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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: leseratte
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Danksagungen: 12 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 6 Bewertungen
Bewertung vom 24.03.2015
89/90
Richter, Peter

89/90


ausgezeichnet

Literarisch erzählte Zeitgeschichte auf hohem Niveau

In 89/90 erzählt der jugendliche Ich-Erzähler die Wende, das knappe Jahr, in dem die DDR nicht mehr und das vereinigte Deutschland noch nicht existierten. Nicht nur dass die Pubertät, die erste Freundin, das Leben sowieso schon auf den Kopf stellt, plötzlich wird das ganze Land aus den Fugen gehoben.

Der Ich-Erzähler beschreibt im Rückblick diese turbulente Zeit, es geht um Politik, um Jugendkulturen, um Musik - um den Aufbruch in eine völlig unbekannte und vor allem unklare Zukunft. Stilistisch hat der Roman einiges zu bieten: Die Figuren werden mit Großbuchstaben abgekürzt, was zuerst verwirren scheint, sich aber sehr schnell als nicht störend herausstellt. Der Ich-Erzähler benutzt eine Sprache, die sich eng an die gesprochene Sprache anlehnt und er reflektiert die Sprache - seine eigene, die der anderen und die des Sozialismus. In Fußnoten, die ja für einen Roman relativ ungewöhnlich sind, werden Abkürzungen (GOL, FDJ, NVA, ABV, UaZ,...), Namen, Begriffe, ... erklärt. Aber hier stehen auch immer wieder Anmerkungen des Ich-Erzählers zu bestimmten Details, Kommentare und Hintergründe. Die Figurenrede wird ohne Anführungszeichen als direkte autonome Rede wiedergegeben. Der ganze Roman ist in zwei Bücher, diese jeweils in mehrere Teile und die Teile jeweils in mehrere Abschnitte unterteilt.

Peter Richter erzählt ein Stück Zeitgeschichte modern, unkonventionell und literarisch und stilistisch auf hohem Niveau. Ein Buch, dass so vielleicht nicht nur die Dabeigewesenen, sondern auch die nachkommenden Generationen mit Gewinn lesen.

Bewertung vom 19.03.2015
Annegret - die fremde Tochter
Seltmann, Lothar von

Annegret - die fremde Tochter


weniger gut

Rita Roll hat sich nun nach Jahrzehnten dazu entschlossen, mit ihrer Lebensgeschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Wenige Tage ist sie alt, da wird sie 1958 im evangelischen Kinderheim in der Güstrower Grünen Straße von der staatlichen Jugendfürsorge bei Diakonieschwestern abgegeben und zur Adoption freigegeben.

Dieses Buch wollte ich unbedingt lesen, weil es ein wichtiges Thema ist und bislang noch nicht sehr viel geschah, um es aufzuarbeiten. Den Autor Lothar von Seltmann kannte ich bereits, er ist mir aufgefallen, weil er bereits viele andere Lebensgeschichten gut zu Papier gebracht hat. In diesem vorliegenden Fall allerdings scheint der Autor seiner Protagonistin ziemlich auf den Leim gegangen zu sein. Während des Lesens wurde mir immer unwohler. Mein Bauchgefühl wehrte sich immer mehr gegen diese Geschichte.

Ich will versuchen dies an einem Beispiel festzumachen. Auf Seite 113 beispielsweise erklärt die Schülerin Annegret ihrem Lehrer: "Ich lese kein 'Neues Leben' und keine 'Junge Welt'." Als ehemaliger DDR-Bürger stocke ich da, weil mir die Zeitung 'Neues Leben' nichts sagt. Ein Blick ins Internet verrät mir dann, okay, die Zeitung gab es wirklich ... Logisch für die Lebensgeschichte wäre es allerdings gewesen, wenn Annegret gesagt hätte: "Ich lese kein 'Neues Deutschland" und keine 'Junge Welt'." Solcherlei Beispiele gibt es eine ganze Reihe, aber mein Bauchgefühl kann ich natürlich niemandem zum Vorwurf machen.

