalinistisch gestählten kommunistischen Großvaters gefeiert wird, während gleichzeitig der Enkel in den Westen geht, wird klar, dass hier jede Erdbebenprognose zu spät kommt.  
Ein Roman einer Familie, erzählt aus der Distanz ebenso wie aus der Nähe: nicht gemütlich, eher tragisch komisch.
Sonnenfinsternis in Berlin: In Eugen Ruges Erstlingswerk „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ geht es um das Verlöschen einer Ordnung. Fotos: P. Meißner, AFP
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Zwecklos, das ganze Personal hier aufzufächern, wie Angelika Overath es versucht. Eugen Ruge lässt einfach zu viele Figuren auftreten und wiederkehren, als dass es in eine Besprechung zu fassen wäre. Dass Ruges mehrere Generationen umfassende Familiensaga aus dem kommunistischen Deutschland eine eindrückliche Leseerfahrung ist, macht uns Overath vor allem klar, indem sie auf Ruges dramaturgisches Talent verweist, die Fähigkeit, Tempo, Schnitt und Pointe, Figuren und sichere Dialoge souverän zu handhaben, um dieses "Großprojekt" in den Griff zu kriegen. Am Ende, wenn Patriarchen und Systeme dahingegangen sind, hat Overath nicht nur eine spannende Chronik der Wende gelesen, sondern auch einen melancholischen Text über Vergänglichkeit, der jegliche Ideologie relativiert.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Ein pulsierendes, vibrierendes, aufregend lebendiges Werk von enormer gestalterischer Phantasie, außergewöhnlich mitfühlend und vor allem von scharfem und erhellendem Witz ... Es zeigt uns, dass aus den Trümmern des Ostblocks etwas erwachsen ist, das die Kraft hat zu überdauern: die Kunst dieses Buchs, das die Mauer eingerissen hat zwischen dem russischen Epos und dem großen amerikanischen Roman." (The New York Times)

"Die Bögen wie von Thomas Mann, aber sehr viel komischer." (Sunday Telegraph, London)

"Ein großes Buch." (Le Figaro, Paris)

"So gut, so komisch, so zupackend, so grausam wirklichkeitsnah ist Ruges politisch-unpolitischer, herzzerreißender Realismus, der Thomas Mann mit den Simpsons kurzschließt unter dem Zähnknirschen ganzer Generationen. Seine Aufrichtigkeit ist trügerisch sanft, noch das lauteste Gelächter ist durchdrungen von stiller Trauer - ein sehr lustiges, sehr ernsthaftes und außergewöhnliches Debüt." (Irish Times, Dublin)

"Ein einzigartiger und beschwörender Roman." (Boston Globe)

"Unprätentiös, präzise und glaubhaft, mit einem unverwechselbar subtilen Humor." (El País, Madrid)

"Eine grandiose Familienchronik." (De Morgen, Brüssel)

"Überragend." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Romanleser sind die besseren Menschen

Es sind nicht nur die Blockbuster, sondern auch die stilleren Bücher, über die man in diesem Herbst sprechen wird: Zehn literarische Gründe, sich schon jetzt auf die neuen Titel zu freuen.

Lesen verdirbt die Augen - und den Charakter. Bei Nichtlesern stehen Vielleser gern im Ruf, weltfremde Tagträumer zu sein, die in anderen Sphären schweben und im Leben darum nichts geregelt kriegen. Doch jetzt ist es endlich amtlich: Wer liest, hat nicht nur mehr vom Leben, sondern ist für dessen Zumutungen auch besser gewappnet. Der Psychologe Keith Oatley von der Universität Toronto hat in einer Studie mit Viellesern und Nichtlesern herausgefunden, dass Menschen, die regelmäßig Romane oder andere Werke der Fiktion lesen, kommunikativer und überdies erfreulich geübt darin sind, sich in andere hineinzuversetzen. Allerdings - und das hat der Professor möglicherweise nicht bedacht - bekräftigt seine Studie über die sozialisierende Wirkung der Fiktion auch die alte Kluft zwischen Männern und Frauen. Denn bekanntlich sind es vor allem Frauen, die Romane lesen, während Männer sich lieber an Sachbuch-Tatsachen halten. Also sind sie auch deutlich besser darin, sich in Männer hineinzuversetzen als umgekehrt.

