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Das Lebensgefühl einer rebellischen Generation am Ende der DDR
Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf - damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte und die Ausweiskontrollen durch die "Flics" auf der "Rue", die Konzerte im FDJ-Jugendklub "X. Weltfestspiele" oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie, den sie "Kiste" nennen, weil er so dick ist, mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter.
Sie sind die Letzten, die noch "vormilitärischen Unterricht" haben. Und sie sind die Ersten,
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Produktbeschreibung
Das Lebensgefühl einer rebellischen Generation am Ende der DDR

Sie sind der letzte Jahrgang, der noch alles mitmachen darf - damals in Dresden vom Sommer vor der Wende bis zur Wiedervereinigung: die lauen Freibadnächte und die Ausweiskontrollen durch die "Flics" auf der "Rue", die Konzerte im FDJ-Jugendklub "X. Weltfestspiele" oder in der Kirche vom Plattenbaugebiet, wo ein Hippie, den sie "Kiste" nennen, weil er so dick ist, mit wachsamem Blick Suppe kocht für die Punks und ihre Pfarrerstöchter.

Sie sind die Letzten, die noch "vormilitärischen Unterricht" haben. Und sie sind die Ersten, die das dort Erlernte dann im Herbst 89 erst gegen die Staatsmacht anwenden. Und schließlich gegeneinander. Denn was bleibt dir denn, wenn du zum Fall der Mauer beiträgst, aber am nächsten Tag trotzdem eine Mathe-Arbeit schreiben musst, wenn deine Freundin eine gläubige Kommunistin ist und die Kumpels aus dem Freibad zu Neonazis werden?

Von der Unschuld des letzten Sommers im "Tal der Ahnungslosen" bis zu den Straßenschlachten rund um die deutsche Einheit: Peter Richter beschreibt in seinem autobiografischen Roman das chaotische Ende der DDR aus der Sicht eines damals Sechzehnjährigen - pointiert, authentisch und sprachlich brillant. Coming of Age im Schatten von Weltgeschichte.

  • Produktdetails
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
  • Seitenzahl: 411
  • 2015
  • Ausstattung/Bilder: 2015. 416 S. 215 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 146mm x 42mm
  • Gewicht: 658g
  • ISBN-13: 9783630874623
  • ISBN-10: 3630874622
  • Artikelnr.: 41831815
Autorenporträt
Peter Richter wurde 1973 in Dresden geboren. Er studierte Kunstgeschichte in Hamburg und Madrid und arbeitet als Redakteur im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Peter Richter lebt in Berlin.
Rezensionen
"Ich habe lange keinen Roman mehr gelesen, der mir so viel über die Wirklichkeit mitgeteilt hat, in der ich lebe, wie "89/90" von Peter Richter."

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Mit merklicher Begeisterung bespricht Wolfgang Engler, der Rektor der Berliner Schauspielschule Ernst Busch, zwei Bücher mit "schnappschussartigen Rückblenden" in die Zeit der DDR und der Wende, die sich nur notdürftig als Roman kaschieren, nämlich Peter Richters "89/90" und André Herzbergs "Alle Nähe fern". Diese Bücher haben viel Gemeinsames, und viel Trennendes, so Engler. Am besten man liest man sie nacheinander. Beide versuchen in der persönlichen Erinnerung den "Aberwitz des Geschehens" zu spiegeln. Für Richter, der jünger ist, ging's dabei lustiger zu, so der Rezensent. Für ihn war die chaotische Wende "die beste Zeit: Jetzt nur nicht überstürzt erwachsen werden". Ganz anders Herzberg, ein Spross streng kommunistischer Eltern, die ihren jüdischen Ursprung eher verdrängt zu haben scheinen: Für Herzberg ist die ebenfalls in Bruchstücken gereichte Erinnerung dagegen schmerzhaft. Er hatte sich an der DDR mit seiner Punkband Pankow gerieben und hat ihren Verlust dann kaum verkraftet. Der Rezensent ist so bewegt, dass er Herzberg am Ende wünscht , dass dieses Buch - das er wie Richters Pendant wärmstens empfiehlt - therapeutische Dienste geleistet haben möge.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 08.03.2015
Schule der Gewalt

Eben waren sie noch Freunde und stiegen nachts ins Dresdener Freibad ein, wenig später stehen sie sich mit Baseballschlägern gegenüber. Linke, Ausländer, Nazis. Peter Richter erzählt in seinem Roman "89/90" von den zwei Jahren, die Deutschland veränderten und bis heute prägen

Wann ist der perfekte Moment? Bemerkt man es, wenn er da ist? Ist er nicht immer schon gerade vorbei? Oder gibt es doch diese Minuten, diese Nächte, diese Sommer, in denen man weiß: Jetzt erlebe ich es. Das ist genau jetzt genau perfekt. Bitte, Zeit, bleib stehen. Oder, wie es in dem Buch, von dem hier die Rede sein soll, heißt: "Wenn jetzt das Leben enden müsste, dann von mir aus; besser konnte es gar nicht mehr werden."