Was allerdings Kostkinderheime und das Clara Dieckhoff Haus in Güstrow angeht, da kann ich genau sagen was im Buch falsch wiedergegeben wird, habe ich mich doch intensiv mit der Geschichte des Hauses und des Vereins der Kostkinderheime beschäftigt. Mein Vertrauen in dieses Buch ist nach der Lektüre ziemlich erschüttert, ob die anderen Episoden der Annegret auch so an der Wahrheit vorbei beschrieben wurden?

Es folgen wirklich heftige Lügen:

So bezeichnet der Autor den Verein der Kostkinderheime in der DDR auf Seite 29 als "staatskonform". Ich möchte diese Zeilen im Buch nicht den noch lebenden ehemaligen Mitarbeitern in den Kostkinderheimen zumuten. Unter den schwierigen DDR-Bedingungen haben sie für wenig Geld viel Arbeitszeit und Liebe für ihre Schutzbefohlenen investiert.

Eine weitere Lüge:

Annegret geht im Juli 1975 ins Clara Dieckhoff Haus zurück, um etwas über ihre Eltern zu erfahren. Im Buch wird auf Seite 161 behauptet, dass die Chefin des Hauses eine "stramme Parteigenossin" gewesen sei. Da allerdings frage ich mich tatsächlich, warum müssen solche Lügen verbreitet werden?

Tatsächlich kamen Karin und Eckhard Sturz 1966 ins Clara Dieckhoff Haus, um es bis zur Wende zu leiten. Glücklicherweise ist Eckhard Sturz bereits 2011 verstorben. Er muss also diese Lügengeschichte über sein Haus nicht lesen. Noch heute findet man seine Bildbände über das Leben von Behinderten in der DDR. Seine Frau ist sprachlos über die Behauptung, dass ihre Einrichtung 1975 von einer "strammen Parteigenossin" geleitet wurde. Im Buch wird dann weiter behauptet, diese erfundene Leiterin hätte die zuständige Abteilung beim Rat der Stadt Güstrow sofort nach Annegrets Besuch informiert. Anhand solcher Lügen soll hier der DDR-Überwachungsstaat dargestellt werden, er war zwar einer, aber die Darstellung ist nicht immer so einfach.

Verlag & Autor sollten bei der nächsten Lebensgeschichte wenigstens die wichtigsten Geschichten durch Dritte prüfen lassen. Was das Clara Dieckhoff Haus betrifft wäre es eine Kleinigkeit gewesen, der Lüge auf die Spur zu kommen.

Dieses Buch verbreitet Unwahrheiten, dem eigentlichen Thema Zwangsadoptionen ist damit kein Dienst getan!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 22.05.2013
Alleine weinst du wütender
Mitchell, R. B.

Alleine weinst du wütender


sehr gut

"Alleine weinst du wütender" hebt sich bereits vom äußeren Erscheinungsbild her sehr positiv von anderen Titeln dieses Verlages ab. Ansprechendes Cover und solide Umschlaggestaltung lassen mich fragen, warum dies nicht öfter möglich ist.

Der bekannte amerikanische Finanzberater R. Mitchell beschreibt seine traumatische Kindheit bis zu dem Punkt, als er selbst eine Familie gründet und zum ersten Mal in seinem Leben ein eigenes zu Hause hat.

Bislang war er viele Jahre lang in einem Waisenhaus untergebracht. Sein Vater geriet ins direkte Visier von Mutter und Ehefrau, konnte dem seelischen Stress nicht standhalten und nach gescheitertem Selbstmordversuch, saß er den Rest seines Lebens in einer psychatrischen Einrichtung. Des Autors Mutter gab sich immer mehr dem Alkohol hin und wurde schnell von ihm abhängig. So wurde der kleine Robby ein Fall für das Waisenhaus.