Insofern (und obwohl uns noch keine vergleichbare Studie über die sozialisierende Wirkung des Schriftstellertums auf die Autoren überliefert ist) überrascht es nicht, dass einer der wundersamsten Romane der kommenden Saiso von einer Frau stammt und von einem Mann handelt. Sibylle Lewitscharoff entwirft in "Blumenberg" (erscheint am 10. September bei Suhrkamp) ein Bild des Philosophen auf der Höhe seines Ruhms. Und prompt erfahren die Wirklichkeiten, in denen wir lesen, eine Verdopplung: "Augen auf. Der Löwe war da." Es ist ein altmeisterlicher, etwas mitgenommen aussehender Löwe, der Hans Blumenberg erscheint und sich nicht nur wie bei Hieronymus in seinem Studierzimmer, sondern auch bei seinen Vorlesung im Hörsaal der Universität von Münster oder auf der Rückbank seines Autos breitmacht. Als geräuschloser, doch geruchsintensiver Begleiter ist er fortan zur Stelle und überträgt seine Aura auf den Denker. Für Blumenberg wie für den Leser wird der Löwe so zur "Traumgeburt von unbedingter Präsenz". Wie Lewitscharoff daraus einen Roman macht, der scheinbar disparate Teile zu einer unmittelbar einleuchtenden, eigensinnigen und beglückenden Einheit führt, Witz, Zartheit und Tragik in sich vereint und dazu das eigene erzählerische Handwerk lässig reflektiert, das zeigt die imponierende Pranke dieser Autorin.

Judith Schalansky hat derweil die Giraffe zum Wappentier ihrer Protagonistin, einer Biologielehrerin, erkoren. "Bildungsroman" hat die 1980 geborene Autorin ihr Buch "Der Hals der Giraffe" (10. September, Suhrkamp) untertitelt und ihm einen leinenen Einband verpasst. Von Verstaubtheit keine Spur: Inge Lohmark bringt den letzten noch vorhandenen Schülern in Vorpommern, einem Landstrich, den die Natur sich allmählich von den Menschen zurückerobert, die Gesetze der natürlichen Auslese bei: Wer sich nicht anpasst, bleibt auf der Strecke. Darum züchtet ihr Mann, der vor der Wende erfolgreich Kühe besamt hat, jetzt Strauße, darum ist ihre Tochter vor Jahren nach Amerika gegangen, und darum macht das Gymnasium in der Kleinstadt demnächst zu. Außerhalb des Klassenzimmers muss Inge Lohmark dann allerdings feststellen, dass sich die Gesetze der Natur auch gegen den wenden können, der sie am besten zu verstehen glaubt. Mit diesem beeindruckenden Roman stellt sich Judith Schalansky, die 2009 bereits mit ihrem "Atlas der abgelegenen Inseln" für Furore sorgte, an die Spitze der literarischen Evolution.

Zuvor aber steht die wohl mit der größten Spannung erwartete Neuerscheinung an: der neue Roman von Charlotte Roche. "Schoßgebete" (10. August, Piper) handelt von Verlust, Schuldgefühlen und dem Versuch einer sehr verletzten und sehr wütenden jungen Frau, nach einer Unfallkatastrophe wieder Kontrolle über ihr Leben zu erlangen - als Tochter, Frau und Mutter. Es ist eine ehrliche, differenzierte und packende Auseinandersetzung mit der Frage, was eine gute Ehe ausmacht, ob der Mensch in seinen Ängsten und Neurosen therapierbar ist und über die Zumutungen von Patchworkfamilien. "Schoßgebete" wird jene, die den Bestseller "Feuchtgebiete" als Schocker ablehnten, positiv überraschen und die Fans des früheren Buches nicht enttäuschen.

Bemerkenswert viele deutsche Romane dieses Herbstes blicken zurück auf die Geschichte, und viele tun dies aus der Perspektive der Provinz. 1982, just zur Zeit von Blumenbergs Löwen-Wunder, setzt das ehrgeizigste Debüt der neuen Saison ein: Jan Brandts "Gegen die Welt" (24. August, DuMont). Mehr als ein Jahrzehnt hat der 1974 geborene Autor an dem fast tausendseitigen Werk gearbeitet. Die Mühe war nicht umsonst: "Gegen die Welt" erzählt von einer westdeutschen Kindheit in Ostfriesland und von einer Jugendfreundschaft, die auf die Probe gestellt wird. Und weil Brandt für die zunächst abenteuerliche, dann immer ernstere Dorfgeschichte um den Drogeristensohn Daniel einen überzeugenden eigenen Ton gefunden hat, weitet sich der Roman vom Porträt einer bedrohlich engen Gemeinschaft zur Momentaufnahme des ganzen Landes.