Es ist der Sommer des Jahres 1989, der Erzähler in Peter Richters Roman "89/90" ist jede Nacht im Freibad in seiner Heimatstadt in Dresden. Mit ihm zusammen ist die ganze lebensgierige, lebensvorfreudige Jugend der Stadt hier. Natürlich nachts, da ist man besonders frei, und die Welt ist schwarz und unendlich. Keine Bademeister, keine Baderegeln, Leben ausprobieren am Pool der Möglichkeiten, freies Leben in einem unfreien Land. Aber die Zeit bleibt nicht stehen. Der Held wird älter, Möglichkeiten verfestigen sich, werden harte Wirklichkeit, und die Stadt Dresden und das ganze Land werden in diesem Herbst einen Moment erleben, den viele später als den perfekten Moment beschreiben werden. Andere hingegen - und davon erzählt dieses Buch - werden genau jene nationalen Glücksmomente als Albtraum erleben. Als den Beginn von etwas Dunklem, Gefährlichem, das lange nachwirkt, bis in unsere Zeit. Als die Geburtsstunde von Hass und Gewalt. Stunde der Entscheidungen, der Aufteilung der Romanhelden, der Menschen in rechts und links, Spaltung der Welt in Dazugehörende und Ausgestoßene, Opfer und Täter, Profiteure und Leidtragende.

Aber jetzt sind wir noch im Schwimmbad bei Nacht, inmitten der Gemeinschaft der fünfzehn-, sechzehnjährigen Unsinnsdenker und Frauenbeeindrucker. Alle wollen nur hier sein und jung und glücklich. Ist hier und jetzt, in diesem Moment schon alles Kommende angelegt? Musste die Zukunft werden, wie sie wurde? "Hätte man damals schon sagen können, wer dort eines Tages wem einen Baseballschläger über den Kopf hauen würde? Hätte man damals schon herumgehen können und sagen: Du, mein Freund, wirst mal den Drogen zum Opfer fallen, und du da wirst sie ihm verkaufen?" Nein, das konnte niemand sagen. Die Geschichte hätte noch eine ganz andere werden können, für das Land und für all die Schwimmbadfreunde hier. Alles ist offen, die Zukunft ist noch nicht da.

Peter Richter, 41, Kunsthistoriker, Journalist, früher mal Redakteur hier in diesem Feuilleton und seit einigen Jahren Kulturkorrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in New York, hat den Roman jener zwei deutschen Jahre geschrieben. Ein geschwisterliches Buch von Uwe Tellkamps "Der Turm" und Clemens Meyers "Als wir träumten". Mit Tellkamp, sieben Jahre älter als Richter, teilt er sich sogar einen der wesentlichen Schauplätze des Buches, das Dresdner Villenviertel Weißer Hirsch, Herkunftswelt der Protagonisten beider Bücher. Doch während Tellkamp in epischer Breite und kitschiger, umnebelter, kunstgewerblicher Pathossprache das untergehende Land in ein mystisches Märchenreich verwandelt, das blind und sehnsüchtig dem Ziel der nationalen Erlösung und Befreiung entgegentaumelt, schreibt Richter naturgemäß eher wie ein Journalist, ein kühler Berichterstatter, der staunend die Spaltung seiner Welt konstatiert. Da ist die Verwandtschaft mit Meyers "Als wir träumten" viel enger. Die Ziellosigkeit, die Gewalt, Freude an der Anarchie, der Grenzüberschreitung, das hat Meyer in seinem Leipziger Gangster-Roman vielleicht noch freier, poetischer, zügelloser aufgeschrieben. Aber Peter Richter will den verlorenen Seelen seines Buches gar nicht poetisch tief auf den Grund gehen. Er ist ein Berichterstatter. Er ist an Politik interessiert, an politischen Entscheidungen, an den Gründen für lebensverändernde Entscheidungen und an der Entstehung von Gewalt und Hass.