Obwohl er immer mehr Fragen nachging wie "Was habe ich nur falsch gemacht?" oder "Warum mag mich niemand?" hatte er immer Menschen um sich die ihm von Jesus und Gottes Liebe erzählten. Seine langjährige Erzieherin Nola ist so ein Beispiel. Auch seine Großmutter Gigi, die er besuchen durfte, erzählte ihm von Gottes Liebe. Zu Anfang setzte Mitchell all diesen Erzählungen und Gebeten Fragen entgegen "Warum reden die alle von Gottes Liebe? Warum gehe ich dabei immer leer aus?"

Dieses Buch ist inhaltlich ein Meisterwerk. Es zeigt sehr gut Gottes wirken an uns Menschen. Jahrelang hat der Autor von Jesus und Gottes Liebe gehört, aber alles prasselte von ihm wieder ab. Doch plötzlich, als er zu Gott bewusst ja sagt, da erlebt R.B. Mitchell eine Wendung in seinem Leben...

Soweit meine Rezension zum Buch. Fragen habe ich allerdings zur Präsentation dieses Titels seitens des Verlages. Auf der Verlagsseite wird dem Leser der Eindruck vermittelt, dass es sich um eine Neuerscheinung handelt. Eine Aufzählung von Gründen für dieses Buch beginnt jeweils mit den Worten: "Endlich ein Buch ...". Nicht erwähnt wird, dass dieser Titel bereits im Oktober 2008 ein erstes Mal als "Kind der Hoffnung" veröffentlicht wurde. Fairer Umgang mit dem Leser sieht für mich anders aus. Lediglich im Kleingedruckten findet sich der Hinweis "Überarbeitete und gekürzte Ausgabe".

Bei mir als Leser wäre es viel besser angekommen, wenn der Verlag auf seiner Internetseite geschrieben hätte, aus Anlass des Besuches von R.B. Mitchell Ende Mai beim Willow Jugendplus-Kongress in Wetzlar haben wir uns zu einer zweiten Auflage seines erfolgreichen Buches entschlossen. Leider habe ich diesen Hinweis nicht gefunden.

Am Samstag, 1. Juni 2013 hat R.B. Mitchell seinen großen Auftritt in Wetzlar. Sicher wird dies ein sehr emotionaler Einstieg in den Kongress sein. In Zusammenarbeit mit dem Jugendplus-Kongress und dem Verlag SCM Hänssler hat der amerikanische Finanzberater den Förder-Wettbewerb „OPEN active“ initiiert, für den er 10.000 Euro Fördergeld zur Verfügung stellt. Mit dem Projekt möchte er Jugendliche in Deutschland in ihrem Engagement für Andere bestärken und christlich-soziale Projekte fördern. Daneben wird er aus seinem eigenen Leben berichten, das ein ermutigendes Beispiel für die Veränderung in einer fast ausweglosen Situation darstellt.

Unabhängig davon wie der Verlag seinen Titel präsentiert, ist er doch ein glaubwürdiges Zeugnis dafür, wie Gott auch heute Wunder tut!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.01.2012
Das Alphabethaus
Adler-Olsen, Jussi

Das Alphabethaus


ausgezeichnet

Aufarbeitung tut oft weh . . .

Im Breisgau spielt dieser Roman des heute bekannten dänischen Autors Jussi Adler - Olsen. Zwei britische Piloten und die kaputten Gestalten einer Nervenheilanstalt stehen im Mittelpunkt dieser Geschichte, die im Januar 1944 beginnt und deren Folgen menschlich zutiefst bewegende Kreise bis in die Gegenwart hinein zieht.

Etwas komisches, tragisch - komisches hat diese Geschichte schon. Da schlüpfen Deutschlands Befreier gegen Ende des Krieges in die Rolle geisteskranker Menschenwracks die gestern noch das Sagen hatten.

Alle zusammen landen im Alphabethaus. Sie erleben Schlimmes . . .

Das Grandiose, das Buch besitzt eine zweite Erzählebene. Anfang der 70er Jahre werden die Ereignisse im längst nicht mehr existierenden Alphabethaus weitergeschrieben . . .