Überragend und in seiner erzählerischen Ausgereiftheit als Debüt gar nicht zu erkennen ist "In Zeiten des abnehmenden Lichts" von Eugen Ruge (1. September, Rowohlt). Über drei Generationen hinweg verfolgt der Roman des Döblin-Preisträgers die Familiengeschichte der Powileits. Die junge DDR ist die Wahlheimat der Großeltern, die aus dem mexikanischen Exil kommen, und auch ihr Sohn, der zunächst nach Moskau geht und in ein sibirisches Arbeitslager gerät, hält noch an der politischen Utopie fest. Der Enkel aber hält es in der Kleinbürgerwelt der Eltern und Großeltern nicht mehr aus - doch der Frage, was eine Familie nach enttäuschtem Kommunismus, enttäuschter Liebe und Krankheit noch zusammenhält, entkommt er auch mit der Flucht in den Westen nicht. "In Zeiten des abnehmenden Lichts" gewährt eine faszinierende Innenansicht der DDR, stiller, intimer und sprachlich zurückhaltender als Uwe Tellkamp in seinem "Turm", aber nicht minder eindrucksvoll.

Der Österreicher Thomas Glavinic ist immer gut für Überraschungen. "Unterwegs im Namen des Herrn" (29. August, Hanser) ist die aberwitzige und bitterböse Reportage einer Pilgerfahrt ins bosnische Medjugorje. Schon die lange Busfahrt gerät für Glavinic und seinen Freund, den Fotografen Ingo, zur Leidensgeschichte, doch die organisierte Abzocke von Pilgertouristen, die sie am Ziel erwartet, erschüttert sie noch mehr als die skurrilen Mitreisenden. Als auch erhöhter Alkoholkonsum keine Erleuchtung bringt, brechen sie die unheilige Reise kurzentschlossen ab, nur um festzustellen, dass der Weg in den Luftraum Wiens einmal durch die Unterwelt führt. Glavinic, in großartiger "Das bin doch ich"-Bestform, schafft es, nicht etwa die Gläubigen, sondern vor allem sich selbst ad absurdum zu führen.

Die schönste Liebesgeschichte des Herbstes erzählt Michael Kumpfmüller in "Die Herrlichkeit des Lebens" (18. August, Kiepenheuer & Witsch). Sie beginnt im Juli 1923 am Ostseestrand und endet nur elf Monate später nahe Wien mit dem Tuberkulosetod des Mannes, aber dazwischen kommen uns Franz Kafka und die Köchin Dora Diamant ganz nah. Kumpfmüller erzählt von dieser Liebesbeziehung, der wohl glücklichsten und sicher befreitesten in Kafkas Leben, mit stiller Zartheit und Innigkeit und ohne einen falschen Ton. Die vermeintlich ungleichen Liebenden zeigt Kumpfmüller in ihrem jeweils eigenen, verwunderten und beglückten Blick auf den anderen als paritätisch.

Zwei widerwillige Juden und ein Goi, der nach einer antisemitisch motivierten Verbalattacke rasend gern einer von ihnen wäre, stehen im Mittelpunkt von "Die Finkler-Frage" (12. September, Deutsche Verlags-Anstalt), dem Bookerpreisgekürten Roman des hierzulande noch fast unbekannten Briten Howard Jacobson. Der Nichtjude, Nichtredakteur, Nichtfrauenheld und ewige Möchtegern Julian Treslove ist seit Schultagen befreundet mit Sam Finkler, der ihn indes als Autor beruflich und als Gründer der israelkritischen Initiative "ASHamed Jews" auch sozial dauernd in den Schatten stellt. Vervollständigt wird das Kleeblatt von Libor Sevcik, ihrer beider Lehrer. Dass die Freunde nicht nur, wie widerstrebend auch immer, Juden sind, sondern überdies kürzlich verwitwet, verschlimmert nur Julians Neid und Weltschmerz: Schließlich ist er geboren für die Rolle des Tragöden. Oszillierend zwischen Komik und Trauer, Selbstironie und Selbstoffenbarung und voller Sprachwitz, beweist Jacobson, dass sich Komik und Größe literarisch keineswegs ausschließen.