Es ist schön, wie er den letzten Sommer beschreibt, das Freibad, die Trümmer, auch das Wehrlager, das Neuntklässler der DDR alle mitmachen mussten, die ersten Spuren des Widerstands. "Das ist ja hier wie in der Hitlerjugend", sagt einer und bleibt unbestraft. Die Teilnahmslosigkeit der Massen bei der letzten 1.-Mai-Demonstration, der bleiche Modrow auf der Bühne, die gefälschten Kommunalwahlen, der Kreis radikaler Pazifisten, zu denen der Protagonist sich hingezogen fühlt, der sanfte Druck, den er verspürt, im Angesicht der bevorstehenden Frage, ob er wird Abitur machen dürfen und welche Zugeständnisse er dafür machen wird. Der einzige Klassenkamerad, dessen Eltern in der SED sind, wird jeden Tag verprügelt. Und die Tatsache der Parteizugehörigkeit der Eltern ist dafür nicht der geringste Grund. Der Optimismus der Eltern ist aufgebraucht. Richter beschreibt das anhand des Bücherregals der Eltern des Helden. Ungefähr zur Zeit der Geburt des Sohnes, 1973, endet die Zuversicht in den Titeln der hier aufgestellten Bücher.

Richter beschreibt all das liebevoll, melancholisch und genau. Er spricht von der "Gnade der gerade noch rechtzeitigen Geburt" und der Freude, all das miterleben zu dürfen, in dem Moment, in dem in all den Ritualen des Staates schon das Sterben zu spüren war. Er ist Teil der letzten Generation, die das Leben in diesem Staat wie ein Theaterstück, wie eine im Kern längst unwahr gewordene Farce zur Aufführung bringt, ein letztes Mal.

Dann leert sich das Land, leert sich die Stadt, viele Menschen kommen aus den Sommerferien nicht zurück, Wohnungen stehen leer, man kann einfach in eine von ihnen einziehen, und sei es nur für eine Nacht. Oft ist auch noch der Kühlschrank voll. Kurze Besuche in fremden Biographien, jeden Tag in einer anderen.

Dann gehen Menschen auf die Straße, rufen Parolen, sammeln Mut, proben Widerstand und staunen darüber, was möglich ist und erlaubt. Und spätestens jetzt, ab Oktober 1989, so Richter, "war zu spüren, dass es später einmal, wie beim 17. Juni, zwei Versionen der Geschichte geben würde, eine von mutigen Bürgern und eine vom neofaschistischen Mob". Und einer dieser Supersätze lautet dazu: "Erst war alles schwarz vor Menschen, und plötzlich war alles weiß vor Glatzen."

Von diesen Momenten der Plötzlichkeit schildert Richter einige. Momente der Entscheidung, in denen das Gleichgewicht der Kräfte auf einmal in die eine oder andere Richtung rutscht. Zentral für Dresden, zentral für die ganze politische Entwicklung des Landes ist in diesem Buch der 19. Dezember 1989, der erste Auftritt Helmut Kohls in Dresden. Die Stille davor und während der Rede, hunderttausend Menschen und kein Mucks, die ganze Erhabenheit der Situation, Gottesdienstatmosphäre. Plötzlich kräht einer: "Da kommt ein Roter", und meint damit den Erzähler, der sich selbst bislang als durchaus unpolitisch betrachtet hatte. Richter schreibt: "Sie hätten genauso gut schreien können: Da kommt ein Kinderschänder." Hass in den Gesichtern, wer stört da die nationale Feierstunde mit seinen langen Haaren und seiner ganzen Unfeierlichkeit? Aber die Menschen bleiben noch ruhig und konzentriert. Kohl redet irgendwas. Die Masse bleibt feierlich, aber letztlich unberührt. Bis zu diesem Satz am Ende der Rede: "Gott segne unser deutsches Vaterland. DAS war der Satz, den die Leute hören wollten, das war der Satz, bei dem die Hölle losbrach. Und das war der Satz, bei dem wir losrannten."

Jetzt geschieht: die andere Geschichte. Die bei der offiziellen Version der friedlichen Revolution meist nicht miterzählt wird. Jetzt werden Linke gejagt oder solche, die so aussehen. Jetzt werden Schwarze gejagt, Vietnamesen, Obdachlose, Hippies, Grufties. Es ist, als wäre ein Ventil geöffnet worden. Die zivilisatorischen Bleiwesten liegen für einen Moment etwas locker am Volkskörper, es ist die Stunde der Gewinner. Einige dieser Menschen, die sich jetzt als Sieger fühlen, wollen den Sieg noch etwas deutlicher spüren. Und am härtesten, am deutlichsten, glauben sie, spüren sie diesen Sieg mit den Mitteln der Gewalt. Ausländer klatschen, Fidschis jagen, Grufties die Haare anzünden. Plötzlich haben alle Baseballschläger, die Bälle dazu brauchen sie nicht.