Die beiden Piloten sind getrennt. Sie waren nicht einfach nur Soldaten, sie waren Freunde und so versuchte einer den anderen zu finden, jahrelang. Plötzlich beschließt Bryan im Sommer 1972 nach Deutschland zurückzukehren. Er beginnt nach seinem Freund zu suchen, aber was kann schon gefunden werden, nach so langer Zeit, welche Spuren hat das Alphabethaus hinterlassen, wurde es doch Anfang 1945 dem Erdboden gleich gemacht.

Was sich nun anschließt ist mehr als nur eine Spurensuche. Es ist die Sicht eines Nichtdeutschen auf ein Deutschland in den 70er Jahren und vor allem auf seine Fähigkeit der Aufarbeitung seiner grausamen Vergangenheit. Es ist aber auch die Geschichte einer Männerfreundschaft in vielen Facetten, über Jahrzehnte hinweg.

Ein literarisches Meisterwerk, dessen Geschichte mich nachdenklich macht, die Umsetzung allerdings ist meisterhaft!

Sehr zu empfehlen!

17 von 22 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 29.12.2011
Wintermärchen in Virgin River / Virgin River Bd.4
Carr, Robyn

Wintermärchen in Virgin River / Virgin River Bd.4


sehr gut

Nach überstandendem Vorwort der Autorin und dem Prolog, beginnt dann endlich das "Wintermärchen in Virgin River". Erfreulich, dass hier nicht Friede, Freude, Eierkuchen gespielt wird. Die Kombination von aktueller Politik, deren Auswirkungen und einem Schuß Liebe machen die Brisanz dieses unterhaltsamen Romans aus.

Marcie hat ihren Mann verloren, schwer verletzt kam er aus dem Irakkrieg zurück und verstarb an dieser Krankheit vor genau einem Jahr. Gerade in der Vorweihnachtszeit versucht Marcie den Mann zu finden, der ihrem Mann im Irak das Leben rettete. Ian allerdings hat sich in die Wildnis, in die Einsamkeit gerettet. Trotz Lebensrettermedaille macht er sich noch immer Vorwürfe, hat sogar seinen Militärdienst quitiert.

Dieses Buch ist viel mehr als nur eine Liebesschnulze. Die Autorin bringt Themen wie Liebe und Vergebung, aber auch Neuanfang mit der Kraft von Weihnachten auf den Punkt. Marcie findet Ian und ermöglicht ihm einen Neuanfang. Der Zeitraum der Aufarbeitung ist nicht einfach, aber er ist notwendig damit Neues entstehen kann.

Bei aller Schwere des Themas eine gelungene und lesenswerte Story!

Christian Döring, www.buecherveraendernleben.npage.eu

Bewertung vom 09.10.2008
Dem Tode nah
Barclay, Linwood

Dem Tode nah


gut

23. September 2008 - 12:47 - leseratte
glänzende Erzählweise neu
Derek, gerade erst 17 Jahre alt, erlebt eine grausige Geschichte. Die Familie seines Freundes, die im Nachbarhaus lebte, wollte ins lange Wochenende fahren. Derek freute sich heimlich auf eine sturmfreie Bude im Hause seines Freundes. Niemand ahnte etwas davon. Als die Nachbarn weggefahren waren und Derek sich bereits im Keller befand, hörte er plötzlich, dass sein Freund mit seinen Eltern zurückkam. Derek ist ziemlich erschrocken darüber, aber der Autor des Thrillers beginnt uns erst jetzt die wirkliche Geschichte seines spannenden Buches zu erzählen. Derek wird Zeuge wie Mörder ins Haus kommen und seinen Freund und dessen Familie ermordet. Die glänzende Erzählweise von Linwood Barclay lässt die Handlung jetzt so richtig in Fahrt kommen. Klar, zunächst wird Derek verdächtigt. Aber der Leser weiss es besser. Dereks Vater beginnt nach der Wahrheit zu suchen und wird dabei tief in die Vergangenheit seiner eigenen Frau eindringen.
leseratte aus Alt Ruppin