Ebenfalls bitterwitzig und extrem klug ist "Zu guter Letzt" (29. September, Piper), der fünfte und finale Band des englischen Meisterstilisten Edward St. Aubyn über sein Alter Ego Patrick Melrose, der von Geburt an zur Lebenskrise berufen ist. Man muss die Vorgänger - "Schöne Verhältnisse", "Schlechte Neuigkeiten", "Nette Aussichten" und "Muttermilch" - nicht gelesen haben, um die Ungeduld, mit der Patrick den Tod seiner Mutter Eleanor herbeigesehnt hat, zu verstehen. Aber als Eleanor ihren Sohn dann tatsächlich zum Waisen macht, ist die Erleichterung nicht so groß wie gedacht. Dafür ist die Schilderung ihrer Beerdigung und des Zehenspitzentanzes der Trauergemeinde um heikle Themen der Vergangenheit der Höhepunkt der Melrose-Saga, gespickt mit Metaphern für die Ewigkeit.

Und schließlich nimmt es sogar eine unbedingt zu erlesende Kostbarkeit noch mit Blumenbergs Löwen auf: "Der Hase mit den Bernsteinaugen" (29. August, Zsolnay) beschreibt die Suche des englischen Künstlers Edmund de Waal, eines Nachfahren der jüdischen Bankiersdynastie Ephrussi, nach seinen Wurzeln. Weniger ein Erinnerungs- denn ein Einfühlungsbuch, zeigt diese Spurenlese in der Geschichte einer sehr vermögenden Familie, dass in der eigenen Bescheidenheit zu jeder Zeit die größte Eleganz liegt. Angetrieben von dem Bedürfnis, den Weg jener Sammlung von 264 Netsuke zu rekonstruieren, die ihm ein Onkel hinterlassen hat, macht es sich de Waal zur Aufgabe, mit der Geschichte der japanischen Knubbelkunstwerke die der Gefühle zu erzählen, die sie durch die Zeit begleitet haben. Denn wie Objekte weitergegeben werden, hat mit Geschichtenerzählen zu tun: "Ich gebe dir das, weil ich dich liebe. Oder weil man es mir gegeben hat. Weil ich es an einem besonderen Ort gekauft habe. Weil du darauf achtgeben wirst. Weil es dein Leben komplizieren wird." Wie alles, worauf man sich einlässt, werden die lohnenden Bücher dieses Herbstes die Leben ihrer Leser komplizieren. Und ihnen die Welt und die Menschen darin zugänglicher machen.

FELICITAS VON LOVENBERG

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Ein einzigartiger und beschwörender Roman." -- Boston Globe

"Eine grandiose Familienchronik." -- De Morgen, Brüssel

"Unprätentiös, präzise und glaubhaft, mit einem unverwechselbar subtilen Humor." -- El País, Madrid

"Ein pulsierendes, vibrierendes, aufregend lebendiges Werk von enormer gestalterischer Phantasie, außergewöhnlich mitfühlend und vor allem von scharfem und erhellendem Witz ? Es zeigt uns, dass aus den Trümmern des Ostblocks etwas erwachsen ist, das die Kraft hat zu überdauern: die Kunst dieses Buchs, das die Mauer eingerissen hat zwischen dem russischen Epos und dem großen amerikanischen Roman." -- The New York Times

"So gut, so komisch, so zupackend, so grausam wirklichkeitsnah ist Ruges politisch-unpolitischer, herzzerreißender Realismus, der Thomas Mann mit den Simpsons kurzschließt unter dem Zähnknirschen ganzer Generationen. Seine Aufrichtigkeit ist trügerisch sanft, noch das lauteste Gelächter ist durchdrungen von stiller Trauer - ein sehr lustiges, sehr ernsthaftes und außergewöhnliches Debüt." -- Irish Times, Dublin

"Ein großes Buch." -- Le Figaro, Paris

"Die Bögen wie von Thomas Mann, aber sehr viel komischer." -- Sunday Telegraph, London

"Überragend." -- Frankfurter Allgemeine Zeitung