Helmut Kohl wird später sagen, er habe in diesem Moment in Dresden gespürt, dass er von den Menschen hier den Auftrag erhalten habe, die Einheit des Landes zu erreichen. Richter stellt klar: keine Ahnung, wie er das gespürt hat. Von ihm habe er den Auftrag nicht bekommen. Er, beziehungsweise der Held seines Romans, rannte, und er hatte gute Gründe dazu.

Es folgt eine Geschichte der Gewalt. Bald schon können einige Bezirke der Stadt von Ausländern und Linken nicht mehr betreten werden, kurz darauf sogar die zentrale Fußgängerzone. Richter schildert das hart und genau. Es ist schade, und es ist ein Fehler, dass er das Buch einen Roman genannt hat, das er sich mitunter in die Fiktion flüchtet, dass man als Leser nie weiß, was ist so geschehen, was ist ausgedacht. Es hat etwas Verklemmtes und mitunter Unfreies im Erzählen. Richter hat phänomenalen Stoff, Stoff seines Lebens. Diesen ins Reich der Fiktion zu verschieben nimmt der Geschichte etwas von ihrer Kraft. Dass er sich, wohl um andererseits den dokumentarischen Charakter des Romans hervorzuheben, entschieden hat, seine Figuren nur mit Anfangsbuchstaben zu benennen, verstärkt die Irritation dabei noch, stört den Lesefluss und verhindert die Identifikation mit den Figuren. "Der große M", "die Kommunistin L." - wie schön wäre es, wenn sie einfach Namen hätten, und wie leicht wäre das gewesen.

Das schwächt dieses ansonsten so grandiose und erhellende und notwendige Buch. Ein Buch zwischen den Träumen. Das neben den unglaublichen Gewaltexzessen auch von der Schönheit Dresdens erzählt, dieser verwundeten Stadt, die seit dem Zweiten Weltkrieg vor allem von Menschen, die nicht hier wohnen, zu einer politischen Metapher stilisiert wurde und bald nach der Wende von Nazis aus dem Westen zu einer neuen "Hauptstadt der Bewegung" gemacht werden sollte.

Richters Held ist einer von denen, die die Zeit zwischen den Systemen gern für etwas anderes genutzt hätten. Für ein Land auf Probe, eine Dresdner Räterepublik vielleicht, eine Republik der Möglichkeiten. Er war sechzehn. Er fühlte sich wie ein Junge, der gern noch draußen spielen wollte, aber die Mutter hat ihn wieder viel zu früh reingerufen. Bei aller Angst, die der Held verspürt, all der eigenen Aggression auch, dem Willen, selber Nazis anzugreifen, bei all dem Widerwillen gegen die Gewalt gegen Schwache und Ausgegrenzte, lebt in diesem Buch auch eine Lust am Abenteuer. Es ist so eine kleine große Stadt. Die Kämpfer, die sich jetzt oft genug in einer Art Kriegszustand gegenüberstehen, Nazis die einen, Linke die anderen, Polizisten die Dritten, sie kennen sich ja alle aus dem Freibad. Sie sehen sich durchs Visier in die Augen. Manchmal müssen sie lachen. Manchmal schlagen sie zu.

Am Ende löst sich alles in den euphorischen, unpolitischen Neunzigern auf. Aber nichts löst sich wirklich auf, ohne Spuren zu hinterlassen. Man vergisst sie nur. Man sieht sie nicht. Man glaubt eben selbst irgendwann an die eine Version der Geschichte. Und plötzlich reibt sich ein ganzes Land verwundert die Augen, wenn, wie aus dem Nichts, eine Pegida-Bewegung der Angst und Fremdenfeindlichkeit entsteht. Und scheinbar, nach wenigen Monaten, wieder ins Nichts verschwindet. Doch es ist noch da, es bleibt, es ist der Grund, auf dem wir gehen. Manche Bücher, wie dieses hier, erinnern uns daran. Sie erzählen die andere Geschichte.

VOLKER WEIDERMANN

Peter Richter: "89/90". Roman. Luchterhand, 412 Seiten, 19,99 Euro

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